346 Die formale Politik oder Verfafsungslehre.
stischer Verehrer dieser Staatsform, Struve Grundzüge der Staatswissen⸗
schaft 11. Bd. III. Cap. 11. u. 12. Abschn. durchweg, besonders S. 188 ff.
S. 206 ff.). Wir führen einige Stellen an, welche zu beherzigen sind. „So
viele Männer unserer Tage, welche sich liberal und radical nennen und die
stärksten Reden für die Freiheit halten, sind Tabakraucher, Fresser und Säufer,
sie führen keinen reinen Lebenswandel, machen Schulden. Diese Leute können
wohl Reden halten; allein sie können unmöglich durch die That die Sache der
Freiheit nachdrücklich fördern. Wenn allen diesen Menschen die Freiheit vom
Himmel fiele, in wenigen Monaten wären sie wieder Knechte. — Die Demo—
kratie kann nicht bestehen ohne Sittenreiunheit. Wo die Verführer der Frauen
sich ihrer Verbrechen, als wären es Großthaten, ungestraft rühmen, wo das
Gesetz den Verführer nicht straft, da fehlt noch viel von dem demokratischen
Geiste. Die Völlerei wird in der Demokratie als Laster bestraft. Der Säufer
und Fresser kann kein guter Staats und Gemeindebürger und kein tüchtiges
Familienmitglied sein. Nüchternheit ist daher die erste Voraussetzung der Möͤg⸗
lichkeit der Demokratie. Säufer und Fresser verdienen unter der Zuchtruthe von
Tyrannen zu stehen.“ — Diese Sittenpredigt werden manche Hochgestellte in
gewissen Demokratieen als Capuzinade verlachen. Uebrigens scheint Struve
selbst diese Bedingungen der wahren Demokratie, in andern Abschnitten sei⸗
ner Grundzüge vergessen zu haben, wo er Rathschläge ertheilt, wie die monar—
chischen Staaten durch Unterwühlung, Arglist, Umsturz demokratisirt werden
können, indem er Marximen ausspricht und Mittel bezeichnet, welche eines
Macchiavell oder Escobar würdig sind und von manchen Koryphäen des Fort⸗
chrittes besser befolat werden als Struve's Sittenpredigt.
Wahr ist, daß die Geschichte der Republiken aus älterer uud neuerer Zeit
erhebende Züge darbietet, welche geeignet sind den Glauben an die Würde der
Menschheit zu kräftigen. Simondeé Sismondil. o. t. Il. p. 112 f. »Le parti,
qu'ils prenaient de lui déclarer la guerre aurait été insensé s'il n'avait éeté
généreux. — Aveo de pareils sentimens, avec une pareille consstance l'enthousiasme
 se trausmet au loin, la génération naissante venge celle qui
suocomhbe; les despotes s'epuisent à sorce de vaincre eb sur les ruines des
villes libres s'éleye de nouveau l'étendard de la liherté.« — Aber die heut⸗
zutage sich als ausschließliche Republikaner betrachtenden Demokraten, welche
über alle Aristokratieen den Stab brechen, mögen uns sagen, ob es Republiken
nach ihren Forderungen absoluter Gleichheit, allgemeinen Stimmrechtes, abso⸗
luter Volksherrschaft waren, welche die Tafeln der Geschichte mit solchen Thaten
zierten, oder ob nicht die von ihnen verurtheilten Aristokratieen es waren, welche
die meisten Züge dieser Art aufweifen. Sismondi I. e. t. II. p. 11tf. L'hi
stoire ne présente aucun Bouvernement, qui plus que les aristocraties hien
constituées, ait donné de hautes preuves d'un courage que rien n'éhranloe.