78 Fünftes Buch. Zweites Kapitel ginnt diese selbst sich auch in der Technik teilweis zu ändern. Schon fällt hier und da die schwierige Farbengebung der Guache— malerei hinweg; bloße Konturen mit leichter Farbenlavierung geben sich als fertiges Ganzes, ja schon in bloßer Federzeichnung glaubt man gelegentlich ein abgeschlossenes Kunstwerk geschaffen zu haben. Es sind die Anfänge einer Richtung, der im Ringen von mehr als sechs Generationen die Federzeichnung der Stauferzeit entwachsen ist, der erste national-deutsche Stil, der sich über das bloß Ornamentale hinaushebt. Unterhalb der Bewegungen aber, welche die Karlingische Renaissance auf dem Gebiete der bildenden Künste veranlaßte, lebte noch ungebrochen in alter Frische die nationale Kunst der Ornamentik. Zwar hatte sie unter dem Einfluß der schottischen Missionare ihren Formenkanon erweitert: zu den alten Ver— schlingungen der Tierornamentik waren Einflüsse der ornamentalen — nach dem germanischen Ornament verwandt, rasch verarbeitet. Auch die Fortschritte der metallurgischen Kuünste hatten eine Wandlung hervorgebracht, die den alten Formenschatz nur mehrte, ohne ihn zu sprengen; die Spirale war als beliebtes Slement neben Band, Tierkopf und stilisierten Punkt getreten. In dieser Bereicherung ward die germanische Ornamentik vom Hauche der Karlingischen Renaissance getroffen. Das erste Ergebnis war ein fast erschreckender Reichtum der Motive; zu dem germanischen und irischen Zierschatz trat auch noch der klassische mit seinen Eierstäben und Akanthusblättern, mit seinen Mäandern und Flachmustern, mit jenen zierlichen Lampen, Vögeln, Leuchtern, die in tausend Abwandlungen zur Füllung größerer ornamentaler Flächen dienten. Aber die frühkarlingische Zeit nahm es mit Erfolg auf sich, all diese Motive gleichzeitig zu bewältigen; nie hat eine Kunst in größerem ornamentalen Überfluß geschwelgt, ohne sich selbst zu verlieren. Später traten dann, bezeichnend genug, die klassischen Elemente wieder zurück: die nationale Ornamentik beherrschte von neuem das Feld. Aber nicht mehr in der alten Formlosigkeit ihrer Ver—