Die Karlingische Renaissance. 59 Zeiten Aldhelms von Malmesbury und des ehrwürdigen Beda, der größten, wenn vielleicht auch nicht originellsten Vertreter dieses neuen Schrifttums, die Zeiten lebhafter Dichtung und Brieflitteratur, deren Ausläufer auf deutschem Boden wir im Briefwechsel des heiligen Bonifatius vor Augen haben. So wahrten die Angelsachsen die antiken UÜberlieferungen im Laufe des 7. und 8. Jahrhunderts fast besser, gewiß aber fleißiger, als das klassische Land dieser Überlieferungen, als Italien selbst. Doch welche Vorteile blieben trotzdem Italien gewahrt! Wie wirkte hier der Anblick so vieler noch nicht zer⸗ störter Denkmäler einer großen Vergangenheit auf den ästheti— schen Sinn der Bevölkerung; welche Fülle unbewußter Über— lieferung vererbte das unmittelbare Anknüpfen an die Antike in Lebenshaltung und Sitte; und welche Mittel reichster Belehrung standen dem suchenden Sinne in den unerschöpflichen Biblio— — DD0 germanischen Eroberer des Landes, hatten sich diesen Eindrücken und Gelegenheiten nicht entziehen können, wenn sie sich ihnen auch weniger hingaben, wie ihre Vorgänger an der Herrschaft, die Goten. An ihrem Königshofe, der unter dem kräftigen Regimente der Könige Liutprand, Ratchis und Aistulf im Laufe der ersten Hälfte des 8. Jahrhunderts nochmals zu großer Be— deutung emporblühte, wie an den zahlreichen Fürstenhöfen des Landes lebte man noch immer im Abglanz der feinen gesell— schaftlichen Bildung der römischen Kaiserzeit, trieb man wissen⸗ schaftliche Studien und erfreute sich an den heiteren Maßen klassischer Dichtung; noch bestand am Königshofe eine vielbesuchte Pfalzschule, und eine Tochter des letzten Langobardenkönigs Desi⸗ derius, Adalperga, wie ihr Gemahl Arichis galten als kenntnis⸗ reiche Verehrer des klassischen Altertums. Nur wenig wollten gegenüber diesen germanischen Trägern der alten Bildung in Italien die Überlieferungen des altein— heimischen Teiles der Bevölkerung besagen; Rom hat in dieser Zeit keinen auch nur nennenswerten Schriftsteller oder Gelehrten hervorgebracht, und Ravenna stand während des harten Regiments der Byzantiner unter dem Zeichen künstlerischen wie litterarischen