1 Fünftes Buch. Zweites Kapitel. Kaisers. Der Herrscher des Reiterbildes, das ist der Franken— könig, der die Welt unter dem bewundernden Jubel der Zeit— genossen unterworfen hat; Dürers Herrscher aber ist Kaiser Karl der Große, der Begründer einer neuen Zeit, der Träger der mittelalterlichen Weltordnung des 9. bis 15. Jahrhunderts. Noch gleichsam im Steigbügel, noch lebend und waltend, Arm und Hand aus dem Bausch des Mantels weit zum Handeln vorgestreckt, so erscheint der Kaiser des Broncegnsses; als Ideal— gestalt eines mittelalterlichen Herrschers, Geistliches und Welt— liches in ruhiger Würde wägend und verbindend, in der Alba des Ornates selbst dem geistlichen Stande zugethan, so giebt fich der Kaiser Dürers. In der That war es, aus der Vogelschau des endenden Mittelalters gesehen, das verdienstlichste Werk Karls des Großen, daß er weltliche und kirchliche Interessen zu jener Einheit verbunden —D— bis auf Luther zu lösen vermochten. Von diesem Standpunkte aus sieht noch das 15. und teilweis 16. Jahrhundert in Karl dem Großen das unerreichte Ideal des christlichen Herrschers; von hier aus haben sich Sage und geschichtliche Auffassung des Mittelalters in gleich fruchtbarer Weise der Verson des Kaisers bemächtigt. Kaum gab es eine Forderung der Päpste, deren Verwirk— lichung sie nicht auf Grund einstiger Übertragung durch Karl den Großen beanspruchten: und damit nicht genug, auch den Heiligen der Kirche sollte der Kaiser angehören; seine Ge— beine wurden weithin als Gegenstand frommer Verehrung ver— schleppt. Im mittelalterlichen Staatsleben aber konnte es für eine Einrichtung wie für das Wirken einer Person kaum eine bessere Beglaubigung oder Einführung geben, als die, mit dem Namen Karls des Großen zusammen zu hängen oder wenigstens den Vergleich mit Karlingischen Einrichtungen zu wecken. So wurde an der Krönung der deutschen Könige in Achen, als dem Lieb— lingssitze Karls, festgehalten; und mit sorgsamem Eifer führte