Die Karlingische Renaissance. s5 Vor allem aber versuchte das neue Leben sich in einer neuen ditteratur und einer neuen Kunst schöpferisch auszusprechen. Freilich zeigte sich hier, und vor allem auf dem Felde der Dichtung, auch die ganze Schwäche der Bewegung. Alle Ver— suche mittelalterlicher Renaissance haben an sich etwas Unstätes, Sprunghaftes; nur je nachdem bedeutende Personen Anhänger der Antike sind, flackert hier und da das Feuer der Begeisterung ꝛmpor: die eigenmächtige Renaissance, die sich der Reife des Volksgeistes entrang, war unter Deutschen dem 15. und 16. Jahrhundert vorbehalten. In Karlingischer Zeit blieb auch unter der Anregung Kaiser sarls die neue Dichtung Hofpoesie, und nie konnte fie den Aus— gangspunkt von der Schule, statt vom Leben verleugnen. So waren nicht poetische Anregungen, die dem germanischen Volksleben entspringen konnten, in ihr mächtig; epische Leistungen, in denen das Volkstümliche zunächst zu suchen wäre, blieben zurück, mochten auch immer die Thaten Karls durch den Hibernicus Exul und Angilbert', die Ereignisse unter Ludwig dem Frommen durch Ermoldus Nigellus, den nach Straßburg verbannten Aquitaniermönch, besungen werden. Im Mittelpunkte des poetischen Schaffens standen die Spätlinge jeder gesunden nationalen Entwicklung, wie sie am Hofe des Augustus und in den späteren Jahrhunderten der römischen Kaiserzeit geblüht hatten: das Idyll und das Lehrgedicht, das Epigramm und die Epistel. Und auch sie wieder bewegten sich nicht in weiteren Geleisen; nur zu häufig tragen sie den Stempel und die levis nota der Gelegenheitsdichtung: der Hof und die Person Karls des Großen beherrschen erdrückend die poetische Stimmung. Dazu wollte es das Schicksal, daß in der unmittelbaren Tafelrunde Karls Dichter von Gottes Gnaden fehlten. Zwar haben alle Träger des akademischen Hoflebens gelegentlich gereimt; 1 Ihm wird der Karolus Magnus eét Leo III. papa, Bruchstück rines größeren epischen Gedichtes, zuzuschreiben sein, vgl. Simson in Forschungen z. Deutsch. Gesch. 12, 567 ff.; Ebert Littgesch. 2, 88 f., Althoff m Mündener Gymnasialprogr. vom Jahre 1888 (No. 821). Lamprecht, Deutsche Geschichte II.