598 Materielle Politik.
Schulzwang nicht ohne Noth zu sehr ausgedehnt und auf die wirthschaftlichen
Verhältnisse z. B. große Feldarbeiten, und andere factische Verhältnisse z. B.
rauhe Jahreszeit und isolirte Wohnungen, Kränklichkeit der Kinder u. s. w.
vernünftige Rücksichtgenommen werden. Durch Sonntagsschulen kann es mög⸗
lich gemacht werden, den Schulzwang zu erleichtern. Nach diesen Andeutungen
halten wir dafür, daß in mehrern deutschen Staaten und anderwärts (z. B. im
Kanton Zürich) der Schulzwang zu weit getrieben und zu streng geübt wird,
theils in bester Absicht, theils in Folge bureaukratischen Einflusses der Päda⸗
gogen oder aus Rücksicht auf die Forderungen der, radicalen Presse. Trefflich
ist die Begründung des (gemäßigten) Schulzwanges als Recht und als Pflicht
des Staates) bei Charles Robert im Dictionn. de la Politique Art. Instruction
 primaire. Die warme Verwendung Roberts für eine eingreifende
und erkleckliche Reform in diesem Gebiete ist verbunden mit einer für die fran⸗
zösische Nationaleitelkeit nicht schmeichelhaften, durch detaillirte Thatsachen unter—
stützten Darstellung des wirklich schauderhaften Zustandes des Volksunterrichtes
und der für einen Deutschen oder Schweizer beinahe unglaublichen Unwissen—
heit von neun Zehntheilen der Bevölkerung, und der verhältnißmäßig unbedeu—
tenden finanziellen Anstrengung des Staates und der Departements für den
Volksunterricht, bei einem Budget, welches so viele Hunderte von Millionen
für Lurusbauten, Civilliste, große Gehalte und destructive Verwendungen ent—⸗
hält. Der Artikel schildert mit kräftigen Worten den niedrigen politischen, so⸗
cialen und sittlichen Zustand, welcher die Folge dieser Vernachlässigung des
Volksunterrichtes ist. Auch Laboulaye (Le parti liheral Chap. IX.) erhebt
seine Stimme kräftig für die Hebung des Volksunterrichts (Pé6— ucation populaire).
 Er wäre geneigt, die education obligatoire (Schulzwang) für gerecht⸗
—A empfiehlt die
Methode der V. St., welche durch die reiche Dotation der Schulen, die Unent—
geltlichkeit des Unterrichtes in allen Stufen, auch der höhern Kenntnisse den
Zweck erreichen. »Je lour demanderai (nämlich denjenigen, welche die finan⸗
ziellen Schwierigkeiten geltend machen) si dans un pays ou le quart do la
population n'est pas mêmo en état de signer son nom, il Ya une proportion
 raisonnable entre les 500 Millions que nous dépensons chaque année
pour nos armées de terre et de mer et le maigre aumne doe vingt millions
que nous jetons à nos écoles. Les peuples modernes vivent-ils Ppour la
paix ou pour la guerre? — — Dans un pays libre le gros hudget est celui
des écoles — — — Nous aurons heau perfectionner l'art de nous entre—
tuer; nous ne serons, j'ai honte de le dire que des barbares ingénieux. «
Doch irrt der Verfasser wohl darin, wenn er annimmt, daß Frankreich (oder ein
anderer europäischer Staat) in solchem Maaße, wie Nordamerika die unerschöpf—
lichen Hülfsauellen besitze, welche sein System erfordern würde.