360 Die formale Politik oder Verfassungslehre.
gezeigt, welche gegen die Charakterlosigkeit der meisten französischen Revolutio—
näre contrastirt. Allerdings zeigte sich während des siebenjährigen Kampfes
vielfach Mangel an planmäßiger Leitung und vielleicht wäre es unmöglich ge—
wesen ohne die Hülfe der englischen Armee und Wellington's Feldherrntalent
den Kampf gegen die numerische und strategische Ueberlegenheit der Napoleoni—
schen Heere so lange fortzusetzen Rapier, Histoire de la guerre de la Peéninsule).
 Aber die durch nichts entmuthigte, stets und überall sich erneuernde
Thätigkeit der Guerilla's, die das ganze Volk und alle Classen desselben durch—
dringende Gesinnung, der durch keine Schreckensmaaßregeln gedämpfte Natio—
nalhaß gegen die fremden Unterdrücker, wofür Stanislas Girardin in seinen
Mémoires vollgültiges Zeugniß gibt, sprechen laut für die heldenmüthige Hin⸗
gebung der Nation. Seither haben die Bestrebungen eine wahrhaft freiheitliche
Verfassung zu gründen sich stets erneuert und immer flackert der reine Republi—
kanismus wieder auf. Mehrere Umstände scheinen die Möglichkeit der Republik
zu unterstützen. Die natürlichen Grenzen Spaniens — von drei Seiten das
Meer und gegen Norden die Pyrenäen — und die innere Beschaffenheit des
Landes erleichtern die Vertheidigung des Landes gegen auswärtige Feinde, so
daß eine geringere Zahl stehender Truppen mit einer Miliz als Reserve genü—
gen kann. Die Einwohner waren nicht, wie in Frankreich und Deutschland
durch einen kastenmäßigen Unterschied zwischen Privilegirten und Hörigen oder
Leibeigenen Seigneurs et Vilains) getrennt. Durch die pomphaften Titel der
Granden wurde die Rechtsgleichheit der Spanier nicht aufgehoben Bernal,
Théorie de l'autorité tome II. Cap. VIIIX). In Catalonien hatte schon frü—
her die Idee der Republik wiederholt sich kräftig geregt. Aber ungeachtet Alles
dessen halten wir die nachhaltige Verwirklichung derselben in Spanien für die
nächste Zukunft nicht für wahrscheinlich. Abgesehen davon, daß das Interesse
des in benachbarten Staaten waltenden despotischen oder monarchischen Regi⸗
ments einer spanischen Republik die Gefahr, erneuerter Einmischung drohen
würde, stehen derselben nach unserer Ansicht folgende Gründe entgegen. Un—
geachtet der großen provinciellen Verschiedenheit des Bodens und der Bewoh—
ner, ist Spanien durch seine natürlichen Grenzen zu einer politischen Gesammt—
heit prädestinirt und durch die Geschichte von drei Jahrhunderten als solche er—
zogen; und wenn auch die Beschaffenheit dieser Grenzen die Vertheidigung gegen
außere Feinde erleichtert, so kann das Land mit andern Staaten aus verschiedenen
Ursachen, namentlich auch als ein zum Seehandel und zur Concurrenz mit andern
Handelsstaaten berufenes in Conflict gerathen. Diese Momente scheinen die
Nothwendigkeit einer energischen einheitlichen Leitung, welche die Monarchie
berheißt, zu bedingen. Doch ist das monarchische Princip, die Achtung vor der
Legitimität und die Ehrfurcht vor dem Thron schon seit 40 Jahren durch Strei⸗
tigkeiten über die Suckesston und die verächtliche Personification der Monarchie