398 Die formale Politik oder Verfassungslehre.
schichtlichen Entwickelung, alten Volkssitten und besondern Eigenschaften der
Bevölkerung und des Landes beruht, ohne welche die Nachahmung ihres Mi—
lizsystems in andern Ländern erfolglos bleiben würde. Ferne von uns die
arrogante und lächerliche Einbildung als ob das Prädicat militärischer Tüchtig⸗
keit und Tapferkeit dem Schweizervolke ausschließlich oder vorzugsweise zukäme.
Die Annalen der ältern und neuern Kriegsgeschichte zeigen, daß Russen, Po—
len, Süd- und Nord-Deutsche, Scandinavier, Belgier, Franzosen, Spanier,
Piemontesen, Magyaren, Slaven vielfache Beweise ihrer Tapferkeit in ver—
schiedener Weise, je nach der Nationalität, gegeben haben. Der Verfasser die—
ses Handbuches würde dies con amore ausführen, wenn hier der Ort und
Raum dazu wäre: die einzige Bemerkung erlaubt er sich, daß die Erfolge der
französischen Waffen in neuern Zeiten neben dem Ungestüm beim Angriff (ku—
rore francese) und der Agilität und Intelligenz der Soldaten, größtentheils
der numerischen Ueberlegenheit, der rücksichtlosen Aufopferung von Menschen—
leben, der Kopflosigkeit und Uneinigkeit der Gegner, und dem Verrathe zuzu—⸗
schreiben sind, und daß Napoleon seine Siege großentheils den Truppen seiner
Vasallen verdankte, welche aber dafür wenig Anerkennung fanden. Mit Ent—
schiedenheit dürfen wir behaupten, daß bei dem Schweizervolke sich die physi—
schen und die moralischen Bedingungen vereinigen, auf welchen die Tapferkeit
beruht. Man wird nicht bestreiten, daß die Alpenluft, die Lebensweise der Be—
wohner der gebirgigen Schweiz, die anstrengende Thätigkeit unserer Landar—
beiter, der Consum der ganzen Bevölkerung an Fleisch, Käͤse, Cerealien und
Wein einen kräftigen Schlag Menschen erzeugt, welcher in vielen Gegenden
sich durch hohe Statur und starken Knochenbau kennzeichnet. In moralischer
Hinsicht belebt den Schweizer das Bewußtsein, daß er für seine eigene Sache,
für Herd, Weib und Kinder kämpft, die Anhänglichkeit an die engere Heimath,
wo er schon unter den aristokratischen Regierungen werthvolle Garantieen und
Freiheiten besaß. Durchschnittlich und in der Verbrüderung der deutschen und
der romanischen Bevölkerung zeigt das Schweizervolk in militärischer Hinficht
einen Charakter, welcher die Mitte hält zwischen unzuverlässtgem Ungestüm und
schwerfälliger Standhaftigkeit; bei den Einzelnen ist die Intelligenz durch die
socialen Zustände und den Volksunterricht entwickelt. Mit diesen Eigenschaften
der Einwohner verbindet sich die Beschaffenheit des Landes und das auch in den
flächern Gegenden sehr coupirte Terrain, welches die Vertheidigung erleichtert,
von Distanz zu Distanz vortheilhafte Stellungen darbietet und einem zahlreichen
feindlichen Heere und Train das Vordringen durch die schmalen Berg- und
Flußthaͤler erschwert.
Dann aber müssen wir großes Gewicht legen auf die geschichtliche Ent⸗
wickelung des schweizerischen Militärgeistes. Es ist bekannt, daß die Schwei—
zer, nachdem sie am Morgarten, zu Sempach, Nafels, bei Laupen, die gepan—