382 Die formale Politik oder Verfassungslehre.
zu heben, und die ehemaligen Klosterschulen, welche seit der Reformation den
theologischen Studien gewidmet waren, als Gymnasien für allgemeine humanisti⸗
sche Bildung und Industrieschulen zu entwickeln. In Zürich wurde der Stiftsfond
des Carolinum zur Dotation einer Universität benutzt. Dieser pädagogischen
und wissenschaftlichen Bethätigung, welche die Emancipation der Schule von
der Kirche in ihr Programm aufnahm, waren begreiflich die Orthodoxen und die
herrschsüchtigen Geistlichen unter den Protestanten nicht hold. Diese Abnei—
gung wurde verstärkt durch Selbstüberschätzung der Schullehrer und Pädago—
gen, durch einseitige, nur den Verstand in Anspruch nehmende Richtung des
Schulunterrichtes, Uebermuth des Rationalismus, welcher nicht selten in baa—
ren Materialismus umschlug und mit dem Zeitgeiste der industriellen Classen
wahlverwandt war. Nach kurzer Zeit verlor diese Volksschule und ihre Priester
auch bei dem demokratischen Volke einen großen Theil ihres Ansehens, da zumal
die Erfahrung zeigte, daß ihre Leistungen sehr hinter den Verheißungen zurück—
blieben. Aber die einflußreichsten und hartnäckigsten Gegner fand das neue
Unterrichtswesen an dem katholischen Clerus, welcher den Autoritätsglauben
seiner Kirche, die geistliche Hierarchie und Gerichtsbarkeit und seinen Einfluß
auf die Laien und die Erziehung durch die allgemeine Verbreitung der Schul⸗
kenntnisse und durch den unkirchlichen Geist der neuen demokratischen Institu—
tionen bedroht hielt: Die Anstrengungen der clericalen Parthei wurden von der
Curie und der absolutistischen Diplomatie unterstützt und concentrirten sich in
dem Kampfe um die Existenz oder Säcularisation der Klöster, aus welchem sich
bekanntlich die Freischaarenzüge und der Sonderbundskrieg, dessen Geschichte
nicht hieher gehört, entspannen, dessen Folgen zum Umsturze des alten Bundes
und zur Stiftung des Bundesvertrages führten. Bei jenem Kampfe waren
neben den streitenden Interessen des Ultramontanismus und der Aufklärungs—
Propaganda wichtige materielle Interessen betheiligt, die Verfügung über die
Besitzungen der Klöster, welche die Prälaten und Mönche, die Kantone
und die Familien, welche die Klöster als Versorgungsanstalten benutzt hatten,
und Viele welche irgendwie aus der bisherigen Klosterverwaltung Vortheile
zogen, auf der anderen Seite Manche, welche die Säcularisation als Mittel zu
Gründung weltlicher Anstalten betrachteten oder unter dem Deckmantel des Libe—
ralismus auf persönliche Vortheile speculirten. Es ist bekannt, daß die Säcu—
larisation durchgesetzt wurde. Aber auch feither wird der Kampf zwischen der
katholischen Kirche und der emancipirten Schule mit gesetzlichen Mitteln, aber
hie und da nicht ohne Erbitterung fortgesetzt, besonders in paritätischen Kanto⸗
nen, wo bei den eifrigen Katholiken die Besorgniß herrscht, daß man die Ju—⸗
gend ihrem Glauben entfremden wolle. Faßt man Alles zusammen, so ergibt
sich im Ganzen als Resultat ein großer Fortschritt der Volksbildung, welcher —
abgesehen von einzelnen Schiefheiten, Flecken und Mißbräuchen — der Sitt—