282 Die formale Politik oder Verfassungslehre.

der Versammlung mitzutheilen, während die Tribune auf eitle, leidenschaftliche,
anmaaßende Menschen eine anziehende Kraft ausübt. Sie ist dem Charakter
eines Volkes angemessen, welches das Theatralische liebt und dem rhetorischen
Flitter günstiger als einer gründlichen Discussion. In aufgeregten Zeiten, bei
heftigem Partheigeiste wird oft um den Besitz der Tribune gekämpft, indem
man mißliebige Redner zu verdrängen oder für sich die Tribune zu erstürmen
sucht, was zu Tumult und Terrorismus führt). Das englische Parlament
hat bekanntlich keine Rednerbühne, was freilich Sache des Herkommens ist,
aber auch dem Nationalcharakter entspricht; übrigens ist sie dort nicht noth—
wendig, da gewöhnlich die Zahl der Anwesenden klein ist. Vgl. Bentham,
Tact. Chap. 31.)
Eine weitere Frage ist, ob den Mitgliedern bestimmte Sitze
nach dem Loos oder nach Priorität der Anmeldung angewiesen
bleiben oder frei gestellt werden soll, dieselben nach Belieben
zu wählen. Dies hängt mit der Frage zusammen, ob jeder nach der Reihen⸗
folge das Wort erhalten soll oder das freie Wortbegehren stattfindet.
Es ist bekannt, daß in England die Mitglieder der ministeriellen Parthei auf
der rechten Seite des Sprechers, diejenigen der Opposition auf der linken sich
zusammenschaaren. Dasselbe wurde befolgt in den französischen Nationalver—
sammlungen und zeigte die Schreckensherrschaft der Montagne. Allein dieser
revolutionäre Terrorismus kann nicht als die Folge der freien Wahl der Plätze
betrachtet werden; in England hat dieselbe keine solche Folgen und nach der
Restauration, wie unter Louis Philipp, geschah es auch nicht. Vielmehr grup⸗
pirten diese Chambres fich ganz nett als Centre droit, centre gaucho, la
droite, la gauche, FPextrème dre. et 8. Sehr gut zeigt Bentham (Chap.
17. u. 31) die Vortheile der freien Zusammenschaarung und des freien Wort⸗
begehrens und das Widersinnige der entgegengesetzten Methode. Wenn nach
einer bestimmten Reihenfolge die Umfrage gehalten wird, so hat der Erste die
Möglichkeit durch seinen Vortrag auf die ganze Versammlung einzuwirken; der
Letzte aber, wenn er auch der Einsichtigste, Sachkundigste und ein talentvoller
Redner wäre, kann auf seine Vorgänger keinen Einfluß üben. Wenn auch die
Discusston und die Abstimmung getrennt wird, so ist psychologisch schwerlich
zu erwarten, daß die ersten Votanten bei der Abstimmung ihre geäußerten An—
sichten aufgeben werden. Daher werden Diejenigen, an welche die Reihe des
Sprechens zuletzt kommt, sich kaum entschließen ohne Aussicht auf Erfolg das
Wort zu ergreifen. Dagegen ist das freie Wortbegehren in Verbindung mit der

Die Rednerbuͤhne ist am Platze in Volksversammlungen, wenn man die Massen auf⸗
egen will, oder bei gewissen Volksfesten, wo Uebertreibung und Maulheldenthum sich breit
machen und wo dieselb, passender die Form eines umgestürzten Fasses als einer Kanzel erhielte.