148 Die formale Politik oder Verfassungslehre.
daß es unter gewissen Umständen erlaubt sei, einen Fürsten, welcher auf irgend
eine Weise in ihren Augen sich das — verdiente oder unverdiente — Prädicat
eines Tyrannen zugezogen hatte, aus dem Wege zu räumen, damit ein anderer
hnen mehr genehmer an seiner Stelle den Thron besteige. Ferner gibt es
Publicisten, welche die Monarchie aus Gründen der Zweckmäßigkeit vertheidi⸗
gen, denen aber das Königthum von Gottesgnaden ein Dorn im Auge ist.
Der Begriff der Legitimität ist ebenfalls nicht nothwendig mit der Theorie der
Erbmonarchie verbunden. Endlich präjudicirt die Voraussetzung, daß die
Monarchie für größere Staaten die angemessene Verfassung sei, in keiner Weise
die Erhaltung kleiner Souveränitaten, beziehungsweise die Mediatisirung, An—
nexion, Verschmelzung derselben.

s. Die Literatur des tyrannicidium.
Indem wir diese Lehre vom politischen, wie vom sittlichen Standpunkte
und im Interesse der gesetzmäßigen Freiheit unbedingt mit Abscheu verwerfen,
bezeichnen wir aus der Literärgeschichte folgende Koryphäen derselben):
Jean Petit, ein fanatischer Mönch und Prediger, welcher zu Paris, als
die Partheien der Armagnac's und der Burgunder um die Herrschaft kämpf—
ten, die Rechtmäßigkeit des Tyrannenmordes vertheidigte; er schrieb 1408 eine
Justificatio, welche nach seinem Tode (1411) durch die Universität von Paris
oerdammt wurde. (1414) und 1416 wurden 40 Doctores als Vertheidiger der
Doctrin des Jo. Parvus verurtheilt, dieses Urtheil aber 1418 annullirt. Die
Frage wurde durch den Kanzler der Universität Paris, den berühmten Joh.
Gerson dem Concil von Constanz zum Entscheide vorgelegt, aber nicht
erlediget.
Ein anderer berühmter Vertheidiger des tyrannicidium ist der spanische
Jesuit Mariana, in seinem Buche De institutione regis, gedruckt 1598 zu
Toledo, mit königlichem Privilegium und Approbation; in demselben werden
die Lehren der Staatsweisheit in classischer Sprache entwickelt. In einer
Schrift, De ponderihus et mensuris, hatte er sich als competent in Fragen
der Nationalökonomie ausgewiesen. Eine Schrift, De monetae mutatione
1609, in welcher er eine Finanzoperation angriff, brachte ihn ins Gefaͤngniß.
Es wäaͤre unrichtig den Orden der Jesuiten für seine Grundsätze, betreffend das
yrannicidium (welche sich jedoch vor denen des Fanatikers Joh. Petit vor⸗
theilhaft auszeichnen) verantwortlich zu machen, da Mariana sich auch dem
Orden gegenüber als ein sehr selbststaͤndiger Charakter gezeigt hatte, indem er
die Verwaltung der Collegien scharf tadelte.

*) Ganz abgesehen von dem Maratismus der französischen Revolution, welcher auch auf
dem rechten Rheinufer würdige Nachfolger gefunden hat.