390 Die formale Politik oder Verfassungslehre.
Anarchie, die Gefahr einer neuen Schreckensherrschaft der Massen, der Spolia⸗
tion der Besttzenden und die Beweise der Unfähigkeit der legislativen Ver—
sammlungen, bei den unwissenden Bauern die traditionelle Verehrung des
siegreichen Feldherrn. Wie in dem alten Rom, so ist auch in Frankreich der
Imperialismus eine Usurpation, und darin liegt die Nothwendigkeit derjenigen
Regierungsweise, welche die Nation erniedrigt und die Ruhe und Freiheit der
andern Staaten bedroht. Dies gründet sich nicht auf die unbedingte Heilig—
achtung der auf Erbrecht beruhenden Legitimität. Eine Regierung, welche durch
den wahren und freien Willen einer Nation zur Gewalt gelangt ist, ist keine
Usurpation. Der Prinz von Oranien, welchen die vereinigten Niederlande als
Oberhaupt des Staates erkoren, um sich gegen die Inquisition und die Henker
Philipp's lII. zu vertheidigen, war kein Usurpator; ebenso wenig Wilhelm IIl.,
welchen die englische Nation auf den Thron rief, als Jakob II. sich desselben
unwürdig gemacht und alle Gemüther gegen sich empört hatte. Ein Usurpator
ist Derjenige, welcher die Gewalt an sich reißt ohne die freie Zustimmung des
Volkes, oder welcher im rechtmäßigen Besitze einer beschränkten Gewalt die
verfassungsmäßigen Schranken vernichtet. Es ist zuweilen schwer zu entscheiden
ob der zustimmende Wille vorhanden ist oder nicht. Wenn eine Nation gezwun⸗
gen ist eine Zustimmung auszusprechen, die nicht in ihrem Willen liegt, so hat
sie das Bewußtsein, daß diese Zustimmung nicht aufrichtig ist; und wenn ein
Mann eine Nation nöthigt eine Zustimmung auszudrücken, welche ihrem Wil—
len fremd ist, so macht er sich keine Illusion hinsichtlich der Aufrichtigkeit einer
Demonstration, welche er befohlen hat. Ein Volk weiß es daher, wenn der
Chef des Staates ein Usurpator ist und der Chef hat das Bewußtsein seiner
Usurpation. Dieses Bewußtsein bestimmt mit Nothwendigkeit den Charakter
seiner Regierungsweise und seiner Politik. Napoleon, welcher eine eminente
Intelligenz besaß, aber ohne sittliches Gefühl war, täuschte sich, indem er die
Abspannung eines durch die Revolution decimirten Volkes und die Sehnsucht
nach Wiederherstellung der gesellschaftlichen Ordnung für sclavische Gesinnung
hielt und nach der Schlechtigkeit seiner Werkzeuge und seiner Schmeichler das
zanze Volk beurtheilte. Da die Usurpation ein Leichtes war, so hielt er sie für
dauerhaft. Sie ist aber in unserer Zeit nur möglich, wenn im Innern alles
geistige Leben erstickt wird; daher mußte die Freiheit öffentlicher Berathung
ausgeschlossen, die Preßfreiheit unterdrückt werden. Aber da die Nation über
diese Grabesstille sich hätte entsetzen können, so mußten bezahlte Acclamationen
und erkaufte Lobpreisungen serviler Schriftsteller den Klang der öffentlichen
Meinung ersetzen. Seit 1789 hatte das französische Volk gerungen, die Frei—
heit durch constitutionelle Formen zu begründen; mit der Fahne der Republik
hatte man die Blüthe der Bevölkerung auf das Schlachtfeld geführt und mit
den Schlagwörtern Freiheit und Gleichheit den Enthusiasmus der