178 Die formale Politik oder Verfassungslehre.

sönliche Eigenschaften oder großen Besitz hervorragende Männer finden keinen
Rückhalt an einer Gentry von politischem Einfluß, da die Masse der Nation
atomistisch aufgelöst, demokratisch nivellirt und durch den Haß gegen alle Stan⸗
desvorzüge dem imperialistischen Absolutismus verfallen ist. Tocqueville,
Raudoth). Hat doch schon Moliere am Hofe Ludwigs XIV. und Beran—⸗
ger zum großen Vergnügen der jüngsten Generation den Marquis de Carabas
und die Marquise de Pretentailles besungen und sich gerühmt je suis vilain
ot très-vilain. Bei alle dem hat man in Frankreich das englische System nicht
adoptirt, weil es der geschichtlichen Entwickelung fremd ist, weil der französische
Nationalcharakter eines Hofes bedarf und der französische Parvenu trachtet sich
als gentilhomme einzuschmuggeln, und weil das zahlreiche stehende Heer und
die Kriegspolitik eines Militäradels bedarf und demselben eine Carriere öffnet.
Es ist für jeden Militärstaat von Wichtigkeit eine zahlreiche Classe von Män—
nern zu besitzen, welche durch die Tradition der Familie, durch das Beispiel der
Voreltern, durch den Geist der Erziehung zum Kriegshandwerk vorbereitet und
darauf angewiesen sind, welche militaͤrischen Ruhm und Glanz für das Höchste
halten und danach von Jugend auf trachten. Friedrich der Große, welcher ge⸗
wiß nicht durch Vorurtheile befangen war, sich in der Gesellschaft Voltaire's und
anderer französischen Literaten gefiel und sich bemühte in seinen Staaten Han⸗
del und Gewerbe zu heben, hielt viel auf den Adel und sah in demselben die
Seele und die zusammenhaltende Kraft seiner Armee, durch welche er Preußen
zum Range einer Großmacht erhob und heterogene Provinzen zu einem Staats⸗
ganzen vereinigte. Es ist naturgemäß, daß die Söhne industrieller Unterneh⸗
mer, Handelszöglinge, Jünglinge, welche in ihren Vätern berühmte Professo⸗
ren verehren, Solche, deren ganze Erziehung und Bildung auf Erwerbung
gelehrter Kenntnisse oder auf Civildienst zielt, Diejenigen, welche vom Kin—
desalter nichts als banausische Beschäftigung und Gelderwerb vor Augen
haben, jenem militärischen Sinne fremd sind, das Kriegshandwerk als ein
Uebel betrachten und an demselben nur unfreiwillig Theil nehmen. Wir wissen
wohl, daß auf beiden Seiten Ausnahmen stattfinden, daß der Sohn eines
Kriegshelden ein Feigling oder Cretin sein, der Sohn eines Philisters ein
lapferer Grenadier sein kann, würdig an der Seite eines Latour d'Auvergne
zu kämpfen, daß ein Advocat oder Handwerker ein ausgezeichneter Feldherr
werden kann gleich Massena oder Moreau. Aber solche Ausnahmen können bei
Entscheidung allgemeiner Verhältnisse nicht den Ausschlag geben.
Man hat seit 50 Jahren von demokratischer Seite häufig in Partheischrif—
ien und Kammerdebatten dem Adel die preußische Katastrophe von 1806 zum
Vorwurfe gemacht und die Tapferkeit des Volksheeres, der Freiwilligen und
der Landwehr als den Gegensatz dargestellt. Wir wollen das Schmachvolle der
Niederlage von Jena und der Capitulationen von —X