344 Die formale Politik oder Verfaffungslehre.

dI12. Die Pestrebungen für Reform des deutschen RPundes seit 1848.
Die Mängel der deutschen Bundesacte wurden von Anfang eingesehen
und von den Staatsmännern selbst anerkannt, welche dieselbe gründeten. Sie
entsprangen aus dem Widerstreite einer gebieterischen Nothwendigkeit, welche
einem kräftigen Organismus der Gesammtheit widerstrebten und der Eilfertig—
keit, womit der Bundesvertrag unter plötzlich drohenden Gefahren abgeschlossen
werden mußte. Das Bewußtsein seiner Mängel ist in der Bundesacte selbst
Art. 10 und in der Wiener Schlußacte Art. 4 ausgesprochen mit der Ankündi—
zung einer weitern Entwickelung desselben; aber die Möglichkeit einer wesent—
lichen Reform ist ausgeschlossen, indem sie von der Gesammtheit der Bundes—
glieder abhängig gemacht und durch den Grundcharakter des Bundes, welcher die
Erbsünde desselben ist, bedingt wird, Bundesacte 6.7., W. Schlußacte Art. 13.
634. Es bedurfte keiner großen Perspicacität, um vorauszusehen, daß in solcher
Weise unmöglich etwas Ersprießliches zu Stande kommen könne; man muß
sich nur wundern, daß praktische Staatsmänner einer solchen Utopie huldigten.
Indeß wird die dringende Nothwendigkeit einer eingreifenden Reform des Bun⸗
des, um die gerechten Erwartungen und Wünsche der Wohlgesinnten zu befrie—
digen und imminente Gefahren von Außen und Innen für die Selbstständigkeit
der deutschen Nation, die Integrität des Gebietes und staatliche und sociale
Ordnung abzuwenden, von allen Einsichtigen erkannt und tiefempfunden, aber
dennoch werden einzelne egoistische Renitenzen oder Intriguen des Auslandes
in den formellen Häkeleien der Bundes- und Schlußacte die Mittel finden,
iede wesentliche der Bundeseinheit mehr Kraft verleihende Reform durch das
iherum veto zu vereiteln, wenn nicht der Druck gebieterischer Umstände und
reeller Macht diesen Formalismus zu beseitigen im Stande ist. Noch bis auf
die letzte Zeit hat der Antagonismus Oesterreichs und Preußens und das Miß—
trauen der Mittelstaaten das Gelingen der verschiedenen Reformpläne verhin—
dert; es ist Hoffnung vorhanden, daß endlich die Einsicht in das wahre eigene
Interesse dem Widerstreite ein Ende machen wird. Wir werfen einen kurzen
Ueberblick auf die bezüglichen Ereignisse seit Anfang des Jahres 1848 bis auf
die jüngste Zeit.
Im Anfang des Jahres 1848 wurden die verschiedenen deutschen Staaten
plötzlich der Schauplatz höchst anarchischer Bewegungen: eine Anzahl von
Staatsgelehrten, Professoren, welche sich unter den Gebildeten der Nation durch
Patriotismus und gemäßigte Grundsätze einen guten Klang erworben hatten,
liberale Mitglieder verschiedener Ständeversammlungen und einige andere No—
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die längst ersehnte Bundesreform zu erzielen. Sie hatten hiefür keine andere
Mission als diejenige, welche ste sich selbst octroyirten: es war eine Gesellschaft