Fünftes Buch. Zweites Kapitel. ihre Art und Wirkung vergegenwärtigen. Der gesamte Unter— richt wurde in der Form gesellschaftlicher Unterhaltung erteilt, bei Knaben gern in der Weise, daß man einen älteren, schon weiter geförderten Schüler einem jüngeren gegenüberstellte und nun beide ihre Kenntnisse erproben ließ; der Lehrer griff nur im Fall der Meinungsverschiedenheit oder der Ratlosigkeit beider ein. Etwas anders war der Lehrgang für Erwachsene. Hier setzte man voraus, daß der Schüler fich ein gewisses Pensum des Lehrstoffes für sich aneignete, worauf er sich beim Lehrer nur noch über ihm zweifelhafte oder von ihm unverstandene Dinge Rats erholte. Es ist die Art, in der Karl der Große den Unter⸗ richt Aleuins genossen haben wird; eine Schrift dieses Gelehrten führt beide in dem entsprechender Unterhaltung vor. Freier bewegen konnte der Lehrer sich in den logischen und sonstigen philosophischen Disciplinen. Denn hier brachte der jugendliche wie der welterfahrene Schüler eine Summe von Anschauungen und ein Interesse mit, die unter Umständen weiter tragen konnten, als Kenntnis und Teilnahme des Lehrers. Hier war darum die Lehrmethode auch völlig die der gesell— schaftlichen Unterhaltung und deshalb, wie diese, echt national. In Rätselfragen, der Lieblingsform germanischen Zwiegesprächs, pflegte man sich zu belehren; und je scherzhafter, je unerwarteter die Lösungen lauteten, eine je größere Übung des Denkens sie oerrieten, um so mehr wurde ihr Urheber geschätzt. In die Elemente derartiger Unterhaltungen führt ein kleines Handbuch Alcuins ein, das zunächst zu dem besonderen Zwecke verfaßt wurde, dem Unterricht eines Sohnes Karls, Pippin, zu dienen. Ausgehend von allbekannten Anschauungen sucht es den äußeren Dingen in der Form des Rätsels innere Beziehungen abzu— gewinnen und auf diese Weise das Denken zu schärfen 1. So wird gefragt: „Was ist die Zunge?“ Eine Geißel der Luft. „Was ist der Nebel?“ Die Nacht am Tage, die Mühe der Augen. „Was ist der Tag?“ Die Anregung zur Arbeit. Indes dieser individuelle Unterricht, den zunächst die 1Vgl. Ebert, Deutsche Rundschau 11, 401. In der Karlingischen Zeit war deshalb auch die Rätselsammlung des Symphosius gekannt und beliebt: vgl. Manitius in Philologus 51 (1892) S. 156 ff.