9. Die Republiken. 353
éclaire) Aristokratie und Demokratie gleichmäßig möglich (2) weil die
Förderung des Erwerbes zur Förderung der Freiheit wird. Unsere Gegen—
wartist nichts anderes als das letzte Stadium dieses Kampfes.
Wir theilen die Hoffnungen dieses Staatsphilosophen nicht. Eine Har—
monie möchten wir in einer durch Gefahr und H aß aufgenöthigten Con⸗
cession der Besitzenden nicht anerkennen, da das Streben diese Concession auf
Nichts zu reduciren und das Mißtrauen der andern zahlreichen Classe eine auf⸗
richtige, dauernde Versöhnung ausschließt. Die unaustilgbaren mensch—
lichen Leidenschaften (B. VII. &amp; 6.) superbia, irs, luxuria, werden die Ein⸗
sicht nicht reifen, wenigstens nicht fortwirken lassen, sobald der allfällige Ein—
druck gemachter Erfahrungen verwischt ist. Die ganze Geschichte zeugt leider
dafür, daß die Erfahrungen früherer Zeiten später nicht benutzt werden. Auf
der andern Seite zweifeln wir daran, daß die Nichtbesitzenden, wenn sie durch
zufaͤllige Ereignisse momentan zur Gewalt gelangen, oder durch Hungersnoth,
Verdienstlosigkeit u. s. w. aufgestachelt sind, sich so wohlfeilen Kaufes wie
Stein annimmt, werden abfinden lassen.
Auch macht sich das Bedürfniß der politischen Freiheit bei den arbeitenden
Classen wenigstens zeitweise geltend: und dieses wird nicht durch die Möglich—
keit etwelcher Capitalerwerbung, sondern nur durch etwelche Theilnahme an der
Staatsverfassung und etwelche Einwirkung auf die Verwaltung d. h. durch po—
litische Rechte wenigstens Petitions- und Beschwerderecht, Schwurgerichte
u. s. w.) befriedigt. Die rei ne Demokratie, wie Stein sie definirt hat, wird
durch die von ihm angedeutete Transaction jedenfalls nicht verwirklicht. Die
in Wirklichkeit bestehenden oder zu schaffenden Republiken Demokratieen)
können nur durch die Einwirkung anderer und höherer Motive als die In—
teressen der industriellen Gesellschaft dem Ideale genähert, die Uebelstände
gemindert werden, durch Pflichtgefühl, Rechtssinn, Achtung vor dem Ge⸗
setze, Patriotismus, kirchliche Einwirkung, Religiosität. Zum Glücke wirken
diese Motive, hier mehr, dort weniger. Allerdings aber darf der Gegensatz der
Interessen der besitzenden und der nichtbesitzenden Classe wohl beachtet werden
und Stein hätte den wohlthätigen Einfluß eines zahlreichen Mittelstan—
des, auf welchen Aristoteles Gewicht legt, berücksichtigen sollen.

Z5. Die Demokratie nach den Vorschlägen des spanischen Publicisten Vernal.

Théorie de 'Autorité appliquée aux nations modernes par C. Bermal,
 traduit et annotée par Egmont Vachin. Paris 1861. 2. vol.
Dieser spanische Staatsphilosoph verficht in zwei dickleibigen Bänden die
Lehre von der unveräußerlichen Volkssouveränität. Jede ronstituirte Staatsge⸗
walt, nicht identisch mit dem gesammten Volke, welche kraft eigenen Rechtes
Escher, Handb. d. prakt. Politik. II.