154 Völkerrecht als Theil der common law nur so lange zu beachten, als es nicht im Widerspruche mit der Landesgesetzgebung steht. !) Freilich — und das ist eine fast allgemein anerkannte Regel mit einem gesunden Grundgedanken — wenn ein Landesgesetz nicht in ungeschminkter Ausdrucksweise dem Völkerrecht zuwiderläuft, so ist auch nicht anzunehmen, dass es sich mit dessen Vorschriften in Widerspruch setzen wolle; das Statut ist im Zweifel so auszu- legen, dass es dem Völkerrechte gemäss ist?), namentlich muss es, falls es mit allgemeinen Ausdrücken operirt, restriktiv inter- pretirt werden, wenn es sonst mit völkerrechtlichen Grundsätzen in Konflikt gerathen würde.?) Denn mangels besonderer Gründe für das Gegentheil ist nicht anzunehmen, es wolle ein Gesetz atwas Völkerrechtswidriges bestimmen. %) Ich fasse zusammen: der Satz, das Völkerrecht bilde einen Theil des Landesrechts, ist in der englischen und angloameri- kanischen Litteratur und Praxis nicht allgemein herrschend. Wo wir ihn antreffen, tritt er fast nie mit dem Anspruche auf, ein allgemein gültiges Dogma zu sein. Er wird in England durchweg, in Amerika mehr und mehr dort ausser Acht gelassen, wo es sich um das Völkerrecht handelt, das auf dem Wege ausdrücklicher Vereinbarung (durch „Vertrag“) zwischen Staat und Staat a. a. 0. II p. 36foll.; Holland, Law Quarterly Review. IX pP- 151; Maxwell. The Interpretation of Statutes. 2. ed. London 1883. P- 179 und die dort Note d citirten Entscheidungen; Burgess; Political Science and Comparative Consti- tutional Law. II. Boston u. London 1891. p. 137. 1) Kent a.a. 0. p.1; Wharton, Commentaries p- 52 foll., 188 foll., 363 u. ö.; The Nereid, Cranchs Reports. IX p. 388, 423. — Es: ist hiernach falsch, wenn Maine, International Law p. 37 behauptet, die angloamerika- nische Jurisprudenz lasse bei Konflikten zwischen Völkerrecht und Bundes- oder Staatenrecht stets das Völkerrecht vorgehen. Die von ihm excerpirten Stellen besagen etwas ganz Anderes, nämlich dass das Landesrecht im Zweifel völkerrechtsgemäss auszulegen sei. 2) Bishop a. a. 0. p. 69; Phillimore in R. v. Keyn, a. a. 0. p. 85; Maxwella. a. O0. p. 173; Hollanda. a. O0. p. 151; Talbot v. Seeman, Cranchs Reports. I p. 44; The Charming Betsv. ebenda II p. 118: Little v Barreme, ebenda p. 170. ; 3) Lord Stowell im Falle des ‚Louis‘, Dodsons Adm. Reports. II pP. 239; Lord Justice Turner in Cope v. Doherty, citirt von Cockburn in R. v. Keyn, a. a. 0, p. 210. 4) Lushington im Falle der „Anapolis“, Lushington’s Adm, Reports p- 295 und im Falle des „Zollverein‘“, Swabeys Adm. Remorts p. 98: Sir A. Cockburn in R. v. Keyn. a. a. 0. p.210.