12, 2. Politik der auswärtigen Angelegenheiten. 639

39. Die Ausdehnung der Hleichgewichtspositik auf alle cibilisirten europäischen und
außereuropäischen Staaten und das Perhäcftniß der westeuropäischen Staatengruppe zu
dieser Posiftik der Mestmächte.

Das Staatensystem, für welches das politische Gleichgewicht als Gesetz
angenommen wurde, hatte sich seit dem westphälischen Frieden (1648) und der
Paix des Pyrenées (1659) in seiner Zusammensetzung und Ausdehnung wie—
derholt verändert. Damals waren Frankreich, Schweden, der deutsche Kaiser
und das Reich, und Spanien die vier Hauptmächte, welche die politischen Ver⸗
hältnifse Westeuropa's feststellten. England hatte keinen Einfluß und der Kur⸗
fürst von Brandenburg stand noch in der Reihe untergeordneter Fürsten. Als
aber nach dem Absterben Karls II. (1700) der spanische Thron erledigt wurde
und über die Successton ein Kampf zwischen dem Erzherzog Karl und Philipp
bon Anjou entstand, drohte dem Gleichgewicht neue Gefahr der Vereinigung
der deutschen und österreichischen Macht mit der spanischen Monarchie. Der
Successionskrieg wurde durch den Frieden von Utrecht (1 713) beendigt. Jetzt
war es England, welches durch Verträge mit Ludwig XIV. und Philipp V. den
Grund des neuen Systems legte, wobei auch der König von Preußen unter
den Paciscirenden erscheint. Das Friedenswerk wurde einige Jahre später ver⸗
oollständigt durch die Verträge des Kaisers mit Frankreich und Spanien; Schwe⸗
den war aus dem Kreise der maßgebenden Staaten verschwunden und Rußland
war der Politik des abendländischen Europa noch fremd. Seit dieser Zeit aber
war die Macht Rußlands und sein Einfluß auf die europäischen Angelegenheiten
fortwährend gestiegen und bei den Verträgen von 1814 und 1815 handeln vier
europäische Großmächte, England, Rußland, Oesterreich, Preußen gegenüber
Frankreich, welches dann später auch in die Gemeinschaft aufgenommen wurde,
als die Regulatoren des neuen europäischen Staatensystemes und des wieder—⸗
hergestellten Gleichgewichtes. Aber immer noch handelte es sich ausschließlich
um das europäische Gleichgewicht, welches unter die Garantie der europäischen
Großmächte gestellt wurde. Die Universalmonarchie, welche Napoleon ange⸗
strebt und auf dem Continente großentheils constituirt hatte, war gestürzt; aber
waͤhrend des zwölfsährigen Kampfes hatte England die ausschließliche Herr—

tigsten und gefährlichsten Gegner seiner ehrgeizigen Absichten betrachtete (wie später den Frei—
herrn von Stein) zu einer Fiction veranlaßt. Traduction d'un fragment du XVIII. Livre
de Polyhe trouvé dans le monastèêre St. Laurent ou mont Athos. Der Zweck dieser
Schrift war den König von Preußen und Andere vor den unheilvollen Folgen der Politik der
freien Hand zu warnen und, als es noch nicht zu spät war eine Coalition gegen die Eroberungs⸗
plane des Kaisers Napoleon zu bilden. Allein die Warnungen und Räthe des aus seinem
Grabe beschwornen Annibal verhallten fruchtlos und Politik der freien Hand erndete ihre Lor⸗—
heeren zu Jena. Dieses „Fragment“ sollte auch heutzutage studirt und beherzigt werden.