846 Materielle Politik.
tion und Selfgovernment im Interesse der individuellen, der bürgerlichen und
der politischen Freiheit und der productiven Thätigkeit unter den Liberalen und
in der Presse eine Reihe tüchtiger Fürsprecher gefunden. Daß aber gegenwärtig
keine Aussicht dazu vorhanden ist, hat die neueste Recrudescenz des Imperialis—
mus klar bewiesen; gesetzt auch die Liberalen würden im Verfolge mit diesem
Verlangen durchdringen, was möglicher Weise durch die finanziellen Nothstände,
den Druck der Steuerlast, den Nationalbankerott, die Abneigung gegen über—
seeische Expeditionen und die Erbitterung der agglomerirten Bevölkerungen be—
wirkt werden kann, so läge darin allerdings eine Gewährleistung gegen eine
Eroberungssucht und muthwillige Kriege, wie sie der Imperialismus erzeugt.
Aber Frankreich würde nichts destoweniger ein Einheitsstaat bleiben. S. oben
X. B. d 5. S. 501. Dazu scheint es durch seine geographischen und socialen
Verhältnisse prädestinirt, X. B. 96. S. 358 ff. Damit sind auch diejenigen
einverstanden, welche mit dem meisten Nachdruck auf Decentralisation dringen,
wie z. B. Raudot, Grandeur possible de la France. Als Einheitsstaat,
mit einem compacten Gebiete und einer kriegerischen im Ganzen homogenen
Bevölkerung von 37 Millionen ist es dem föderativen Deutschland gegenüber,
dessen Grenzen von allen Seiten offen und dessen Interessen nach allen Rich—
tungen zerstreut sind, eine aggressive Macht, welche nicht als Garantie des
Gleichgewichtes betrachtet werden kann, sondern Deutschland die Nothwendig⸗
keit auferlegt, durch die föderative Sammlung und Vereinigung seiner Ge—
sammtmacht sich selbst und das Gleichgewicht der europäischen Staatengruppe
gegen die von Frankreich oder anderen Nachbarstaaten drohenden Gefahren zu
sichern und denjenigen Staaten und Völkern, welche das gleiche Interesse haben,
als Stützpunkt zu dienen. Ein Punkt ist es vorzüglich, welcher diese aggressive
Tendenz Frankreichs fortwährend verräth, nämlich die stets sich erneuernde For—
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die Verträge von 1815 entrissen worden seien, wieder zu erobern. Wenn nach
dem Gesagten Frankreich auch in seinen gegenwärtigen Grenzen eine für das
europäische Gleichgewicht gefährliche Macht ist, so würde eine Vergrößerung
seines Gebietes diese Gefahr erhöhen und eine Versuchung zu weiteren Erobe—
rungen werden, abgesehen davon, daß die Wiedereinverleibung Belgiens und
der Rheinprovinzen, worauf es zunächst abgesehen ist, die Freiheiten und die
Nationalität der Belgier und Rheinländer mit Füßen treten und die relative
Macht Deutschlands bedeutend schwächen würde.
Es ist um so nothwendiger, die Theorie der rontièêres naturelles
näher zu prüfen, als das Verlangen nach der Rheingrenze sich auch in Schrif⸗
ten von Männern kundgibt, welchen eine gemäßigte Gesinnung und Kenntniß
der Zustände anderer Staaten nicht abgesprochen werden kann, wie z. B.
Schnitzler Statist. génér. de la Frapce), und allerneust hat die Theorle der