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        <title>Untersuchung über die Stellung des Handels in der Volkswirtschaft</title>
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            <forname>Franz</forname>
            <surname>Dochow</surname>
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        CP
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        Untersuchung

über die

Stellung des Handels

in der Volkswirtschaft.

Inaugural-Dissertation

Zur

Erlangung der Philosophischen Doctorwürde
der hohen Philosophischen Fakultät

der

vereinigten Friedrichs-Universität Halle-Wittenberg
vorgelerzt

Von

Franz, Dochow

aus Halle a. S.

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Halle a, SS. Ca ir
Buchdruckerei von Heinrich Joh A
1900.

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        Dem Andenken meines Vaters

Dr. iur * Ao1F Dochow

veil. 0. 6. Prof. der Rechte in Halle a. S.
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Inhalts- Verzeichnis.

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Teil I. Merkantilisten, Physiokraten und Adam Smith
Lotz . 4.
Schnitthenner
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Dielzel .
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Schmoller .
Mataja. Lexis
Losch . . .
Philippovich
Cohn . .
Conrad. .
Rathgen .
Ehrenberg . ..
Agrarisches Handbuch
Goldschmidt .
Kohler. . .
Endemann. Thöl
TeilIL . .
Speculation

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        Vorwort.

Die Arbeit bezweckt eine Untersuchung über die Stellung
des Handels in der Volkswirtschaft. Sie verdankt ihre Entstehung
der Anregung von Seiten des Herrn Geheimrat Professor Dr. JJ.
Conrad in Halle, in dessen staatswissenschaftlichem Seminare
sie auch teilweise zum Vortrage gekommen ist. Gern benütze
ich die Geleyvenheit, meinem verehrten Lehrer meinen aufrichtigen
Dank für die reiche Förderung auszusprechen, die er mir bei
dieser Arbeit, wie überhaupt während meines ganzen Studiums
hat zu teil werden lassen.
        <pb n="6" />
        Vin

Einleitung.

Die Aufgabe, die wir uns in dem Folgenden gestellt
haben, ist, zu untersuchen, welche Stellung die Volkswirtschaftslehre
 dem Handel zuzuweisen hat, und ob sie ihn als produetiv
gelten lassen kann. Dazu war es notwendig an der Hand der
Werke einer Anzahl von Nationalöconomen und Juristen zu Zeiwen,
 wie der Begriff der Produetion aufgefasst wurde, was unter
Handel verstanden ist und welche Wichtigkeit man seiner T’hätigkeit
 im wirtschaftlichen Leben zugesprochen hat. Dieses ist in
dem ersten "Teil der Arbeit dargelegt, um dann im zweiten Teile
als Ergebnis dieser Untersuchung anzugeben, was wir selbst
unter Produetion verstehen, worin wir das Wesen des Handels
erblieken und aus welchen Gründen wir ihm die Produetivität
zusprechen. Wir sind auf die "’rennung von Verkehr und Umsatz
 einyeyangen, sowie auf den "Tausch, und haben dabei zwischen
Nützlichkeit und Produetivität geschieden. Zum Schluss betrachteten
 wir das Wesen der Speeulation als Hilfsmittel des Handels.
Auch hier ist zwischen nützlicher und produetiver Speculation
veschieden und zwar in privat- und volkswirtschaftlicher Hinsicht.
        <pb n="7" />
        Teil L

Merkantilisten, Physiokraten und Adam Smith.

Die Merkantilisten betrachteten den Handel als die Quelle
jes Reichtums. Auch Adam Smith hebt es in seiner Kritik als
den Kernpunkt ihrer Lehre hervor, dass sie eine Nation lieber
durch Verkehr und Industrie als durch Verbesserung und Anbau
des Bodens reich werden sehen wollten. Die späteren Vertreter
dieser Lehre hielten dann den Handel auch schon deshalb —
nicht nur wegen der Geldeinfuhr — für wichtig, sondern weil
er die produktive Kraft .des Landes, die durch den inneren Markt
begrenzt war, ausdehnte und neuen Absatz für die einheimischen
Produkte und Fabrikate schaffte, Und darin erbliekten sie dann
auch eine Förderung der Landwirtschaft durch den Handel.
Dies galt aber nur für den Aussenhandel, der innere Handel
wurde wenig beachtet. Der Aussenhandel war zu begünstigen
um möglichst grossen Nutzen für die Industrie zu stiften. Als
Reaction auf diese Lehren kamen die Physiokraten, die im Ackerbau
 die wahre Quelle des Reichtums sahen und Handel und Industrie
 nicht begünstigt wissen wollten. *)
Mit dem Erscheinen des Adam Smith’schen Werkes ist eine
Gesamtdarstellung der Volkswirtschaftslehre gegeben und die
Untersuchung, wie definiert der Autor Produktion, Handel, und
welche Stellung weist er dem Handel in seinem System an, kann
hier einsetzen. Was Adam Smith unter Produktion versteht,

*) Bezüglich der Stellung der Merkantilisten und Physiokraten wird
auf die eingehenden Ausführungen von V. Mangoldt, Volkswirtschaftslehre
Stuttgart 1868 S. 19 ff. verwiesen. Eingehende Erörterungen über die Lehre
von der Productivität bei Smith, Ricardo, Say finden sich bei Theodor Bernhardi,
 Versuch einer Kritik der Gründe für grosses und kleines Grundeigen-Ihum.
 St. Petershurg 1849.
        <pb n="8" />
        sagt er nicht, giebt auch keine Detinition vom Handel, aber er
hält ihn für productiv, da nach seiner Ansicht jede Arbeit, die
Sachgüter hervorbringt oder deren Wert erhöht, produetiv ist.
Aber als vorzugsweise productiv bezeichnet auch er die Yiandwirtschaft
 und begründet cs damit, dass die Natur dem Menschen
hier einen grösseren Beistand leiste, als beim Handel und Gewerbe,
Unproduetiv ist nach seiner Ansicht alle ""hätigkeit, die
aicht Sachyüter herstellt oder sie verkehrsfähig macht. ;
Mangold hat darauf hingewiesen, dass in dieser Lehre ein
Widerspruch liege. Denn entweder müsse man auf die Gewinaung
 und Bearbeitung der Stoffe den Nachdruck legen, dann
kann man dem Handel keine Productivität zuerkennen, denn dazu
 trägt er nichts bei. Oder, man sieht das Wesentliche in der
Herstellung neuer Werte, dann muss der productive Charakter
aller Arbeit zugesprochen werden, die einen solchen Wert erzielt,
 gleichviel, ob sich dieser an cinem Sachgut realisiert oder
nicht. Mangold führt auch aus, wie die nationalökonomische
Wissenschaft zu diesem Widerspruch Stellung genommen hat,
and wie sich eine doppelte Reaction gegen diesen "Teil der Adam
Smithschen Lehre nachweisen lässt. Die einen gehen auf die
Lehre der Physiokraten zurück. Nach ihrer Ansicht fallen nur
die Sachgüter in das Gebiet der Wirtschaft, sie rechnen den
Handel nicht zu den productiven Beschäftigungen und gestehen
‘hm nur eine mittelbare Productivität zu, soweit sie den eigent-‘ieh
 produetiven Klassen Mühe und Zeit ersparen,
Dagegen nennen die Anderen jede Thätigkeit productiv,
„deren Resultat ihre Kosten aufwiegt“. Nene Stoffe bringt nur
die Natur hervor, der Mensch hat nur dem Material die Branchbarkeit
 zu schaffen oder zu erhöhen.

An erster Stelle sollen nun von den älteren deutschen
Nationalöconomen die Ansichten von Lotz und Schnitthenner darvestellt
 werden.
        <pb n="9" />
        Lotz.

Im ersten "Teil seines Handbuches spricht Lotz *) von der
Produktion der Güter und wirft die Frage: auf, wie entstehen
die Dinge, die der Mensch zu Gütern erheben kann?
Lotz lässt nur die Natur und den menschlichen Geist als
Factoren gelten, die Güter schaffen können, Die Natur schafft
möglichst unabhängig von menschlichem Einfluss und menschlicher
Thätigkeit; der Mensch hat die Erzeugnisse nur zu würdigen,
der menschliche Geist eignet sich die Dinge an, schafft und bringt
hervor. Aber nur mit Hilfe der Natur gelingt es ihm, materielle
Güter zu schaffen. Nur die Erhebung der Dinge zu Gütern
durch Anerkenntnis ihrer "Tauglichkeit für menschliche Zwecke
steht dem Menschen zu, das Schaffen der Dinge bleibt der Natur
and dem menschlichen Geiste gemeinsam vorbehalten.
Hat man nur das Entstehen der Dinge im Auge, so kann
man unter Produeieren nur eins verstehen, nämlich: Dinge hervorbringen,
 die vorher nicht da waren, oder wenigstens in andever
 Form. Das wäre dann lediglich eine Sachenproduktion, mit
der zuyleich eine Güterproduktion verbunden sein kann. Proäuktion
 ist demnach jede Schöpfung von Sachen, die mehrere
der andere Dinye schafft.
Denkt man an das Verhältnis des Menschen zur Güterweit
 — bei der Sachenproduetion tritt der Mensch nur den
Sachen gegenüber — so erhält der Ausdruck Producieren einen
anderen Sinn, dann handelt es sich um das Hervorbringen von
Gütern, die Tauglichkeit der Dinge für menschliche Zwecke giebt
den Ausschlag, und Lotz kommt zu einem zweiten Begriff für
produeieren, nämlich, „ein Ding hervorbringen, an dem der Mensch
Tauglichkeit für seine Zwecke anerkennt“, Dieser zweite Begriff
 ist dann eben eine Erweiterung des ersten, Wo unter producieren
 das Hervorbringen einer Sache verstanden wurde,
Production aber in diesem Sinne heisst, jede Äusserung der
productiven Kraft des Menschen, oder der Natur, welche dem
Menschen ein solches Ding liefert.
Die Staatswirtschaftslehre hat es nicht mit dem Producieren
an sich zu thun; sondern nur mit der gewinnbringenden Produc-*\
 Lotz. Handhuch der Staatswissenschaftslehre. Erlangen 1821.
        <pb n="10" />
        tion, Der Mensch will durch seine Production oder Aneignung
etwas gewinnen, sein Verhältnis zur Güterwelt bessern und dieser
Gewinn am Preise entsteht, wenn der Preis der hervorgebrachten
oder erworbenen (jüter den Preis der Güter überwiegt, welche
der Erwerber während seiner ""hätigkeit verbraucht hat, Gewinn
am Werte aber, wenn der Wert der neuen Güter den der auf
die Erwerbung verwendeten übersteigt.
Die Produetivität des Manufacturisten und Fabrikanten
leugnet Lotz nicht, er sieht sie darin, dass die rohen Stoffe durch
die Verarbeitung erst Wert und Tauglichkeit erhalten, und die
machen ja den eigentlichen Character der Güterproduction aus,
Sein Gewinn liegt im Gebrauchswert seiner Erzeugnisse und der
hieraus hervorgehenden Verbesserung der Tage des Menschen.
Damit ist der Zweck der Produktion erreicht.
Nach dieser Klarlegung des Begriffes der Production geht
Lotz darauf ein, zu untersuchen, wie man nachweisen könne,
dass das Gewerbe des Kaufmanns, „wie das gewöhnlich geschieht“,
fälschlich unter die productiven (jewerbeklassen gerechnet werde,
er sagt: „Das Kaufmannsgewerbe bringt weder neue Sachen,
noch neue Güter hervor. Wenn die Waren, die der Kaufmann
vertreibt, nicht schon an sich für menschliche Zwecke tauglich
sind, werden sie es durch ihn nicht. Dass dies Gewerbe nützlich
 und wohlthätig wirkt, giebt Lotz zu, aber seine Thätigkeit
erstreckt sich nur daranf, der Sachen- und Güterwelt ihren
bisherigen Stand zu erhalten, den Überschuss vor Wertlosigkeit
zu bewahren, er kann nicht einmal eine neue Tauglichkeit für
menschliche Zwecke an den Sachen finden, und sie so zu Gütern
machen.

Lotz wendet sich dann gegen Rau, *) der das Element der
kaufmännischen Produetivität darin sicht, dass er die Waren an
den Consumenten vermittelt, Lotz führt dagegen an, dass der
Kaufmann dadurch keine (jüter schafft, er verbreitet und verteilt
 nur die vorhandenen Güter, wohin sie gehören. Er hält
diese vermittelnde ""hätiykeit zwischen Konsumenten und Producenten
 für staatswirtschaftlich wichtig, aber er bleibt hartnäckig
dabei, dass es etwas ganz anderes ist, ein Gut hervorzubringen
und seinen Genuss dem Konsumenten zu erleichtern. Die Thätig-*)
 Rau, in der Übersetzung von Storch, Cours d’econ. p. Bd. III. 276.
        <pb n="11" />
        n

keit des Kaufmanns ist nur eine Dienstleistung, seine Einwirkung
auf die Neuproduktion ist nur mittelbar, und auch sein Einkommen
 ist nur ein abyeleitetes, geschöpft aus dem Einkommen des
ihn belohnenden Producenten. Echtes Einkommen gewährt nur
die Güter hervorbringende Arbeit des wirklichen Gütererzeugers,
Nur durch sie vermehrt sich die Masse der eigentlichen Güter.
Der Kaufmann kann nur durch Sparen reich werden; aber
dies ist ein negativer Weg zum Reichtum, der richtige Weg ist
der positive, das Streben nach Wohlstand und Reichtum durch
Güterhervorbrinyung. Der Mensch wird durch das Streben nach
Genuss der durch die Arbeit hervorgebrachten Güter zur Arbeit
getrieben, nicht durch den Wunsch, Gütermassen durch Versagen
ihres Genusses aufzustapeln. Also auch mit der GGrundtendenz
alles menschlichen Strebens nach Güterbesitz und Gebrauch steht
der Erwerb.des Kaufmanns im Widerspruch. Die Lehre vom
Verkehr betrachtet Lotz als einen "Teil der Lehre von der Consumention
 und sicht in ihm nur ein Förderungsmittel der Produetion,
 nicht die Vollendung derselben. Kr sagt, die Production
ist wirklich abyeschloussen, wenn der Mensch die Güter hervorgebracht
 oder aus der Hand der Natur sich angeeignet hat, nicht
erst dann, wenn die Güter in die Hände der Kunsumenten gelangt
 sind. Güter schaffen und Güter herbeischalflen, und solche
den Konsumenten zum Genuss darbieten, sind auf keinen Fall
identische Begriffe. Wenn Güter in den Verkehr kommen, so
ist hiermit der erste Schritt zu ihrer Konsumtion yethan. Jede
andere „Ansicht über das kaufmännische Gewerbe kaun nach
seiner Meinung nur zu Verirrungen führen. Damit lehnt Lotz
alle anderen Ansichten ‚ab.
In seiner „Revision der Grundbegriffe“ *) yeht er auch auf
die Scheidung von gewinnbringender und produetiver Arbeit ein,
die Ad, Smith ihm nicht genügend durchyeführt hat. Er erwähnt
 hier die von Jacob**) vertretene Ansicht, die ‚in diesem
Zusammenhange gleich kurz erwähnt sei. ‚Jacob weicht nämlich
von Smith ab, er sieht das Kriterium der productiven und unproductiven
 Arbeit darin, dass die „Arbeit einem Gegenstande
einen gewissen Grad der Nutzbarkeit erteilt oder nicht erteilt,
*) Lotz. Revision der Grundbegriffe der Nationalwirtschaftslehre
1811— 1814.
**) Jacob. Grundsätze S. 324,
        <pb n="12" />
        und darin deckt sich seine, Ansehauung mit der von Say. Er
bemisst die Grösse der Production nicht nach der Menge der
Dinge oder nach der Quantität der Arbeitserzeugnisse, sondern
nur nach der Qualität und dem Nutzen und Tauschwerte der
Dinge und schliesst: die productive Arbeit vermehrt, die unproductive
 vermindert den Reichtum des Landes. Damit kann Lotz
sich nicht einverstanden erklären, er sieht darin eine Verwechselung
 von gewinnbringend und produectiv. ‚Jacob nenne das productiv,
 was eigentlich nur gewinnbringend sel. Er will streng
scheiden: Einen Erwerbszweig rechnet er unter die productiven,
wenn die Sache, die durch denselben hervorgebracht wird, von
Wert sei, unter die gewinnbringenden erst dann, wenn seine Erzeugnisse
 ihrem Werte oder ihrem (wirklichen) Preise nach dem
Producenten einen Überschuss über, den Betrag der Gütermasse
geben, welche er aufwenden müsse, um sie zu gewinnen oder
hervorzubringen.
Lotz möchte unter Beibehaltung der Smith’schen Einteilung
den Kaufmann zusammen mit dem Staatsdiener und Gelehrten
aus der productiven Klasse verweisen; denn der Kaufmann produciert
 auch nichts Materielles, Die Tendenz des kaufmännischen
Gewerbes ist die: dem Producenten und Konsumenten eine Mühe
zu ersparen, die dieser ohne die Dazwischenkunft von jenem anzuwenden
 hätte, und jene ersparte Mühe ist nichs weiter als ein
unmaterielles Gut. Der Kaufmann ist im Grunde nichts weiter,
als ein Diener des Konsumenten und Producenten und sein Gewinn
 ist nur Lohn. Wenn man — und dies ist gegen die Jacobsche
 Ansicht gerichtet — das Geschäft des Kaufmanns productiv
 nennt, weil es dem Kaufmann mehr giebt, als den Betrag
seiner Konsumtion, dann kann man auch die Beschäftigung des
Dienstgesindes productiy nennen, denn dieselben erhalten Lohn
über den Betrag ihrer Konsumtion, und auch sie sparen davon
wie Kaufleute, vom Ertrag ihres Gewerbes. — Und sogar soweit
will Lotz gehen, dass er zugiebt, das Dienstgesinde sei productiv,
 da es den Herrn in die Lage versetze, sich Genüsse, seien
es auch nur Genüsse niederer Art, zu verschaffen. Und diese
Genüsse sind Güter immerhin. Produetiv ist also eine Thätigkeit
 nur dann, wenn sie materielle oder unmaterielle Güter liefert.
Im Schlussparagraphen des. dritten Bandes fasst Lotz scine
        <pb n="13" />
        Meinung noch einmal zusammen. Die nationalwirtschaftlichen
Schriftsteller hätten nur zu recht, wenn sie die Hauptrolle unter
den Zweigen der menschlichen Betriebsamkeit den Urproducenten
und Handwerkern und Manufaeturisten zuteilen und nur eine
solche "hätigkeit empfehlen, deren Producte überall einen möglichst
leichten und möglichst vorteilhaften Absatz finden, weil sie zu den
unentbehrlichsten Bedürfnissen der Menschheit gehören. Wer
aber den „vorteilhaften Absatz“ besorgen soll, darauf geht Lotz
an dieser Stelle nicht ein.

Schnitthenner.

Von älteren nationalöconomischen Schriftstellern führen wir
hier noch die Ansichten von Schnitthenner *) an. Er definiert :
Producieren heisst Wert, eine werte Sache, ein Gut erzeugen,
das geeignet ist, ein Bedürfnis befriedigen zu können. Die Sache
muss durch eine bestimmte Form und Lage Wert erhalten. Produetiv
 heisst demnach dasjenige, was unmittelbar und mittelbar
zur Gütererzeugung wirkt; unmittelbar productiv, was selbst
ökonomische Güter erzeugt, mittelbar, was die Kräfte und Bedingungen
 der Production gewährt. Er teilt die Production
ein**) in
[. primäre oder Urproduction,
II. secundäre, welche die erzeugten und gewonnenen Naturproducte
 in Formen und Lagen bringt, in denen sie höheren
Wert haben.
Und die secundäre Produktion zerfällt dann wieder in:
|. formierende oder Fabrikation, und
2. Handel, welcher den Urprodueten und Fabrikaten die Lage
giebt, in welcher dieselben höheren Wert haben. Da die Lage
teils eine physische, teils eine rechtliche ist, 80 vollzieht der
Handel sein Geschäft durch Transport und "Fausch,
Den Verkehr (commereium) rechnet Schnitthenner als Unter-|

 *) Schnitthenner. Grundlinien der Geschichte der Staatswissenschaften.
‚Zwölf Bücher vom Staat u. s. w.) Bd. 1.2. Auflage 1839, Öiiessen,
*r) aa 0.8.34. a. a. 0.8. 342.
        <pb n="14" />
        m
x

abteilung zum Handel und versteht darunter die Verbindung der
Menschen mittelst gegenseitiger Leistungen, durch welche die
Güter in Umlauf gesetzt werden. Ferner gehört der Umlauf
(Circulation), der die Wandlung der Eigentumsverhältnisse, welche
eine Sache erfährt, herbeiführt zum Handel als eine zweite
Unterabteilung.
Von seiner Entwickelung bis zur Vernichtung hat ein Gut
demnach drei Stadien zu durchlaufen: Production, Umlauf, Consamtion,
 wobei die Circulation übersprungen werden kann.
Schnitthenner unterscheidet productiven und unproduetiven Erwerb.
 Unter unproductivem Erwerb — um dies vorauszunehmen
— *) versteht er eine "Chätigkeit, die ökonomischen Wert aus
dem Vermögen Anderer zu gewinnen sucht, ohne ihn zu erzeugen;
 er meint damit die Speculation, das Börsenspiel, die Benutzung
 der Conjuneturen. Den productiven Erwerb **) teilt er
ein in:

a) urprodnetive,
b) formierende,
c) vertreibende Industrie
oder Handel. Unter Handel ist diejenige Thätigkeit zu verstehen,
die die Verkehrsgeschäfte zur Erwerbung von Gewinn benutzt.***)
Dann geht er auch noch näher auf die Frage der Produetivität
 des Handels ein +{)
Schnitthenner unterscheidet eine privatöcanomische und eine
nationalökonomische Betrachtung. Privatökonomisch (ohne Rücksichtnahme
 anf das System der Gesellschaft) ist das Geschäft
des Kaufmanns nicht productiv, denn es ist kein Productionsprozess,
 sondern ein Verkehrsgeschäft, das der Kaufmann betreibt,
 er produciert nicht, er schafft keinen Gehrauchswert, nicht
einmal Tauschwert, sondern er realisiert ihn nur, er bringt die
Waren nur zum Absatz.
Nationalökonomisch dagegen im Zusammenhange mit dem
Organismus der Nationalindustrie betrachtet, ist das Verkebhrsgeschäft
 productiyv. Ebenso wie ein Produetionsprozess nur durch

*) A. a. O. 622,
**) Schmitthenner gebraucht die Ausdrücke Erwerb und Industrie im
gleichen Sinne,
***) A, a. O. 612.
*} A, a O0. 614,
        <pb n="15" />
        Verbindung der einzelnen Produetivkräfte möglich ist, so ist ein
System der Production nur durch die Verbindung der Productionsprozesse
 möglich. Schmitthenner meint, die Verkehrsgeschäfte
hätten im System dieselbe Bedeutung wie eine auf Ortsbereich
gerichtete "Thätigkeit im einzelnen Productionsprozess. Das Hinfahren
 der Ernte und das Säen oder Abschneiden der Frucht
seien doch auch als gleichbedeutend anzusehen. Der Productionsprozess
 ist aber vollendet, wenn das Gut die erstrebte Form erlangt
 hat, der Industrieprozess dagegen erst mit dem Umsatz in
gewünschte andere Wertform, mit der Verwertung.

Mill.

Arbeit und geeignete Naturgegeustände sind nach Mill die
beiden Erfordernisse der Production. Bei seinen Ausführungen
über die Production kommt Mill auch darauf zu sprechen, dass
eine Menge von Arbeit dazu verwendet werden müsse, die Producte
 den Konsumenten zugänglich zu machen. Und dies thun
die Kaufleute. — Mill meint, man könne sie auch „Verteiler“
nennen, und diese „verteilende“ (distributive) Klasse ergänzt mit
ihrer Thätigkeit die producierende Klasse. „Für. ilre persönlichen
 Bemühungen und für die Enthaltsamkeit, welche sie in
den Stand setzt, die für das Geschäft der Verteilung erforderlichen
 Mittel vorzuschiessen“ erhalten die „Verteiler“ ihre Vergütung
 aus dem Preise der verteilten Producte. Müll giebt die
Bedeutung und Wichtigkeit dieser Arbeit für die Production zu
und rechnet sie zur Production.
Er spricht auch von der unproduetiven Arbeit. Arbeit
brauche nicht immer Produktion zur Folge zu haben. Productive
Arbeit bedeutet Arbeit welche Vermögen hervorbringt. Dazu
gehören denn auch die Dienstleistungen. Er wendet sich gegen
die Anschauung, dass die Thätigkeit der Kaufleute unproductiv
sei. Die Gegenstände erhalten durch die Kaufleute die Eigenschaft,
 dass sie an den Ort gelangen, wo man sie braucht, und

Grundsätze der politischen Ökonomie. (Soetbeer) Hamburg, 18592.
        <pb n="16" />
        10 —

nicht anderswohin. Dadurch erhalten sie eine nützliche Eigenschaft.
 Infolge dieser vermehrten Nützlichkeit können die Dinge
zu einem höheren Preise verkauft werden, der der aufgewendeten
 Arbeit entspricht. Demnach ist die "Thätigkeit des Kaufmanns
 productiv. Unproductiv ist die "Chätiykeit, bei der der
Arbeiter die Welt mit materiellen Vroduclen nicht bereichert,
sondern sie ärmer macht, um das was er verzehrt.
Im dritten Buche des zweiten Bandes geht Mill auf die
Nützlichkeit des auswärtigen Handels ein. Erstens können Waren
eingeführt werden, die im Lande nicht produeirt werden können,
der Vorteil besteht ferner in einer „wirksameren Anwendung der
productiven Kräfte überhaupt.“ Der Produetionsertrag der
Welt würde nach seiner Ansicht grösser sein, als jefzt, wenn
jede Sache dort producirt würde, wo sich die bedeutenste absolute
Leichtigkeit zu ihrer Production vorfindet. Aufgabe des Handels
wäre es dann, den Ausgleich zu vermitteln.
Direeten Vorteil gewährt der auswärtige Handel aber nur
durch die Einfuhr von Dingen die entweder gar nicht oder nur
mit. grösserem Aufwand von Kapital und Arbeit hätten "erlangt
werden können. Der Überschuss, der erspart wird, kann für
andere Dinge verwendet werden. Mill wendet sich damit gezen
die merkantilistische Ansicht, dass die Einfuhr von Waren eine
Verringerung des Geldvorrates herbeiführe und dass nur die
Ausfuhr die nützliche Seite des Handels sel.
Er kommt zu dem Schluss:
Der Handel ist seinem Wesen nach eine Art und Weise,
wie die Production wohlfeiler gemacht wird, und in allen solchen
Fällen hat der Konsument den hauptsächlichen Nutzen davon.
Dies bezeichnet Mill als directen wirtschaftlichen Vorteil des
auswärtigen Handels, als indirecten bezeichnet er die Tendenz
der Ausdehnung des Marktes, die Verfahrungsarten der Produection
 zu verbessern. Die wirtschaftlichen Vorteile des Handels
werden aber an Wichtigkeit durch die wöohlthätigen Wirkungen,
welche derselbe in intelleetueller und moralischer Beziehung äussert,
 noch übertroffen. Darunter mag hier hervorgehoben sein,
was Mill auch besonders betont, dass die Nationen durch den
Handel gelernt haben, den Wohlstand und das Gedeihen anderer
Völker ohne Missgyunst zu betrachten.
        <pb n="17" />
        ‘1

Im Grunde genommen ist aller Handel nur Tauschverkehr,
das Geld vermittelt dabei den Austausch der Dinge.
In den statistischen Erläuterungen, die Mill dem Il. Bande
angehängt hat, weist er darauf hin, wie wichtig es ist, durch
statistisches Material in passender Übersicht die volkswirtschaftlichen
 Untersuchungen zu erläutern. *) Im gleichen Masse, wie
sich die Bevölkerung Europas und der Vereinigten Staaten seit
Anfang des vorigen Jahrhunderts ungeheuer vermehrt habe und
wie sich eine Erhöhung des „standard of life“ erkennen lasse,
habe sich auch der internationale Handelsverkehr mächtig entwickelt.
 Er führte es zurück auf die vermehrte Bevölkerung
und die Produetionen in den verschiedenen Ländern, andererseits
auf die Beseitigung der merkantilistischen, auf Abschliessung
abzielenden Ansichten. „Schon jetzt zeigt ein Blick auf die
Wirkungen des sich ausdehnenden Verkehrs, wie es in sich unrichtig
 scheint, den Handel als unproductiv oder von verhältnismässig
 geringerem Einfluss auf die Productivität der gesamten
menschlichen Arbeit und auf die materielle Wohlfahrt der Völker
 anzusehen.“

Hermann.

Eine Gütervermehrung kann eintreten durch Occupation,
Empfang von Anderen, durch Werterhöhung der Güter und durch
Production. Die Consumtion trägt zur Störung des Wirtschaftsbetriebes
 bei, und man muss ein Verfahren besitzen, Güter in
entsprechender Qualität und Quantität nach Bedarf herstellen zu
können. Dies Verfahren nennt man die Produetion oder Herstellung
 von Gütern in bestimmter Menge. Sie ist Schaffung
oder Krhöhung von Brauchbarkeit und Tauschwert in ‚einem
Quantum von Gegenständen, die bereits als Tauschgüter anerkannt
 sind. Hermann **) unterscheidet hier den Standpunkt:

*) Mill giebt dort auch Material über Entwickelung der Production,
Consumtion, des auswärtigen Handels, der Bevölkerung u. 8. W.
‚**) von Hermann, Staatswirtschaftliche Untersuchungen, IT, Auflage.
München 1874.
        <pb n="18" />
        12

1. des Producenten, der seine Arbeit produectiv nennt, wenn
er seine Auslagen im Verkehr wiedergewinnt;
2, 'des Konsumenten, und nennt die Arbeiten productiv,
deren Ergebnis man für einen anderen anyemessenen Preis erhalten
 kann;
3. vom Standpunkt der Volkswirtschaft ist jede Arbeit
productiv, welche die (Qualität der auf dem Markt feilgebotenen
Güter vermehrt.
Nur auf dem Wege der Production lassen sich Güter neu
herstellen und nach Bedarf liefern. Hermann fasst den Begriff
der Production sehr weit. So sayt er zum Beispiel, wer Kräfte
und Stoffe der Erde und Atmosphäre so auf den Samen wirken
Jässt, dass er zur fruchtbrinyenden Pflanze sich entwickelt, produciert,
 im weitesten Sinne produciert, wer überhaupt einen Gedanken
 in befriedigender Weise äusserlich darstellt. Auch wer
Güter von einem Ort zum anderen bringt, oder für eine spätere
Zeit aufbewahrt, oder wer irgend blos persönliche Dienste leistet,
in denen er bestimmten Gedanken genügt, ist productiv. Hermann
 unterscheidet dann: Sachliche Production und Dienstleistunven.
 Zu den ersteren gehören :
1. Ablösung, Sammlung, Beischaffung von Naturkörpern.
welche sich ohne menschliches Zuthun darbieten.
2, Erzeugung und Gewinnung von vegetabilischen und animalischen
 Naturproduceten, — dazu gehören dann Ackerbau.
Viehzucht, Forstwirtschaft. —
3. Umwandlung der durch die beiden erstgenamten technischen
 Arbeiten gewonnenen Materialien, Gewerbe und Industrie.
4, Handel,
Und hier giebt er auch eine Definition: Handel ist die
Versetzung von Tauschgütern an den Ort, Aufbewahrung derselben
 bis zu der Zeit, und in beiden Fällen Bereithaltung und
Anbieten derselben in der Quantität, wo, wann und in der sie
am dringendsten begehrt und daher am höchsen vergolten werden.
Wir finden also bei Hermann eine vollständige‘ Gleichberechtigung,
 vollständige Eingliederung des Handels in die Production.
        <pb n="19" />
        ‘3

Rau.

Der Mensch kann zur Entstehung von Vermögensteilen
beitragen, indem er darauf hinwirkt, „dass mehr solche körperliche
Dinge, denen das Urteil des Menschen schon einen bestimmten
Wert beilegt, in das Vermögen gelangen, — Production“ oder
indem er körperliche Dinge mit menschlichen Zwecken in Verbindung
 setzt und in ihnen einen höheren Grad von Nützlichkeit
 entdeckt, so dass ihnen ein höherer Wert beigelegt wird.
„Diese die menschlichen Kenntnisse vervollkommende "Thätigkeit
kommt in ihrer Wirkung mit der Production überein. *)
An anderer Stelle sagt Rau: Production besteht in „der
Vergrösserung des Volksvermögens vermittelst eines am Stoffe
haftenden Gebrauchswertes, welcher vorher noch gar nicht im
Vermögen des Menschen war. **)
Um festzustellen, welche Thätigkeiten zu den productiven
oder unproductiven . gehören, untersucht Rau die Zweige der
Arbeit und unterscheidet zuerst wirtschaftliche Arbeiten, die das
Bedürfnis nach Sachzütern befriedigen, und zwar:
].. durch Vermehrung der Wertmenge der Sachgüter;
2, durch Besorgung ihres Übergangs in andere Hände;
3. durch Erhaltung derselben und Erleichterung ihres Gebrauches.


Daraus geht hervor, dass Rau den Handel zu den wirtschaftlichen
 Arbeiten rechnet. Diesen stellt er die persönlichen
Dienstleistungen gegenüber.
Die unter 2 genannten Thätigkeiten sind die Arbeiten der
Güterübertragung, Verkehrsarbeiten, und werden eingeteilt. in:
1. Handelsgeschäfte die den Tausch von Sachgütern zum
Zweck haben. Wenn zwei Personen austauschen, liegt nicht
schon Handel vor, erst dann, wenn eine „besondere Beschäftigung
d. i ein eigenes Gewerbe getrieben wird, 1)
Dass die Gewerkarbeit produetiy ist, giebt Rau ohne Be

*) Rau, Grundsätze der Volkswirtschaftslehre von Karl Heinr. Rau,
VI. Aufl. Leipzig-Heidelberg 1880. S. 100.
**) A. a. O0. S. 87.
+) Unter Gewerbe versteht Rau (S. 114) Beschäftigung für den Zweck
des Erwerbes.
        <pb n="20" />
        1A

denken zu; zu untersuchen ist nun, wie er sich zu der Fraye
stellt: Ist auch der Hafıdel productiv? Man kann eine Sache
vebrauchen, wenn man die Verfügungsgewalt über die Sache hat
und man muss sie in der Nähe besitzen. Darin sieht er die notwendiyen
 Bedingungen für den Gebrauch von Gütern. Beides
zewährt der Handel.
Der Handelnde sucht jeden Überfluss und jedes Bedürfnis
auf und sucht beide auszugleichen. Die Beschaffenheit der Güter
wird dabei aber nicht verändert, sie erhalten auch ım allgemeinen
keinen höheren Gebrauchswert. — Dem inländischen Handel
spricht Rau keine productive Eigenschaft zu, weil bei einzr
Schätzung des Volksvermögens schon die uoch bevorstehende
Verteilung vorausgesetzt wird. Dagegen. vermehrt der ausländische
 Handel das Volksvermögen durch den volkswirtschaftlichen
Tauschgewinn. Dieser Erfolg darf aber nicht auf Production
zurückgeführt werden, es gehört zu den Einnahmen aus fremdem
Vermögen. Dass sich eine besondere Erwerbsklasse gebildet hat,
die den Handel betreibt, nur im Interesse der Production. Deshalb
 ist der Handel unentbehrlich, er ist aber nur dann produetiv,
 wenn er neue Erzeugnisse absetzt und dadurch die Neupro-Juetion
 erleichtert. Seine Nützlichkeit für die Volkswirtschaft
ist nach seinem Einflusse auf ‚Production und Consumtion zu beurteilen,
 nicht nach dem Verdienst des Kaufmanns. Diese Kosten
sind zu den Productionskosten der Güter zu zählen. Die Handelskosten
 werden vom Käufer im Preise mit erstattet.
Aus diesen Ausführungen ergiebt sich also: Nur die Stoffarbeiten
 sind allgemein und unmittelbar productiv, als mittelbar
produetiv sind die meisten Handelszweige anzusehen, bei den
persönlichen Diensten sind die mittelbar und nicht productiven
Thätiykeiten vermischt.

Dietzel.

Bei zunehmender Arbeitsteilung und wachsendem Verkehr
bildet sich zur Vermittelung des Austausches zwischen den einzelnen
 Individuen ein besonderer Erwerbzweiy aus. Das ist der
        <pb n="21" />
        Handel. Er ist veranlasst und notwendig gemacht durch die gewerbliche
 Production und stellt mit ihr, zusammen die zweite
zrosse Hälfte aller volkswirtschaftlichen Arbeit dar. Dietzel
sagt: *) „Auch der Handel ist als eine Umgestaltung der Güter
zu betrachten,“ er ermöglicht durch sie eine vollkommenere Befriedigung
 menschlicher Bedürfnisse, er vervollständigt. und erhöht
 ihre Gutseigenschaft. Zwar betrifit die Umgestaltung durch
den Handel nicht die stoffliche Zusammensetzung und die Form,
sondern das „Verhältnis der Güter zum einzelnen Individuum und
zine Veränderung der örtlichen Lage derselben.“
Nach der Production der Güter muss noch „eine weitere
Arbeit stattfinden, um mit ihnen diejenige Veränderung vorzuaehmen,
 welche erforderlich ist, damit sie die. volle Gutseigenschaft
 besitzen. Und diese verändernde Arbeit besteht in der
Zuführung der Güter zu denjenigen Personen, die danach Bedürfnis
 empfinden.
„Die Veränderungen, die der Austausch und der Handel
als der Vermitiler des Austausches mit den Gütern vornehmen,
besteht eigentlich nur in einer Änderung des Angehörigkeitsverhältnisses
 der Güter zu den Personen, indem sie jene aus dem
Besitze derjenigen, die gar kein oder ein geringeres Bedürfnis
danach haben, in den Besitz anderer „überführen — dazu ist
sine Veränderung in der örtlichen Lage erforderlich.“**) Hierin
besteht der Hauptteil der Arbeit der Austauschvermittelung, der
auvenscheinlich eine Umgestaltung der Güter ist.
Daraus ergiebt sich für Austausch und Handel hinsichtlich
ihrer allgemein volkswirtschaftlichen Natur eine nahe Verwandtschaft
 mit der gewerblich umformen«(den Arbeit, und Dietzel stellt
sie beide als umgestaltende Thätigkeiten gleichmässiy der Ackerbauproduetion
 gegenüber. Dietzel erblickt in der Handelsarbeit
vorwiegend geistige Thätigkeit, es kommen die geistigen Elemente
der menschlichen Arbeitskraft hier mehr zur Geltung als bei
der gewerblichen Arbeit. Eine stoffliche Umformung kann der
Handel mit den Gütern nieht vornehmen, körperliche Verrichtungen
 kommen in ihr nur nebensächlich vor, abgesehen von

*) Carl Dietzel: „Die Volkswirtschaft und ihr Verhältnis zu Gesellschaft
ınd Staat.“ Frankfurt 1864.

“*} a. a, 0. 308
        <pb n="22" />
        .f

der Arbeit bei der räumlichen Fortbewegung der Güter, die sich
als Transportgewerbe vom Handel trennt. .
Der Tausch geschieht nach Massgabe des Wertes, Grundlage
 der Austauschvermittelung ist daher die Feststellung und
Berechnung der Güter unter Berücksichtigung der vorhandenen
oder möglichen Umstände und ihres Verhältnisses zur absoluten
Grundlage. Diese Vermittelung ist nur da als wirtschaftliche
Arbeit anzusehen, d. h. als Arbeit, die dem Arbeitenden einen
Wert erzeugt, wenn eine Verschiedenheit des Wertes desselben
Gutes oder derselben Güterart vorliegt. Auf Grundlage der
Wertbestimmung unter verschiedenen Verhältnissen und auf der
Vornahme darauf gegründeter Operationen beruht die Berechnung
der Wertdifferenz, die der Handel durch Austausch des betreffenden
 Gutes für sich zu erlangen sucht — und dies bildet den
Inbegriff der eigentlichen Handelsarbeit.
Durch das Wesen seiner Arbeit also unterscheidet sich der
Handel von den anderen Wirtschaftszweigen, ferner durch die
Hinzuziehung des Kapitals zu seinem Betriebe. Bodenkapital
kann der Handel fast ganz entbehren, er kann zur höchsten
Ausbildung auch ohne Grundbesitz gelangen.
Das Kapital‘des Handels ist beweglich im höchsten Sinne
des Wortes. Es besteht zum grössten Teil im Tauschwerkzeuge
oder Geld, da es dazu bestimmt ist, beständig in der Bewegung
des Tauschverkehrs umzulaufen. ‘Den Stoff seiner wirtschaftlichen
Thätigkeit bilden die bereits producierten und umyeformten Güter
im Besitz Anderer, zwischen welchen er durch seine Arbeit den
Austausch vermitteln soll.
Beim Handel zeigt sich zuerst das Element der wirtschaftlichen
 Gefahr, das Risico, das aus dem Wesen des Wertes und
seiner Veränderlichkeit folgt. Einen wirtschaftlichen Erfolg kann
der Handel nur dann erzielen, wenn der Wert der Güter beim
Wiederaustausch (Verkauf) ein höherer ist, als beim Eintausch
(Kauf), und die Handelsthätigkeit unterliegt somit einer immerwährenden
 Gefahr des Misslingens. Voraussicht, weitblickender
Scharfsinn und richtige Berechnung aller etwa eintretenden Ergiynisse
 können dem vorbeugen. Von dem Grade, in dem der
Handeltreibende diese Fähigkeiten besitzt, hängt der Erfolg des
Geschäftes ab.
        <pb n="23" />
        Der Handel ist nach Dietzel, um noch einmal zusammenzufassen,
 das verbindende Element zwischen den verschiedenen
Hauptwirtschaftszweigen, durch seine Austauschvermittelung werden
 sie erst zum volkswirtschaftlichen Organismus zusammengefügt.
 Er führt den Austausch zwischen den einzelnen Productionen
 herbei, indem er zwischen den einzelnen Producenten und
den Consumenten vermittelt.

Roscher.

Roscher sagt, *) wenn jede Production erst in dem Augenblicke
 vollendet ist, wo das Product für seinen letzten Zweck,
die Consumtion, reif geworden, so ist der Handel gleichsam das
Schlussglied in der Kette der productiven Arbeiten. Er bildet
zugleich eine Menge von Mittelgliedern, da ohne ihn keine Arbeitsteilung
 möglich ist, ohne Arbeitsteilung aber keine höhere Produetivität
 der Wirtschaft überhaupt, und an einer anderen Stelle**)
versteht er unter Handel „das gewerbsmässige Kaufen zum
Wiederverkauf.“ Also er betont das Gewerbsmässige. Er stellt
den Handel in der Volkswirtschaft sehr hoch, als das wichtigste verbindende
 Organ, das die Aufgabe hat, die Marktbildung zu übernehmen,
 und auch den Kaufmann, der sich als Diener der Volkswirtschaft
 ansehen müsste, „dessen Gehalt in einer Tantieme des
Nutzens besteht, welchen er leistet.“
Auch Roscher weist ***) darauf hin, wie notwendig eine
scharfe Fixierung des Handelsbegriffs sei und führt als Beispiel
für eine fehlerhafte die von Endemann an, der sagt, dass jeder
Producent zugleich Händler sein müsse, sonst hätte seine Produetion
 keinen Zweck. (Entw. eines deutschen H.-G.-Bs. $ 14.)
Roscher will die volkswirtschaftliche Productivität des Handels
danach bemessen, wie sehr die zum Volke gehörigen Personen,
welchen der kaufmännische Dienst geleistet wird, die für ihr
Product empfangenen Gegenwerte zu neuer Produetion verwenden.

*) System der Volkswirtschaft Bd, I S 49.
**) System Bd. III (7. Aufl. S. 738.)
***) A. a. O. Ba. III S. 75.
        <pb n="24" />
        18

Die (jesamtthätigykeit des Volkes befriediyt die (jesumtbedürfnisse
 der Volkswirtschaft. „Jedes (jeschäft nun, dessen
Leistung vernünftigerweise begehrt und angemessen bezahlt wird,
hat produetiv gearbeitet, *)
Roscher meint, dass jeder Nationalökonom seinen Begriff
Produetivität auf seine Begriffe von (jut und Wert gründen
muss. Machen wir bei ihm die Probe. Kin (jut ist nach
seiner Definition das, was zur Befriedigung eines menschlichen Bedürfnisses
 geciynet ist, und für die Beschaffung dieser (jüter
sorgt die Wirtschaft, daraus eryiebt sich der "Tausch und der
Verkehr, „die fortgesetzte Verbindung durch Austausch von
Leistungen.“
Unter Produetion versteht er „Schaffuny von Mitteln zur
Befriedigung menschlicher Bedürfnisse“ durch wirtschaftliche
Arbeit, und rechnet zu diesen auch die Zuteilung des (Jütervorrats
 an diejenigen, welche unmittelbar davon Gebrauch machen
wollen, sowohl von Nation zu Nation, von Ort zu Ort (Grosshandel),
 wie an einzelne Bewohner desselben Ortes (Kleinhandel).
Unter die Volkswirtschaft begreift er Haus- und Weltwirtschaft,
 deren Gesamtbedürfnis durch die Gesamtthätiykeit des
Volkes befriedigt wird; er unterscheidet zwischen Gebrauchswert
und Tauschwert, wobei ein Tauschwert olıne Gebrauchswert ausgeschlossen
 wird. Bei der Beurteilung der Produetivität unterscheidet
 er zwischen Privatwirtschaft, .die nach dem "Fauschwerte,
und Weltwirtschaft , die nach dem (jebrauchswerte schätzt.
Zwischen beiden steht die Volkswirtschaft. Bei einem fortgeschrittenerem
 Volke wird aber eine privatwirtschaftliche Produetivität
 auch eine - volkswirtschaftliche, cine volkswirtschaftliche
auch eine weltwirtschaftliche sein.

*) Welche Stelle Ruscher dem Handel in der Volkswirtschaft anweist.
geht auch aus seinem bekannten Vergleich hervor, wo er die Urproduction
 mit dem Esseu, die Gewerke mit der Verdauung, den Handel mit der
Bewegung der Gliedmassen, die persönlichen Dienste mit dem Atemholen vergleicht,
 und das Alles ist zum Leben des Körpers notwendig.
        <pb n="25" />
        19

Schmoller.

Schmoller betrachtet in einem besonderen Kapitel (VIII)
die Arbeitsteilung im Handel. Sie ist nicht so eingehend, wie
in der Industrie, aber sie ist auch hier wichtig, „weil dem Handel
und Verkehr die Rolle des Organisators und damit auch. des
Herrschers in der Volkswirtschaft zufällt.“
Schmoller meint, dass wir uns von dem Ideale des Mittelalters,
 Producent und Consument sich so nahe als möglich zu
rücken, möglichst wenig Händler dazwischen zu dulden, immer
mehr entfernen, fügt aber hinzu, dass auch an anderen Stellen
der verbesserte Verkehr und die verbesserte Einrichtung des
Handels manches Zwischenglied wieder entfernt haben. ;
Es sei gestattet, hier eine Stelle aus den Schmoller’schen
Ausführungen wiederzugeben, die die Organisation des gesamten
Handels characterisieren :
„Durch alle Glieder und Klassen der Gesellschaft, durch
alle arbeitsteilige sonstige Organisation hindurch reichen ihre Organe.
 An der Spitze stehen die führenden Persönlichkeiten der
Bank- und Kreditgeschäfte, die ganze Geschäftswelt durch die
Kreditorganisation beherrschend. Dann folgen die grossen Privathandelsgeschäfte
 dem oberen Mittelstand, die kleinen dem unteren
Mittelstand angehörig, teilweise sozial auf derselben Linie stehend,
wie die Handwerker, Kine steigende Zahl abhängiger Commis
gehört ebenfalls dieser gesellschaftlichen Schicht des Mittelstandes
an, ebenso wie zahlreiche Hülfskräfte des Handels. Die. kleinsten
Lagerhalter, Höker, Hausierer wie das ganze Personal der Markthelfer,
 Packer, Träger, Dienstmänner, das subalterne Personal
aller Verkehrsanstalten steht mit dem Stande der gelernten Arbeiter
 und der Tagelöhner auf einer Stufe.“
Schmoller meint, wenn man unter einem reinen Handelsunternehmen
 das Geschäft des gewerbsmässigen Einkaufens und
Verkaufens von Waren verstehe, ohne eine wesentliche Verarbeitung
 derselben, so hätten zu allen Zeiten wenig reine Handelsunternehmungen
 bestanden. Der Handel erscheine vielfach als
Nebenzweck eines anderen Geschäfts, und es sei auch heute noch

Schmoller, Die Thatsachen der Arbeitsleistung. Jahrb. f. Gesetzgeb,
1889. Jahrgang XII.
        <pb n="26" />
        20 —

der Fall, wie die deutsche Gewerbezählung von 1882 beweise,
die neben 452,725 Hauptbetrieben des Handels 164,111 Unternehmungen
 aufführe, in denen der Handel als Nebenbetrieb ausgeführt
 werde.
In wie weit hierin seit der letzten Zählung eine Veränderung
 eingetreten ist, isf Aus dem später erscheinenden statistischen
Meile dieser Arbeit zu ersehen.

Mataja.

Matajas”) Definition des Handels befindet sich gleich zu Anfang
des Artikels. „Handel ist. gewerbsmässig betrieben der Einkauf
und Eintausch von Gütern und die Wiederveräusserung derselben.“
Der Handel kann nur einzelne Veränderungen vornehmen (Ortsveränderungen,
 Umpackung, Zerteilung u. a.), im anderen Falle
würde Produetion vorliegen.
Danach rechnet Mataja den Handel nicht zur Produetion.
Die Aufgabe des Handels ist durch die Notwendigkeit der Güterübergänge
 gegeben. Dabei sind eine Anzahl Operationen nötig,
die aber vielfach leider durch einen Händler geschehen. Und
diese Dienste, die der Handel leistet, bilden seine volkswirtschaftliche
 Productivität. Die (jüter müssen erst in den Verfügungsbereich
 des Konsumenten kommen, erst dann gilt die productive
Thätigkeit als abgeschlossen.
Offenbar scheint darin doch cin Widerspruch zu liegen,
Mataja unterscheidet zwischen Production und Handel, spricht
ihm aber Produetivität zu. **)

Lexis.

Am eingehendsten hat Lexist) sich mit der Bedeutung und
Stellung des Handels befasst. „Handel ist der gewerbsmässige

*) Handwörterbuch der Staatswissenschaften, Art. „Handel“ Band IV
1892 Jena.
**) Auf diesen Widerspruch macht auch Ehrenberg, Der Handel. S. 18
aufmerksam. N
; 17) Handbuch der politischen Ökonomie von Schönberg, Band II.
IV. Auflage 1898.
        <pb n="27" />
        21

Betrieb des Eintausches und Ankaufs von Gütern und der Wiederveräusserung
 derselben zum Zwecke einer Erzielung von Gewinn.“
 Rein äusserlich betrachtet fällt der Warenhandel mit
der „zweckmässigen, den menschlichen Bedürfnissen entsprechenden
 "Transportierung und Aufspeicherung der bewerylichen Sachgüter
 zusammen.“ Die '"’hätiykeit des Kaufmanns ist nicht die
technische Ausführung dieser Vorgänge, sondern die geistige
Leitung nach Massyabe seiner Privatinteressen. Erlangen die
Güter durch diese privatwirtschaftliche Handelsthätigkeit eine
ihre Brauchbarkeit erhöhende‘ Ortsveränderung, und werden sie
dadurch dem Publikum reichlicher und bequemer zugänglich, so
ist sie unzweifelhaft auch volkswirtschaftlich produetiv.
Auch an anderer Stelle spricht sich Lexis für die Produetivität
 des Handels aus. **) Er sieht jede Arbeit als productiv
an, die in irgend einer Weise zu der Herstellung eines Gutes
oder der Erhöhung des objecetiv volkswirtschaftlichen Wertes eines
solchen beiträgt; dies gilt nicht nur für die Transportarbeiten, die
die Güter nach Orten bringt, wo sie eine grössere Nützlichkeit
haben, sondern auch „von der wirtschaftlichen Leitung dieser
zweckmässigen örtlichen Verteiluny der Güter, welche die Aufgabe
 des Handels bildet.“

Losch.

Auch Losch*) unternimmt es zu prüfen, ob der Handel als
Teil der nationalen Gesamtorganisation, seinem Zweck entspricht.
Dieser Zweck besteht darin, die erzeugten Waren vom Orte der
Erzeugung bis zum Orte des Verbrauches zu vermitteln. Der
Handel ist also die Organisation, die die Producte in den Konsum
 überführt.
Er zerfällt in Innen- und Aussenhandel,
Der äussere Handel wird nun versuchen, die im Inlande
herzestellten Erzeugnisse möglichst teuer im Auslande anzubrin-*)

 Handwörterbuch der Staatswissenschaften, Band 53. Jena 1893,
Art. „Production“,
**) Losch, Nationale Production und Nationale Berufsgliederung. 1892
Leipzig.
        <pb n="28" />
        929 —

gen und vorher möglichst billig aufzukaufen. Umgekehrt kauft
er billig im Auslande, um im Inlande teuer abzusetzen. Losch
führt ein Beispiel an: Ein Exporteur kauft 100 Ballen Ware
im Inlande zu 5000, verkauft sie im Auslande für 6000, kauft
im Auslande für 6000 und setzt für 7500 die Ware im Inlande
ab. Er hat dabei 2500 — 50 °% gewonnen und hat doch nichts
hervorgebracht, sondern nur schon hervorgebrachte Ware ausgetauscht
 und dabei beide Male Warenwerte für sich behalten.
Deshalb‘ warnt Losch, der Handel dürfte nicht zur selbständigen
Macht werden, und die Industrie müsse sich aus diesen Gründen
vom Handel freizumachen versuchen.
Und ein anderes Beispiel führt er an. Er fragt, wie entsteht
 der Preis einer Ware:
I. Erzeugungskosten betragen
II. Verkehr . . 2.0.0.0
III. Gewinn des Fabrikanten
IV. Gewinn des Grosshändlers
V. Gewinn des Detaillisten

4 ”
Verkaufspreis 20 M.
und doch ist das Gewicht der Ware nicht verändert.
Es ist eben nicht zu vermeiden, Zuschläge zum Herstellungspreise
 zu machen, weil zum Versand und Verkauf der Ware
Menschen notwendig sind, und die wollen bezahlt werden. Aber
den Fluch des Handels sieht Losch darin, dass er kauft und
verkauft, einerlei von wem und an wen, wenn er nur billig kauft
und möglichst teuer verkauft.
Jeder sucht natürlich möglichst hohen Gewinn zu erzielen,
und es geschieht dies auf Kosten anderer. Aber, Losch sollte
doch berücksichtigen, dass das Publicum so vollständig dem Zwischenhandel
 nicht preisgegeben ist, so ist es doch in erster Linie vor
übermässiger Übervorteilung durch die Konkurrenz geschützt,
wobei natürlich nicht zu vergessen ist, wie schädlich der unlautere
 Wettbewerb wirkt.
Losch sagt: Immer hat der Handel als solcher ein anderes
Interesse als die Producenten; er muss in seinem eigenen Lebensinteresse
 die Differenz zwischen Einkaufs- und Verkaufspreis erhöhen,
 während das gemeinsame Interesse der Producenten das
        <pb n="29" />
        23

ist, dass zwischen Einkaufs- und Verkaufspreis ein möglichst geringer
 Unterschied ist.
Da nun den 2 Millionen Handeltreibender 11,4 Millionen
Erzeuger landwirtschaftlicher und 6,9 Millionen Erzeuger industrieller
 Waren yeyenüber stehen, und die alle ein grosses Interesse
daran haben, dass der Handelsgewinn gedrückt wird, so ist der
Handelsstand demgemäss zu öryanisieren,
Der Handel kann nur das verkaufen, was ausser ihm da
ist, weiter nichts. Auch da, wo er durch Erschliessung neuer
Absatzgebiete scheinbar „productiv“ ist, bleibt er für den Producenten
 nur Mittelsperson.

Philippovich.

Die Hervorbringung von Brauchbarkeiten durch menschliche
Thätigkeit ist Production. Sie geschieht zum Zwecke der Konsumtion
 und jede Hebung der letzteren hat eine solche der Production
 zur Voraussetzung. *) In der hauswirtschaftlichen Periode
war die Güterhervorbringung, die Production, das einzige Mittel
der Güterversorgung. Mit dem zunelımenden Verkehr ward die
Möglichkeit, Güter im Wege des "Tausches zu erlangen gegeben.
Der Producent rechnet nun damit, für den TVauschverkehr producieren
 zu können, es entsteht die Warenproduction, d. h,
Production zum Zwecke der Erzielung eines Gewinnes durch
Absatz der Ware an Dritte.
Philippovich unterscheidet dann zwischen dem technischen
und wirtschafilichen Charakter der Production. Sie ist zunächst
nur ein technischer Vorgang, bei dem bereits vorhandene Teile
der stofflichen Welt in eine solche Anordnung gebracht werden,
dass er den gewollten Erfolg erzielt; dann ist die Production
technisch vollkommen, sie ist technisch betrachtet Herstellung
eines neuen Krzeupynisses. **) Der dem Producte zugesprochene
Wert muss nun höher sein, als der Wert der Kosten, das Pro-*)

 von Philippovich. Grundriss der politischen Oeconomie
I. Band 1897 II Auflage. Seite 7,
**) a. a. O0. Seite 98
        <pb n="30" />
        24

duct erhält den Character eines Gutes nicht im Produetionsprocess,
 Das vom Producenten geschaffene Product kann dann als
sachliche Unterlage für eine eventuelle Wertbildung dienen.
Philippovich betont hier nachdrücklich, dass eine Güter- und Werterzeugung
 in der Production nicht vorliegt, weil dann nur die
wirtschaftlich geglückte Production überhaupt Production wäre.
Wie schon erwähnt, ist die Production für die Menschheit
als Ganzes der Natur gegenüber das einzige Mittel der Gütergewinnung,
 der Einzelne kann durch Güterübertragung in den
Besitz von Gütern gelangen; wenn es im Weye wirtschaftlichen
Verkehrs geschieht, so ist es Erwerb, der auf Gewinn hinzielt,
Der Producent will nun auch Gewinn erzielen, sein Ziel ist also
auch der Erwerb und dies gilt gleichmässig für die Urproduction
und die stoffveredelnden Gewerbe. Zu den Erwerbsarten nun,
die nicht auf der Production fussen, gehört der Handel. Philippovich
 nennt diese die „reinen Krwerbszweige.“ KEr hat geschieden
 in Production und Erwerb und unterscheidet dementsprechend
zwischen Productivität und Rentabilität. „Produetivität ist sachliche
 Ergiebigkeit der Production, Rentabilität die Ergiebigkeit
des Erwerbes.“ Beides braucht nicht übereinzustimmen. Philippovich
 zeigt es an dem Beispiel einer schlechten Ernte, die das
Ergebnis geringerer Productivität ist, wenn aber die Preise im
Verhältnis der Ertragsverminderung gestiegen sind, so ist die
Rentabilität dieselbe geblieben. Man darf daher aus der Ren-Stabilität
 keinen Schluss auf die Productivität ziehen und umgekehrt.
 Er stellt dann die Interessen der Gesamtheit und des
Einzelnen gegenüber. Handelt es sich um die Versorgung der
Gesamtheit mit Sachgütern, so ist die grösste Productivität zu
erstreben, den einzelnen Betrieben ist grösste Rentabilität erwünscht,
 Die letztere ist aber Voraussetzung für den Betrieb
jeder Production, die Productivität ist also von ihr abhängig.
Schon aus den früheren Ausführungen geht hervor, dass diese
Auffassung vom Begriff der Produetivität nicht allgemein anerkannt
 wird. Und Philippovich bezeichnet ihn selbst als eng. Er
hält den Streit über diesen Begriff der sich durch die ganze nationalöconomische
 Literatur zieht für unfruchtbar. *) Er sieht
die Ursache zu diesem Streit darin, dass zahlreiche 'Thatsachen,
*) Und hierin stimmt er mit Cohn überein.
        <pb n="31" />
        925

die mit der materiellen Production nichts zu thun haben, diese
dennoch fördern, und er rechnet hierher den Handel in erster
Linie, und sagt, wenn man Bedingungen, die eine Productivitätssteigerung
 herbeiführen, mit Rücksicht auf die endliche wirtschaftliche
 Wirkung selbst productiv nennen will, dass man dann nicht
eine wirtschaftliche Thatsache für sich, sondern die Beziehungen
verschiedenster Thatsachen zu anderen, wirtschaftlichen Thatsachen
 betrachtet,
Philippovich will aber durch seine enge Fassung die Einwirkungen
 dritter Thatsachen auf die Wirtschaftsführung *) ausschliessen
 und nur das Ergebnis der Production und den Aufwand,
 der dazu führte, hervorheben und vergleichen.
Er hält also nur die Thätigkeiten für productiv, die bei der
technischen Production mitwirken, das geht auch aus dem Folgenden
 hervor.
Unter Verkehr **) im weiteren Sinne versteht Philippovich
Güterübertragungen auf wirtschaftlichem Wege, unter Verkehr
im engeren Sinne Raumübertragungen von Personen, Gütern und
Nachrichten. Eine Folge des Verkehrs ist der Güterumlauf, und
dieser hängt von den Konsumtionsbedürfnissen ab, von der Art
und Menge der in den Verkehr gekommenen Güter und von dem
Mass der Tauschfähigkeit. Der Verkehr verknüpft Produetion
und Konsumtion. Es sind nun eine Anzahl Hindernisse des Verkehrs
 zu überwinden. Eins — und nicht das unbedeutenste —
besteht darin, dass der Producent bei der weiten Entfernung die
Bedürfnisse der Konsumenten nicht übersieht, dass anderseits dem
Konsumenten die Produete nicht bekannt sind. Da tritt nun zum
Ausgleich der Handel als selbständiger Vermittler zwischen Prolucenten
 und Konsumenten, „indem er durch Kauf und Verkauf
von Waren den Producenten die Producte abnimmt, die sie selbst
nicht in den Verkehr bringen konnten und den Konsumenten Gelegenheit
 zum Erwerbe der Waren giebt, deren Producenten sie
nicht aufzusuchen in der Lage sind. ***) Danach liegt dem Verkehr
die Aufgabe der Raumüberwindung ob, die Näherbringung der
Producenten und Konsumenten.

*) z. B. die des Unterrichts auf die Ausnützung der Productionsmöglichkeiten.

**) a. a. O. Seite 185
*#*) a a. OO. Seite 187
        <pb n="32" />
        26

Handel ist nach Philippovich jene Erwerbsfähigkeit, *)
welche nicht durch selbständige Production, sondern durch‘ Kauf
und Verkauf von Gütern, an welchen der Händler selbst keine
Veränderung mehr vornimmt, einen Gewinn anstrebt. Er rechnet
 darauf, zu höherem Preise verkaufen zu können, als er eingekauft
 hat. Der Handel bewirkt eine Ausgleichung der (Jütervorräte
 und damit Zugleich eine Ausgleichung der Preise auf
jenen Stand, welcher den gegebenen Verhältnissen der Production
und des Bedarfs entspricht. Der Händler muss eine möglichst
grosse Ausnutzung der Gewinngelegenheiten erstreben, mit Hülfe der
Speculation auch die entstehenden Bedürfnisse berücksichtigen und
für eine rechtzeitige Herbeischaffung der Güter sorgen. Dadurch
trägt er zu einer den Bedürfnissen zeitlich gleichmässig entsprechenden
 Verteilung der Güter bei. Er muss im geeigneten Augenblicke
 dem Producenten gegenüber als Käufer auftreten und
bewirkt somit eine entsprechende ‚Ausdehnung der Production.
Dadurch, dass er auch die Ausnützung der besten Productionsbedingungen
 auch dann gestattet, wenn der Producent an Ort
und Stelle den Absatz nicht finden würde, ermöglicht er auch die
beste räumliche Verteilung der Production,
„In der Ermittelung der Bedürfnisse und der Productionen,
 welche diesen Bedürfnissen genügen können, liegt
die grosse volkswirtschaftliche Bedeutung des Handels.“ Er
regt zu neuer Production an, erhält und fördert bestehende Productionsunternehmungen.
 Schädlich für die Production kann der
Handel anderseits auch wirken, indem er billigere Producte aus
der Ferne herbeischafft. Sein Streben geht dahin, dem Wirtschaftsgebiete
 die volks- und weltwirtschaftlich billigste Güterversorgung
zu ermöglichen.

ka. a. O. Seite 189.
        <pb n="33" />
        27

ana,

Cohn.

Gleich zu Beginn des III. Bandes weist Cohn darauf hin,
wie man dazu gekommen sei — und man thut es noch heute —
dem Handel die Produetivität abzusprechen. Von stofflichen Veränderungen
 ist beim Handel nicht die Rede, darin beruht der
Gegensatz zu Landwirtschaft und Gewerbe, wo es sich um Erzeugung
 oder Umformung von Stoffen handelt, Cohn sieht in der
Arbeitsteilung unter den wirtschaftlichen Producentengruppen den
Reflex der technischen Vorgänge, aus denen sich die Herstellung
der Güter zusammensetzt und in die sie sich zerlegen lässt, und
keinem dieser Vorgänge darf eine grössere productive Bedeutung
zugeschrieben werden, um andere Vorgänge, die in der Richtung
des gleichen Zieles, aber dem Ziele näher liegen, am Maassstab
der Productivität herabzusetzen. *) Denn alle diese Thätigkeiten
leiten ihren Anspruch auf Produectivität aus demselben Grunde
ab, sie sind notwendige Beiträge. für den gemeinsamen Zweck
der Versorgung des Bedarfs einer Volkswirtschaft. Darin sieht
Cohn den Zweck der Production, und unter Production selbst
versteht er die Herstellung eines Gutes, nicht aber die blosse
Wertentstehung, unabhängig von menschlicher Thätigkeit.
Aus der hauswirtschafflichen entwickelt sich die verkehrsmässige
 Production, es tritt die Arbeitsteilung ein, damit eine
Trennung in einzelne Zweige der Production, und es ergiebt sich
die Dreiteilung in Urproduction, Gewerbe, Handel und Verkehr,
die sich mit der Hervorbringung der Rohstoffe, Formung derselben
 und der zweckmässigen räumlichen und zeitlichen Bereithaltung
 der rohen und geformten Stoffe zu befassen haben. (I. 297)
Ergänzend treten neben Gewerbe und Handel die Transvortgyewerbe.


Allen diesen Erwerbsarten muss man nun gerecht zu werden
versuchen und nicht die eine als allein productiv bezeichnen, weil
sie vielleicht gerade das Übergewicht hat und zu diesem Zweck
weist Cohn **) darauf hin, dass alle Production nichts weiter ist,
als Leitung der Naturprozesse zum Zwecke des menschlichen Bedarfs,
 und dann unterscheidet sich die Rohstofferzeugung von der

System der Nationalökonomie Bd. I 1885, Band II 1899.
*) A. a O. III S. 2.
**\ A a. O. IL 461.
        <pb n="34" />
        28

Rohstoffveredelung nur durch die Verschiedenheit des technischen
Prozesses, den sie überwacht. Das Saatkorn zum Reifen bringen
zu lassen, bleibt der Natur überlassen. Die produetive Thätigkeit
 des Menschen bestimmt dabei nur den natürlichen Vorgang
zu ihrem Zweck.
Folglich haben auch die Thätigkeiten, die das fertige Produet
 nur zeitlich und. räumlich verändern, mit gleichem Recht
Anspruch auf Produetivität; so der Handel und die Verkehrsanstalten.
 In der Brauchbarkeit liegt die wichtigste Eigenschaft
eines Gutes und alle Thätigkeiten, die darauf gerichtet sind, die
Brauchbarkeit hervorzurufen oder ‚zu erhöhen, werden als ordentliche
 Bestandteile der Production erscheinen. Der Handel mit
seinen Hülfsmitteln ergänzt also nur die Unvollkommenheit der
übrigen technischen Prozesse, inlem er jene zweckmässige Leitung,
 welche jedes Product für den Bedarf bestimmt, zu einem
selbständigen Gliede der arbeitsteiligen Produetion macht. Dann
erst sind die technischen Prozesse der Produetion abgeschlossen,
wenn die Bestimmung des (Gutes für den Bedarf verwirklicht ist.
Fortbewegung und Aufspeicherung sind nur die äusseren Vorgänge,
 aber das eigentliche Wesen seiner produetiven Thätigkeit
 besteht darin, dass er diese technischen Voryänge für den
Zweck der Wertbildung anwendet. Als Beispiel führt auch Cohn
die Ernte auf dem Felde an, die verfaulen würde, wenn nicht
der Handel und die mit ihm verbundenen Verkehrsmittel eingreifen
 würden, *)
Cohn verkennt aber auch die Schattenseiten des Handels
nicht (I. 467).
Was beim Landbau und bei der Industrie nur Begleiterscheinung
 ist, die volkswirtschaftliche Berechnung, wird hier zur
ausschliesslichen Beschäftigung. Alles dreht sich beim Handel um
die Berechnung des Vorteils. Das muss auch Cohn zugeben, so
sehr ihm daran gelegen ist, dem Handel die gebührende Stellung
zu verschaffen. Er sagt: „der Segen der Arbeit, den der Ackersmann,
 der Handwerker u. s. w. in der Mühsal ihres Betriebes
empfinden, der schrumpft für den Kaufmann zu der alles andere
ausschliessenden Berechnung des wohlfeilen Einkaufs und des
vorteilhaften Verkaufs zusammen.“

*) Vgl. Cohn, Jahrbücher f. Nat. 1885. 8. 98 £.
        <pb n="35" />
        43

Dies ändert aber an der 'Thatsache nichts, dass der Handel
für die Volkswirtschaft unentbehrlich ist. Was der Handel leistet,
vehört nach dem (jesetz der „Arbeitsteilung zur productiven '.’hätiykeit,
 und er leistet in allen seinen Zweigen denjenigen Hülfsdienst,
 welcher den Producenten an den Ort des grössten Bedarfs,
den Konsumenten zur besten Ergiebiykeit der Production
führt (468).
Bei unserer heutigen Entwickelung des Verkehrs sind selbständige
 Producentengruppen notwendig geworden, die berufsmässigy
 die Geschäfte des Handels und Verkehrs betreiben. Handel
 und Verkehr hängen eng zusammen, beide überwinden die
Entfernungen, wobei jedoch die Verkehrsmittel nicht durchaus
des Handels bedürfen, während der Handel ohne die Verkehrsmittel
 nicht auskommen kann, und der Verkehr strebt danach
den Handel möglichst auszuschalten.
Fassen wir zum Schluss die Ansicht Cohn’s zusammen,
Nach ihm ist der Handel productiv, er bildet den Abschluss der
Produetionsprozesse und hat die Aufyabe, die Güter an die Stelle
zu bringen, wo sie am meisten gebraucht werden, und die bestmögliche
 Versorgung mit allen Dingen des Bedarfs herbeizuführen.
Er schafft die Güter nicht, aber er veranlasst, dass sie geschaffen
werden. *}

Conrad.

Die wirtschaftliche "Chätiykeit richtet sich auf Wertvermehrung,
 sei es, dass neue Werte geschaffen oder dass vorhandene
 Werte erhöht werden. Eine Werterhöhung kann stattitinden
(I, 6) durch Veränderung des Verhältnisses zwischen dem schätzenden
 Subjekt und dem geschätzten Objekt, unter anderem
„durch Hinführung der Güter an den Ort des Bedarfs, also durch
das Gewerbe des "Transports und durch den Handel d. i. Übergang
 in die Hand dessen, der eine bessere Verwendung dafür

* A. a. O. IIL 208.
**) Grundriss der Nationalöconomie Teil I und II.
        <pb n="36" />
        30

hat. Derselbe Vorrat an Gütern erhält durch eine angemessene
Verteilung im Lande einen höheren Wert.“ Dies ist z. B. bei
der Kohle der Fall. Auch die Thätigkeit des Bergmanns ist nur
eine Ortsveränderung, wenn er die Kohle an den Tag fördert,
und wenn sie dort liegen bliebe, würde sie wertlos sein. Da
muss denn eine Verfrachtung eintreten und eine Überführung an
die Orte des Bedarfs. Dasselbe gilt von der Ernte, die auf dem
Felde verderben würde, und von den * fertigen Waren am Fabriksort.


Der Landwirtschaft, der Industrie und dem: Handel ist dieselbe
 Bedeutung zuzuschreiben. Der Handel hat einen Teil des
gesamten Produetionsprocesses auf sich zu nehmen, und ist deshalb
 bald als Zwischenglied, bald als Schlussglied der Produetion
anzusehen; der Landwirt und der Industrielle brauchen das
Mittelglied als Fortsetzung des Productionsprocesses, Bei richtigver
 Handhabung vermag auch der inländische Handel das Volksvermögen
 zu steigern, es tritt durch menschliche Arbeit eine
Werterhöhung von Waren ein. Er muss als Produetionsact anyesehen
 und darf der Production nicht gegenübergestellt werden,
er ist der gewerbsmässige Kauf und Wiederverkauf behufs Gewinnerzielung.“
 (IL, 638)
Dass unproduetiver Handel vorkommt, wird nicht geleugnet,
wo Seltenheitspreise erzielt werden sollen, wo künstlich auf Preiserhöhung
 oder Erniedrigung hingearbeitet wird, da kann von
einer Produectivität des Handels nicht die Rede sein. ;
Deshalb den yanzen Stand für unproduectiv zu halten ist
ungerecht, denn es giebt unproductive "Thätigkeit auch in der
Industrie und in der Landwirtschaft.

Rathgen.

Handel ist diejenige wirtschaftliche Thätigykeit, welche den
Verkehr zwischen Producenten und Konsumenten vermittelt, er

“) Art. „Handel“ im Wörterbuch der Volkswirtschaft, Bd. I.
        <pb n="37" />
        31

will Gewinn erzielen durch gewerbsmässig betriebenen Einkauf
und Wiederverkauf von Gütern.
Diese Definition deckt sieh mit‘ denen von Roscher. Mataja.

Lexis.
Der Handel ist dann produetiv, wenn er durch den örtlichen
und zeitlichen Ausgleich von Überfluss und Mangel die Brauchbarkeit
 der Güter vermehrt, wenn er den Güteraustausch billiger
und vollkommener besorgt, eine bessere Bedürfnisbefriedigung ermöglicht,
 als ohne ihn der Fall sein würde. *) Er hat bei der
Preisbildung mitzuwirken, und auch im directen Verkehr zwischen
Producent und Konsument, wo man den Handel ausschaltet,
stützt man sich vielfach auf die vom Handel festgestellten
Preise.

An anderer Stelle **) hat Rathgen dargelegt, worin die
Thätigkeit des Handels besteht. Er vermittelt‘ nicht nur, er orvanisiert
 die Production, er giebt Aufträge, er beschäftigt die
Handwerker und macht sie abhängig von sich. Der ‚einzelne
Produeent kann den Markt nicht mehr übersehen, der Handel
überhebt ihn dieser Mühe. Er ist nützlich nur dann, wenn er
die Waren in einer zweckmässigeren Weise umsetzt, als es auf
direetem Wege geschehen würde.

Ehrenberg.

Die Ehrenberg’sche "Theorie***) weicht von den anderen so
erheblich ab, dass ein näheres Eingehen auf dieselbe am Platz
zu sein scheint. Im ‚Jahre 1897 erschien sein Buch über den
Handel, +) eine Sammlung von Vorträgen, die Ehrenberg in Hamburg
 vor Kaufleuten gehalten hat.

*) A. a. O. Seite 998.
**) Die soziale Bedeutung des Handels, Bericht über die Verhandlungen
des VII. evang. sozialen Kongresses in Stuttgart 1896, Seite 75.
*##) Dr. Richard Ehrenberg, Der Handel, seine wirtschaftliche Bedeutung,
 seine nationalen Pflichten und-sein Verhältnis zum Staat. ‚Jena 1897.
+) Cohn nennt das Buch eine Apologetik des Handels, die glaubt,
dessen Productivität gegen die in der Wissenschaft vorherrschenden Anschauungen
 verteidigen zu müssen. III Seite 208.
        <pb n="38" />
        35

Ehrenberg betont &amp;amp;leich zu Anfang, dass die volkswirtschaftliche
 Bedeutung des Handels in Deutschland vegenwärtig eine
bestrittene Frage bilde, und dass diese vielfach in einem dem
Handel ungünstigen Sinn entschieden werde. Und einen grossen
Teil der Schuld daran schiebt er der deutschen Volkswirtschafts-Jehre
 zu, weil sie noch regelmässig den Handel von der Production
 trenne. .Ehrenberg findet ein Eingehen auf die Frage von
der wirtschaftlichen Productivität berechtigt, *) weil die Theorie
 sich noch immer nicht entschlossen habe, den Handel als
völlig gleichberechtigt den übrigen Produetionszweigen einzureihen.
Wenn die Natur dem Menschen nicht mehr mühelos das
gewährt, was er braucht, ist er gezwungen zu arbeiten und diese
 Erwerbsarbeit wurde zur Produetion, „sobald es ihr gelang,
die natürliche Knappheit an unmi#telbar brauchbaren wirtschaftlichen
 Gütern zu besiegen.“ **) Ehrenberg fängt also seine Ausführungen
 ‚auch mit einer Untersuchung über das Wesen der
Production an.

„Pröduetion ist Überwindung jeder natürlichen Güterknappheit“
 und Ehrenberg fügt gleich hinzu, dass die übliche Lehre
unter Production Schaffung von Werten: verstehe. Seine Definition
 hat, wie er selbst sagt, den Vorteil, dass sich ein Eingehen
auf die verwickelte Lehre vom Wert vermeiden lässt.
Die Production hat nun eine vierfache Güterknappheit zu
überwinden.
Die Güter sind
1. nicht in genügender Menge,
2. nicht in der geeigneten Beschaffenheit, -
3. nicht am rechten Ort und
4. nicht zur Zeit des Bedarfs
vorhanden, Sind diese vier Aufgaben gelöst, dann gilt die Production
 als beendet; die Güter müssen der Natur abgewonnen,
bearbeitet, transportiert und bis zum Augenblick des Konsums

*) Cohn sagt dagegen, es sei nicht der Mühe wert, den alten Wortstreit
 über das Wesen der Productivität zu erneuern, bei welchem man ohnehin
 sich niemals verständigen kann, wenn man nicht zuerst feststellt, was
unter dem Begriffe der Productivität verstanden werden soll, angesichts der
ganz verschiedenen Bedeutung, die das Wort in unserer Wissenschaft seit dem
System der Physiokraten gehabt hat.“ III, 208,
*%) a. a. O0. Seite 23.
        <pb n="39" />
        33

aufgehoben worden sein. Dann erst hat eine Sache Gebrauchswert.
 die Produetion muss also diese vier Aufgaben umfassen.
Der Zustand der Eigenproduetion wird durch den Tauschverkehr
 durchbrochen, der den wirtschaftlichen Gütern einen
neuen Wert, den "Tauschwert, verleiht, sie können jetzt gegen
andere Güter ausgetauscht werden. Ehrenberg geht auch hier
noch nicht näher auf den Begriff des Wertes ein, sondern auf
den des Pausches. Zum Tausch gehören zwei Menschen an einen
bestimmten Ort zur bestimmten Zeit, und hier helfen sie
dem örtlichen und zeitlichen Mangel an wirtschaftlichen Gütern
ab, und das ist, nach Ehrenbergs Definition von der Production
ein notwendiger ‚Bestandteil derselben. Der Tausch hat es also
nur mit Ort und Zeit zu thun, die Erzeugung des nötigen Güterquantums
 und der erforderlichen Güterqualität spielt sich ausserhalb
 des "Tauschverkehrs ab. Das gewonnene Salz und Kisen
ist noch kein Product, auch wenn es schon zum Tausch fertig ist.
Nun geht Ehrenberg zur Betrachtung des Handels über, denn
Tauschverkehr ist nicht Handel, jener ist der weitere Begriff,
Der Tauschverkehr hat zur Arbeitsteilung geführt. Ehrenberg
unterscheidet zwei Grundformen derselben: Produetionszweige und
Produetionsarten. Bei den ersteren übernehmen es Gruppen von
Producenten, Güter bestimmter Art der Gesamtheit zur Verfüvung
 zu stellen, die dafür von der Gesamtheit ein Entyelt verlangen...
 So bilden sich die Produetionszweige für die Production
von Eisen, Salz, Getreide u. s. w. *) Diese Produetionszweige
können aber die Kargheit der Natur nicht nach den vier oben
angegebenen Richtungen allein überwinden. Da tritt dann eine
weitere Arbeitsteilung ein, ‚es bilden sich Gruppen von Producenten,
 die die Bekämpfung der vier Arbeiten von Güterknappheit
übernehmen, und es entstehen die Produetionsarten.
Also vier Productionsarten: Urproduetion, Gewerbe, Handel
und — Speculation. Ehrenberg nennt sie die ebenbürtige Schwester
 der ersten drei. Die Urproduetion beschafft das (Quantum,
das Gewerbe die taugliche Qualität, der Handel überführt die
Güter an den Ort des Bedarfs und „die Sicherung der zeitlich
anunterbrochenen Güterversoryung ist Sache der Speeulation.“ 4%)
Scharf lässt sich die Grenze zwischen den Produetionsarten nicht
*) a. a. O. Seite 81.
**) a. a. O. Seite 38.
        <pb n="40" />
        ziehen, und am schwierigsten wird das bei Handel und Speeulation
 der Fall sein, da man die letztere noch regelmässig als einen
 Teil des Handels ansieht. Dennoch hält es Ehrenberg für
möglich, theoretisch eine scharfe Grenzlinie zwischen diesen beiden
 Produetionsarten zu ziehen. ;
Ehrenberys Definition vom Handel lautet: Der Handel ist
diejenige Productionsart, welche die Aufgabe hat, die
örtliche Knappheit der Natur an wirtschaftlichen Gütern
zu überwinden. *)
Er ist sich dessen bewusst, wie sehr seine Auffassung von
der herrschenden abweicht. Der Handel welte allgemein noch
als Erwerbsart, „welche durch die Vermittehung zwischen Produetion
 viel Geld verdiene.“ *“) Er sieht im Handel das notweırdige
 Schlussglied der Production. ;
Ehrenberg geht dann doch noch auf die Wertlehre ein, und
besonders auf die von Knies aufvestellte. (Zeitschrift für d. yes,
Staatsr. 1855.), der Stoffwert, Formwert und Ortswert der Güter
unterscheidet, und hebt hervor, wie sich Urproduetion, Gewerbe
und Handel mit der Schaffung dieser einzelnen Werte befassen.
Bei der Besprechung der Kniesschen "Theorie fügt Böhn — Bawerk
 noch den Zeitwert selbständig hinzu, ***) Diese vierfache
Einteilung würde sich mit der Ehrenbergschen Kinteilung in vier
Produetionsarten decken, aber dieser gicht selbst zu, dass Knies
dies nicht im Auve gehabt hat.
Nach Ehrenbergy beruht der Ortswert eines Gutes darauf,
dass es an einem Ört yebraucht wird, dagegen an einem anderen
Orte in der erforderlichen Menge und Beschaffenheit vorhanden
ist. Der Handel wirkt dann wertschaffend, wenn er diesen Mangel
 beseitigt, dem Gute den Ortswert giebt, dessen Höhe von
dem Mass. der darauf verwendeten Leistung, anderseits von dem
Grade des Bedarfs an solchen Leistungen abhänele ist.

* a. a. O. Seite 34.
**) a. a. O. Seite 35.
*##*) Art. „Wert“ im Handwörterbuch der Staatswissenschaften.
        <pb n="41" />
        ‚a

Agrarisches Handbuch.

Das agrarische Handbuch *) drückt sich über die „productiven
Stände“ sehr vorsichtig aus. Dazu werden im engeren Sinne
diejenigen Gewerbe gerechnet, die entweder mit der Gewinnung
der Rohstoffe bei der sogenannten Urproduetion, oder bei deren
weiterer Bearbeitung zwecks Herstellung verbrauchsfertiger‘ Krzeugnisse
 beschäftigt sind. — „Im weiteren Sinne begreift man
unter „produetiver Arbeit“ alle volkswirtschaftlich nützliche "Thätigkeit,
 beispielsweise also auch die "hätigkeit des Handels, sofern
 diese auf das nützliche Ziel sich beschränkt, den Verkehr
der Güter zwisehen dem Producenten und dem Konsumenten in
zweckmässiger Weise zu regeln und zur Erleichterung beider zu
ermitteln. Im gleichen Sinne kommt auch den "’hätigkeiten der
Wissenschaft und Lehre, die nützliche Kenntnisse vermitteln, der
Soldaten und Staatsbeamten, die den produeierenden Gewerben
den Schutz und die Sicherheit vor vewaltthätiven Störungen bieten.
 Productivität zu.“
Rudolph Meyer **) sagt einmal: „Im Ganzen ähneln die
Agrarier den Physiokraten des vorigen Jahrhunderts, sie sind nur
nicht so wissenschaftlich. Der Handel lebt ihrer Ansicht nach
meist unnötiger Weise auf Kosten des Producenten, ist ein Schädling
 und muss wenigstens beschnitten werden. Achteten sie auf
die Mittel, deren sich die Industrie bei ihrem grossen Aufschwunge
der letzten 20 Jahre bedient hat, so würden sie finden, dass sie
sich leistungsfähiger Zwischenhändler in Hamburg bedient, um
Waren über See abzusetzen. Dass man dem Producenten nützt,
wenn man den Handel einschränkt, ist neuphysiokratisch.“
Wenn auch Mataja ***) meint, „die früher mehrfach aufgestellte
 Lehre, der Handel sei wirtschaftlich unproductiv, weil er
keine neuen Güter erzeuge, sondern bloss vorhandene umsetze,
ist schon längst der besseren Einsicht gewichen, dass zur Befriedigung
 des menschlichen Bedarfs nicht blos die physische Herstellung
 von brauchbaren Gegenständen, sondern auch Zugäng-*)

 Agrarisches Handbuch (Bund der Landwirte) Berlin 1898. Seite 668.
*s) Dr. Rudolph Meyer, Preise landwirtschaftlicher Producte und ihre
beabsichtigte Correctur.
Neue Deutsche Rundschau Seite 1125. IX. Jahrgang 1898.
***) Art, „Handel“ Seite 266.
        <pb n="42" />
        lichkeit der Letzteren erheischt wird“, so zeigt ein Bliek in die
agrarische und verwandte Litteratur, dass das durchaus nicht
der Fall ist.
Um ein Buch aus vielen herauszugreifen. Der Verfasser.*)
desselben betrachtet alle "Thätigkeit nur von dem Standpunkt aus,
ob sie das Volksvermögen vermehren, oder nicht, und da durch
Profitmachen das nicht möglich ist, so kommt der Handel schlecht
weg. Der Verfasser beklagt, dass so viel arbeitskräftige und
arbeitswillige Menschen dem Handelstande dienen müssen, um die
„an sich einfache Arbeit der Warenverteilung zu verrichten“,
und das alles auf Kosten von Urproduetion und Gewerbe. Und
da das so ist, gehört es sich, dass „der Handelsstand sich als
ein dienender, nicht als ein herrschender Stand“ fühle,
Die Warenverteilung müsse „leider“ vorgenommen werden,
und müsse auch „leider“ vom Volksvermögen bezahlt werden.
„Und da der Handelsstand nicht sparsam ist, und die Warenverteilung
 nicht so ausführt, dass die Producenten die Last nicht
spüren, so ist er nicht existenzberechtigt“, nur als Mittel zum
Zweck, Wohlstand zu verbreiten, kann man den Handel gelten
lassen. Zum Schluss wird dann mit grosser Befriedigung festgestellt,
 dass die Landwirtschaft von ihrem Krtrage so viel an
das Volksvermögen abgeben kann, dass die andere Hälfte der
Volksgenossen mitleben kann. So war es auch schon zu der
Zeit, als die Physiokraten ihre I,chre aufstellten.
Als am 6. April 1900 der Staatssekretär (+raf Posadovsky-Wehner
 bei der Plenarversammlung des deutschen Handelstases
über die Aufyabe des lMandels gesprochen hatte, wurde seine
Rede von der agrarischen Presse mit einer recht ungünstigen
Note bedacht. Der Staatssekretär hatte nämlich gesagt: „Die
Aufgabe des Handels besteht darin, die aufgestapelten Krzeugnisse
 der übrigen Erwerbszweiee in die unzähligen Kanäle des
Verbrauchs zu verteilen. Welche Wertsteigerung die fertiye
Ware auf dem weiten Wege von der Erzeugungsstelle bis zum
letzten endgiltigen Verbraucher erfährt, lässt sich für die einzelnen
 Warenvattungen nicht ecinmal durchschnittlich feststellen,
die Wertsteigerung hängt von der Länye des Transportweges,

*) Max ‘Rieck, Deutsche Kaiser und Deutsches Volksvermögen,
Leipzig 1897.
        <pb n="43" />
        3 |

von dem Wechsel der Nachfrage und des Angebots und schliesslich
 von den lokalen Verhältnissen des letzten Verbrauchsorts ab.
Man sollte hiernach in Krmangelung der Möglichkeit eines schlüssiven
 Nachweises, inwieweit der Handel in berechtigter oder unberechtigter
 Weise ‚zur Vermehrung des Wertes der (Jüter und
zur Erhöhung ihres Preises beiträgt aus der öffentlichen KErörterung
 die Behauptung ausscheiden, dass der Handel, welchem nur
die Verteilung der Güter zufalle, eine minderwertiye "Thätiykeit
vegenüher den auf die unmittelbare Erzeugung von Gütern gerichteten
 "Thätiekeiten darstelle.‘ Darauf antwortet nun die
„Deutsche Tageszeitung“ — und jeder, der sich mit der oben
angeführten Rede einverstanden erklären will, mag sich auf dieselbe
 Antwort gefasst machen —— cs wäre wünschenswert gewesen,
wenn der Herr Staatssekretär die wahre Bedeutung des Handels
entweder richtig charakterisiert oder sich über diese Frage ausgeschwiegen
 hätte. Der Handel ist unzweifelhaft nur insoweit
berechtiet, als er eine volkswirtschaftlich nützliche Vermittlung
von Industrie und Verbrauch zu stande bringt. Dagegen wirkt
er schädlich, wenn er ohne Rücksicht auf den Nutzen der Allgemeinheit,
 lcdiglich um selbst Vorteile zu haben, eine umfangreiche
 Güterbewegung bewirkt.“ Der Handel soll aus seiner gegebenen
 Stellung durch Vermittlung des Grosskapitals nicht heraustreten,
 er soll sich als Diener der Industrie und des Verbrauches
fühlen, und sich nicht zum Herrscher aufwerfen, weil er "sonst
ausserordentlich schädliche Wirkungen ausübt.

Goldschmidt.

Nachdem eine Anzahl Ansichten von Nationalöconomen dargestellt
 sind, sollen auch einige ‚Juristen angeführt werden. An
erster Stelle einer unserer bedeutendsten Handelsrechtslehrer.
(Joldschmidt. *)
Seine Definition lautet: „Flandel ist die der Vermittelung
des Güterumlaufs zuyvewendete Erwerbsthätivkeit,“ und sie soll

*) Goldschmidt, Handbuch des Handelsrechts, Band I 2. Auflage 1874
Erlangen.
        <pb n="44" />
        IN

gleichmässig für die Wirtschaftslehre und für die Rechtslehre
gelten. Zur Begründung und Entwickelung bedarf es der Feststellung
 gewisser wirtschaftlicher Grundbegriffe. Und zwar zuerst
 des Güterumlaufs. Der ((üterumlauf heisst Verkehr (commercium),
 sofern er die Menschen durch gevenseitige Leistungen einzelner
 Übertragungsaete fortgesetzt verbindet.. Er ist hervorgegangen
 aus der Notwendigkeit wechselseitiger Ergänzung der
menschlichen Bedürfnisse. Man nennt ihn Umsatz, wenn man
nur die den Umlauf bewirkenden einzelnen Verkehrsaete in Betracht
 zicht, Absatz, wenn man nur den Übergang des Gutes
aus einer Wirtschaft in die andere in’s Auge fasst. Alles zusammen
 nennt man alıch Handel — und Goldschmidt sagt, „man
sollte hinzufügen: im weitesten, d.h. im nichttechnischen Sinne.“
Auch Goldschmidt wendet sich wie Roscher gegen den Satz
von Endemann *), dass ‚jeder Producent zugleich Händler sein
müsse, sonst hätte seine Production keinen Zweck. Dieser Irrtum
 erklärt sich daraus, dass man auch vom „Handel“ des Producenten
 spricht und jeden Kaufvertrag, jeden Umsatz als Handelsgyeschäft
 betrachtet, während es nur Verkehrsgeschäfte sind.
Goldschmidt spricht sich auch entschieden für die Produetivität
 des Verkehrs **) aus — es ist oben angegeben, was er unter
Verkehr versteht --- wenn auch nicht unmittelbar Güter erzeugt
werden, so wird doch ihr Wert gesteigert, indem sie denen zugeführt
 werden, für die sie eine grössere Brauchbarkeit haben.
Eine mittelbare Erzeugung von Gütern ist dem Verkehr auch
insofern beizulegen, als er deren Production befördert und ein
Tauschäquivalent dafür bietet. Der Verkehr, der die Form des
(wirklichen) Handels angenommen hat, befasst sich mit der Auffindung
 der Bedürfnisse, der Erweckung der CGütererzeugung für
dieselben, der Zuführung der zur weiteren Production erforderlichen
 Mittel, der Zuführung aller’ Producte in die Consumtion
und der Zuführung der Tauschäquivalente an die Producenten.
Einen unentgeltlichen Übergang eines Gutes aus einer Wirtschaft

*) Entwurf eines Deutschen Handelsgesetzbuches S. 14 ff., vergl. Handelsrecht
 $ 1.
**) Goldschmidt sagt absichtlich Verkehr und nicht Handel, weil nach
seiner Ansicht die Volkswirtschaftslehrer die Frage zu eng stellen und nur
nach der Productivität des Handels fragen, nicht nach der des Verkehrs überhaupt.
        <pb n="45" />
        3C

in die andere giebt es auf wirtschaftlichem Gebiet nicht. Die
Entfernungen und Verkehrsschwierigkeiten waren von jeher sch wer
zu überwindende Hindernisse für Producenten und Consumenten,
und so hat von jeher „ncben dem direeten Verkehr ein indireeter,
vermittelter stattvefunden. der Handelsverkehr oder Handel.“ *)
Der Handel vermittelt den Umlauf der producierten Güter,
er kann die anderen Erwerbsthätigkeiten fördern, er ist nur
Werkzeug des Güterumlaufs, sein Selbstzweck ist nur Gewinnerzielung
 durch die Vermittelung des Umlaufs.

Kohler.

Kohler **) nennt den Handel einen Haupthebel unserer menschlichen
 Kultur. Er ist zumeist auf Egoismus gegründet, indem
er den Güterumlauf fördert, zum höchsten sozialen Wohle gereicht,
 der Production nützt.
Öhne Aussicht auf Gewinn würde das ganze Getriebe bald
erlahmen. Das Ideal wäre, cin grosser Welthandel, wo auf der
einen Seite die (Gesamtproduction, auf der anderen der Gesamtbedarf
 stände, und so beides direet zur Lösung käme; und diesem
Ziele strebt der yanze Betrieb zu. ***) „Die Zufallsverhältnisse
des Moments und der Kinzelörtlichkeit. sollen dadurch überwunden
werden, und wenn auf der einen Seite die Welle sich stark hebt,
auf der andern sie sich stark senkt, so oscilliert der Verkehr
allezeit dahin, dass cine verhältnismässiy ylatte Fläche entsteht.
Wer an diesem wahren und Zwischenhandel teilnimmt, thut daran
etwas nützliches, auch wenn er sich nur als Kapitalist beteiligt,
der kauft und verkauft, ohne einen Scheffel Getreide oder einen
Sack Kaffec je veschen zu haben.“

*) Es sci hier erwähnt, dass Goldschmidt an mehreren Stellen Gelegenheit
 nimmt, gegen Carey und seine Geringachtung des Handels Stellung zu
nehmen.
**) Das Börsenspiel 1894.
**) Cohn, Börsenform Seite 135.
        <pb n="46" />
        Endemann.

Weiter sei von den Juristen Endemann *) angeführt. Er
stellt zwei Definitionen auf. Die erste im Sinne der Volkswirtschaft.
 Handel ist der gesamte Umsatz von wirtschaftlichen
Gütern jeder Art, welcher die Verbindung zwischen Produetion
und Konsumtion bewirkt, er ist demnach objeetiv genommen identisch
 mit der gesamten Bewegung der Güter, mit ihrem Verkehr.
Lässt man, und das ist der Standpunkt des römischen Rechts,
das Recht des Handels im Verkehrsrecht aufgehen, so genügt die
Definition, trennt man aber das Handelsrecht ab, dann muss der
Begriff Handel enger gefasst werden, im subjectiven Sinne, als
die auf Vermittelung des Güterumlaufs, und zwar des Erwerbes
halber, gerichtete "Fhätigkeit.
Danach ist der Handel, das Handeln, die Thätigkeit des
Händlers, d. h. desjenigen, der den Güterumsatz um des Erwerbes
willen treibt. Und daraus ergiebt sich dann, dass der objective
Begriff des Handels die Summe der aus jener Thätigkeit entspringenden
 Verkehrsacte und Verkehrsgeschäfte ist. Damit, dass
man den Handel als Umsatz und Absatz der (Güter des Erwerbs
wegen charakterisiert, ist das Wesen des Handels noch nicht erschöpft,
 es schliessen sich noch eine Anzahl. von anderen Geschäften
 und speeiellen Thätiekeiten zur Beförderung des Umsatzes
 an.

Der Handel steht im Gegensatz zur Production, er soll nur
Vermittelung des (Füterumlaufs sein, es fallen also der direete
Verkauf des Producenten und der direkte Kauf des Konsumenten
nicht in sein Gebiet. Die Frage, ob der Handel, ohne selbst
Güter zu erzeugen, Werte erzeugt, erörtert Endemann nicht.

”Chöl.

Der Handel **) ist ein Gewerbe, aber ein nicht producierendes,
er vermittelt ohne Production zwischen dem Producenten und

*) Handbuch des Deutschen Handels, Wechsel und Seerechts. Herausgegeben
 von W. Endemann, Leipzig 1881. Bd. I, Seite 1 ff;
**) Das Handelsrecht, Band I. V. Auflage 1875 Leipzig.
        <pb n="47" />
        11

Consumenten, und zwar durch Umsatz, d. h. durch Kauf und
Tauschgeschäfte und anderweitige Anschaffung- und Verä:usserungsverträge.
 Darin besteht die "Thätigkeit des sog. eigentlichen
Handels. Durch ihn werden die Hilfsgewerbe hervorgerufen, die
zum Abschluss und zur Erfüllung der Geschäfte notwendig werden.
 (Agentur, Makler, Transport, Bankgeschäfte).
Ein Handelsbetrieb ist als gewerbsmässig anzusehen, wenn er
als Gewerbe betrieben wird, d. h. als auf die Dauer berechneteNahrungsquelle,
 wodurch die Absicht des Gewinnes (Speculation) als
dem Gewerbe wesentlich ausgesprochen ist.

*) Das Handelsrecht, Band I. V. Auflage 1875 Leipzig,
        <pb n="48" />
        Teil IL

Rau *) sagt, dass die Untersuchungen über die Produetivität
 des Handels nur insofern von wissenschaftlichem Interesse
äind, als sie zur Anwendung der volkswirtschaftlichen Stammbegriffe
 Gelegenheit geben; sonst wird man eben sowohl die
wesentliche Verschiedenheit des Handels von den Stoffarbeiten;
als die grosse Nützlichkeit desselben in der Volkswirtschaft immer
anerkennen müssen, wie man auch in jener Hinsicht urteilen
möge, und’ die Entscheidung hierüber ist davon abhängig, wie
man die Begriffe von Wert und Production fasst ; und Roscher**)
sagt, dass jeder Nationalökonom seine Erklärung von Productivität
 auf seine Beeriffe von (+ut und Wert bauen müsse.
Auf den Wertbegriff einzugehen, halten wir nicht für nötig,
sondern wir glauben mit einer Untersuchung des Beyriffes Pro-Aduetion
 und mit einer Feststellung dessen, was unter Handel zu
verstehen ist, zu ciner Beantwortung der Frage gelangen zu
können: Ist der Handel productiv ?
Im ersten Teil dieser Arbeit findet sich eine genügende Anzahl
 von Definitionen von Production wicdergegeben. Hier sei
noch die von Zuckerkandl ***) hinzugefügt, der saet, dass die Produetion
 unternommen werde, um ein wirtschaftliches Gut zu erzeugen,
 aber er will das Wort wirtschaftlich nicht in seine De-Kinition
 aufnehmen, „weil z. D. auch schnell verderbende Sachen
produeciert werden, die, wenn nicht rechtzeitig verkauft, nicht benutzt
 werden können. Dann könnte man nicht von einem wirt-‘)

 Grundsätze der Volkswirtschaftslehre S. 121. Leipzig 1860.
**) Roscher System I. $ 48.
k**) Art. Wörterbuch der Volkswirtschaft. Band II.
        <pb n="49" />
        L3

schaftlichen Gut sprechen und er definiert: „Produetion ist Herstellung
 eines neuen Erzeugnisses durch Arbeit“. Wir glauben
»hne den Wertbegriff in der Definition des Begriffes Produetion
 nicht auskommen zu können, auch ist der Begriff Erzeugnis
 zu weit gefasst. Wir können Lexis *) beistimmen, der sagt:
Production ist nicht Arbeit, sondern Arbeitsergebnis, woraus
jann hervorgeht, dass nicht jede in produetiver Absicht unternommene
 "Thätiykeit wirklich produetiv ist.
Production ist die Herstellung von Werten durch Arbeit mit
Hilfe der von der Natur gegebenen Stoffe, Damit soll gesagt
sein, dass nur die wertvollen Güter als Producte zu bezeichnen
sind, dass‘ menschliche Arbeit darauf verwendet sein muss, ferner,
lass der Mensch keine neuen Stoffe schaffen kann, sondern nur
auf Kraft und Stoff der Natur angewiesen bleibt. Die Production
beginnt mit der Beschaffung und Bearbeitung des Materials und
andet damit, dass das betreffende Product in die Hände dessen
überführt wird, der Bedarf danach hat. Wir unterscheiden dabei
 eine technische und eine volkswirtschaftliche Production. Die
arstere ist dann ‘als vollendet anzusehen, wenn das Product in
andere Hände übergehen kann, sei es zur Weiterverarbeitung oder
zum Verbrauch. Die Production bringt also Werte hervor, oder
zie erhöht den Wert an Gütern, die von Natur wertvoll sind,
oder durch andere menschliche Arbeit Wert erhalten haben.
Ein Gegenstand, der geeignet ist ein menschliches Bedürfnis
 zu befriedigen, ist ein Gut. Der Wert desselben wird durch
den Menschen bestimmt, und zwar nach dem (jrade der Brauchbarkeit,
 den er für ihn hat, sei es für den eigenen Bedarf oder
zum weiteren Austausch mit Anderen.
Die Durchführung der technischen Production ist Aufgabe
ler Urproducetion oder der Gewerbe, und wenn sie sich nicht
mehr darauf beschränken, für den lokalen Bedarf zu arbeiten,
und auch ihre Rohproduete nicht mehr aus der Nähe beziehen
können, so bedürfen sie cines Vermittlers, und diese vermittelnde
Thätigkeit übernehmen Handel und Verkehr, Stellen wir der
technischen die volkswirtschaftliche Production vegenübher, so ist
ler Handel als das Schlussglied der Kette der einzelnen wirtschaftlichen
 "Thätiykeiten anzusehen, die zur Production führen

X

Handwörterbuch der Staatswissenschaften. Art. „Production“
        <pb n="50" />
        Demnach ist unter Handel diejenige wirtschaftliche Thätigkeit zu
verstehen, die die Güter dorthin bringt, wo sie gebraucht werden,
und sie dort wegführt, wo sie im Überfluss sind. Aus dem (logmatischen
 Teil dieser Arbeit veht hervor, dass einige „Autoren
von einer Vermittelung zwischen Producenten und Konsumenten
gesprochen haben. Dem ist entgegen zu halten, dass der Handel
durchaus nicht immer an den Konsumenten vermittelt. %Z. 1. das
Getreide, das dem Müller zur Verarbeitung, das Mehl, das dem
Bäcker zum Verbrauch übergeben wird und dann erst im webackenen
 Zustande an den Konsumenten gelangt. Und dies gilt
von vielen Rohstoffen und Halbfabrikaten und überall da, wo in
der Industrie eine grössere Arbeitsteilung Platz gerriffen hat.
Bei dieser vermittelnden "Phätiykeit ist zu unterscheiden
zwischen Verkehrs- und Umsatzthätigkeit.
Der Verkehr besorgt die Ortsveränderung, er hat sich nach
dem Gesetz der Arbeitsteilung vom Handel vetrennt, gchört aber
eng mit ihm zusammen. Mit dieser Ortsveränderung braucht noch
kein Kigentumswechsel der Güter vorzuliegen. Es kann z. D.
ein Fabrikant an einem grossen Handelsplatz eine @rosse Niederlage
 haben und seine Fabrik in einer vom Markt abgelegenen,
aber für die Production günstigen (jegend haben. Dann transportiert
 er, oder lässt die Güter in die Stadt transportieren. Sie
bleiben in seinem Eigentum, es ist nur eine Ortsveränderung mit
den (Gütern vorgenommen.
Van der Boreht *) nennt. diese „Güterübertragung auf wirtschaftlichem
 Wege“ Verkehr und auch Philippovich **) bezeichnet
 als den Zweck des Verkehrs die Überwindung der räumlichen
Entfernung. Dann unterscheidet van der Borght***) wieder zwischen
Verkehr schlechthin und wirtschaftlichem Verkehr. Der erstere
bewerkstelligt die Fortbewegung von Personen, (Jütern und Nachrichten,
 er überwindet die räumlichen Entfernungen, er ist nur
ein Teil des Verkehrs überhaupt, d. h. der gesamten Beziehungen
der Menschen unter einander. Der wirtschaftliche Verkehr um-*)

 van der Borght, Das Verkehrswesen, Leipzig 1894.
Das kürzlich erschienene Werk „Mandel und Handelspolitik“ konnte nicht mehr
berücksichtigt werden. N
**) Philippovich, Grundriss der politischen Öconomie. Band I. S. 151
II. Aufl.
*#*) Art, „Verkehr“ im Wörterbuch der Volkswirtschaft.
        <pb n="51" />
        5

fasst den gesamten Austausch von Gütern und Leistungen wirtschaftlicher
 Art. Das sogen. Verkehrswesen umfasst dann alle
die Hilfsmittel und Anstalten, die sich mit der Überwindung der
räumlichen Entfernung befassen.
Van der Boreht hat es unternommen. den Verkehr gegen
den Vorwurf der Unproductivität zu verteidigen. Natürlich
kommt es auch hier wieder darauf an, wie man den Begriff Produetion
 fassen will... Production bezweckt Werterhöhung. So
definiert auch v. d. Borght.
Er greift nun das Nachrichtenwesen heraus. Kin Brief
wird der Post übergeben. es wird ein bestimmtes Bedürfnis des
Absenders befriediet, wenn der Brief richtig ankommt. Der Wert
der Nachricht wird durch die Besorgung erhöht, und zwar In
höherem Masse, als die aufgewendeten Kosten betragen.
Es liegt nach v. d. Borght eine Werterhöhung vor. Wir
vermögen ihm in sofern beizustimmen, dass die Post ein Bedürfnis
 des Absendes befriedigt. . Die Post leistet einen Dienst, und
das muss zuyevcben werden, — denken wir an einen Geschäftsbrief
 — die aufgewendeten Portokosten stehen oft in gar keinem
Verhältnis zu der Werterhöhung, die der Brief erfahren hat. Aber
von einer Produetion inr Sinne unserer Definition kann man hier
doch nicht reden, sondern nur von einer Dienstleistung, die wir
nicht productiv aber in hohem Grade nützlich nennen müssen.
Beim Güterverkehr, sagt von der DBorght, findet die Versendung
 deshalb statt, weil eine Erhöhung des Wertes über die
aufwewandten Kosten erwartet wird. Und daraus ergicht sich,
Jass der Verkehr, wirtschaftlich @chandhabt, ein notwendiges
Ililfsmittel der Gütererzeugung ist. Dem ist beizustimmen.
Die Verkehrsmittel haben sich mehr und mehr gehessert,
es ist im IHandel eine immer grössere Arbeitsteilung eingetreten,
so haben sich die Hilfsyewerbe des Handels herausechildet, und
der Handel kann sich mit ganzer Kraft seiner eigentlichen Thätieykeit
 widmen. *)
Wenn das wirtschaftende Individuum nicht mehr im Stande
ist. seinen Bedarf durch eiyene Produetion zu decken und sich auf

*) Bezüglich der Wirkungen des Verkehrs auf di3 Gütererzeugung, auf
den Güterverbrauch und das „Organ der Verbrauchsvermittelung“, den Handel,
sei auf die Ausführungen von van der Borght verwiesen. A. a. O. Absch.l
Kap. 8.
        <pb n="52" />
        a6
A

die Thätiykeit Anderer verlassen muss, ist es auf den Tausch angewiesen.
 Zwei benachbarte Landwirte haben z. B. Bedarf, der
eine nach einem Stück Vieh, der andere nach einer gewissen
Menge Feldfrüchte, Beide sind in der Lage, sich gegenseitig
auszuhelfen. Da brauchen sie keinen Vermittler, der eine führt
dem anderen das Stück Vieh zu und erhält dafür die Feldfrüchte.
Da liegt dann ein einfacher Austausch von Hand zu Hand vor.
beide gewinnen dadurch, und somit auch die Volkswirtschaft, in
der wir die Gesamtheit der KEinzelwirtschaften zu erblieken
haben.

Das wäre nun ein Tausch unter den denkbar günstigsten
Bedingungen. Bei zunehmendem Bedarf werden die Fälle verwickelter,
 dann passt es mit den Quantitäten nicht mehr, man
hat ein Zahlungsmittel nötig, das Geld tritt in Anwendung, Mit
dem Wachsen der Entfernungen drängt sich dann mehr und mehr
das Zwischenglied ein, der Handel.
Auf die Bedeutung des Handels für den Producenten sind
wir schon oben näher eingegangen, die zeigt sich im Bemühen,
die Producte an den Konsumenten abzusetzen, Konsumenten im
weiteren Sinne, worunter dann hauptsächlich die Handwerker zu
rechnen sind. Und zwar handelt es sich dann um fertige Fabrikate
 und Halbfabrikate und Rohstoffe, Fassen wir den Handwerker
 ins Auge, Er kann den Zwischenhändler nieht entbehren.
Er verlangt von ihm + wie der Handel dem nachkommt, ist
seine Sache, dass er ihm die Stoffe die er braucht auf Layer
hält. Kr kann sich selbst keinen Vorrat halten, der Händler
mag für die geeigneten Räume sorgen, mag die Stoffe vor dem
Verderben schützen.
Ferner soll der Händler die Verteilung in die gewünschten
Quantitäten vornehmen, wir denken z. B. an den Schuhmacher,
der für die verschiedenen "Teile der Schuhwaren verschiedenes
Leder braucht, und dann will der Handwerker die Ware gerade
in dem Augenblicke des Bedarfs haben. Wenn ihm heute eine
unerwartete, dringende Bestellung kommt, und sein Vorrat ist
ihm ausgegangen, dann muss er sich an den Händler wenden
können, der ihm das Gewünschte überlässt. Fassen wir das zusammen,
 der Händler übergiebt von seinem Vorrat in gewünschter
Menge im geeigneten Augenblick eine Ware an den, der Bedarf
        <pb n="53" />
        4

hat, und es erscheint uns, dass unter Ersparung von "Uransportkosten
 und Mühe diese bedeutend an Wert gewonnen hat. Denselben
 Vorteil erlangt der kleine Haushalt, besonders der des
Arbeiters. Die Arbeiterfrau kauft nicht in yrösseren Quantitäten,
teils weil sie sich nach dem Wochenlohn richten muss, teils in
der richtigen Voraussicht, wenn ein grösserer Vorrat im Haus
ist, ist sie leichter versucht, weniger haushälterisch zu wirtschaften.
 Welchen ungeheuren Vorteil und Nutzen verschafft der
Händier diesen Wirtschaften, die dadurch, dass sie auch die
kleinsten Quantitäten kaufen können und zwar jeder Zeit, vor
unvorsichtigem Wirtschaften behütet werden. KEs darf aber nicht
übersehen werden, in wie grosse Abhängigkeit die kleinen Leute
vom Zwischenhandel geraten, und wie sich gerade hier die Missstände
 zeigen, denen gegenüber man streng auftreten muss.

Speculation.

Wir hatten unter LIandel diejenige Thätivkeit verstanden,
lic die (rüter dorthin bringt, wo sie gebraucht werden, und sie
dort weyführt, wo sie im Überfluss sind. Ks wird dadurch ein
Ausgleich zwischen Bedarf und Überfluss herbeigeführt.
Eine nicht unbedeutende Rolle spielt dabei die Speculation,
und mit Bezugnahme auf den doymatischen "Feil dieser Arbeit
seien hier auch die Ansichten einiger Autoren anveführt, die besonders
 eingehend die Bedeutung der Speculation, besonders ihre
volkswirtschaftliche Wirkung ins Auge gefasst haben. Die Ehrenberg’sche
 Ansicht ist oben schon angegeben. Er sieht in der
„Sicherung der zeitlich ununterbrochenen Güterversorgung“ *)
die Aufgabe der Speculation und trennt sie vom Handel. Bisher
scheint Ehrenberg mit dieser Ansicht allein dazustehen,

*). Ehrenberg, der Handel S. 33, Jena 1897.
        <pb n="54" />
        418

Speculation ist Erwerbs- oder (Gewinnabsicht, sagt Goldschmidt.
 *) Da der Handel eine Krwerbsthätigkeit ist, so gehört
 zu seinem Wesen die Erwerbsabsicht. Die Speculation ist
dem Handel wesentlich, aber nicht eigentümlich, sondern sie ist
Kriterium jeder Erwerbsthätigkeit. Die Speculation geht häufig,
und im Handel regelmässig, auf unsicheren und seiner Grösse
nach unbestimmten Gewinn aus. Goldschmidt fügt aber hinzu,
dass diese Ungewissheit kein wesentliches Beeriffselement der
Speculation und des Handels sei. **)
Nach Lexis***) ist Speculation die Regelung des geschäftlichen
 Verhaltens oder Verfahrens nach der Vorausschätzung der
künftigen Konjuneturen, insbesondere der künftigen Preisgestaltung
 der für den Speculierenden in Betracht kommenden Gegenstände.
 Er unterscheidet zwischen einfacher und zusammengesetzter
 Speculation. Wenn eine Ware oder ein Grundstück, das
nicht in speculativer Absicht erworben ist, bis zu einem günstigen

* Handbuch des Handelsrecht. II. Aufl. Band I, 1874 SS. 408. Goldschmidt
 führt an dieser Stelle verschiedene Definitionen anderer Autoren an,
von denen hier nur die von Schäflle und Stein angeführt seien. Schäffle
sagt: Speculation ist die beharrliche Aufmerksamkeit auf vorteilhaften Vermögensgewinn,
 und an anderer Stelle: ‚die Erspähung des Gewinnes durch
Ausmittelung und Herbeiführung eines Verkehrs zwischen der vorteilhaften
Production und begehrlichsten Consumtion. Und Stein sagt: „Speculation ist
die Wertberechnung eines Unternehmers, gegründet auf die Wahrscheinlichkeit
 des Erwerbs, — die den einzelnen Unternehmungen für die richtige Berechnung
 ihrer Production zu Grunde gelegte Werkthätigkeit.‘
Zugleich sei hier noch ein anderer, vieleitierter Satz von Scaccia de
mercatura angeführt: Mercatores consueverunt Futura pronoseciticari, ‚die Kaufleute
 pflegen das Zukünftige voraus zu berechnen.“
**) An anderer Stelle sagt Goldschmiät, jeder, der die Bethätigung
seiner geistigen Fähigkeiten zum Grgenstande des Erwerbs macht, speculiert,
— wer Handel treibt; speenliert, allein nicht die Speculation an sich, sondern
die Art derselben: die Gewinnerzielung durch Vermittelung scheidet den
Handel von allen Erwerbsthätigkeiten Der Mandel wird in der Regel um
des Gewinnes wegen betrieben, und die sittlichen Motive, welche in anderen
Berufszweigen die KErwerbsthätigkeit begleiten und adeln, fehlen ihm häufig,
wenn auch nicht notwendig. Daher kommt es denn, dass die Ausdrücke
Speculation, Speculant bei anderen Erwerbsthätigkeiten und Berufszweigen
gebraucht den sittlichen Vorwurf des Herüberziehens desselben in die Handelssphäre,
 d. h. in die Sphäre der reinen Gewinnsucht in sich zu schliessen pflegen.
 A; a. O. 412. Vergl. auch Cohn I. 467 in gleichem Sinne.
***) Art. Speculation im Wörterbuch der Volkswirtschaft Bd. II S. 587
        <pb n="55" />
        |.

Augenblick zurückbehalten wird, so liegt nur in dem künftigen
günstigen Verkauf eine speculative Operation vor, nicht im Erwerb.
 Dies wäre dann als einfache Speculation zu betrachten.
Zusammengesetzte oder kombinierte Speculation liegt dann vor,
wenn auch schon der Erwerb in speculativer Absicht erfolgte.
Dann liegt Handelsspeculation vor, auch wenn sie nicht gerade
von Kaufleuten vorgenommen wird, Am schärfsten prägt sich
die Speculation in den Käufen auf Zeit aus.
Rathgen nennt Speculation die Berechnung und Schätzung
der zukünftigen Marktverhältuisse und der daraus sich voraussichtlich
 entwickelnden Gestaltung der Preise. Ferner ist Speculation
 das auf solcher Vorausschätzung beruhende Handeln mit
dem Zweck, aus der zukünftigen Bewerung der Preise Gewinn
zu erzielen. Rathgen nimmt den von Lexis aufgestellten Bogriff
„Handelsspeculation‘® auf, und bezeichnet die Zeityeschäfte als
qualificierte Handelsspeculation.
Roscher *) unterscheidet Bedarfs- und Speculationshandel.
‚Jener berechnet auf den augenblicklichen Bedarf, dieser sammelt
Vorräte für eine künftige Nachfrage. So sagt auch Philippovich**)
„Die Production für den eigenen Gebrauch des Wirtschaftssubjeets
gestattet cine wirtschaftlich sichere Vergleichung des Ergebnisses
der Production mit dem Aufwande, während die Production für
den Verkehr nur eine Wahrscheinlichkeitsrechnung enthält, dass
das technisch vollkommene Product einen den Kostenaufwand
übersteigenden Tatschwert erzielen werde. Eine derartige Berechnung
 der Wirkung von Elementen, die von dem Producenten
unabhängig sind, ist Speculation und mit grösserer oder geringerer
 Gefahr der Täuschung und daher des wirtschaftlichen Misslingens
 -— Risiko — verbunden“
Kingehend betrachten auch Rathgen und Lexis die volkswirtschaftliche
 Bedeutung der Speculation.
In erster Linie denkt der Speculierende an seinen privatwirtschaftlichen
 Vorteil. Ratheen *) fasst die volkswirtschaftlich
günstige Wirkung unter zwei Gesichtspunkten zusammen. Sie
System II. $ 15. 8. 121. (VI. Aufl.)
“*) Grundriss Band I. 2. Aufl. 1897.
7) Art. „Speculation‘“ im Wörterbuch der Volkswirtschaft. Bd. II.
N 587
        <pb n="56" />
        nn

besteht im Ausgleich der Warenmenyen und der Preise
und in der Verteilung des Risikos. Rechnet der
Speculierende auf steigende Preise, dann kauft er auf. hält die
Waren zurück, Dadurch steigen die Preise, der Konsum wird
eingeschränkt, auswärtige Warc wird angelockt. Dann verkauft
er und beugt einem weiteren Steigen der Preise vor. Bei einer
Speculation auf sinkende Preise wird verkauft, der Konsum
wächst, die auswärtigen Waren werden abgelenkt. Will der
Speeulierende sich decken, so muss er kaufen, das Sinken der
Preise hört auf. Daraus folgert Rathgen, dass die Preisschwankungen
 abgestumpft und dass die in Schiffen, Lagerhiusern usw.
vorhandenen Vorräte dort zur Verwendung gelangen können, wo
der grösste Bedarf ist.
Indem nun der Speculant auf diese Zufälligkeiten hin handelt,
 nimmt er denen das Risico ab, die nicht in gleicher Weise
die zukünftige Preisgestaltung übersehen können. Dem Kaufmann
 ist besonders bei internationalen Zahlungen geholfen, wenn
ihm der Speculant die betreffenden Wertpapiere abnimmt, sodass
er sich um die Kursschwankungen nicht zu kümmern braueht,
„Die Speculation bedeutet also in dieser Hinsicht eine weitere
Annäherung an das Ziel alles geordneten Wirtschaftsiebens, der
möglichsten Ausmerzung des Zufalls“, *)
Diesen Vorteilen ciner richtigen Speculation stehen aber
auch Nachteile geyrenüber, sie kann auch der Preis- und Warenbewegung
 eine falsche Richtung eben, es kann zu Überspecu-'ationen
 kommen, und diese führen oft zu schweren Krisen,
Eine dauernd falsche Speculation ist nach Rathyen bei unseren
 heutiyen Verkehrsverhältnissen ausgeschlossen, da sie mit
dem wirklich vorhandenen Angebot und der Nachfrage in Fühlung
bleiben muss. Kine vorübergehende Beeinflussung der Preise ist
möglich und dadurch werden der Speculant und weitere Kreise
yeschädiet.
Werden die Preise zu speculativen Zwecken stark beein-Ausst,
 um aus den vorübergehenden Schwankungen Gewinn zu
ziehen, so können dem RFinzelnen „unanständiyve Gewinne“
(Rathgen) erwachsen, anderseits erhebliche volkswirtschaftliche
Störungen hervorgerufen werden. Am erfolgreichsten können

Rathgen a. a. 0.5. 588.
        <pb n="57" />
        51

derartige Speculationen auf dem Effeetenmarkte sein, die volkswirtschaftlichen
 Nachteile sind hier aber geringer, da nur Leute
betroffen werden, die des Gewinnes wegen sich in derartige. gewaste
 Manipulationen eingelassen haben. Rathuen sayt, es seien
nicht volkswirtschaftliche Verluste, sondern nur Verschiebungen
les Vermöyens zwischen geschiekten ıumd ungeschickten Specu-(anten.

Loxis *) sicht die volkswirtschaftliche Aufyabe der Specu”
iation in der möglichst yrossen Ausgleichung der
Preiseinder Zeit. Sie ist von der Arbitrage zu unterscheiden,
 die ohne Zukunftsschätzung mit voller Kenntnis der in
Betracht kommenden Umstände vorgeht. Das Spielrisico ist der
Speculation wesentlich. Bei yeschickter und mit Sachkenntnis
betricbener Speeulation kann es gemindert werden, und somit
privatwirtschaftlichen und volkswirtschaftlichen Nutzen bringen,
Nur dis richtige Speculation wirkt günstig auf die Preisschwankungen
 ein. Ebenso sieht Lexis darin einen volkswirtschaftlichen
Nutzen der Speculation, dass sie dem Verkehr das durch die
Unsicherheit der Zukunft bedingte Risiko abnimmt und cs dem
Speculanten überträgt. Dies gilt z. B. für den Producenten, der
auf cin Lieferunesgeschäft zu annchmbarcm Preise hin sich vor
len zukünftiven Preisschwankungen sichern kann. Hat er für
ein Land mit Papierwährung zu Hefern, so kann er den Wechsel,
 den er auf den Besteller ziehen will, im Voraus zu einem
zünstigen Kurse verkaufen. „Die Speculation übernimmt gewissermassen
 die Funktion der Versicherung“.
Lexis giebt nun selbst zu, dass dies die idcale Seite der
Speeculation ist. Die Missbräuche, die dabei vetrieben werden,
können den volkswirtsechaftlichen Nutzen auch wieder aufwiegen,
aber dafür ist die Speculation an sich nicht verantwortlich zu
machen. Die Vorwürfe sind den Speculanten zu Machen, die
künstliche Preisbewerungen hervorrufen und anderseits das Publikum
 zur Teilnahme an ihren gewasten Unternehmungen verleiten,
Und darauf arbeiten sie hin, davon können sie nicht bestehen,
lass immer nur einer dem andern das Geld abnimmt. Das wäre
lann nichts anderes wie eine Wette, die die Volkswirtschatt
nichts weiter anginye.

*) Art. Speculation im Handwörterbuch der Staatswissenschaften. Bd. V S. 810.
        <pb n="58" />
        7

An anderer Stelle sagt Lexis, *) dass die Speeulation und
der Handel im grossen und ganzen ihre volkswirtschaftliehe Aufgabe
 erfüllen, wenn jeder einzelne Speculant nur sein privatwirtschaftliches
 Interesse verfolgt, indem er billig zu kaufen und
teuer zu verkaufen sucht. Dazu sind die Zeitgeschäfte notwendig,
 deren Wirkung darin besteht, dass die Sendungen der Länder
mit überschüssiger Production zunächst aufs Unbestimmte nach
den Bedarfsländern abgeben können, indem sie durch die Speculation
 ein provisorisches Unterkommen auf Schiffen, Docks usw.
erhalten.“ Dort werden sic eine Zeit lang in der Schwebe gehalten,
 bis sie an passender Stelle untergebracht werden können.
Und dieses geschieht durch die Speculation. Dem Effeetenhandel
schreibt Lexis nur eine untergeordnetere volkswirtschaftliche Bedeutung
 zu, da er, — und zwar über den Bedarf hinaus — nur
die Vermögensanlage erleichtert, während deı Warenhandel unmittelbar
 mit zur Versorgung der.Gesellschaft mit Gebrauelisund
 Verzehrungsgegenständen dient.
Struck **) sieht einen volkswirtschaftlichen Nutzen ‚des
speculativen Börsenverkehrs darin, dass sich der Markt erweitert,
es erfolgt eine regere Beteiligung und die fehlerhafte Schätzung
der verschiedenen Faktoren durch die Einzelnen gleichen sich
mehr aus. Und so wird das Durchschnittsergebnis mehr der
Wirklichkeit entsprechen. Das gilt auch für den Warenverkehr.
Struck erkennt deshalb an, dass die Speculation ihrem Wesen
nach allerdings gewisse nützliche Wirkungen auf die Volkswirtschaft
 üht.

Das Wesen der Speculation, sagt Cohn,***) besteht darin,
„dass die Macht des Augenblicks und des in diesem Auyenhlicke
handgreiflich Vorhandenen überwunden wird durch den weitschauenden
 Blick, welcher räumlich und zeitlich Entferntes mit in den
Kreis der Berechnungen hineinzieht. Der Bedarf des Augenblicks
 bestimmt den Preis nicht, der zukünftige Bedarf, den die
Speculation voraussieht. Die Speculation bewirkt den Absatz
durch Raum und Zeit und hiermit eine wachsende Annäherung

*) Schönbergs Handbuch. S. 289,
**) Struck, Artikel „Börsengeschäfte“ im Handwörterbuch der Staatswissenschaften.
 Bd. II. S. 694.
***) System I. 510.
        <pb n="59" />
        533

zwischen Production und Bedarf.“ Speculation ist die Voransberechnung
 des kommenden Preises aus gegenwärtigen Anzeichen.)

Cohn wendet sich auch gegen die Trennung von Handel
und Speculation, wie sie Ehrenberg vorgeschlagen hat. Es ist
eben unvermeidlich, dass der Kleinhändler speculieren muss, er
muss mit den Preisschwankungen an der Börse rechnen, um seinen
Bedarf zur möglichst yünstiven Zeit decken zu können. Und
beim Grosshandel ist es noch in höherem Grade der Fall. „Die
Speculation als das Element der zeitlichen Fürsorge durch -
setzt den Handel“ **) und der besonderen Art von Handel,
„welche das zeitliche Moment loslöst, um es zum Gegenstande
ihrer eigenen Leistungen, nach dem Gesetz der fortschreitenden
Arbeitsteilung zu machen‘, der will Cohn den Namen Speculationshandel
 beilegen. Wenn es diesem gelänge, das „zeitliche
Moment“ zu absorbieren, dann würde der übrige Handel davon
befreit, und er hätie allein dem „örtlichen Moment‘ zu dienen,
Dieser Speeulationshandel ist noch entwickelungsfähig, aber er
wird nicht alle Waren umfassen können,
Unter Speculation wollen wir verstehen: die Übernahme
des Risicos bei einer wirtschaftlichen ""hätigkeit. Wir sprechen
von Berechnung und nicht von Speculation in allen nicht exceptionellen
 Fällen beim wirtschaftlichen Handeln. Denken wir zum
Beispiel an den Produetionsprocess, verfolgen‘ wir, wie aus dem
Saatkorn die Backware entsteht. Wie viel Berechnung ist dazu
nötig bei Jedem, der bei dem Process beteiligt ist. ie beginnt
mit der Auswahl des Bodens, der Jahreszeit, dann folgt die
Ernte, Verkauf derselben an den Müller, Verkauf des Mehles
usw. Mit allen diesen Handlungen ist ein Risico verbunden, es
handelt sich auch um wirtschaftliche Handlungen, bei denen ein
gewisses speculatives Moment zu erkennen ist, aber nicht in dem
Mass, dass wir diese Thätigkeiten als Speeculation bezeichnen
möchten. Dann fragt es sich nun: wann liegt Speculation vor?
und ist die Speculation als volkswirtschaftlich productiv zu bezeichnen?

Ein Händler kauft Getreide auf, lavert es, die Preise sind

*) Jahrbücher für Nationalöconomie und Statistik, Band XVI 1571,
**) Cohn. III. 2927.
        <pb n="60" />
        54

niedrig, aber er kennt den Markt, er weiss, dass sich der Preisstand
 verändern wird, und wenn dann die Preise gestiegen sind,
dann verkauft er seinen Vorrat.
Er speculiert. Und zwar in seinem privatwirtschaftlichen
Interesse, Gelinet die Speculation, so ist sie für ihn gewinnbringend.
 Und für die Volkswirtschaft?
In Amerika kaufte ein einziger Händler vor kurzer Zeit
allen Weizen und Mais auf und lagerte ihn, sodass der ganze
Markt auf ihn schliesslich angewiesen war, und zwar in rein
speculativer Absicht. War diese Speculation volkswirtschaftlich
praduetiv?

In diesem Falle müssen wir es unbedingt verneinen, im
ersteren nicht. Es ist natürlich, dass nach der Ernte bei dem
zrossen Angebot die Preise sinken, dass sie dann allmählich
wieder steigen. Der Händler lagert das Getreide, sind die Preise
zünstiger, tritt er mit seinem Vorrat auf den Markt, vermehrt
las Angebot und führt dadurch eine Veränderung der Preise
herbei, aber keinen Preissturz. Durch vermehrte Nachfrage
yleichen sich dann die Preise wieder aus. Und diese ausgleichende
Thätigkeit ist für die Volkswirtschaft von Nutzen, als productiv
zu bezeichnen, Während in dem anderen Falle die Preise durch
einen Kinzelnen gewaltig gesteigert werden zum Vorteil dieses
Einzelnen. Die Folge dieser Speculation war ein Preissturz.
Der volkswirtschaftliche Schaden war eTOss, man braucht nur
daran zu denken, wie viel Geschäftsleute dadurch vernichtet
wurden.

Wir hatten vesagt, dass eine 'Thätiykeit productiv ist, wenn
sie volkswirtschaftlich werterhöhend wirkt, wobei zu bemerken
ist, dass nicht jede Werterhöhung Produetion einschliesst. Der
Wert der (Jüter kommt im Preis zum Ausdruck und wird an
Jer Börse festgestellt. Erziclt der Händler einen höheren Preis
für seine Ware, so zeigt das, dass der Wert der Ware gestieren
ist, dass sich Käufer finden, für die, trotz der Erhöhung des
Preises die Ware deshalb wertvoll ist, weil sie ihnen zur rechten
Zeit am rechten Ort überlassen wird. Demnach können wir der
massvollen Speculation die Produetivität zusprechen. Auch jener
amerikanische Speculant fand Abnehmer für seine teure Ware,
aber keine freiwillive. Es handelte sich um eine Erhöhung der
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        3,3

Preise, aber nicht um eine Werterhöhung, sondern nur um eine
Wertverschiebung, Das waren Monopolpreise, die Konsumenten
waren einfach der Willkür eines Kinzelnen ausgeliefert, davon
hat die Gesamtheit keinen Nutzen. ;
Noch ein auderes Beispiel wollen wir anführen, wo wir die
Speculation als produetiv bezeichnen. Ein Kaufmann kauft einen
yrösseren Posten Kaffee. Er sieht voraus, dass die Preise steiven
 werden. Er hat für 90 Mk. yekauft und verkauft den
Posten an KEinzelne für 100. Und tiotz dieses Verdienstes
braucht die Gesamtheit keinen Schaden davon zu haben. Dadurch,
 dass der Kaufmann rechtzeitig einkaufte, bevor die Preissteigerung
 eintrat, ist er nun im der Lage, dem Publikum zum
alten Preise die Ware abzugeben, ohne einen Preisaufschlag
machen zu müssen, wie c3 sonst das Steiyven des Knyros-Preises
zur Folge gehabt hätte, Die Speeulation wirkt hier preiserhaltend.


Ferner liegt beim Landwirt Speculation vor, wenn er in der
Annahme, dass zu einer bestimmten Zeit nach einem bestimmten
Producte Nachfrage sein wird, wenn er dann dieses anbaut. Hat
er sich in dieser Berechnung nicht geirrt, so wird in erster Linie
ar grossen Vorteil davon haben, dann aber auch die Gesamtheit,
leren yrosser Nachfrave er ein bedeutendes Angebot entgegenstellen
 kann, und somit auf die Preise günstig einwirkt.
Diese Beispiele zeigen, dass es nicht möglich ist, die Speculation
 überhaupt als produetiv oder unproductiv zu bezeichnen, Die
Speculation will eine Änderung der Preise herbeiführen. Kine
Speculation, die eine nachhaltige Preiserhöhung herbeiführt ist
nützlich. Das trifft zu, wenn ein Händler z. BD. Getreide aufkauft,
 um es auf den Markt zu bringen, wenn Mangel vorhanden
ist. Wird die Preissteigerung willkürlich herbeigeführt, so ist
die Speeulation, die meist einen grossen plötzlichen Umschwung
zur Folge haben wird unproductiv. Es sei auf das oben angeführte
 Beispiel von dem americanischen Getreidespeculanten verwiesen,
 Hier legt unzweifelhaft cin Missbrauch der grossen
Macht vor, die dem Händler durch seine Fähigkeit, auf die Preise
einzuwirken, gegeben ist. Wir sehen hier von den Fällen ab,
wo durch Verbreitung falscher politischer Nachrichten und deryleichen
 eine grosse Bestürzung an der Börse hervorgerufen wird,
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Diese Fälle fallen unter das Strafgesetz. Aber die Speculanten
haben andere Mittel zur Verfügung, um die Preise zu verändern,
30 dass mit der Preissteigerung dann keine Werterhöhung vorhanden
 ist.

So hat z. B. ein Händler einen grösseren Posten einer
stark begehrten Warc auf Lager, nehmen wir an, Kaflee. Er
wäre im Stande sein Angebot so zu steigern, dass die Nachfrage
annähernd befriedigt würde. Kr hält aber einen "Teil zurück,
die Preise steigen und er hat Gewinn. So kann ein Händler
schwimmende Vorräte rechtzeitig aufkaufen oder in einen anderen
Hafen ablenken oder einen Teil davon vernichten, um den Rest
im Preise steigen zu lassen. Er erhöht die Knappheit, ist aber
nicht productiv. Hier kann von einer Werterhöhung ebensowenie
die Rede sein, wie in einer belagerten Stadt, wo es sich nur um
eine Wertverschiebung handelt. Der Vorrat vermindert sich von
Tag zu Tag, der Rest steigt im Preise, es tritt keine Erhöhung
des Wohlstandes ein, es erfolgt nur in jeder Hinsicht privat- und
volkswirtschaftlich eine Verschiebung der Preise. Der Wert des
Getreides wird erhöht, dafür sinkt der Wert des Geldes; es
handelt sich hier nicht um eine Werterhöhung für die Gesamtheit.
Kine derartige Preissteiverung, die nicht den natürlichen
Bedarf zur Grundlage hat und nicht nachhaltend wirkt, sondern
willkürlich herbeigeführt wird. kann nicht als productiv bezeichnet
 werden.
Wir haben also bei den einzelnen Fällen von Speeulation
immer zu unterscheiden zwischen Nützlichkeit und Produetivität.
Productiv wird sie wirken, wenn eine Werterhöhung für die gesamte
 Volkswirtschaft erfolgt. Ferner ist zu unterscheiden, ob
es sich um eine Werterhöhung oder nur um eine Verschiebung
handelt.
Die Betrachtungen über die Speenulation haben gezeigt, dass
der Handel einen grossen Einfluss auf die Preisbildung hat. Dabei
 hat er Producenten und Konsumenten yerecht zu werden,
jeder verlangt von seinem Standpunkt aus einen annehmbaren
Preis. Den Preis und Wert der Güter bestimmt der Handel,
und darin liegt seine hauptsächliche volkswirtschaftliche Thätigkeit
 neben dem "Transport und der Aufbewahrung. Den Wert
erhalten die Güter durch die richtige Verteilung nach Zeit und
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Ort, und indem der Handel die Preise festsetzt, leistet er dem,
der die C’onjuneturen nicht in gleicher Weise übersehen kann,
grosse Dienste, Der Producent erfährt, wo ein Bedarf nach
seinen Waren vorhanden ist, danach richtet er seine Produetion
und seine Zufuhr ein. Der Konsument, überhaupt wer Bedarf
hat, dazu gehören besonders die kleinen Kaufleute, erfahren den
Ort des günstigen Angebots. Der speculierende IIandel hat die
Preisunterschiede nach Möglichkeit auszugleichen und wirkt dadurch
 productiv, dass er den örtlichen Unterschied durch rechtzeitiges
 Herbeischaffen und Aufkaufen, den zeitlichen durch Aufbewahrung
 oder Fortschaffen auszugleichen sucht. Er hat die
Conjuneturen vorauszusehen, er hat aus den gegenwärtigen Verhältnissen
 auf die zukünftigen zu schliessen. Und diese speeulative
 "’hätigkeit entfaltet sich an der Börse. Hier steht sich
eine grosse Anzahl Käufer und Verkäufer. gegenüber, sie alle
suchen auf jede Weise die zukünftige Lage zu erforschen, jedes
Mittel, was dazu führen‘ kann, wird herangezogen, hier können
etwaige fehlerhafte Berechnungen leichter ausgeglichen werden,
es ist eine grössere Sicherheit bei den Berechnungen zu erwarten,
wenn auch zuyegeben werden muss, dass auch diese Gesamtmeinung
 irrt. Sie ist aber von grösster Bedeutung für den
Handel. Sie veranlasst ihn, Waren dorthin zu bringen, wo man
danach verlangt, und sie fern zu halten von einem Orte, wo
kein Bedarf danach ist. Dadurch werden "Transportkosten erspart
 und Umladungen vermieden. Es würde in hohem Grade
hinderlich sein, wenn der Handel immer nur auf Grund vorhandener
 Waren Geschäfte abschliessen könnte, er muss nur dafür
sorgen, dass die Waren dann zur Stelle sind, wenn ein Geschäft
abgeschlossen werden soll; und dies hat zu geschehen mit Hilfe
der Speculation, die die zukünftigen Marktverhältnisse auf Grund
der vercbenen zu ermitteln hat.

Der statistische Teil der Arbeit erscheint später.
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        Vita.

Natus sum, Franeiseus Dochow, a. d. VI. Cal. Febr. a. h.
s., LXXV in oppido Halis patre Adolfo, quem praematura mihi
morte ereptum esse lugeo, matre Mathilda, e gente Keidel.
Testimonium, quod dieunt maturitatis, nanetus ad universitatem
me contuli Halensem, ut studiis me darem iuridieis imprimisque
9eCONOMICO-Politicis.
Docuerunt me per sexties sex menses Y. Y. il. il. Lastig,
Loening, von Liszt, Stammler, Heck, Endemann, Stein, Rosenfeld,
 Liepmann, Conrad, Diehl, Friedberg, Kähler, Droysen, Riehl;
Vaihinger, Exercitationibus ut interessem benigne permiserunt
Conrad, Diehl, Friedberg, von Liszt, Stammler. Quibus omnibus
»ptime de me meritis, praecipue Conrad et von Liszt, maximas
zratias ago semperque habebo.

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