8. Die Monarchie. 301

republikanischen Heere entzundet. Daher mußten republikanische Formen bei⸗
behalten aber so eingerichtet werden, daß sie der Willkür keine Schranken setz⸗
ten. Die Sanction seiner Herrschaft durch ein Plebiscit benutzte er, um seine
Person als die Verkörperung des Volkswillens für unbeschränkt und unverant—
wortlich zu erklären. Wäre Frankreich in Frieden geblieben, so hätten die
Bürger das Walten des Despoten beobachtet, sich ihre Ansichten mitgetheilt;
die Wahrheit hätte sich in allen Classen verbreitet und die Usurpation hätte
nicht vermocht sich lange gegen diese Eindrücke zu behaupten. Daher mußte
die Aufmerksamkeit der Nation durch kriegerische Unternehmungen beschäftigt
und abgelenkt, die kraftvollsten Elemente des Volkes auf entfernte Schlachtfel⸗
der geschleppt und hingeopfert werden; der Krieg gab den Vorwand zu den
Gewaltthätigkeiten der Polizei im Innern; die Plünderung unterjochter Völ⸗
ker, die Aussaugung der eroberten Länder gab das Mittel die Anführer der
Armeen zu bereichern und durch das Interesse an das Oberhaupt zu ketten.
Die Waffenmacht erfüllte die Bürger mit Schrecken und wiegte ste in der Hoff⸗
nung, daß der Usurpator auf den Schlachtfeldern seinen Untergang finden
könne. Hätte Napoleon eine friedliche Politik befolgt, so hätte der Verkehr mit
den andern Nationen und der Austausch der Ideen dem französischen Volke die
Augen geöffnet. Die Wahrheit, welche in Frankreich in der geknebelten und
bezahlten Presse kein Organ hatte, wäre in den Druckschriften des Auslandes
eingedrungen, trotz aller Fahndung eingeschmuggelt und um so begieriger auf—
genommen worden. Der Nimbus, womit der Usurpator sich umgab, wäre
durch das Urtheil Europa's zerstört worden. Napoleon fühlte dieses so gut,
daß er mit England brach wegen der freien Sprache englischer Journale. Aber
dieses genügte nicht so lange es auf dem Continente eine freie Nation gab.
Deswegen mußte das Continentalsystem als allgemeine Sperre gegen das
freiheitliche Inselland benutzt und die Militärherrschaft des Kaisers nach allen
Seiten ausgedehnt werden“).
In dieser objectiven Nothwendigkeit lag der Keim zur Gründung einer
Universalmonarchie, welche Napoleon immer kühner und unverholener anstrebte,
in dem Maaße, als glückliche Erfolge ihn mit schwindelhaftem Ehrgeize ver⸗
blendeten und seine längst gehegte Menschenverachtung sich zur Verachtung
ganzer Nationen steigerte. Subjectiv war sein individueller Charakter dazu
prädestinirt, ein Starrstnn und ein Uebermuth, welcher von Fuͤrsten wie von
seinen Umgebungen keinen Widerspruch duldete. Endlich wähnte er als Grün⸗

») Thiers, Hist. du Consusat et de l Empirest. XII. p. 30: »Si l'on absout l'usurpalion
 du pouvoir pour n'en blàmer que l'usage, n'oublie-t-on pas que dons cette ma⸗-nière
 violente de le prendre, est en germe la moanière violente de l'exercer t. XVIII:
»triste sort de notre pays livré à tous les vents de la révolution d'avoir dependu
tantot de la folie d'un homme et tantôt de la maladresse d'un parti«