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        <title>Urzeit und Mittelalter</title>
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      <div>58 
Fünftes Buch. Zweites Kapitel. 
spräche mit den ersten Gelehrten seiner Zeit keine Gelegenheit 
versäumte, sich und sein Volk zu unterrichten. Doch war dieser 
deutsche Fürst nicht verschieden von jenem Kaiser, der die Not— 
wendigkeit einer geistigen Hebung seines Volkes aus dem noch 
unversiegten Lebensborn der antiken Kultur zuerst aufrichtig er— 
kannte und aus innigster Überzeugung heraus an seinem Hofe 
die erste Wiederbelebung der Antike, eine erste deutsche Renais⸗ 
sance entwickelt hat. 
III. 
Freilich war diese erste deutsche oder fränkische Renaissance 
nicht die früheste germanische. Vielmehr war schon mehr als 
ein Jahrhundert früher, bei dem jüngstbekehrten Stamme der 
großen germanischen Völkerfamilie, an den äußersten Grenzen 
des Erdkreises der Alten, unter den Angelsachsen, eine hohe 
Blüte klassischer Rezeption entsprungen. Wie die Angelsachsen 
unmittelbar von Rom aus durch die persönliche Einwirkung 
Papst Gregors des Großen zum Christentum bekehrt worden 
waren, so knüpften sie seit dieser Bekehrung mit ihren Bildungs— 
interessen unmittelbar an die Antike in ihrer reinsten damals 
zugänglichen Form an. Römische Meister, Mönche von Afrika und 
Tarsus unterrichteten sie daheim, und asketische Entäußerung 
der Heimat führte schon früh viele bedeutende Männer von den 
nebelumsponnenen Eilanden zur Sonne Italiens: so war es die 
Unmittelbarkeit persönlicher Beziehungen, wodurch die Antike 
in England neues Leben erhielt. Und nicht bloß in der Form 
gelehrter Studien. Alt und Jung, Männer und Frauen be— 
teiligten sich gleichmäßig an der Übung lateinischer Sprache, an 
der Lektüre der Alten, ja in gewissen Grenzen an der Aufnahme 
des klassischen Lebensideals. Eine neue Erhebung erfolgte auf 
dem Gebiete der lateinischen Weltlitteratur; und eben der Um— 
stand, daß sie in Sprache wie Inhalt durchsetzt ist von angel— 
sächsischem Denken wie von nationaler Formgebung, beweist, 
bis zu welchem Grade man sich in den Besitz einer neuen, ein— 
heitlichen, aus klassischen wie germanischen Bestandteilen gleich— 
mäßig errungenen Lebensanschauung gesetzt hatte. Es sind die</div>
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