Die Karlingische Renaissance. ss königliche Familie selbst, die weiblichen Mitglieder nicht ausgeschlossen, genoß, stand nicht allein. Neben ihm wurde der Klassenunterricht in der alten königlichen Hofschule neu belebt. Hier fand Alcuin seine Hauptwirksamkeit trotz aller litterarischen Geschäfte, und Karl selbst hielt es nicht für einen Raub, die Schule zu beaufsichtigen und persönlich Belobung wie Strafe zu erteilen. Und bald trat neben die Pfalzschule die große Schule im Kloster des heiligen Martin zu Tours unter der Leitung Alcuins, der die räuchrigen Dächer der Bischofsstadt für schöner hielt, als Roms goldene Zinnen, und weiterhin erwuchsen hier und dort Pflanzstätten der neuen Bildung im Reiche; im deutschen Teile desselben vornehmlich zu Köln, Fulda, Metz, St. Gallen, Salzburg. Ein neues Leben sah noch Karl selbst aus diesen Anfängen erblühen: es war nur natürlich, wenn es an seinem Hofe die erste Frucht einer wirk— lichen Renaissance zeitigte. Als solche darf man den Verkehr bezeichnen, der sich seit etwa den späteren neunziger Jahren des 8. Jahrhunderts um die Person Karls entwickelt. Auf dem Fuße nahezu völliger gesellschaftlicher Gleichheit verhandelt der große König jetzt mit dem zahlreichen Kreise seiner Gelehrten, er selbst als König David, Alcuin als Horaz, Theodulf als Pindar, Angilbert als Homer, der baukundige Einhard als Beseleel bezeichnet: alt— testamentliche wie klassische Erinnerungen wurden belebt, um das gegenseitige persönliche Verhältnis über die störenden Be— ziehungen der Zeit auf ideale Höhe zu heben. Und dieser Ver— kehr hörte nicht auf, als die hervorragendsten Gelehrten je länger je mehr von der Residenz Karls abgeordnet wurden in die Provinzen und Grenzlande des weiten Reiches, um dort mit ihrer Person neue Mittelpunkte klassischer Bestrebungen zu bilden. Nun trat an Stelle der mündlichen eine ausgedehnte briefliche Unterhaltung, darin der Kaiser nie müde ward, Fragen zu stellen und Belehrung anzunehmen, und die, weit entfernt von wissenschaftlicher Pedanterie, Raum ließ für eine Fülle persönlicher Beziehungen, humorvoller Wendungen, für Mitteilungen von Herz zu Herz und von Freund zu Freund.