468 Die formale Politik oder Verfafsungslehre.

Weit näher liegt für die V. St. die Gefahr, daß — vielleicht unter listiger
Mitwirkung auswärtiger Regierungen — die Trennung der Union noch weiter—
gehende Zerbröckelung und innere Staatsumwälzungen, an deren Möglichkeit
man bisher nicht geglaubt hätte, zur Folge haben und den enthusiastischen Lob⸗
rednern der Union ein grelles Dementi geben möchte. Wir werden im X. Buche
oerstäͤndlicher und einläßlicher diesen Punkt besprechen.
Dagegen scheint hier die passende Stelle, um die schon oben kurz erwähnte
Schrift Pfister's etwas ausführlicher zu besprechen.
Der nordamerikanische Unabhängigkeitskrieg als Beitrag
zur Heeresgeschichte deutscher Truppen von Ferdinand Pfister, kurhess. Ma—
jor a. D. 1. Bd. Kassel 1864. Dieses Buch kann in gewisser Hinsicht als ein
seltsamer Anachronismus betrachtet werden, insofern der Verfasser sich die Auf⸗
gabe gesetzt hat, jetzt nach 30 Jahren gegen die Rechtmäßigkeit und die Motive
der Unabhängigkeitserklärung mit einer fast an Leidenschaftlichkeit grenzenden
Bitterkeit einen publicistischen Feldzug zu eröffnen, indem er vom Standpunkte
des stricten positiven Staatsrechtes und blind gegen natürliche Verhältnisse
alles hervorhebt, was die steifsten und heftigsten Anwälte der englischen Suze—
ränität dagegen einwendeten. Trotzdem verdient die Schrift nicht nur das Lob
einer blühenden schwungreichen Sprache und Darstellung, sondern genialer
Blicke von dem Standpunkte der höchsten menschlichen Interessen, und einer
kühnen Selbstständigkeit der Beurtheilung. Er unterwirft den Köhlerglauben
an die alleinseligmachende nordamerikanische Staatsweisheit und Verfassung
und die banalen Lobhudeleien ihrer Bewunderer einer schonungslosen und inci—
siven Kritik und zermalmt manche derselben mit herculischer Keule; doch geht
er in seiner excentrischen Bitterkeit oft zu weit, indem er auch Männer, wie
Franklin, Burke, Erskine mit einer Einseitigkeit behandelt, welche diese durch
zufällige Gelegenheitsreden oder Einfälle nicht verdienen. Die Hauptidee aber,
welche wir hervorheben wollen, ist sein entschiedener Widerspruch gegen die frü—
her besonders beliebte Ansicht, als sei Europa in staatlicher, socialer und geisti—
ger Hinsicht lebensmüde und der Genius der Menschheit habe seinen Flug nach
Amerika genommen, wo sie in frischer Kraft wieder aufblühen und die Mor—
genröthe der Freiheit von Westen zurückstrahlen werde. In wahrhaft philoso—⸗
phischem Geiste zeigt er wie der europäische Continent mit seinen Binnenmeeren,
Inseln, Halbinseln, Buchten, Strömen, klimatischen Varietäten der Mensch—
heit seit den hellenischen Zeiten ein unendlich reicheres Leben bereitet habe und
in den kräftig fortwirkenden Völkern, namentlich germanischer Zunge auch noch
für die Zukunft verheiße, als Nordamerika mit seinen flachen Ufern, austreten⸗
den Strömen und Urwäldern; der europäischen Cultur, Gemüthlichkeit, Gesetz⸗
mäßigkeit setzt er die Nationaleigenschaften der Jankees entgegen (ogl. oben
d18) und läßt ahnen, daß die Zukunft der V. St. die Erwartungen ihrer Be—