74 Die formale Politik oder Verfassungslehre.
—DD— sogar die Familiennamen entziehen („den Adel abschaffen?)
wollte. Dieser Radicalismus ist dann nicht weit entfernt von der Vertilgung (Schlaͤchterei).
Er haßt ebenso die Aristokratie der Bildung und der Sittlichkeit und Unbescholtenheit, der
Reinlichkeit und des Anstandes. Es ist daher nothwendig, daß alle ächt Liberalen sich vor
Allem hüten, was solchen Gleichheitsbegriffen als Handhabe dienen kann, und den Nivelleurs
dieser Art offen und redlich entgegentreten.

5 15. Contrerevosution, Reaction.

Die Geschichte der letzten 70 Jahre hat bewiesen, oft und wiederholt be⸗
wiesen, und Menschenkenntniß lehrt a priori, daß überall, wo das geschichtliche
Recht, welches sich aus den mittelalterlichen Zuständen, und später durch das
Bevormundungssystem der Regierungen entwickelt hatte, oder durch Staats⸗
berträge stipulirt war, durch die Macht veränderter Verhältnisse und neuzeitliche
Ideen zerstört, oder Versuche gemacht wurden dasselbe zu stürzen, die Bestre⸗
bungen gemäßigter Reformfreunde und Forderungen, welche innere Berechti—
gung hatten, die Veranlassung zu weiter gehenden Umwälzungen geworden
sind, und neben den politischen Neugestaltungen unter den Massen der Com—
munismus und die Ungebundenheit thätig wurde (S. 812.). Wenn kurzsich—
tiger Egoismus der Privilegirten und Aengstlichkeit der Regierungen durch
Verweigerung rechtzeitiger Reformen die Revolution, welche vielleicht vermie⸗
den werden konnte, mitverschuldeten, so ist auf der andern Seite Denjenigen,
welche die Nothwendigkeit der gesetzlichen Ordnung erkannten, oder Opfer der
zügellosen Gewaltthaätigkeit waren, oder abgeschlachtete Angehoͤrige und Freunde
beweinten, nicht zu verdenken, wenn sie Anstrengungen machten und die darge⸗
botene Gelegenheit benutzten, die Ordnung wiederherzustellen und den Dema—
gogen die Gewalt aus den Händen zu winden. Die Greuel und Schrecken
und Uebelstände der Anarchie wurden meist so arg, daß unter der Menge so—
wohl als bei den höher Gebildeten die Gesinnung herrschend wurde, Ruhe und
Ordnung um jeden Preis sei der Anarchie und permanenter Revolution vorzu⸗
ziehen und der Verlust der politischen Freiheit sei leichter zu tragen als jene
Uebelstände. Sehr begreiflich ist, wenn besonders Diejenigen, welche die frü—
hern Zustände aus Ueberzeugung, mit oder ohne Grund, oder aus selbstischen
Motiven zurückwünschten, in den ersten Reihen der Contrerevolution standen;
an diese schlossen sich Diejenigen, welche eine Restauration als das einfachste
Mittel zu Beseitigung der revolutionären Zustände, als fertiges Programm der
Contrerevolution adoptirten, oder Zustände, deren vortheilhafte und nachthei⸗
lige Seiten man aus Erfahrung kannte, dem erst noch zu schaffenden Unbekann⸗
ten und Ungewissen vorzogen, oder nur durch die Allianz mit den Restaura—
tionsfreunden die Uebel und Gefahren, welche sie verabscheuten und fürchteten,
zu bekämpfen im Stande waren, in Hoffnung, daß die Restauration nach