532 Die formale Politik oder Verfassungslehre.
nicht etwa nur fortvegetirt, sondern er ist noch bis diesen Tag productiv: und
wenn er auch bei obwaltenden Verhältnissen keine eigenthümlichen politischen
Bildungen hervorbringen kann, so zeigt er sich in geistigen Werken. So hat
sich erst noch vor einem Menschenalter im südlichen Deutschland eine Dichter—
schule gebildet, welche man die schwäbische nennt. Und wo hätte dieselbe
wohl anders entstehen können als gerade in Schwaben. In der Mark Bran—
denburg doch gewiß nicht, sondern nur da, „‚wo einst so hell vom Staufen die
Ritterharfe klang.“ Aber doch hat diese schwäbische Blume einen erfrischenden
Duft über ganz Deutschland verbreitet. Der Stammgeist ist also noch immer
wirksam und keineswegs erloschen. Auch soll er gar nicht erlöschen, sondern ge—
reinigt von der alten Schroffheit, Ausschließlichkeit und Widerspenstigkeit als
ein erneuter Geist wieder erwachen. — Glaubt man an eine Zukunft der deut⸗
schen Nation, so muß man auch an eine Zukunft der deutschen Volksstämme
glauben. Wenn es unvermeidlich war, daß dieselben zerrissen wurden, so wird
es nothwendig sein, daß sie wieder zusammengefügt werden und diese Wie—
derherstellung der Stämme wird ein wesentlicher Schritt zur Wiederherstellung
Deutschlands sein.“*)
Wir müssen dem Leser überlassen die nähern Ausführungen und geschicht⸗
lichen Begründungen dieser Sätze in dem geistvollen Buche, welches eine hohe
philosophische Auffassung und gründliche Einsicht der geschichtlichen Entwicke—
lungen mit warmem Eifer für Deutschlands Macht und Ehre vereinigt, selbst
nachzulesen. Der Verfasser weist dann ferner nach, wie theilweise die Her—⸗
stellung der Stämme durch die jetzige Gestaltung bereits vollzogen ist. Seine
weitern Andeutungen über die Ausgleichung der Autonomie mit der nothwen⸗
digen Centralgewalt und über die Heilung der zu großen Zersplitterung wer⸗
den wir in den folgenden dh benutzen. Freilich hat er als Publicist sein Zelt
aufgeschlagen unter Allen und wider Alle. In blühendem Styl, aber gehar—
nischter Rede tritt er auf gegen reactionäre Tendenzen, Privilegien, mystische
Legitimität, zugleich aber gegen die Illustonen des Constitutionalismus, die
parlamentarischen Gelüste, die politische Afterweisheit der Kathedermänner
und die rothe Demokratie, als ebenso viele Feinde der wahren Freiheit und der
Selbstständigkeit Deutschlands. Auf den Beifall einer Parthei darf er daher
nicht rechnen, wird sich aber die Anerkennung der einsichtigen Vaterlands—

*) Wir konnten für unsere praktische Aufgabe keinen Gebrauch machen von den interessan—
ten archaͤologischen Forschungen und Conjecturen, welche Sachße in seinen historischen Grund—
lagen des deutschen Staats- und Rechtslebens darbietet. Diese Forschungen steigen in eine
Periode hinauf, über welche die Qnellen zu unklar, unsicher und widersprechend sind und be—
ziehen sich auf Zustände, welche mit den spätern Entwickelungen in keinem unmittelbaren Zu—
sammenhange stehen; die Lieblingsidee Sachße's ist überall Tetrarchien herauszusinden, welche
indeß mit den vier Hauptvolksstaͤnmmen der Deutschen seit Karl d. Gr. nicht zusammenhängen.