10. Von den Conföderationen.
einen Turnus dar, nach welchem die Hegemonie von einem Stamm auf den
andern überging. — Das deutsche Kaiserthum verschwand von der Bühne,
wie die Volksstämme verschwanden, mit den alten Herzogthümern. Seitdem
beherrschte der Particularismus das öffentliche Leben der Deutschen und fast
nur in ihrem geistigen Leben bildete sich die Gemeinschaft fort; aber wo dann
der deutsche Geist hervortrat, da geschah es immer in der Weise der alten Kai—
ser. Wie diese an keinen bestimmten Sitz gebunden, im Reiche herumwander—
len, wanderte später die Literatur in Deutschland und hat niemals einen blei⸗
henden und herrschenden Centralisationspunkt gefunden, wie es Paris für Frank⸗
reich ist. Diese Erscheinungen beweisen, daß die deutsche Nation keine Haupt⸗
stadt hat noch haben will, nicht einmal eine Metropo leder Intelligenz,
die man neuerdings erfinden möchte. Warum aber will Deutschland keine
Hauptstadt haben? weil es Volksstämme hat, die sich alle ebenbürtig fühlen. —
Die deutschen Stämme sind noch von keinem fremden Eroberer dauernd unter⸗
ocht worden, noch haben sie sich einer unter den andern beugen wollen. Die
Aufgabe war darum eine Form zu finden, welche die Reichseinheit zugleich mit
der Eigenthümlichkeit der Volksstämme erhielt. Diese Form wurde aber nicht
gefunden.“ Weiterhin fährt der Verfasser fort S. 267 ff.). „Waren die Volks⸗
stämme der mächtigste Hebel der deutschen Kraftentwickelung gewesen, so waren
ie doch auch das mächtigste Hinderniß einer befestigten Ordnung und einer ge⸗
ãcherten Nationaleinheit: und als das Reich am größten war, war das deut⸗
sche Nationalbewußtsein doch immer nur schwach, weil der Stammgeist vor⸗
herrschte. Man fühlte sich als Sachse, Franke u. s. w., aber nicht als Deut—
scher, wie es auch noch keine gemeinsame deutsche Sprache gab, sondern die ver—
schiedenen Mundarten gleichberechtigt nebeneinander bestanden. Sollte darum
einst eine wahre Nationaleinheit moglich werden, so mußte vorher der Sonder⸗
geist der Stämme gebrochen werden. Wie konnte dieses wirksamer geschehen
als durch den Patrimonialstaat, weil das patrimoniale Fürstenthum auf
einem ganz andern Principe beruhte, als das alte Volksherzogthum: dynasti⸗
sche Interessen traten an die Stelle der Stamminteressen, und indem Land und
Leute zu dynastischen Patrimonien wurden, welche beliebig zertheilt oder mit
einander verbunden werden konnten, wurden die Stämme gleichsam durchein⸗
ander geknetet. Aus Sachsen, Franken, Schwaben u. s. w. wurde eine deut⸗
sche Nation mit gemeinsamen Sitten und Lebensanschauungen, mit einer gemein⸗
samen Sprache und Literatur, und so mußte die Starrheit und Ausschließlichkeit
des alten Stammgeistes überwunden werden. Gleichwohl sind die Stämme
dadurch keineswegs ganz untergegangen, sondern nur metamorphosirt und auch
in der Metamorphose ist die alte Grundlage bis diesen Tag deutlich. Niemals
haben die Volksstämme das Bewußtsein ihrer Eigenthümlichkeit ganz verloren
und niemals hat dieselbe ganz aufgehört zu wirken. Auch hat der Stammgeift
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