188 Die formale Politik oder Verfassungslehre.

Erscheinungen ist nicht allein in gewissen Fehlern des Nationalcharakters zu
suchen (welche indeß mit guten und liebenswürdigen Eigenschaften verknüpft
sind), sondern zum Theil auch in der politischen Machtstellung, in der geogra⸗
phischen Lage und der durch diese Verhältnisse bedingten Nothwendigkeit eines
zahlreichen stehenden Heeres. Hiervon ausgehend ist man versucht zu denken,
daß der Schein-Constitutionalismus, wie ihn die restaurirten Bour⸗
bons und geschickter Louis Philipp übten, oder der Imperialismus mit
constitutionellen Decorationen das für Frankreich geeignete System
seien, um den auf Constitutionalismus gerichteten Forderungen einigermaa—
ßen zu genügen und anderseits revolutionäre und communistische Tendenzen
im Zaume zu halten und die Interessen des Staates dem Auslande gegenüber
dem müssigen und einsichtslosen Geschwätze parlamentarischer Rhetoren und
Rabulisten zu entziehen. Doch in unserem festen Glauben an den innern Kern
des französischen Volkes und an so viele treffliche Männer, welche aus seiner
Mitte hervorgehen, können wir diesem Pesstmismus nicht Raum geben, son⸗
dern halten dafür, daß nur eine falsche blendende aber innerlich hohle Theorie
des Constitutionalismus, verbunden mit einer absoluten Centralisation und
einer alle Autonomie und individuelle Selbstthätigkeit und freie Association un—
terdrückenden Bureaukratie Schuld an jenen Erscheinungen sei, und daß durch ent⸗
gegengesetzte Institutionen eine wahre Beschränkung des Absolutismus, soweit
sie im Interesse der öffentlichen Wohlfahrt liegt, sich auch in Frankreich orga—
nisiren lasse. Noch mehr ist der edle spanische Nationalcharakter constitutioneller
Freiheit würdig und fähig; die überspannten Theorieen, welche eine Reihe von
Umwälzungen erzeugten, sind die natürliche Reaction gegen den blutigen Ter⸗
rorismus einer Autokratie, welche sich durch Landesverrath, Undankbarkeit,
Unfähigkeit, Sittenlosigkeit verhaßt und verächtlich gemacht hatte, und finden
ihre Erklärung in dem excentrischen Wesen und in dem durch einen siebenjähri⸗—
gen Kampf für nationale Selbstständigkeit gesteigerten Hochgefühl. Diese
Ueberschreitungen werden sich allmählich läutern und schon jetzt scheint die große
Mehrzahl der Nation mit Erfolg auf der richtigen Bahn vorzuschreiten. Wir
glauben, es sollte dem republikanischen Sinne durch Local- und Provincial—
Institutionen ein Spielraum verschafft und der grandiose Sinn des Volkes auf
die großen Interessen einer kriegerischen Nation, welche zugleich Seemacht ist,
hingelenkt werden.
Am wenigsten erwarten wir von der constitutionellen Staatsform in Ita—
lien; die Thätigkeit derselben wäre wohl am besten auf dem Gebiete der Ad—
ministration zu beschäftigen; die Einheit Italiens ist nachtheilig in dieser Rich⸗
tung und in andern Beziehungen unmöglich.
Deutschland ist wohl nebst England der eigentlich geeignete Boden für
constitutionelle Monarchie (ständische Verfassung), wie sie in Deutschland