124 Die formale Politik oder Verfaffungslehre.
Ueberfluß an Ländereien eine ähnliche Entwickelung möglich, insoweit als die
physikalische Beschaffenheit des Landes die erforderliche Productivität besitzt und
eine Reform der socialen Verhältnisse und der Administration es geftattete.
Roscher (Colonieen u. s. w.) schildert II. Abtheil. 3. Capitel das Fortschreiten
der Anstedelungen und der Population nach dem Innern westwärts). „Im Al⸗
xerthum, bemerkt er (I. Abtheil. 5. Cap.) zeichneten sich die Colonieen — we—
gen ihres Wohlstandes — vor den Mutterstädten durch geistige Bedeutsamkeit
aus. Zwar in eigentlichen Handelscolonieen und Pflanzungscolonieen wird
Literatur und Wissenschaft nicht aufkommen. Die mechanischen Wissenschaf—
ten haben nirgends raschern Erfolg gehabt als in den V. St., weil Maschinen
die theuren Arbeitskräfte ersetzen und die Naturkräfte dienstbar machen Wasser,
Dampf, Mühlen, Sägen u. s. w.). Die Colonisten pflegen sich durch die Gabe
der Erfindsamkeit auszuzeichnen: da sie die Bedürfnisse und Kenntnisse, aber
nicht alle Mittel des Mutterlandes zu Befriedigung derselben mitbringen, so
suchen sie sich zu helfen. Da die Arbeitstheilung wegen Isolirung der Fami—
lien nicht in gleichem Maaße stattfindet, wie im Mutterlande, so wird das In—
dividuum wieder selbstständiger. Jede Haushaltung muß sich großentheils selbst
genügen und geht mit Leichtigkeit von einem Berufe zum andern über. Daher
eignen sich nur solche Volker zum Colonistren, welche schon zu Hause nicht an
Bevormundung gewöhnt sind. — Eine der allgemeinsten Eigenthümlichkeiten
des Coloniallebens ist die rastlose Thätigkeit, Heimathlosigkeit, welche die neue
Heimath aus Speculation leicht wieder verläßt, um abermals eine andere zu
roden, der Wettlauf, um in noch unbebauten Gegenden das Land erster Quali⸗
tät vorweg zu nehmen. — Die Gemüthlichkeit mit ihren Schwächen und ihren
Tugenden ist in Colonieen selten zu Hause. Die Colonisten entbehren der alten
Traditionen, der Familienbande: sie betrachten das Land nur als Werkzeug der
Bereicherung, einen Wasserfall als eine Kraft zu Betreibung von Maschinen.
In den V. St. wird die Nationalität erstickt durch die Voölkervermischung: diese
erzeugt Vielseitigkeit und Geriebenheit, Freiheit von nationalen Vorurtheilen,
aber auch Gemüthlosigkeit, eine Bildung, wie man sie bei Handelsreisenden,
Gastwirthen, Conducteuren findet. Vorherrschend ist daher das Geldmachen,
der sinnliche Genuß. — Die Colonieen beginnen ihre Staatseinrichtungen mit
einem Schematismus, von einförmiger, mathematischer Regelmäßigkeit. In
alten Ländern ist die Mehrzahl der Ortsnamen volksmäßig, unvordenklich, in
Colonieen willkürlich gewählt (gleichsam wie Nummern).“*)
Dieser treffenden Charakteristik, welche den Geist der nordamerikanischen
Demobkratie zeichnet, müssen wir doch so weit eine Berichtigung beifügen, als
sie den Colonisten den Sinn für höhere Wissenschaft bestreitet. Allervorderst

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*) Val. das bereits eitirte Werk Pfist er's, welcher freilich weniger objectiv ist als Rosche r