Die Karlingische Renaissance. 77 unglücklichsten Verkürzungen, die vor keinem Wagnis scenischer Anordnung zurückschrecken; mit Recht konnte ein Ästhetiker des 13. Jahrhunderts, vielleicht eben im Gedenken an Karlingische Kunst, behaupten: pictoribus atque poetis quaelibet audendi semper fuit aequa potestas! Weisen diese Eigenschaften der germanischen Kunst des H. Jahrhunderts, soweit sie unter dem Einfluß der Karlingischen Renaissance steht, darauf hin, wie unendlich weit die ästhetische Auffassung der germanischen Stämme noch von einem waähren Verständnis der klassischen Kunst entfernt war, so ergiebt sich doch andrerseits schon überall, auch in den besten Leistungen des westfränkischen, romanischen Bodens dieser Zeit, eine tiefe germanische Einwirkung: auch gegenüber dem über— wältigenden Aufleben des antiken Vorbildes verzweifelt die germanische Kunstanschauung nicht, ja weiß sich teilweis zurchzusetzen. Das Schönheitsideal des menschlichen Hauptes wird germanisch; schon in den Evangelisten wie im segnenden Christus des Gottschalkevangeliars aus den ersten Jahren Karls des Großen ist an Stelle des runden Römerkopfs ein zartes Gesichtsoval getreten mit langer Nase, mit kleinem, von starker Unterlippe getragenen Mund, mit großen, von schweren Brauen überschatteten Kinderaugen: ein germanischer Typus?. Gleich— zeitig beginnen alle Figuren das Streben nach energischer Be— tonung des inneren Lebens zu zeigen?: nicht das Formschöne, sondern das Bedeutende erscheint als Wesentliches der Dar— stellung; man gestikuliert mit viel zu großen Händen gewaltsam in äußerst geschickt nuancierten Bewegungen, und stets sind alle Dargestellten in die klarste und straffste Beziehung zum ent— scheidenden Moment der Scene gesetzt. Das alles sind germanische Beiträge zu dem reichbewegten Bild der Karlingischen Malerei, und unter ihrem Einfluß be⸗ Durandus Rationale ed. Antverp. 1614 fol. 14b. 3 Daß es sich dabei um den germanischen Typus handelt, zeigen Bastard Taf. 116—117, vgl. auch Taf. 196. s Darüber handeln eingehend Leitschuh S. 885-394, besonders aber Tikkanen 244-268, 808 f. und Leitschuh bei den Abendmahlsaposteln 164 ff. Weitere Beispiele eb. 183. 188. 192 ff. 202.