— 595 —
feil einkaufen. Jeder Einzelne befolgt freilich auch bei dem geringsten
Maße von Klugheit gerade die umgekehrte Regel, indem er den
Ueberrest von Vortheilen um so sorgfältiger zu erhalten sucht, je
zgrößer die Einbuße ist, die er durch fremde Schuld erlitten hat.
Aber das Schutzzollsystem hat eben eine ganz eigene Logik.

Wozu denn nun die Beschränkung der Freiheit, des Wohlstandes
und des Genusses, die wir gegen uns selbst unternehmen? Sie soll,
sagt man, schützende Handelsverträge mit anderen Staaten zu Stande
bringen. Was die Handelsfreiheit nicht bewirken könne, weil sie
den Nachbaren alle Vortheile umsonst einräumt, das müsse das
Gegenrecht erzwingen, nämlich eine ungehinderte Ausfuhr gegen die
Erlaubniß zur freien Einfuhr. Es handelt sich also einfach um die
Frage, ob fremde Mauthlinien durch die Anwendung des Gegen—
rechts geöffnet werden können.

Aber jeder Staat bestimmt doch seine Handelsgesetzgebung nur
nach eigenen Interessen, und dieselben Interessen, welche einmal
Schutzzölle aufgestellt haben, sind auch immerfort wachsam und
chätig, um die Schutzzölle zu erhalten und zu erhöhen. Darum
find auch Handelsverträge ebenso erfolglos zwischen Mauthländern
als überflüssig für handelsfreie Staaten; sie bestehen nur aus den
Ergebnissen eines langwierigen und ärgerlichen Marktens zwischen
den Sonderinteressen auf der einen und den Sonderinteressen auf
der andern Seite, bei welchem der Geschicktere auf Unkosten des
Begners zu gewinnen hofft, und das gewöhnlich die Förmlichkeiten
bermehrt, ohne die Beschränkung wesentlich zu vermindern.

Denken wir uns zwei Nachbarländer, die dem Schutzzollsystem
huldigen. Das eine zeichne sich aus durch treffliche Leinwand,
Wollenwaaren und Metallarbeiten, das andere sei weiter voran;
geschritten in der Seiden- und Baumwollenfabrikation. Und nun
sende jenes Land einen Abgeordneten an dieses zur Abschließung
eines Handelsvertrags. Soll nun der Abgeordnete ermächtigt sein,
für Leinwand, Wollenwaaren und Metallarbeiten Begünstigungen
zu erkaufen, indem er den Zoll für diejenigen Industriezweige auf
hebt, mit denen das andere Land glücklich econeurriren kann?
„Nein! und immer Nein!“ werden die geschützten Seiden- und

38*