1115) Technische Geschichtseintellung. Morgan, Marx. 657 Man wird nicht leugnen können, daß dieses Schema des wirtschaftlichen Stufenganges gewisse große Züge der Entwickelung richtig erfaßt; aber andererseits sind manche andere Teile desselben, besonders die alteren schief oder falsch, wie wir in der Geschichte der Technik (18 76ff.) sahen, und das Schema stellt die Epochen neben einander, ohne die kausalen Fäden des inneren Zusammenhanges klarzulegen; zu schweigen davon, daß eine Reihe der wesentlichsten Unkerschiede wirtschaftlicher Cpochen und Zustände damit gar nicht erfaßt werden: so z. B. die Größe der wirtschaftlichen Körper, die ganze Ver— schiedenheit gesellschaftlicher Organisation der Wirtschaft auf den einzelnen Stufen und anderes mehr. d. Die Prähistoriker und Anthropologen haben neuerdings die Geschichte des technischen Fortschrittes nach dem Stoffe der Werkzeuge eingeteilt und so ein Slein-, Bronze- und Eisenzeitalter unterschieden, wie ähnlich ja schon' die Alten vier Zeitalter der Welt nach den Metallen unterschieden hatten. Was einst eine spielende Analogie, wurde jetzt zu einer technisch-historischen ernsten Theorie; aber sie war nirgends fähig, das Banze der Geschichte und ihre einzelnen Epochen zu erklären. In gewissem Sinne schloß sich 8L. H. Morgan an die Anthropologie und ihre technische Geschichte an. Er unter— scheidet die wilden, die barbarischen und die Kulturvoͤlker mit je drei Stufen: die Wilden aßen auf der Unterstufe rohe Früchte, kamen auf der Mittelstuse zur Fisch— nahrung und Feuernutzung, auf ihrer Oberstufe zur Töpferei; die Barbaren auf ihrer Unterstufe zur Tierzähmung, sowie zum Mais- aund Getreidebau, auf ihrer Mittelstufe zu den Bronze- und Eisenwerkzeugen und auf ihrer Oberstufe zur Erfindung des Alphabets und zur Schreibekunst; damit beginnen die Kulturvölker. Morgans großes Werk ist ein epochemachender Versuch, die Geschichte der älteren Technik im Zusammen— hang zu begreifen, aber er generalifiert, wie Ratzel gezeigt hat, viel zu sehr, übertreibt die grenzbildenden Kriterien seiner Einteilung. Er hat Bausleine zu einer Geschichte der Technik geliefert, wie Tylor, Lubbock, Lenormant, Hehn, Schrader, Ihering und andere. Aber einen ganz einheitlichen Zusammenhang hat er nicht in diese Reihen gebracht, aoch weniger die Folgen der Technik für die sociale Struktur der wirtschaftlichen Gesellschaft ganz klar erkannt; in dieser Beziehung überläßt er sich socialistischen Träumen von einem kommunistischen Anfang der Geschichte, zu welchem sie zurückkehren werde. — Wir haben oben versucht ((8 76—86), ein Bild der technischen Entwickelung zu geben, und für die Kulturraffen ein Zeitalter der Werkzeug- und der Maschinentechnik unter— schieden. Wir suchten zu zeigen, daß wohl in ganz großen Zügen die erheblichen Fort— schritte der Technik die Stufen des wirtschaftlichen Lebens abgrenzend und maßgebend bestimmen, daß aber jede große Thatsache der Technik (z. B. Ackerbau, Metallwerkzeuge, Maschinen) sich in einer langen Reihe kleiner Fortschritte mit recht verschiedenen Folgen vollzieht, daß die verschiedenen Teile der Technik (Kriegstechnik, Bau⸗, Schiffs-, Acker— bautechnik) oft ein recht verschiedenes Tempo des Fortschrittes zeigen. Bücher betonte, daß Völker die Beile aus Eisen machen, doch oft ohne Pflug und eiserne Pflugschar den Boden mit hölzernem Grabscheit bebauen. Wir wissen, daß Rasse, Moral, Religion, Sitte und Recht, Wohnsitz und Landesgröße auf analogen Stufen des technischen Könnens doch recht verschiedene Volkswirtschaften erzeugen. Wir sahen bei unserer Er— örterung (JS. 228) zuletzt, daß der Sprachgenius mit dem Begriff der Kulturvölker eine Klafsifikation vorgenommen hat, die mit Kultur im Sinne Herders, Burkhardts, Jodls, Gotheins ebenso eine gewisse Höhe der Technik wie der geistig-moralischen und der staatlichen Entwickelung (Humanität, persönliche Freiheit, Verfassung, Rechtsschutz) aus— drücken will. — Ahnlich verhält es sich ja auch mit den Morganschen Begriffen der „Wildheit“ und der „Barbarei“. e. Marx' Ableitung der Wirtschafts- und Soeialgeschichte aus den „materiellen Produktivkräften“ ist im ganzen ebenfalls eine technologische Konstruktion. Ursprünglich freilich ging er von der Hegelschen Dialektik aus: die wirtschaftliche Geschichte verläuft nach ihm in der Thesis: Arbeiter im Besitze der Produktionsmittel, der Antithesis: Arbeiter von den Produktionsmitteln getrennt, und der Synthefis: Arbeiter und Produktionsmittel auf — Schmoller, Grundriß der Volkswirtschaftslehre. II. 1.-6. Aufl. 42