7. Allgemeiner Theil der Verfafsungslehre. 135
and ist an sich nicht verwerflich, wenn das Gesammtwohl, die Erhaltung der
taatlichen Ordnung der Zweck ist und wenn die Mittel rechtlich sind. Z. B. eine
Jeschlossene Aristokratie kann die Tendenz der politischen Gleichberechtigung mä⸗
zigen, wenn sie diese einer gewissen Classe zugesteht; die englische Parlaments⸗
teform hat durch theilweise Erweiterung der Wahlrechte dem Chartismus die
Spitze abgebrochen.
5) Sehr viele Staaten sind durch Krieg gegründet worden; lange an—
dauernde Friedenszustände lockern die Subordination (welche im Kriege uner⸗
— kraͤftigen Staatsgewalt in Ver—⸗
gessenheit, erzeugen Materialismus, ertödten die männlichen Tugenden, pflanzen
politische Factionen, verschaffen den Sophisten und Phrasenmachern ein unge⸗
dührendes Ansehen. Die Erhaltung des kriegerischen Geistes, worauf am Ende
die wahre Selbstständigkeit eines Volkes beruht, die Beschäftigung der Nation
ourch gerechte Selbsthülfe oder Theilnahme an den Bündnissen für die höhern
europäischen Interessen sind die Mittel jene zerstörenden und auflösenden Wir⸗
ungen der Versumpfung in einem langjährigen Frieden à tout prix entgegen
zu wirken.
Aber keine makrobiotische Weisheit wird vermögen die einzelnen Staaten
oder ihre Verfafsungen ewig zu conserviren; alle menschlichen Gebilde, Indi⸗
hiduen oder Gesammtheiten sind einem frühern oder spätern Untergange ge⸗
weiht. Die Geschichte geht unaufhaltsam ihren Gang fort. Kein Reich und
keine Herrschaft, welche für die maͤchtigsten gehalten wurden, ist ihrer Bewe⸗
Jung widerstanden. Der Genius der Menschheit verjüngt sich, wenn ihre
Formen absterben und sucht sich ein neues Haus, eine neue Wohnstätte. Darum
strebe jeder die Festung, die ihm anvertraut, unter deren Vertheidigern er ein⸗
zereiht ist, gemäß seiner Pflicht, nach Kräften zu vertheidigen, wisse aber sich
männlich zu fassen, an der Vorsehung nicht zu verzweifeln, wenn der Kampf
ein vergeblicher ist. Was vor ihm gewesen ist, wird auch nach ihm sein, wenn
es sein soll. Die Menschheit überdauert Individuen und Völker. Die gesell⸗
schaftliche Ordnung ist in der menschlichen Natur fest gegründet, der Fortschritt
verbürgt durch die Vorsehung. „Wer sein Dasein mit der Dauer eines Stan⸗
des, einer Einrichtung verwechselt, macht sich selbst unnöthige Plage. Handle,
oviel an Dir ist, klug und weise; ihren großen Gang wird die Zeit gehen und
das jhrige vollenden.“ ( Herder, Tithon und Aurora.