530 Die formale Politik oder Verfasfungslehre.
bestand zur Zeit Karls d. Gr. aus vier großen Hauptstämmen unter vier Her⸗
zögen. Vergeblich hatte Karl versucht dieselben in Grafschaften aufzulösen: sie
bildeten sich durch die Natur der Sache immer wieder. Denn sie ruhten auf alt—
germanischen Grundlagen und wurzelten in den Eigenthümlichkeiten der Stämme.
Es gab Herzöge, so lange das Stammbewußtsein kräftig genug war, um sich in
einer Spitze zu concentriren. Sachsen, Franken, Baiern und Schwa—
ben waren nach der Völkerwanderung die vier deutschen Hauptstämme in Ger⸗
manien geworden, damals noch so verschieden von einander wie heute etwa die
Deutschen und Scandinavier. Die Sachsen schickten ihre Colonieen über das
Meer und stifteten die angelsächsische Heptarchie, später über die Elbe, so daß
auch der preußische Staat größtentheils ein Producrt dieses Stammes ist. Die
Franken gründeten Frankreich; die Baiern, kann man sagen, gründeten Oester—
reich. Die Schwaben allein haben kein großes Reich gestiftet; aber sie haben
die Hohenstaufen aufzuweisen, die Heroen des Mittelalters und die Blüthe
alter Ritterschaft. Aus dem Nebeneinanderbestehen und den gegenseitigen Ein—
wirkungen der Stämme ist fast Alles entsprungen, was die deutsche Nation im
Guten wie im Bösen charakterisirt. Die romanischen Völker sind überall ein
Mischvolk, das zwar große locale Verschiedenheiten zeigt, die aber nicht auf
einer eigenthümlichen und lebendigen Volksart, sondern auf den besondern Mi—
schungsverhältnissen beruhen. Aus diesem Durcheinander römischer, gallischer,
keltiberischer Elemente mit griechischen, arabischen, baskischen, normannischen,
gothischen, fraͤnkischen, burgundischen Zuthaten entsprang allermeist“) kein wirk—
liches Volk, sondern eine Populace und das Patois der Bauern ist keine wahr—
hafte Sprache. In Italien ist die Differenz zwischen den eingewanderten höhern
Classen und der Masse geblieben, in Frankreich durch die Exstirpation des Adels
Alles Populace geworden. Nun ist in Frankreich durch die Centralisation und
durch die Revolution allerdings eine sehr homogene Masse entstanden, aber
ohne alles ursprüngliche Leben, nur durch künstliche Reizmittel in Bewegung zu
setzen, ohne innere Cohärenz, durch imperialistische Maschinerie, deren Druck—
federn sämmtlich in Paris liegen, in Ordnung zu halten. Da werden alle Ideen
zusammengebraut und dann der Großen Nation durch Journale und Telegraphen
verkündigt. Deutschland hat trotz seiner Zerrissenheit doch viel mehr Zukunft
in sich als Frankreich in seiner Einheit. Eben darin liegt ferner der Adel der
deutschen Nation, daß es keinem Stamme gelungen ist, die andern dermaßen zu
überwältigen, daß er dem Ganzen seinen Charakter aufzudrücken vermocht hätte.
Jeder Volksstamm hatte das Selbstgefühl den andern nicht dienen zu wollen;
die vier ersten Jahrhunderte der deutschen Reichsgeschichte stellen gewissermaßen

*) Diese Restriction ist wohl zu beachten, denn die Basken, Basbreton's, Bewohner der
Normandie, Franche comté haben sehr maͤrkirte Volkseiaenthümlichkeiten.