494 Viertes Buch. Die Entwickelung des volkswirtschaftlichen Lebens im ganzen. 1952 Wir haben in der Wert- und Preislehre (4 173 -174) gesehen, daß sittlich und rechtlich unerlaubter Machtgebrauch auf die Preise mannigfach einwirkt, daß diese Ein— flüsse aber auch zu bekämpfen sind und bekämpft werden. Die ganze moralische und rechtliche Ordnung des Geschäftslebens strebt dahin; teilweise dienen dazu auch genossen— schaftliche und staatliche Preisnormierungen, Taxen, Tarife u. s. w. Hieran anknüpfend haben wir ein Wort über die Einwirkung der Kartelle und Trusts zu sagen. Wir haben ihr Wesen (18 146) dargestellt, wir haben (I18 159, S. 49) die Wirksamkeit der amerikanischen Trusts (8 174, S. 122), deren Preispolitik erörtert. Kartelle und Trusts können natürlich, wenn sie von gewissenlosen Geldmachern beherrscht werden, die Krisen steigern, die Preisbewegung statt regelmäßiger zu machen, noch in extremere Bahnen führen. Sie können die Produktion zu monopolistischen Zwecken einschränken, auch wenn sie in der Haussezeit ausgedehnt zu werden verdiente; sie können in der Baisse, statt sie einzuschränken, versuchen, die Preise zu lange hoch zu halten. Kurz, ihre Politik ist, wie ich oben sagte, entweder segensreich oder unheilvoll, je nachdem die Leiter staatsmännisch und maßvoll oder kurzsichtig und habsüchtig sind. Auch in dem größten und bestgeleiteten deutschen Kartell, dem rheinisch-westfälischen Kohlensyndikat, hat die weitfichtige und maßvolle Leitung durch Kirdorf-Gelsenkirchen sich bei vielen Teilnehmern immer wieder starke Angriffe zugezogen; man verhöhnte diese Leitung als eine solche von „Mäßigkeitsaposteln“; sie mußte öfter der Majorität der „Geldmacher“ sich fügen. Daraus erhellt die Schwierigkeit guter Kartell- und Trustleitung. Aber sie ist möglich, und sie wird doch mehr und mehr wenigstens in den Ländern fiegen, deren Volkscharakter tüchtig, deren Geschäftswelt noch nicht ganz von Habsucht zerfressen ist; man wird die Geschäftsformen finden und durchsetzen, welche eine gute weitsichtige Leitung herbeiführen. Es liegt in der Natur der Sache, daß je höher eine leitende Stelle steht, sie desto mehr nicht bloß auf den Gewinn des Tages sehen kann, desto mehr neben dem eigenen Vorteil die Gesamtinteressen berücksichtigen wird. Würden die Kartelle bloß monopolistischen Gewinn verfolgen, wie ihre Ankläger behaupten, so wären sie vom UÜbel. Dann wäre es wahr, daß das isolierte Kartell zwar in seiner eigenen Sphäre und zu seinem Vorteil vielleicht Produktion und Preis richtig regulierte, aber dafür auf die übrige Geschäftswelt, auf den übrigen Markt um so schlimmer einwirkte. Immerhin scheint es doch, daß die besseren Trusi- und Kartell— leitungen etwas weiter blicken, und daß sie auch zu Verständigungen untereinander kommen. Gelingt dies, so werden sie noch mehr krisenmildernd wirken als jetzt. Daß unsere deutschen Kartelle 1893—1901 alle richtig gehandelt hätten, wollen wir damil gewiß nicht behaupten. Aber für ganz falsch halten wir den Vorwurf, daß sie die Krise verurfacht und verschärft hätten. Im Gegenteil, ohne das Kohlensyndikat wäre die Krise in Rheinland und Westfalen viel schlimmer geworden. Richtig bleibt, daß auch der Einfluß großer Kartelle und Kartellverbindungen nicht allmächtig Produktion und Preisfe regulieren kann; ihr Einfluß auf die Produktion hat enge Grenzen; der auf die Preise ist größer. Sie werden daher unter Umständen geneigt sein, lieber durch Preisregulierung als durch Produktionsregulierung sich zu bethätigen, auch wenn das letztere für die Gefamtheit richtiger wäre. All' das hindert nicht anzuerkennen, daß diese Organisation eine wichtige Verfassungsänderung der Volkswirtschaft, eine bedeutsame Einschränkung der freien Konkurrenz und ihrer ungünstigen Wirkungen darstellt, daß durch fie jeden— falls eine etwas größere, vielleicht schon heute eine sehr viel größere Gleichmäßigkeit in die Produktions- und Preisbewegung kommen kann. Auch wenn wir zuletzt fragen, was die Kommunal- und Staatsorgane in Bezug auf die Krisen und ihre Milderung respektive Bekämpfung thun können, so ist die Ant— wort eine ähnliche wie bezüglich der Kartelle. Man wird sagen müssen, es komme wesentlich darauf an, welche Kenntnisse, welche Fähigkeiten die maßgebenden Personen besitzen, in welchem Geiste die ganze Verwaliung gesührt werde. Man hat früher in Preußen bis in die vierziger Jahre ohne weiteres rasch und energisch eingegriffen, zu helfen gesucht. Man hat dabei oft gefehlt, oft auch das Richtige getroffen. Die merkantilistische Industriepolitik des 18. Jahrhunderts bat die Geschäftsausdehnung in