8. Die Monarchie.

179

preußischen Festungen nicht läugnen. Aber an der Katastrophe war nicht der
Adelstand Schuld, sondern die seit dem Baseler Frieden im preußischen Cabinet
herrschend gewordene Friedenspolitik, die Politik der freien Hand, welche den
zünstigen Moment vor der Schlacht von Austerlitz entschlüpfen ließ, und die
Unfähigkeit des altersschwachen Feldherrn; besonders aber darf das überlegene
Genie Napoleons und die Beschaffenheit des kriegsgeübten, sieggewohnten
französischen Heeres nicht vergefsen werden. Schwerlich würde es dem preußi—
schen Heere nach zehn Friedensjahren besser ergangen sein, wenn es in seinen
Reihen eine größere Zahl bürgerlicher Offiziere gehabt hätte. Aber mitten in
der Verwirrung, Verzweiflung, und sobald nur einigermaaßen die Trümmer
des Heeres sich wieder sammeln, eine Position fassen konnten, haben preußische
Militärs und Generale sich des alten preußischen Kriegsruhmes würdig bewie—
sen, und später ist auf den Feldern von Bauzen, Dennewitz, Leipzig und bis
auf den Montmartre die Scharte vollständig ausgewetzt worden. Was die
Tapferkeit der Recruten, der Freiwilligen, der Landwehr betrifft, so gereicht
dieselbe allerdings dem preußischen Volke zur Ehre. Vgl. Bd. J. S. 23.)
Hätte im Jahre 1806 die preußische Armee eine bessere Führung gehabt, wäre
der Ernst der Situation rechtzeitig kund gemacht und das Heer auf seine Prü—
ung vorbereitet worden, so hätten wohl die „Federbüsche“ unter Führung eines
Gneisenau, Blücher, Bülow ihre Schuldigkeit gethan. Allerdings sollten die
Bürgerlichen weder im preußischen Heere noch irgend einer deutschen Armee
vom Offiziersstande ausgeschlossen oder zurückgesetzt werden. Ob und in wie
weit eine solche Klage factisch begründet sein mag, können wir in Ermangelung
zuverlässiger statistischer Data nicht beurtheilen. Aber wir fragen: 1) ob nicht
die verhältnißmäßig geringe Zahl der bürgerlichen Offiziere zum Theil ihre
natürliche Erklärung darin findet, daß die Zahl der Nichtadlichen, welche von
früher Jugend sich zum Militärstande vorbereiten, die Militärschule besuchen,
als Cadetten und Fähndriche eintreten, mit Verzichtleistung auf andere mehr
zewinnbringende Berufsarten, ebenfalls klein ist? 2) ob es nicht psychologisch
iich rechtfertigt, wenn die Militärchefs den Söhnen von Kriegsgenossen, mit
denen sie Freud und Leid getheilt, welche ihr Blut auf dem Felde der Ehre
oergossen, bei der Concurrenz mit Unbekannten den Vorzug geben? 3) ob nicht
das Benehmen der jungen Offiziere gegen Bürgerliche oft durch die Aeußerun⸗
zen oder durch das reizende Betragen der Bürger provocirt werde, oder dem
iugendlichen Uebermuthe zuzuschreiben sei, welcher auf Universitäten bei Stu—
denten den burschikosen Ton erzeugt und sich unter Jünglingen aller Stände
zuf verschiedene Weisen kund gibt? 4) ob nicht in dem demokratischen Frank—
reich ein ähnliches Verhältniß stattfindet zwischen den Offizieren, welche in
Militärschulen erzogen werden und denjenigen, welche aus den Reihen der ge—
meinen Soldaten und der Unteroffiziere vorrücken (qui portent dans leur

15