Die neuen politischen Ideen. 59 im Kopfe hatte, unterliess es leicht, die Consequenzen der begründenden Souveränetät des Individuums systematisch zu ziehen. Aber um so Vollkommneres leistete er darin, die greifbaren, berechenbaren (materiellen) Zwecke resp. Interessen des Individuums zur alleinigen Richtschnur bei Untersuchung jeder Frage der Privatmoral und des öffentlichen Wohls zu nehmen. Nicht -die Nützlichkeitslehre an sich — denn was kann man Alles unter Nützlich verstehen! — sondern dass man das dem isolirten Individuum Nützliche zur Richtschnur nahm, das macht das Wesen des Utilitarianismus aus, der bei Bentham ausgebildet vorliegt und der in der Form, wie ihn der gefällige Mill schliesslich formulirt, heute die Engländer beherrscht. Dieser Utilitarianismus ist nur eine Seite des Individualismus -— und ihm unterwerfen sich, wie wir sehen werden, faktisch auch die prinecipiellen Gegner der Volks- souveränetätslehre in England, ihm zog selbst der stärkste christliche Sinn, sogar unter den Anhängern der Staatskirche, keine Schranken. So kam es, dass eine Inconsequenz das moderne Eng- land vor gewaltiger Revolution und Anarchie bewahrte, — eine in dieser Hinsicht praktisch segensreiche Inconsequenz, die aber nicht die Kraft besass, dem englischen Volke neue lebensfähige und lebensvolle ethische und volitische Ideale Zuzuführen. Auch das Dissenterthum, welches die politische Opposition in einer gewissen heilsamen christlichen Zucht erhielt und dem Revolutionsgelüste Zügel anlegte, vermochte nicht den ethischen Materialismus zu bekämpfen, sondern bahnte ihm — in oft naiver Weise die Wege, Man sieht dies deutlich an Priestley, dem vielleicht interessantesten unmittelbaren Vor- gänger von Bentham. Wie schon Hobbes trotz aller höchst materialistischen Auf- fassung des Staats ete. „seinen Frieden mit der Kirche gemacht hatte“ 1): wie Locke bei seiner Auffassung vom Staat von utili- 1) Siehe Lange, Geschichte des Materialismus, 2. Aufl. Bd. 1, S. 249 u, 9254.