10. Von den Conföderationen. 545
von Männern, die sich berufen hielten, die Geschäftsführer (negotiorum gestores)
 der Nation zu sein, ein Privatverein, welcher sich auf keine andere Macht
—0 welches sie sich erworben hat⸗
ten, aber sehr überschätzten. Diese Herren traten zuerst in Heidelberg, dann in
Frankfurt zusammen und ernannten aus ihrer Mitte einen Siebener⸗Ausschuß,
welcher ein Programm entwarf und aus Gleichgesinnten ein Vorparlament
berief, welches die verschiedenen deutschen Staaten repräsentiren sollte, in wel⸗
chem aber der Süden gegen den Norden unverhaͤltnißmäßig vertreten war, be—
sonders aber das kleine Großherzogthum Baden ein weit stärkeres Contingent
lieferte als Oesterreich oder Preußen. Die Mitglieder der ersten Versammlung
und des Vorparlamentes, welche gute Absichten, Verbindung der Einheit mit
Vielheit, Aufrechterhaltung der Monarchie mit Volksvertretung, hatten, liebten
es in der stürmischen Bewegung einen großartigen Aufschwung des National⸗
geistes zu erblicken und trauten sich die Fähigkeit zu, die anarchischen und die
republikanischen Tendenzen durch theilweise Concessionen und gute Worte zu
bemeistern, eine Illusion, welche nicht gerade für staatsmännische Einsicht und
Menschenkenntniß zeugt und durch die thatsächliche Entwickelung arg enttäuscht
wurde. In der That braucht man nur einen Rückblick zu werfen auf die viel⸗
fachen Symptome und die gewaltthätigen Ausbrüche der größten Rohheit und
die Kundgebungen communistischer, anarchischer Grundsätze, welche im Laufe
weniger Wochen nicht etwa bloß auf einigen Punkten, sondern an hundert Or⸗
ten gleichzeitig stattfanden, um jene —K——
Illusion zu erkennen. Mußten doch die bessergesinnten Mitglieder des Vorpar—
lamentes eine nicht unbedeutende Zahl der prononcirtesten Anarchisten oder
Republikaner in ihrer Mitte aufnehmen und am 31. März wurde die Versamm⸗
ung in der Paulskirche durch das falsche Gerücht von einem blutigen Conflict
in der Bockenheimerstraße und dem Anzug einer wüthenden Masse um das Par⸗
lament zu sprengen, in solchem Maaße alarmirt und in Schrecken gesetzt, daß
sich dasselbe zerstreute und in verschiedenen Richtungen salvirte, so daß der enthu⸗
siastische Demokrat Robert Blum den wohlweisen Herren, als die Sitzung wie—
der aufgenommen wurde, den wohlverdienten Verweis ertheilte. Wir können
in den anarchischen Scenen jener Monate nicht eine nationale Erhebung, son—
dern den Rückschlag der Februarrevolution, die Wirkung der aus Frankreich im⸗
portirten communistischen Lehren, und die Folge unkluger Connivenz eines
Theils der besitzenden Classen und der Einmischung aufbrausender Jugend (der
Studenten) erblicken, wobei die revolutionäre Politik Frankreichs und die Ten⸗
denzen des Magyarenthums großen Einfluß übten, daher die Declamationen
gegen das Gespenst des Panslavismus, die selbstmörderische Verbrüderung mit
den Polen und die Protestation gegen Einmischung in die innern Angelegen—
heiten Frankreichs, woran aber weder die preußische noch die österreichische Re—
Escher, Handb. d. vprakt. Politik. II. 35