1 Vorwort. Wer von hohem Bergesgipfel aus eine weite Landschaft in Morgen- oder Abendbeleuchtung, bei langem Strahl der Sonne, betrachtet, der genießt der äußersten Schärfe der Um— risse aller Hihen bei manch brauendem Nebel der Tiefe; der Hauch der Grüfte dringt nicht bis zu ihm empor. Wer die— selbe Landschaft am Mittag, unter senkrecht einfallendem Strahl sengender Mittagssonne, sieht, dem erscheint jede Einzelheit zu einen Füßen aufdringlich klar, während die Fernen ver— schwimmen. Es ist der Unterschied zweier Arten wissenschaft— icher Betrachtung, einer fernsichtigen und einer nahsichtigen: beide haben, wie sich ohne weiteres ergiebt, ihre besondere, sehr von einander abweichende Auffassungsweise und dementsprechend auch eine verschiedene Art der Akribie. Freilich giebt es noch eine dritte Art wissenschaftlicher Arbeitsweise. Sie vereinigt Nahes und Fernes in gleichem Augenmaß, so wie es Momente landschaftlicher Aussichten giebt, in denen Horizont und nächste Umgebung gleich klar erscheinen. Allein wie solche Momente bekanntlich selten sind und beson— deren, nicht häufig zusammentreffenden Umständen verdankt werden, so sind auch die Möglichkeiten so gearteter wissenschaft— licher Arbeit nicht zahlreich; unter den Bedingungen, die für ihre Durchführung maßgebend sind, spielt vor allem Wesen und Begrenztheit der menschlichen Arbeitskraft, das vita brevis ars longa, eine Rolle; und es würde sich wohl lohnen, diese wie andere für solche Arbeiten notwendigen Voraussetzungen einmal genauerer methodologischer Betrachtung zu unterziehen. Leipzig, September 1903. K. Camprecht.