122 Die formale Politik oder Verfassungsleßre.
Beschäftsgang zahlreicher Collegien sehr schleppend ist, während in großen
Staaten die Dringlichkeit, Menge und Wichtigkeit der Geschäfte rasche Ent—
schließung und Handlung fordert. Allerdings hat dic absolute Monarchie eine
bedenkliche Seite, und es muß daher die Ausgleichung der beiden Momente,
Nothwendigkeit der Energie und raschen Erlediguag und Mäßigung des Miß—
orauchs der Einzelherrschaft angestrebt werden. Auf der andern Seite ergibt
iich, daß in einer Demokratie oder constitutconellen Monarchie der Antheil
jedes Activbürgers an der Souveränität spolitischen Freiheit) in eben dem
Verhaältnisse kleiner wird als die Bevölkerung an Zahl zunimmt. In einem
Staate, welcher 10,000 Activbürger hat, ist der Antheil eines jeden — 0,0001,
während die Staatsgewalt mit ihrer ganzen Macht auf ihn als Unterthan
drückt. Daher „jst nach den psychologischen Gesetzen der Gemeingeist in großen
Staaten geringer, die Macht des Egoismus der Individuen größer. Mit dem
Gemeingeist ist nicht zu verwechseln religiöser oder politischer Fanatismus, wel—⸗
her ausnahmsweise die ganze Bevölkerung großer Siaaten ergreifen kann.
Offenbar ist die Größe der Bevölkerung in Hinsicht des Repräsentativ—
systems und der politischen Wahlen von solcher Wichtigkeit, daß sich danach
zanz verschiedene Bedingungen und Resultate ergeben. Eine über die wichtig—
sten politischen Angelegenheiten — allein oder unter Mitwirkung anderer Facto⸗
ren — entscheidende Versammlung muß immer aus einer gewissen Zahl Mit—
zlieder bestehen; für diese Zahl gibt es ein Maximum und ein Minimum,
welches sich zwar nicht absolut in Ziffern, aber approximativ aus Gründen der
Zweckmäßigkeit bestimmen läßt. Ist die Zahl zu groß, besteht die Versammlung
aus beiläufig 1000 oder mehr Mitgliedern, so nimmt sie den tumultuarischen
Charakter einer Volksversammlung, eines Volkshaufens an. Dieses hat die
Geschichte der französischen Constituante und des Nationalconventes bewiesen,
und es ist aus innern Gründen als unausweichlich zu erkennen; durch ein
zahlreiches Auditorium werden die Redner aufgeregt, durch die Concurrenz vieler
Redner, welche sich bekämpfen, welche sich zu überbieten suchen, bilden sich Par⸗
cheien und Factionen; die Mehrheit, welche immer aus den schwächern Gei⸗
stern und Charakteren besteht, läßt sich durch eine Minderzahl der heftigsten
und rücksichtslosesten beherrschen; die Masse erhitzt sich durch ihre große Zahl;
Enthusiasmus, Fanatismus ergreift viele Gemüther, Andere beherrscht die
Furcht, und so ist es der Zufall und die Leidenschaft, nicht die besonnene Dis—
cusston, welche den Entscheid herbeiführt. Dieses hat sich sogar gezeigt bei
Versammlungen, welche nur 4—600 Mitglieder zählten. Bei einer sehr zahl⸗
reichen Versammlung kommen noch äußere materielle Schwierigkeiten hinzu;
die akustischen Hindernisse machen eine Rednerbühne nothwendig, welche manche
einsichtige, wohlgesinnte Mitglieder aus Schüchternheit oder Bescheidenheit,
oder wegen Schwäche des Organs nicht besteigen mögen, während die kecken.