7. Allgemeiner Theil der Verfassungslehre. 73
Vorrechte einzelner Classen beseitigte, daß aber auch der Haß gegen Vorrechte
bei den Meisten einen egoistischen und relativen Charakter hatte, indem jede
Classe nur die Privilegien der Höhergestellten perhorrescirte, selbst aber wieder
auf andere herabblickte. Als Gründe, warum die Revolution, d. h. der Um⸗
surz des geschichtlichen Rechtes in Frankreich zuerst losbrach, werden unter
andern folgende angegeben: das Feudalwesen war in Frankreich verhaßter als
anderswo, nicht weil es in Frankreich drückender war, sondern gerade umge⸗
kehrt; es hatte aufgehört ein politischer Organismus zu sein und war bloß
noch eine sociale, ökonomische Beschwerde; Frankreich war das Land, wo die
Menschen sich unter einander am ähnlichsten waren; diese einander so ähnlichen
Menschen waren in tausend kleine Gruppen gesondert. Sie betrachteten inner⸗
lich diese Scheidewände als nichtig und gingen bereits atomistisch in einer gro⸗
zen Masse auf. Zu den Ungleichheiten, welche Frankreichs Ueberreste des Feu—
dalwesens und des Innungswesens mit den übrigen Staaten gemein hatten,
kamen noch eigenthümliche, von der Fiscalität geschaffene, indem man Aemter
und Monopole in großer Zahl für Geld verlieh, welche wie anderes Eigen—
chum verkauft und vererbt wurden; die angeborne Nationaleitelkeit gab der
finanziellen Plusmacherei Gelegenheit selbst bloße Titel zu verwerthen; und
wo die Ungleichheit nicht eine staatliche Unterlage hatte, wußte die Eigenliebe
eine höhere Stellung zu usurpiren gegen andere Classen, welche in einer ge⸗
drücktern Lage waren oder nicht die Mittel gleichen Aufwandes besaßen. Beim
Ausbruche der Revolution beseelten zwei Leidenschaften das Volk, glühender
Haß gegen Ungleichheit, genährt durch den steten Anblick und das Verlangen
nach politischer Freiheit. Die Generation, welche für Freiheit gekämpft
hatte, wurde durch die Revolution weggemäht oder ermüdet; aber die Leiden—
schaft für Gleichheit beherrscht noch immer die Gemüther. Bei den ersten
Symptomen der Revolution glaubte Niemand, selbst die ausgezeichnetesten
Männer nicht an den wirklichen Ausbruch oder an die gänzliche Umwälzung
aller Verhältnisse, wenn gleich dieselbe geistig schon laͤngft vollzogen war und
»ie Vorboten des Sturmes vernehmlich daher brausten. Vgl. Raudot, La
hrance avant la révolution, 2. Edit. Liv. J. Chap. 3. In dem Buche La
décadence de la France, Chap. II. Tit. 1. zeigt Raudot, wie seit der Revo⸗
lution die politische Selbstständigkeit in Folge der immer mehr gesteigerten
Tentralisation und der Nivellirung noch tiefer gesunken ist.
Anmerkung. Die Leidenschaft für Gleichheit entwickelt sich auf zwei verschiedene
Weisen. Es ist immer achtungswerth, wenn auch nicht immer verständig, wenn Männer aus
»en höhern Ständen für die untern Classen Gleichberechtigung erkämpfen wollen; aber schänd⸗
äch ist die Leidenschaft, welche ihre Befriedigung darin sucht, Andere ihrer Vortheile und wah—
ten oder eingebildeten Vorzüge zu berauben und die Gleichheit dadurch herzustellen, daß Alle
in den Koth herunter gezogen werden. Dieser entschiedene Radicalismus ist es, welcher in
Frankreich und in Deutschland dem Adel nicht nur die Privilegien, welche für andere Stände