— 594 —
zurück, weil eben in der Schweiz die Schaafzucht weniger einträgt
als das Rindvieh.

Die deutsche Baumwollenindustrie ist seit einer langen Reihe
von Jahren geschützt; die schweizerische hingegen ist ohne Schntz
und hat noch den Nachtheil, daß sie von den Bezugsquellen des
Rohstoffes weiter entfernt ist und also theurere Fracht bezahlen muß;
zugleich ist auch der Lohn oder die Lebensweise der Arbeiter in der
Schweiz eher besser als in Deutschland. Dessenungeachtet können
oder wollen die deutschen Spinnereien die Coneurrenz der Schweiz
nicht aushalten. Schon 1843 mußte der Zoll auf den Centner
Baumwollengarn von 2 auf 3 Thaler erhöht werden. Und diese
zweite Stufe der Lehrzeit war nicht glücklicher als die erste. Denn
in dem preußischen Bericht an den BSolleongreß in Kassel hieß es
wörtlich, jene Erhöhung habe die Beschwerden der Spinnereien nicht
beseitigt und die Beschwerden der Webereien wesentlich gesteigert,
und der Absatz von gewissen Baumwollengeweben sei sowohl in
Amerika als in Italien durch die zunehmende Concurrenz der Eng⸗
länder und der Schweizer sehr vermindert / ja beinahe ganz aufge—
hoben worden. Es wurde nun wiederum vorgeschlagen, den Ein⸗
gangszoll von Baumwollengarn von 3 auf 4 Thaler zu erhöhen
und zu Gunsten der Webereien Rückzölle eintreten zu lassen. Und
das gleiche Verfahren sollte mit der Seidenfabrikation geschehen. Der
schweizerischen Concurrenz wegen sollte der Centner von seidenen
Zeug. und Strumpfwaaren, oder von ganz oder halbseidenen Bän⸗
dern, statt wie bisher 110 Thaler, künftighin 150 Thaler bezahlen.
Ist nun das Urtheil zu scharf, daß Schutzzölle die Industrie auf
Unkosten Aller in falsche Bahnen hineindrängen?

Es giebt Leute, die keine grundsätzlichen Feinde der Handels-
freiheit sind, aber dieselbe nicht eher gewährt wissen wollen, als
die andern Völker sie ebenfalls gewähren. Der ganze Sinn dieser
Berufung auf Gegenrecht oder Gegenseitigkeit bei der Zollfrage liegt
in dem Saztze: weil wir den Vortheil nicht haben, zu verkaufen
wo uns gefällt, so wollen wir auch den Vortheil nicht mehr ge⸗
aießen, einzukaufen wo uns am besten scheint; oder kürzer, weil wir
nicht theuer verkaufen können, so wollen wir auch nicht mehr wohl—