Die Karlingische Renaissance. 75 des Achener, Brüsseler und Strahower Evangeliars, deren Ur— sprung mit guten Gründen in die Pfalzschule selbst verlegt worden ist. Und schon in den späteren Tagen Karls des Großen, noch mehr seit Ludwig dem Frommen erweiterte sich das Feld der neuen Kunst; die figuralen Schöpfungen nahmen immer größeren Raum in Anspruch, bis große Cyklen von Wandmalereien ent⸗ standen. Das wirkte wiederum auf die Buchmalerei zurück; man ward freier, weniger abhängig von der klassischen Über— lieferung; schließlich schuf man völlig selbständig neue Scenen, wenn auch unter dem Eindruck antiker Auffassung: kein Denk— mal zeigt diesen Aufschwung eindringlicher, als das berühmte Sakramentar des Bischofs Drogo von Metz vom Jahre etwa 8551. Es ist wahrscheinlich in Metz selbst entstanden. Denn längst schon war die neue Vewegung nicht mehr ausschließlich an die nächste Umgebung des Hofes gebunden; überall, wo man Sinn besaß für die Pracht des christlichen Kultus, wo eine höhere Landeskultur materielle Mittel zur Verfügung stellte, da hatten sich junge Schulen der Miniaturmalerei gebildet: so in Tours und St. Denis, in Reims, Metz und Lüttich und in anderen Orten an den Grenzen romanischen und germanischen Wesens. Ja darüber hinaus war die Strömung geflutet bis in die peripherischen Glieder des Reiches, namentlich auch nach den Gegenden jenseits des Rheins; in Sankt Gallen und Reichenau, in Fulda und wohl auch in Köln wurde eifrig ge⸗ malt, und bis zum fernen Kloster Kremsmünster im bairischen Osten drang die Bewegung. Freilich verlor sie auf dem langen Wege an Tiefe. Wer die rohen Zeichnungen des Codex millenarius von Krems- münster oder der Nürnberger und Münchener Evangelienfragmente mit den herrlichen Miniaturen Westfrankens vergleicht, wird sich ohne Kenntnis der Zwischenglieder schwerlich des engen Zusammenhanges und des gleichen Nährbodens der beiderseitigen Erzeugnisse bewußt werden. Jetzt Paris Nationalbibl. Cod. lat. 9428.