Materielle Politik.
schaft der Meere erworben. Nach der Befestigung des Continentalfriedens ent—
wickelte sich die industrielle und mercantilische Thätigkeit der Continentalstaaten;
Regierungen und Völker richteten ihre Blicke auf die Vortheile des Weltver—
kehres und überseeischer Kolonieen, wovon eine Rivalität mit England die un—
ausbleibliche Folge sein mußte, wobei auch die V. St. Nordamerika's eingrif—
fen, indem sie ihre Interessen und Zwecke selbstständig verfolgten, dabei aber be—
sonders mit England in Conflict geriethen. So hatte sich das unter den Auspi—
cien der europäischen Großmächte ronstituirte Gleichgewichtsystem der engern
europäischen Staatengruppe erweitert zu der Idee eines allgemeinen
Gleichgewichtes und die großen Seemächte waren es, welche als
Weltmächte auftraten.
Auf dem europäischen Continent ist der Friede seit 1830 vielfach bedroht
worden durch die revolutionäre Propaganda und durch das zweite Kaiserreich,
welche den durch die Verträge von 1815 garantirten Besitzstand durch Anrufung
revolutionärer Sympathieen und des s. g. Nationalprincips angriffen und
unterwühlten.
Bekanntlich hat Louis Napoleon am 5. November 1863 in einer
Thronrede feierlich ausgesprochen: les traitées de 1815 ont cessé
d'exister! und die Souveräne Europa's eingeladen, einen Congreß in
Paris zu beschicken, um durch ein oberstes Schiedsgericht die Zukunft
zu regeln, womit er die Drohung verband, daß eine Weigerung als
Beweis geheimer Pläne, welche das Tageslicht scheuen, be—
trachtet und ihn zu Feindseligkeiten provociren würden. Diese
Drohung ist seither als nicht geschehen betrachtet worden, da mit Ausnahme
seines italienischen Vasallen sämmtliche Staaten und Regierungen, welche mit
jener Einladung beehrt wurden, dieselbe ablehnten oder nur unter Bedingungen
acceptirten, welche die Verträge von 1815 als Grundlage der Verhandlungen
festhielten. Gleichzeitig waren ihm sowohl in den innern Zuständen Frank—
reichs als durch die Ereignisse in Mexico und in Afrika Gefahren erwachsen,
welche seine militärische Action in Europa lahm legten, besonders da kein Ge⸗
heimniß ist, daß Rußland, Oesterreich und Preußen durch gemeinsame Interessen
zu erneuerter Allianz gegen seine Angriffe vereinigt würden und die Aussicht
vereitelt ist, in Deutschland Rheinbundsvasallen zu gewinnen.
Fröbel a. a. O. 19. Kap. bespricht und empfiehlt die Congreßproposition
Louis Napoleons, kommt aber dabei mit sich selbst in Widerspruch. Nichts da⸗
davon zu sagen, daß die drohende Weise wie die Einladung gemacht wurde, der
Ausspruch les trailés de 1815 sont déohirés, welcher die Anarchie proclamirte,
und der Mangel jeden Programmes, kaum die ernstliche Absicht annehmen
ließen, ein Friedenswerk zu gründen, sondern in dem Congreß, wenn er zu
Stande kam, nur ein Mittel erblicken ließen, Alles zu verwirren, Zwietracht

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