9. Die Republiken.
mit dem wiederholten Blutvergießen: dieses erklärt sich aus der individuellen
Kühnheit, der Partheiwuth, der Wuth, die sich im Kampfe erhitzt, den zerstö—
renden Mitteln der Artillerie, der Verzweifelung bedrängter Massen, der Ver—
folgung eines fliehenden Feindes. Aber Beweise höherer Strategie werden
oermißt, ein wohlberechneter Plan kommt nirgends zum Vorschein und einzelne
kühne Versuche schlagen gewöhnlich um in zwecklose Märsche und Contremärsche.
Es ist aus der Geschichte bekannt, daß Washington, welchen wir als Patrioten,
als Staatsmann, Feldherrn und Menschen hoch verehren, beständig mit diesen
Schwierigkeiten zu ringen hatte, und bei allen seinen Einsichten und dem Bei⸗
sand einiger tüchtiger Mitstreiter würden die Colonieen sich kaum in der er⸗
llärten Unabhängigkeit behauptet haben, wenn ihnen nicht französische Unter⸗
tützung und die physischen Hindernisse, welche der Ocean den englischen An—
drengungen entgegensetzte und die Unfähigkeit der englischen Befehlshaber zu
Hülfe gekommen wäre; so konnte der Feind mit kleinen Armeecorps wohl ein⸗
zelne Küstengegenden verwüsten, aber nicht in das Innere der weiten Regionen
eindringen. Es ist bekannt, daß die Eifersucht der amerikanischen Demokratie
nicht gestattete, daß eine Zahl stehender Truppen von beträchtlicher Stärke ge⸗
halten werden dürfe, sondern bloß einwilligte, eine kleine stehende Armee zu
werben, welche die Bestimmung hatte, in kleinen Abtheilungen einzelne entle⸗
gene Grenzpunkte, welche eine beständige Bewachung erheischten, zu besetzen
und meist aus Fremden recrutirt wurden; wie in England der gemeine Soldat
heim Volke wenig geachtet ist, so wird auch von den Jankees der geworbene
Soldat, von dem er überhaupt wenig zu sehen bekommt, gering geschätzt und
treibt die meiste Zeit Nebengeschäfte, um seinen Sold zu verbessern. Bei alle
dem aber ist nicht daran zu denken, daß die V. St. oder ein bedeutender Theil
des Unionsgebietes die Beute eines auswärtigen Eroberers oder der fremden
Unterjochung werden könne. Dieses ist eine phystsche und moralische Unmög—
ichkeit; die immensen Ausdehnungen des Gesammtgebietes der V. St., die
Beschaffenheit des Landes besonders in den westlichen Gegenden würden zum
Zwecke ausdauernder Occupation und Beherrschung Heere und materielle Kriegs⸗
mittel erheischen, welche in keinem Verhältnisse zu den gesuchten Resultaten stün⸗
den und nachhaltig nicht ergänzt und beschafft werden könnten; der unbezähmte
Sinn demokratischer Freiheit, die natürliche Kräftigkeit der Bevölkerungen, ihre
Terrainkenntniß würde die Wehrkraft der zunächst angegriffenen Colonieen,
wenn sie zur Vertheidigung des eigenen Heerdes massenhaft sich erhöbe, in den
Stand sehen, auch ansehnliche Heere zu bekämpfen und es ist nicht zu gedenken,
daß irgend eine europäische Regierung sich in ein solches Unternehmen einlassen
würde, gesetzt auch, es würden Veranlassungen eintreten, wie schon vorgekom⸗
men ist, die Anerkennung gewisser Anforderungen oder Zumuthungen durch
borübergehende Occuvation oder Verwüstung einzelner Punkte zu erzwingen.
30*

467