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        <title>Das Sparen, sein Wesen und seine volkswirtschaftliche Wirkung</title>
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            <forname>Carl von</forname>
            <surname>Manteuffel</surname>
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83
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        Das Sparen,

sein Wesen und seine volkswirtschaftliche
Wirkung.

Inaugural-Dissertation

Zur

Erlangung der Doktorwürde

welche mit

Genehmigung einer Hohen Philosophischen Fakultät

der

Vereinigten Friedrichs-Universität Halle-Wittenberg

Sonnabend, den 3. März 1900, Vormittags 12 Uhr c. t.

zugleich mit den angehängten Thesen öffentlich vertheidigen wird

Carl Freiherr von, Manteuffel gen, Zöge.

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Opponenten:
Herr Privatdozent Dr. phil. et jur. Kaehler,
Herr F. Dochow, cand. phil.

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Hallea. 5
1900.
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Erstes Kapitel.

Der Sparbegriff und Sparen im allgemeinen.

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Einleitung. — Bedeutung des Sparens. — Bestimmung und Begrenzung des Sparregriffs.
 — Sparen im privatwirtschaftlichen und volkswirtschaftlichen Sinne. —
Verwendung der ersparten Güter.

Die Natur, reich an Schätzen und immer neue Früchte hervorbringend,
 biefet dem Menschen zur Befriedigung seiner Bedürfnisse
ihre Güter dar.
Diese Güter sind zwiefacher Art: solche, die ein für allemal
vorhanden sind, wie die Mineralien und der Boden mit seiner Fruchtbarkeit,
 und solche Güter, die, wie die Früchte des Feldes, periodisch
wiederkehrende Gaben der Natur darstellen,
Wenn der Mensch die ersteren Güter, die Quellen selbst, aus
denen die Gaben der Natur hervorgehen, in seinen Besitz nimmt. so
nennen wir sie von da an sein Vermögen.
Aber diese einmalige Okkupation ist nicht die einzige Entstehungsart
 des Vermögens. Dadurch, dafs der Mensch die jedesmaligen
Früchte, die ihm beständig aus diesem Vermögen oder aus der noch
nicht okkupierten Natur oder aus seiner Arbeit im Bunde mit der
äufseren Natur erwachsen, nicht ganz für seine Bedürfnisse verbraucht,
sondern aufhebt und ansammelt, läfst er ebenfalls!) Vermögen entstehen.
 Hier findet also eine indirekte Wertbildung statt, indem
diese bereits bestehenden Werte der Zerstörung entzogen werden.

*) Vergleiche W. Roscher „Grundlagen der Nationalökonomie“, Stuttgart
1897, $ 45, welcher ebenfalls die Entstehung des Vermögens auf diese beiden Vorzänge
 „Okkupation und Ersparnis“ zurückführt. Siehe auch A. Wagner: Grund-‚egung
 1879, S 289 Anm. 8.

Einleitung

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 und Spa
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autung des
3parens.

Diese letztere, unter das Kapitel der Konsumtion gehörende, auf einer
mehr passiven Thätigkeit des Menschen auf Einschränkung des Verörauchs,
 auf Nichtkonsum beruhende Art der Vermögensbildung
ı1ennen wir Sparen.
Diese Konsumbeschränkung drückt sich je nach der Art der
Süter, die in Frage kommen, in verschiedener Weise aus; bei vielen
Gütern, z. B. bei Efswaren, wird es sich um einen direkten Nichtkonsum
 eines Teils derselben handeln, bei anderen Gütern, z. B. bei
Kleidungsstücken, zeigt sich die Konsumbeschränkung in einer Verlängerung
 ihrer Gebrauchszeit, in einer Verlangsamung des Konsums,
Die Ersparnisse werden also, da sie aus Nichtkonsum entstehen, an
Genufsgütern gemacht, werden aber, da Genufsgüter schwer aufzubewahren
 sind, definitiv in anderer Form angesammelt. Die zuerst
arsparten Vorräte an Genulsmitteln bieten uns nämlich die Möglichkeit,
 für eine bestimmte Zeit, d. h. so lange diese Vorräte reichen,
an Stelle von Genufsgütern Güter von größerer Dauerhaftigkeit,
sowie Kapitalgüter zu produzieren: Oder — und dies ist der häufigere
Fall — überall dort, wo regelmäfsig gespart wird, wo sich also die
Konsumbeschränkung vorausberechnen läfst, wird von vornherein nur
so viel an Genufsgütern produziert, als zur Stillung des Bedarfs gerade
ausreicht, und die ersparten Kräfte und Materialien werden sofort
zur Produktion derjenigen Güter verwandt, in denen die Ersparnis anzelegt
 werden soll.?)
Unter diesen Gütern, in denen die ersparten Werte angelegt
werden, nehmen die Kapitalgüter die wichtigste Stelle ein.”) Dazu
bestimmt, die menschliche Arbeit zu erleichtern und fruchtbringender
zu gestalten, nehmen sie einen überwiegenden noch stets wachsenden
Anteil an der Produktion ein. Hierdurch und durch ihre Eigenschaft,
 sich selbst zu vermehren und so ins Unendliche zu wachsen,
bilden sie den wichtigsten Teil des Vermögens, und darin, daß die
ersparten Werte zumeist in Form von Kapitalgütern angesammelt
werden, liegt mithin die hauptsächlichste Bedeutung des Sparens.
Um uns diese Bedeutung des Sparens recht anschaulich zu machen,
brauchen wir nur einen Blick um uns zu werfen. In den meisten
Gütern, in der Fruchtbarkeit des Bodens, in unseren Strafsen, in den

1) Siehe Fr. Bastiat, Oeuvres completes. Paris 1860, Guilleaumie &amp;amp; Cie.
T. VI p. 443 bis 447.
2) Rodbertus bestreitet, dals Kapital durch Sparen und Ansammeln entsteht.
 Siehe Rodbertus-Jagetzow, Das Kapital. Bd. II, Ausgabe Wagner und
Kozak. Berlin 1884, S. 2831 bis 255. Siehe auch hier unten S. 9.
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        Werkzeugen und Maschinen und dadurch indirekt in fast jedem Produkte
 menschlicher Arbeit stecken Ersparnisse; einem sich durch
Jahrtausende hindurch erstreckenden Sparen vieler einzelner verdanken
 wir die meisten Kulturgüter, unsere heutige Civilisation. Wie
viele Generationen haben sparen müssen, um allein die Gütermengen
erübrigen zu können, die z, B. heutzutage eine einzige grofse Stadt
in ihren Mauern beherbergt.!‘) Einer der gröfßsten Vorteile, die der
Kulturmensch vor dem Wilden voraus hat, besteht in dem Erbe
dieser von früheren Jahrhunderten mühsam ersparten, uns überlieferten
Güter. Zu unseren Zeiten hat die Bedeutung des Sparens im Verhältnisse
 zu jeder anderen volkswirtschaftlichen Vermögensbildung
nur noch zugenommen. Die Okkupation von bisher unbesetzten oder
unerkannten Naturgütern mul naturgemäfs mit der Zeit immer
schwieriger und seltener werden, während die Vermögensbildung
durch Sparen nicht nur dadurch relativ an Bedeutung ?) gewinnt,
sondern mit der steigenden Kultur auch positiv an Ausdehnung zuzunehmen
 scheint, so dafs eine Frage nach dem Wesen des Sparens
im grofsen mit der bedeutenden volkswirtschaftlichen Frage zusammenfällt,
 wie entsteht das Vermögen und wie vor allem entsteht das
Kapital? Wenn wir hier auch den Sparbegriff so fassen, dals wir
nicht nur die Bildung von Kapital, sondern auch die Bildung von
Vermögen, schlechthin also auch das Anhäufen von nicht produktiven
 Werten: Wie es z. B. im Thesaurieren geschieht, als Sparen

’) A. J. Domela-Nieuwenhuis, Dr. phil.: „Das Sparen ein ökonomischer und
sozialer Grundsatz, Halle a. S. 1889.“ S, 38, (Wo im folgenden „Domela“ eitiert
ist, ist immer dieses Werk gemeint.)
*) Wenn man wie Carey (Principles of political economy, Philadelphia
1837, zu deutsch „Lehrbuch der Volkswirtschaft und Sozialwissenschaft“ von
CO, Adler, München 1866) unter Sparen „Anhäufen“ versteht, so kann man diesem
Vorgange, der dann einem unwirtschaftlichen Thesaurieren gleichkommt, natürlich
keine Bedeutung zumessen, Carey setzt „Sparen“ als das Ergebnis eines stagnierenden
 Zustandes, wo man Wasser in den Cisternen aufspart, der Industrieontwicklung,
 wo man eine Wasserleitung anlegt, entgegen und vergifst dabei
zanz, dafs eben solch eine Wasserleitung eine Kapitalanlage darstellt, die das
Resultat vorhergehender Ersparnisse ist. Carey denkt offenbar bei Sparen nur
an Vermögensbildung, nicht an Kapitalbildung. Domela, der diese Stelle abdruckt,
 führt als Ergänzung dazu aus, „dafs sparsame Völker, wie die Llren, die
Lappen, die Hindu in der Entwicklung zurückblieben“ (S, 65), Demgegenüber
oraucht man wohl nur auf das bekannt sparsame Holland oder das alte Preufsen
hinzuweisen, das wenigstens bis jetzt wohl keineswegs hinter weniger sparsamen
Völkern, wie den Polen, in der Entwicklung zurückgeblieben ist.
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        immung, d.
ırbegriffs.

bezeichnen, ’so liegt doch in der Kapitalbildung die hauptsächlichste
Bedeutung des Sparens.?)
Bevor wir nun auf die verschiedenen Arten des Sparens, auf die
Verwendung, welche die Ersparnisse finden u. s. w., eingehen, müssen
wir zunächst den Sparbegriff näher bestimmen.
Sparen heißt: durch Konsumbeschränkung einen Vermögenszuwachs
 schaffen. Jede durch Konsumbeschränkung
entstandene Vermögensbildung nennen wir Ersparnia
Zur Bestimmung des Sparbegriffs sind also stets zwei Momente
erforderlich: Vermögensbildung und Konsumbeschränkung. Nur wo
sich diese beiden Momente vereinigt finden, können wir von Sparen
reden; das Vorhandensein nur eines derselben rechtfertigt den Ausdruck
 „Sparen“ noch nicht.?) %)
Daß der Begriff der Vermögensbildung ein unentbehrlicher Bestandteil
 des Sparbegriffs ist, geht schon aus dem Sprachgebrauche
hervor. Jemand mag noch so sehr darben, seinen Konsum noch so
3ehr einschränken, so lange er dadurch keinen Überschufs erzielt, so
lange also keine Vermögensbildung stattfindet, wird seine Handlung
auch im Sprachgebrauche nie als Sparen bezeichnet werden,
Wie aber eine Konsumbeschränkung, die keine Vermögensbildung
zur Folge hat, nicht Sparen ist, so ist umgekehrt eine Vermögensbildung,
 die ohne Konsumbeschränkung zustande kommt, ebenfalls
keine Ersparnis. Wir müssen hier auf die oben bereits angedeutete
andere Form der Vermögensbildung zurückgreifen. Durch Anderungen
des Naturfaktors, durch klimatische Veränderungen z. B. kann die
Fruchtbarkeit und damit der Wert eines Bodens verdoppelt werden.
Die Entdeckung eines Bergwerks bedeutet wirtschaftlich die Schaffung

‘) Siehe Conrad, Grundrifs 1, Teil $ 10,
%) Ich habe hier eine Definition zu geben versucht, welche sowohl auf das
privatwirtschaftliche Sparen, wie auf das volkswirtschaftliche pafst. Wir kommen
im folgenden darauf zurück, dafs privatwirtschaftliche Ersparnis mit volkswirtschaftlicher
 nicht immer identisch ist und dafs letztera nicht nur anf ersterer
basiert.
3 Wagner weist in seiner Grundlegung (1829) 88 284 und 290 mit Recht
Jarauf hin, dafs zur Kapitalbildung nicht nur das Produzieren und Sparen, sonjern
 als drittes auch das Disponieren gehört. (Bereits Rau I $ 133 hatte dies
betont, „ein Kapital entsteht in der Volkswirtschaft, indem 1, neue Güter hervoryebracht,
 2. sodann von der Verzehrung für blofsen persönlichen Vorteil überspart
 und 8, auf hervorzubringende Arbeit angewendet werden“.) Bei blo[ser
Vermögensbildung kommt dieses Disponieren, soweit es nicht bereits im Begriffe
Jes Sparens selbst liegt, in Wegfall.
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        eines neuen Vermögens, eine Erfindung kann bisher unbenutzte Naturgüter
 für den Menschen brauchbar machen und dadurch ebenfalls
neue Werte schaffen, aber in jedem dieser 3 Fälle werden wir 8owohl
 wissenschaftlich wie auch nach dem Sprachgebrauche wohl von
einer Vermögensbildung, aber nicht von einer Ersparnis reden.
Rein privatwirtschaftlich gedacht liegt die Sache noch klarer;
es liegt uns durchaus fern, eine einmalige Vermögensübertragung aus
einer Hand in die andere (z. B. eine Erbschaft), die doch für den
ampfangenden Teil einen Vermögenszuwachs darstellt, eine Ersparnis zu
nennen. Überall also, wo es sich, sei es in der Privatwirtschaft, sei
es in der Volkswirtschaft um einen einmaligen, nicht aus einer
ungewöhnlichen Konsumbeschränkung resultierenden Wertzuwachs
handelt, kommt das Sparen nicht in Betracht. Es handelt sich beim
Sparen, und das müssen wir von vornherein festhalten, fast immer
um eine sich wiederholende, mehrmalige, regelmäfsige Vermögensbildung
 durch Konsumeinschränkung. Wir haben den „Begriff des
Allmählichen, Wiederholten nicht in die Definition des Sparbegriffs
hineingenommen, weil eine einmalige, durch aufßsergewöhnliche Beschränkung
 des Konsums geschaffene Vermögensbildung vorkommen
kann und dann immer Ersparnis genannt werden wird, aber sie wird
nie die Regel bilden. Das Moment der Konsumbeschränkung gehört
also untrennbar zum Sparbegriffe, Vermögensbildung und Ersparnis
sind insofern hicht identisch, dafs jede Ersparnis wohl eine Vermögensbildung,
 aber nicht jede, sondern nur eine aus Konsumbeschränkung
 hervorgehende Vermögensbildung eine Ersparnis ist. Ad.
Smith und seine Schule machen den grundlegenden Fehler, die Vermögens-
 und Kapitalbildung nur aufs Sparen zurückzuführen, dies
ist eine zu einseitige Auffassung der Vermögensbildung (efr. Adı
Smith, an inquiry into the wealth of nations 2. Buch — deutsch von
Dr. W., Löwenthal Berlin 1882 — 3. Kap.). Eine solche Verwechselung
zwischen. Vermögensbildung und Ersparnis liegt gewissermafsen nahe
und hat verschiedene Autoren, wie z. B. Lassalle zu falschen Folgerungen
 verleitet.
Ist somit der Begriff des Sparens eingeschränkt, so mufs hier
anderseits umsomehr betont werden, dafs es sich überall dort, wo
Vermögensbildung nicht durch einmalige Okkupation oder die anderen
oben angeführten Gründe eintritt, um eine Ersparnis handelt, wenn
das Moment der Konsumeinschränkung auch nicht klar hervortritt.
Wie bereits hervorgehoben wurde, ist die erste Ursache jeder Reichsumsbildung
 die Natur, die menschliche Arbeit und das schon vor-
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        6

handene Kapital; die Konsumbeschränkung, das Sparen, kommt erst
in zweiter Linie, ist aber trotzdem zur Vermögensschaffung unentbehrlich.
 Ad. Smith hat dies meines Erachtens sehr treffend in
folgenden Worten ausgedrückt: „Parsimony and not industry is the
immediate cause of the increase of capital. Industry indeed provides
the subject which parsimony accumulates. But whatever industry
might acquire, if parsimony did not save and store up, the capital
would never be the greater“.!) Diese Auffassung von Adam Smith
ist von jeher ein Angriffspunkt für verschiedene Autoren gewesen,
wobei entweder Adam Smith die Unterstellung gemacht wird, er hätte
die Vermögens- und Kapitalbildung nur aus Nichtkonsum entstehen
lassen, also die Mitwirkung der Natur und der menschlichen Arbeit
zur Entstehung des Vermögens überhaupt nicht beachtet, wobei denn
daran anschliefsend der billige Beweis geführt wird, dafs aus Nichtkonsum,
 also aus etwas Negativem, überhaupt nichts entstehen könne,
Adam Smith’s Lehre von der Entstehung des Vermögens also falsch
sei, oder aber man führt die Vermögens- und Kapitalentstehung allein
auf die menschliche Arbeit und den Naturfaktor zurück und legt
dann dem Sparen nur eine untergeordnete oder gar keine Bedeutung
bei. Man vergifst dabei den klaren Satz von Smith: „Was auch
der Fleifs erwerben möge, ohne die Sparsamkeit, welche es erspart
und ansammelt, würde es das Kapital nicht vermehren.“ Ich möchte
hier nur kurz Lauderdale, Lassale und Rodbertus anführen,
Lauderdale meint, dafs die „Akkumulation“ wohl ein Verfahren sei,
Reichtum von einem auf den anderen zu übertragen, aber kein Verfahren,
den Reichtum des Volkes zu vergrößern, „indem Reichtum nur durch dieselben
 Mittel vergröfsert werden kann, durch welche er erzeugt wird“,®)
er bekämpft also die Lehre, „dafs Sparsamkeit und nicht Fleils das Kapital
 d, h. den Reichtum vergröfsern,“ wobei er, wie wir sahen, Smith
völlig mifsverstanden hat, indem Smith durchaus klar hervorhebt,
„dafs die zu sparenden Güter zuerst vom menschlichen „Fleilse“ erschaffen
 sein müssen“, Lauderdale ist von Sartorius,®) Hufeland und
Malthus kritisiert worden. Hufeland sagt ganz mit Recht, dafs die
Sparsamkeit freilich „keine direkte Güterquelle aber eine sehr fruchtbare
 indirekte“ sei, ebenso führt Malthus, der sonst über die Erfolge

!) Ad. Smith, An inquiry into the wealth of nations book IT, Ch, III.
% Lauderdale (J. Maitlond Earl of): An inquiry into the origin and nature
of public wealth, S. 207 bis 209,
3) Georg Sartorius: Von der Sparsamkeit und der Vermehrung des Nationalreichtums
 durch sie.
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        des Sparens gar nicht mit Smith übereinstimmt, doch hierin ganz
im Smith’schen Sinne aus, dafs „keine bedeutende und dauernde Vermehrung
 des Reichtums ohne den Grad von Mäfsigkeit erfolgen könne,
welcher jährlich die Verwandlung von einigem Einkommen in Kapital
nach sich zieht und einen Überschufs des Erzeugten über das Verbrauchte
 herbeiführt.“ 1!) Bereits Justi hatte diesen Smithschen Gedanken
 dahin ausgedrückt, dafs auch, wenn wir „die wichtigsten Einkünfte
 hätten und wenn auch Gewerbe und Nahrungsmittel in dem
besten und glücklichsten Zustande wären,“ wir wollten aber „alle davon
 fallenden Nutzungen und Vorteile auch alle Jahre richtig wieder
verzehren, man unmöglich jemals Vermögen erwerben könnte.“ „Die
grofse Kunst, zu sparen, ist also in gewisser Betracht der einzige Weg,
anser Vermögen zu vermehren.“ ?) ®)
Sehr ähnlich wie Lauderdale geht Lassalle vor. Er sucht in
seiner Polemik gegen Schulze-Delitzsch *) nachzuweisen, „dafs die Entstehung
 der Kapitalien und zwar auch in Bezug auf ihre privatrechtliche
 Verteilung mit dem Sparen nicht das Geringste zu thun hat.“
Wenn er Schulze gegenüber betont, dafs Kapitalien auch auf andere
Weise entstehen könnten als durch Sparen, z. B. durch „die gesellschaftlichen
 Zusammenhänge,“ so berichtigt er damit die von Schulze
vertretene Smithsche Auffassung, der, wie wir sahen, Vermögensbildung
 durch Okkupation nicht berücksichtigt hatte, mit Recht.
Lassalle geht aber weiter, er sieht darin einen Gegensatz, dals Schulze
einmal „die positive Arbeit, das andere Mal das negative Nichtverzehren
 einer Sache als Quelle der Kapitalbildung“ gesetzt habe
Lassalle greift diese Ansicht so an, als ob sie von Schulze stammte,
während ein genaueres Lesen von Ad. Smith ihn davon hätte überzeugen
 müssen, dals diese selbe, im übrigen, wie wir sahen, durchaus
zutreffende Ansicht sich bereits bei Ad. Smith findet. Lassalle unterscheidet
 zwischen Gegenständen, die gespart werden könnten und
solchen, die nicht gespart werden können. Gespart können nur die

‘) Principles, S. 8 bis 9.
?) Johann Heinrich von Justi: Staatswirtschaft oder systematische Abhandlung
 aller ökenomischen und Kameralwissenschaften, die zur Regierung eines
Landes erforderlich sind. Bd. I 8.402 u. 403. Siehe auch Bergmann, Geschichte
der nationalökonomischen Krisentheorieen S. 32, 118, 121, 141 u. 28,
®) Ähnlich wie Lauderdale urteilt Storch in Cours d’economie politique ou
exposition des prinecipes qui determinent la prosperite, St, Petersburg 1815,
Bd. I S. 308.
4) Ferdinand Lassalle: Herr Bastiat-Schulze von Delitzsch. Berlin 1877.
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        Dinge werden, welche verzehrt werden können, wie „Getreide, Fleisch,
Wein und ähnliche Konsumtibilien“, In Gegensatz zu diesen setzt
er dann die „Arbeitsprodukte, in welchen der hauptsächliche Kapitalreichtum
 der heutigen Gesellschaft besteht, also z. B. die Dampfmaschinen
 und Bodenmeliorationen und die Häuser oder auch blofs
die durch die Arbeit gewonnenen Rohmaterialien aller Art, dazu die
Eisenstangen, die Erz- und Kupferklumpen, die Ziegel, die Steinblöcke
etc. etc.“ „Liefsen sich diese denn, einmal da, wieder verzehren und
also nicht sparen?“ Wenn diese Dinge „einmal da sind,“ so sind sie
ja eben schon erspart, dann können sie natürlich nicht noch einmäl
erspart werden. Die Frage liegt ja ganz anders, nämlich so: würden
diese Dinge „da sein“, wenn nicht gespart wäre, d. h. weniger Konsumtibilien
 verzehrt und an ihrer Stelle diese nun freilich „unverzehrbaren“
 Gegenstände ‘geschaffen worden wären? Lassalle fährt
fort: „Hier also (bei diesen Maschinen, Erzklumpen etc.) verbot sich
das Nichtgespartwerden von selbst und das Verdienst, das Sie den
Kapitalisten daraus machen und wofür Sie dieselben so bekränzen,
diese Dampfmaschinen, Bodenmeliorationen, Ziegel, Steinblöcke, Eisenstangen,
 Erz- und Kupferklumpen nicht aufgefressen zu haben, scheint
mir ziemlich mäfsig“. Lassalle macht sich in der That die Beweisführung
 sehr leicht, nachdem die Kapitalisten die ersparten Werte
einmal in diese Form gebracht haben, können sie sie natürlich
nicht mehr „verzehren“, der Akt des Sparens liegt eben früher in
dem Zeitpunkte, wo es den Kapitalisten noch frei stand, diesen
Werten eine beliebige Form zu geben. Dafs diese „Dinge“ nicht
vom Konsum zurückgehalten sind, ist klar, aber eben so klar, dafs
die Werte, die sie vorstellen, hätten konsumiert werden können.
Lassalle übersieht absichtlich, dafs es sich freilich nicht um dasselbe
Ding, wohl aber um denselben Wert handelt, der zuerst nicht verzehrt
 ist und später in diese Form unverzehrbarer Kapitalien verwandelt
 wurde, „Freilich. werden Sie einwerfen: aber die Besitzer
konnten doch alle diese Dinge verkaufen und den Erlös verjubeln!
Angenommen, Herr Schulze — aber welche Folge hätte dies für die
zesellschaftliche Kapitalbildung? Diese Kapitalien, die Dampfmaschinen
 und diese Bodenmeliorationen, diese Dachziegel und diese
Erzklumpen gehörten dann Peter statt Paul, was für die Gesellschaft,
für die Nation und das Vorhandensein des gesellschaftlichen Kapitals
ganz gleichgültig ist.“ Immerhin wäre mit diesem Einwande für
Schulze doch bewiesen, dafs, wenn auch keine volkswirtschaftliche, so
loch eine privatwirtschaftliche Ersparnis vorgelegen hatte, ja wenn
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        9]

wir uns „Peter“ als Ausländer denken, sogar eine nationale. Wenn
aber Lassalle ehrlich vorgegangen wäre, so hätte er Schulze einen
anderen Einwand machen lassen, nämlich den: die Besitzer konnten
doch von vornherein durch die Naturkräfte, die Arbeitskraft und die
Kapitalien, über die sie verfügten, Luxusartikel, also Konsumartikel
für sich anstatt der Maschinen, Erzklumpen etc. herstellen lassen, dafs
sie es nicht gethan haben, ist freilich kein persönliches Verdienst,
denn sie thaten es aus Egoismus; dadurch verliert dieses Faktum
aber keineswegs an Bedeutung für die Volkswirtschaft. Das Vorhandensein
 dieser „Ziegel“ etc. ist auch diesem Hergange, den wir
Sparen nennen, zu verdanken. Diese ganzen weiteren Ausführungen
Lassalles sind nun in ähnlicher, der Beweiskraft sehr ermangelnder
Weise zusammengestellt, was bei dem unvornehmen und frechen
Tone, in dem er Schulze-Delitzsch angreift, um so unangenehmer
berührt.

In viel sachlicherer Weise als Lassalle, aber auch im Gegensatz
zu Adam Smith, bestreitet auch Rodbertus, dafs aus Konsumeinschränkung
 Vermögen entstehen könne. Er führt das Beispiel eines „isoherten
 Wirtes“ ?) an und zeigt, wie das Vermögen desselben nicht durch
Sparen, sondern durch erhöhte Arbeitsleistung oder durch die Gunst der
Natur entsteht. Hier ist also die Enthaltsamkeit nicht die erste Ursache
 der Kapitalbildung, aber ist sie deswegen an derselben ganz unbeteiligt?
 Eine relative Enthaltsamkeit ist dabei doch auch hier nötig,
denn sonst hätte ja der isolierte Wirt seinen Konsum erhöhen und das
ihm durch seine intensivere Arbeit und die Gunst der Natur gebotene
Mehr ebenfalls verzehren können. Hätte nun Rodbertus Recht, so
gäbe es überhaupt keine Vermögensbildung durch Ersparnis, denn
schliefslich wird ja direkt durch Konsumbeschränkung überhaupt kein
Wert geschaffen, sondern derselbe mufs immer schon vorher
vorhanden sein; so kommt Rodbertus denn auch selbst zu dem
Schlusse, dafs es eine Kapitalbildung „durch Ansammeln“ überhaupt
nicht gäbe (siehe oben S, 2), Es wird dadurch aber absolut nichts
Neues bewiesen, da es jedermann von vornherein einleuchtet, dafs
Sparen nie die erste Ursache der Entstehung des Vermögens ist,
sondern die Werte nur indirekt schafft, indem es sie von der Zerstörung
 zurückhält. Nur in diesem Sinne hat Adam Smith das
Wort „Sparen“ gebraucht und nur in diesem Sinne soll es auch hier

4) Rodbertus-Jagetzow: Das Kapital (Ausgabe Wagner und Kozack, Berlin
884) Bd. II S. 231 bis 255.
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        verstanden werden. Von der Zerstörung zurückgehalten, „angesammelt“
mus aber jeder Wert werden, der Vermögen bilden soll, und in diesem
Sinne kann überall dort, wo sich Werte nicht durch einmalige Okkupation,
 sondern allmählich aus Einkommenssteigerung ansammeln, dies
nur durch Sparen geschehen sein.
Wir sehen also, dafs Ad. Smith hier vollständig im Rechte ist. Es
ist ebenso notwendig zur Vermögensbildung, dafs die Güter produziert,
wie weiterhin, dafs sie nicht konsumiert‘ werden. Ohne die Quelle der
Arbeit würde das volkswirtschaftliche Vermögensbassin an Gütern leer
bleiben, aber ohne den Damm des Sparens würde sich das Bassin ebensowenig
 füllen, da der Zuflufs der Quelle Arbeit durch den Abfluls der
Konsumtion dann ganz absorbiert werden würde. Der Streit, ob Arbeit
oder Sparen das Vermögen schaffen, läuft also auf einen reinen Wortstreit
hinaus. Der Begriff des Sparens läfst sich aus dem Begriffe der
Vermögensbildung nicht eliminieren, solange der Fleils des Sparsamen
und der gleiche Fleifs des Verschwenders auf die Vermögensbildung
durchaus verschieden wirken. Wenn Rodbertus oder Lassalle das
Kapital allein auf die Arbeit im Bunde mit der Natur zurückführen,
so ist dies eine schöne Phrase, denn ohne das Sparen würde der
gröfste Fleils auch nicht einen einzigen bleibenden Vermögensteil schaffen
— eine Phrase aber, die gefährlich wird, wenn wir daran Folgerungen
knüpfen und das Sparen, weil es nicht vermögenbildend sei, verwerfen
oder seine Bedeutung für die Kapitalbildung abzuschwächen suchen.
Das Sparen ist ebenso eine Wertquelle wie die Arbeit. Damit soll
nicht gesagt sein, dafs man nicht im einzelnen Falle bei der Vermögensbildung
 unterscheiden kann, ob von Seiten des Sparers mehr
Fleilßs oder mehr Sparsinn aufgewandt worden ist, ob z. B. eine ersparte
 Summe von 50 Mk. das Resultat von 300 minus 250 oder von
110 minus 60 gewesen ist, und wir mögen sehr wohl den Fleifs
moralisch höher bewerten und es z, B, lieber sehen, wenn die gleiche
Ersparnis mit mehr Fleils und weniger Sparsamkeit erreicht würde.
Auch ich bin im ganzen dieser Ansicht und möchte das hier, da ich
später nicht darauf zurückkommen kann, hervorheben, dafs ich in der
That den Fleifs in seinen moralischen Wirkungen höher schätze als
die Sparsamkeit, aber man mufs auch hier nicht zu weit gehen und
immer bedenken, dafs auch bei dem gröfsten Fleilse ein wenig Sparsamkeit
 immer dazu gehört, damit Vermögen entsteht. Das Sparen
ist also die letzte, aber eine direkte Ursache der Vermögensbildung. !)
1) Siehe Conrad, Grundrifs, 1. Teil 8 10: „Die Grundlage der Kapitalbildung
 ist das Produzieren von Produktionsmitteln statt von Genufsgütern und
        <pb n="14" />
        na 11 —

;) Hier müssen wir im Anschlusse an diese Definition des Spar- Eine Prod
begriffs zweierlei ergänzend ausführen. Erstens: Wenn durch zeit- rung. Shot
weilig erhöhte Ergiebigkeit des Produktionsfaktors Natur oder durch identisch
gröfsere und intensivere Leistungen des Faktors menschliche Arbeit
unsere Einnahmen gesteigert werden, so ist natürlich eine solche
Mehrung unseres Einkommens an sich noch nicht Sparen zu nennen,
da sie ja keineswegs immer zu einer Vermögensbildung zu führen
braucht; wo aber zweitens Einkommenssteigerung von Vermögensbildung
 gefolgt wird, da geschieht dies schliefslich doch nur durch
Nichtkonsum der mehr produzierten Güter, durch relative Konsumbeschränkung,
 indem wir ebensoviel, vielleicht mehr gebrauchen als
bisher, aber doch nicht das ganze Mehreinkommen aufzehren.
Wenden wir uns zuvor dem ersteren Punkte zu. Wenn durch
intensivere Anwendung menschlicher Arbeit das Produkt vermehrt,
wenn durch eine Erfindung die Produktivität dieser menschlichen
Arbeit, sowie die der Natur gesteigert wird, wenn durch zweckmä[sigere
Leitung des Produktionsprozesses, durch gröfsere Arbeitsteilung oder
eine neue Maschine mehr Güter wie bisher produziert werden, so ist
diese Vermehrung der periodisch produzierten Güter an sich noch
keine Ersparnis; erst dadurch, dafs wir dieses vermehrte Einkommen
nicht konsumieren sondern ansammeln, sparen wir, Freilich wird
eine Einkommenssteigerung oft einen Anstofls zum Sparen geben.
Dadurch, dafs die meisten Menschen ihren Konsum nicht sofort bei
Vermehrung ihres Einkommens steigern werden, wird eine solche für
sie indirekt oft ein Sparen bedeuten; eine Steigerung der Produktion
kann also, wenn die Menschen mit ihrem Konsum nicht gleichen
Schritt halten, zum Sparen führen, braucht aber keineswegs immer
dies Resultat zu haben, wie sie andrerseits ja überhaupt keine notwendige
 Vorbedingung des Sparens ist, da man nicht nur bei gleichbleibendem,
 sondern auch bei zurückgehendem Einkommen durch
noch weiter gehende Konsumbeschränkung Ersparnisse erzielen kann.
Die Produktion mag noch so viel Werte schaffen, zum Vermögen
werden sie erst dadurch, dafs sie nicht konsumiert werden, alle ersparten
 Werte sind nichtkonsumierte Werte; wenn also Domela das
Sparen sowohl auf Konsumbeschränkung wie auf Produktionsvermehrung
 zurückführt, !} so stellt er zwei sich folgende Stufen wirtlas

 Aufsparen der letzteren durch Beschränkung des Verbrauchs, um einen
Überschufs zu erzielen...“
1» Domela 8. 1.
        <pb n="15" />
        12

"echnisches
ıren ist ebenfalls
 kein
gentliches
Iyaren.

schaftlicher Entwickelung einander gleich, er erweckt den Anschein,
als ob er annähme, dafs es ersparte Güter gäbe, die nicht durch Konsumeinschränkung
 angesammelt wären, während wie wir sahen, ein
durch Mehrung der Produktion oder durch Steigerung der Produktivität
 entstandenes Mehreinkommen an sich keineswegs zu einer Vermögensbildung
 zu führen braucht, sondern nur durch Nichtkonsum
der mehr geschaffenen Güter , durch relative Konsumeinschränkung
in Vermögen verwandelt werden kann. Sparen hat an sich nichts
mit Produktion oder Produktionssteigerung zu thun, es gehört, wie
wir sahen, unter das Kapitel der Konsumtion.
Aus der obigen Definition des Sparbegriffs ergiebt es sich ferner,
dafs wir das technische Sparen nicht als eigentliches Sparen auffassen
dürfen. Ich spare im technischen Sinne dort, wo ich durch irgend
sine praktische Einrichtung denselben Genufs oder Zweck mit weniger
Aufwand als bisher erreiche, wenn ich z. B. mit demselben Ofen zwei
Zimmer auf einmal erwärme, zu deren Beheizung bisher zwei verschiedene
 Öfen erfordert wurden, oder wenn ich irgend einen unnützen
Verbrauch z. B. eine Lampe, die bisher unnütz brannte, abschaffe,
ich spare im technischen Sinne überall dort, wo ich durch praktische
Leitung des Produktionsprozesses, durch größere Arbeitsteilung oder
durch die Erfindung einer neuen Maschine Arbeitskräfte und Betriebsmaterialien
 spare. Es fällt sofort auf, dafs das Moment der Konsumbeschränkung
 beim technischen Sparen einen durchaus anderen Charakter
 trägt als beim eigentlichen Sparen. Wir haben bisher Konsumbeschränkung
 als Verzichtleistung auf einen Genufs angesehen, den
wir uns sonst gewährt hätten oder wenigstens uns zu gewähren die
Macht hatten. (Irgend ein noch unbefriedigtes Bedürfnis hat jeder
Mensch, sodafs Sparen immer eine Entsagung bedeutet.) Dieses
charakteristische physische Moment der Verzichtleistung kommt bei
der Konsumbeschränkung des technischen Sparens in Wegfall. Hier
handelt es sich um kein Verzichtleisten auf irgend welchen Genuls,
as wird hier nur gespart an Gütern, die überhaupt keinen Genufs
brachten, ja man kann hier überhaupt kaum von Konsumbeschränkung
reden, als nur der Mensch ein konsumtionsfähiges Subjekt im volkswirtschaftlichen
 Sinne ist und wir daher nur von menschlicher Konaumbeschränkung,
 nicht von der Konsumbeschränkung einer Maschine
oder einer Lampe reden können. Das technische Sparen entspringt
also nicht wie jedes andere Sparen aus Sparsamkeit, wie wir die
Fähigkeit freiwilligen Verzichtleistens nennen können, sondern ist im
Gegenteil wie jede Steigerung des Einkommens, wie jede Produk-
        <pb n="16" />
        73

tivitätesteigerung von Erfindungen, von der Intelligenz und dem praktischen
 Sinne eines Individuums oder eines Volkes abhängig. Der
Engländer z. B. ist für seinen praktischen Sinn berühmt, es ist bekannt,
 wie viel technische Ersparnisse gerade in England gemacht
werden und doch gilt der Engländer mit Recht als nicht sparsam. !)
Das technische Sparen ist überdies auch sonst gar nicht von dem
Vorgange einer solchen Produktivitätssteigerung zu scheiden und kann
auch stets als solche aufgefalst werden. Z. B. eine Erfindung ermöglicht
 es, mit 200 Zentnern Kohle fortan dieselbe Dampfkraft zu
erzielen, zu deren Hervorbringung bisher 300 Zentner erforderlich
waren. Diese Erfindung hat also eine Ersparnis bewirkt; indem nunmehr
 100 Zentner Kohlen gespart werden, es hat aber ebenso auch
eine Steigerung der Produktivität stattgefunden, indem nunmehr 300
Zentner Kohle das anderthalbfache Resultat von ehedem liefern.
Wenn eine Lampe durch praktischere Aufstellung dasselbe Licht
liefert wie bisher zwei Lampen, so kann man sagen, dals Öl gespart
wird, aber man kann ebenso gut sagen, dafs die Produktivität dieser
Lampe gesteigert worden ist, man kann also jede technische Ersparnis
als Produktivitätsmehrung, andererseits aber auch manche Steigerung
der Produktivität z. B. jede Erfindung, durch welche Arbeitskräfte und
Materialien gespart werden — und das geschieht bei den meisten
Erfindungen — als technische Ersparnis auffassen. Das technische
Sparen hat also mit dem, was wir sonst unter Sparen verstehen,
nichts gemein und pafst nicht unter den von uns definierten Sparbegriff,
 wir müssen es daher, ohne uns durch den Sprachgebrauch irre
machen zu lassen, aus dem Sparbegriffe und. somit aus dem Rahmen
lieser Untersuchung ausscheiden. ?)

N) Roscher: Grundlagen der Nationalökonomie, 22, Auflage, Stuttgart 1897.
S 222.
®) Ich habe bei diesem Punkte länger verweilt, weil klare Unterscheidung
hier besonders not thut. Domela hat z. B. den Unterschied zwischen Sparen
a. h. Vermögensbildung durch Konsumbeschränkung einerseits und einer durch
Produktivitätesteigerung oder durch technisches Sparen bewirkten Einkommensvermehrung
 andrerseits nicht erkannt, ein verhängnisvoller Fehler, der durch
seine ganze Arbeit hindurchgeht. Er sagt dort z. B. Seite 68: „Handelt es sich
nicht um den Gegenstand an sich, der akkumuliert wird, sondern um die Thätigkeit,
 dem Brauchbaren die grölstmögliche Wirksamkeit zu verschaffen, so liegt
8s auf der Hand, dafs der Sparsamkeit eine grölsere Bedeutung zuerkannt werden
mufs, als die Forscher zu thun vermögen, welche sie von der Intelligenz trennen
and mit der „Kargheit“ auf die gleiche Linie stellen.“ (Domela S. 68.) „Dem
Brauchbaren die gröfstmögliche Wirksamkeit zu verschaffen“ ist das. was wir
        <pb n="17" />
        u; 1 —

ee Wenn nun aber auch eine Produktivitätssteigerung oder ein tech-Tb
 Behver. aisches Ersparnis an sich ohne daraus folgende Vermögensbildung
Bensbidung Keine Ersparnis bedeutet, so ist doch, und hier kommen wir zu dem
„Ersparnis zweiten der oben angeführten Punkte, jede aus Einkommenssteigerung
resultierende Vermögensbildung eine Ersparnis zu nennen, wenn es
sich auch hier nicht um eine positive, sondern nur um eine relative
Konsumeinschränkung handelt, indem die Konsumenten nicht weniger
sondern vielleicht sogar mehr verbrauchen als bisher, aber dadurch,
dafs sie nicht das ganze Mehreinkommen aufzehren, einen Vermögenszuwachs
 schaffen. Man könnte theoretisch versucht sein, eine nur
aus Einkommensteigerung, also wie wir uns ausdrückten, durch relative
Konsumbeschränkung entstandene Vermögensbildung überhaupt nicht
als Ersparnis aufzufassen und nur die aus positiver Konsumbeschränkung
 hervorgegangenen Ersparnisse als solche gelten zu lassen. Eine
solche Unterscheidung würde aber praktisch kaum durchzuführen sein;
von wo an sollen wir von relativer Konsumbeschränkung reden, welche
Teile einer Vermögensbildung sind durch positive, welche durch
relative Einschränkung also indirekt durch Produktivitätssteigerung
antstanden?*) Wir wissen sehr wohl, dafs der eine sich ein Ver-Steigerung

 der Produktivität genannt haben, nach Domela ist dies mit Sparen
identisch, dafs man dadurch, dafs man „dem Brauchbaren die gröfstmögliche
Wirksamkeit verschafft“, zur das Einkommen vermehrt und an sich noch kein
Vermögen entstehen läfst, da man das Mehreinkommen ja für ein Mehr an Genüssen
 ausgeben könnte, ist Domela entgangen. Die weiteren Folgerungen Domelas
sind demgemäfs ebenfalls als unrichtig zu verwerfen, Sparen mufs natürlich mit
‚Kargheit“ d, h. Konsumbeschränkung „in eine Linie gestellt“ oder richtiger
yesagt, aus Konsumbeschränkung abgeleitet werden. Die Konsumbeschränkung
mag von dem Stande der Intelligenz beeinflufst werden, sie ist aber keineswegs
von. der Intelligenz allein abhängig. (Siehe Kap, II.) Hier lieflsen sich noch
viele andere Stellen aus Domela anführen, überall hat er technisches Sparen
oder Steigerung der Produktivität mit Sparen durch Konsumbeschränkung
zusammengeworfen, so spricht er S. 76 des breiteren über Arbeitsersparnis beim
Ackerbau und führt dann weitere Beispiele an über Ersparnisse in verschiedenen
[ndustriezweigen durch „Vereinfachungen maschineller Art“. S. 78 und S. 114
berichtet er dann über Ersparnisse an Metallgeld durch das Checksystem (Clearinghouse).
 Es ist klar, dafs es sich hier überall um technische Ersparnisse handelt,
Domela hätte zum mindesten auf den grundlegenden Unterschied zwischen ihnen
und Ersparnissen aus Konsumeinschränkung aufmerksam machen müssen, Siehe
auch S. 57 u. 58, wo Domela über Ersparnisse in der Baukunst und über solche
lurch Konservierung von Obst etc., sowie über die bessere Ausnutzung der Ernte
lurch Maschinen handelt.
1) Das hindert ja nicht, dafs wir zuweilen im speziellen Falle eine solche
Unterscheidung wohl machen können, z. B. läfst sich im ganzen wohl sagen,
        <pb n="18" />
        ar
au

mögen durch grofse Enthaltsamkeit ansammelt, während der andere
sich nicht eingeschränkt hat und das seinige nur seinem durch Fleifs
und Talent gesteigerten Einkommen verdankt. Hat letzterer aber
deswegen nicht gespart? Er hat freilich mehr ausgegeben als der
arstere, aber er hat eben doch nicht sein ganzes Einkommen ausgegeben,
 er war doch immerhin sparsamer als ein dritter, der vielleicht
Jasselbe grofßse Einkommen hatte, aber nichts zurücklegte. Es läfst
sich also auch hier keine Grenze zwischen positiver und relativer
Konsumbeschränkung ziehen, wir kommen also zu dem Schlusse, dafs
jede stattgehabte Vermögensbildung, die nicht auf einmaliger Okkupation
 (cf. oben) beruht, Sparen genannt werden mufs, gleichviel ob
es sich um positive oder relative Konsumeinschränkung handelt,
Ein Beispiel mag die hier in Betracht kommenden Fälle noch
einmal klarlegen.
1. Nicht jede Vermögensbildung ist auf Ersparnis zurückzu- X
führen.
Ein Fischer ist Besitzer eines kleinen Sees, von dessen Fischen
er seinen Lebensunterhalt bestreitet. Durch irgend ein unvorhergesehenes
 Naturereignis nimmt der Fischreichtum dieses Sees in
zgrofsen Proportionen zu, oder der Fischer entdeckt, dafs eine Art
Fische, die er bisher als unbrauchbar weggeworfen hat, efsbar seien,
jder aber er entdeckt eine ihm bisher unbekannte fischreiche Bucht
seines Sees; in allen diesen drei Fällen hat sowohl privatwirtschaftlich
wie volkswirtschaftlich eine Vermögensmehrung stattgefunden (der See
hat für ihn und für die Volkswirtschaft einen gröfseren Wert erlangt),
die wir aber nicht auf Sparen zurückführen können. Der Begriff
der Okkupation, des einmaligen Vermögenszuwachses tritt hier dentlich
 hervor.

Beispiele:

2, Konsumeinsckränkung an sich ist nicht mit Sparen identisch.
Der Fischer vermindert seinen bisherigen Konsum, er beschränkt
seinen Lebensunterhalt auf das allernotwendigste. Wenn seine EKinnahme
 nun in gleichem Mafse oder noch mehr zurückgeht, also durch
die Konsumeinschränkung kein Vermögen gebildet wird, so hat er
ebenfalls nicht gespart.

Jafs das englische Vermögen mehr durch Intelligenz, Fleils und Tüchtigkeit,
mehr durch Steigern der Produktivität, also durch relative Konsumbeschränkung
antstanden sei als durch positive Einschränkung des Verbrauchs, wie Defoe das
treffend. im folgenden Satze ausdrückt: „The English get states, the Dutch
save them.“ (D. Defoe: Giving alms no charity 1704.)
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        — 16 —

3 €
ativı
mbe
ng,
hen!
en!
Sr
N ne

3. Eine. Vermehrung der Produktion oder eine Produktivitätssteigerung
 bedeutet an sich noch keine Ersparnis.
Der Fischer arbeitet täglich eine Stunde länger oder er ersinnt
eine bessere Methode des Fischfangs, in beiden Fällen wird er mehr
Fische fangen, aber wenn er seinen Konsum gleichzeitig erweitert
and dieses Mehreinkommen an Fischen verzehrt, so hat er nicht
gespart,
4. Eine „technische“ HKrsparnis führt ebenfalls an sich keineswegs
 immer zu einer Vermögensbildung.
Der Fischer erfindet eine praktischere Art des Fischfangs, wodurch
 er Arbeitszeit und Betriebskosten spart, also am Schlusse ebenfalls
 mehr Fische übrig behält: hier liegt der Fall wie im vorigen
Beispiele,
5. Nur dort, wo eine Vermögensbildung durch Konsumeinschränkung
 stattfindet, können wir von Sparen reden.
Erst wenn der Fischer seinen bisherigen Konsum einschränkt,
weniger Fische ifst als bisher, die dadurch erübrigten Fische für den
kommenden Winter einsalzt, oder soviel Fische ansammelt ‚ dafs er
für mehrere Tage Vorrat an Nahrung hat und statt fischen zu gehen
zu Hause bleiben und ein neues besseres Netz knüpfen kann, erst dann
spart er. (Positive Konsumbeschränkung.)
6. Aber auch jede Vermögensbildung, die nicht aus vermindertem
Konsum, sondern direkt aus einer Einkommenssteigerung hervorgeht,
ist trotzdem als „Ersparnis“ zu bezeichnen, da eine relative Konsumbeschränkung
 immerhin stattgefunden hat.
Der Fischer schränkt seinen Verbrauch an Fischen nicht ein;
durch gröfseren Fleils oder durch günstige Umstände vermehrt sich die
Zahl der von ihm gefangenen Fische. Wenn nun der Fischer seinen
Verbrauch an Fischen nicht steigert, wenigstens nicht relativ, d. h.
seinen Konsum nur um einen Teil der mehrgefangenen Fische erhöht,
so hat er trotz der Erhöhung seines Konsums gespart, wiewohl also
keine positive sondern nur eine relative Konsumbeschränkung vorliegt,
rivatwirt- Die hier gegebene Definition des Sparbegriffes ist sowohl für
ıftliches u. % . . 4 4 &amp;amp; a AL
olkswirt- privatwirtschaftliches wie tür volkswirtschaftliches Sparen gültig. Es
Svaren. ist aber klar, dafs das Sparen, je nachdem, ob es sich in der Volkswirtschaft
 oder in der Privatwirtschaft vollzieht, ein durchaus verschiedenes
 ist, sodals wir, bevor wir zu anderem kommen, zuerst auf
Jiesen Unterschied eingehen müssen.
Was nennen wir nun privatwirtschaftliches Sparen? Wenn wir
ans an den Sprachgebrauch halten, so giebt es nur eine Antwort:
        <pb n="20" />
        Sparen im privatwirtschaftlichen Sinne heifst weniger ausgeben als
sinnehmen.!) Wenn wir einen Teil der uns täglich zum Gebrauche
zufallenden Güter nicht verzehren, sondern zu künftigem Gebrauche
beiseite legen, so nennen wir diese Handlung im privatwirtschaftlichen
Sinne Sparen. Am klarsten ist dies natürlich dort, wo die Ersparnis
in Geld angelegt wird, aber da wir heutzutage sowieso alle Güter in
Geld umzurechnen pflegen,?) so ist es dadurch überhaupt leicht, bei
ler. Privatwirtschaft festzustellen, ob ein Mehr an Werten angesammelt
worden ist. Ob wir diese Güter selbst produziert haben, ob sie uns
Jurch Zufall, durch Tausch, aus Renten oder aus Kapitalzinsen zugefallen
 sind, ist zur Bestimmung, ob privatwirtschaftlich eine Ersparnis
vorliegt, durchaus belanglos.
Aber nicht jede privatwirtschaftliche Ersparnis . ist zugleich eine
volkswirtschaftliche. Das Aufstapeln von Gütern, die aus einer reinen
fortgesetzten Vermögensübertragung herstammen, kann im privatwirtachaftlichen
 Sinne sehr wohl Sparen genannt werden, nicht aber im
rolkswirtschaftlichen, denn in der Volkswirtschaft hat ja hierdurch
eine Vermehrung der vorhandenen Gütermenge gar nicht stattgefunden.
Der Spieler, der seinen Gewinn nicht verzehrt sondern aufhäuft, spart
privatwirtschaftlich, indem er weniger ausgiebt als einnimmt, volkswirtschaftlich
 wird aber durch seine Thätigkeit kein Mehr an Gütern
zeschaffen, da seine Ersparnisse sich ja nur aus fremden Vermögensteilen
 zusammensetzen, sodafs dem Plus auf seiner Seite das Minus
auf Seiten derer, die an ihn verloren haben, gegenübersteht, ®)

1) Siehe Lexis, Die volkswirtschaftliche Konsumtion (in Schönbergs Handbuch
 der politischen Ökonomie, Tübingen 1896) 8 18: „Wer dagegen in seiner
Wirtschaft einen Überflufs am Jahresende erzielt, ist sparsam zu nennen, wenn
auch die Summe seiner Ausgaben an sich sehr grofs sein und einen bedeutenden
Luxusaufwand mit umfassen mag.‘“
? Die Merkantilisten hielten nur die in Geld angelegten Ersparnisse für
solche, Broggia: „Trattato delle monete, considerate n6 rapporti di legittima
:iduzione di eirculazione e di deposito 1743,“ Sammlung Custodi, Milano 1801;
ebenso Serra: „Breve trattato della cause che possono far abbondare li regni
d’oro e d’argenti, dove non sono miniere“, Sammlung Custodi; ferner Galiani:
„Delle monete“, Sammlung Custodi VII. — Wohl wird die Ersparnis in Geld
oerechnet, zeitweilig in Geld angelegt, aber Geld bleibt meistens doch nur die
Vermittelungsform.
®) Domela :S. 84 sagt hierüber folgendes: „Die Sparsamkeit mufs vollständig
 getrennt gedacht werden von einem Sichbereichern auf Kosten anderer.
Sie darf nicht verwechselt werden mit einer Anhäufung von Schätzen bei einigen
wenigen, die eine zufällig vorhandene günstige Lage ausnutzen, um einen Zustand
 des brutalen Reichtums zu erzeugen, der sich einerseits durch Luxus und
        <pb n="21" />
        18

Ebenso kann auch umgekehrt jemand indirekt zur volkswirtschaftlichen
 Ersparnis beitragen, ohne selbst zu sparen, wenn ich
nämlich durch Tüchtigkeit und Fleils Mehrwerte schaffe, sie aber
nicht selbst anlege sondern verzehre, sodafs die Leute, die von meinen
Ausgaben Vorteil ziehen, meine Lieferanten etc., davon profitieren
und ihrerseits in die Lage versetzt werden, beizulegen. Hier kommt
e8 auf die verschiedenen Arten des Konsums an; bei einigen derselben
 werden mehr Güter vernichtet und kann weniger von dem
Produzenten verdient werden als bei anderen. Natürlich wäre die
volkswirtschaftliche Ersparnis noch gröfser, wenn das Einkommen von
vornherein angelegt worden wäre. (Siehe unten 3, Kapitel.) Wir
unterscheiden hier mit Anlehnung an Rodbertus drei weitere besonders
typische Fälle, ?)
Erstens, Wenn jemand von seinem Einkommen 1000 Mk.
spart, die sonst für ausländischen Wein verausgabt worden wären,
und davon sein Haus vergröfsert, Ländereien melioriert, Aktien einer
im Bau begriffenen Eisenbahn kauft, so geht hier eine volkswirtschaftliche
 Ersparnis mit der privatwirtschaftlichen Hand in Hand.
Zweitens, Legt der betreffende Sparer seine Ersparnisse im
Ankaufe von Grundstücken, älteren Aktien, Pfandbriefen etc. an, so
entscheidet sich die Frage, ob dabei volkswirtschaftlich neues Vermögen
 entsteht, je danach, wie der frühere Eigentümer den aus dem
Erlös erhaltenen Betrag verwendet. Von seinem Handeln hängt es
ab, ob man diese Ersparnis als eine privatwirtschaftliche auf blofser
Vermögensübertragung beruhende oder aber als eine volkswirtschaftliche
 anzusehen hat.
Drittens. Wenn durch erhöhte Nachfrage nach Grundstücken,
älteren Aktien, Pfandbriefen der Wert derselben steigt, so wäre nach

konventionelle Verschwendung und andrerseits durch Pauperismus kennzeichnet.“
Im allgemeinen läfst sich dies von der Sparsamkeit absolut nicht sagen, volkswirtschaftlich
 liegt in dem angeführten Falle in der That keine Ersparnis vor
und vom volkswirtschaftlichen Standpunkte hat Domela ganz recht, nicht so vom
privatwirtschaftlichen. Privatwirtschaftlich werden wir eine allmählich sich
vollziehende Vermögensbildung, weil aus relativer Konsumbeschränkung entstehend,
 stets als Ersparnis ansehen. Ein einmaliger Raub ist nur eine Vermögensübertragung,
 also auch privatwirtschaftlich für den Räuber keine Ersparnis,
 wenn er aber systematisch aus Raub eine jährliche Einnahme erzielt
und dieselbe nicht verbraucht sondern zurücklegt, so müssen wir diese Vermögensbildung
 eine privatwirtschaftliche Ersparnis nennen, ganz gleich, ob dieselbe
 auf Recht oder auf Unrecht basiert.
1) Roscher, Grundlagen der Nationalökonomie 8 45 Anm. 3.
        <pb n="22" />
        — 19

Roscher diese Wertsteigerung wohl privatwirtschaftlich als Vermögensbildung
 für die jeweiligen Eigentümer, aber nicht volkswirtschaftlich
als solche anzusehen, weil keine neuen Nutzwerte geschaffen werden,
nur der Tauschwert steigt. Nach der von uns gegebenen Definition
des Sparbegriffs werden wir eine solche einmalige Wertsteigerung
überhaupt nicht als Ersparnis bezeichnen können. Hier handelt es
sich um keine Konsumbeschränkung, also auch um keine Ersparnis,
sondern nur um eine relative privatwirtschaftliche , keine positive
volkswirtschaftliche Vermögensbildung.
Nach diesen drei Beispielen ergiebt sich also die Beantwortung
der Frage, ob eine volkswirtschaftliche Ersparnis stattgefunden hat,
aus der Addierung sämtlicher privatwirtschaftlicher Ersparnisse unter
Berücksichtigung zweier Punkte: 1. dafs man von dieser Summe alle
privatwirtschaftlichen Vermögensverausgabungen, wie sie bei andern
über ihr Einkommen hinaus lebenden Privatwirtschaften vorgekommen
sein mögen, abzieht!) und 2. dals man als volkswirtschaftliche Ersparnis
 nur den Zuwachs an Gebrauchswerten ?) bezeichnet und einen
solchen an nominellen Geldwerten, wie er durch eine gesteigerte
Nachfrage innerhalb der Volkswirtschaft oder durch einen Preissturz
les Geldes jederzeit herbeigeführt werden kann, nicht berücksichtigt.
Aber eine solche Berechnung wäre nur scheinbar richtig. Die
Addierung sämtlicher privatwirtschaftlicher Werte ergiebt noch keine
richtigen volkswirtschaftlichen Werte. Es wäre ein Fehler, die Volkswirtschaft
 nur als die Summen sämtlicher Privatwirtschaften anzusehen
and danach zu beurteilen.) So müssen wir auch hier beim volks-1)

 Simonde de Sismondi: Nouveaux principes d’&amp;amp;conomie politique, livre IV
;h. LV. Paris 1819, p. 380: „Mais un revenu qui m’a fait que changer de deten-‚eurs
 n’est point un revenu nouveau. Le marchand qui augmente son revenu,
ie tout celni que perdent ses rivaux n’en rend pas la nation plus riche, le
fabricant qui augmente son revenu de tout le salaire, qu'il retranche ä ses ouvriers
a’ajoute rien au revenu national, de mö6me le fonetionnaire public qui Ele&amp;amp;ve son
;raitement de tout ce que les impöts prennent au contribuable ne cr6e point
ainsi de richesses nouvelles.“ Siehe auch Roscher $ 245 Anm. 3.
2) Roscher, Grundlagen $ 45.
3) Dies hat Ad. Smith gethan: „As the capital of an individual can be inoreased
 only by what he saves from his annual revenue or his annual gains, so
;he capital of a society which is the same with that of all the indivi-Auals
 who compose it can be increased only in the same manner.“ (An injuiry
 1. Bd. 2. Buch. — Siehe Adolf Wagner, Grundlegung 1879, 5 289.) Bereits
Lauderdale hatte auf diese falsche Auffassung von Smith aufmerksam gemacht;
ar verfällt aber bei der Kritik der Smithschen Ansicht, dafs volkswirtschaftliches
        <pb n="23" />
        20 —

wirtschaftlichen Sparen auf Momente Rücksicht nehmen, die vom
privatwirtschaftlichen Standpunkte ganz oder teilweise in Wegfall
kommen. Wie verteilen sich die gemachten Ersparnisse auf die Bevölkerung?
 Sind diese Ersparnisse nicht von einer Klasse auf Kosten
einer anderen gemacht worden? Ersparnisse z. B., die auf Kosten
der Arbeiter, ihres sittlichen Niveaus, ihrer Gesundheit und Arbeitskraft
 erreicht worden sind, können wohl privatwirtschaftlich aber nicht
volkswirtschaftlich als Ersparnisse bezeichnet werden.*) Die leibliche
und geistige Gesundheit der Bevölkerung, ihr sittlicher Sinn, ihre
Zufriedenheit, die Ruhe und Ordnung des Staates, dies alles sind
Faktoren, die zur Beantwortung der Frage, ob privatwirtschaftliche
Ersparnisse vorliegen, nicht herangezogen zu werden brauchen, die
aber bei Beurteilung des volkswirtschaftlichen Sparens in Rechnung
gestellt werden müssen. Wo diese Faktoren ein ungünstiges Resultat
zeigen, dort können wir volkswirtschaftlich nicht gut von Ersparnissen
reden, Es giebt freilich auch geistige Güter, wenn auch nicht so
viele, die bei Beantwortung der Frage, ob privatwirtschaftlich eine

Kapital nur durch privatwirtschaftliche Ersparnisse gebildet werden könne,
sofort in den viel gröfseren Fehler, die Möglichkeit einer volkswirtschaftlichen
Ersparnis überhaupt zu bestreiten, Lauderdale sagt z. B.: „Wenn wir erwägen,
dafs diese Enthaltsamkeit vom Verbrauche und die darauf folgende Akkumulation.
 weder darauf gerichtet ist, das Erzeugnis des Bodens zu vergröfsern, noch
die Anstrengungen der Arbeit zu vermehren, noch einen Teil der Arbeit zu verrichten,
 welche sonst durch Menschenhände ausgeführt werden müfste, so sind
wir, wie es scheint, sofort berechtigt zu erklären, dafs die Akkumulation ein
Verfahren sein kann, Reichtum von A, B, C auf D zu übertragen, aber kein
Verfahren, den Reichtum des Volkes zu vergrößern, indem Reichtum allein durch
dieselben Mittel vergröfsert werden kann, durch welche er erzeugt wird.“ (S. 207
bis 209.) Siehe auch Bergmann S, 32, Man könnte darauf erwidern, dafs Ersparnisse
 in Bodenmeliorationen angelegt, „das Erzeugnis des Bodens vergröfsern“,
dafs Ersparnisse angelegt in neugegründeten Fabriken „die Anstrengungen der
Arbeit (die Nachfrage nach Arbeit) vermehre“ und dafs Ersparnisse umgewan-Jelt
 in Maschinen, „einen Teil der Arbeit verrichten, welche sonst durch Menschenhände
 ausgeführt werden müfste‘“. Lauderdale erkennt also nur eine privatwirtschaftliche
 Ersparnis an, worin ihm Storch (Cours d’&amp;amp;conomie politique ou exposition
 des principes qui determinent la prosperit&amp;amp; des, nations. Petersburg
1815) nahesteht, wenn er ausführt, dale eine Nation nur insofern sparen könne,
als sie Werte an Ausländer verleihe, Siehe auch Bergmann S. 36,
') Siehe Hermann, Staatswissenschaftliche Untersuchungen S, 871, 379 bis
380. Siehe auch Domela S. 186 u. 187. Domela sagt hier ganz mit Recht, dals
38 nicht immer nur auf die Menge des Ersparten, sondern auf die Art, wie gespart
 sei, ankomme, dies hat privatwirtschaftlich, aber bei weitem mehr noch
rolkswirtschaftlich seine Berechtigung.
        <pb n="24" />
        27
1

Ersparnis vorliege, in Berechnung gezogen werden könnten, Gesetzt
den Fall z. B., dafs jemand seine Ersparnisse auf Kosten seiner Gesundheit
 realisiert hätte, so würde man bei der Frage, ob dieser
Mann in diesem speziellen Falle gespart hat, die geschädigte Gesundheit
 in Anrechnung bringen können, Dies ist aber nur im einzelnen
 speziellen Falle möglich; im gro(sen und ganzen werden diese
immateriellen Güter beim privatwirtschaftlichen Sparen nicht in Rechnung
 gezogen, während sie volkswirtschaftlich eine ausschlaggebende
Bedeutung besitzen. Hierin beruht ein hauptsächlicher aber oft übersehener
 Unterschied zwischen privatwirtschaftlichem und volkswirtschaftlichem
 Sparen.
Dieselbe relative Ersparnis, wie wir sie bei Privatwirtschaften
untereinander beobachten, nämlich dafs der Zuwachs des einen Vermögens
 durch eine ebenso grofse oder noch gröfsere Schmälerung
eines anderen erfolgt, findet ebenso beim Verkehre von Volkswirtschaften
 untereinander statt. Im Sinne der Volkswirtschaft sind
Ersparnisse, die ein Land auf Kosten eines andern macht, nur
relative.
Für die Weltwirtschaft giebt es natürlich keine relativen sondern
nur absolute Ersparnisse. !)
Betrachten wir nun des näheren, wie die ersparten Güter verwandt
 werden. Das Nächstliegende erscheint hier, dieselben als Vorräte
 müfsig aufzustapeln. Da aber alles Sparen sich durch Genulfsbeschränkung
 vollzieht, so sind, wie wir sahen, die ersparten Güter
Genufsgüter d. h. Güter, die dem Verfalle besonders ausgesetzt sind
und bei denen ein Aufbewahren im gröfseren Mafsstabe von vornherein
 ausgeschlossen erscheint. Hier bieten sich nun zwei Möglichkeiten:
 Erstens: Man schränkt die Produktion von Genufsmitteln ein
und produziert an ihrer Stelle Güter, die sich durch ihre Beschaffenheit
besser zur Aufstapelung und Aufbewahrung eignen. Oder zweitens:
Man stellt an Stelle von Genufsmitteln Kapitalgüter d. h. Produktionsmittel
 her. Die Ersparnisse werden also entweder in ursprünglicher
oder anderer Form müfsig aufgestapelt oder aber in Produktionsmittel
verwandelt und wieder in die Produktion gesteckt. ”)
Wenden wir uns zunächst der ersteren Form zu. Da alle irdischen
Güter dem Gesetze der Vergänglichkeit unterworfen sind und, wenn
3ie nicht konsumiert werden, von selbst zerfallen, so hat diese erste

Verwendung
der erspartel
Güter.

‘) Roscher, Grundlagen $ 45 Anm, 12,
? Roscher, Grundlagen S 220.
        <pb n="25" />
        — 92 —

Form an und für sich nur eine beschränkte, hauptsächlich privatwirtschaftliche
 Bedeutung. Nur in den seltensten Fällen wird es sich
hier um eine absolute Aufbewahrung der ersparten Güter handeln;
wenn wir von Gold und Silber und den Edelsteinen absehen, deren
Aufbewahrungsfähigkeit nach menschlichen Begriffen eine beinahe
absolute genannt werden kann, so handelt es sich bei allen andern
Gütern nur um eine relative Erhaltung, ein möglichst langes Hinausschieben
 des Verbrauchs.
In den Anfangszeiten wirtschaftlicher Entwickelung, wo die Ersparnisse
 hauptsächlich in Vorräten (Nahrungsmitteln und Kleidern)
bestanden, war dies Aufstapeln die vorherrschende Form. (Der erste
Schritt zum Sparen war es wohl, dafs die Jagdbeute, die das augenblickliche
 Bedürfnis überstieg, nicht mehr zerstört und fortgeworfen
sondern sorgsam aufbewahrt wurde.) ?) Die selbst produzierten Güter
wurden zum eigenen späteren Verbrauche aufgespeichert und die
Größe dieses Vorrates gab den Mafsstab für die Wohlhabenheit des
Besitzers, Später in den Zeiten der Geldwirtschaft und des entwickelten
 Tauschverkehrs wurden die Güter, die jemand erspart hatte,
in andere Werte umgesetzt und in Gold- und Silbermünzen oder in
Edelsteinen, d. h. also in Gütern, die durch ihre eigentümliche Beschaffenheit
 weniger dem Verfalle und der Abnutzung ausgesetzt sind,
aufbewahrt. ?) Noch heutzutage soll in Indien das Vermögen manches
Fürsten zum Teile in wertvollen Silbergefäfsen angelegt sein?) und
bei unsern Bauern wurde bis zur Einführung der Sparbanken noch
manches Ersparnis in Form von blanken Thalern aufbewahrt. Diese
letztere spezielle Art, Ersparnisse aufzubewahren, nennen wir Thesaurieren.


Das Anhäufen von Vorräten an Nahrungsmitteln, Kleidern etc.
spielt heutzutage privatwirtschaftlich keine Rolle mehr. Der entwickelte
 Tauschverkehr giebt uns die Mittel, einem etwa eintretenden
Mangel sofort abzuhelfen,‘) das Ansammeln von Gold- und Silbermünzen
 hat ebenfalls alle Bedeutung verloren ‚ dagegen werden in
Form von Luxusgütern, in Form von Schlössern, Parks, Sammlungen,
wertvollen Geräten und Schmuck auch jetzt noch viele Ersparnisse
angelegt. Im Vergleich zum Thesaurieren stellt die Anlage in Luxus-‘)
 Roscher, Grundlagen 8 45 und daselbst Anm. 6.
) Roscher 8 43 Anm. 6 u. 7.
‚ kitter, Erdkunde VI, 1148 und VII, 185,
‘) Siehe auch Roscher, System der Volkswirtschaft (Stuttgart 1897) Bd. I
5 221 und Bd, II 8 79.
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        a8

gütern eine unvollkommene Art der Aufbewahrung dar, es werden
hier nur einige Wertteile auf längere Zeit erhalten, viele andere
gehen bei der Anlage selbst oder später verloren, man wird die
Anschaffung von solchen Luxusgütern aber doch nicht als blofsen
Konsum sondern wohl als eine Art Vermögensanlage auffassen
können, da auf diese Weise doch viele Vermögensteile aufbewahrt
und erhalten bleiben, auch weiterhin produktiv wirken können. Ad.
Smith schildert eine solche Kapitalanlage im Unterschiede von
ainer rein konsumtiven Ausgabe recht anschaulich.!) ®*) „Er läfst
zwei reiche Leute ihr Einkommen verzehren. Der eine unterhält
eine reichbesetzte Tafel, eine grofse Dienerschaft, viele Luxuspferde
 und Hunde, der andere beschränkt sich auf einen frugalen
Tisch und wenige Aufwärter. Was der letztere infolge seiner Mäfsigkeit
 im unmittelbaren persönlichen Genufs der Güter spart, verwendet
 er dazu, sein Landgut mit nützlichen und geschmackvollen
Gebäuden zu versehen, sein Haus mit dergleichen Hausgeräten auszuschmücken
 und sich gute Bücher, Gemälde, Bildhauerarbeiten und
sonstige Sachen von Dauer anzuschaffen. Haben beide ihr Einkommen
längere Zeit auf diese verschiedene Weise verbraucht und wird nach
einer Reihe von Jahren verglichen, was von der Wirksamkeit des
Aufwandes beider erhalten geblieben ist, so wird bald zu beantworten
sein, dafs der erstere Nichts hinterliefßs, was seine Zeit überdauerte
ader eine nachhaltige Wirkung ausübte, während der andere wenigstens
einen Vorrat an Sachen anhäufte, der jetzt vielleicht einen gröfseren,
vielleicht einen gleichen, jedenfalls aber noch immer einigen Wert
besitzt. Diese Sachen bleiben unter allen Umständen noch lange
wirksam; sind nämlich diese dauernden Sachen zuerst für die Reichen
angefertigt und entsprechen sie zuerst den Zwecken derjenigen, die
über ein grofses Einkommen zu verfügen haben, so gehen sie doch
nach und nach in den Gebrauch der unteren und mittleren Volksklassen
 über und werden diesen nützlich“, 3) Diese Art, Ersparnisse
anzulegen, ist also nicht nur privatwirtschaftlich sondern auch volkswirtschaftlich
 von Bedeutung und kann auch produktiv wirken, so z. B.
bilden die angesammelten Kunstschätze Italiens einen nicht zu unter-1

 Domela S. 11. Siehe auch Ad. Smith: An inquiry into the nature and
3auses of the wealth of nations Edinburgh 1835. KEdition Thomas Nelson and
Peter Brown, Book II p. 142—148, Book III p. 158—159,
2?) Siehe auch Simonde de Sismondi: Nouveaux principes d’&amp;amp;conomie polique
 livre LV Ch, IV. Paris 1819, S. 331 bis 334.
3) Vergl. auch Roscher, Grundlagen 8 231.
        <pb n="27" />
        MM

schätzenden Teil des italienischen Nationalvermögens, der durch den
Fremdenbesuch, den er nach Italien zieht, durchaus produktiv wirkt.
Während dies privatwirtschaftlich die heutzutage einzige übriggebliebene
 Form unproduktiver Ersparnisanlage bildet, so finden wir
volkswirtschaftlich noch eine zweite Form üblich, die privatwirtschaftlich
 kaum mehr vorkommt, nämlich das Aufstapeln von Vorräten
in einzelnen Industriezweigen. „Während wir uns noch in unsere
Winterkleider hüllen, sind schon die fertigen Frühjahrsstoffe in den
Läden der Detailhändler, und in den Fabriken werden bereits die
leichten Stoffe gewebt, mit welchen wir uns im nächsten Sommer,
sowie die Garne für die Stoffe gesponnen, womit wir uns im nächsten
Winter bekleiden werden“.*) Wie wir aus diesem Mengerschen
Beispiele entnehmen, werden wir diesen Vorgang nicht so sehr als
ein Ansammeln von Vorräten sondern vielmehr als das Bestreben ansehen,
 einen möglichst grofsen Zwischenraum zwischen den Zeitpunkt
der Produktion und den der Konsumtion zu schaffen. Dieser erreichte
Zwischenraum drückt eine faktische Ersparnis aus, aber eine aus produktiven
 Rücksichten zu produktiven Zwecken erreichte Ersparnis,
keine aus Sparsamkeit hervorgegangene. So giebt es denn auch hier
bald eine Grenze, über die hinaus den Vorsprung der Produktion
vor der Konsumtion zu vergröfsern vom produktiven Interesse nicht
mehr erfordert, eher verboten wird. Für viel länger als auf ein Jahr
wird z. B. kein Produzent gerne Vorräte aufstapeln wollen,
- Eine andere Art privat- und volkswirtschaftlicher Ersparnis, die
keine absolut produktive ist, drückt sich darin aus, dafs durch größere
Dauerhaftigkeit der Güter ihre Nutzungsperiode verlängert wird. Je
dauerhafter unsere Gebrauchsgegenstände ‚sind, ein um so wertvolleres
wirtschaftliches Kapital durch sie repräsentiert wird, ein um so
gröfserer Teil von Ersparnissen ist in ihnen niedergelegt, Zu allen
Zeiten soliden Wohlstandes sind Ersparnisse in dieser Weise angelegt
 worden, wovon z, B. das dauerhafte Material so mancher Wohnungseinrichtung
 aus früheren Zeiten, besonders des Bürger- und Bauernstandes,
 also gerade der damals besonders sparsamen. Stände zeugt.
Diese Art der Anlage von HErsparnissen könnte gewissermafsen
auch unter die produktiven gerechnet werden. Ein besonders solide
und gut gearbeiteter Gegenstand ‚kann doppelt so lange währen als
ein mittelmäfsig gearbeiteter und schlielslich durch seine längere
Dauerhaftigkeit billiger zu stehen kommen als letzterer, sodafs die in

') Roscher, Grundlagen 8 45; Menger, Grundsätze I 33 fr.
        <pb n="28" />
        a5

seiner besseren Ausführung angelegten Ersparnisse sich voll bezahlt
machen. Aber bei Anlage von Ersparnissen in der gröfseren Dauerhaftigkeit
 von Gegenständen ist die produktive Wirkung nur selten
der Hauptzweck, auch kann eine zu grofse Dauerhaftigkeit leicht
eine unpraktische und kaum mehr produktive Sparsamkeitsanlage
darstellen. Dieselben Ersparnisse in die Produktion gesteckt, würden
meist viel produktiver wirken. Roscher führt als Beispiel hierzu die
übertriebene Dauerhaftigkeit so vieler Gebäude an.!) „Kin Haus,
das 60 Jahre vorhält, für 10000 Thaler zu bauen ist sparsamer als
ein Haus für 20000 Thaler auf 400 Jahre, denn sehon in 60 Jahren
beträgt der Zins der gesparten 10000 Thaler soviel, dafs man 3
solche Häuser davon bauen könnte“. Ein weiteres Beispiel zu grofser
und daher relativ unproduktiver Dauerhaftigkeit bieten z. B. auch
die landwirtschaftlichen Gebäude, die besonders hier in Deutschland
m Gegensatze zu Amerika) zu massiv und kostspielig gebaut werden.
Das Verhältnis der unproduktiv angelegten Vermögensteile zu
denen, welche produktiv wirken, ist natürlich von höchster Bedeutung
für ein Volk, Es hängt dies grofsenteils vom Charakter eines Volkes
ab, wie weit z. B. sein Kunstsinn, wie weit sein produktiver Sinn
entwickelt ist. Im ersteren Falle werden die unproduktiven Anlagen
(Kunstschätze, Parks u. s. w.), im andern die produktiven Anlagen
einen größeren Prozentsatz ausmachen. Auch die sozialen Verhältnisse
 werden hier in Betracht kommen. Mit fortschreitender
Kulturentwicklung verschwinden viele unproduktive Anlagen z. B.
unmäfsig grofse Vorräte, zu dauerhaft hergestellte Gegenstände,
thesaurierte Schätze, mit zurückgehender Kultur kann die unproduktive
Vermögensanlage wieder zunehmen. In Kriegszeiten ändern die Ersparnisse
 leicht die Form der Anlage und werden wieder thesauriert.
Fassen wir noch einmal alle soeben genannten Formen zusammen,
unter denen man Ersparnisse müfsig aufstapeln kann, so sehen wir,
dafs diese Form, Ersparnisse anzulegen, wirtschaftlich nie die Wichtigkeit
 einer produktiven Anlage haben kann, dafs sie an bestimmte
Güter, an bestimmte Zeiten gebunden und auch dort in ihrer Ausdehnung
 beschränkt ist. Eine absolut unbegrenzte Aufbewahrung von
Ersparnissen ist nur dadurch möglich, dafs man sie immer wieder ip
die Produktion steckt und so gewissermalsen den irdischen Werdeprozefs
 mitmachen läfst. Das Sparen, besonders das volkswirtschaftliche
 Sparen, bezweckt vornehmlich nicht die absolute Aufbewahrung

') Roscher, Grundlagen 8 223, Siehe auch Anm. 1..
        <pb n="29" />
        26

von bestimmten Gütern, sondern der in diesen Gütern steckenden
Werte und nur letzteres ist in unbeschränkter Weise möglich. Das
müfßige Aufstapeln von Gütern wird seiner Natur nach stets nur. ein
zeitweiliges sein.
Wir kommen hiermit zu der zweiten bei weitem wichtigeren Form
der Anwendung von Ersparnissen nämlich der, die ersparten Güter
wieder in die Produktion zu stecken und dadurch produktiv nutzbar
zu machen. Dies geschieht entweder direkt dadurch, dafs man die
ersparten Genufsmittel zur Produktion verwendet, indem man z. B,
das ersparte Korn als Samen aussät, oder indirekt, indem man auf
die ersparten Vorräte hin keine neuen Genufsmittel mehr produziert
und die dadurch freigewordene Zeit zur Produktion von Erwerbsmitteln
 benutzt, *) oder auch, und das ist der heutzutage in Privatund
 Volkswirtschaft am häufigsten eingeschlagene Weg, indem man
die Ausdehnung der wahrscheinlichen Ersparnisse vorausberechnet,
von vornherein weniger Genufsgüter produziert und die freien Kräfte
auf Herstellung von Produktionsmitteln verwendet z. B. von Wirtschaftsgebäuden,
 Maschinen, Bodenmeliorationen u. s. w.?) In dieser
Weise, also in Form von Kapitalien, sind heutzutage die meisten
Ersparnisse angelegt. Mit Hülfe dieser Produktionsmittel wird nun
der Ertrag unserer Arbeit und dessen, was uns die Natur liefert,
unendlich gesteigert, sodals wir auch nach Abzug der Abnutzung
der Erwerbsmittel ein grofses Mehr gegen den früheren Ertrag zurückbehalten.
 Diese wichtigste Eigenschaft des produktiv angelegten Kapitals,
 nämlich Zinsen hervorzubringen, hat den Sparimpuls mächtig
gesteigert und dazu geführt, dafs heutzutage die meisten Ersparnisse
produktiv angelegt werden, durch sie erhält das Sparen erst seine
hohe wirtschaftliche Bedeutung, So ist diese letzte Art der Anlage
von Ersparnissen nicht nur die vorherrschende sondern ihres produktiven
 Charakters wegen auch die wirtschaftlich wichtigste.
Hier kommt nun noch eine dritte Art der Verwendung von
Ersparnissen in Betracht, die privat- und volkswirtschaftlich nicht
übersehen werden darf. Wir können die durch Konsumbeschränkung
ersparten Güter in geistige und leibliche Kapitalien umsetzen. Diese
von. Schmidthenner Quasikapitalien genannten Güter sind aus der
Produktion hervorgegangen und werden wieder zur Produktion be-1)

 Conrad, Grundrifs zum Studium der politischen Ökonomie, I. Teil. Jena
1897, 8 10.
2) Roscher, 8 42.
        <pb n="30" />
        - 97

nutzt, ja ihre Wirkung ist gewissermafsen noch produktiver als die
anderer Kapitalien, da sie beim Gebrauche keine Abnutzung erleiden,
meistens gerade durch ihn erhalten werden.!) Solche Güter sind
z. B. Kenntnisse, Fertigkeiten, geistige und körperliche Kräfte, die
Kundschaft einer Firma, eine gute Verfassung, der sittliche Sinn
einer Bevölkerung u. s. w. Können wir z. B. von jemand sagen, er
habe gespart, wenn er am Schlusse eines Zeitraums ebensoviel an
materiellen Gütern besitzt wie am Anfang, aber sich ın der Zeit
einen Schatz von nützlichen Kenntnissen erworben und Fertigkeiten
sich angeeignet hat, die sein Einkommen später verdoppeln werden?
Hat ein Kaufmann gespart, der im Laufe eines Jahres nichts erübrigt
und nichts verloren hat, aber sich während dieses Zeitraums einen
neuen großen Kundenkreis erworben hat? Hat ein König gespart,
unter dessen Regierung das Nationalvermögen stationär geblieben,
aber der Fleiß, die Sittlichkeit und die Bildung (z. B. durch Gründung
von Schulen) seiner Unterthanen gestiegen ist und die Ruhe und
Ordnung seines Landes zugenommen hat? Wir können uns bei Beantwortung
 dieser Frage an das halten, was wir bereits oben über
diese geistigen Güter gesagt haben, als es sich um die Frage handelte,
ob ein auf Kosten dieser Güter vorgegangenes Sparen als solches
anzusehen sei. Wir sehen, dafs wir diese Güter privatwirtschaftlich
nur im speziellen Falle, im allgemeinen überhaupt nicht in Rechnung
ziehen können, daß wir sie dagegen volkswirtschaftlich nie aufser
acht lassen dürfen. Wenn wir auch diese „unkörperlichen Kapitalien“
nicht mit Roscher?) unter den Kapitalbegriff ziehen, so dürfen wir
sie doch nie in ihrer volkswirtschaftlichen Bedeutung verkennen. Wir
können unsere Ersparnisse nie würdiger und glücklicher anlegen als
in diesen unkörperlichen Werten und bei der Untersuchung, ob
volkswirtschaftlich eine Ersparnis vorliegt, werden wir uns am Schlusse
stets die Frage zu stellen haben, ob diese immateriellen Güter vermindert,
 erhalten oder vermehrt worden sind.

1) Roscher, Grundlagen $ 42.
%) Roscher, Grundlagen 842 und Conrad, Grundrifls, I, Teil (Jena 1897) 8 10.
        <pb n="31" />
        Zweites Kapitel.

Sparmotive und Sparbedingungen.

I. Sparmotive:; KEinleitung. — Unfreiwilliges Sparen, — Drei Sparmotive:
1. Sparen aus Mäfsigkeit (ethisches Motiv), 2. Sparen aus angeborenem Sparinstinkte,
3. Sparen um Vorteile halber (wirtschaftliches Motiv). — Weitere Unterschiede
zwischen den drei Sparmotiven. — Nochmalige Zusammenfassung.
IL Sparbedingungen: A. Angeborener Sparsinn. — B. Erziehung zum
Sparen: 1. indirekte (Klima, Geschichte, Beruf, Kultur); 2. direkte (individuelle
 Erziehung, Erziehung zum Sparen durch den Staat). — C, Aufsere, wechselnde,
 das Sparen beeinflussende Bedingungen: 1. soziale Lage, 2. Sicherheit der
Anlage, 3, Zinsfuls. — Schlulßs.

Einleitung.

Warum sparen wir? Die Natur selbst legt uns das Sparen nahe; !)
dadurch dafs viele der wichtigsten menschlichen Bedürfnisse von ihr
nicht voll oder nur unregelmäfsig befriedigt werden, erzieht sie uns
dazu, die Früchte des Sommers für den Winter aufzuheben und giebt
damit zugleich dem Sparen seine moralische Berechtigung, Das Sparen
vollzieht sich aber nicht gleichmäfsig, sondern ist zu verschiedenen
Zeiten und bei verschiedenen Personen durchaus verschieden,
In Kriegszeiten, in Zeiten der Revolution und öffentlichen Unsicherheit
 gehen die Ersparnisse im grofsen und ganzen erheblich
zurück ,”) um dann in Zeiten der Ruhe wieder zu steigen; aber daneben
giebt es Personen, auf die diese äufßseren Bedingungen scheinbar

1) Siehe Domela 8. 63.
*) Siehe Roscher, Grundlagen $ 45: „Freilich kann sich der Kapitalisierungstrieb
 nur da recht entfalten, wo Rechtssicherheit besteht“, und Anm, 4: „So
finden wir auch in sehr gefährlichen Berufsarten wie dem Kriegs- und Seedienste
wenig Sparsamkeit, desgleichen in Pestzeiten.“ Siehe J. Rae: New prineiples
on the subject of political economy 1834.
        <pb n="32" />
        29

keinen Einflufs üben, die in den unruhigsten Zeiten, beim schlechtesten
Zinsfuls unbekümmert weitersparen und wieder andere, wie die Verschwender,
 die auch unter den günstigsten Bedingungen, bei der
gröfsten Sicherheit der Anlage nicht sparen würden. . Welches sind
nun also die inneren Bedingungen, von denen das Sparen abhängt, und
wie werden diese wiederum von den äufseren Bedingungen beeinflußt?
Wir wollen hier von vornherein von den Fällen absehen, wo das Unfreiwillig
Sparen überhaupt nicht aus dem freien Willen des Menschen hervor- ;
geht, schon darum, weil diese Fälle zu den Ausnahmen gehören. Bei
allen, die am vollen Konsum ihrer Einnahmen verhindert sind, ist
das Sparen ein unfreiwilliges, also z. B. bei Unmündigen, die gleichwohl
 schon im Besitze eines Vermögens sind, bei allen denen, die
aus irgend welchen Gründen unter Vormundschaft stehen, bei Stiftungen,
 die statutenmälsig sparen müssen u. s. w. Eine Art unfreiwilligen
 Sparens findet auch dort statt, wo Personen, die plötzlich in
unproportionierter Weise reich geworden sind, nicht wissen, wie sie
ihr Mebreinkommen verwenden sollen; an einfache Sitten gewöhnt,
finden sie am Luxus keinen Reiz und können sich in so kurzer Zeit
keine neuen Luxusbedürfnisse angewöhnen; man mulfs z, B. Kunstkenner
 sein, um Freude am Sammeln von Kunstschätzen zu finden
u. 8. w. Diese Leute sparen, weil sie beim besten Willen nicht
wissen, wie ihr Einkommen zu verausgaben. Amerika bietet hierfür
interessante Beispiele von Leuten, die durch das ewige Hasten
nach Gewinn die Genufsfähigkeit völlig verloren haben (soweit sie
dieselbe überhaupt vorher besaflsen) und nun erst lernen müssen,
wie sie ihr vieles Geld ausgeben sollen... Aber auch hier in Deutschland
lassen sich leicht solche Beispiele finden, man braucht nur an den
auf einmal reich gewordenen kleinen Bürger und Bauern zu denken.
Man könnte versucht sein unter diese Fälle unfreiwilligen Sparens
auch die durch die Sklaverei bewirkten Ersparnisse zu rechnen, indem
man sagte, der Sklave hätte hier unfreiwillig gespart. Roscher weist
nach, dafs die ersten Ersparnisse durch die Sklaverei entstanden seien,
indem die Herren das Mehr, was die Sklaven erarbeiteten, nicht ganz
aufzehrten, sondern ansammelten und dann produktiv oder auch unproduktiv
 anlegten. Die grofsen Kulturwerke der antiken Welt, ihre
Heerstrafsen und Wasserleitungen, ihre Pyramiden und Tempel sind
die Zeugen solcher Ersparnisse, gemacht auf Kosten einer in ihrem
Konsum gewaltsam beschränkten, unterdrückten unteren Klasse. ?) Es

ıy Roscher, Grundlagen 8 45 und Anm. 7: „Über .die Unvermeidlichkeit der
        <pb n="33" />
        — 30

wäre aber meines Erachtens falsch, die Sklaverei als ein Beispiel unfreiwilligen
 Sparens anzusehen; hier ist es nicht der Sklave sondern
der Herr desselben, welcher spart, der Herr, welcher das Dispositionsrecht
 über das vom Sklaven Erarbeitete besitzt und welcher wenn er,
dem der Konsum zufällt, dieses Produkt nicht ganz verzehrt, dadurch
aus freiem Willen Ersparnisse macht.

a

)rei Sparmotive.


Ist es nun möglich, alles freiwillige Sparen auf ein einziges im
Menschen wohnendes Prinzip, auf eine gemeinsame Quelle zurückzuführen?
 Auf den ersten Blick erscheint es das natürlichste, alles
Sparen auf eine angeborene, dem einzelnen Menschen in verschiedenem
Grade anhaftende Charaktereigenschaft zurückzuführen, die wir gemeinhin
 Sparsamkeit nennen (für den Geizigen z. B. der unter allen
Umständen um des Sparens selber willen spart, würde dies zutreffen),
aber wir sehen bald, dafs keineswegs alle Fälle, in denen gespart
wird, auf diese angeborene Sparsamkeit als letzte erkennbare Ursache
zurückgeführt werden können, Oft ist der Grund des Sparens nicht
in uns, in einem angeborenen Triebe, sondern in einer verstandesmäfsigen
 Überlegung zu suchen, die uns um der Vorteile halber, die
aus dem Sparen resultieren, sparen heifst. Vorsorge für die Zukunft,
der Wunsch, durch momentane Verzichtleistung den vorhandenen
Besitz zu mehren, sind hier der Zweck des Sparens. Dieser Grund
zum Sparen ist in seinen äufseren Wirkungen dem vorigen sehr ähnlich,
 beide wirken oft gemeinsam und man mufs schon auf ihre Entstehung
 zurückgehen, um den grundlegenden Unterschied zwischen
ihnen wahrzunehmen. Dort ist das Sparen Selbstzweck, hier nur
Mittel zum Zweck, dort kommandiert der angeborene Sparinstinkt,
hier ist der Wunsch zum Sparen abhängig von vorhergegangener
Überlegung, von anderen ihm ursprünglich fernliegenden Rücksichten.
Ebenfalls von anderen und zwar von ethischen Rücksichten ist das
Sparen beeinflufst in einem dritten Falle ‚ nämlich dort, wo aus
Mäfsigkeitsgründen gespart wird. Weder das Sparen an sich noch

Sklaverei, wenn man Kapital braucht und doch niemand sparen mag, siehe de Metz
Noblet: Phenomenes 6conomiques I, 806. Greil übertrieben von Lassalle, Bastiat-Schulze
 99 fg. Nach Karl Marx: „Das Kapital“, herausgegeben von Fr, Engels,
Hamburg 1894, Bd, III, I. Teil, 5. Kapitel, hat der moderne Arbeiter die Rolle
les antiken Sklaven übernommen, so „dafs die Überarbeitung, die Verwandlung
les Arbeiters in ein Arbeitsvieh eine Methode ist, die Selbstverwertung des Ka-‚itals
 die Produktion des Mehrwerts zu beschleunigen“,
        <pb n="34" />
        die durch das Sparen zu erreichenden Vorteile, sondern der Nichtkonsum
 an sich ist hier der Zweck des Sparers; dafs durch den
Nichtkonsum indirekt gespart wird, hat für den Mäfsigkeitssparer
nur eine nebensächliche mehr accidentelle Bedeutung. So scheiden
sich denn drei grofse Gruppen von Gründen, aus denen das Sparen
hervorgehen kann. Diese Unterscheidung ist, soviel mir bekannt,
bisher von niemandem gemacht worden!) und doch scheint sie mir
unentbehrlich, um einen tieferen Einblick in das Wesen des Sparens.
zu thun, um später die richtigen Folgerungen ziehen zu können.
Wir müssen also noch im einzelnen auf diese drei grofsen Motive
eingehen, wobei ich aus praktischen Gründen das ethische Motiv an
die erste, das Sparen um Vorteil als das wirtschaftlich wichtigste
Motiv an die dritte Stelle gesetzt habe.
Beim ethischen Motive, beim Sparen aus Sittlichkeits- oder Mäfsigkeitsgründen
 ist das Ansammeln von Vorräten, die Gründung produktiver
 Anlagen Nebenzweck, Einschränkung des Konsums nicht Mittel
zum Zweck sondern Selbstzweck. Personen, Genossenschaften und
Völker können aus religiösen oder sittlichen Motiven ihren Konsum
sinschränken. Die ersten Christen hielten Trägheit und Luxus für
Schande, Arbeit, Mäfsigkeit und Nüchternheit für Pflicht, sie
sparten inmitten jener römischen Welt, wo sonst jedermann dem
schrankenlosesten Luxus fröhnte und der (Gedanke an Sparen allgemein
 fern lag, wo also aufser ihnen sonst niemand an Sparen
lachte. ?) Bei den Christen war es weder die Sucht nach Geld
noch die Hoffnung auf Gewinn, die sie zum Sparen antrieb, ihr
Sparen ergab sich aus ihren Konsumbeschränkung fordernden sittlichen
 Anschauungen. Dieselbe Reinheit der Gesinnung werden wir
auch heute noch bei einzelnen Individuen, wie bei einzelnen reliziösen
 Genossenschaften, wie z. B. bei den Quäkern und den Herrenhutern
 finden.
Aber nicht nur in solchen Ausnahmefällen, wie zu Zeiten der Grün-Jung
 einer neuen Religion oder bei besonders strengen religiösen Genossenschaften
 finden wir dies Motiv wirksam, in schwächerer Weise spielt

Erstes Motiv:
ur aus
äfßfsigkeit.

1) Domela (S. 69) kennt nur zwei Beweggründe, einen äufseren und einen
inneren. „Ersterer läfst sich von äufseren Umständen bestimmen, von der Aussicht
 auf Gewinn, letzterer wurzelt in der intellektuellen und moralischen Kraft
und erhebt die Sparsamkeit zu einer Pflicht, die niemals ungestraft verletzt wird
ind deren Erfüllung für die Beständigkeit und Fortdauer der Kultur von der
yrößfsten Wichtigkeit ist.“
2) Domela 8. 14.
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        ro

es auch heute noch bei den meisten Menschen unserer heutigen Kultur
mit. Übertriebener Luxus gilt bis zu einem gewissen Grade auch bei
uns noch für verwerflich, die Besitzer der Riesenvermögen unserer Zeit
finden keine ungeteilte Anerkennung, wenn sie den Luxus römischer
Zeiten nachzuahmen versuchen, und es läfst sich nicht leugnen, dafs
unter dem Einflusse unserer christlichen Kultur bei gleich grofsen Vermögen
 heutzutage eine im Vergleiche zu römischer Zeit verhältnismäflsig
 grofse Einschränkung beobachtet wird. Alle sittlich starken
Individuen unter uns werden, wenn nicht aus religiös sittlichen, so
doch aus Vernunftsgründen ihre Bedürfnisse einschränken, nicht nur
um zu sparen, sondern weil ein mäfsiges Leben sittlicher, gesünder
und vornehmer ist. Die Sparsamkeit der Schweizer z. B. würden wir
mit Unrecht blofs auf die Freude am Goldsammeln oder die Hoffnung
auf den durch das Sparen zu erzielenden Gewinn zurückführen, bei
einem so religiösen und sittlichen Volke wird man den Sinn für
Sparsamkeit zum grofsen Teile auch von Mäfsigkeitsgründen ableiten
müssen, Dieses Motiv spielt auch bestimmend bei der Lebensführung
einzelner Stände mit, in ländlichen Kreisen, beim kleinen Bürgerstande
wird oft gespart, weil die Leute, wiewohl sie reich geworden sind,
nicht mit den guten Sitten ihrer Väter brechen wollen, kleine Handwerker,
 die sich ein beträchtliches Vermögen erworben haben, pflegen
teils freilich aus Gewohnheit und weil ihre Luxusbedürfnisse unentwickelt
 geblieben sind (siehe oben), teilweise aber auch um der guten
alten Sitte wegen ihre Lebensweise nicht zu ändern. (Deswegen
täuscht der äufsere Anschein ihrer Lebenshaltung so oft.) Ahnliches
wird in Richesse de Hollande!) von Bauern berichtet, die mit 120 000
Gulden Einkommen nur 1000 jährlich ausgeben. Wo dies Sparmotiv
ausschlaggebend ist, dort werden die äufseren Bedingungen, unter
denen sich das Sparen vollzieht, keine Rolle spielen, Ob seine Ersparnisse
 viel Zinsen oder gar keine bringen, wird für den, der nicht
um des Gewinnes willen sondern aus sittlichen Gründen, aus Mäfsigkeit
spart, nicht ausschlaggebend sein. Bei diesem ersten Sparmotive ist
Selbstzweck die Mäfsigkeit; dafs dadurch gespart wird, ist nur der
indirekte, nicht ausdrücklich gewollte, mehr accidentelle Erfolg der
Mäfsigkeit. Bei den beiden folgenden Motiven fehlt dieser ethische
Charakter, sie sind mehr wirtschaftlicher Natur.
Zweites Motiv: Hier kommt zunächst das Sparen aus angebornem Sparsinn, das
ungeborenem Sparen um seiner selbst willen in Betracht. Dieses Sparen hat nichts

\ Richesse de Hollande (I, 305) und Roscher, Grundlagen 8 229, 1.
        <pb n="36" />
        33

mit dem Vorsorgen für zukünftige Zeiten oder mit einem durch die
Aussicht auf späteren Gewinn inspirierten Sparen zu thun. Nicht die
Aussicht auf späteres Wohlleben, auf die Macht, die der zu erwerbende
Reichtum verleihen kann, treibt hier zum Sparen an, sondern ein angeborener
 Sparinstinkt; es ist die Freude am Sammeln an sich, die
Freude am Golde selbst, die hier zu Tage tritt. Der Durst nach
Gold (auri sacra fames) ist nicht das Verlangen nach den Genufsund
 Machtgütern, die indirekt durch das Gold erworben werden,
sondern es ist die Freude am Golde selbst, es ist die Leidenschaft
des Sammlers, die sich hier offenbart. Auch in anderen Fällen kann
liese Leidenschaft des Sammelns einen uns anderen Menschen unvernünftig
 erscheinenden hohen Grad erreichen, und wir pflegen, besonders
 wenn uns die Wahl des Objekts der Sammlung unverständlich
ist, diese Sammelsucht als eine Einseitigkeit des menschlichen Geistes
anzusehen, Aber wohl keine Sammelwut erreicht je den Höhepunkt,
zu welchem der Golddurst gesteigert werden kann, und da Gold,
wenn es nicht als Herrschafts- oder Genufsmittel, sondern um seiner
selbst willen gesammelt wird, uns als Sammelobjekt ebenso unverständlich
 oder noch unverständlicher erscheint wie das Sammeln von
Pfeifenköpfen und Spazierstöcken, so hat man diese Sucht nach Gold
um seiner selbst willen, die Abneigung, sich vom Golde zu trennen,
überall dort, wo sie in übermäfsig gesteigertem Mafse zum Ausdrucke
kommt, stets als etwas Krankhaftes und Verwerfliches angesehen. *)
Drückt sich diese Leidenschaft mehr aktiv in dem Wunsche nach
Mehrerwerben aus, so nennen wir sie Habsucht, drückt sie sich mehr
passiv in der Abneigung, sich vom Golde zu trennen, aus, so nennen
wir sie Geiz. Freilich brauchen wir den Ausdruck Geiz — aber wie
ich glaube nicht ganz korrekterweise — auch in anderen Fällen, überall
dort, wo wir eine übergrofse, uns übertrieben scheinende Sparsamkeit
bezeichnen wollen. Einen Mann, der sich die nötigsten Bedürfnisse,
um sparen zu können, versagt, nennen wir geizig, °) bei näherer Unter-1)

 Roscher, 8 218.
2) So sagt z. B. Lexis in Schönbergs Handbuch der politischen Ökonomie
Tübingen 1896) Artikel „Die volkswirtschaftliche Konsumtion“ $ 18: „Die Spar-:amkeit.
 artet zum Geiz aus, wenn der Wirtschaftende aus eigener Neigung, um
möglichst grofse Überschüsse zu sammeln, weit unter der Lebenshaltung zurückbleibt,
 die der herrschenden Sitte nach seinem Einkommen entsprechen würde.‘
Hier ist also mehr das rein äufserliche Mafls des Sparens als entscheidendes
Merkmal hingestellt, nicht der innerliche Beweggrund, der doch eigentlich das
allein Mafsgebende sein müfste. Justi (Johann Heinrich von) setzt in seinem
Werke „Staatswirtschaft oder systematische Abhandlung aller ökonomischen und
        <pb n="37" />
        834 _

suchung aber werden wir diesen Ausdruck in vielen Fällen berichtigen
müssen. Ein Mann, welcher für andere darbt, der z. B. für seine
Kinder spart, ist nicht geizig; einen Mann, der seinen Konsum in
übertriebener Weise einschränkt, um von den gemachten Ersparnissen
seine spätere Carriere zu bestreiten, werden wir nicht geizig nennen,
sodafs Geiz also nicht eine graduelle Unterscheidung der Sparsamkeit
ausdrückt, sondern eher die Wurzel bezeichnen will, aus der die Sparsamkeit
 resultiert. Das Anhäufen des Goldes ohne weiteren Zweck,
um seiner selbst willen, ist ein Motiv an sich und der Ausdruck Geiz
sollte nur auf eine aus diesem Motive hervorgegangene übertriebene
Sparsamkeit angewandt werden.
Wenn nun auch der Geiz als solcher keine häufige Charaktereigenschaft
 ist, so darf man doch den Trieb, Geld um des Geldes
willen zu sammeln, reicher werden zu wollen, nur um anderen den
Vorrang abzulaufen, nicht unterschätzen; er spielt bei fast allen
Menschen, bei allen Völkern mit, er wird sich nur selten zum Geize
entwickeln, er wird oft mit den beiden anderen Sparmotiven verwechselt
werden, aber er wird stets einer der grofsen Faktoren bleiben, die
den Menschen zum Sparen antreiben.
ittes Motiv: Das dritte Motiv nun, aus dem unsere Sparsamkeit hervorgehen
Ss Sparen aus x n . . n x
erechnung. kann, ist nicht, wie das besprochene, in einem natürlichen und angeborenen
 Sparinstinkte zu suchen, sondern in dem den meisten
Menschen innewohnenden Streben nach Höherem und Besserem. Die
Erkenntnis der durch das Sparen zu erzielenden wirtschaftlichen Vorteile
 spornt hier zum Sparen an, die Erreichung eines besseren wirtschaftlichen
 Zustandes ist hier Endzweck. Während das Sparen aus
Mäfsigkeitsgründen von dem moralischen, ethischen Niveau der Bevölkerung
 abhängt, während das Sparen aus Freude am Sammeln
von einer Naturanlage abhängig ist, ist das Vorhandensein dieses
Sparmotivs von der geistigen und kulturellen Entwickelungsstufe und
Entwickelungsfähigkeit eines Volkes bedingt. Domela ?) nennt diese
geistige Vorbedingung für das Vorhandensein dieses Sparmotivs die
Fähigkeit, sich Zukünftiges vorzustellen verbunden mit der Energie.

Kameralwissenschaften, die zur Regierung eines Landes erforderlich sind“, Leipzig
1755, den Unterschied also auseinander: „Die Sparsamkeit beobachtet alle Pflichten,
lie sie sich selbst und anderen schuldig ist, und setzt den Wohlstand und den
Betracht, den man vor die vernünftigen Gewohnheiten der Welt haben muß, nie
aufser Augen. Der Geiz hat aber vor Alles dieses nicht die geringste Aufmerkaamkeit.“

7 Domela S. 835.
        <pb n="38" />
        35

auf die Erreichung dieses Zustandes hin zu handeln. Allein daraus,
dafs das Vorhandensein dieses Sparmotivs von jener Vorbedingung
abhängig ist, möchte ich das Recht ableiten, dasselbe als besonderes
Sparmotiv vom vorigen zu trennen, dessen Vorhandensein an keine
solche Prämisse geknüpft ist, wir müssen daher bei der Betrachtung
dieser Vorbedingung länger verweilen.
Nur wenn wir während des Überflusses des Sommers uns den
kommenden Winter mit seinem Mangel vorzustellen vermögen, werden
wir Vorräte sammeln. Reicht unsere Fähigkeit, uns zukünftige Dinge
vorzustellen, noch weiter, so werden wir nicht nur an Zustände denken,
die wir in ihrer regelmäfsigen Wiederkehr kennen, sondern auch an
solche, die nur selten, nur mehr ausnahmsweise eintreten, wie z. B.
Mifsernten, und werden auch für diese Fälle vorsorgen; das Sammeln
von Vorräten entspringt also hauptsächlich diesem Motive, Aber
dieselbe Fähigkeit ermöglicht es uns auch, uns einen vollkommeneren
Zustand als unseren jetzigen vorzustellen, die Erfahrung lehrt uns, dafs
eine kleine Einschränkung des Konsums sich in der Zukunft durch
Mehrgewinn lohnt und wir bedürfen nur der Energie, dieses Opfer
zu bringen, um unsere Lage etappenweise zu verbessern und einen
immer idealeren Zustand zu erreichen. Es handelt sich hier also um
die Fähigkeit, sich künftige und vollkommenere Sachen vorstellen zu
können und um die Energie, Genüsse der Gegenwart für gröfsere
Genüsse der Zukunft aufopfern zu können. Diese Fähigkeit ist keineswegs
 bei allen Völkern und auf allen Kulturstufen in dem gleichen
Malse vorhanden. Es ist bekannt, dafs unkultivierte Völker nicht
einmal soweit vorausschauen, dafs sie ihre Jagdbeute aufbewahren,
sondern „ursprünglich das zerstören, was sie nicht auf der Stelle geniefsen
 können“.!) Wir werden später sehen, wie sehr die Kultur die
Fähigkeit des Vorsorgens entwickelt. Dals es aber Individuen wie
Völker giebt, bei denen diese Fähigkeit auch mit anfangender Kultur
sich nicht entwickelt, wo sie überhaupt fehlt oder unwiderbringlich
verloren ist, geht aus den von Dr. Rae gegebenen bei Domela wiederholten
 Beispielen über die Indianer und den Jesuitenstaat in Paraguay
 hervor. %)

1) Siehe Roscher $ 45 und daselbst Anm. 6. Vergl. Hearne, Reise nach
Princewalesfort 43, 58, 119; Baron von Sprengel 282; Humboldt, Relation historique
 II, 245; Derselbe, Ausland 1844 Nr. 359, 1845 Nr. 84; Stein-Wappäus, Handbuch
 der Geographie I, 310.
?) Dr. Rae, New Prineipes on political Economy S, 130 bis 135; Domela
5. 35 bis 38.
        <pb n="39" />
        — 36 —

„An den Ufern des St. Lawrenzstromes, sagt er, giebt es mehrere
kleine Indianergemeinden. Sie besitzen eine ziemliche Strecke bereits
längst von Holz gesäuberten Landes und aufserdem viel Wald. Aber
es fällt ihnen nicht ein, dieses Land zu bebauen und den Wald auszuroden.
 Und doch ist der Boden fruchtbar, und wäre er dies nicht,
so liegt haufenweise Dünger bei ihren Wohnungen, den sie zur Verbesserung
 desselben verwenden könnten. Würde jede Haushaltung
nur einen halben Morgen einzäunen, bearbeiten und mit Kartoffeln
und Mais bepflanzen, so besäfse sie für 'reichlich ein halbes Jahr
Nahrung, während sie jetzt von Zeit zu Zeit den bittersten Mangel
leidet, mitunter der Unmäfsigkeit fröhnt und fast unausgesetzt ihre
Zahl hinschwinden sieht. Und doch sind die Bewohner nicht träge
oder arbeitsscheu. Im Gegenteil, sie arbeiten gern und emsig, sobald
die Belohnung für ihre Arbeit unmittelbar stattfindet, Unmittelbar
lohnt die Jagd, die Fischerei, das Rudern von den dort gebräuchlichen
grofsen Böten und die anstrengende Beförderung von Flöfsen durch
die Stromschnellen. Diesen Erwerbsarten liegen sie fleifsig ob. Nicht
also dem Ackerbau mit seinem entfernteren KErtrage. Wenn. auch
ein Vorurteil gegen diese Arbeit bei vielen vorhanden sein mag, SO
ist dieses doch zu beseitigen, denn einige kleine Inseln im St. Francis-See,
 nahe dem Indianerdorfe St. Regis, haben kleine Stücke Landes
mit Mais bepflanzt, eine Frucht, die einen hundertfältigen Ertrag
liefert und selbst, wenn erst halbreif, schon eine angenehme und nahrhafte
 Speise abgiebt. Doch auch hier zeigt sich der enge Blick, Der
bebaute Boden ist dem Vieh unzugänglich und daher keine Umzäunung
 erforderlich. Wäre auch dafür zu sorgen und eine Auslage
nötig, so würde vermutlich der Anbau unterbleiben. Die gewöhnlichen
Ländereien bei den Dörfern sind nämlich dem Vieh von benachbarten
Ansiedlern zugänglich und seitdem nicht mehr bebaut. Um so bemerkenswerter
 ist dies, weil die Bewohner Werkzeuge benutzen, die
ganz vollständig sind. Die kleinen Kornfelder sind durchaus von
Unkraut gereinigt und zerhackt. Keine Nachlässigkeit lassen sie sich
in dieser Hinsicht zu Schulden kommen. Das Hindernis für einen
ausgedehnteren Anbau liegt nicht in der dazu nötigen Arbeit, sondern
in dem entfernteren Ertrage derselben. Bei einigen der entfernteren
Stämme übertrifft sogar die angewendete Arbeit die durchschnittlichen
Leistungen der Weifßsen. Diese Stämme bestellen die nämlichen
Grundstücke ohne Unterlafs, machen von Dünger Gebrauch und bemühen
 sich aufs sorgfältigste, den Boden sowohl mit der Hacke als
mit der Hand aufzulockern und zu zerreiben. Ein Weifser aber hätte
        <pb n="40" />
        —_ 37 —

unter gleichen Umständen schon längst ein frisches Stück Land urbar
yemacht. Dieses dürfte vielleicht im ersten Jahre die darauf verwendete
 Arbeit kaum vergüten und er würde seine Belohnung erst
von den darauf folgenden Jahren zu erwarten haben. Für die Indianer
liegen folgende Jahre zu fern. Um das zu erlangen, was die Erwerbsthätigkeit
 weniger Monate hervorbringen kann, strengen sie sich
mehr an als die Weilßsen. Jede Thätigkeit dagegen, die erst Erfolg
in einer späteren Zeit verspricht, macht auf den Indianer keinen Eindruck,
 geht einfach über sein Verständnis. Er vermag nicht, sich
eine entferntere Zukunft vorzustellen und steckt sich kein entfernteres
Ziel. Er ist deshalb auch weder intellektuell noch moralisch zum
Sparen fähig.
Die Erfahrung der Jesuiten in Paraguay bestätigt diese Auffassung.
 Der Kultivationsversuch der Ordensbrüder erstreckte sich
über ca. 150000 Seelen, die von ihren etwa 100 Lehrern in Ortschaften
 von mindestens 2500 und höchstens 7000 Personen untergebracht
 wurden. Sie gehörten dem Stamme der Guaranis an und
waren, wie die meisten Indianer, der Trunksucht ergeben. Doch es
gelang den Patres, sie an den Paraguaythee zu gewöhnen und von
ainem Übel zu heilen, das von vornherein jeden Erfolg in Frage stellte.
Die Jesuiten gewannen das Vertrauen der Eingeborenen und mit
Jiesem Vertrauen hinreichenden Einflufs, ihre Erwerbsthätigkeit und
ihre Lebensweise so zu gestalten, wie sie sich diese wünschten. Sie
brachten die Indianer vollständig zur Unterwürfigkeit und zum Gehorsam,
 stellten einen Friedenszustand. her und lehrten sie alle Verrichtungen
 der europäischen Landwirtschaft sowie viele der schwie«
rigsten Handwerke. Der Geschichtsforscher Charlevoix erwähnt Werkstätten
 von Vergoldern, Malern, Bildhauern, Goldschmieden, Uhrmachern,
 Zimmerleuten, Tischlern, Färbern etc. Es gelang den Ordensbrüdern,
 den Widerwillen gegen die Arbeit zu überwinden. Die
Leistungen entsprachen den Anforderungen und Wünschen der geistlichen
 Herren und Meister. Es gelang ihnen aber nicht, die Sorglosigkeit
 auszurotten. Die Unfähigkeit, sich eine entferntere Zukunft
vorzustellen und der Ungewifsheit aller künftigen Dinge Rechnung
zu tragen, blieb bestehen und zum Sparen waren sie also nicht zu
bewegen. Vom ersten bis zum letzten Tage der Missionsthätigkeit
brauchten die Eingeborenen die gleiche und genaueste Aufsicht der
Lehrer. Wollten letztere sicher sein, dafs das Fleisch gleichmälfsig
anter die Leute kam und nichts vergeudet ward, so mufsten sie stets
beim Schlachten zugegen sein und die Verteilung leiten. Wollten sie
        <pb n="41" />
        38 —

gewils sein, dafs am Abend die Ochsen vor dem Pfiuge nicht aus
Unbedachtsamkeit angeschirrt stehen blieben, so mufsten sie sich erst
persönlich davon überzeugen. Wollten sie wissen, ob es in den
Wohnungen an nichts fehle, ob noch Vorrat genug für den Lebensbedarf
 vorhanden sei und ob hinreichendes Korn zur Aussaat aufbewahrt
 werde, so mufsten sie immer aufs neue nachsehen. Und trotz
der gröfsten Sorgfalt und strengsten Strafen kam es häufig vor, dafs
die Leute die Ochsen, mit denen sie arbeiteten, zum Abendessen
schlachteten, „weil sie hungrig gewesen seien“, oder dafs die Vorräte
zur Deckung künftiger Bedürfnisse verschwunden waren, weil sie sich
um derartiges nicht kümmerten, Ersichtlich konnte kein noch 80 fein
ausgedachtes und mit eiserner Energie durchgeführtes System die
zur Selbstbeherrschung und Selbstbeschränkung erforderliche intellektuelle
 und moralische Kraft ersetzen. Ohne diese aber mulste der
Kultivationsversuch mifslingen, die Sorglosigkeit eher zu- als abnehmen.?)
Günstiger liegen die Verhältnisse in China. Doch auch hier
zeigt der Mangel an Fähigkeit, sich den Sinn für das Dauerhafte anzueignen,
 wie wenig Vorbedacht und Voraussicht die Neigungen des
Volkes bestimmen. Die Häuser der Chinesen sind, mit Ausnahme
von denen der höheren Stände, meistenteils aus ungebrannten Backsteinen
 oder aus Lehm oder aus mit Erde verklebtem Flechtwerke
hergestellt; die Dächer bestehen aus Schilf, an Latten befestigt; die
Scheidewände sind von Papier und müssen jedes Jahr erneuert werden.
Die Neigung zum Sparen ist, nach Rae, nicht stark genug, die Energie
herbeizuführen, die diesem Zustande ein Ende bereitet. Ihre landwirtschaftlichen
 und sonstigen Geräte sind fast gänzlich von Holz,
einer raschen Abnutzung ausgesetzt und häufig erneuerungsbedürftig.
Die Neigung zum Sparen ist zu schwach, in dieser Hinsicht dem
Dauerhaften die Wege zu ebnen.“
Rae zeigt hier, wie ein fleilßsiges und mäfsiges Volk eben wegen
mangelnder Fähigkeit. sich eine bessere Zukunft vorzustellen. für

1) Hier waren die Bewohner vielleicht weniger schuld als das System, In
diesem Systeme, wo die Jesuiten für alles vorsorgten, die freie Selbstverantwortung
 der Einwohner in allem beschränkt war, ihr Selbstinteresse am wirtschaftlichen
 Leben nicht entwickelt wurde, dort konnte eine intellektuelle und
moralische Kraft, der Sinn für Sparsamkeit, der Vorsorge für künftige Zeiten
sich nicht entfalten; um dies zu erreichen hätten die Jesuiten gerade das umgekehrte
 System anwenden und die Bewohner in wirtschaftlicher Freiheit und
Selbständigkeit erziehen müssen. Die Anhänger eines kommunistischen Zwangs-3taates
 könnten hieraus eine Lehre ziehen.
        <pb n="42" />
        — 39 —

jeden Fortschritt lahm gelegt ist. Mag jene Fähigkeit auch in vielen
Fällen durch die Kultur den Völkern anerzogen werden können (wir
kommen im folgenden hierauf zurück), so giebt es doch, wie Rae an
dem Schicksale des Jesuitenstaates zeigt, Völker, wo auch dies nicht
möglich ist. Ein ganz entgegengesetztes Beispiel liefert uns in Deutschland
 die Geschichte so vieler Bauernansiedelungen. Indem die Bauern
die gewonnenen Früchte ihrer Arbeit immer von neuem in die Produktion
 stecken, indem sie unablässig für eine Zukunft arbeiten, die
sie selbst nicht mehr erleben können, schaffen sie in wenigen Generationen
 an Stelle von Urwald und öden Mooren fruchtbare Felder,
blühende Dörfer!) Bei allen diesen Ansiedelungen handelt es sich
um Ersparnisse im grofsen. Nur dadurch, dafs die Bauern das
Produkt ihrer Arbeit nicht ganz verzehrten, sondern dasselbe immer
wieder produktiv verwendeten, konnten sie diese grofsen Erfolge erzielen.
 Das Sparen ist hier nicht ein Ansammeln von Schätzen, noch
geht es aus Mäfsigkeitsgründen hervor, es ist vielmehr die Fähigkeit,
sich Zukünftiges vorstellen zu können, verbunden mit der sittlichen
Kraft, dafür zu leben, auch wenn man weils, dafs erst die Kindeskinder
 die Früchte von den Bäumen pflücken werden, die man heute
gepflanzt hat.
Geht also dieses dritte Sparmotiv aus ganz anderen geistigen _ Weitere
" . &amp;amp; x Unterschiec
Vorbedingungen hervor, wie die beiden anderen erstbesprochenen zwischen d'
Motive, so ist es von diesem auch noch in vielen anderen Punkten des beiden
unterschieden. genannten
1. Dieser aus der Aussicht auf späteren Gewinn und aus der
Absicht, etwas Zukünftiges zu schaffen, hervorgehende Spartrieb,
ist sowohl einer altruistischen wie einer egoistischen Färbung fähig. In
vielen Fällen hoffen wir ja wohl selber die Früchte unserer Anlage
zu genielsen, Ein typisches Beispiel ist hier der Franzose; der bekanntlich
 in Frankreich sehr stark entwickelte Sparsinn hat dort,
besonders in den mittleren und unteren Ständen, den Zweck, dem
betreffenden Sparer einen möglichst sorgenlosen, behaglichen Lebensabend
 zu gönnen und ihm zu gestatten, das Tagewerk dieses Lebens
30 früh wie möglich abzuschliefsen. Aber in wie viel anderen Fällen
sparen wir nicht für uns selbst, sondern für unsere Kinder. Die
öffentliche Meinung verlangt eine solche Sparsamkeit von einem jeden
tüchtigen Familienvater; wie oft weils der Sparer, dafs erst seine
Enkel oder Urenkel die Früchte seiner Sparsamkeit ernten werden;

:\ Siehe Domela S. 25 und 381.
        <pb n="43" />
        —— 40

überall dort, wo es sich wie bei dem oben genannten Beispiele um
die Bebauung eines neuen Landes, die Schaffung einer neuen Kultur
handelt, sehen nur die wenigsten selber das gelobte Tand, für das sie
gespart und gearbeitet haben. Wenn sie also für eine so entfernte
Zukunft sparen, so leitet sie nicht Egoismus sondern das altruistische
Bestreben, für ihre Kinder zu sparen, ihre Pflicht zu thun als nützliche
 Glieder ihrer Gemeinde, ihres Staates und der Menschheit.
Dafs der Endzweck des Sparens sich nicht immer auf die Familie zu
beziehen braucht, sondern dafs auch für gröfsere Verbände, die
Heimatstadt, den Staat u. s. w. gespart werden kann, dafür bietet
uns manches schöne Beispiel Amerika, wo so manches zusammengesparte
 Vermögen gemeinnützigen, wohlthätigen und patriotischen
Zwecken zu gute kommt (wie man überhaupt ja in Amerika nicht so
darauf hält, seinen Kindern viel zu hinterlassen, diese vielmehr auf
ihre eigene Arbeit anzuweisen sucht).
Das andere wirtschaftliche Motiv, das angeborene Streben, Geld
um seiner selbst willen anzuhäufen, ist einer solchen altruistischen
Färbung nicht fähig, der Goldgierige denkt nicht an die Zukunft
seiner Kinder oder an einen zukünftigen durch seine Ersparnisse zu
verbessernden Zustand, Er freut sich des gegenwärtigen Besitzes
und sein ganzes Sinnen geht darauf aus, mehr als andere zu haben.
2. Ein zweiter Unterschied liegt darin, dafs der Mann, der für
die Zukunft spart, nur in den seltensten Fällen zu jenen häfslichen
Übertreibungen des Spartriebs gelangen wird, denen der Geldgierige
so leicht ausgesetzt ist. Da ein Sparen auf die Zukunft hin, wie wir
gesehen haben, nicht aus einem instinktartigen Triebe sondern aus
vernunftgemäfser Überlegung hervorgeht, so liegt die Gefahr » das
richtige Mafs zu überschreiten, hier viel ferner als dort. Die Sparsamkeit
 eines vorsorgenden Familienvaters wird selten zur Kargheit
führen, im Unterschiede zum Geizigen wird er für notwendigen, nützlichen
 und edlen Konsum stets eine offene Hand haben, Für die
geistige und körperliche Ausbildung seiner Kinder, zur Schaffung
eines gemütlichen Heims, zur Befriedigung seines Kunstsinnes, für
Wohlthätigkeitszwecke oder um den Seinen eine unschuldige Freude
zu bereiten, wird er meistens Geld zu opfern bereit sein. Dasselbe
sehen wir im grofsen von den Ständen, die jenem selben Sparsinne
ihre Wohlhabenheit verdanken. Die Mönche des Mittelalters sammelten
trotz ihrer Sparsamkeit Kunstwerke, sie schufen herrliche Denkmäler
der Baukunst, sie verwandten grofse Mittel für die Pflege der Wissenschaften.
 Die reichen Städter verstanden trotz ihrer Sparsamkeit
        <pb n="44" />
        einen edlen Luxus in ihren Häusern zu pflegen, ihre Rathäuser und
Kirchen zeigen, dafs sie auch für Kunstzwecke Geld übrig hatten.
Ein treffendes individuelles Beispiel hierzu liefert auch die bekannte
grofse Sparsamkeit der beiden preufsischen Könige Friedrich Wilhelm I
and Friedrichs des Grofsen, ebenfalls nicht aus dem Bestreben Geld
anzusammeln sondern aus ihrer Vorsorge für die Zukunft des Staates
entspringend, artete ihre Sparsamkeit demgemäfs nie in Geiz aus;
während sie ihren eigenen Haushalt beschränkten, waren sie stets
bereit, die gröfsten Summen für Wohlfahrtszwecke des Staates oder
ihrer Unterthanen zu opfern.
3. Das Bewufstsein, diese ersparten Güter durch strenge an-Aauernde
 Selbstüberwindung durch eigene Kraft erübrigt zu haben,
seinen Wohlstand sich selbst geschaffen zu haben, giebt dem einzelnen
Individuum, dem ganzen Volke wie dem einzelnen Stande ein erhöhtes
Selbstbewulstsein und eine gesunde Lebensfreudigkeit, zwei Züge, die
wir wiederum bei allen den Ständen und Personen finden, die ihren
Wohlstand einem auf die Zukunft gerichteten Sparsinn verdanken, die
aber überall dort fehlen, wo der Reichtum aus dem Sparmotive erwachsen
 ist, welches dazu antreibt, Geld um seiner ‚selbst willen anzusammeln.
 Wer durch Geiz reich geworden ist, dem fehlt jenes
Selbstbewulstsein, jene Lebensfreudigkeit, wie sie z. B. der Städter
des Mittelalters und der reiche Bauer besitzen. Hierin zeigt sich ein
weiterer in der Natur der beiden Sparmotive begründeter Unterschied.
4. Am klarsten zeigt sich aber dieser Unterschied bei einer Untersuchung
 über den Einfluls, den die äufseren Bedingungen auf die
Entwicklung. des Sparens haben, wir kommen auf die durch die
äußeren Bedingungen auf das Sparen geübte Einwirkung noch des
breiteren zurück, hier nur folgendes: Für den, der aus ethischen
Motiven, aus Mäfsigkeitsgründen spart, spielen die äulseren Bedingungen
gar keine Rolle; da für ihn die Mäfsigkeit an sich der Zweck ist,
so sorgt er wenig darum, ob er das ersparte Geld sicher und nutzbringend
 anlegen kann oder nicht, Ebenso haben die äufseren Bedingungen
 für den, der aus angebornem Sparsinn spart, wenig Bedeutung.
 Er wird es vorziehen, sein Geld möglichst sicher anzulegen,
möglichst viel Zinsen von seinen Ersparnissen zu erzielen, aber da
ihn nicht die Berechnung des Vorteils sondern ein innerer Trieb zum
Sparen anhält, so wird er auch dort sparen, wo er keine Zinsen erhält
 und wo die Anlage seines Geldes eine durchaus unsichere ist.
Ganz anders dagegen ist der Einflufs der äufseren Bedingungen auf
Jenjenigen, der aus Vorsorge für die Zukunft, auf einen späteren
        <pb n="45" />
        4.2

Gewinn hin spart. Da dieses Sparen der rein verstandesmäfsigen
Beurteilung der in Zukunft zu erzielenden Vorteile entspringt, so ist
es natürlich von den äufseren Bedingungen ganz abhängig, bei Unsicherheit
 der Kapitalanlage, bei niedrigem Zinsfulse wird es zurückgehen,
 bei allgemeiner Sicherheit und hohem zu erwartendem Gewinne
werden die aus dem genannten Sparmotive hervorgehenden Ersparnisse
sofort bedeutend steigen.
5. Das letztgenannte Sparmotiv ist das wirtschaftlich bedeutsamste,
88 wirkt dort, wo es in Erscheinung tritt, produktiver als die beiden
erstgenannten Motive. Wer aus Mälsigkeitsgründen spart, wird oft
auf die Anlage seiner Ersparnisse nicht die nötige Sorgfalt verwenden
und zuweilen unproduktive Anlagen machen, wie wir das ja aus den
wirtschaftlichen Verhältnissen der ersten Christen und anderer religiöser
 Genossenschaften sehen, die sich wirtschaftlich lange nicht in
so blühender Lage zeigen, wie man es nach dem Fleilse und der
Sparsamkeit der Mitglieder annehmen könnte. Wer anderseits aus
angeborenem Sparsamkeitstrieb, aus Freude am Geldanhäufen spart,
wird ebenfalls nicht immer so produktiv vorgehen, als es wirtschaftlich
für ihn vorteilhaft wäre, weil er unwillkürlich mehr an einen momentanen
 Besitz als an den Ausbau einer ferner liegenden Zukunft denkt,
weswegen ein unproduktives Thesaurieren hauptsächlich unter dem
Impuls dieses Sparmotivs stattfinden wird. Er wird z. B. auf Kosten
seiner Gesundheit oder unrationeller Weise an Betriebsmitteln auf
Kosten der künftigen Produktivität sparen. Wer aber für die Zukunft
 auf einen zukünftigen Gewinn hin spart, der spart von vornherein
 in einer wirtschaftlichen Absicht, der legt naturgemäfs auf die
Art der Anlage das meiste Gewicht und sucht dieselbe so produktiv
wie möglich zu gestalten. Wir können dieses letztere Sparmotiv also
mit Recht als das wirtschaftliche Sparmotiv bezeichnen.
6. Und schließlich ist dies letztere Motiv der psychologisch
wichtigste, am häufigsten anzutreffende, bei fast jedem Sparakte mitspielende
 wenn nicht ausschlaggebende Faktor. Das Sparen aus ethischen
Beweggründen, wie das aus angeborenem Sparsinn, haben beide, wie
wir sahen, nur beschränkte Bedeutung, das Sparen aus Berechnung,
um Vorteile halber ist das allgemeinste. Seiner Natur nach kommt
88 mehr zur Geltung bei den Mittelklassen als bei den ganz
armen oder ganz reichen Ständen und findet sich demgemäfs am
häufigsten in den Ländern, wo der Mittelstand überwiegt, es steigt
und fällt mit der Kulturentwicklung eines Volkes (siehe unten), ‚wie
wir bei Betrachtung der Bedingungen, von denen das Sparen abhängt,
        <pb n="46" />
        _— 43

‚schen werden. Im allgemeinen überwiegt dieses wirtschaftliche
Sparmotiv so sehr über die beiden anderen Motive, dal wir,
wenn wir im allgemeinen von Sparen reden, in erster Linie stets
an das aus diesem Sparmotiv hervorgegangene Sparen denken
werden.
Fassen wir noch einmal die charakteristischen Momente der drei
Sparmotive zusammen: Erstens, das aus Mäfsigkeitsgründen hervorgehende
 ethische Sparmotiv, hier ist die Einschränkung Selbstzweck,
nicht die Idee, Vorräte für die Zukunft aufzuhäufen oder die Aussicht,
 aus dem Ersparten Zinsen zu beziehen, leitet den Sparer, sSondern
 das sittliche Prinzip der Mäfsigung, der Verurteilung eines jeglichen
 Luxus; ein aus diesem Motive hervorgehendes Sparen ist von
äußeren Bedingungen unabhängig und wirkt wirtschaftlich weniger
produktiv als das dritte Sparmotiv. Zweitens, das aus angeborenem
Triebe hervorgehende wirtschaftliche Sparmotiv, welches sich in der
Freude am Gelde selbst, am Ansammeln desselben, in der Absicht
mehr zu haben als andere, in der Scheu, dasselbe wegzugeben, ausdrückt;
 dieses Sparmotiv wird ebenfalls nicht in seiner Wirkung von
äufseren Bedingungen beeinflulst, dieser Trieb würde auch ohne Aussicht
 auf irgend einen aus dem Sparen abzuleitenden Gewinn wirksam
sein. Derselbe ist einer altruistischen Tendenz unfähig, kann sich
leicht zu sehr ausbilden und dann zu Übertreibungen führen, auch
er wirkt nicht so produktiv wie das andere wirtschaftliche hier an
dritter Stelle genannte Sparmotiv. Drittens, das aus der Aussicht
auf späteren Gewinn, aus dem Bestreben, seine Lage in der Zukunft
zu verbessern, hervorgehende Sparmotiv. Hier ist es der ebenfalls
vielen Menschen angeborene Trieb, nach etwas Höherem und Besserem
zu streben, der zum Sparen führt. Dieses Motiv ist bei seiner Ausbildung
 von der geistigen Entwicklung des Sparers, besonders von
zeiner Fähigkeit, sich Zukünftiges vorzustellen, Zukünftiges berechnen
zu können, abhängig. Dieser Trieb kommt psychologisch am häufigsten
 vor; er kann sowohl altruistisch, wie egoistisch gefärbt sein, er
führt nicht zu Übertreibungen und ist in seiner Entwicklung von
äufseren Bedingungen speziell von der Höhe des aus der Kapitalanlage
 zu erzielenden Gewinnes abhängig. Die aus diesem Sparmotiv
hervorgehenden Ersparnisse sind meistens in produktiver Weise angelegt,
 so dafs dieses Sparmotiv wirtschaftlich das bedeutungsvollste
ist, da wir ihm nicht nur unsere gröfsten Kulturschöpfungen, sondern
auch die Stärkung eines gesunden, selbstbewulsten , lebensfreudigen
Bürgergeistes verdanken, so dafs ein Zurückgehen gerade des aus

Nochmalige
Zusammen-'assung
 der $#
Syarmotive
        <pb n="47" />
        diesem Motive hervorgehenden Sparsinns einen unersetzlichen Verlust
für Staat und Volk bedeuten würde.
Ist es schon schwer, die begrifflichen Grenzlinien dieser drei Sparmotive
 zu ziehen, so wird es im einzelnen Falle um so schwerer sein
festzustellen, welches Sparmotiv diesen oder jenen Sparakt veranlalst
hat, umsomehr als fast nie ein Sparmotiv allein, oft alle drei gemeinsam
 wirksam gewesen sein werden. Wie weit das einzelne Sparmotiv
bei gegebenen Individuen und Völkern mitspielt, wird stets der Gegenstand
 einer besonderen Untersuchung sein müssen, im grofsen und
zanzen aber wird stets das Sparmotiv, das wir das wirtschaftliche
nannten, das mafsgebende sein, sowohl seiner wirtschaftlichen Bedeutung
 wegen als weil es psychologisch weitaus am häufigsten und einschneidendsten
 mitspielt, so dafs wir es als ausschlaggebendes Sparmotiv
 auch dieser Untersuchung zu Grunde legen können, umsomehr
als, wie wir sahen, bei der Betrachtung der Sparbedingungen, zu welcher
wir nun schreiten müssen, nur das aus diesem Sparmotive hervorgegangene
 Sparen in Betracht kommt.

IL.

varbedingun- Von welchen Bedingungen ist nun das Vorhandensein und die
Entwicklung des Sparsinns bei einzelnen Individuen sowie bei ganzen
Völkern abhängig?
Angeborener Aus der gegebenen Charakteristik der Sparmotive geht hervor,
Sparsinn. x « x .
dafs das Vorhandensein des Sparsinns teilweise von angeborenen
Eigenschaften abhängt. Das wirtschaftliche Sparmotiv, das wir auf
die Fähigkeit, sich zukünftige Dinge vorzustellen, zurückgeführt haben,
war dadurch ja schon ebenfalls von der ursprünglichen Naturanlage
beeinflulst, „Wie es verschwenderische und sparsame Individuen giebt,
so auch Völker“, Dem Schweizer z. B. mufs nach Roscher eine
grofse Sparsamkeit zugeschrieben werden, ebenso wie auch dem Hol-‘:änder.
 In der Schweiz sei es in vielen wohlhabenden Familien Sitte,
nach Kaffeegesellschaften im Beisein der Gäste die Krumen zusammenzukehren,
 von denen nachher Suppe gekocht werden soll.!) So will
1) Roscher $ 222, Die anderen hier von Roscher angeführten Beispiele,
dafs dort die erwachsenen Töchter an Stelle des Taschengeldes auf den Ertrag
ihrer Weifsstickerei angewiesen werden, dafs dort die Söhne bei Lebzeiten ihrer
Eltern nur wenig von Hause unterstützt werden und ihr Vermögen selbst begründen
 müssen, so dafs sie des eingezogenen Lebens gewohnt, wenn sie später
durch Erbschaft reich geworden, schon aus Bequemlichkeit ein anderes nicht
mehr anfangen. Diese Beispiele sprechen nicht so sehr, wie Roscher meint, für
len Geiz des Schweizers als für das dort übliche Prinzip, die Kinder schon früh
        <pb n="48" />
        45

2 den Holländern nicht in den Kopf, dafs der regelmäfsige Belauf
der Ausgaben dem Einkommen gleich sein sollte, und wo dies ja der
Fall wäre, da glauben sie ein Jahr umsonst gelebt zu haben. MKEine
solche Lebensart bringt den Menschen dort ebenso um seinen Ruf wie
in anderen Ländern: lasterhafte Ausschweifungen. ”) So schildert
Richesse de Hollande (1. 305) ein reiches Dorf bei Amsterdam, wo
ein Mann mit 120000 Gulden Einkommen vielleicht nur 1000 Gulden
für sich ausgiebt.?) Schon Defoe erzählt, dafs während ein Engländer
seiner Zeit mit 20 Schilling wöchentlichem Verdienste gerade ausreicht,
 ein Holländer damit reich wird und seine Kinder in blühenden
Umständen zurückläfst. °) Auch die Franzosen gelten als ein besonders
sparsames Volk, wenngleich sie oft nur während einer Hälfte ihres
Lebens sparen, also das Sparen früh aufgeben. Smiles in seinem
Buche über die Sparsamkeit erkennt an, dafs die arbeitenden Klassen
in Frankreich und Belgien zu den vorsichtigsten und sparsamsten
Leuten der Welt zählen. Sie legen ihre Ersparnisse hauptsächlich
;n Landkäufen und Staatspapieren an.’ Die Franzosen und Belgier
haben einen förmlichen Hunger nach Land, sie sparen alles, was sie
können, zu dem Zwecke, noch mehr zu erwerben.*) Auf der anderen
Seite geht nun aus den oben angeführten von Rae gegebenen Beispielen
 hervor, dafs es auch wiederum Völker giebt, die die zur
Entwicklung des Sparsinns nötigen Eigenschaften absolut nicht besitzen.
 Auch der Engländer lebt gewöhnlich fiott (Roscher 222). Hier
liegen die anderen Bedingungen (Klima, Kulturstufe u. 8. w.) doch
wesentlich wie in Frankreich, das geringere Vorhandensein des Sparsinns
 muls also doch auf einen ursprünglichen Charakterunterschied.
beider Völker zurückgeführt werden. ®)
zur Sparsamkeit zu erziehen, es sind also mehr pädagogische Malsregeln, die
keineswegs aus Geiz zu entspringen brauchen,
1) Temple Observations on the U. Provinces Works I, 136. 148 fe., 176.
?) Roscher, Grundlagen 5 222, Anm. 1.
;) D. Defoe, Giving alms no charity 1704.
4) Samuel Smiles „Die Sparsamkeit“. Deutsch von Dr. Moritz Busch.
Leipzig 1890. Siehe S. 200.
5) Vergl. Edmond Demolins: A quoi tient la superiorit6 des Anglo-Saxons
‘Librairie de Paris) S. 88 bis 90. Der Verfasser erkennt an, dafs in Frankreich
mehr „Geld“ gespart werde als in anderen Ländern, führt das aber auf zwei
Umstände zurück: 1. die geringere Kinderzahl Frankreichs; die Eltern sparten dadurch
 viel an Erziehungskosten, die in Deutschland oder England unter Umständen
 das ganze KHinkommen einer kinderreichen Familie absorbieren können,
Man könnte hinzufügen, dafs bei geringer oder abnehmender Bevölkerungs-„nahme
 auch durch Erbfall die Vermögen nicht geteilt werden, eher auf ein-
        <pb n="49" />
        ++)

San _ Ist so der Sparsinn einesteils eine angeborene Eigenschaft von
„dinns. Individuen und Völkern, so kann er doch anderseits durch äufsere
ziehung. Umstände ‚entwickelt und gekräftigt werden. Man hat beobachtet,
dafs der Sparsinn bei den Völkern der Tropen und denen des höchsten
Nordens verhältnismäfsig am wenigsten entwickelt ist. Die Erklärung
liegt hier nahe. Dort, wo wie in den Tropen, die Natur für jedermann
 ‘reichlich den Tisch gedeckt hat, wo Früchte in überreicher
Menge auch dem Armsten in den Schofs fallen, dort kommt der erste
Anreiz zum Sparen in Wegfall, nämlich die Vorsorge für Zeiten der
Not und des Mangels. Im höchsten Norden dagegen ermuntert die
unerbittliche Kargheit der Natur zu wenig den Sparsinn des Menschen
durch Aussicht auf späteren Erfolg, der Mensch wird indolent und
giebt es auf, seine Lage verbessern zu wollen, sich eine schönere
Zukunft auszumalen. In beiden angeführten Fällen wirkt die Natur
nicht erzieherisch auf den menschlichen Sparsinn. Ganz anders im
gemäfsigten Klima, wo wir durch die Natur zur Vorsorge für Zeiten
des Mangels angehalten werden, aber zugleich für unsere Ersparnisse
reichliche Belohnung empfangen. Die Natur ist hier eine gütige
Mutter, die uns die Notwendigkeit strenger Sparsamkeit lehrt, uns
aber dann auch die verdienten Früchte nicht vorenthält. !)
Auch durch ihre Schicksale werden Völker zur Sparsamkeit erzogen.
 Völker, die stets vom Glücke begünstigt waren, haben nie
den Segen der Sparsamkeit kennen gelernt, mifshandelte, geknechtete,
unterdrückte Völker haben das Sparen schliefslich verlernt. Im

zelne zusammenfallen, was diesen das Sparen natürlich erleichtert, wodurch
aber freilich nur ephemere Ersparnisse gezeitigt werden können, da die Arbeitskraft,
 die erste Quelle des Reichtums, sich ja durch die abnehmende Geburtenjendenz
 verringern mufs, %. Die Tendenz der modernen Franzosen, sich, sobald
sie ein kleines Vermögen erworben haben, den sogenannten liberalen Berufen,
jem Beamten und Offiziersstande zuzuwenden und deswegen ihr Geld lieber in
Staatspapieren oder in ausländischen Werten statt in der eigenen Industrie oder
im heimischen Ackerbau anzulegen, wodurch, da man bei Schätzung volkswirtschaftlicher
 Ersparnisse hauptsächlich die ersteren Werte berücksichtigt, diese
Ersparnisse im Verhältnisse zu anderen Ländern gröfser erscheinen, als sie es
faktisch sind.
1) Siehe Smiles S. 58: „Man sagt, dafs unter gesitteten Völkern die Kälte
die Mutter der Genügsamkeit sei. So verdanken die nördlichen Völker Europas
ainen Teil ihrer gedeihlichen Zustände der Strenge ihres Klimas. Die Kälte
nötigt sie, während des Sommers zu sparen, für Nahrung, Feuerung und Kleidung
während des Winters zu sorgen. Sie ermuntert zum Häuserbau, zum wirtschaftlichen
 Haushalten, Daher ist Deutschland fleifsiger als Sizilien, Holland und
Belgien fleifsiger als Andalusien. Nordamerika and Kanada fleifsiger als Mexiko.“
        <pb n="50" />
        at —

ersten Falle, wie die Römer zu Zeiten ihrer Weltherrschaft vom
GHlücke verwöhnt, rechnen sie nicht mehr mit der Möglichkeit eines
eintretenden Mangels, im anderen Falle hat ein hartes Geschick ihnen
jede Hoffnung auf etwas Besseres, sogar die Gabe, sich einen schöneren
Zustand vorzustellen, geraubt, Die Erziehung durch die Geschichte
antspricht also genau der Erziehung durch die äufsere Natur. Nur solche
Völker, die durch harte Zeiten hindurchgegangen sind, die genötigt
waren vorzusorgen, die durch die eiserne Not der Zeit zur Sparsamkeit
arzogen, aber nicht erdrückt worden sind, nur solche Völker kennen die
wahre Sparsamkeit. Aus den oben angeführten Beispielen aus der
Geschichte des Bauernstandes geht hervor, wie ganze Stände durch
sine harte Geschichte zur Sparsamkeit erzogen werden‘ können.
Ein weiterer wichtiger Faktor, der indirekt den Sparsinn ausbilden
 kann, ist der Beruf. Es ist sicher, dafs in jenen Berufen, die
ein gleichmäfsiges sicheres Auskommen gewähren, mehr gespart wird
als in denen, wo die Spekulation Kinflufs hat, die Chancen wechseln,
auf Überflufs Mangel folgt. Eigentlich sollte gerade in diesen letzteren
Berufen mehr gespart werden, der Mensch sollte sich bemühen, durch
Sparsamkeit die guten und schlechten Tage auszugleichen, im Glück für
die kommende Not vorsorgen. Es ist aber bekannt, dafs weder Kriegsleute
 und Seeleute !) noch Goldsucher, Spieler und Spekulanten sparsam
sind, sei es, dafs der Glückswechsel hier ein zu schroffer ist, dafs die
Zeit grofsen Glücks den Menschen verblendet, sei es, dafs die Gewöhnung
 sich dem Glück und seinen Chancen anzuvertrauen, das
Gefühl der Selbstverantwortlichkeit, das Pflichtgefühl, für die Zukunft
vorsorgen zu müssen, abstumpft.
Ist so die Entwicklung des Sparsinns im einzelnen von Klima,
Schicksal und Beruf abhängig, so wird sie im allgemeinen von keinem
Faktor so sehr wie von der Entwicklung der Kultur beeinflufst.
Man kann wohl sagen, dafs Kulturfähigkeit identisch sei mit der
Möglichkeit, den Sparsinn zu entwickeln, dafs die Ausbildung des
Sparsinns gemeinsam mit der Kulturentwicklung fortschreite und
dafs demgemäfs in den höchst kultivierten Ländern am meisten gespart
 werde. Die von Rae über die Indianer und den Jesuitenstaat
gegebenen Beispiele (siehe oben) zeigen deutlich, wie dort wo der
Sparsinn nicht vorhanden und nicht einzupflanzen ist, eine Kulturentwicklung
 sich als unmöglich herausstellt; der Wilde kennt den
Sparsinn nicht, den Indianern und Eskimos hat das Sparen erst von

x Siehe Roscher, Grundlagen 8 45 Anm. 4.
        <pb n="51" />
        3

den Missionaren mühsam gelehrt werden müssen. !) Je schneller sich
nun der Sparsinn entwickelt, um so schneller schreitet die Kulturentwicklung
 vorwärts, um so mehr wird hierdurch wiederum der
Anreiz zum Sparen und die Möglichkeit des Sparens (z. B. Aufhören
des Thesaurierens, sichere Anlage, sichere Zinsen, Volkssparkassen)
gefördert.) In Zeiten rückschreitender Kultur geht auch das Sparen
zurück, wir brauchen nur an die Römer in ihrer Verfallzeit zu denken.
Sparen ist ein Zeichen, dafs ein Volk hoffnungsfreudig in die Zukunft
blickt, ein Zeichen der Gesundheit des sozialen Körpers; geht diese
zurück, zeigt sich die Zukunft in trüben Farben, so nimmt der Antrieb
 zum Sparen ab und die Ersparnisse fallen ebenfalls.
2, Direkte Nachdem wir so die Umstände gewürdigt haben, die den Spar-Zrziehung
 des . 3 4 . x .
Sparsinns. Sinn indirekt beeinflussen, so kommen wir nunmehr zu den Bedingungen,
individuellen und staatlichen, durch die der Sparsinn planmäfsig entwickelt
 werden kann.
Wir haben bei Roscher®) gesehen, wie der Schweizer seine
Kinder zur Sparsamkeit erzieht; indem er sie von Jugend an auf
sich selbst, die Mädchen auf den Ertrag ihrer Weifsstickerei, die
Söhne auf ihren eigenen Beruf anweist, gewöhnt er sie an ein einfaches
 arbeitsames Leben, welches sie, wenn sie in späteren Jahren
das reiche Erbe ihrer Väter erhalten, schon der lieben Gewohnheit
halber nicht mehr ändern mögen. In gleich pädagogischer Weise
sollen zuweilen reiche Amerikaner ihre Kinder erziehen, indem sie
dieselben von frühester Jugend dazu anhalten, sich selber Geld
zu verdienen (z. B. als Laufburschen oder indem sie kleine Sachen
feilhalten). *) Bei uns in Deutschland wird der Erwerbssinn von vornherein
 nie so ausgebildet wie in anderen Ländern, die Schuld oder
das Verdienst daran trägt wohl zum Teil unser humanistisches Gymnasium,
 unsere ganze Bildung geht dahin, den Erwerbstrieb zu ersticken,
 in derselben Richtung arbeiten auch gesellschaftliche Vorarteile.

Hier kann nur der Staat mit seiner Gesetzgebung der indiviiy

 Siehe auch Smiles S. 57.
?) Siehe Conrad, Grundrifs I. Teil, $ 10: „Jeder Kulturfortschritt schlie[st
Kapitalvermehrung ein und diese macht jenen wiederum erst in ausgedehnterem
Mafse möglich.‘
*) Roscher 8 222. Siehe auch oben S, 44.
4) Mit diesem Erziehungsprinzipe geht Hand in Hand, dafs sie auch, wie
bereits oben bemerkt war, gar nicht besonders besorgt sind, bei ihrem Tode
ihren Kindern möglichst viel zu hinterlassen, sondern vielfach grofse Teile ihres
Vermögens an gemeinnützige Stiftungen geben,
        <pb n="52" />
        das

Juellen Erziehung zu Hilfe kommen und von sich aus den Sparsinn
zu entwickeln suchen. So kann er z. B. den Reichen indirekt durch
Beschränkung des Luxus zur Sparsamkeit anhalten. Luxusverbote
haben sich freilich stets als machtlos erwiesen, immerhin aber kann
durch passende Luxussteuern auf Einschränkung desselben hingearbeitet
werden; durch Errichtung von Volkssparkassen kann der Staat anderseits
 den ärmeren Klassen das Sparen erleichtern. Es ist bekannt,
wie viel Gutes die Volkssparkassen gethan haben, eine weitere Ausbildung
 derselben, Errichtung einer Reichssparkasse oder die Elinführung
 von Postsparkassen ist ein besonders für Deutschland dringendes
Bedürfnis, die Einrichtung derselben würde dem Sparen gerade der
ärmeren Stände grofsen Vorschub leisten und hier den Sparsinn immer
mehr einbürgern. Über den Wert von Schulsparkassen, die auch die
Kinder bereits zum Sparen erziehen sollen, sind die Ansichten ja sehr geteilt,
 jedenfalls werden solche Kassen die J ugend ans Sparen gewöhnen.
Sehr interessant ist hier die Frage, in welcher Richtung die Versicherungsgesetzgebung
 wirkt. Es wäre anzunehmen, dafs dadurch,
Jafs der Arbeiter sich gegen die Sorgen des Alters und der Invalidität
geschützt sieht, sein Selbstrerantwortlichkeitsgefühl, das Gefühl der
Pflicht, für die Zukunft vorsorgen zu müssen, vermindert wird, dafs
dadurch, dafs der erste Antrieb zum Sparen, die Sorge vor eintretender
Not, wegfällt, der Spartrieb selbst geschwächt werde. Denselben Ein-Aufs
 würde in vielleicht noch höherem Mafse die Einführung einer
Witwen- und Waisenversicherung haben. Natürlich würde ein solcher
Nachteil durch andere Mafsregeln ausgeglichen werden können, um
jedenfalls von den übrigen Vorteilen einer solchen Versicherung
reichlich aufgewogen zu werden. Wir brauchen auf diese Frage hier
nicht näher einzugehen, da wir auf sie bei Besprechung der staatlichen
Sparpolitik zurückkommen werden. Schliefslich kann auch durch das
Beispiel der Regierung auf das Volk eingewirkt werden. Friedrich
Wilhelm I. und Friedrich der Grofse haben ihr Volk nicht zum
wenigsten durch ihr Beispiel zur Sparsamkeit erzogen. Die einfachen
und sparsamen Sitten der Könige wirkten als gutes Beispiel zuerst
auf die oberen Stände, von da auf das ganze Volk, Der Hof eines
Louis XIV. und Louis XV. bietet ein Beispiel einer genau entgegengesetzten
 Beeinflussung. Kommt eine solche Erziehung den
natürlichen Charaktereigenschaften eines Volkes, wie sie sich durch
den Einflufßs des heimatlichen Bodens, durch jahrhundertlange Geschichte
 entwickelt haben, entgegen, so kann sie grofse Erfolge erzielen,
        <pb n="53" />
        50

bt Die bisher angeführten Faktoren waren mehr solche, die, wenn
a bee Sie eine lange Zeitperiode hindurch wirksam bleiben, den Sparsinn
he edin- zu entwickeln geeignet sind; wir kommen nunmehr zu den Bedingungen,
gungen. die mehr momentan auf die Zunahme oder Abnahme der Ersparnisse
einwirken, die selbst wechselnd einen fortwährenden Einfluls auf
das Sparen selber ausüben, also Sparbedingungen im engeren Sinne
des Worts genannt werden können. In erster Linie stehen hier die
sozialen Verhältnisse. Je nach der Gliederung derselben wird. das
Sparen in der Volkswirtschaft einen gröfseren oder geringeren Platz
beanspruchen. Nach drei verschiedenen Richtungen hin kann die
3oziale Lage das Sparen beeinflussen: Die Mehrzahl der Bürger
mufs überhaupt in der Lage sein, sparen zu können, es mufs ferner
für den Sparer die Möglichkeit bestehen, seine Verhältnisse, besonders
 seine soziale Lage zu verbessern, es mufs aber auch durch die
soziale Lage das Gefühl der Pflicht, für sich und die Seinigen vorszusorgen,
 anerzogen sein, ein Gefühl, das ja ebenfalls zum Sparen
drängt. Beim sozialdemokratischen Staate würden z, B. diese beiden
letzteren Punkte in Wegfall kommen, es würde dort nicht gespart
werden, auch wenn die Möglichkeit dazu vorläge. Alle drei Momente
treffen bei den Klassen, die ein mittleres Einkommen besitzen, zu.
Die Möglichkeit, etwas zurückzulegen, ist hier vorhanden, ebenso auch
die Chance, sich dadurch pekuniär und sozial zu verbessern, und
schliefslich ist der Bürger dieser Klassen sehr oft genötigt, für sein
aigenes Alter und für seine Kinder durch Sparen vorzusorgen. Die
Erziehung seiner Kinder kostet ihm verhältnismäfsig viel und dauert
viel länger, als bei den ärmeren Ständen, er mufs seinen Kindern
auch so viel hinterlassen, dafs sie ihre Laufbahn im Staatsdienste,
im Gelehrten- oder Künstlerkreise auch ohne ihn fortsetzen können.
Dasselbe trifft auch für den Mittelstand, z. B. für den Handwerkerstand
 zu, wo überdies relativ mehr gespart werden kann, weil hier
die Repräsentationskosten der höheren Stände wegfallen, darum spart
der Mittelstand auch von allen Ständen relativ am meisten. Bei dem
sehr Reichen nimmt der Reiz zum Sparen ab; er hat bereits die
höchste Stufe der sozialen Leiter erklommen, er kann seine gesellschaftliche
 Stellung jetzt eher noch durch Ausgaben, nicht mehr durch
Sparen verbessern, ebenso kommt das Gefühl der Pflicht, für sich
selbst, für die Zukunft seiner Kinder vorzusorgen, bei so grofsen Vermögen
 in Wegfall. Beim ganz Armen ist entweder die Möglichkeit,
etwas zu sparen, überhaupt nicht vorhanden, oder sein trauriges
Schicksal hat ihm allen Mut genommen, seine Lage durch Sparen
        <pb n="54" />
        Aal

zu verbessern, Nur wo der Bürger Chance hat, von seinen Ersparnissen
 Nutzen zu ziehen, seine bürgerliche Stellung durch dieselben
dauernd zu verbessern, nur dort wird er zum Sparen aufgelegt sein.
Der Unfreie, der Sklave spart nicht, er hätte ja keinen Vorteil davon.
Man wird nicht mit Unrecht den relativ geringen Sparsinn unserer
heutigen Arbeiterklasse darauf zurückführen können, dafs die Chance,
sich emporzuarbeiten, hier eine verhältnismäfsig geringe ist, Das
Gefühl, für sich und die Seinigen vorsorgen zu müssen, kommt beim
Arbeiterstande ebenfalls weniger zur Geltung, teils weil hier bereits
durch die Versicherung gegen Alter und Invalidität vorgesorgt ist, teils
weil sie nicht so viel für ihre Kinder zu sparen brauchen, Die Erziehung
derselben kostet verhältnismäfsig wenig, diese sind bald imstande, sich
gelbst zu ernähren, eventuell sogar für die Eltern zu sorgen. Der Hauptgrund
 dafür, dafs der Arbeiter nicht genügend spart, liegt aber wohl nicht
hierin, sondern in der Niedrigkeit der Löhne und, wie schon gesagt, in
der daraus folgenden für den Arbeiter zu geringen Chance, sich sozial
verbessern zu können. Man sieht daher, dafs in den Ländern, wo
die Löhne höher sind, wie in Amerika und England, auch mehr von
den Arbeitern gespart wird. Der Arbeiter ist hier durch die besseren
Lebensbedingungen moralisch stärker, er hat mehr Zutrauen zu sich
selbst, mehr Hoffnung auf die Zukunft, mehr Selbstverantwortlichkeitsand
 mehr Pflichtgefühl, er kann leichter Ersparnisse machen und er
hat mehr Chance, dadurch vorwärts zu kommen. Ein hoher Lohn
fördert das Sparen der Arbeiter am meisten; je höher die Löhne,
ımsomehr wird gespart. So ist das Sparen der ärmeren Stände ein Zeichen
 sozialer Gesundheit, im Sparen drückt sich jede Veränderung
sozialer Verhältnisse in kürzester Zeit aus, je mehr Menschen sparen,
um so besser ist die soziale Ordnung, denn alle die, welche sparen,
bezeugen damit, dafs sie mit Energie und Hoffnung am Kampfe ums
Dasein teilnehmen. Es giebt kein besseres Mittel, das Sparen zu
steigern, als das, die sozialen Verhältnisse glücklich zu gestalten,
Eine weitere wichtige Bedingung, die den Gang des Sparens fast 2, Sicherhe
unmittelbar beeinflufst, ist die Sicherheit der Anlage.!) In Staaten, © Ania
Jie nach aufsen hin geschützt, nach innen hin fest geordnet sind, ist
die Neigung der Bevölkerung, Ersparnisse anzulegen, gröfser als in
Staaten, die. vom Feinde bedroht, im Innern keine feste und stabile
Regierung aufweisen. In Zeiten der Anarchie, in Kriegszeiten wird
nicht gespart, die Anlage ist hier eine so unsichere, dafs man den

nd ——

y) Siehe Roscher, Grundlagen $ 465.
        <pb n="55" />
        52

*. Zinsfufls.

augenblicklichen Genuls vorzieht und sich nicht Entsagungen auferlegen
 will, die einem vielleicht später doch nicht zu gute kommen.
Zu Zeiten der französischen Revolution wollte selbst im sparsamen
Frankreich niemand sparen. !)
Ein dritter Punkt nun, der die jährliche Zunahme und Abnahme
hauptsächlich, ja wie man früher annahm, fast ausschliefslich bestimmt,
 besteht in der Höhe des Gewinnes, der aus den Ersparnissen
abzuleiten ist. Wie wir oben sahen, ist nur die aus dem dritten
Sparmotiv, die aus der Aussicht, seine Lage durch Sparen zu bessern,
hervorgehende Sparsamkeit einer Beeinflussung durch äufsere, das
Sparen begünstigende Bedingungen fähig; es kann sich also hier nur
um diese, aus der Aussicht auf Gewinn hervorgegangene Sparsamkeit
 handeln, Je gröfser hier also der Gewinn ist , umsomehr wird
die Bevölkerung zum Sparen geneigt sein. Man hat diese Beobachtung
verallgemeinert, indem man den Satz aufgestellt hat, dafs mit dem
Steigen des Zinsfufses auch die Tendenz wächst, Ersparnisse zu machen
und dieselben anzulegen. Hier mufs aber unterschieden werden: der
Zins steigt zuweilen, gerade weil keine Ersparnisse angelegt werden,
weil z. B. die Unsicherheit der öffentlichen Lage vor der Anlage von
Ersparnissen zurückschreckt, in diesem Falle mag der Zinsfufs lange
steigen, ohne dafs eine vermehrte Tendenz zum Sparen sich unter
der Bevölkerung kundgiebt, Steigt der Zinsfufs hingegen, weil die
Produktivität gestiegen ist, weil wirklich mehr Gewinn vom angelegten
Kapitale zu erwarten ist, so wird in diesem Falle die Erhöhung
der so aufs Sparen gesetzten Prämie unbedingt eine Vermehrung der
Ersparnisse nach sich ziehen. Man könnte nun umgekehrt den Satz
aufstellen, dafs mit einem Rückgehen des Zinsfulses ein Zurückgehen
 der Sparquote eintreten müsse. Dies wird auch meistens der
Fall sein, aber auch hier giebt es Ausnahmen. Viele Familienväter
z, B., die ihren Kindern eine bestimmte Rente hinterlassen wollen
and daraufhin sparen, werden gerade infolge eines Zurückgehens des

*) So führt Roscher, Grundlagen &amp;amp; 45 Anm. 4 an, dafs zu Pestzeiten niemand
sparen will. Anderseits läfst sich wieder beobachten, dafs vor drohenden Katastrophen
 die Sparquote steigt, da jedermann sich für die kommenden Zeiten
vorbereiten will, so z. B, ist es bekannt, dafs während der Dreyfus-Affäre, wo
man in Frankreich allgemein ernste Politische Verwicklungen befürchtete, der
Konsum zum grofsen Schaden der Produktion erheblich zurückging, Dies scheint
sogar die Regel zu sein, so dafs die oben angeführte Tendenz des Sparrückganges
bei Katastrophen sich wohl nur auf besonders langwierige und erschreckende
Episoden bezieht.
        <pb n="56" />
        33

Zinefufßses, das die jährliche Rente eines Kapitals vermindert, nun, um
doch die gewünschte Rente zu erzielen, ein um ‚So gröfseres Kapital
zusammensparen müssen, als vorher, wo ein kleines Kapital die gleiche
Rente gegeben hätte.
Die alte Schule hat den Einflufs dieser unmittelbaren, das Sparen
beeinflussenden Bedingungen unbedingt überschätzt, Das Sparen hängt
keineswegs nur vom Zinsfufse, auch nicht nur von den sozialen Verhältnissen
 und der öffentlichen Sicherheit, sondern zum grofsen Teile
vom Sparsinne der Bevölkerung ab; soweit dieser seinen Ursprung
in ethischen Gründen und im angeborenen Sparinstinkte findet, ist er
überhaupt von äufseren Bedingungen, wie zZ. B. von der Höhe des
Zinsfußlses, durchaus unabhängig. Geht der Sparsinn einer Bevölkerung
aber aus dem dritten „wirtschaftlichen“ Sparmotive hervor, So ist er,
wie wir sahen, in seiner Entwicklung von mannigfaltigen Umständen,
von Natur und Geschichte und nur in seiner Ausübung von den
letztangeführten Bedingungen, wie von der Höhe des Zinsfufses,
beeinflufst.

Schlufs.
        <pb n="57" />
        Vita.

Natus sum Carolus Wilhelmus S. R. I. Liber Baro von Manteuffel-Zoege,
 dominus praedii hereditarii Katzdangen, die XX mensis Juli
a. h. s. LXXII in praedio Gaiken Curonia in provincia, patre Carolo
Georgio, matre Alice ex gente Baronum von Foelckersahmb. Fidem
confiteor evangelicam. Testimonium maturitatis anno MDCCCLXX XIX
Mitau in urbe Curoniae adeptus rerum oeconomicarum publicarum studiis
 me dedi in academia Bunnensi per quinque semestria, Deinde
ab universitate litteraram discessi ut bona mea colerem. Postquam
ut linguas discerem Galliam et Britanniam adii, Halas Saxonum me
contuli ut susciperem studia mea,
Docuerunt me viri illustrissimi Bonnenses: Dietzel, Gothein, Justi,
Zittelmann, Halenses: Conrad, Friedberg, Haym, Kaehler, Riehl,
Schwartz, Stammler.
Omnibus viris doctissimus, optime de me meritis imprimis professori
 Conrad, cujus exereitationibus per tria semestria interfui gralas
 ago quam maximas,
        <pb n="58" />
        Thesen.

Die Furcht vor einer zu grofsen Ausdehung des Sparens ist unbegründet.


IE

Die Einführung des Branntweinmonopols in Deutschland wäre
ınter den jetzigen Verhältnissen gerechtfertigt.

UN,
Eine weitere Ausbildung der Progression in der Einkommensteuer
ist zu erstreben.

IV.

Die freie Konkurrenz hat einen erheblich schädlicheren Einfluss
auf den Volkscharakter als die alte Schule annahm,

V

Die deutsche Arbeiterversicherung ist durch eine staatlich organizierte
 obligatorische Witwen- und Waisenversicherung zu ergänzen.

VL.

Als das hauptsächlichste Ziel einer deutschen Kolonialpolitik ist
die produktive Verwendung und Konzentrierung des Bevölkerungsüberschusses
 im nationalen Sinne zu bezeichnen.

Lippert &amp;amp; Co, (G. Pätz’sche Buchädr.), Naumburg 8. 8.

N Oi
        <pb n="59" />
        <pb n="60" />
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
