36 Fünftes Buch. Erstes Kapitel. Körper, mußte bei jeder Reichsteilung materielle Verluste er— leiden. Noch mehr mußte sie als größte sittliche Macht durch jeden mit dem Ruine des Reiches unvermeidlichen moralischen Verfall betroffen werden: schon in frühmerowingischer Zeit hatte sie deshalb alle centralistischen Bewegungen gestützt und noch bis zum Jahre 6838 sich in Konzilien des Gesamtreiches ver— sammelt. So drängten alle lebendigen Traditionen der hohen Kultur des Altertums, Kirche und Kaisertum zugleich, auf Ein— führung des Rechtes der Erstgeburt. Nun hatte schon unter Karl dem Großen sich eine Ge— wohnheit ausgebildet, deren weiterer Ausbau zur Versöhnung der entgegengesetzten germanischen und antik-christlichen An— schauungen führen konnte. Karl hatte Italien, Aquitanien und Baiern seinen Söhnen als teilweis selbständige Reiche unter seiner Oberhoheit übertragen: ließen sich nicht die nachgeborenen Brüder des künftigen erstgeborenen Alleinherrschers in die gleiche Stellung bringen? In dieser Richtung bewegte sich das von Ludwig im Jahre 817 mit dem Reichstag vereinbarte Hausgesetz. Lothar, der älteste Sohn des Kaisers, ward mit dem kaiserlichen Reif gekrönt und zum Mitregenten erhoben, die jüngeren Söhne Ludwig und Pippin wurden unter der Oberhoheit des Vaters als Könige mit Baiern und Aquitanien ausgestattet. Nach dem Tode des Kaisers sollten sie dann in dem gleichen Ver— hältnis zu Lothar als dem Herrscher des Gesamtreiches weiter verharren, sie sollten ihm bei völliger Freiheit der inneren Ver— waltung in der Führung der äußeren Politik und in der Führung des Heerwesens unterworfen sein. Es schien eine nicht ungeschickte Lösung künftiger Schwierig— keiten. Leider ergab sich bald, daß sie ausschließlich geistlichen Einflüssen am Hofe verdankt ward. Der Kaiser selbst zeigte sich nur zu früh als ein indolenter Charakter von schwächlicher Frömmigkeit, nicht frei von zäher Betonung seiner Würde, doch ohne bestimmte politische Ideale und gänzlich fern von dem energisch ausgeprägten Herrschafts- und Pflichtgefühl seines Vaters, unfähig zu stetiger Arbeit, beherrscht von den Leiden— schaften des sinnlichen Genusses, der Jagd, des Fischfangs.