70 Fünftes Buch. Zweites Kapitel. Seite her blieb nur die Möglichkeit einer formalen Gelehrsamkeit, also einer rein äußerlichen Pflege und Reproduktion der antiken Überlieferung. Hierin erschöpft sich in der That die wesentliche Bedeutung, welche die Gelehrsamkeit der Karlingischen Renaissance be— anspruchen kann. Zwar erhielten sich längere Zeit hindurch die ersten Anfänge wenigstens halbwissenschaftlicher geschichtlicher Auf—⸗ fassung noch in reicher annalistischer und meist unselbständiger biographischer Thätigkeit: aber auch sie schwinden gegen Schluß des 9. Jahrhunderts dahin; die Reichsannalen hören in West⸗ franken im Jahre 882, in Ostfranken mit dem Jahre 901 auf, die Annalen von Sankt Vaast brechen mit 900 ab, Reginos Werk mit dem Jahre 906. Übrig bleibt seitdem, wenigstens auf germanischem Boden, nur eine unselbständige, wenn auch gewissenhafte Tradition der Kirchenväter und der Alten, wie sie schon bisher den breitesten Raum beansprucht hatte. Es war schon schätzenswert, nahm diese Reproduktion die abgekürzte Form der encyklopädischen Bearbeitung an, wie das in der Höhezeit der Bewegung, in den Jahren Hrabans und Walah⸗ frids, der Fall war. Es ist das Schicksal jeder Rezeption des klassischen Alter— tums auf deutschem Boden gewesen, daß sie mit dichterischem Aufschwung begann, mit wissenschaftlichem Betriebe endete. Den lateinischen Poesieen der Humanisten folgte die erste große ohilologische Periode der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts, der klassisch bewegten Zeit Schillers und Goethens der Auf⸗ schwung der historisch-philologischen Studien seii F. A. Wolf, den Gebrüdern Grimm, Niebuhr und Ranke. Es ist ein an— scheinend notwendiger Vorgang. Keine Rezeption kann Erfolge aufweisen, wird sie nicht von der vollen Begeisterung einer wichtigen Volksschicht getragen: das setzt aber volles Einleben in den aufzunehmenden fremden Ideen- und Lebensinhalt, d. h. eine künstlerische That voraus. Sie ward vollbracht vom akademischen Kreise Karls des Großen und von diesem selbst, und später von den Humanisten, von den Dichterfürsten des oorigen Jahrhunderts. Doch jedesmal verflog der schöne Rausch;