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        <title>Urzeit und Mittelalter</title>
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            <surname>Lamprecht</surname>
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        S
*

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8

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4.

2

⁊
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21

87
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        4*

*
        <pb n="3" />
        Deutsche Geschichte

301n

Karl Lamprecht.

Der ganzen Reihe zweiter Band.

Dritte durchgesehene Auflage.

Ixeiburg im Breisgau.
Verlag von Hermann Hepfelder.
1904.
        <pb n="4" />
        Deutsche Geschichte

3011

Karl Tamprecht.

Erste Abteilung:

Urzeit und Mittelalter.

Zeitalter des symbolischen, typischen und konventionellen Seelenlebens.

Zweiter Band.

Dritte durchgesehene Auflage.

Ireiburg im Breisgau.
Verlag von hermann heyfelder.
1904
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        7
—— J
553 14
Iö—
⸗

*
—

—A

Arð
X.
—
—
7
        <pb n="6" />
        Porwortf.

Die erste und zweite Auflage dieses Bandes sind ohne
Vorwort erschienen. Auch die dritte würde eines solchen
nicht bedürfen, wenn nicht dem Leser mitzuteilen wäre, daß
für ihre Bearbeitung in Herrn Dr. Hashagen in Köln eine
Hilfskraft eingetreten ist. Da die Bearbeitung der späteren
Bände weit mehr Aufwand an Zeit und Kraft erfordert, als
ursprünglich vorgesehen, und da es dem Autor als erste
pflicht erscheinen muß, den Abschluß des ganzen Werkes
herbeizuführen, so war dieser Ausweg unerläßlich.
Herr Dr. Hashagen, mein lieber Schüler und Freund,
hat sich seiner Aufgabe, wie ich immer wieder festzustellen
Gelegenheit hatte, mit außerordentlicher Genauigkeit und mit
großem Fleiße unterzogen; zahlreiche Anderungen des Tertes
zeugen von seinem selbständigen Eingreifen; und so darf die
Hoffnung ausgesprochen werden, daß die neue Auflage auch
üngsten Forderungen der Wissenschaft entsprechen werde.
Freilich: so berechtigt manche Bedenken waren, welche die
Kritiker gegen die früheren Auflagen aussprachen: viele ihrer
Ausstellungen haben sich vor einer allgemeinen, eingehenden und
objektiven Nachprüfung jetzt als übertrieben und unberechtigt
zrwiesen.

Sind solche Ausstellungen gleichwohl gemacht worden, so
muß man sich daran erinnern, daß der Begriff wissenschaft⸗
licher Akribie keineswegs einfach ist und eine wirkliche metho⸗
dologische Durcharbeitung, so verwunderlich dies erscheinen
ann, noch keineswegs erfahren hat.
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        1

Vorwort.

Wer von hohem Bergesgipfel aus eine weite Landschaft
in Morgen- oder Abendbeleuchtung, bei langem Strahl der
Sonne, betrachtet, der genießt der äußersten Schärfe der Um—
risse aller Hihen bei manch brauendem Nebel der Tiefe; der
Hauch der Grüfte dringt nicht bis zu ihm empor. Wer die—
selbe Landschaft am Mittag, unter senkrecht einfallendem Strahl
sengender Mittagssonne, sieht, dem erscheint jede Einzelheit zu
einen Füßen aufdringlich klar, während die Fernen ver—
schwimmen. Es ist der Unterschied zweier Arten wissenschaft—
icher Betrachtung, einer fernsichtigen und einer nahsichtigen:
beide haben, wie sich ohne weiteres ergiebt, ihre besondere, sehr
von einander abweichende Auffassungsweise und dementsprechend
auch eine verschiedene Art der Akribie.
Freilich giebt es noch eine dritte Art wissenschaftlicher
Arbeitsweise. Sie vereinigt Nahes und Fernes in gleichem
Augenmaß, so wie es Momente landschaftlicher Aussichten giebt,
in denen Horizont und nächste Umgebung gleich klar erscheinen.
Allein wie solche Momente bekanntlich selten sind und beson—
deren, nicht häufig zusammentreffenden Umständen verdankt
werden, so sind auch die Möglichkeiten so gearteter wissenschaft—
licher Arbeit nicht zahlreich; unter den Bedingungen, die für
ihre Durchführung maßgebend sind, spielt vor allem Wesen und
Begrenztheit der menschlichen Arbeitskraft, das vita brevis ars
longa, eine Rolle; und es würde sich wohl lohnen, diese wie
andere für solche Arbeiten notwendigen Voraussetzungen einmal
genauerer methodologischer Betrachtung zu unterziehen.

Leipzig, September 1903.

K. Camprecht.
        <pb n="8" />
        A

Fünftes Buch.
brstes Kapitel. Entstehung, Btüte und Versall des Karlingischen
Weltreichs.

J. Die Anfänge der Karlinge. .. .....
Herkunft des Geschlechtes. Lage des Reiches im Be—
ginn des 7. Jahrhunderts. Arnulf von Metz und der älteste
Pippin. Grimwalds Staatsstreich. Emporkommen Pippins
des Mittleren, Aufschwung zur Erblichkeit unter Karl
Martell. Verhältnis zum deutschen Osten: Eroberung
Frieslands. Siegeszug des Islams: Karl Martell, Aqui⸗
tanien und die Sarazenen.

II. Das Reich unter Karlmann und Pippin; frän—
kische Kirchenreform, König VPippin und das
Papsttum.. .. .. 555.
Reichsteilung, Sonderstellung Grifos. Einverleibung
Alamanniens und Aquitaniens. Reform und Organisation
der fränkischen Kirche. Lage des Vapsttums in Italien.
Krönung Pippins, Begründung des Kirchenstaates
III. Die deutsche Politik Karls des Großen ...
Sicherung des Frankenreiches im Westen, Tod Karl⸗
manns. Die Sachsenkriege. Eroberung Bayerns, Ver—
hältnis zu den Awaren und südöstlichen Slawen, deutsche
Kolonisation an der mittleren Donau.

IV. Die Universalpolitik Karls des Großen ...
Eroberung Italiens. Verhältnis zum Papsttum;
italienische, universale und fränkische Beziehungen. Ver⸗
hältnis zu Byzanz. Erneuerung des Kaisertums. Be—
deutung des Karlingischen Kaisectums.

Seite
—0

1221

21—29

30 —85
        <pb n="9" />
        VII

Inhalt.

Sette

V. Versuche zur Begründung dynastischer Reichs—
einheit; Schicksale des Universalreiches bis zu
seinem Untergang am Schlusse des 9. Jahr—
hunderts. ee4—
Ludwig der Fromme, das Hausgesetz des Jahres 817
und die Herrschaft des Klerus. Kaiserin Judith, Geburt
Karls des Kahlen, Bruch mit Klerus und Hausgesetz. Die
Wirren der dreißiger Jahre des 9. Jahrhunderts und der
Vertrag zu Verdun. Kämpfe Ost- und Westfrankens um
Lothringen: thatsächliche Zerstörung des Universalreiches.
Ubergang der Kaiserkrone auf Ostfranken und den Bastard
Arnulf von Kärnten, Lossagung Karls des Einfältigen
von Frankreich: formelle Aufhebung der Reichsverfassung.

Zweites Kapitel. Die Karlingische Renaissance.
J. Die Persönlichkeit Karls des Großen ...
Die Metzer Kaiserstatuette und das Porträt Dürers
Anschauungen über Karl den Großen in Geschichtsschreibung
und Sage des Mittelalters. Sozialpsychische Gebundenhei—
großer Individuen.

IU. Familien- und Hofleben......
Auffassung der Ehe durch Karl den Großen. Ge—
mahlinnen und Töchter des Kaisers. Gemütsleben unt
häusliches Dasein. Tagespflichten der Herrschaft. Wander—
dasein Karls und der deutschen Könige überhaupt. Natio—
naler Charakter des Hoflebens.
III. Der Hof und die Rengaissance........
Die Vorrenaissance der Angelsachsen und Langobarden.
Anfänge der fränkischen Renaissance unter Pippin und Karl.
Karl in Italien. Erste Gelehrte am fränkischen Hofe, Unter—
richt der Hofgesellschaft. Höfische Akademie (Anterrichts—
technik), späterer brieflicher Verkehr Karls mit seinen Ge—
lehrten.

IV. Die Litteratur der Renaissance.. . ...
Die Dichtung der Tafelrunde Karls; Nachzügler der
frühkarlingischen Schule in Deutschland. Überwiegen der
geistlichen Gelehrsamkeit im 9. Jahrhundert; ihr Charakter
und ihr Verfall. Verknöcherung des Bildungswesens. All—
gemeines über den Verlauf der klassischen Rezeptionen
in Deutschland.

3545

46—51

51258

58263

642 71
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        Inhalt.

V. Die Kunst der Renaissance . .. FB
Baukunst. Malerei und Bildhauerei: unmittelbare
Einwirkung des Hofes (Libri Oarolini) Elfenbeinschnitze—
reien, Buchmalerei, Wandmalerei. Malschulen im Centrum
und in der Peripherie des Reiches. Wechselwirkung zwischen
germanischer Kunstanschauung und Renaissance. Ein—
wirkung der neuen Kunst auf die germanische Kunstweise
der Ornamentik.
VI. Wirkungen der karlingischen Renaissance spe—
ziell in Deutschland ., ä
Förderung der künstlerischen Anschauung. Einfluß auf
die dichteriiche Anschauung. Vermittlung von Wissen.

Drittes Kapitel. Wirtschafttiche, soziale, politische Wand⸗
lungen vom achten zum zehnten Zahrhundert; S5chicksate
des ostsränkischen Reiches.
J. Verschiebung der Eigentumsrechte am Grund
und Boden; Entwicklung der Großgrundherr—
schaft.......... . . . ..
Gegensätze des 6. und 9. Jahrhunderts: Bodenregal
und Lehnswesen. Übergang der Nation zu vollem Acker⸗
bau. Differenzierung des Grundeigens der Freien: ver—
änderte Rechtsordnung, Markenausbau. Entstehung und
Entwicklung des Großgrundbesitzes bis zum Schlusse des
10. Jahrhunderts. Organisation des Grundbesitzes in der
mittelalterlichen Grundherrschaft. Ihre Bedeutung für die
geistige Entwicklung der Nation.
Einwirkung der Großgrundherrschaft auf die
soziale Schichtung.... ..5553
Zertrümmerung der geldwirtschaftlichen Reste der
Römerzeit. Die Großgrundherrschaft der eigentliche soziale
Motor seit dem Ende des 7. Jahrhunderts. Unfreie und
Hörige innerhalb des grundherrschaftlichen Verbandes.
Eintritt von freien Hintersassen. Verschmelzung und neue
Gliederung aller dieser Klassen innerhalb der Grund.
herrschaft.
II. Ausstattung der Grundherrschaft mit poli—
tischen Rechten.. . . . .. . X....
Immunität. Vassallität. Seniorat. Bedeutung dieser
politischen Rechte in den Händen der Großgrundherrschaft
für die Nation und den Staat.

IX

Seite
71 79

79 -83

84—93

9399

99 — 104
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        Inhalt.

eite
[V. Entstehung des Lehnswesens: Verbindung des ⸗
Vassentums mit dem Benefizialwesen. .. 1054112
Precaria, Benefizium und Vassentum. Die Vasallität
durchdringt das Heerwesen und die Staatsverwaltung:
Charakter des neuen Lehnsstaates am Schluß des 9. Jahr⸗
hunderts: Erblichkeit der Lehen. Tiefere Gründe für die
Entstehung des Lehnswesens.

7. AÄAußere Schicksale des Universalreiches und ins—
besondere Ostfrankens; Wiederaufleben der
Herzogtümer in Deutschland, Kampf zwischen
Königtum und Herzogtum.....41118—121
Grenzkämpfe gegen Sarazenen und Normannen. Ost—
fränkische Abwehr der Slawen und Ungarn. Das Herzog—
tum in Sachsen, Bayern, Franken, Schwaben, Lothringen.
Die Zeit Ludwias des Kindes und Konrads J.

Sechstes Ruch.
Erstes Kapitel. Gründung des deulschen Reiches,
Erneuerung des Kaisertums.

l. Heinrich J5. 125-134
Designation und Wahl. Begründung des Liudolfin—
gischen Königtums gegenüber ˖ den Herzögen. Verhältnis
zu Frankreich. Innere Politik seit 925, vornehmlich zur
Verteidigung Sachsens. Ungarnkämpfe, Slawen- und
Dänenkriege. Stellung zur Kirche. Designation Ottos J.
Charakter des Königs.

II. Anfänge Ottos des Großen bis zur Befestigung
des Königtumgg. 134-140
Persönlichkeit Ottos. Erste innere Kämpfe für die Be—
festigung der Monarchie: Umgestaltung der Herzogswürde,
Vergebung der Herzogtümer an Familienglieder, Entwick⸗
lung der Pfalzverwaltung. Stellung des Episkopats.
Die nordöstliche Reichsgrenze unter Otto dem
Großzßen. *
Cechen und Dänen. Slawische Aufstände, Hermann
Billung und Gero. Mission unter Slawen und Nordger⸗
manen. Deutsche Verwaltung und Kolonisation im Slawen⸗
— D
Haltung des sächsischen Adels. Kirchliche Maßregeln der
Spaätzeit Ottos.

III.

140 - 145
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        Inhalt.

XI

IV. Das Königtum um die Mitte des 10. Jahr—
hunderts... 145 -156
Verhältnis zu Frankreich, Burgund und Italien. Erster
Zug nach Italien, Otto König der Langobarden. Aufstand
Liudolfs. Ungarnschlacht auf dem Lechfelde. Kirchliche
Wendung der inneren Politik.

Seite

V. Kaiserpolitik Ottos des Großen. .. . ..
Italienische und römische Verhältnisse nach der Mitte
des 10. Jahrhunderts. Zweiter italienischer Zug Ottos,
Kaiserkrönung. Kaiser und Papst. Letzter Aufenthalt Ottos
in Italien: Anlehnung der langobardischen Fürstentümer
an das Reich, Vermählung Ottos II. mit Theophanu.
VIJ. Aufschwung und Fall der centralistischen und
universalen Politik Ottos II.. . ...
Charakter Ottos II. Unitarische Maßregeln in Deutsch—
land: Bayern, Kärnten, Lothringen. Zug nach Paris.
Grenzpolitik im Norden und Osten. Universale Beziehungen
in Unteritalien: Byzanz und der Islam. Eingreifen und
Niederlage Ottos in Unteritalien, Tod des Kaisers. Slawen—
aufstände, Verlust Dänemarks, Einfälle der Wikinger, Ver—⸗
selbständigung Frieslands. Thronstreitigkeiten, Lockerung
der Reichseinheit während der Minderjährigkeit Ottos III.

156 - 161

161 -171

Zweites Kapitel. Nationales Geiftesleben im neunten
und zehnten —A
l. Gegenwirkung der germanischen Stämme gegen
die Schöpfungen der Karlinge um die Wende
des 9. und 10 Jahrhunderts........ .
Römisch-absolutistische Färbung der Karlingischen Uni—
oersalherrschaft. Ihr Verfall; Emportauchen der deutschen
Stammeskultur in Recht und Verfassung: Herzogtümer.
Untergang der Stammesherzogtümer und der Stammes—
kultur im 11. bis 18. Jahrhundert, ihre Blüte noch im
10. Jahrhundert.
Konstitutive Grundlagen des geistigen Lebens
der Nation..
Privatrecht: Rechtsgang, das Individuum als Subjekt
oon Rechten. Genossenschaftsleben: Wandlungen der Mark—
oerfassung. Geschlecht und Familie: Verfall der Bedeutung
des Geschlechts, neuer Typus der Familie in rechtlicher,
sittlicher, wirtschaftlicher Hinsicht.

173 177

II.

177—183
        <pb n="13" />
        xu

Inhalt.

II. Sittliches und intellektuelles Dasein. . . ..
Die Sittlichkeit als geschichtlicher Begriff. Gebunden—
heit der sittlichen Begriffe; Reziprozität und Formalität;
Typik des sittlichen Handelns. Objektiver Bestand der
Sittlichkeit: Jugendlichkeit der Gesellschaft im Bösen wie
Buten. Sittliches und intellektuelles Dasein in ihren
gegenseitigen Beziehungen. Gegenständlichkeit des Denkens.
Unpersönlichkeit der Sprache. Typik der intellektuellen
Auffassung: Mangel an Sinn für Massenerscheinungen,
Autoritäts- und Wunderglaube, Mangel an Verständnis
von Charakteren.

(V. Kunst und Dichtung... ...5
Die Pflanzenornamentik des 8. bis 12. Jahrhunderts.
Verfall der ornamentalen Kunstanschauung. Nachblüte einer
konventionellen Tierornamentik an den Bauten des 12. Jahr—
junderts. Verfall des alten Heldensanges. Entwicklung der
zuständlichen Epik des 8. bis 12. Jahrhunderts: Anekdote,
Sagelied, Umformung älterer epischer Stoffe; Legende,
Schwank, Tierfabel. Pflege der Dichtung durch den Spiel—
mann. Neue Elemente der Formgebung. Anfänage lyrischen
Empfindens.

V. Glaube und Frömmigkeit...... ...
Kirche und Christentum im Verhältnis zur religiösen
Aufnahmefähigkeit der Deutschen des 8. bis 10. Jahr—
hunderts. Zunehmender christlich-germanischer Sinn: Hôl—
jand und Otfrid. Konkreter Supranaturalismus in Dogma
und Leben; Heiligenverehrung und Wunderglaube. Askese.

VI. Klausnertum und Kirchenreform.. . ..
Weltflucht: Einsiedlerwesen und Wanderdrang. Die
lothringische Kirchenreform und ihre Ausläufer links des
Rheines. Rechtsrheinische Reformversuche. Geistesleben des
reformierten Mönchtums. Einfluß auf Kirche und Staat.

Drittes Kapitel. Ottonische Renaissance;
Kirchenreform und Aniversalpolitik um die Wende des
zehnten und elsten Zahrhunderts.
l. Grundlagen und Charakter der ottonischen Re—
naissanee....
Die Kirche Trägerin der Karlingischen Spätrenaissance.
Verhältnis der Askese zur Antike. Ausgang der neuen

Seite
183-192

192 199

99 2 208

208 — 214

215223
        <pb n="14" />
        Inhalt.

XIII

Seite

Renaissance vom königlichen Hofe. Rückschlag auf den
Regularklerus und die Klöster. Schließliche Beteiligung
der einzelnen Volksschichten: von ihr abhängig der Charakter
der Renaissance.

(J. Kultur der ottonischen Renaissance.. ..
Kunst: Schmelztechnik und Elfenbeinplastik. Die
Miniatorenschulen, germanischer Einfluß in der Malerei.
Beschichtsschreibung. Dichtung: Hrotsuit und ihre Werke,
pätere Dichter.

III. Geistige Bewegungen in Frankreich und Italien
während des 10. Jahrhunderts. .. . . . .
Klassische Rezeption in Norditalien und Nordfrankreich
als Weiterentwicklung der Karlingischen Renaissance. Fran⸗
zösische Askese: Cluny und seine Propaganda bis zum
Schluß des 10. Jahrhunderts. Italienische Askese: der
heilige Nilus und der heilige Romuald.
[V. Kaiserliche Politik Ottos III.. . . . ....
Geistige Konstellation in Europa bei Beginn der selb—
ständigen Regierung Ottos III. Kirchenpolitik und religiöse
Neigungen Ottos: Adalbert von Prag. Cäsarische Ideale
des Kaisers: Gerbert von Aurillac. Die Katastrophe;
Haltung der Nation.

223 —230

230 -236

236 —246

Biertes Hapitel. Ausban des römischen Reiches
deutscher Nation.

l. Wahrung der Königsgewalt durch Heinrich II. 247 -2538
Königswahl. Neue Einung des Reiches. Anderung
der inneren Lage gegenüber den Ottonen. Friedenspolitik.

II. Die Regierung Konrads II. in Deutschland ..
Wahl Konrads. Befestigung des Reiches. Kaiser—
krönung. Innere Schwierigkeiten: Herzog Ernst von
Schwaben, Herzog Adalbero von Kärnten. Allgemeine
nnere und Sozialpolitik Konrads.

III. Innere Politik Heinrichs III.. .......
Charakter Heinrichs. Einführung eines besonderen
Friedens im Reiche nach Art der Treuga Dei. Verhältnis
zu den geistlichen und den Laienfürsten. Aufstände von
Laienfürsten; Herzog Gottfried von Oberlothringen.

253261

262 —266
        <pb n="15" />
        XV

Inhalt.

Seite
IV. Deutsche Politik an den Nord- und Ostgrenzen
des Reiches. .. 266276

Elbslawische und nordische Politik unter Heinrich II.
und Konrad II. UÜbergang der nordischen und elbslawischen
Politik an das Herzogtum Sachsen und das Erzbistum
Bremen. Deutschland und die Reiche der mittleren und
südlichen Ostgrenze: Polen, Böhmen, Ungarn.

V. Deutsche Politik an der Westgrenze des Reiches
und in Italien....
Verhältnis zu Frankreich. Eingreifen in Flandern.
Erwerbung Burgunds. Erste Eingriffe Heinrichs II. in
Italien. Italienische Politik des Papstes Benedikt VIII.
Auftreten der Normannen in Süditalien. Sicherung Ober—
italiens durch Konrad II. Verhältnis Konrads zu Unter—
italien (Normannen). Mittel- und Oberitalien in den letzten
Jahren Konrads.

VI. Gesamtcharakter der deutschen Politik in der
ersten Hälfte des 11. Jahrhunderts. .. ...
Innere Politik Verschiebung des Schwerpunktes des
Reiches von Norddeutschland (Sachsen) nach dem Süden.
Verzicht auf die ottonische Universalpolitik: das römische
Reich deutscher Nation.

276 - 285

285288

Siebentes Ruch.

Erstes Kapitel. Kirche und Reich in der ersten Hälfte
des elsten Jahrhunderts.

l. Die deutsche Kirche in den früheren Jahren
Heinrichs II..... 2091-294
Charakter und religiöse Stellung Heinrichs II. Politik
des Königs gegenüber Bistümern und Klöstern. Gründung
des Bistums Bamberg.

II.

Fortschritte Clunys. Die Reformideen in
Deutschland bis zum Tode Heinrichs II. ..2943801
Kirchliche Reformgedanken über Nikolaitismus, Simonie,
Verhältnis zwischen Regnum und Sacerdotium überhaupt.
Einfluß auf die deutsche Reform. Einfluß auf den Hof
(Heinrich II.). Aribo von Mainz.
        <pb n="16" />
        Inhalt.

v

II. Fortschritte der Reformbewegung in Deutsch—
land unter Konrad II. und in den ersten Jahren
Deinrichs III.. .. 2*
Konrads II. Einfluß in der deutschen Kirche. Weitere
Reformation deutscher Klöster im Sinne Clunys: Poppo
von Stablo. Einwirkung des kirchlichen Geistes auf die
Laienwelt; Vollendung einer neuen allgemeinen, kirchlich
chharakterisierten Lebensanschauung; Hebung der gesell⸗
schaftlichen Stellung des Klerus: Rückwirkung auf den
Staat und die königliche Gewalt in den ersten Jahren
Heinrichs III.

Seite

301 -305

[IV. Heinrich III. und das Papsttum.. . ...
Schisma dreier Päpste in Rom. Erster italienischer
Zug Heinrichs: Überweisung des päpstlichen Stuhles an die
Reformpartei, Verselbständigung der Normannen in Unter—
italien. Leo IX. als Befreier des Papsttums. Viktor II.
als Fortsetzer der Politik Leos IX., zweiter Zug Kaiser
Heinrichs nach Italien.
Verfall der deutschen Reichsgewalt vom Tode
heinrichs III.bis zur Selbstregierung Heinrichs IV. 311-3817
Vormundschaft der Kaiserin Agnes, Wirksamkeit
Viktors II. neben ihr, Zerwürfnis der Kaiserin mit den
Bischöfen. Raub des Königs, bischöfliches Regiment Annos
von Köln und Adalberts von Bremen. Der König mündig,
aber gänzlich unter dem Einfluß Adalberts. Sturz Adalberts.
VI. Erste Demütigung des deutschen Reichs und der
deutschen Kirche unter die Kurie.
Erstarkung der päpstlichen Macht bis zum Tode
Nikolaus II. Die Schrift Humberts Contra simoniacos,
äußere Politik Hildebrands unter Nikolaus II., das De—
erotum Nicolai. Wahl und schließliche Anerkennung
Alexanders II.: erster Sieg des Reformpapsttums über
das deutsche Reich.

317323

Zweites Kapitel.
Heinrich IV.z Königtum und Rapsfttum im Kampfe.
l. Der sächsisch-thüringische Aufstand bis zum Jahre
10458588...
Überblick Uber das Verhältnis von Reich und Reform⸗
kirchentum in der ersten Hälfte des 11. Jahrhunderts:
nnerlichere Stellung zur Kirche überhaupt. Sächsische

324335
        <pb n="17" />
        xV

Inhalt.

Verhältnisse bis zur vollen Selbständigkeit Heinrichs IV.
heinrich, Herzog Otto von Nordheim und Magnus von
Sachsen. Der Aufstand 1078 - 1074.
Heinrich IV. und Gregor VII. bis zur ersten
Bannung Heinrichs, 10768.. ....
Entwicklung des Papsttums in den Jahren 10640 1073.
Reformversuche Gregors VII. in Deutschland, Verhandlungen
mit dem König. Niederwerfung des sächsischen Aufstands.
Bruch des Papstes mit dem König, Absetzung Gregors,
Bannung und Absetzung Heinrichs.
Heinrich IV. und Gregor VII. bis zur zweiten
Bannung des Königs, 106068.. .. . 34842848
Die Tage von Tribur und Canossa. Verbindung
Gregors mit den deutschen Fürsten, Wahl Rudolfs von
Rheinfelden. Gegenwirkungen zu Gunsten Heinrichs, Ver—
quickung des Gegenkönigtums mit dem sächsischen Aufstand.
Parteinahme Gregors für das Gegenkönigtum. Peter
Crassus.
IV. —A 348 -853
Tod Rudolfs von Schwaben, Wahl Hermanns von
Luxemburg zum Gegenkönig. König Heinrich und die
italienische Politik: Wahl des Gegenpapstes Clemens III.,
Romfahrt und Kaiserkrönung Heinrichs, Tod Greaors.
Sein Charakter.
V. Universale Erhebung des Papsttums; erster
Kreuzzug 2*
Friedenspolitik Heinrichs in Deutschland, politische
Erfolge in Italien. Abfall Konrads. Kreuzzugspredigt,
Eroberung Jerusalems. Kaiser Heinrich verlassen in Italien.
VI. Letzte Jahre und Sturz Heinrichs. ...
Erneute Friedensbestrebungen des Kaisers in Deutsch—
land. Papale Verfolgung. Unzufriedenheit der Fürsten,
Abfall des jüngeren Heinrich. Tod des Kaisers.

Seite

I.

335—343

Drittes Kapitel. Sieg der kirchlichen Zdeen über Papfltum
und Kaisertum zugleich.
l. Fortschritte der christlichen Frömmigkeit, Bruch
mit dem gregorianischen System.... 38674379
Cluniacenser und Gregorianer in Deutschland: Wilhelm
oon Hirsau. Neue geistige Bewegungen auf romanischem
        <pb n="18" />
        Inhalt.

Boden: dialektische Strömung in Frankreich (Abälard),
romme Bewegungen in Sekten und neuen Orden Bernhard
von Clairvaux). Ubergang und selbständige Wurzeln dieser
Bewegungen in Deutschland: Sekten in Schwaben und am
Niederrhein, Anfänge der Ketzerei; bernhardinische Charaktere
unter den deutschen Bischöfen. Gerhoh von Reichersberg.

I. Seinrich Vvc.... ..
Heinrichs erste Jahre, sein Verhältnis zu den Fürsten
des Reichs und der Kurie, Romfahrt, Niederlage Paschalis II.
Die Gregorianer gegen den Kaiser, Aufstände in Deutschland.
deinrichs zweiter Zug nach Italien. Friede in Deutschland
unter erneutem Hervortreten der Fürsten, Verständigung
zwischen Heinrich und Calixt II. (Wormser Konkordat). Die
Sachsen in den letzten Jahren Heinrichs.

II. Kaiser Lothar 583 *8568
Die Wahl Lothars, ihre Anlässe und nächsten Folgen.
Kampf gegen die Staufer bis zur ersten Romfahrt. Lage
des Papsttums, Schisma Angelets II, Lothar unad Inne—
renz II. bis zur Anerkennung des Papstes durch den König.
Erste Romfahrt Lothars. Zweiter italienischer Zug, Ver—
aneinigung mit dem Papste, Tod Lothars. Nächste Schicksale
des Papfttums nach dem Tode des Kaisers.
IV. Konrad III. bis zum Ende des zweiten Kreuz—
zuges. .. . . . . ..
Konrads Wahl. Kampf mit den Welfen. Wirren im
Reich, drohende Anarchie. Zweiter Kreuzzug: die lateinischen
derrschaften im Orient; Kreuzpredigt Bernhards von Clair—
oaur; die Kreuzfahrt und ihre Mißerfolge.
V. Konrads letzte Jahre.. ......
Konrad, die Kurie und Roger von Sizilien vor dem
Kreuzzuge. Mißerfolge Konrads in Italien nach dem
Kreuzzuge. Vergebliche Versuche zur Wiederherstellung der
Königsmacht in Deutschland. Ausgang des Königtums
im Zeitalter der großen religiössen Impulse.

XVII

Seite

379 -388

389 —2398

398 -407

407 -411
        <pb n="19" />
        Fünftes Buch.

Lamprecht, Deutsche Geschichte II.
        <pb n="20" />
        Erstes Kapitel.

Enkstehung, Blüke und Verfkall des
Karlingischen Wellreichs.

— ——

Nach fränkischer Überlieferung war das Haus der Mero—
winge menschlicher Verbindung mit einem Seeungeheuer ent—
sprossen. Im christlichen Zeitalter der Karlinge lassen sich
Götter und Unholde, selber in ihrem Dasein geleugnet, nicht
mehr auf sterbliche Geschlechter herab. An die Stelle über—
menschlicher Befruchtung, wie sie das germanische Heidentum
für die speerwaltende Königsfamilie annahm, schob der Kirchen—
glaube die Erfüllung mit christlichem Geiste von oben her!: schon
in der Legende des 9. Jahrhunderts erscheint das Haus der
Karlinge mit einer Menge heiliger Ahnen bald aus Aquitanien,
bald aus Brabant ausgestattet; die christlich-sittliche Kraft des
romanischen Südens wie des germanischen Nordens sollte in
ihm als in einem einzigen Träger verkörpert scheinen.
Die Geschichte berichtet anders. Vor dem 6. Jahrhundert,
vor dem Auftreten des ältesten Pippin und Arnulfs von Metz,
weiß sie nichts von dem neuen Geschlecht; Dunkel ruht noch
über den wichtigsten persönlichen Verhältnissen des mittleren
Pippin; ja über Geburt, Kindheit und Knabenjahre noch Karls
des Großen blieb selbst der vertraute Biograph des Kaisers,
Einhard, ohne ihm bemerkenswertere Kunde?. Die Karlinge sind

Bgl. z. B. Jonas von Orleans, De inst. regia ad Pippinum
regem (34: Hauck 2II, 509) c. 7 (Migne, Patr. lat. 106, 295 f.).
Vita e. 4; vgl. Bernheim in den Hist. Aufsätzen, dem Andenken
an G. Waitz gewidmet, S. 79. 1*
        <pb n="21" />
        Fünftes Buch. Erstes Kapitel.

kein Haus alten Glanzes, sie sind Emporkömmlinge, Virtuosen
stummer und harter Arbeit, bis Karl der Große zu behaglicherem
Dasein und vergeistigtem Genusse des Lebens überlenkt.
Nur eine stetige, in ihren Mitteln rohe Energie, eine be—
schränkte, rein auf Erwerb materieller Macht gerichtete Thätig—
keit konnte die zerfallenen Verhältnisse des fränkischen Reiches
im 7. Jahrhundert meistern. Wie rasch sinken anders handelnde
Geschlechter im Merowingerreiche dahin: kaum eine Familie,
die sich in hoher Stellung länger als drei Generationen ver—
folgen ließe! Und das Königshaus selbst, glorreichen Anfangs
unter Chlogio, Childerich und Chlodowech, wie ist es nach vier
weiteren Generationen körperlich aufgerieben, sittlich und geistig
mißbildet! Die hohe Kultur des romanischen Bodens forderte
furchtbare Opfer
Freilich schien mit Beginn des 7. Jahrhunderts die grau—
sige Zeit Brunhildens und Fredegundens zu schließen. Chlo—
tachar II. war der Selbstvernichtung des Königsgeschlechtes ent⸗
ronnen; seit 613 war er Alleinherrscher des Reiches. Und
mehr: die ersten Jahre des jungen Königs verflossen in tüch—
tiger Arbeit, von allen Leidenschaften schien ihn nur die männ—⸗
liche der Jagd zu fesseln. Aber bald zeigte sich wieder, daß
Herrscherhaus und Reich morschten. Chlotachar erschöpfte sich
in unnennbarer Ausschweifung; der ehemalige Dienstadel des
Reiches, zur grundherrlichen Aristokratie entwickelt, sah in der
Treue gegen Herrscher und Staat nur noch ein Gut, um das
zu feilschen war; die peripherischen Glieder des Reiches, Aquitanien,
Sachsen, Thüringen, Alemannien, Baiern gingen die Wege
staatlicher Sonderbildung; und auch die Kronlande begannen
sich gegenseitig zu entfremden. Schon Burgund und Neustrien
traten in Gegensatz; noch mehr wirkte beiden Austrasien, ein
Land ganz deutschen Charakters, entgegen.
So war Chlotachar II. noch Alleinherr, nicht mehr Allein—
herrscher. Persönlich regierte er nur noch in Neustrien; in
Burgund befahl ein Hausmeier an seiner Statt, und die Austrasier
zwangen ihn im Jahre 622, ihnen seinen jungen Sohn Dago—
bert J. als Unterkönig zu setzen. Als Hausmeier und Berater
        <pb n="22" />
        Entstehung, Blüte und Verfall des Karlingischen Weltreichs. 5

Dagoberts treten Arnulf, anfangs königlicher Finanzbeamter,
dann Bischof von Metz, und der älteste Pippin, ein edler Laie,
die Ahnherren des Karlingischen Hauses, zuerst an die Führung
der Geschäfte: beide stehen bereits in jener engen Verbindung
geistlicher und weltlicher Anschauungen, die für das Zeitalter
des späteren Karlingischen Weltreichs bezeichnend ist. Sie
führten die Regierung zum Besten des Landes. Der Knabe
Dagobert wurde sorgfältig erzogen, der Friede im Innern ge—
sichert, die Ehre des Reiches nach außen erneut: Slawen und
Awaren zitterten vor dem ostfränkischen Namen. Als Bischof
Arnulf im Jahre 627 sich aus der Welt zurückzog in eine stille
Klause des Wasgenwalds, da konnte er Dagoberts Haupt in
der Hoffnung guter Zeiten segnen.
Es kam anders. Im J. 628 starb Chlotachar II. Da—
gobert ward zum Alleinherrscher fast des gesamten Reiches.
Er verlegte den Königssitz von Metz nach Paris, wies Pippin
vom Hofe, verstieß seine Gemahlin, heiratete anfangs die eine
Magd Nantechild, später drei Hauptgemahlinnen neben einem
Troß von Buhlerinnen, beraubte die Kirchen, preßte das Land:
ward zum typischen König spätmerowingischer Zeiten.
Austrasien ertrug diese Herrschaft um so weniger, als sie
von Neustrien ausging. Dagobert mußte die Maßregel seines
Vaters wiederholen; im Jahre 634 setzte er seinen Sohn
Sigibert III. zu Metz als austrasischen Unterkönig ein. Sigibert
war kaum dreijährig; man bedurfte von neuem leitender Kräfte.
Es ist bezeichnend, daß sie sich fast nur noch im Kreise der
Familie Arnulfs und Pippins finden ließen; seit 688 war
Pippin selbst wiederum Hausmeier; und als er ein Jahr darauf
starb, folgte ihm sein Sohn Grimwald, wenn auch nicht ohne
Unterbrechung, in dieser Machtstellung.
Grimwald war eine durchgreifende Natur; gewaltthätig auch
unrechten Ortes betrachtete er sich schon völlig als Erben des
austrasischen Hausmeiertumes. Dem königlichen Kinde Sigibert
trat er selbstherrlich entgegen; und auch nachdem der König
mündig geworden, benutzte er dessen Rechte nur, um sie im
eigenen Interesse gegen Adel und Kirche zu wenden: unver
        <pb n="23" />
        Fünftes Buch. Erstes Kapitel.

kennbar wuchs mit den Jahren sein Streben nach königlicher
Herrschaft. Da starb Sigibert im Jahre 656 mit dreißig Jahren
und hinterließ das Reich und einen jungen Sohn der Fürsorge
des Hausmeiers. Sollte Grimwald dem Knaben huldigen? Er
wagte das Unerhörte; er schor dem Königskinde das Haupthaar
und verbrachte es in ein fernes Kloster; er rief seinen Sohn
Childebert zum König aus und begehrte Gehorsam als Haus—
meier des eigenen Blutes.
Das war zu viel für die Parteiungen des Adels wie den
altvererbten Königssinn des Landes; die Großen ergriffen Vater
und Sohn und verbrachten sie zum neustrischen Könige nach
Paris, der sie tötete (656).
Überkühn war dieser erste Angriff des neuen Geschlechtes
auf das Königtum gewesen; er mußte scheitern. Doch zeigte
sich alsbald, daß Ruhe und Frieden in Austrasien, ja im Ge—
samtreiche ohne Berufung auf den Karlingischen Namen nicht
mehr zu erhalten war. Ein Menschenalter nie endender Wirr⸗
sale brach herein, um 675 etwa stand Geschlecht gegen Geschlecht,
Gau gegen Gau; die Herzlande des Reiches waren zerrissen, die
Nebenreiche verloren. Gleichzeitig entschwindet das Karlingische
Geschlecht fast gänzlich dem Bereiche der geschichtlichen Über—
lieferung. Düster und tragisch erhebt sich statt dessen aus dem
Knäuel der ringenden Parteien und Großen die Gestalt Ebroins,
des adelsfeindlichen Hausmeiers im Lande Neustrien; unter dem
Fluche der Kirche, unter dem Wehe des Volkes hat er das
Königtum Neustriens und Burgunds endgültig unter die Macht
des Hausmeiertums gebeugt. Allein erfinderisch in Greuelthat
und verhetzender List entbehrte er des schöpferischen Blickes: nur
für die Karlinge hat er gearbeitet.
Gegen ihn trat im Jahre 680 der mittlere Pippin auf,
der Neffe Grimwalds, der Enkel des Bischofs Arnulf und des
ältesten Pippin; obwohl zunächst bei Laon geschlagen, verstand
er es dennoch, nach der Ermordung Ebroins (683) dessen
Partei in dem blutigen Kampfe von Tertry, bei St. Quentin,
zu besiegen (687).
Es war die entscheidende Wendung in den Geschicken der
Karlinge: von nun ab beginnen die führenden Geister des Ge—
        <pb n="24" />
        Entstehung, Blüte und Verfall des Karlingischen Weltreichs. 7

schlechtes langsam die Höhe zu erklimmen, die Grimwald im
Jahre 656 mit einem Schritt hatte erreichen wollen.
Nur verworren berichtet freilich die Überlieferung über die
Mittel, die anfangs hierfür zu Gebote standen; es ist die
Zeit fast völligen Versagens der zeitgenössischen Geschichts—
schreibung. Doch soviel ist klar, daß der mittlere Pippin, in
dessen Händen sich zum erstenmal völlig der reiche Besitz Arnulfs
und des älteren Pippin vereinte, in einer Zeit aristokratischer
Kämpfe schon in ihm außerordentlich wirksame Machtmittel
besaß. Nördlich und südlich der ardennischen Waldeinsamkeit,
der Vasta Ardinna, war er begütert; er gebot um Lüttich und
Namur so gut wie in den milden Gegenden von Verdun, Metz
und Trier und in den rauhen Höhen der Eifel; seine Bauern be—
fuhren die Römerstraßen der Maasebene wie des Mosel- und
Rheinthals. So griffen Bewirtschaftung und Schutz des Haus—
gutes in alle Verhältnisse Austrasiens ein, ja darüber hinaus
bis in die Gebiete Neustriens: mit allen Stämmen der Franken
mußte der Herr dieses Hausgutes vertraut sein, bei allen Gel—
tung zu erreichen suchen. Von dieser Bedeutung in den Kron—⸗
landen des Reiches getragen, schlug Pippin den Adel des
Westens bei Tertry. Und sofort benutzte er den Erfolg zur
Begründung neuen Einflusses auch in Neustrien, indem er sich
mit der reichsten und angesehensten Familie des unteren Seine—
thals verschwägerte.
Dabei dachte er nicht daran, obwohl nun Hausmeier des
Gesamtreiches, mit seiner bisherigen sozialen Stellung inner—⸗
halb des Adels zu brechen, oder gar die Formen des merowin—
gischen Königtums zu beseitigen. Freilich nur die Formen.
Die Könige, meist Knaben, verliehen auch fürderhin Privile—
gien, sie empfingen Gesandte zu feierlichem Gehör, sie saßen zu
Gericht in festlichem Schmucke, sie fuhren von Pfalz zu Pfalz
im Genusse fiskalischen Einkommens, aber sie regierten nicht.
Noch ausgesprochener gestaltete sich diese Stellung des König—
tums unter dem gewaltigen Nachfolger des mittleren Pippin,
unter Karl Martell (714 -741). Unter ihm ist das merowin⸗
gische Königtum nur noch ein feierliches Attribut der Karlin—
        <pb n="25" />
        4

Fünftes Buch. Erstes KNapitel.

gischen Herrschaft. So wenig die Geschichtsschreiber über die
Schicksale von Krone und Scepter zu berichten pflegen, es
handle sich denn um den außergewöhnlichen Vorgang der Neu—
anschaffung oder des Wechsels, so wenig sprechen die Annalen
im Zeitalter Karl Martells von anderem, als vom Tod eines
alten, von der Einsetzung eines neuen Königs: bis der letzte
König auch nicht einmal gelegentlich seines Todes erwähnt im
Jahre 737 dahinsinkt'.
Um so stärker steigt der äußere Ausdruck der Karlingischen
Macht; schon Pippin erhält im freien Gedankenaustausch seiner
Zeitgenossen den Titel des herrschenden Fürsten; unter Karl
Martell begegnen halbamtlich die Bezeichnungen Fürst der
Franken und Unterkönig.
Und königlich fürwahr herrschten Pippin wie namentlich
Karl Martell: aus Trümmern und Vergessenheit haben sie das
Reich der Franken neu erschaffen. Schon Pippin entwickelte
über die bloße Befriedung der fränkischen Stammlande hin—
weg den Gedanken, die deutschen Stammreiche im Osten zu
unterwerfen: die austrasische Stellung des Geschlechtes machte
sich gegenüber den neustrischen Sympathieen der Merowinge
sofort in einer stärkeren Heranziehung der germanischen Glieder
des Reiches geltend.
Vor allem mußte es hier auf die Einverleibung der Friesen
ankommen. Waren doch die Friesen einstens, im 4. bis 6. Jahr—
hundert, teilweise hinter den südwärts wandernden Saliern her—
gezogen und hatten deren alte Heimat, die wiesenreichen Inseln
des Rheindeltas und das Land darüber hinaus bis zur Gegend
von Brügge besetzt. Von hier aus saß der Stamm jetzt die
Gestade des Nordmeers entlang und auf den Inseln bis zur
Mündung der Weser und weiterhin bis zum einsamen Helgoland.
In erster Linie mußte den fränkischen Herrschern der Besitz
des wesifriesischen Rheindeltas wertvoll sein. Hier war alt—
fränkische Heimat, ein nach germanischer Rechtsanschauung un—
oerjährbar heiliger Besitz; hier mündeten die Ströme und Flüsse

1 VBgl. Breysig S. 79 Anm. 1. Über die Urkundendatierung dieser
Zeit vgl. Mühlbacher S. 48 ff.
        <pb n="26" />
        Entstehung, Blüte und Verfall des Karlingischen Weltreichs. 9

des fränkischen Binnenlandes; hierher endlich wiesen die Be—
kehrungsfahrten des fränkischen Reichsklerus!, denen fränkische
Waffen nicht minder zu folgen pflegten, wie der christlichen
Mission des 19. Jahrhunderts europäische Herrschaft und Ge—
sittung.
Schon die Merowinge hatten darum wiederholt die Er—
oberung des Landes in Angriff genommen; nun griff Pippin
den Plan wieder auf, und bei seinem Tode (714) schien der
Stamm dem fränkischen Reiche wie dem christlichen Glauben ge—
wonnen. Aber bald machten sich in der Geschichte der friesischen
Eroberung dieselben Erscheinungen bemerklich, die später bei
der Unterwerfung der Sachsen durch Karl den Großen verstärkt
wiederkehrten: christlicher Glaubenseifer täuschte sich nur zu
leicht über die ungebrochene Kraft germanischen Heidentums;
mit Katastrophen, die vom heidnischen Fanatismus ausgingen,
verknüpften sich neue politische und militärische Kämpfe.
In Wahrheit hat erst Karl Martell nach furchtbarem
Ringen Friesland unterjocht; erst im Jahre 734 ward das
heidnische Fürstentum des friesischen Nordens vernichtet.
Bis zum Tode Karl Martells aber bildet die Eroberung
Frieslands den sichersten Ruhmestitel, den sich die Karlinge
beim Neubau des Reiches erwarben. Zwar wird wohl, sieht
man von den Sachsen ab, manches auch über die Unterwerfung
der Thüringer, Alamannen und Baiern berichtet, allein es han⸗
delt sich dabei mehr um das äußerliche Ereignis augenblicklicher
Siege, als um eine wirkliche Einbeziehung in die Grenzen des
fränkischen Reiches. Nichts weiteres begründeten wohl die
mannigfachen Feldzüge Pippins und Karl Martells in den
deutschen Osten, als das dumpfe Gefuhl, daß den deutschen
Stämmen insgesamt das Schicksal der Friesen dereinst unab—
wendbar drohe; in dieser psychologischen Wirkung mögen sie
freilich als nicht unbedeutende Vorbereitungen zu der glänzen⸗
den rechtsrheinischen Politik König Pippins und Kaisen Karls
betrachtet werden.
Zugleich aber weckten sie von neuem die Vorstellung von
2Bal. Bd. LS. 351f.
        <pb n="27" />
        10

Fünftes Buch. Erstes Kapitel

dem universalen, germanisch-romanischen Charakter des Franken—
reiches und bildeten insofern die Ergänzung jener weltgeschichtlichen
Beziehungen, die Karl Martell im Südwesten des Reiches zu
entwickeln gezwungen ward.
Explosiv nach dem Orient wie dem Occident hin hatte sich
die Weltmacht des Islam seit der gegenseitigen Zerfleischung
von Byzanz und Persien in den furchtbaren Kriegen der ersten
dreißig Jahre des 7. Jahrhunderts entfaltet. Nur weniger
Generationen bedurfte es, so geboten die Feldherren des Ka—
lifen am Euphrat und Tigris wie in den heißen Bergen Maure—
taniens; in den ersten Jahrzehnten des 8. Jahrhunderts ward
im Osten Indien erreicht, im Westen Spanien erobert, daneben
fast gleichzeitig ein besonders heftiger Angriff auf Byzanz unter⸗
nommen. Sieht man vom Orient ab, so erschien Europa am
goldenen Horn wie von den Säulen des Herkules her bedroht
durch tödliche Umarmung; schon war das östliche Imperium
gelähmt, wie es denn nur durch eine Kette von Zufällen vor
Zerstörung bewahrt ward: nur von Westen her, nur durch das
Frankenreich als Erbe des westlichen Imperiums schien die Ret—
rung des Weltteils noch möglich.
Karl Martell war freilich weit davon entfernt, diese Zu—
sammenhänge zu überblicken, ja nur zu ahnen. Für ihn zeigten
die Dinge nördlich der Pyrenäen, an der Stelle, wo Islam und
Frankenreich aufeinander treffen mußten, zunächst ein ganz an—
deres Antlitz. Während die Mittelmeergestade Südfrankreichs
noch die gotische Provinz Septimanien mit der Hauptstadt Nar—
bonne bildeten, war Herzog Eudo weiter nordwestlich der Be—
gründer eines neuen aquitanisch-baskischen Reiches geworden,
dessen Selbständigkeit vom Frankenreiche auch unter Karl Martell
wenigstens thatsächlich hatte anerkannt werden müssen!. Diesem
Reiche fiel naturgemäß die erste Abwehr der Sarazenen zu,
die seit dem Jahre 712 ganz Spanien mit Ausnahme der
Felsenklüfte Asturiens überschwemmt und im Jahre 720 schon

Vgl. Breysig S. 80 Anm. 2; Richter S. 186 Anm. 1; dazu
Besta 53; Cont. Fred. 107.
        <pb n="28" />
        Entstehung, Blüte und Verfall des Karlingischen Weltreichs. 11

Septimanien erobert hatten: es schien dem arabischen Anprall
unterliegen zu müssen, und Karl Martell betrachtete diesen Aus—
gang aller Wahrscheinlichkeit nach als wünschenswert in seinem
Interesse.
Allein die Kämpfe zwischen El Samaah, dem arabischen
Statthalter Spaniens, und Herzog Eudo führten zu ganz an—
derem Ergebnis: die Sarazenen wurden im Jahre 721 bei
Toulouse geschlagen, El Samaah selbst fiel, und seine Nach—
folger richteten ihre Angriffe von Septimanien her nunmehr
auf dem zweiten vom französischen Mittelmeergestade aus
möglichen Wege gen Norden, auf Burgund. Bald schweiften
arabische Reiter die Rhone herauf bis Autun; Neustrien ward
bedroht; Karl Martell war zur Verteidigung des eignen Reiches
zezwungen.
In diesem kritischen Augenblick hinderten innere religiöse
Zwiste die Araber an der Fortsetzung des Krieges; und als ein
neuer, allseitig beliebter Statthalter, Aderaman⸗al-Ghafik nach
Besänftigung der inneren Wirren den Kampf von neuem auf⸗
aahm, richtete er sein Schwert nicht mehr gegen Burgund, son⸗
dern erneute die Kämpfe gegen Eudo.
Auch jetzt wurde der aquitanische Herzog von Karl Martell
nicht unterstützt. So wurden die Aquitanier im Frühjahr 732
geschlagen; ungehindert drang das arabische Heer über die Nord—
grenze Aquitaniens, Schrecken verbreitend nahm es seinen Weg
zum nationalfränkischen Heiligtume, der goldglänzenden Kirche
des hl. Martin zu Tours.
Nun erst fühlten Karl und die Völker des fränkischen
Reiches, was auf dem Spiele stand. Das Christentum, die
universale Macht des Occidents, kaum im Osten des Reiches
in spärlicher Saat verbreitet, ward an seiner ältesten Heimstätte
im Frankenreich angegriffen: von Osten und Westen her drohten
die Wellen heidnischen Unglaubens in entgegengesetztem, gleich
schwerem Anprall über den Häuptern des Volkes zusammenzu⸗
schlagen. In dieser höchsten Not raffte sich alles empor: Karl
ward zum Führer der geeinten fränkischen, oceidentalen Christen⸗
heit. Er siegte auf den baumreichen Ebenen Cenons, zwischen
        <pb n="29" />
        12 Fünftes Buch. Erstes Kapitel

Tours und Poitiers (Oktober 732); der feindliche Feldherr fiel;
erst im festen Narbonne sammelten sich die versprengten arabi—
schen Reste.
Es war ein Sieg, den die Kirche sofort als weltgeschicht⸗
liches Ereignis begriff; nicht mit Unrecht bezeichnet Isidor Karls
Scharen als Europenses. Karl selbst aber erkannte nicht die Be—
deutung des Sieges; er sah seine Aufgaben nur im Franken⸗
reich; für ihn machte der Sarazenenkrieg mit den Kämpfen,
die sich ihm anschlossen, nur Episode. Eben das charakterisiert
ihn; energisch und durchgreifend im Innern, ein nicht unwür—
diger Vorläufer König Pippins und Karls des Großen, besaß
er gleichwohl nicht die klare Übersicht, das weite Wollen seines
Sohnes und Enkels. Es ist, als ob er deren künftige Größe
geahnt, als ob er gern sich beschieden hätte, nur die Grund—
lagen des neuen Universalreiches im engern zu legen.
Und der Ruhm des Gottesstreiters im Kampf mit den
Arabern, ist er Karl nicht dennoch frühzeitig genug erblüht?
Das geschichtliche Gedenken der folgenden Geschlechter hing
nicht mehr an Eudo und an den Aquitaniern, es kannte nur
Karl noch und seine Franken. Denn das ist das glückselige
Geschick weltgeschichtlicher Kämpfer, daß ein späteres Zeitalter
ihrem Ruhme, ja ihrem persönlichen Streben zuteilt, was es
selbst als tiefste Bedeutung ihrer Thaten empfindet.

II.

Karl Martell teilte vor seinem Tode mit Zustimmung der
Großen seine Reiche, entsprechend fränkischem Erbrecht, unter
seine zwei ehelichen Söhne Karlmann und Pippin; der ältere
Karlmann erhielt Austrasien, nunmehr das anerkannte Kernland
des Reiches, dazu das deutsche Zubehör, Pippin Neustrien,
Burgund und die Provence. Grifo, Sprößling einer Nebenehe,
blieb anfangs anscheinend unberücksichtigt; er hat späterhin trotz
aller Milde der Brüder den Frieden des Herrscherhauses immer
wieder gestört: ruhelos erregte er Aufstände in Neustrien, Sachsen,
Baiern, floh nach Aquitanien, und endete schließlich im Jahre
        <pb n="30" />
        Entstehung, Blüte und Verfall des Karlingischen Weltreichs. 18

753 auf der Flucht zu den Langobarden, den letzten Feinden
seines Geschlechts, zu denen der Weg ihm noch offen stand.
Die Brüder regierten zusammen in beinahe vollständiger
Gemeinschaft der That und der Gesinnung bis zum Jahre 747,
dann zog sich Karlmann, ein leidenschaftlicher, dem Extremen
unterworfener Charakter, vom Herrschersitz in ein einsames
Kloster auf dem Soracte zurück, das er selbst sich erbaut hatte.
Seitdem herrschte Pippin allein über das Gesamtreich, staats—
männisch hoch begabt, fest in der Behauptung des Errungenen,
klar über die nächsten Ziele der fränkischen Hegemonie, dabei
im Gegensatz zu den bisherigen Angehörigen seines Geschlechtes
nicht ohne geistige Interessen, voll Verständnisses namentlich
für Naturwissenschaften und Musik, im persönlichen Umgange
freundlich, zu mild fast gegenüber den Fehltritten der Männer,
die ihm nahe standen: im ganzen ein würdiger Vorläufer Karls
des Großen, ja ohne Zweifel ein gewaltiger und glänzender
Herrscher, sobald man absieht vom Vergleiche mit der über—
ragenden Größe des Sohnes.
Pippin und Karlmann begründeten die Kontinuität der
Karlingischen Politik. Sie setzen ein, wo Karl Martell hatte
abbrechen müssen, und am Schlusse der Regierung Pippins ist
die äußere Entwickelung des Reiches soweit gefördert, daß Karl
dem Großen nur die Durchführung eines großenteils seststehenden
Programmes übrig bleibt: eine Aufaabe, die er meisierhaft
gelöst hat.
Karl Martell hatte zunächst den deutschen Osten zu gewinnen
gesucht; gelungen war ihm die völlige Unterwerfung Frieslands.
Hieran vor allem knüpft die Zeit Karlmanns und Pippins an.
Sachsen wird wenigstens teilweise wieder abhängig gemacht; seit
dem Jahre 758 zahlen die Westfalen ein jährliches Ehren⸗
geschenk bis zur Höhe von 300 Pferden. Energischer gehen die
Hausmeier gegen die Alamannen vor. Nach wiederholten Auf—⸗
ständen namentlich im Elsaß und in der Schweiz wird der
Stamm im Jahre 746 völlig überwältigt, ein grausames Straf—
gericht entlädt sich über den Häuptern des Adels, umfangreiche
Gütereinziehungen scheinen stattgefunden zu haben, die Herzogs—
        <pb n="31" />
        Fünftes Buch. Erstes Kapitel.

würde wird abgeschafft; bald regieren fränkische Grafen das
völlig unterworfene Land. Nach Einverleibung Alamanniens
war es möglich, sich dem Herzogtum Baiern mehr als bisher zu
nähern, jenem Stammesgebiete, das seit längerer Zeit die weitaus
eigenständigste Entwickelung erlebt hatte. Indes gelang es hier
weder Karlmann noch später Pippin, die fränkische Oberhoheit
in strengere Herrschaft zu verwandeln. Zwar mußte der Baiern⸗
herzog Odilo nach unglücklichen Kämpfen im Jahre 743 ver⸗
mutlich den Nordgau, das heutige Oberfranken, abtreten, im
übrigen aber blieb es bei der fränkischen Suzeränität; Odilos
Sohn Tassilo wurde im Jahre 748 mit dem Lande belehnt,
und er bewegte sich trotz einer Wiederholung des Lehenseides
im Jahre 757 zu Compiègne in den Bahnen einer immer eigen⸗
mächtigeren, schließlich dem Frankenreich geradezu feindlichen
Politik, ohne daß Pippin in den späteren Jahren seiner Re—
gierung das zu hindern vermocht hätte. Die deutsche Aufgabe
der fränkischen Monarchie blieb an dieser wichtigen Stelle un—
gelöst; erst Karl der Große hat sich ihr mit Erfolg unterzogen?.
Pippin dagegen wandte sich in den fünfziger und sechziger
Jahren des 8. Jahrhunderts, seit der Zeit seiner Alleinherr⸗
schaft, immer mehr den südgallischen Fragen zu: auf diesem Ge—
biete hat er die von Karl Martell eingeleitete Politik nahezu
völlig durchgeführt, seinem großen Sohne blieb nur die Nach—
lese zwar gewaltiger, aber wenig erfolgreicher Glaubenskämpfe
gegen die Sarazenen jenseits der Pyrenäen.
Pippins nächstes Ziel war die Eroberung des arabischen
Septimaniens: in dieser Richtung hatte sich Karl Martell in
den letzten Jahren seines Lebens vergeblich bemüht, hier war
Gefahr im Verzuge, daß die Langobarden von Italien her den
Franken zuvor kommen möchten. So gewann Pippin zunächst
die Oststädte Septimaniens, Nimes, Maguelonne, Agde, Béziers;
dann eroberte er (759) die Hauptstadt des Landes, Narbonne.
Mit der Unterwerfung Septimaniens waren die Vorbedingungen
erfüllt, um die aquitanische Selbständigkeit zu brechen: von

1 S. unten S. 26 ff.
        <pb n="32" />
        Entstehung, Blüte und Verfall des Karlingischen Weltreichs. 15

Süden wie Osten und Norden her angreifbar, von den Sara—
zenen kaum mehr unterstützt, lag das Land jedem Einfall der
Franken offen. Gleichwohl bedurfte es neunjähriger erbitterter
Kämpfe, ja schließlich der verräterischen Ermordung des Aquitanier⸗
herzogs Waifar durch seine Getreuen im Sommer des Jahres
768, ehe das Land als unterworfen gelten konnte; nur wenige
Monate vor seinem Tode hat Pippin diesen größten Triumph
seiner Herrschaft erlebt, soweit sich diese offen in den Geleisen
bewegte, die sein Vater gezogen.
Allein schon mehr als zwei Jahrzehnte vorher hatten er
und Karlmann der inneren Politik des Reiches eine Richtung
gegeben, welche die Regierungsweise Karl Martells mindestens
stark vertieft hat und nach außen hin zu den unerwartetsten
Wendungen führte.
Karl Martell war in seiner inneren Politik nicht viel
weiter gelangt, als bis zur energischen materiellen Unter—
stützung derjenigen Großen, die seinem Hause anhingen. Er
hatte, das Beispiel früherer Herrscher aufnehmend, aber weit
überbietend, zur Belohnung der Großen vornehmlich Kirchen⸗
züter verwandt: ein folgenreicher Vorgang, der in die Ent—
stehung des staatlichen Lehnswesens einführt?.
Karlmann und Pippin gingen über die einseitige Begünsti⸗
gung der Karlingischen Parteigänger hinaus; sie fühlten sich
fest genug im Besitze der Herrschaft, um eine nur auf den
Nutzen des Landes gemünzte innere Politik einzuleiten. Da
bedurfte es denn vor allem einer kirchlichen Reform, einer
Stärkung der idealen Faktoren des Volkslebens.
Die christliche Kirche hatte sich aus den Anfängen einer
demokratischen Verfassung mit mehr dezentralisierenden Grund—
sätzen, wie sie die Gemeindekirche des 1. und 2. Jahrhunderts
darstellt, schon bald zu aristokratischen Formen entwickelt: die
Priesterkirche war entstanden, Bischöfe geboten in weitgedehnten
Sprengeln kraft des auf sie vererbten göttlichen Geistes, der in

Vgl. unten Kapitel 3.
        <pb n="33" />
        8

Fünftes Buch. Erstes Kapitel.

alle Wahrheit leitet, und periodische Versammlungen der Bischöfe,
Synoden und Konzilien gewährleisteten die Katholizität der
Besamtkirche. In dieser Form, als Episkopal- und Synodal—
kirche, hatte die Kirche unter Konstantin dem Großen die An—⸗
erkennung des Staates sich errungen; das Zeitalter des heiligen
Augustin (334 -430) sah ihre Vollendung.
Nun lag aber die Weiterentwickelung der Episkopalkirche
zu monarchischer Verfassung in der Natur der bisherigen Ent—
wickelung. Monarchisch gedacht war die Stellung des Priesters
über den Laien der Ortsgemeinde, die Stellung des Bischofs
über dem Klerus der Diöcese: sollte nicht auch über dem
Episkopat sich eine monarchische Spitze erheben?
Im Orient wurde zuerst, wenn auch unvollkommen, der
kirchliche Verfassungsbau vollendet; die byzantinischen Kaiser ent—
vickelten einen mehr oder minder ausgesprochenen Cäsaropapismus.
 Im Abendland dagegen war es unmöglich, der Kirche
ein weltlich-geistliches Oberhaupt zu geben; schon mit dem 5.
Jahrhundert ging das weltliche Imperium zu Grunde, und die Ger⸗
manenreiche auf seinem Boden waren durchtobt von den Kämpfen
‚wischen Orthodoxie und Arianismus. Auch eine geistliche Ober—
gewalt von ausgesprochenster und schnellster Bildung ergab sich
nicht, nur das römische Bistum hätte sie entwickeln können:
aber noch standen die Päpste als Angehörige des römischen
Dukates unter byzantinischer Hoheit. In dieser Lage ließ die
Weiterbildung der Kirchenverfassung im Abendland auf sich
varten; lange über ihre Blütezeit hinaus, bis zum völligen
Verfall im 7. und 8. Jahrhundert erhielt sich die Episkopal—
derfassung: die kirchliche Einheit schwand schließlich fast dahin
yvor der Sonderbildung der Landeskirchen.
Im Laufe dieser Entwickelung war nun auch die fränkische
Kirche zur Landeskirche geworden; und unfähig, in den Tiefen
eignen Geistes Nahrung und Wachstum zu finden, vielfach ab—
zeschlossen von den allgemeinen Kulturzusammenhängen der Zeit,
var sie im Verlaufe des 6. und 7. Jahrhunderts völlig ver—
lottert. Das germanische Institut der grundherrlichen Eigen⸗
tirche hatte den Bischöfen in den Pfarreien des platten Landes
        <pb n="34" />
        Entstehung, Blüte und Verfall des Larlingischen Weltreichs. 17

allen Einfluß geraubt; die Häuser der Priester galten als Brut⸗
tätten des Lasters; Laien waren Äbte und Bis chöfe; Erzbischöfe
als Oberinstanzen über den Bischöfen kannte man kaum noch
dem Namen nach, Synoden waren wenigstens in Austrasien
während des 7. Jahrhunderts nicht mehr gehalten worden. Es
var ein grauenhafter Verfall, während auf deutschem Boden,
jenseits des Rheines, die Missionskirchen des heiligen Bonifatius
herrlich zu gedeihen begannen.
Dieser Gegensatz trat nach dem Tode Karl Martells vor
allem Karlmann, dem Herrscher Austrasiens, entgegen. Schon
im Jahre 742 berief er daher eine Versammlung seines Reiches
zur Reform der Kirche; unter dem Beirat Bonifazens wurden
in ihr die ersten Grundlagen eines neuen Lebens gelegt: Bischöfe
untadligen Wandels berufen, die Priester der Diöcesen ihnen
unterstellt, Jahressynoden beschlossen, disciplinare Vorschriften
für Laien und Priester erlassen, endlich die der Kirche entfrem—
deten Güter dieser grundsätzlich wieder zugesprochen. Es waren
Anfänge, die durch eine Synode des folgenden Jahres erweitert
und bekräftigt wurden, bis schon im Jahre 744 die Bewegung
von Austrasien nach Neustrien, dem Reiche Pippins, übersprang.
Auf dem Untergrund der Beschlüsse sowohl einer neustrischen
wie einer austrasischen Synode dieses Jahres konnte dann 745
die erste fränkische Gesamtsynode tagen: die Reform der ganzen
Landeskirche schien gefichert—
Allein nun trat alsbald die Frage auf, ob denn die
reformierte Kirche eine Landeskirche werde bleiben können?
Mit immer größerem Eifer hatte Bonifatius sich der fränkischen
Kirchenreform gewidmet ; die Lösung, die er der germanischen
Kirchenorganisation gegeben!, ließ keinen Zweifel darüber,
daß er auch die fränkische Kirche dem Papsttum unterordnen
werde; von Anbeginn war er den Königen als Missus beati
Petri entgegengetreten. Und bereits schien er seinem Ziele
nahe. Im Frühjahr 747 leitete er ein⸗ fränkische Gesamt⸗
ynode, in der es ausgesprochen ward man wost⸗ sich dem

Bal. Bd. J S. 857 ff.
damprecht, Deutsche Geschichte II.
        <pb n="35" />
        18

Fünftes Buch. Erstes Kapitel.

h. Petrus und seinem Stellvertreter unterwerfen, man wolle die
Ehrenabzeichen der erzbischöflichen Würde von Rom erbitten,
man werde allerwegen die Befehle des h. Petrus kanonisch be—
folgen!. Kein Bekenntnis unmittelbarsten Anschlusses an Rom
kann bündiger lauten.
Aber im gleichen Jahre zog sich der fromme Karlmann,
die eigentliche Seele der Kirchenreform, in die Ruhe des
Klosters zurück, und Pippin ward Herrscher des Gesamtreiches.
Jahrelang schon hatte er den eingehenden Verkehr Bonifazens
mit der Kurie mißtrauisch verfolgt, er war nicht gewillt, die
Landeskirche zu einer römischen Kirchenprovinz erniedrigen zu
lassen. Während Bonifaz, vom Könige zurückgesetzt, am Abend
seines Lebens Beruhigung und Trost gegen die neuen An—
fechtungen in dem Martyrium der friesischen Mission suchte und
fand, bereitete Pippin die Lösung der Frankenkirche vom Papste
vor. Im Jahre 78585 hielt er auf der Pfalz zu Verneuil,
zwischen Paris und Compiogne, einen Reichstag ab, der zugleich
Synode war, und verkündete stolz als gloriosissimus atque
religiosus inluster vir dessen Beschlüsse über Kirchenreform
als ein weltliches Kapitulare seines Reiches. Es sind Beschlüsse,
die neben der Wiederholung der bisherigen Bestimmungen
über Reform des kirchlichen Privatlebens für die oberste
Organisation der Kirche völlig neue Anschauungen aufstellen.
Sie führen die bisher noch immer bestrittene Metropolitan—
verfassung energischer durch: nicht mehr sollte, wie im wesent—
lichen bisher in der Person Bonifazens, ein einziges Haupt
der Kirche vorhanden sein und deren Anschluß an Rom leicht
vermitteln können. Es wird weiterhin bestimmt, daß jährlich
zwei Synoden stattfinden sollen, eine erste im Oktober, von
kirchlichen Notabeln berufen und geleitet, von vorbereitender
Bedeutung, und eine zweite im Frühjahr, vom König berufen
und in seiner Gegenwart gehalten, gesetzgebenden Charakters,
eine Ergänzung, wenn nicht ein integrierender Teil des jährlich
in Lenzeszeit gehaltenen Reichstags.

Ep. Bonif. 70, Jaffé S. 201.
        <pb n="36" />
        Entstehung, Blüte und Verfall des Larlingischen Weltreichs. 19

Völlig unzweideutig geben sich die Ziele Pippins: die
Kirche soll neben ihrem selbständigen Leben, dessen höchste Blüte
gewünscht wird, ein Werkzeug sein des Staates, der Karlingischen
Herrschaft, nicht des Papstes. Es war eine entschiedene Ab—⸗
sage an Rom, die um so nötiger erscheinen mochte, in je nähere
Berührungen Pippin sonst mittlerweile mit dem Papsttume
getreten war.
Die politische Stellung des Papsttums in Italien konnte
gegen Schluß der ersten Hälfte des 8. Jahrhunderts als beinahe
hilflos bezeichnet werden. Vom kaiserlichen Byzanz, das außer
anderen Küstenstrichen Italiens vor allein noch den römischen
Dukat und den Exarchat von Ravenna in kraftlosem Besitze
hielt, verlassen und doch nicht aufgegeben, in steigender Be⸗
drängnis durch das langobardische Königtum, das sich mit Be—⸗
ginn des 8. Jahrhunderts zu erneuter Macht emporraffte,
hatten die römischen Bischöfe nichts anderes zu thun gewußt,
als sich in Rom selbst und in den Umgebungen der Stadt eine
pseudosouveräne Macht zu verschaffen, die den Frieden des
Papsttums in gewöhnlicher Zeit gewährleistete; gegen die immer
näher drohende Annexion des Tukates durch die Langobarden
aber hatten alle einheimischen, italienischen Mittel begonnen
zu versagen.
Als schließlich gegen Ende der dreißiger Jahre des 8. Jahr⸗
hunderts der Andrang des Langobardenkönigs Liutprand über—
mächtig ward, da hatte Papst Gregor III. verzweifelt Karl
Martell um Hilfe gebeten. Vergebens; nicht einmal das An—
gebot fränkischer Schutzherrschaft über Rom hatte den auf das
Nächsterreichbare gerichteten Sinn des Hausmeiers geneigt ge⸗
macht. So bestand die Notlage des römischen Stuhles
fort; von Byzanz vernachlässigt, drohte das Papsttum in die
barbarischen Hände der Langobarden zu fallen.
Inzwischen war Pippin im Frankenreich zur Herrschaft ge⸗
langt; im Jahre 743 hatte er nach sieben königslosen Jahren,
vermutlich um eine Empörung der Großen zu verhindern, einen
neuen Schattenkönig aus merowingischem Hause einsetzen müssen.
Dann hatte sein Bruder Karlmann dem Reiche entsagt; allein
2 *
        <pb n="37" />
        20

Fünftes Buch. Erstes Kapitel.

herrschte er seit 749; vorwärts wies seine energische Politik
das Gesamtreich auf inneren wie äußeren Fortschritt: sollte er
sich da mit dem Titel eines Hausmeiers begnügen?
Er wagte den Schritt, den drei Generationen früher sein
Ahn Grimwald mit dem Leben gebüßt hatte; er mußte Gewiß—
heit suchen für die Zukunft seiner Familie; er griff nach Krone
und Königsstab.
Aber er war klug genug, dem Staatsstreich, soviel an ihm
lag, den Charakter leisen und friedlichen Uberganges von langer
Hand her zu sichern. Hierzu schien ihm die vorherige Zu—
stimmung des Papstes, der höchsten moralischen Autorität des
Abendlandes, von außerordentlicher Bedeutung: auch von seiten
des Frankenherrschers wird jetzt eine enge Verbindung mit dem
Papsttum Bedürfnis.
Im Jahre 751 näherten sich fränkisches Königtum und
Qurie auf Grund der tiefsten Interessen ihres Daseins. Unter
der Voraussetzung späteren fränkischen Schutzes billigte, ja be—
fahl! der Papst die königliche Krönung Pippins; im Herbst 751
vard sie auf Grund einer Wahl durch alle Franken vollzogen.
Es ist noch nicht dieses Ortes, auszuführen, wie von nun
ab geistliche und weltliche Macht im Frankenreich als Doppel—
seele eines Körpers bald sich zu fördern, bald sich zu bekämpfen
begann: wie in der Blütezeit der Karlingischen Periode der
Staat sich die Kirche und das Papsttum nahezu einverleibte,
wie dann in den bewegten Jahrhunderten der deutschen Kaiser—
zeit ganz im Gegenteil Papsttum und Kirche den Staat ver—
nichteten und verschlangen; wie in dem langen Kampfe beider
Bewalten doch schließlich die Macht der Ideen siegte über
wechselvoll gebrauchte äußere Macht: schon die nächsten Folgen
der Verbindung waren von unendlicher Bedeutung.
König Pippin, vom Papste im Jahre 754 persönlich im
Frankenreich aufgesucht und um Hilfe gegen die Langobarden
Lehentlich gebeten, versprach dem römischen Stuhle Schutz und
mindestens Zurückgabe des geraubten Besitzes, zu dem die päpst—
liche Tradition den ganzen römischen Dukat und Ravenna rechnete.
1 Fue. 749.
        <pb n="38" />
        Entstehung, Blüte und Verfall des Karlingischen Weltreichs. 21

Er brach nach Italien auf; in zwei Feldzügen besiegte er die
Langobarden; seit 756 befand sich der römische Dukat und der
größte Teil des Exarchates endgültig im Besitze der Päpste: das
Patrimonium Petri war begründet, das Papsttum ausgestattet
mit Land und Leuten, mit den Sorgen und Vorteilen halb
unabhängiger weltlicher Herrschaft.
Wie gern hätten die Päpste der späteren Regierungszeit
Pippins diese Machtstellung Roms erweitert und völliger ver—
selbständigt gesehen! Allein Pippin war in dieser Richtung zu
keinerlei ernsten Schritten zu bewegen. Wie er dem fränkischen
Klerus den landeskirchlichen Charakter in jeder Weise zu wahren
und zu erwerben versuchte, so hielt er die politische Abhängigkeit
der Päpste vom Frankenreich aufrecht in den einmal bestimmten
Grenzen. Mehr als ein. Jahrzehnt hat er diese politische
Richtung bewahrt, sie war neben der Eroberung Aquitaniens
und der Unterwerfung Alamanniens das kostbarste Erbteil, das
er seinem Sohne, dem großen Karl, hinterließ.

III.

Karl regierte anfangs gemeinschaftlich mit seinem Bruder
Karlmann; eine Frucht ihrer vereinten Anstrengungen ist
die nochmals durchgeführte Unterwerfung Aquitaniens, das
bei dieser Gelegenheit die ihm bisher nach manchen Rich⸗
tungen hin noch belassene Selbständigkeit verlor und nunmehr
völlig nach fränkischem Verwaltungsstil in Grafschaften organisiert
ward. Im übrigen waren die Brüder sehr verschiedener Art
und trotz letztwilliger Ermahnungen Pippins und späterer Ver⸗
mittlungsversuche ihrer Mutter Bertha im Herzen einander
feind: so daß es ein Glück für Herrscherhaus und Reich war,
als Karlmann im Jahre 771 frühen Todes starb. Von nun
ab herrschte Karl allein; ein etwa vorhandenes Erbrecht seiner
Neffen, der Söhne Karlmanns, hat er nicht anerkannt.
Die Aufgaben der neuen Regierung lagen von vornherein
im Osten des Reiches; die Westgrenze ward vom Meer geschützt,
das hier noch nicht von Wikingerschiffen durchkreuzt ward; nur im
        <pb n="39" />
        22 Fünftes Buch. Erstes Kapitel.

äußersten Südwesten, gegen die spanischen Sarazenen, hat Karl
im Zusammenhang mit seiner Universalpolitik wenig erfolg⸗
reiche Kriege geführt. Im Osten dagegen schien die Eroberung
Sachsens nicht mehr zu umgehen, nachdem schon die frühesten
Karlinge den Schwerpunkt des Reiches nach Austrasien verlegt
hatten; gegen Baiern lagen wohlbegründete Beschwerden vor,
die zu weiteren Kämpfen von der Donau bis zur Adria führen
mußten; im Südwesten, jenseits der Alpen, ward Italien er—⸗
obert; das führte dann zur Erneuerung der Kaiserwürde und
zur Auseinandersetzung mit dem Imperium des Ostens.
Es sind gewaltige Aufgaben, die Karl sämtlich gelöst
hat; waren sie, soweit sie deutsche Verhältnisse betrafen, längst
gestellt, so bietet ihre italienische und universale Seite um so
mehr des Neuen: auf diesem Gebiete vor allem ist Karl original,
— D
Politik, der Bildung und Gesittung.
Die Sachsen hatten es den Frankenherrschern eigentlich
schon seit Ende des 7. Jahrhunderts nahe gelegt, ihr Land zu
erobern: seitdem rückten sie von Westfalen her immer mehr nach
Westen vor, nahmen das Land zwischen Ruhr und Lippe ein,
plünderten am Niederrhein, und drangen gelegentlich bis tief
in die ribuarisch-fränkischen Gebiete.
Die älteren Karlinge einschließlich Pippins hatten sich dem
ziemlich erfolglos entgegengestellt; auch die Anfänge der christ—
lichen Mission, wie sie vom heiligen Swibert, von den heiligen
Ewalden, schließlich wohl von Mainz her unter Leitung Bonifazens
ausgingen, waren ohne Ergebnis für die Befriedung des Stammes
geblieben.

So drängte sich die sächsische Frage Karl dem Großen auf,
sobald er Alleinherrscher geworden; suchte er sich anfangs von
ihr im Sinne seines Vaters durch bloße Plünderungs- und
Vergeltungszüge zu befreien, so begriff er doch bald ihre tiefere
Bedeutung; die Angliederung des Stammes an das oeecidentale
Weltreich, vor allem die Verbreitung christlichen Glaubens bis
zur Elbe wurden ihm Hauptzweck: er hat, um mit einem späte⸗
        <pb n="40" />
        Entstehung, Blüte und Verfall des Karlingischen Weltreichs. 23

ren Sachsen zu reden, als Apostel des Stammes das Evan⸗
gelium mit eherner Zunge gepredigt!.
Man kann die Sachsenkriege, die dreiunddreißig Jahre
der Regierung Karls umspannen, in drei Abschnitte teilen,
deren erster die Jahre 772 -782, der zweite die Jahre 782 bis
7885, der dritte die Jahre 793 bis höchstens 804 umfassen würde.
Der erste Abschnitt führt zur Unterwerfung der Westfalen
und eines Teiles der Engern, sowie zu loser Abhängigkeit der
zstlichen Teilstämme des Volkes, der Ostsachsen und der über—
elbischen Nordleute. Schon in den mannigfachen Kriegswechseln
dieser Jahre tritt die Eigenart des Kampfes hervor: die fränki—
sche Kriegführung wird bestimmt durch die politische und
soziale Kultur der sächsischen Stämme. Fast noch auf dem
Boden der germanischen Urzeit bewegte sich damals die säch—
sische Verfassung: die Stämme zerfallen in einzelne Gaustaaten,
die nur lose zu Staatenbünden verknüpft sind. So befand
sich Karl in ähnlicher Lage, wie die Feldherren des Imperiums
zur Zeit des Augustus: von Gau zu Gau mußte der Wider—
stand gebrochen, von Gau zu Gau Friede verbürgt werden, und
Mißerfolge auch nur gegen einen Gaustaat pflegten die schon
unterworfenen Gegenden zu neuem Aufstand zu entflammen.
Günstiger für den Eroberer war die soziale Lage des Volkes.
Aus der urgermanischen Gliederung in Edle, Freie, Liten und
Unfreie war der Adel unter den Sachsen zu fast ausschließlicher
Bedeutung ausgewachsen, ihm gehörte fast aller Grund und Boden
und damit die Verfügung über die wirtschaftliche Macht des
Stammes. Karl benutzte diese Lage, um die Unterwerfung des
Landes dadurch zu sichern, daß er insbesondere die Edeln sich
verpflichtete. Sie mußten die Erfüllung der Friedensbedingungen
durch Pfandsetzung ihres Grundbesitzes verbürgen; ihnen übergab
der König bei der ersten fränkischen Organisation des Landes
die Grafenämter der einzelnen Gaue.
Diese Politik in Verbindung mit kräftigem kriegerischen
Vorgehen schien bereits um 782 zur vollen Unterwerfung des

1 Translat. s. Liborii ec. B—.
        <pb n="41" />
        2

Fünftes Buch. Erstes Kapitel.

Landes geführt zu haben; wiederholt hatten sich fränkische
Reichstage in Sachsen versammelt, die Hauptführer des Auf—
standes, eine Anzahl Edler, unter denen der Westfale Widukind
hervortritt, waren nach Dänemark entflohen; schon erstreckten
sich die Anfänge der christlichen Mission in ziemlich eingehender
Organisation wenigstens über Westfalen.
Doch der Stolz des Stammes bäumte sich auf gegen die
neue Ordnung. Im Jahre 782 kehrte Widukind zurück aus
dem heidnischen Dänemark, wo nordgermanischer Glaube noch
am weitesten hineinragte in die anders geartete Welt der West—
germanen. Er rief einen Teil der Sachsen des Nordostens zur
Empörung; ein fränkisches Heer unter sorgloser Fuhrung ward
am waldreichen Süntel geschlagen. Aber er überschätzte seine
Macht. Ein Teil der Sachsen blieb der fränkischen Sache treu!
und hat schließlich die rebellischen Landsleute den Franken in
die Hände geliefert: Karl aber hat ihrer viertausendfünfhundert
an einem Tage zu Verden hinrichten lassen.
Da ging es wie Ein Schrei durch das Sachsenvolk, und
schrecklicher entbrannte der Aufruhr des Jahres 783 über alles
Land. Karl besiegte die Engern bei Detmold, die Westfalen
an der Haase, von da zog er zur Elbe und ließ die wider—⸗
spenstigen Edeln nach den Provinzen des Frankenreichs ver—
bringen.
Vergebens. Nochmals erweiterte sich die Empörung im
Jahre 784: die Friesen nahmen an ihr teil, und heimliche
Sendboten des alten Glaubens schürten von Dänemark aus
das Feuer des Widerstands. Karl erkannte die Unmöglichkeit
unmittelbaren Eingriffes durch Sieg und Unterwerfung; es
schien ihm genug, in wiederholten Zügen durch das Land die
noch ungebrochene Gegenwart der Frankenherrschaft zu beweisen;
selbst im Winter von 784 auf 788 blieb er im Lande, das Heer
ward in Baracken untergebracht.
Erst im Jahre 785 erfolgte die Pacifikation. Aber sie
war weit entfernt von Besiegung. Nach längeren Verhandlungen
1Val. Hauck? Bd. 2, 388 Anm. 2 und D. Schäfer in der Hist.
gt. Bd. 78 (1897) S. 285
        <pb n="42" />
        Entstehung, Blüte und Verfall des Karlingischen Weltreichs. 25

stellten sich Widukind und Abbio, die vornehmsten Führer des
Aufstandes. Mit großem Gefolge ritten sie ins Frankenland
zur Taufe; zu Attigny an der Aisne wurde die feierliche Hand⸗
lung vollzogen; König Karl selbst war Pate. Halb freiwillig,
in bloßem Vertrage beugten die Sachsen sich unter das sanfte
Joch Christi, das härtere des Frankenkönigs: dem entsprach
es, wenn in den folgenden Jahren die christliche Mission im
Sachsenlande in langsamem Fortschritt wirkte. Karl hat in
dieser Zeit die Capitulatio de partibus Saxoniae erlassen.
Seine neue Gesetzgebung betonte vor allem die Herstellung der
kirchlichen Gewalt und den Schutz des Klerus, sie gab eine
Reihe von kirchlichen Disciplinarvorschriften für die Laien, sie
sorgte in strengen Bestimmungen für die Aufrechterhaltung der
Landesruhe, sie versuchte schon einige fränkische Rechtsnormen
einzuführen, und sie setzte die bisherige Politik des Eroberers
fort, indem sie die Edlen des weiteren begünstigte. Freilich
waren die Strafbestimmungen des Gesetzes drakonisch, sein erster
Teil kennt fast nur Todesstrafen, das ewig wiederholte morte
moriatur, capite punietur am Schlusse der Abschnitte macht
einen furchtbaren Eindruck. Aber das Recht des Stammes
selbst galt noch später als überaus streng, und fast jede Todes—
strafe konnte durch Veichte vor dem Priester oder Zuflucht zu
einem christlichen Altare vermieden werden.
So schien die Generation des Widerstandes der Jahre 778
bis 785 endgültig unter die Macht der Franken und des
Christentums gebeugt zu sein. Anders dachten die Jungen der
Folgezeit. Unerträglich fanden sie Frankenherrschaft und kirch—
lichen Zehntendruck, hassenswert Gerichtsgewalt und Heerbann
des stammfremden Königs. Von neuem entbrannte der Auf—
stand. Karl hat auch diesen letzten Teil des Krieges in mehr
als zehnjährigen Kämpfen zu Ende geführt. Außer den alten
Mitteln wandte er jetzt vor allem die regelmäßige Versendung
aufständischer Sachsen, namentlich Edler, ins Frankenreich an,
sei es zu dauernder Ansiedlung, sei es als Geisel: bis zu sieben
Tausend sind in einem Jahre weggebracht worden; so wurden
der drohenden Empörung die Führer entrissen, und die heim—
        <pb n="43" />
        26

Fünftes Buch. Erstes Kapitel.

gekehrten Geiseln verbreiteten den Ruhm des großen Franken—
herrschers wie die neue Kultur der Kirche. Noch in den Jahren
802 -804 wurde das System aufs umfassendste auf die über—
elbischen Sachsen, die Nordleute angewendet. Von ihnen wurde
weitaus der größte Teil nach dem Frankenreich abgeführt, ihr
Land aber den slawischen Abodriten überlassen. Es war eine
Maßregel, die zugleich das heidnische Dänemark endgültig
abtrennen sollte vom christlichen Sachsen: es war das Schlußwort
Karls des Großen in Sachen der sächsischen Unterwerfung. —
Die Gewinnung Baierns kann als volles Korrelat zur Be—
siegung der Sachsen betrachtet werden: beide Ereignisse zusammen
erst haben die gewaltigsten politischen Folgen, vor allem die
Möglichkeit eines späteren ostfränkischen, dann deutschen Reiches
gezeitigt; als Bezwinger Sachsens und Baierns zugleich ist
Karl der Große der Begründer der Anfänge eines deutschen
Gesamtstaates und einer der wesentlichsten Förderer der deutschen
Nationalität geworden.
Wie verschieden aber verliefen im übrigen die sächsischen
und die bairischen Ereignisse. Dort alle heroischen Züge eines
Volkskampfes, ein Gegenstück der gewaltigen Kriege unter Tibe—
rius, Drusus und Germanicus; hier ein bald mit diplomatischen,
bald mit militärischen Mitteln geführter Streit gegen den
Herzog des Landes, eine Reihe beiderseits dynastisch gefärbter
Vorgänge. Dort die Abwehr eines Stammes, der sich noch auf
dem Boden urzeitlicher Verfassung bewegt, hier die Widerspen—
stigkeit eines Herzogtums, das besser als alle deutschen Stammes—
herzogtümer die fürstlichen Befugnisse des 4. bis 6. Jahrhunderts
zu wahren und zu erweitern gewußt hatte.
Zwar war in der ersten Hälfte des 8. Jahrhunderts ein
gewisser Verfall in der Macht des bairischen Herzogtums einge—
treten: die Organisation der Kirche als einzig für sich stehenden
Körpers war den Herzogen mißlungen!; Angriffe vom frän—
kischen Westen her hatten das Land geschwächt, schließlich sogar
zur Abtretung des Nordgaues geführt?, und von Süden aus

Vgl. Band J S. 355.
8 Vgl. oben S. 9. 14.
        <pb n="44" />
        Entstehung, Blüte und Verfall des Karlingischen Weltreichs. 27

hatten langobardische Einfälle das Etschthal von Bozen bis
Meran dem Herzogtum entfremdet. Aber unter Tassilo, seit
dem Jahre 748, erfolgte ein neuer Aufschwung, dem die that⸗
sächliche Lostrennung vom Frankenreich trotz des beschworenen
Lehnsverhältnisses zur Seite lief. Tassilo vermählte sich mit
Liutberga, der Tochter des Langobardenkönigs Desiderius: so
erhielt er das Etschthal zurück. Er wußte ferner die von Boni—
fatius endlich organisierte Kirche zu stärken, und er gewann den
wichtigsten Teil der Großen des Landes durch klug berechnete
Schenkungen zu unverbrüchlicher Treue. Vor allem aber dehnte
ꝛx sein Herzogtum gewaltig nach Osten aus.
Hier waren nach dem Abzuge der Deutschen die Slawen in
ihren kleinen Stämmen, den Dschupen, langsam vorgedrungen;
in friedlichem Fortschritt hatten sie wie Böhmen und Mähren,
so seit Mitte des 6. Jahrhunderts die Ränder der ungarischen
Tiefebene und die Gegenden zwischen Sau und Drau besetzt;
gegen Ende des Jahrhunderts beginnen schon ihre Kämpfe mit
den Baiern. In diesem Augenblick stürmte über sie die Wolke
der awarischen Eroberung dahin: von der Enns und dem Alpen⸗
rand bis Siebenbürgen, von der Adria bis nach Thüringen hin
erhob sich die Herrschaft eines nomadischen Volkes. Aber die
Slawen ließen sich des Zwischenfalls nicht verdrießen: unter
der äußeren Herrschaft der neuen Gebieter drangen sie weiter
in die Gegenden der heutigen Steiermark sowie nach Krain
und Kärnten vor, ja ergossen sich bis nach Dalmatien: selbst
die Küstenstädte der Adria fielen im Beginn des 7. Jahrhunderts
teilweise in ihre Hände. Inzwischen aber erlebte das Awaren—
reich die Zeit seiner höchsten Blüte: seit spätestens Mitte des
7. Jahrhunderts begann es zu sinken. Innere Umwälzungen
und äußere Mißerfolge, unglückliche Kämpfe mit dem Gechen⸗
fürsten Samo im Westen, mit dem emporstrebenden Reiche der
Bulgaren im Osten zerstörten die ursprüngliche Kraft; seit der
Mitte des 8. Jahrhunderts erstreckte sich das awarische Macht—⸗
gebot kaum noch auf die Slawen am Ostrand der Alpen: die
Zeit für bairische Eroberungen war gekommen.
Und trefflich nutzte Tassilo die Lage. Kriegerische Thätig—
keit und christliche Mission wußte er in gleicher Weise zu ent—
1ͤS. oben S. 14.
        <pb n="45" />
        28

Fünftes Buch. Erstes Kapitel.

wickeln: schon 772 galten die Karantanen als von Baiern ab—⸗
hängig, nachdem im Jahre 769 das Kloster Innichen an der
Pforte des Landes begründet worden war; 777 wurde die
Abtei Kremsmünster in das Mündungsgebiet der Enns zur Be—
kehrung und Unterwerfung der Slawen zwischen Donau und
Enns vorgeschoben.
Es waren die Anfänge einer Machtentfaltung, die Karl
den Großen allein schon zur Einverleibung Baierns in das
Frankenreich vermocht haben würden, selbst wenn Tassilo nicht
vermöge seiner Verschwägerung mit dem langobardischen Königs⸗
hause sich als dauernden Feind der fränkischen Politik in Italien
erwiesen hätte. Und gab es nicht jederzeit ein Rechtsmittel,
um gegen Tassilo vorzugehen? Der Herzog hatte die Lehns—
treue, die er König Pippin geschworen, gebrochen: es schien
das mindeste, wenn Karl, etwa im Jahre 781, auf deren Er—
neuerung bestand. Freilich half es dem Herzog nichts, daß er
den Eid, wohl gegen die Erwartung Karls, von neuem leistete
sechs Jahre darauf zog Karl mit drei Heeren gegen ihn zu
Feld. Die Veranlassung hierzu ergiebt sich aus der Über—
lieferung nicht mit völliger Klarheit; darüber, daß Karl den
Herzog verderben wollte, besteht kein Zweifel. Als nun nach
erneuter freiwilliger Unterwerfung des Herzogs und des Landes
— das ganze Volk mußte einen Treueid leisten — Tassilo sich
unterfing, mit Hilfe des allgemein gehaßten Landesfeindes, der
Awaren, seine Unabhängigkeit wieder anzustreben, da empörte
sich sein eignes Volk gegen ihn: auf einem Tage zu Ingelheim
ward er nach bairischem Rechte zum Tode verurteilt, aber von
Karl zur Einschließung in ein Kloster begnadigt!.
Die rücksichtslose Energie, mit der Karl die Selbständig—
keit des bairischen Herzogtumes brach, bewährte er auch gegen—
über der nunmehr eintretenden Notwendigkeit, die Verhältnisse
des deutschen Südostens von neuem zu ordnen. Baiern ward
auf fränkische Weise organisiert, die Awaren wurden in wieder—
holten Kämpfen fast bis zur Vernichtung geschlagen, bald ge—
hörte alles Land der Ostalpen zwischen Donau und Drau zum
—BVaol. Hauck? Bd. 2, S. 445 f.
        <pb n="46" />
        Entstehung, Blüte und Verfall des Karlingischen Weltreichs. 29

fränkischen Reiche. Darüber hinaus wurde zur Abrundung des
Erworbenen Böhmen und Mähren in lose Abhängigkeit gebracht
und Dalmatien unterworfen.
Es waren Erfolge, die, entgegen den bisherigen Fort—
schritten der Slawen, nunmehr der Ausdehnung deutschen Wesens
zu gute kamen. In den neuen Marken des Reiches wurden
ungeheure Strecken von Wüste und Wald an die kirchlichen In—
stitute Baierns, an die Bistümer Salzburg, Passau, Regens—
hurg, Freising, wie an hervorragende Abteien verliehen: überall
entstanden deutsche Grundherrschaften, wenn sie auch mit Arbeits—
kräften teilweis fremder Zunge betrieben wurden. Daneben
jogen auch einfache Freie in das neue Land, wenn auch längst
nicht so zahlreich, wie etwa später im Norden über die Saale
und Elbe; es ist ein dauernder Unterschied unserer nordöstlichen
und südöstlichen Kolonisation, daß im Süden nur die hervor—
ragende Klasse, im Norden große Teile der Gesamtbevölkerung
sich deutschen Ursprungs rühmen konnten. Doch wurde im Süden
der spärliche deutsche Einfluß der Einwanderung wenigstens
einigermaßen verstärkt durch die deutsch charakterisierte Ein—
wirkung der Mission, wie sie namentlich von Passau und Salz⸗
burg ausging. Im ganzen war jedenfalls die Straße deutschen
Lebens zur mittleren Donau hin nunmehr eröffnet: und zu
jener Zeit, in der im Norden deutsche Ansiedler erst in den
Anfängen kräftig über Elbe und Oder vordrangen, in den seligen
Tagen der Staufer, erklangen aus der neuen Ostmark des
Südens bereits die süßen Lieder Reinmars des Alten und Herrn
Walthers von der Vogelweide weltkluge Sprüche.
So hat Karl nicht bloß die deutschen Stämme gemein—
samem politischen Leben unterworfen in der herben Schule des
fränkischen Universalreiches, er hat ihnen auch wenigstens an
der Donau die Wege jener großen Kolonisation des Ostens ge⸗
wiesen, in deren Bethätigung zum erstenmal den Sonder—
bildungen der Stämme eine allumfassende nationale Aufgabe
zgestellt ward, in deren Verlauf sich ihr Blut und ihre Sitte
zum erstenmal zu unteilbar nationaler Auffassung gemischt und
geklärt hat.
        <pb n="47" />
        30

Fünftes Buch. Erstes Kapitel.

IV.

Die universale Bedeutung Karls des Großen beruht natur—
gemäß auf seiner Verbindung mit den alten weltgeschichtlichen
Sitzen der Herrschaft im Abendland, mit Italien und Rom.
Auf diesem Gebiete hatte Pippin nicht völlig klare Beziehungen
hinterlassen. Der Papst murrte, daß Besitzungen des h. Petrus,
die ihm durch die Schenkung des Jahres 754 verliehen waren,
noch teilweis unter der Hand der feindlichen Langobarden
ständen; das Verhältnis zum Langobardenreich selbst war zwar
durch den Friedensschluß des Jahres 756 geregelt, doch wurden
dessen Bedingungen von König Desiderius nicht voll gehalten.
Unter diesen Umständen lag es noch in der Macht Karls,
die ferneren Beziehungen entweder auf die Bundesgenossenschaft
der Päpste, oder auf die Freundschaft der Langobarden auf—
zubauen. Es ist von weltgeschichtlicher Bedeutung geworden,
daß Karl sich schließlich für die universale Macht des Papsi—
tums entschied. Auf Bitten des Papstes Hadrian wie aus einer
Reihe persönlicher Gründe griff er das Langobardenreich an,
im Sommer 774 war es vernichtet; Karl übernahm selbst die
Würde eines Langobardenkönigs und ordnete in den folgenden
Jahren, vornehmlich auf einem Tage zu Mantua im Jahre 781,
die politische Lage und die sozialen Verhältnisse des Reiches.
So standen sich seit 774 der Papst und der Frankenkönig,
nun auch Herrscher Oberitaliens und großer Teile Mittelitaliens,
unmittelbar gegenüber. Der Papst hatte das beiderseitige Ver—
hältnis schon Ostern 774, gelegentlich eines Besuches König
Karls in Rom, mit einer den König überraschenden Schnellig—
keit zu ordnen gesucht. In der That gelang es ihm wohl, von
Karl eine Schenkungsurkunde zu erhalten, worin weit über die
schließlich verwirklichten Verbriefungen des Jahres 754 hinaus
dem Stuhle Petri auch die Herzogtümer Spoleto und Benevent
zugesprochen wurden: so daß das Papsttum zu einer großen
mittelitalienischen Macht, in eine dem langobardischen König—
tum ebenbürtige Stellung befördert schien. Allein als die fol—
genden Jahre die Ausführung dieser Urkunde bringen sollten,
—Sooben S. 20.
        <pb n="48" />
        Entstehung, Blüte und Verfall des Karlingischen Weltreichs. 31

da zeigte sich, daß Karl von ihrem, gegenüber der Schenkung
des Jahres 754 so gewaltig vergrößerten Inhalte nichts wissen
wollte; ein erbitterter Briefwechsel zwischen ihm und dem Papst
entspann sich und führte zu immer schärferen Mißverständnissen.
Dem machte Karl im Jahre 781 ein Ende, indem er, persönlich
in Rom anwesend, die Stellung des Papsttums in Italien und
gegenüber der fränkischen Schutzmacht in Rom endgültig regelte.
Die Kurie mußte auf die Stellung einer großen mittelitalischen
Macht verzichten: nur ihre Domänen allenthalben, sowie der
staatsrechtliche Besitz des römischen Dukats und des Exarchats
hon Ravenna wurden ihr belassen; aus der Schutzhoheit in
Rom aber leitete Karl das Recht bestimmter Einflüsse auf Papst⸗
wahl und Papstregierung ab.
So zerflossen die papalen Träume universaler politischer
Macht, die um diese Zeit sich immer dichter um eine Sage ge—
ballt hatten, der zufolge Kaiser Konstantin bei der Verlegung
der kaiserlichen Residenz nach Byzanz das westliche Weltreich
dem römischen Stuhle geschenkt haben sollte: der Papst blieb
ein kleiner Territorialfürst unter fränkischer Hoheit. Doch
herber noch waren die Enttäuschungen, die Papst Hadrian
in seiner Stellung zur fränkischen Reichskirche erleben mußte.
Schon Pippin hatte hier die päpstliche Einwirkung möglichst
auszuschließen gesucht: es war der Weg, den Karl konsequent
weiter verfolgte bis zur persönlichen Anmaßung geistlicher All—
gewalt. Nicht bloß daß die Kirchen des Frankenreiches sich
völlig selbständig verwalteten, daß die Bischöfe immer mehr in
das Getriebe der eigentlichen Staatsverwaltung hineingezogen
wurden, daß die Missionen in Sachsen und im bairischen Süd—
osten, auf dem Rom einst so ergebenen deutschen Boden, aus
rein fränkisch-staatlicher Machtvollkommenheit organisiert wurden:
selbst dogmatische Streitigkeiten zog der Frankenkönig vor sein
Forum. In Sachen des ketzerischen spanischen Adoptianismus
beschloß die Synode zu Regensburg vom Jahre 792 unter dem
Vorsitz Karls ein Verdammungsurteil, ehe Rom gesprochen hatte;
und noch schlimmere Erfahrungen machte der Papst in Sachen
des byzantinischen Bilderstreites. In Ostrom hatte die bilder—
        <pb n="49" />
        32

Fünftes Buch. Erstes Lapitel.

freundliche Kaiserin Irene im Herbste 787 eine Synode nach
Nicäa berufen, welche die Wiederherstellung der Bilderver—
ehrung beschloß; der Papst war auf der Synode vertreten ge—
wesen und hatte ihre Akten gebilligt und unterschrieben. Das
war ein Votum ganz entgegen dem Sinne Karls. Wiederholt
hatte ihn Byzanz in seinen Bestrebungen auf Befriedung und Er—
weiterung seines italienischen Königreiches gehindert: er war
nicht gesonnen, dem feindlichen Reiche durch seinen geistlichen
Primas zu Rom Hilfe gedeihen zu lassen. Er gab Befehl zur
Ausarbeitung einer weitläufigen Widerlegung der nicänischen
Beschlüsse, er ließ sie auf einer Synode zu Frankfurt im Jahre
794 unter Verdammung der byzantinisch-päpstlichen Lehre feier⸗
lich annehmen, und er übermittelte einen Auszug aus ihr dem
Papste in Form eines Reichsgesetzes zur Nachachtung. Gleich—
zeitig leitete er aus seiner Schutzhoheit über Rom immer neue
Rechte ab; er tadelte den Papst wegen Simonie, er trat geradezu
als geistlicher Vormund der Kurie auf.
Hadrian befand sich in der peinlichsten Lage!. Obgleich
klug und thatkräftig: was konnte er dem allmächtigen Franken⸗
könig entgegensetzen? Er suchte Zeit zu gewinnen, er schrieb
Karl Briefe, aus denen schon alle staatskirchenrechtlichen Gegen⸗
sätze der späteren Kampfeszeit zwischen Kaiser und Papst schrill
entgegen tönen, er betete für die Sinneswandlung des Königs.
So ist er machtlos, obwohl von Karl persönlich verehrt, im
Jahre 795 gestorben. Sein Nachfolger aber, Leo III. besaß
bei weitem nicht gleich treffliche Eigenschaften: ein kleinlicher,
habsüchtiger, unlauterer Geist ward er von den Römern im Jahre
799 vertrieben; nicht einmal die äußeren Formen der Selbstän—
digkeit konnte er aufrecht erhalten, er floh an den Hof Karls
des Großen.
So war die Herrschaft des Frankenkönigs gegen die Neige
des Jahrhunderts zur universalen Macht erstarkt; auf der
Grundlage der Personalunion mit Italien verfügte dieser über

EGs ist bezeichnend, daß das Gerücht entstehen konnte, der alte König
Offa von Mercia habe Karl dem Großen geraten, er solle Hadrian ab—
setzen und einen Franken zum Papst machen: Cod. Carol. 96 784 791.
        <pb n="50" />
        Entstehung, Blüte und Verfall des Karlingischen Weltreichs. 33

Autorität des römischen Weltbischofs. Das Ideal, das
Augustin in seiner Civitas Dei einst gezeichnet: die Kirche zum
Gottesstaat erweitert, geistliche und weltliche Gewalt schließlich
in der Hand eines gottesfürchtigen Herrschers: es schien erfüllt;
die langersehnten Zeiten eines neuen, höheren Imperiums waren
herbeigekommen; schon ward Karl als neuer Augustus begrüßt,
und seine Bewunderer sprachen von ihm als der excellentia
imperialis.
Gleichzeitig hatte es den Anschein, als sollte dem byzan⸗
tinischen Reiche die kaiserliche Krone entrissen werden. Seit
den achtziger Jahren war zwischen den Kaisern des Ostens und
dem Frankenkönig eine zunehmende Entfremdung eingetreten,
seit 786 führten die Heere Ostroms unglückliche Kümpfe mit
dem großen Herrscher Harun⸗al-Raschid, dem politischen Freunde
Karls; seit 789 bedrückten weitere schwere Kämpfe mit dem
Bulgarenreiche das Land. Dazu kam, daß aus inneren Thron⸗
revolutionen schließlich ein Weib, Irene, als kaiserliche Allein—
herrscherin hervorging: ein unerhörtes Ereignis: die Krone der
Imperatoren schien verwaist, denn an Manneskraft war sie bis⸗
her gebunden gewesen.
In diesem Augenblick, um die Wende des Jahrhunderts,
verweilte Karl in Rom. Vernehmlich sprachen zu ihm und
seinem Gefolge die monumentalen Zeugnisse kaiserlicher Ver⸗
gangenheit; der Entschluß zur Erneuerung des Imperiums er—⸗
schien als selbstverständlicher Ausdruck der Lage. Da hat
Leo III., der schwache, soeben erst durch Karls Waffen nach Rom
zurückgeführte Papst, dem Frankenkönig die Kaiserkrone aufs
Haupt gedrückt.
Wir wissen aus dem Freundeskreise Karls, daß diesem die
päpstliche Handlung unerwartet, im unangenehmen Sinne über—⸗
raschend kam. Vielleicht war er in seinen eigenen Plänen
irgendwie gestört worden. Oder beeinflußte ihn die Rücksicht
auf Byzanz??

1Freilich hat Alcuin noch im Mai 799 die fränkische Königswürde
über die kaiserliche (und päpstliche) gestellt; val. Hauck ? II. S. 106 Anm. 1:
Ale. ep. 174 S. 288.
2 S. Einh. V. Raroli nc. 16 Schluß und c. 28: Romanis imperatoribus
 sub hoc indignaptibus.
Lamprecht, Deutsche Geschichte II.
        <pb n="51" />
        34

Fünftes Buch. Erstes Kapitel.

Doch war Karl nicht der Mann, kleinlichen Unmut zu
hegen. Hatte der Papst die Abhängigkeit des Kaisertums von
geistlicher Hand darthun wollen: eben indem er ihr geistlichen
Charakter zusprach, benutzte Karl die neue Wüuͤrde zur Errichtung
einer fränkischen Theokratie, zur vollen Übertragung der päpst⸗
lichen Autorität auf den Kreis der kaiserlichen Befugnisse. Nicht
minder sicher und geduldig wußte er sich mit Byzanz abzu⸗
finden. In unendlich schleppenden, zufallreichen Verhandlungen
und Kämpfen vermochte er schließlich doch die bettelstolzen Kaiser
des Ostens, ihm den Titel des Basileus zuzugestehen; und mit
der frohen Gewißheit, neben das östliche Kaisertum ein Imperium
 occidentale gestellt zu haben, ist er ins Grab gesunken
(28. Januar 814).
Unendlich wichtig war diese universale Politik, wie Karl
— Volk steht sie
an Bedeutung der deutschen Politik Karls fast ebenbürtig zur
Seite. Sehen wir davon ab, daß das Karlingische Kaisertum
später ein Ottonisches, ein deutsches geworden ist. Was von
den äußeren Formen des Imperiums auf unsere Nation über—
ging, das ward seinem inneren Zusammenhang nach verändert:
nur in ihrem Titel, ihren Insignien erinnern die deutschen
Kaiser an die Imperatoren des Karlingischen Hauses. Viel mehr
besagt es, daß die eigentliche Aufgabe des fränkischen Welt
reiches, die innige Verschmelzung germanischen und christlich—
antiken Wesens, in ihrer Durchführung gewährleistet werden
konnte nur durch die Erneuerung des Kaisertums. Karl hat
das wohl begriffen. Mit seltener Klarheit des Geistes hielt er
sich in neutraler Höhe über Christentum, Antike und deutschem
Volkstum; indem er die Vorzüge jedes dieser Elemente erkannte
und betonte, indem er sie in sich gleichsam in Fleisch und Blut
umsetzte, ward er Vorbild und Begründer der Kultur des
Mittelalters und neuerer Zeiten.
Nicht minder folgenreich, wenn auch von mehr vorüber—
gehender Bedeutung war die Thatsache, daß Karl vom Stand—
punkte königlicher und kaiserlicher Theokratie aus sich die Kirche
zu Dienste zwang. Nun konnte er sich auch gegen die Sonder—⸗
        <pb n="52" />
        Entstehung, Blüte und Verfall des Karlingischen Weltreichs. 85

gelüste des Laienadels wenden; seine damit unabhängig ge—
wordene Stellung gestattete ihm weiter die Fürsorge für die
mittleren und unteren, gerade damals bedrückten Klassen, sein
Königtum ward dadurch zum erstenmal innerhalb unserer Ent—
wicklung eine soziale Macht wie nur je eine Monarchie späterer
Zeiten: er wußte die Nation sozial und wirtschaftlich zu be—
herrschen, zu gliedern: erst so ward seine geniale Kunst zu
herrschen der Entfaltung großer staatlicher Kräfte mächtig und
sicher: eine ungeahnte politische Gewalt ward erreicht, eine seltene
Harmonie der größten staatlichen Interessen zeitweilig gewonnen.
Freilich machte sie nur Episode. Nicht völlig besiegte Karl
die vorhandenen wirtschaftlichen und sozialen Schwierigkeiten,
er hielt sie nur in ihrer Entwicklung auf: an ihnen ist der
Karlingische Staat schließlich doch zu Grunde gegangen!. Nach
Karls Tode aber drängten sich zunächst ganz andere Fragen in
den Vordergrund.

7

Karls Nachfolger Ludwig war der jüngste und am wenigsten
zum Herrscher geborene Sohn des Kaisers. Doch nahm seine
Regierung wenigstens anfangs einen energischen Anlauf und
warf sofort eine Frage auf, die allerdings dringend der Lösung
bedurfte, die der Erbfolge an der Krone.
Die Erbfolgeordnung der Merowinge war keine andere ge—
wesen, als die des gemeinen Erbrechtes der Franken: gleiche
Teilung unter alle gleich nahen Erben, doch Verwaltung des
ganzen Erbgutes durch alle Erben, wenn irgend möglich, zu
gesamter Hand. Das Karlingische Geschlecht hatte diese An—
schauungen im wesentlichen beibehalten. Hatte trotzdem die
Einheit des Reiches sich bisher wahren lassen, so war das nur
durch glückliche Zufälle und gelegentliche Eingriffe in das Erb—
recht ermöglicht worden.
Jetzt erforderte aber die Idee des neuen Imperiums not—⸗
wendig die Nachfolge eines Herrschers. Zu gleichem Schlusse
drängten die kirchlichen Interessen. Die Kirche, ein einziger

1S. Genaueres unten: 5. Buch, 83. Kapitel, IV.
        <pb n="53" />
        36

Fünftes Buch. Erstes Kapitel.

Körper, mußte bei jeder Reichsteilung materielle Verluste er—
leiden. Noch mehr mußte sie als größte sittliche Macht durch
jeden mit dem Ruine des Reiches unvermeidlichen moralischen
Verfall betroffen werden: schon in frühmerowingischer Zeit hatte
sie deshalb alle centralistischen Bewegungen gestützt und noch
bis zum Jahre 6838 sich in Konzilien des Gesamtreiches ver—
sammelt. So drängten alle lebendigen Traditionen der hohen
Kultur des Altertums, Kirche und Kaisertum zugleich, auf Ein—
führung des Rechtes der Erstgeburt.
Nun hatte schon unter Karl dem Großen sich eine Ge—
wohnheit ausgebildet, deren weiterer Ausbau zur Versöhnung
der entgegengesetzten germanischen und antik-christlichen An—
schauungen führen konnte. Karl hatte Italien, Aquitanien und
Baiern seinen Söhnen als teilweis selbständige Reiche unter
seiner Oberhoheit übertragen: ließen sich nicht die nachgeborenen
Brüder des künftigen erstgeborenen Alleinherrschers in die gleiche
Stellung bringen?
In dieser Richtung bewegte sich das von Ludwig im
Jahre 817 mit dem Reichstag vereinbarte Hausgesetz. Lothar,
der älteste Sohn des Kaisers, ward mit dem kaiserlichen Reif
gekrönt und zum Mitregenten erhoben, die jüngeren Söhne
Ludwig und Pippin wurden unter der Oberhoheit des Vaters
als Könige mit Baiern und Aquitanien ausgestattet. Nach
dem Tode des Kaisers sollten sie dann in dem gleichen Ver—
hältnis zu Lothar als dem Herrscher des Gesamtreiches weiter
verharren, sie sollten ihm bei völliger Freiheit der inneren Ver—
waltung in der Führung der äußeren Politik und in der
Führung des Heerwesens unterworfen sein.
Es schien eine nicht ungeschickte Lösung künftiger Schwierig—
keiten. Leider ergab sich bald, daß sie ausschließlich geistlichen
Einflüssen am Hofe verdankt ward. Der Kaiser selbst zeigte
sich nur zu früh als ein indolenter Charakter von schwächlicher
Frömmigkeit, nicht frei von zäher Betonung seiner Würde, doch
ohne bestimmte politische Ideale und gänzlich fern von dem
energisch ausgeprägten Herrschafts- und Pflichtgefühl seines
Vaters, unfähig zu stetiger Arbeit, beherrscht von den Leiden—
schaften des sinnlichen Genusses, der Jagd, des Fischfangs.
        <pb n="54" />
        Entstehung, Blüte und Verfall des Karlingischen Weltreichs. 37

So übernahm der Klerus bald die Leitung der inneren
Politik, während Ludwig selbst wohl nach außen hin das Recht
alleiniger Beschlußfassung eifersüchtig wahrte, aber bei seiner
Unentschiedenheit und Trägheit an allen gefährdeten Grenzen
des Reiches, an der Elbmündung wie in der Bretagne, in der
spanischen wie in der awarischen Mark erfolglos blieb. Und
doch trug das Reich auch noch nach Karl dem Großen die
Lebensrichtung auf immer weiteres Wachstum in sich, nach
Nord und Nordosten als Vertreter christlicher Mission, nach
Südosten im Widerstreit zu Byzanz, im Südwesten im Wider—
streit zum Islam — im Gegensatz also zur asiatischen wie
europäischen Weltmacht des Morgenlandes.
Im Inneren ward namentlich der Abt Benedikt von Aniane
der Ratgeber des Kaisers, ein leidenschaftlicher Gote aus dem
heißen Aquitanien, dem Ludwig nahe der Achener Pfalz, in
Kornelimünster, ein waldumschattetes Kloster erbaute. Unter
seinem Antrieb wurde die Benediktinerregel in allen Abteien
des Reiches namentlich in ihren Äußerlichkeiten von neuem
durchgeführt, bis schließlich die mönchische Bewegung auch auf
die Domkapitel übersprang.
Doch begnügte der Klerus sich nicht mit der Leitung der
Kirche nach seinem Behagen; er bemächtigte sich der Gesetz—
gebung des Reiches. Das zeigten schon die Achener Kapitularien
vom Jahre 819. Sie brachten zwar wesentliche Fortschritte
auch auf dem Gebiete weltlichen Straf- und Prozeßrechtes, doch
vor allem verkündeten sie die ersten großen Maßregeln zur Be—
freiung der Reichskirche vom Staat: der Bestand des Kirchen—
gutes wird gesetzlich gewährleistet, die freie kanonische Wahl
der Bischöfe geboten, der Priesterstand ganz der Verfügungs—
gewalt des Episkopats unterstellt. Auch formell verselbständigte
sich der Klerus bereits im Gegensatz zum Staat; schon wagte
der Kaiser nicht mehr, den Bischöfen zu befehlen; sie versprachen
nur noch auf seine bescheidene Anregung die loyale Erfüllung
staatlicher Pflichten.
Ein Lustrum später bewegte sich die Politik des Kaisers,
nach außen hin schwächlich und verachtet, im Innern völlig in
geistlichem Fahrwasser. Schon im Jahre 825 war es so weit
        <pb n="55" />
        z8

Fünftes Buch. Erstes Kapitel.

gekommen, daß der Kaiser zu Königsboten, jenen obersten staat—
lichen Aufsichtsbeamten der Karlingischen Zeit, neben Grafen
auch geistliche Würdenträger in ihren Sprengeln bestellte!: es
war eine starke Verkirchlichung der höchsten staatlichen Ver—
waltungsstaffel.
Was aber schlimmer war: die neue Ordnung bewährte
sich nicht. Der Klerus als herrschende Klasse entwickelte mehr,
als je bisher, ein unerträgliches Selbstbewußtsein, er begann
sittlich zu verfallen, sein staatliches Pflichtgefühl ging verloren.
Die Beziehungen der politischen Centralgewalt zum Lande
lockerten sich, der Unfriede wuchs, die Ausbeutung der unteren
durch die herrschenden Klassen nahm bedrohliche Formen um
so mehr an, als man in einem Zeitalter furchtbarer sozialer
Umwälzungen lebte; allgemein schrie das Volk nach Reform
und Besserung.
Auch die Bischöfe machten sich beim Kaiser in ihrer Weise
zu Dolmetschern dieser Stimmung: der Staat gehe zurück, der
Kaiser möge pflichtgemäß arbeiten, statt zu jagen und zu
träumen, vor allem aber solle er Gott ehren in seinen Priestern.
Ludwig fühlte dumpf, daß etwas geschehen müsse. So
ordnete er vor allem ein dreitägiges Fasten im ganzen Umfang
des Reiches an, und berief dann zum Ende des Jahres 828
einen Kreis vertrauter Männer nach Achen. Das Ergebnis
ihrer Beratungen waren zwei schöne Rundschreiben voll bunter
Phrasen und unwürdiger Schuldbekenntnisse des regierenden
Herrschers; greifbar war nur die Anordnung, daß vier Synoden
über des Reiches Notdurft des weiteren beraten sollten: dem
Klerus schien Reform und Regierung überlassen.
Von den Beschlüssen der vier Synoden sind uns nur die—
jenigen der Pariser vom Jahre 829 bekannt. Sie betonen in
klug gemäßigter Form die absolute Überordnung von Kirche
und Klerus über jede staatliche Ordnung; neben einigen Spezial—
mitteln sehen sie in der weiteren Erhöhung der Kirche, vor
allem in der höheren Würdigung der Bischöfe, das A und O

S. Commemoratio missis data, Capit. 151, 1 ed. Boréètius
J, 308; dazu Simson J, 206f.; Krause, Gesch. des Institutes der missi,
Mitt. d. Inst. f. österr. Geschichtsforsch. 11 (1890) S. 242 f.
        <pb n="56" />
        Entstehung, Blüte und Verfall des Karlingischen Weltreichs. 39

aller Reform. Es war eine Richtung der Politik, die jeden
inneren Zusammenhang mit den Thatsachen der fränkischen
Verfassung, mit der sozialen Not des Volkes verloren hatte: mit
Sicherheit erwartete der Klerus gelegentlich des nächsten Reichs—
tages zu Worms, August 829, ihre Umprägung in die feste
Form des Reichsrechts.
Wer beschreibt da das Erstaunen des Episkopats, als nichts
von alledem geschah: Das Wormser Kapitulare brachte einige
elends Ansätze zu sozialer und wahrhafter kirchlicher Reform,
von einer gesetzlichen Verkündung des Triumphes der Kirche
über den Staat war keine Rede.
Wo hatte der fromme Kaiser Mut und Einsicht her—⸗
genommen, dem allmächtigen Einflusse des Klerus zu trotzen?
Im Jahre 818 war die Kaiserin Irmgard, die Ludwig
mit drei Söhnen, Lothar, Ludwig und Pippin, beschenkt hatte,
gestorben. Die Umgebung des Kaisers, von der er ganz ab—
—D0
tragen; wenige Monate nach Irmgards Tode heiratete Ludwig
Judith, die Tochter des alamannischen Grafen Welf.
Judith ist die erste Angehörige des Welfengeschlechts, die in
den Geschicken unseres Volkes eine verhängnisvolle Rolle spielt.
Wunderbar schön nach übereinstimmendem Zeugnis ihrer Freunde
und Feinde, herrsch- und selbstsüchtig bis zur Unfähigkeit,
fremdes Recht auch nur zu erkennen, neben dem unentschlossenen
Kaiser ein Mannweib, tritt sie in die Geschichte. Im Jahre
823 gebar sie dem Kaiser einen Knaben Karl: seit dieser an—
fing, zu seinen Jahren zu wachsen, bildete den einzigen Gedanken
ihres Daseins das unersättliche Streben, den nachgeborenen mit
einem Reiche beschenkt zu sehen, mit mehr Land und Leuten,
als seinen erwachsenen Brüdern versprochen war.
Aber dem stand das feierlich beschworene Hausgesetz vom
Jahre 817 und das Interesse des Klerus entgegen. Judith
kümmerte das wenig. Zunächst war sie es wohl, die den Kaiser
vermochte, mit dem Klerus zu brechen: so kam es zur Ab—
lehnung der bischöflichen Forderungen des Jahres 829. Fast
gleichzeitig verlieh der Kaiser durch eigenmächtiges Edikt dem
kleinen Karl Alamannien, die Heimat der Kaiserin, nebst dem
        <pb n="57" />
        *0

Fünftes Buch. Erstes Kapitel.

Elsaß, Rätien und der heutigen romanischen Schweiz: es war
der Bruch des Hausgesetzes vom Jahre 817.
Um es aufrechtzuerhalten, erhoben sich seit dem Früh—
ling 830 der Reihe nach die Söhne der ersten Ehe Pippin,
Lothar und Ludwig. Auf der Seite des Kaisers standen die
Germanen, d. h. die Stämme rechts des Rheins!. Nur durch
den Verrat im eigenen Lager wurde der Kaiser schließlich über—
wunden. Auf dem Rotfelde bei Kolmar standen sich 888 die
Parteien kampfgerüstet gegenüber. Während päpstliche Ge—
sandte zu vermitteln suchten, fielen die Mannen des Kaisers
massenhaft zu den Empörern ab. Die Söhne nahmen den
Vater gefangen und suchten ihn vergebens durch Versicherungen
kindlicher Liebe über seine Lage zu täuschen. Mit Recht nannte
man den Vorgang eine fränkische Schande und das Feld, wo
er sich abspielte, das Lügenfeld. Nicht genug, daß Karl bei
der neuen Reichsteilung leer ausging: der Kaiser selbst wurde
unter absichtlich schimpflichen Formen abgesetzt: auch die geist—
liche Gewalt hatte damit über die weltliche einen bedeutungs⸗
vollen Sieg errungen?.
Mannigfache Eigenmächtigkeiten Lothars aber trieben die
jüngeren Brüder schon 834 wieder auf die Seite des Vaters.
835 wurde Ludwig in alle Würden wiedereingesetzt. Aber
politisch reifer war er in den letzten Kämpfen nicht geworden.
Denn durch neue augenfällige Begünstigung seines Sohnes
aus zweiter Ehe entfremdete er sich nun Ludwig den Deutschen.
Er verständigte sich gegen Ende seines Lebens sogar hinter
dessen Rücken mit Lothar und erlangte — Pippin war in—⸗
zwischen gestorben — seine Einwilligung zu einer neuen Teilung,
in der Karl den Westen erhielt.
Auf der Heerfahrt gegen seinen Sohn Ludwig ist dann
der Kaiser am 20. Juni 840 auf einer Rheininsel bei der
Pfalz Ingelheim gestorben: unter alttestamentlichen Ver—
wünschungen gegen den Sohn, der ihm im Felde entgegenstand.
Nach dem Tode des Vaters verließ Lothar den zuletzt ein—
geschlagenen Weg. Er trennte sich von Karl und wurde zum
1 Dummler J (1887) S. 56 ff.
2 Dümmler 77 ff. Simson IIL 47 f.
        <pb n="58" />
        Entstehung, Blüte und Verfall des Karlingischen Weltreichs. 41

Vorkämpfer für die Reichseinheit!. Aber bei Fontenoy wurde
er von den Brüdern 841 geschlagen. Gleichzeitige Dichter
haben es schon damals ausgesprochen, daß die Reichseinheit
nun zertrümmert war. Ludwig und Karl schlossen sich bald
darauf zu Straßburg 842 nur noch fester zusammen. Aber
indem sie ihr gegenseitiges Gelöbnis, der eine deutsch, der andre
französisch, leisteten, zeigte fich schon die Unvermeidlichkeit einer
dauernden Trennung. Lothar griff indes zu den letzten Mitteln.
Er suchte die soziale Not der unteren Klassen im Sachsenlande,
der Freien und Laten, für sich auszubeuten. Vergebens. Lud—
wig schlug die Empörung dieser sog. Stellinga grausam nieder.
Und auch sonst wandte sich das Glück von Lothar. Er selbst
verstand sich schließlich zu Teilungsvorschlägen, worüber 848
eine Einigung erreicht ward. Sie erfolgte, zuletzt erzwungen
durch die kampfesmüden Großen, im Vertrage zu Verdun, im
August 8432.
Der Vertrag zu Verdun hat die äußere, rein formelle Ein—
heit des Karlingischen Universalreichs für immer gelöst. Es
zerfiel seitdem in drei Teile: Karl erhielt Westfranken, Ludwig
Ostfranken, Lothar das zwischen inne liegende Land, Burgund,
die Provence und Italien; der vierte Bruder Pippin war vor
der Teilung gestorben. Ostfranken speziell, aus dem später das
deutsche Reich erwuchs, umfaßte im wesentlichen alles Land rechts
der schweizerischen Aare und des Rheines, nur die heutige Pfalz
und Rheinhessen links des Rheines gehörten ihm noch zu,
während schon südlich von Bonn, von Sinzig aus, die Grenze
—IDDDDDDD—
um dann einige Meilen landeinwärts rechts des Rheines bis
etwa zur heutigen holländischen Grenze und dieser entlang, doch
bis gegen Bremen ausbauchend, zur Weser und Nordsee zu ver—
laufen. Das ostfränkische Reich des Verduner Vertrages um—
faßte also keineswegs das deutsche Gesamtvolk: ganz gehörten
ihm nur die Baiern und Sachsen an, die Hüter der deutschen
Ostgrenze gegen die Slawen; mit einem Fünftel etwa, dem
Elsaß, befanden sich die Alamannen, zu beinah der Hälfte die
NMonarehiam vindieabat Ann. Fuld. a. a. 841 bei Waitz ? IV 681I.
2 Dümmler 161ff.
        <pb n="59" />
        *

Fünftes Buch. Erstes Kapitel.

Franken nicht im neuen Reich, ganz aus seinem Rahmen heraus
fielen die Friesen. Es ist ein Verdienst Ludwigs des Deutschen
und seiner Nachkommen, mit dem Erwerbe Lothringens erst
Franken und Friesen beigebracht zu haben: die oftfränkische
Geschichte des 9. Jahrhunderts ist, wenigstens vom Gesichts—
punkt territorialer Erwerbungen aus betrachtet, keineswegs eine
Zeit des Verfalls, sondern langsamen Fortschrittes.
Dem entsprach es freilich, daß sich die alte Reichseinheit
im Laufe des Jahrhunderts völlig auflöste.
Zwar war auch nach dem Vertrage von Verdun der Be—
griff des Gesamtreiches noch keineswegs aufgegeben; zur Ord⸗
nung der gemeinsamen Verhältnisse, der „Fraternität“, ver⸗
sprachen die Brüder in regelmäßigen Zusammenkünften ein—
trächtig miteinander zu wirken. Allein wie hätte nach all den
Treulosigkeiten der Vergangenheit das ideale Verhältnis einer
Gesamtregierung hergestellt werden sollen! Zudem zerrissen bald
Erbfolgezwiste das mühsam hergestellte Vernehmen.
Im Jahre 855 starb Kaiser Lothar, von der Welt ver—
achtet, ein Büßer, in der ehrwürdigen Karlingischen Familien—
abtei Prüm, mitten in der Waldeinsamkeit der Eifel. Er hinter—
ließ drei Söhnen je einen Teil seines Reiches, dem kräftigen
Ludwig II. Italien, Karl Burgund und die Provence, endlich
Lothar II. das nördliche Drittel, das Land der Franken und
Friesen. In Lothar II. erhielt Lothringen, durch seine Lage
vorherbestimmt zum Zankapfel zwischen der westlichen und öst⸗
lichen Linie der Karlinge, einen Herrscher, der die hassenswerten
Eigenschaften seines Vaters in erhöhtem Maße besaß. Seine
Ehehändel entsittlichten Laienadel und Klerus; als er im
Jahre 869, meineidig vor seinem Land und dem sittenstrengen
Papst Hadrian II., schnellen Todes starb, da war die Frage der
Thronfolge völlig unübersichtlich und dadurch offen.
Sofort stürzte sich der ostfränkische wie der westfränkische
Oheim gleich gierig auf das Erbe. Anfangs erhielt Karl der
Kahle einen Vorsprung vor Ludwig dem Deutschen: schon ließ
er sich, 869, als lothringischer König in Metz krönen und rückte
dann weiter vor bis zum kaiserlichen Achen. Aber es gelang
ihm nicht, den Raub gänzlich zu wahren, Ludwig der Deutsche
        <pb n="60" />
        Entstehung, Blüte und Verfall des Karlingischen Weltreichs. 48

drohte mit Krieg, und im Vertrage zu Mersen vom Jahre 870
kam es zur Teilung des Landes.
Aber diese Teilung zwischen Ost- und Westfranken war
noch nicht endgültig. Als Ludwig der Deutsche im Jahre 876
verschied und das Ostfrankenreich zerteilt unter seine drei Söhne
Karlmann, den jüngeren Ludwig und Karl zurückließ, da glaubte
Karl der Kahle, nun der letzte überlebende Sohn des frommen
Kaisers Ludwig, den Augenblick gekommen, um ganz Lothringen
dem Westreich einzuverleiben. Aber er fand in dem jüngeren
Ludwig einen unerwartet kräftigen Gegner. Selbst feig und
längeren Widerstandes unfähig, ward er bei Andernach ge—
schlagen und entfloh in die westliche Heimat. Bald darauf,
im Jahre 877, ist er gestorben. Nun folgten Wirren in West⸗
franken, während deren der jüngere Ludwig von einer Partei
der Großen als westfränkischer König ins Land gerufen ward.
Und konnte er auch die Kaiserkrone eines neuen Gesamtreiches
nicht erringen, so erwarb er doch gleichsam als Entschädigung
dafür im Jahre 880 auch den im Mersener Vertrage noch west⸗
fränkisch gebliebenen Teil Lothringens.
Es war eine Zeit rein dynastischer Kämpfe. Die für die
deutsche Geschichte maßgebende Begebenheit ist der Vertrag vom
Jahre 880. Von nun ab gehörte zum ostfränkisch-deutschen
Reiche von Nordburgund ab alles Land östlich der Maas, und
westlich derselben in ihrem Oberlauf noch ein Streifen von
mehreren Meilen Breite, sowie westlich von ihrem Unterlauf
alles Land bis zur Schelde. Es ist die Westgrenze des deutschen
Reiches im Mittelalter, sie umfaßt noch das französische Verdun,
sie begreift ganz das reiche Brabant, ja noch Teile des nord—
östlichen Flanderns, sie verschiebt gegenüber der früheren Ab—
markung die strategische Stellung des Reichs gegen Frankreich
vom Rhein zur Maas: Jahrhunderte hindurch hat sie Deutsch—
land militärisch gesichert.
Freilich war es selbstverständlich, daß die westfränkischen
Herrscher Lothringen noch lange zu erobern trachten würden;
erst König Heinrich J. hat das Land dem Reiche endgültig ge—
wonnen“!. Mit diesem langen Zwist aber war der alte Kar—
1S. unten: 6. Buch, 1. Kapitel, J.
        <pb n="61" />
        Fünftes Buch. Erstes Kapitel.

lingische Reichsverband, der formell noch immer bestand, that⸗
sächlich schon gänzlich in Frage gestellt. Auch der Form nach
gelost ward er durch das Verhältnis des Ost- und Westreichs
zur Kaiserwürde.
Auf Lothar J. war als Kaiser sein ältester Sohn Ludwig II.,
König von Italien, gefolgt: schon ward der kaiserliche Name
zum Titel eines vom Papste abhängigen Landesfürsten, so uni—
versal auch Ludwig dachte und so würdig er die Krone ge—
tragen hat. Ludwig starb im Jahre 875. Nun ergab sich für
Karl den Kahlen von Frankreich und Ludwig den Deutschen
derselbe Wettbewerb hinsichtlich der Kaiserkrone, der schon in
Lothringen zum ewigen Zwist der Brüder geführt hatte. Auch
hier kam der rasche, unwahre Karl seinem festeren, aber lang⸗
sameren Bruder zuvor; nachdem Ludwig der Deutsche im
Jahre 876 gestorben war, hat er unbehelligt bis zu seinem
Tode den kaiserlichen Titel geführt.
Dem Aussterben der Söhne Ludwigs des Frommen folgten
im West- wie im Ostreiche wüste Zeiten innerer Wirren wie
äußerer Angriffe durch Slawen, Normannen und Sarazenen.
Am glimpflichsten gestaltete sich noch das Los Ostfrankens;
denn von den drei Söhnen Ludwigs des Deutschen waren Karl—
mann und Ludwig treffliche Herrscher. Aber ein furchtbares
Geschick, ererbt von der epileptischen Mutter, verfolgte sie wie
ihren von Jugend auf epileptischen Bruder Karl; sie wurden
von einem Gehirnleiden ergriffen, und in der Blüte der Jahre
starb Karlmann 880, Ludwig 882. Damit fiel Ostfranken an
den ewig von Kopfschmerzen geplagten Karl III., und das Un—
glück wollte, daß dieser dritte Karl, von Papst Johann VIII.
aus Verlegenheit zum Kaiser gekrönt, von den westfränkischen
Großen aus Mangel erwachsener Sprossen des westlichen
Hauses zum König auch des Westens berufen, noch einmal vier
lange Jahre (8842887) das Gesamtreich seines Urgroßvaters
nmit zitternder Hand regierte. Die Universalherrschaft des
kaiserlichen Epileptikers war gleichwohl nicht ohne Bedeutung.
Mit Karl wurde zum erstenmal ein Ostfranke Kaiser. Und
dies Ergebnis ging auf den Nachfolger über.
Als Karl halh geistumnachtet die Zügel der Herrschaft zu
        <pb n="62" />
        Entstehung, Blüte und Verfall des Karlingischen Weltreichs. 45

verlieren begann, ergriff sie gewaltsam Arnulf von Kärnten,
ein unehelicher Sohn Karlmanns. Es geschah mit Wissen und
Willen der ostfränkischen Großen; im Jahre 887 haben sie ihn
in Frankfurt zum König gewählt.
Dieser Vorgang bedeutete zunächst ein Verlassen der bis—
herigen legitimistischen Grundsätze der Karlinge; und sofort er⸗
hoben sich auch anderwärts halb oder ganz usurpatorische Reiche,
in Westfrankreich, Hochburgund, Italien. Indes auch diese Ent—
wicklungsphase zerstörte noch nicht endgültig den Karlingischen
Reichsverband.
Durchschlagend ward erst die Kaiserkrönung Arnulfs. Er
erreichte sie nach vergeblichen Versuchen endlich im Jahre 896.
Es war der letzte Erfolg des bisher wunderbar thatkräftigen
Mannes; aber bald drückte die Kaiserkrone ein müdes Haupt;
auch ihn ergriff die entsetzliche Erbkrankheit der deutschen
Karlinge.
Im selben Augenblick gelang es in Westfranken einem
echten Karlingischen Sproß, Karl dem Einfältigen, gegenüber
dem einheimischen Magnatenkönige Odo Fuß zu fassen. Sollte
er nun nach altem Reichsrecht sein errungenes Königreich als
Teilstaat des Universalreiches dem Kaiserscepter Arnulfs, des
halbtoten Karlingerbastards, unterwerfen? Karl weigerte die
Lehensabhängigkeit vom Kaisertume Arnulfs; endgültig ward
die Verfassung des Karlingischen Weltreiches zerbrochen.
Damit war auch das ostfränkische, deutsche Reich aus der
Verbindung entlassen, der es bisher reiche staatsrechtliche An—
regung, zur Verschmelzung vornehmlich seiner verschiedenen
Stämme, verdankte, und die Frage trat auf, ob es allein den
Weg der Einheit und Groͤße finden, ob es dem Zuge der all⸗
gemeinen abendländis chen Kultur erhalten bleiben werde? Ward
die Frage von der Geschichte der folgenden Jahrhunderte be—
jahend beantwortet, so trugen dazu die Nachwirkungen der
Karlingischen Staatsverfassung vielleicht weniger bei, als die
glänzenden Erfolge, welche die neue Geisteskultur des Kar—
lingischen Zeitalters noch durch das ganze 9. Jahrhundert, ja bis
tief in das 10. Jahrhundert hinein nachhaltend gezeitigt hat.
        <pb n="63" />
        Zweites Kapitel.
Die Rarlingische Renaissance.

Nach dem Aufstand der Pariser Kommune im Jahre 1871
zog man aus den Trümmern des eingeäscherten Hotel de Ville
eine Bronzestatuette hervor, kaum ein viertel Meter hoch, un—
scheinbar durch Alter und Zerstörung mancher Einzelheit. Ge—
nauere Untersuchung ergab, daß in ihr das einzige glaubhafte
Bild Karls des Großen auf unsere Tage gekommen ist.
Die Statuette stellt den Kaiser zu Pferde dar, ganz im
Sinne jener antiken Reiterbilder, von denen das Standbild
Marc Aurels auf dem Kapitol eine Vorstellung giebt. Auf
kräftig gebautem Roß sitzt Karl zuversichtlich und majestätisch
in der von seinem Biographen Einhard geschilderten nationalen
Staatstracht. Die Füße bedecken edelsteingeschmückte Schuhe;
über ihnen erscheinen die Waden in der für fränkische Kleidung
bezeichnenden Umschnürung kreuzweise gelegter Binden; von der
Schulter fällt wallend über Rock und Schenkel und Schwert—
gehenk der Mantel herab; das Haupt wird gekrönt durch einen
Goldreif mit reichem Besatz von Edelsteinen und Perlen. Die
linke Hand führt, weit vorgestreckt, doch vollumfassend, den
Reichsapfel, die rechte mag einst die königliche Lanze gehalten
haben. Alles atmet Kraft an dem wuchtigen Körper; neben
das Roß gestellt, würde der Reiter dasselbe um fast doppelte
Kopfeslänge überragen.
        <pb n="64" />
        Die Karlingische Renaissance.

47

Und herrlich sitzt das Haupt auf diesem Körper. Herrsch—
gewohnt, erhabenen Blickes schaut der Kaiser in die Ferne, so
daß der auch sonst als charakteristisch bezeugte kurze Nacken bei
zurückgeworfenem Kopfe noch gedrungener erscheint. Unter den
großen Augen aber ragt eine scharf gebogene Nase mit schnei—
digem Rücken hervor, nimmt eine kurze Oberlippe den kräftigen
Schnurrbart auf, wird das Untergesicht endlich durch ein Kinn
abgeschlossen, das man am einfachsten als bismarckisch bezeichnen
kann: so sehr gemahnt es an den großen Staatsmann der neu—
deutschen Geschichte. Bekrönt endlich wird das Gesicht durch ein
kolossales, fast kugelrundes Hinterhaupt, von dem allerseits
künstlich gelocktes Haar, durch den Goldreif noch eben zusammen⸗
gehalten, herabfällt.
Es ist ein Bild der Kraft und des Geistes, dieser Kaiser
zu Roß: es ist der Franke, der ohne viel Federlesens sich auf
das Roß der römischen Imperatoren geschwungen hat.
Wie anders stellten sich spätere Zeiten den Kaiser vor!
Als Dürer von seiner Vaterstadt den Auftrag erhielt, die
Kaiser Sigmund und Karl den Großen zu malen, da schuf er
aus den Anschauungen des späteren Mittelalters heraus das
Idealbild, in dessen Banne auch wir noch zu stehen pflegen.
Nicht in thatbereiter Manneskraft, als allwaltender Greis viel⸗
mehr ist der Kaiser dargestellt; lang fließt unter der historischen
Kaiserkrone das Haar herab, um sich mit den reichen Wellen
eines wohlgepflegten Vollbartes zu vereinen, und über der Fülle
des Bartes thront eine gebietende Lippe, herrscht eine langgezogene
feine Nase, blicken zwei Augen voll milder Weisheit und
patriarchalischer Güte, zeugt die durchfurchte Stirn von Er—
fahrungen reich in Dulden und Hoffen. Der Körper des Kaisers
aber verschwindet fast völlig unter der Last jener weltlichen und
geistlichen Insignien, die sich im Laufe von mehr als einem
halben Jahrtausend zum Krönungsornate der römischen Kaiser
deutscher Nation emporgetürmt hat.
Beide Auffassungen der Person Karls, die der Karlingischen
Statuette wie die des Dürerschen Porträts, an sich so ver—
schieden, beruhen auf richtiger geschichtlicher Würdigung des
        <pb n="65" />
        1

Fünftes Buch. Zweites Kapitel.

Kaisers. Der Herrscher des Reiterbildes, das ist der Franken—
könig, der die Welt unter dem bewundernden Jubel der Zeit—
genossen unterworfen hat; Dürers Herrscher aber ist Kaiser Karl
der Große, der Begründer einer neuen Zeit, der Träger der
mittelalterlichen Weltordnung des 9. bis 15. Jahrhunderts.
Noch gleichsam im Steigbügel, noch lebend und waltend, Arm
und Hand aus dem Bausch des Mantels weit zum Handeln
vorgestreckt, so erscheint der Kaiser des Broncegnsses; als Ideal—
gestalt eines mittelalterlichen Herrschers, Geistliches und Welt—
liches in ruhiger Würde wägend und verbindend, in der Alba
des Ornates selbst dem geistlichen Stande zugethan, so giebt fich
der Kaiser Dürers.

In der That war es, aus der Vogelschau des endenden
Mittelalters gesehen, das verdienstlichste Werk Karls des Großen,
daß er weltliche und kirchliche Interessen zu jener Einheit verbunden
—D—
bis auf Luther zu lösen vermochten. Von diesem Standpunkte
aus sieht noch das 15. und teilweis 16. Jahrhundert in Karl
dem Großen das unerreichte Ideal des christlichen Herrschers;
von hier aus haben sich Sage und geschichtliche Auffassung des
Mittelalters in gleich fruchtbarer Weise der Verson des Kaisers
bemächtigt.

Kaum gab es eine Forderung der Päpste, deren Verwirk—
lichung sie nicht auf Grund einstiger Übertragung durch Karl
den Großen beanspruchten: und damit nicht genug, auch den
Heiligen der Kirche sollte der Kaiser angehören; seine Ge—
beine wurden weithin als Gegenstand frommer Verehrung ver—
schleppt.
Im mittelalterlichen Staatsleben aber konnte es für eine
Einrichtung wie für das Wirken einer Person kaum eine bessere
Beglaubigung oder Einführung geben, als die, mit dem Namen
Karls des Großen zusammen zu hängen oder wenigstens den
Vergleich mit Karlingischen Einrichtungen zu wecken. So wurde
an der Krönung der deutschen Könige in Achen, als dem Lieb—
lingssitze Karls, festgehalten; und mit sorgsamem Eifer führte
        <pb n="66" />
        Die Karlingische Renaissance.

48

man die Insignien des Reiches auf Karl zurück!. Als König
Konrad II. nach seiner Wahl unter das harrende Volk trat,
da, berichtet sein Biograph Wipo, sei unendlicher Jubel er—
schollen: „kaum hätte sich alles so gefreut, wenn Karl selbst
lebend mit seinem Scepter erschienen wäre.“ Daß ferner ge—
rechte, aber schwere Urteilssprüche als Karls Gebote, angefochtene
Maße und Gewichte als Karls Maße und Karls Lote bezeichnet
werden, um ihnen ein Ansehen zu geben, das ist selbst im
späteren Mittelalter noch herkömmliche Sitte?. Geht doch das
englische, noch heute gebräuchliche, von uns in der Reichsmünze
nachgeahmte Münzsystem, die Rechnung nach Pfunden,
Schillingen und Pfennigen, auf eine Regelung des Münzwesens
unter Karl dem Großen zurück.
Nicht minder lebte die Perfon des großen Kaisers in allen
geistigen und litterarischen Regungen der mittelalterlichen Laien—
welt fort, ja ward zu neuem, sagenhaftem Dasein erdichtet.
Wie Karl ein Verehrer der alten mythologischen Überlieferungen
seines Volkes gewesen war, so ward er künftigen Geschlechtern
zum Nachfolger Wotans selbst: so ritt er auf weißem Roß dem
Zuge der wilden Jagd voran, ward er versenkt gedacht in die
Tiefen des Unterberges, um der Auferstehung in neuer Herr—
lichkeit zu harren, wenn ihm zum drittenmal der Bart um den
Tisch gewachsen sei.
Das Wunderbare all dieser Überlieferungen, wie sie wild
und fern allem Schreibwerk der Klosterzelle wucherten, ist, daß
sie gleichwohl über Person und Wirksamkeit des großen Kaisers
das Wesentlichste in unbewußter Sicherheit des Urteils fest—
halten: seine gleich großen Verdienste um Geistlich und Weltlich,
um Staat und Kirche, die Universalität seines Geistes gegenüber

Von den Slawen und Ungarn ward der Name Karls zur Be—
zeichnung des höchsten Herrschers verwandt, wie der Cäsars von den
Deutschen. Vgl. altssow. Kralji, russ. Korol, daraus litt. Karäalius
„König“; mag. Kiraly.
2 Nach der Kaiserchronik hat Karl den Bauern vorgeschrieben, wie
viel Ellen Zeug sie tragen dürfen: Vers 14 788 f. (D. Chr. LI1S. 349)
bei Kühne Herrscherideal des Mittelalters (1898) S. 214. Otto IV. be—
stätigt 1208 in Frankfurt omnia iura a. K. M. instituta: Gundlach,
K. d. Gr. im Ssp. Gierkes Untersuchungen 60, 1899, S. 88 Anm. 78.
Lamprecht, Deutsche Geschichte II.
        <pb n="67" />
        30

Fünftes Buch. Zweites Kapitel.

Fremdem und Einheimischem, gegenüber antiker Tradition und
germanischer Eigenart. Denn eben hierin liegt die Bedeutung
Karls des Großen, ja des Karlingischen Staates und der Kar⸗
lingischen Kultur überhaupt, daß sie universell und neidlos die
sehr verschiedenen Einflüsse, unter denen das Zeitalter stand,
aufzunehmen und zu dem zu verknüpfen begann, was das
eigentliche mittelalterliche Wesen bezeichnet.
Der größte aller Gegensätze, den es hier auszugleichen galt,
war derjenige zwischen der noch niedrigen germanischen Kultur
der fränkischen Sieger und der gallischen Tradition eines über—
feinerten antiken Lebens, wie sie für die Franken durch die Er—
oberung Italiens wirksam aufgefrischt worden war. Es waren
an sich unversöhnliche Gegensätze; ohne Vermittlung hätten sie
einander aufreiben müssen — und kein Zweifel, daß auch in
diesem Falle der Lebende, der Barbarismus des Germanentums,
recht behalten hätte; — aber auch bei günstigster Vermittlung
war vorauszusehen, daß die Verschmelzung ein Zeitalter erfordern
würde und nur unter mancher Einbuße deutschnationaler Ele—
mente und starker Verblassung der antiken Einwirkungen vor
sich gehen konnte. Die Vermittlung aber übernahm schließlich
die Kirche, und das Verdienst Karls des Großen ist es, eben
die Kirche dauernd in diese Vermittlerrolle gedrängt zu haben.
So wird denn das kirchliche Interesse für Karl den Großen
im Laufe seiner Regierung von Jahrzehnt zu Jahrzehnt mehr
das centrale Interesse überhaupt, bis sein Reich nach der Kaiser—
krönung des Jahres 800 einen gottesstaatlichen Charakter an⸗
nimmt. So begreift es sich, daß Augustins Buch vom Gottes⸗
staat die Lieblingslektüre des Kaisers ward: er wollte dem
Gedanken des großen Kirchenlehrers von Hippo Leben verleihen,
wenn auch in anderer Gestalt, als dieser gemeint hatte. So
versteht sich die Fülle der Verwaltungsmaßregeln und Ver—
ordnungen, durch deren Erlaß das geistliche Element, allen
voran die Bischöfe, zur Mitregierung des Reiches berufen ward,
so die Begünstigung und bald Beherrschung des Papsttums,
so die stattliche Reihe der Glaubensktiege im Osten.
Aber auch die Energie Karls des Großen vermochte es
        <pb n="68" />
        Die Karlingische Renaissance.

51

nicht, eine neue germanisch-römisch-christliche Kultur aus der
Erde zu stampfen. So großartig sein Wagnis und so un—
begrenzt seine Kraft erscheint: hier kämpfte er gegen den Genius
der nationalen Geschichte selbst. So sicher gewaltige Geister
eine bestimmte Entwicklung um Jahrzehnte fördern oder hemmen
können, und so bestimmt sie in diesem Vermögen die Macht
besitzen über Glück und Unglück von Tausenden ihrer Zeit—
genossen: so wenig sind sie im stande, neue Zeitalter höherer
Entwicklung aus eigenen Kräften im Handumdrehen zu schaffen.
Die Geschicke der Nationen, denen es überhaupt vergönnt ist
sich auszuwirken, gehen ihren eigenen Weg nach ihnen inne—
wohnenden Gesetzen, und auch ihre hervorragendsten Söhne
haben dem gegenüber nicht mehr Freiheit eigenen Wirkens, als
etwa der Durchschnittsmensch Willensfreiheit besitzt gegenüber
der kleinen Welt seiner Umgebung.
Es würde daher falsch sein, sich Karl den Großen auch
nur in den letzten Jahren seines langen Lebens von Zuständen
umgeben zu denken, die dem Ideal geglichen hätten, das seine
Seele wie ein schöner Traum entzückte. Noch im 18. und
14. Jahrhundert galten Karls Anschauungen als vorbildlich für
jeden Herrscher: ein sicherer Beweis dafür, daß auch damals
noch nicht Karls Ziele völlig zu Leben und That geworden
waren. In der Umgebung, am Hofe des großen Kaisers aber
darf man nicht mehr als die Anfangserscheinungen des von
ihm erstrebten Ideales einer germanisch-antiken Kultur suchen.

II.

In der That lassen sich am Hofe Karls genau die beiden
Strömungen scheiden, die germanische und die antike. Und
von beiden ist die germanische noch immer die ungleich tiefere.
Mochte der Kaiser sie auch über sich selbst hinaus zu veredeln
suchen, mochte er persönlich an einer ersten Grammatik der
deutschen Sprache schreiben, mochte er den deutschen Helden—
sang der Vorzeit und der Mitwelt mit historischem Sinne be—
handeln und demgemäß aufzeichnen lassen zum Nutzen späterer
Zeiten, da er ihn nicht mehr lebend vermutete: eben in dieser
4 *
        <pb n="69" />
        z2

Fünftes Buch. Zweites Kapitel.

gelehrten Selbstentäußerung offenbarten sich die Tiefen seiner
Seele als germanisch.
Germanisch war auch Karls Auffassung der nächsten Bande,
die Mensch an Menschen ketten, des Familienlebens und
der Ehe.
Gegenüber der systemlosen Entartung des Ehelebens im
Hause der Merowinge hatten schon die Ahnen Karls auf den
ursprünglichen, noch polygamen Charakter der altnationalen
Fürstenehe zurückgegriffen; namentlich Karl Martell lebte in
dieser Hinsicht kaum anders, als die zur Herrschaft geborenen
Zeitgenossen Armins. Seine Söhne, der fromme Karlmann
und der bei aller Thatkraft gemütstiefe Pippin, hatten sich dann
von dieser Grundlage wieder entfernt, indem sie sich dem Ehe—
gesetz der Kirche annäherten, die eben damals einen ersten An—
lauf nahm zur Verchristlichung der germanischen Anschauungen
über die Ehe. Demgegenüber folgte Karl der Große wiederum
den älteren Traditionen seines Geschlechtes, indem er nach
unseren Begriffen geschlechtlich ungebunden lebte; und sein
Biograph erzählt hiervon, ohne daran einen, von kirchlichem
Standpunkte aus nahe liegenden Tadel zu knüpfen. Eine statt⸗
liche Reihe vornehmer Frauen sehen wir daher im Laufe einer
siebzigiährigen Lebensdauer an seiner Seite, die fränkische Edle
Himiltrud, eine Jugendliebe, die bald über der schwächlichen
langobardischen Fürstentochter Desiderata vergessen ward, nach
dieser die Alamannin Hildegard, wohl die anmutigste Gestalt
unter den Frauen Karls; sie starb, von ihrem Gemahl schmerz⸗
lich betrauert, im Jahre 7838. Doch vermählte sich Karl bald
wieder mit der stolzen Fastrada, aus ostfränkischem Grafen—
geschlecht, heiratete darauf die Schwäbin Liutgard, und als auch
diese vorzeitig, kurz vor der Kaiserkrönung Karls, ins Grab
gesunken war, fand der sechzigjährige Herrscher noch Geschmack
an einem politischen Heiratsprojekt zwischen ihm und der ost—
römischen Kaiserin Irene und nach dessen jähem Abbruch noch
Mut und Kraft, sich von drei deutschen Frauen mit einer
Tochter und drei Söhnen beschenken zu lassen.
Die Familie, die sich unter diesen Wechseln um den Kaiser
        <pb n="70" />
        Die Karlingische Renaissance.

vzs

scharte, muß sehr zahlreich gewesen sein. Namentlich
Töchter erblühten dem königlichen Hause in größerer Anzahl.
Ihnen gegenüber machte Karl nun wiederum eine völlig
germanische Lebensanschauung geltend. Nie hat dem Deutschen
in germanischer Urzeit kühne Frauenliebe als verpönt gegolten,
auch wenn ihr das rechtlich zwingende Band fehlte; Ehebruch
und Vergewaltigung waren Begriffe, deren sittliche Konsequenzen
man infolge des eigentümlichen rechtlichen Baues der Ehe nur
gegenüber dem schwächeren Geschlechte zog. Vermutlich erlaubten
es Reste solcher Anschauungen Karl dem Großen, dem Verkehr
bevorzugter Edler mit seinen Töchtern eine Freiheit zu gestatten,
die heut unbegreiflich erscheint. Wer kennt nicht die Sage
von Einhard und Emma? Sie könnte, wenn auch mit
veränderten Namen, auf Wahrheit beruhen. Denn sicher unter—
hielt die zweite uns bekannte Tochter Karls, Bertha, mit dem
schönen Franken Angilbert einen Liebesbund, dem zwei Söhne,
Hartnit und der Geschichtsschreiber der Zeit Ludwias des
Frommen, Nithart, entsprossen sind.
Dabei war aber das Familienleben des großen Kaisers
keineswegs verwirrt und wechselnden Einflüssen preisgegeben.
Es ging national klar und einfach her; die Söhne lernten
schon von früh auf reiten, zogen zur Jagd und führten die
Waffen in Spiel und Übung; die Töchter saßen am Spinn⸗
rocken und wirkten wollenes Gewand nach alter Sitte. Neu
war nur der gleichmäßige Unterricht des weiblichen wie männ—
lichen Teils der Familie in den freien Künsten der antiken
Überlieferung.
Es ist natürlich, daß eine solche Lebenshaltung auf engen
Zusammenhang der Familie ebenso hinwirken mußte, wie sie
von ihm ausging. Freilich nur selten sieht man aus der
Perspektive eines Jahrtausends in die verborgenen Falten
deutschen Gemütes überhaupt, noch weniger, wenn jede ge—
mütliche Regung verdeckt erscheint durch den glänzenden Zwang
eines ersten deutsch-kaiserlichen Regimentes. Gleichwohl giebt
es Züge im Leben Karls, die auch heute noch über—
zeugungsvoll aussprechen, was das Familienleben ihm war.
        <pb n="71" />
        4J—

Fünftes Buch. Zweites Kapitel.

Keiner wohl mehr, als seine erschütternde Trauer nach dem Tode
seiner besten Söhne im Jahre 810. Schon als Pippin, der
zweite Sohn, starb, verlor der Kaiser in einem Grade die
Fassung, wie es sein Biograph Einhard sonst nie an ihm be—
obachtet hatte. Als aber nach dem herben Verluste Pippins am
Schlusse des gleichen Jahres gar Karl dahinsank, der ältere,
der Lieblingssohn des Kaisers, auf den er alle Hoffnungen und
Pläne gerichtet hatte, da begann der alternde Herrscher fast
schwermütig zu werden; er sprach davon, sich in die Einsamkeit
eines Klosters zurückzuziehen; der Gedanke des eigenen Hin—
scheidens umschwebte ihn, und trüber Stimmung bestellte er
im Testamente des Jahres 811 Haus und Reich.
So innig und einfach das Familienleben dahinfloß, so wenig
füllte es das Dasein des Kaisers auch in gewöhnlichen Stunden
aus. Zur Ausmünzung des Glückes müßiger Tage war das
Leben des mittelalterlichen Herrschers überhaupt noch viel weniger
geeignet, als das der Könige späterer Zeiten. Der Luxusbegriff
des Mittelalters, wie jeder Kultur, die sich durch billige Arbeits—
kräfte auszeichnet, stellte den König unter den Bann einer un—
erträglich ausgedehnten, fortwährend persönliche Anforderungen
stellenden Gefolg- und Dienerschaft: es galt als vornehm, über
wahre Heere von Begleitern zu verfügen; aus dem Begriff des
Dienstes heraus erwuchsen im deutschen Mittelalter ganze soziale
Schichten; schon ein Bischof ritt kaum mit einem Gefolge unter
60 bis 70 Personen über Land. So war Karl von einer Fülle
dienender Personen umgeben; zu dem eigentlichen Körper der
kriegerischen Leibwache, die so zahlreich war, daß von ihr
ganze Besatzungen und kleine Heere abgezweigt werden konnten,
kamen die Beamten der einzelnen Hofdienste, der Jägerei, der
Reichsämter, der Kanzlei, des persönlichen Dienstes.
Und nicht genug mit dem ewigen Kommen und Gehen
dieser Scharen; auch der Aufenthaltsort war für den Kaiser
kein ständiger. Denn noch gab es keine Residenzen dauernder
Art, und von Provinz zu Provinz mußte der Herrscher ziehen
im Wechsel der Monate und Wochen: Karl hat in den Jahren
767 bis 814 nachweislich etwa elf Tausend geographische
Meilen zurückgelegt. Denn da die Einnahmen des Königs
        <pb n="72" />
        Die Karlingische Renaissance.

55

überwiegenden Teiles aus den Erträgen der fiskalischen Land—
wirtschaft bestanden, die in Geld umzusetzen das geringe Leben
der Volkswirtschaft noch nicht gestattete, und da es ferner die
schlechten Verkehrsmittel unmöglich machten, diese Erträge nach
wenigen Punkten des Reiches zum Gebrauch des Herrschers
und seines Hofes zusammenzubringen: so blieb dem Könige
nichts übrig, als persönlich mit Hof und Familie von Pfalz
zu Pfalz zu reiten und seine Einkünfte da zu verzehren, wo
sie gewachsen waren.
Auch Karl hat unter diesen Schwierigkeiten gelitten; doch
ist er schließlich, allein unter allen Herrschern seines Stammes
und künftiger Kaisergeschlechter des eigentlichen Mittelalters,
ihrer bis zu einem gewissen Grade Herr geworden. Schon
früh brachte er es dahin, seinen mehr oder minder ständigen
Aufenthalt jedenfalls an die große Verkehrsstraße im Osten
seines Reiches, an den Rhein zu verlegen, sei es nach Ingel—⸗
heim, sei es nach Nijmegen oder nach Achen; an diesen Orten
vermochte man am ehesten unter Benutzung der vorhandenen
Wasserstraßen des Rheins, des Mains und der Maas die Er—
träge der benachbarten Domänen zu vereinigen. In seinem
Greisenalter hat der Kaiser es dann zu noch weiterer Konzen⸗
tration gebracht. Nun lebte er, körperlich wenn nicht schwach,
so doch nachlassend, fast durchweg in Achen, im ständigen Ge—
brauch der heilsamen Bäder des Ortes und nabe der nie ver⸗
gessenen Heimat der Ahnen.
Indes die Ruhe einer ständigen Residenz im Sinne unserer
Tage ward ihm auch hier nicht zu teil. Die Völker seines
Reiches waren durch den bisher regelmäßigen Wechsel des
königlichen Aufenthaltsortes daran gewöhnt, den König persön⸗
lich zu sehen, sich ihm unmittelbar zuzuwenden; sie ließen von
diesem Brauche jetzt um so weniger, je dauernder sich der Ruhm
Karls verbreitete. Achen wurde zur Zufluchtsstätte aller Be—
drängten, zur Bildungsstätte aller Talente, zum Tummelplatz
aller Streber im weiten Rund des Karlingischen Reiches; von
Tag zu Tag zogen neue Scharen, andere Fürsten, weiter her—
gekommene Gesandtschaften durch die Thore der Lieblingspfalz,
und Karl der Große war so weit entfernt, sich den Pflichten zu
        <pb n="73" />
        56

Fünftes Buch. Zweites NKapitel.

entziehen, die ihm durch diesen ewigen Wechsel der Personen er—
standen, daß er vielmehr alles zur Entwicklung dieses Verkehres
und zu seiner Ausgestaltung namentlich auch nach kommerzieller
und industrieller Seite hin that.
Es waren Bestrebungen, die dem alternden Kaiser
schließlich uber den Kopf wuchsen. Mit den vornehmen Ele—
menten der Reichsbevölkerung schlug auch mancher lose Mund
und leichte Sinn den Weg zur Pfalz des großen Herrschers
ein, der, wie man wohl wußte, heiterem Leben nie abgeneigt
gewesen war. Und so mehrten sich die Scharen fahrender Sänger
und Gaukler, manch feine Dirne baute in Achen Hütten: es
wurde so schlimm, daß nach Karls Tode sein frommer Sohn
Ludwig ernstlich Bedenken trug, in Achen Residenz zu nehmen,
ehe er nicht den unheiligen Spuk des alten Regimes mit Feuer
und Schwert vernichtet sähe.
Doch diese Erscheinungen blieben in Dunkel und Tiefe:
über sie hinweg aber ergoß sich der glänzende Strom eines
nationalhöfischen Treibens. Wie manchen Zug davon erzählen
nicht zeitgenössische Dichter und Schriftsteller; wie sieht man es
noch heute aus ihren Worten flimmern und leuchten, mögen sie
nun eine der feierlichen Audienzen beschreiben, wenn der Kaiser
die Gesandten Harun⸗-al-Raschids oder des Kalifen von Cordova
oder die priesterlichen Boten des Papstes empfing, mögen sie
die Silhouette eines großen Kirchganges zeichnen mit der
Fülle berühmter Personen, die sich darin bewegten, oder in
lebhafteren Ton den Wandlungen eines Hoffestes oder dem
irren Laufe der Jagd folgen. Und stets fast stehen neben dem
Bilde des großen Kaisers die Frauen im Mittelpunkte solcher
Schilderungen. Da erscheint Liutgardis, die Königin; ihr Hals
glänzt in rosigem Schimmer, ihr Haar ist so schön, daß neben
ihm selbst der kostbare Purpur verblaßt, der es umschlingt, und
ihre weiße Stirn hebt sich eindrucksvoll ab von der umkränzen⸗
den Binde. Ein weitwallender Mantel verhüllt die Gestalt, von
goldenen Schnüren gehalten, darunter erglänzt das feine Unter—
gewand von scharlachnem Leinen. Neben ihr werden die Töchter
des Königshauses gepriesen, Gisala in strahlender Schöne,
        <pb n="74" />
        Die Karlingische Renaissance.

57

Theodrada in stolzer Haltung; beide in den kostbarsten Gewän—
dern von gewählter Farbenstimmung, in jenen bald rötlich,
bald bläulich schillernden Tinten, welche die Kunstausstattung
Karlingischer Prachthandschriften noch heute dem entzückten Auge
vorführt.
So wohnen sie allen Vergnügungen des Hofes bei; auch
der Jagd, der Lieblingsbeschäftigung des Kaisers.
Von Achen aus war es wohl namentlich die Jagd auf
wilde Schweine, dieses eigentlichste Wild des Rheinlandes, die
Karl den Großen erfreute. Da ritt man früh morgens aus
und umstellte ein Dickicht. Dann fallen die Ketten der Rüden,
und die Hunde eilen der Wildbahn zu, bis sie mit scharfer
Nase den bräunlichen Eber erspüren. Jetzt sprengen die Reiter
mit lautem Rufe ihm nach; kief in den Forst ergießen sich
Jäger und Meute. Endlich, auf Bergeshöhe, ist der Eber ge—
stellt. Er wetzt die Hauer gegen die Hunde, die tödlichen Waffen;
er schleudert die Ruden hinweg; er rollt sie zu Boden. Da
fliegt Karl herbei, federt das Wild, taucht ihm das kalte Eisen
in die Eingeweide. Und nun geht's hinab von der Halde.
Eine neue Jagd beginnt, weitere folgen ihr; unzählige Wild—
schweine werden erlegt. Gegen Abend erst wird die Jagd ge—
schlossen, die Beute an die vornehmen Jagdgenossen verteilt.
Dann aber eilt alles zum kühlen Waldesschatten, zum frischen
Wasser und den breiten Rasenflächen des Ufers. Gold—
schimmernde Zelte sind hier errichtet, ein kaiserliches Mahl er—
wartet Jung und Alt, und nach ihm erquickender Schlummer.
Frisch wie Waldesodem weht es aus der Schilderung An—
gilberts, der unser Auszug entnommen ist!; ein deutscher Wald
wölbt sich über den kaiserlichen Schläfer und seinen Genossen,
und deutsch wie vor tausend Jahren ist ihr Thun und Sinnen.
Und doch war dieser Kaiser derselbe, den man in schlaf—
losen Nächten mit Schreibtafel und Griffel erblicken konnte, wie
er geduldig die Charaktere der römischen Buchstaben nachmalte,
deren Geheimnis sich seiner Jugend nicht erschlossen hatte.
Doch war dieser frische Jäger der gleiche, der im ernsten Ge⸗
Angilbert, Karolus Magnus et Leo III. papa, Poëtae Lat
aevi Carolini J., 373 5.
        <pb n="75" />
        58

Fünftes Buch. Zweites Kapitel.

spräche mit den ersten Gelehrten seiner Zeit keine Gelegenheit
versäumte, sich und sein Volk zu unterrichten. Doch war dieser
deutsche Fürst nicht verschieden von jenem Kaiser, der die Not—
wendigkeit einer geistigen Hebung seines Volkes aus dem noch
unversiegten Lebensborn der antiken Kultur zuerst aufrichtig er—
kannte und aus innigster Überzeugung heraus an seinem Hofe
die erste Wiederbelebung der Antike, eine erste deutsche Renais⸗
sance entwickelt hat.

III.

Freilich war diese erste deutsche oder fränkische Renaissance
nicht die früheste germanische. Vielmehr war schon mehr als
ein Jahrhundert früher, bei dem jüngstbekehrten Stamme der
großen germanischen Völkerfamilie, an den äußersten Grenzen
des Erdkreises der Alten, unter den Angelsachsen, eine hohe
Blüte klassischer Rezeption entsprungen. Wie die Angelsachsen
unmittelbar von Rom aus durch die persönliche Einwirkung
Papst Gregors des Großen zum Christentum bekehrt worden
waren, so knüpften sie seit dieser Bekehrung mit ihren Bildungs—
interessen unmittelbar an die Antike in ihrer reinsten damals
zugänglichen Form an. Römische Meister, Mönche von Afrika und
Tarsus unterrichteten sie daheim, und asketische Entäußerung
der Heimat führte schon früh viele bedeutende Männer von den
nebelumsponnenen Eilanden zur Sonne Italiens: so war es die
Unmittelbarkeit persönlicher Beziehungen, wodurch die Antike
in England neues Leben erhielt. Und nicht bloß in der Form
gelehrter Studien. Alt und Jung, Männer und Frauen be—
teiligten sich gleichmäßig an der Übung lateinischer Sprache, an
der Lektüre der Alten, ja in gewissen Grenzen an der Aufnahme
des klassischen Lebensideals. Eine neue Erhebung erfolgte auf
dem Gebiete der lateinischen Weltlitteratur; und eben der Um—
stand, daß sie in Sprache wie Inhalt durchsetzt ist von angel—
sächsischem Denken wie von nationaler Formgebung, beweist,
bis zu welchem Grade man sich in den Besitz einer neuen, ein—
heitlichen, aus klassischen wie germanischen Bestandteilen gleich—
mäßig errungenen Lebensanschauung gesetzt hatte. Es sind die
        <pb n="76" />
        Die Karlingische Renaissance.

59

Zeiten Aldhelms von Malmesbury und des ehrwürdigen Beda,
der größten, wenn vielleicht auch nicht originellsten Vertreter
dieses neuen Schrifttums, die Zeiten lebhafter Dichtung und
Brieflitteratur, deren Ausläufer auf deutschem Boden wir im
Briefwechsel des heiligen Bonifatius vor Augen haben.
So wahrten die Angelsachsen die antiken UÜberlieferungen
im Laufe des 7. und 8. Jahrhunderts fast besser, gewiß aber
fleißiger, als das klassische Land dieser Überlieferungen, als
Italien selbst. Doch welche Vorteile blieben trotzdem Italien
gewahrt! Wie wirkte hier der Anblick so vieler noch nicht zer⸗
störter Denkmäler einer großen Vergangenheit auf den ästheti—
schen Sinn der Bevölkerung; welche Fülle unbewußter Über—
lieferung vererbte das unmittelbare Anknüpfen an die Antike in
Lebenshaltung und Sitte; und welche Mittel reichster Belehrung
standen dem suchenden Sinne in den unerschöpflichen Biblio—
— DD0
germanischen Eroberer des Landes, hatten sich diesen Eindrücken
und Gelegenheiten nicht entziehen können, wenn sie sich ihnen
auch weniger hingaben, wie ihre Vorgänger an der Herrschaft,
die Goten. An ihrem Königshofe, der unter dem kräftigen
Regimente der Könige Liutprand, Ratchis und Aistulf im Laufe
der ersten Hälfte des 8. Jahrhunderts nochmals zu großer Be—
deutung emporblühte, wie an den zahlreichen Fürstenhöfen des
Landes lebte man noch immer im Abglanz der feinen gesell—
schaftlichen Bildung der römischen Kaiserzeit, trieb man wissen⸗
schaftliche Studien und erfreute sich an den heiteren Maßen
klassischer Dichtung; noch bestand am Königshofe eine vielbesuchte
Pfalzschule, und eine Tochter des letzten Langobardenkönigs Desi⸗
derius, Adalperga, wie ihr Gemahl Arichis galten als kenntnis⸗
reiche Verehrer des klassischen Altertums.
Nur wenig wollten gegenüber diesen germanischen Trägern
der alten Bildung in Italien die Überlieferungen des altein—
heimischen Teiles der Bevölkerung besagen; Rom hat in dieser
Zeit keinen auch nur nennenswerten Schriftsteller oder Gelehrten
hervorgebracht, und Ravenna stand während des harten Regiments
der Byzantiner unter dem Zeichen künstlerischen wie litterarischen
        <pb n="77" />
        30

Fünftes Buch. Zweites Kapitel.

Verfalls. So wollte es ein eigentümliches Geschick, daß zu den
Zeiten Pippins und Karls des Großen der wertvollste Gehalt
der klassischen Überlieferungen im Mittelpunkte der alten Welt
wie an deren Grenzen von germanischen Völkern bewahrt ward
— von Völkern, die, noch unbekannt mit den Schätzen Roms,
im Mündungsgebiete der Elbe einstmals nachbarlich neben—
einander gesessen hatten.
Das war eine Lage der Dinge so günstig wie nur denkbar
für den großen Frankenherrscher, falls er gesonnen war, seinem
Hofe und Volke die Segnungen klassischer Bildung zuzuführen.
Denn welchen Händen hätte er sie in bereiterer Form entnehmen
können, als germanischen?
Im Jahre 774 hatte Karl zum erstenmal Italien ge—
sehen, Rom besucht. Es waren kurze Tage, die in der
Niederwerfung des langobardischen Reiches, in der ersten rohen
Ordnung der Verhältnisse des eroberten Landes dahinflogen.
Erst 781 sah der fränkische Langobardenkönig sein Land mit
verweilendem Auge; und nun drängte sich ihm die ganze Be—
deutung dieses Erwerbes auf. Wie unendlich groß war doch
der Abstand der fränkischen Heimat von dieser Erde mit ihren
Denkmälern einer tausendjährigen Geschichte, ihrer feingebildeten
Gesellschaft, ihren künstlerischen und litterarischen Interessen.
Und wie nicht minder groß mußte dem König der Unterschied
erscheinen zwischen seiner eigenen spärlichen Bildung, die er der
rohen Lehre irgend einer fränkischen Klosterschule, wohl den
Mönchen von St. Denys verdankte, und zwischen dem geistig
bewegten Dasein der Besiegten.
Der Vergleichung mochte Karl den festen Entschluß ent—
nehmen, auch das Frankenreich zur Heimat klassischer Bildung
zu machen. Schon Karls Vater Pippin hatte aus seinen Be—
ziehungen zum Papsttum geistigen Nutzen gezogen; seine Vor—
liebe für die Musik hatte zu einer engen Verbindung namentlich
mit der römischen Sängerschule geführt!; und neben musikalischen

S. oben S. 18. Interessant ist neben den bekannten gleichzeitigen
Nachrichten die sagenhafte Erzählung bei Andr. Bergom. c. 4, MG. 88.
Lang. S. 224. Vgl. auch Mausi 12, 645, 660 (Jaffé? 2346), 761, dazu
Gregorovius, Gesch. Roms 2, 310; und Baronius z. J. 761 Nr. 15.
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        Die Karlingische Renaissance.

61

Werken waren auch Handschriften andern Inhaltes im Reisegepäck
der päpstlichen Sendboten über die Alpen geführt worden. Wie
anders aber konnte jetzt Karl, als Herr Italiens und Schutz—
herr des Papstes, die Überleitung klassischer Studien vermitteln.
Als er heimkehrte, da befanden sich in seinem Gefolge
vielleicht zwei der bedeutendsten Geister des damaligen Italiens,
Petrus von Pisa, der Grammatiker, aus altitalischer Familie,
und der heitergesinnte Langobarde Paulus Diakonus, aus vor—⸗
nehmstem deutschen Geschlecht, wohl bewandert in der Sagen⸗
welt seines Stammes. Und mit ihnen begleitete Alcuin den
König heimwärts, neben den Gelehrten italischen und lango—
— D
sächsischen Renaissance; Karl hatte ihn in Parma beredet, das
Lehramt der Schule von York mit einem Aufenthalt am
fränkischen Hofe zu vertauschen.
Es war der Anfang eines reichen wissenschaftlichen Lebens
in der Umgebung des Königs; ein neues Dasein trat neben die
fränkische Lebensweise des Hofes und wurde dieser schließlich
nicht nur ebenbürtig, sondern fast überlegen: konnte man doch
in späteren Tagen von einer Akademie am Hofe Karls sprechen.
Deun mit den Jahren wuchs neben der Tiefe der Auffassung
auch die Zahl der hervorragenden Personen. Zu den Berühmt—
—
Einhard und Angilbert, und bisher noch nicht vertretene Gegen⸗
den sandten neue Geister, so das spanische Gotien den ästhetisch
hochbegabten Bischof Theodulf von Orleans, die ewig grüne
Insel den Hibernicus Cxul.
Einstweilen aber galt es mehr zu lernen, als zu reprodu⸗
zieren oder gar selbstthätig zu schaffen. Bevor ein akademisches
Hofleben entwickelt werden konnte, bedurfte es der Schulung,
des Unterrichts; und niemand hat sich ihnen mit dauernderer
Beharrlichkeit unterzogen, als Karl selber.
In England hatte Aldhelm von Malmesbury, angeblich
nach dem Vorbild Augustins und Isidors von Sevilla, für
den Unterricht hochstehender Erwachsener wie Knaben eine
besondere Methode entwickelt; Alcuin hat sie mit Glück
auf fränkische Verhältnisse übertragen, und wir können uns
aus den Lehrbüchern, die er verfaßt hat, noch heute
        <pb n="79" />
        Fünftes Buch. Zweites Kapitel.

ihre Art und Wirkung vergegenwärtigen. Der gesamte Unter—
richt wurde in der Form gesellschaftlicher Unterhaltung erteilt,
bei Knaben gern in der Weise, daß man einen älteren, schon
weiter geförderten Schüler einem jüngeren gegenüberstellte und
nun beide ihre Kenntnisse erproben ließ; der Lehrer griff nur im
Fall der Meinungsverschiedenheit oder der Ratlosigkeit beider
ein. Etwas anders war der Lehrgang für Erwachsene. Hier
setzte man voraus, daß der Schüler fich ein gewisses Pensum des
Lehrstoffes für sich aneignete, worauf er sich beim Lehrer nur
noch über ihm zweifelhafte oder von ihm unverstandene Dinge
Rats erholte. Es ist die Art, in der Karl der Große den Unter⸗
richt Aleuins genossen haben wird; eine Schrift dieses Gelehrten
führt beide in dem entsprechender Unterhaltung vor.
Freier bewegen konnte der Lehrer sich in den logischen und
sonstigen philosophischen Disciplinen. Denn hier brachte der
jugendliche wie der welterfahrene Schüler eine Summe von
Anschauungen und ein Interesse mit, die unter Umständen
weiter tragen konnten, als Kenntnis und Teilnahme des Lehrers.
Hier war darum die Lehrmethode auch völlig die der gesell—
schaftlichen Unterhaltung und deshalb, wie diese, echt national.
In Rätselfragen, der Lieblingsform germanischen Zwiegesprächs,
pflegte man sich zu belehren; und je scherzhafter, je unerwarteter
die Lösungen lauteten, eine je größere Übung des Denkens sie
oerrieten, um so mehr wurde ihr Urheber geschätzt. In die
Elemente derartiger Unterhaltungen führt ein kleines Handbuch
Alcuins ein, das zunächst zu dem besonderen Zwecke verfaßt
wurde, dem Unterricht eines Sohnes Karls, Pippin, zu dienen.
Ausgehend von allbekannten Anschauungen sucht es den äußeren
Dingen in der Form des Rätsels innere Beziehungen abzu—
gewinnen und auf diese Weise das Denken zu schärfen 1. So wird
gefragt: „Was ist die Zunge?“ Eine Geißel der Luft. „Was
ist der Nebel?“ Die Nacht am Tage, die Mühe der Augen.
„Was ist der Tag?“ Die Anregung zur Arbeit.
Indes dieser individuelle Unterricht, den zunächst die

1Vgl. Ebert, Deutsche Rundschau 11, 401. In der Karlingischen
Zeit war deshalb auch die Rätselsammlung des Symphosius gekannt und
beliebt: vgl. Manitius in Philologus 51 (1892) S. 156 ff.
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        Die Karlingische Renaissance.

ss

königliche Familie selbst, die weiblichen Mitglieder nicht
ausgeschlossen, genoß, stand nicht allein. Neben ihm wurde der
Klassenunterricht in der alten königlichen Hofschule neu belebt.
Hier fand Alcuin seine Hauptwirksamkeit trotz aller litterarischen
Geschäfte, und Karl selbst hielt es nicht für einen Raub, die
Schule zu beaufsichtigen und persönlich Belobung wie
Strafe zu erteilen. Und bald trat neben die Pfalzschule die
große Schule im Kloster des heiligen Martin zu Tours unter der
Leitung Alcuins, der die räuchrigen Dächer der Bischofsstadt
für schöner hielt, als Roms goldene Zinnen, und weiterhin
erwuchsen hier und dort Pflanzstätten der neuen Bildung im
Reiche; im deutschen Teile desselben vornehmlich zu Köln,
Fulda, Metz, St. Gallen, Salzburg. Ein neues Leben sah
noch Karl selbst aus diesen Anfängen erblühen: es war nur
natürlich, wenn es an seinem Hofe die erste Frucht einer wirk—
lichen Renaissance zeitigte.
Als solche darf man den Verkehr bezeichnen, der sich seit
etwa den späteren neunziger Jahren des 8. Jahrhunderts um
die Person Karls entwickelt. Auf dem Fuße nahezu völliger
gesellschaftlicher Gleichheit verhandelt der große König jetzt mit
dem zahlreichen Kreise seiner Gelehrten, er selbst als König
David, Alcuin als Horaz, Theodulf als Pindar, Angilbert als
Homer, der baukundige Einhard als Beseleel bezeichnet: alt—
testamentliche wie klassische Erinnerungen wurden belebt, um
das gegenseitige persönliche Verhältnis über die störenden Be—
ziehungen der Zeit auf ideale Höhe zu heben. Und dieser Ver—
kehr hörte nicht auf, als die hervorragendsten Gelehrten je länger
je mehr von der Residenz Karls abgeordnet wurden in die
Provinzen und Grenzlande des weiten Reiches, um dort mit
ihrer Person neue Mittelpunkte klassischer Bestrebungen zu
bilden. Nun trat an Stelle der mündlichen eine ausgedehnte
briefliche Unterhaltung, darin der Kaiser nie müde ward,
Fragen zu stellen und Belehrung anzunehmen, und die, weit
entfernt von wissenschaftlicher Pedanterie, Raum ließ für eine
Fülle persönlicher Beziehungen, humorvoller Wendungen, für
Mitteilungen von Herz zu Herz und von Freund zu Freund.
        <pb n="81" />
        34 Fünftes Buch. Zweites Kapitel.
* — ——

IV.

Diese späteren Jahre weckten aber durch die eifrig be—
triebene Aneignung klassischer Bildung auch schon die Lust zu
zigner Schöpfung. Eine neue Blüte der Weltlitteratur knüpfte
sich an die Bewegung, und Karl der Große war der erste, der
seine besonderen Liebhabereien in fruchtbares Schaffen umsetzte.
Wie sein Vater Pippin besaß er eine Neigung fürs Naturwissen⸗
schaftliche; namentlich die Astronomie in ihrer praktischen An⸗
wendung auf die Zeitrechmung interessierte ihn; von dieser Seite
aus sorgte er für eine bessere Ordnung des Kalenders. Mit
heißester Liebe aber erfaßte er den Gedanken einer Verwen⸗
dung der klassisch-philologischen Methoden zur Veredlung der
Muttersprache. Er hat selbst eine deutsche Grammatik verfaßt.
Er hat für die Niederschrift jener unendlichen Fülle epischer
Dichtungen gesorgt, die die deutschen Stämme in ihrem
poetischen Schatze seit den Tagen der Völkerwanderung, wenn
nicht gar seit noch früheren Zeiten angehäuft hatten. Er hat
deutsche Ausdrücke geschaffen für neue Begriffe, die erst jüngst
durch eine höhere Bildung dem Volke zugeführt worden waren,
so für die Monate.
Und weit gefehlt, daß Karls Interesse bei der Aufnahme
nur der philologischen oder auch litterarischen Seite antiker
Bildung stehen geblieben wäre. Diese Bildung versuchte viel⸗
mehr er, wie sein gesamter Kreis, sich allseitig anzueignen: sie
war für ihn nicht ein Außeres zu Erlernendes, sondern ein Inneres
zu Erlebendes; sie wurde erfaßt nicht als Bildungsstoff, sondern
als ein Ideal vollkommeneren Daseins: Aurea Roma iterum
renovata renascitur orbi.
So fand die Antike ihren politischen Ausdruck in der
Neubelebung des Kaisertums!: schon mehrere Jahre vor der
Krönung in Rom verglich Alcuin den König mit Augustus, und
später konnte Ermoldus Nigellus dichten:
Oaesareis actis Romanae sedis opimae
sunguntur Franci gestaque mira simul.

1 Vgl. oben S. 33.
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        Die Karlingische Renaissance.

s5

Vor allem aber versuchte das neue Leben sich in einer neuen
ditteratur und einer neuen Kunst schöpferisch auszusprechen.
Freilich zeigte sich hier, und vor allem auf dem Felde der
Dichtung, auch die ganze Schwäche der Bewegung. Alle Ver—
suche mittelalterlicher Renaissance haben an sich etwas Unstätes,
Sprunghaftes; nur je nachdem bedeutende Personen Anhänger
der Antike sind, flackert hier und da das Feuer der Begeisterung
ꝛmpor: die eigenmächtige Renaissance, die sich der Reife des
Volksgeistes entrang, war unter Deutschen dem 15. und 16.
Jahrhundert vorbehalten.
In Karlingischer Zeit blieb auch unter der Anregung Kaiser
sarls die neue Dichtung Hofpoesie, und nie konnte fie den Aus—
gangspunkt von der Schule, statt vom Leben verleugnen. So
waren nicht poetische Anregungen, die dem germanischen
Volksleben entspringen konnten, in ihr mächtig; epische
Leistungen, in denen das Volkstümliche zunächst zu suchen
wäre, blieben zurück, mochten auch immer die Thaten Karls
durch den Hibernicus Exul und Angilbert', die Ereignisse unter
Ludwig dem Frommen durch Ermoldus Nigellus, den nach
Straßburg verbannten Aquitaniermönch, besungen werden. Im
Mittelpunkte des poetischen Schaffens standen die Spätlinge
jeder gesunden nationalen Entwicklung, wie sie am Hofe des
Augustus und in den späteren Jahrhunderten der römischen
Kaiserzeit geblüht hatten: das Idyll und das Lehrgedicht, das
Epigramm und die Epistel. Und auch sie wieder bewegten sich
nicht in weiteren Geleisen; nur zu häufig tragen sie den Stempel
und die levis nota der Gelegenheitsdichtung: der Hof und die
Person Karls des Großen beherrschen erdrückend die poetische
Stimmung.
Dazu wollte es das Schicksal, daß in der unmittelbaren
Tafelrunde Karls Dichter von Gottes Gnaden fehlten. Zwar
haben alle Träger des akademischen Hoflebens gelegentlich gereimt;

1 Ihm wird der Karolus Magnus eét Leo III. papa, Bruchstück
rines größeren epischen Gedichtes, zuzuschreiben sein, vgl. Simson in
Forschungen z. Deutsch. Gesch. 12, 567 ff.; Ebert Littgesch. 2, 88 f., Althoff
m Mündener Gymnasialprogr. vom Jahre 1888 (No. 821).
Lamprecht, Deutsche Geschichte II.
        <pb n="83" />
        66

Fünftes Buch. Zweites Kapitel.

eine nicht geringe Anzahl von Versen z. B. Alcuins ist erhalten
und erzählt von dem gutmütigen Humor, der frischen Lebens—
lust und der freien satirischen Auffassung des Verfassers: den
vollen Namen des Dichters aber verdienen unter den unmittel⸗
baren Zeitgenossen Karls wohl höchstens Theodulf von Orleans
und Paulus Diaconus.
Freilich zeitigten die kommenden Generationen vornehmlich
auch auf deutschem Boden einige wahre Dichter. Über alle
ragt hier Walahfrid Strabo empor, ein Alamanne niederer
Herkunft, welcher der Gunst des Kaisers seine frühe Beförderung
zum Abt der Reichenau verdankte. Er ist in seinen Epigrammen
und Idyllen, in seinen epischen und didaktischen Gedichten der
eigentliche Erbe, ja der Mehrer des Vermächtnisses der Kar—
lingischen Frührenaissance; und in dem Gedichte De visionibus
Wettini (verfaßt nach April 825) wird er sogar zum Begründer
eines neuen echt mittelalterlichen Zweiges der Poesie, der visio—
nären Dichtung: von seinen Spuren aus läuft ein ununter—
brochener Pfad der Entwicklung hin bis zu Dante, den
strafenden Dichter der göttlichen Komödie. Und auch als
Walahfriv noch im blühenden Mannesalter, um die Mitte des
9. Jahrhunderts, starb, lebten spärliche Träger der alten früh—
karlingischen Dichtkunst fort, in Deutschland namentlich der
Prümer Mönch Wandalbert, den die rauhe Umgebung seines
Klosters nicht abhielt, seinem versifizierten Martyrologium
(Heiligenkalender) vom Jahre 848 eine fein beobachtende
Schilderung der monatlich wechselnden Erscheinungen des Natur—
und Menschenlebens anzuhängen.

Gegen Schluß des Jahrhunderts dagegen ist die Stimmung
—D— mehr frohe
Idylle, nur breite Lehrgedichte noch verfaßt Notker der Stammler
von Sankt Gallen, der hervorragendste Dichter dieser Zeit; im
übrigen ertönt sein Mund zum Lobe Gottes in frommen Hymnen:
die Dichtung ist, wie schon längst vor ihr die Musik, ganz in
den Dienst der Kirche getreten.

Es ist der Umschwung, der in der allgemeinen Bewegung
der Litteratur bereits seit der Zeit Ludwigs des Frommen
        <pb n="84" />
        Die Karlingische Renaissance.

67

eingetreten war und schon zu Lebzeiten Karls des Großen vor⸗
bereitet erschien.
Eine Dichtung, die sich fremder, lateinischer Zunge be—
diente, vermochte von vornherein nicht ohne umfassende gelehrte,
namentlich grammatische Studien zu bestehen; nicht umsonst
verleibte diese Zeit das Wort dietare für dichten unserm Sprach—
schatze ein. Wie sollten aber gelehrte Studien in Karlingischer
Zeit sich länger erhalten, ja auch nur eindringlich aufgenommen
werden, ohne daß der Theologie der größte Nutzen zufiel. Zwar
blühte unter dem Hauche der Frührenaissance auch die Geschicht—
schreibung empor, neben die glänzende Folge der Reichsannalen
trat Einhards Lebensbeschreibung Karls des Großen, und auch
die didaktische Prosa war in Smaragdus' Diadema, einem Er—
bauungsbuche für Mönche, und desselben Verfassers Via regia,
einem geistlichen Fürstenspiegel, gut vertreten. Im ganzen aber
zog bald die Theologie aus der neuen Bewegung die meiste
Anregung; wurden doch vor allem Bischöfe und Äbte von Kaiser
Karl für ihre Verbreitung in Anspruch genommen, und war doch
ihr größter Träger am Hofe, Alcuin, nicht weniger Theolog
als Grammatiker: er zuerst schuf in seinen drei Büchern De fide
trinitatis seit langer Zeit wieder ein System der Dogmatik.
Die Folge aber war selbstverständlich: die litterarische
Bewegung, aus der Schulüberlieferung der Angelsachsen und
Italiens hervorgegangen, anfangs noch frei gepflegt am welt—
lichen Hofe Karls, weiter getragen von dem Nachahmunsseifer
des hohen Laienadels, ward ausschließlich kirchlich.
Der Umschwung fällt in die Zeit des frommen Kaisers
Ludwig. Zwar suchte die Kaiserin Judith am alten Wesen
der litterarischen Renaissance festzuhalten, und ihre Neigungen
haben sich teilweis auf ihren zärtlich geliebten Sohn, Karl den
Kahlen, vererbt. Indes der politische Sieg der Kirche in den
zwanziger Jahren des 9. Jahrhunderts wirkte doch entscheidend auch
auf die allgemeine geistige Strömung; seitdem trat die theologische
Gelehrsamkeit durchaus in den Vordergrund. Hieronymus und
vor allem Gregor der Große, in seinen Erbauunggsschriften
*
        <pb n="85" />
        68 Fünftes Buch. Zweites Lapitel.

auch Augustin wurden jetzt allgemein gelesen; in unzähligen
Blütenlesen und Auszügen wurden ihre Schriften verarbeitet.
In Deutschland wurde namentlich die Auslegung der Bibel
und mit ihr das grammatisch-theologische Studium betrieben.
Der Hauptvertreter dieser Richtung ist Hraban, ein edler Franke,
in Tours gebildet, dann Lehrer und Abt im Kloster Fulda,
schließlich Erzbischoff von Mainz. Außerordentliche Fähigkeit
geistiger Aufnahme, eiserner Fleiß, philologische Anlage zeichnen
ihn aus; ein erster großer Praeceptor Germaniae hat er
neben Bibelkommentaren und einer Fülle anderer Schriften eine
Encyklopädie für den geistlichen Beruf wie eine allgemeine
Encyklopädie des Wissens geschrieben. Niemand steht ihm
während des 9. Jahrhunderts an Wissen und pädagogischer
Wirksamkeit ebenbürtig zur Seite; in Deutschland kann höchstens
Walahfrid als Verfasser der Glossa ordinaria, eines Kommen—⸗
tars der Bibel, der Jahrhunderte hindurch benutzt wurde. neben
ihm genannt werden.
Die durch Hraban eingeleitete Bewegung hat in ab—
nehmender Stärke noch das ganze 9. Jahrhundert erfüllt. Ihr
Verfall wird am besten durch die litterarische Hinterlassenschaft
Ermenrichs, des Mönches von Ellwangen, späteren Bischofs
von Passau, gekennzeichnet. In seinen Heiligenleben, noch mehr
in seinem Briefe an den ostfränkischen Erzkaplan Grimald
zeigt sich eine wüste, völlig von der Tradition abhängige Ge—
lehrsamkeit ohne jedes Maßhalten in der Form, die Sucht,
mit seltenen Brocken von Erudition zu glänzen!, und eine
große Eingebildetheit auf das Verdienst bloßen Wissens.
Es waren Ergebnisse wie sie freilich bei dem ganzen
Charakter der Karlingischen Wissenschaft unvermeidlich waren.
Die gelehrte Bildung erforderte, neben der höheren, von wenigen
erreichten Kenntnis der Astronomie, Geometrie, Arithmetik und
Musik?, des sogenannten Quadriviums, vor allem Sicherheit

1U. a. auch mit unverstandenem Griechisch. Griechisch verstand,
wenn man das Wort Verstehen gebrauchen darf, im 9. Jahrhundert außer
Ermenrich in Deutschland wohl nur noch Walahfried; vgl. Dümmler in
den Sitzungsberichten der Berliner Ak. d. Wissenschaften 1890, S. 940 —(137).
2 Musik war in diesem Falle die auf Tonverhältnisse übertragene
Zahlenlehre, nicht etwa irgend eine musikalische Fertigkeit.
        <pb n="86" />
        Die Karlingische Renaissance.

69

in der Grammatik, Rhetorik und Dialektik, im sogenannten
Trivium. Dabei begriff die Grammatik die Wortkenntnis, die
Dialektik die Lehre vom logischen Bau, die Rhetorik die Kunst
der lateinischen Rede.
Erwachsen war der Lehrgang des Triviums auf dem Boden
des antiken Staates und seiner staatsbürgerlichen Anforderungen.
Gerichtssaal und Markt beanspruchten hier den ganzen Mann; und
Kraft und Ausdrucksfähigkeit der Rede mußten als erstes Ziel der
Vorbereitung männlicher Bildung gelten. Nun war aber schon in der
späteren Kaiserzeit das öffentliche Leben verfallen. Gleichwohl
behielten die höheren Bildungsanstalten des 4. und 13. Jahr—⸗
hunderts, die gallischen, spanischen, italischen Rhetorenschulen,
den alten Lehrgang bei: sie vermittelten also eine unpassende,
rein formale, nicht mehr auf Leben und Gegenwart zugeschnittene
Bildung.
Aber man änderte den Lehrgang nicht; starr ward er den
kommenden Zeiten, inhaltlich fast unverändert auch dem Bildungs⸗
bedürfnis der Karlingischen Renaissance überliefert. Es ver⸗
steht sich, wenn unter diesen Umständen der Unterricht, ja die
Bildung selbst in einer Weise Selbstzweck ward, die mit den
realen Forderungen der Zeit nur noch in geringem Zusammen⸗
hang stand. Es konnte soweit kommen, daß Bildung als etwas
rein Formelles angesehen wurde, daß man Dichtung mit Vers—
macherei verwechselte, daß man die Poesie als eine erlern⸗
bare Fertigkeit betrachtete, daß in der Prosa die Phrase galt,
nicht mehr der Inhalt.
Fruchtbringende Gelehrsamkeit, wahre Wissenschaft war
bei solcher Vorbildung und geistigen Haltung von vornherein
ausgeschlossen. Aber hätte selbst die antike Tradition ein freies
Walten der Wissenschaft zugelassen, das geistige Niveau wenigstens
der germanischen Völker im Reich hätte ihren Bestand nimmer—⸗
mehr ermöglicht. Das geistige Feld der Germanen dieser Zeit
war noch durchaus die Anschauung, das Nebeneinander, nicht
aber das Verständnis, das Übereinander: bei dem Mangel der
ausgeprägten Fähigkeit, über- und unterzuordnen, fehlte die eigent⸗
liche Voraussetzung wissenschaftlichen Denkens. Auch von dieser
        <pb n="87" />
        70

Fünftes Buch. Zweites Kapitel.

Seite her blieb nur die Möglichkeit einer formalen Gelehrsamkeit,
also einer rein äußerlichen Pflege und Reproduktion der antiken
Überlieferung.
Hierin erschöpft sich in der That die wesentliche Bedeutung,
welche die Gelehrsamkeit der Karlingischen Renaissance be—
anspruchen kann. Zwar erhielten sich längere Zeit hindurch die ersten
Anfänge wenigstens halbwissenschaftlicher geschichtlicher Auf—⸗
fassung noch in reicher annalistischer und meist unselbständiger
biographischer Thätigkeit: aber auch sie schwinden gegen Schluß
des 9. Jahrhunderts dahin; die Reichsannalen hören in West⸗
franken im Jahre 882, in Ostfranken mit dem Jahre 901 auf,
die Annalen von Sankt Vaast brechen mit 900 ab, Reginos
Werk mit dem Jahre 906. Übrig bleibt seitdem, wenigstens
auf germanischem Boden, nur eine unselbständige, wenn auch
gewissenhafte Tradition der Kirchenväter und der Alten, wie sie
schon bisher den breitesten Raum beansprucht hatte. Es war
schon schätzenswert, nahm diese Reproduktion die abgekürzte
Form der encyklopädischen Bearbeitung an, wie das in der
Höhezeit der Bewegung, in den Jahren Hrabans und Walah⸗
frids, der Fall war.
Es ist das Schicksal jeder Rezeption des klassischen Alter—
tums auf deutschem Boden gewesen, daß sie mit dichterischem
Aufschwung begann, mit wissenschaftlichem Betriebe endete.
Den lateinischen Poesieen der Humanisten folgte die erste große
ohilologische Periode der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts,
der klassisch bewegten Zeit Schillers und Goethens der Auf⸗
schwung der historisch-philologischen Studien seii F. A. Wolf,
den Gebrüdern Grimm, Niebuhr und Ranke. Es ist ein an—
scheinend notwendiger Vorgang. Keine Rezeption kann Erfolge
aufweisen, wird sie nicht von der vollen Begeisterung einer
wichtigen Volksschicht getragen: das setzt aber volles Einleben
in den aufzunehmenden fremden Ideen- und Lebensinhalt, d. h.
eine künstlerische That voraus. Sie ward vollbracht vom
akademischen Kreise Karls des Großen und von diesem selbst,
und später von den Humanisten, von den Dichterfürsten des
oorigen Jahrhunderts. Doch jedesmal verflog der schöne Rausch;
        <pb n="88" />
        Die Karlingische Renaissance.

71

übrig blieb allein der harte Bodensatz höherer Bildungsstoffe
der fremden Kultur; und er konnte nur wissenschaftlich be—
wältigt und angeeignet werden. So geschah es im 9., im 16.
pis 17. und im 19. Jahrhundert.

V

Machen wir von den Ergebnissen des vorigen Abschnittes
Anwendung auf das Gebiet der bildenden Künste, so liegt
auf der Hand, daß diese im Beginn der Karlingischen
Renaissance nicht minder gewaltige Anregungen empfangen
konnten, als die Dichtung.
Aber freilich, die germanischen Stämme vermochten in
dieser Richtung dem Einfluß antiken Geistes nur sehr spärliche
nationale Errungenschaften entgegenzuhalten; wir erinnern uns!,
daß unsre einheimische Kunst noch nicht über das Stadium des
Drnamentalen in Malerei und Bildnerei hinaus gediehen war.
Für die Baukunst aber ist zu bedenken, daß sie, läßt man die
Entwicklung des mehr oder minder ornamentalen Beiwerkes
wie des von den jeweiligen Kulturbedürfnissen abhängigen
Raumverständnisses beiseite, im wesentlichen nur die Ent—
wicklungsgeschichte eines bestimmten tektonischen Gedankens ver⸗
körpert, in ihrem Kerne also nicht so sehr die ästhetische, als
die logische Entwicklung mathematisch-physikalischer Zusammen⸗
— F sich für
die psychologische Charakteristik eines bestimmten Kulturzeitalters
aicht von maßgebender Bedeutung sein.
Zudem kommt es in tektonischer Hinsicht unter dem Ein⸗
flusse der Karlingischen Renaissance auch keineswegs zu ab⸗
geklärten Bildungen. Nationaler Holzbau und vom Herzen des
Imperiums her eingeführter Steinbau liegen noch gegenseitig
im Kampfe, und über sie her ergießt sich, gemäß den persön—
lichen Neigungen Karls des Großen, der Einfluß der ravenna⸗—
tischen Architektur des 4. bis 6. Jahrhunderts.
Harmonisch, als Ausfluß eines lebendigen Stils gestalteten

1 S. Bd. J, S. 388 ff.
        <pb n="89" />
        72 Fünftes Buch. Zweites LKapitel.

sich unter diesen Umständen wohl nur die Pfalzbauten; in ihnen
wirkten römisch-byzantinische Kunst und heimische Tradition
zusammen. Der germanische Herrschersitz war die um einen
gewaltigen Saalbau erweiterte und in ihren Abmessungen ver⸗
größerte Hofanlage des Gemeinfreien gewesen mit den verschieden⸗
artigsten Gebäuden für jederlei Zweck der Haushaltung und
der Viehzucht; der römische Kaiserpalast war erwachsen aus
dem künstlerisch entwickelten Kriegslager. Die Pläne beider
Anlagen, zu denen sich noch das Moliv einer Kapelle gesellte,
dermochten sehr wohl mit einander zu verschmelzen: gewaltige
Bauten, die dies Problem lösten, entstanden auf deutschem
Boden unter Karl dem Großen in Ingelheim, Achen und Nij—
megen. Überall bildeten hier Saal und Kapelle einen doppelten
Höhepunkt des architektonischen Planes und der Gliederung;
verbunden waren sie durch Holzsäulengänge, Lauben echt ger⸗
manischen Charakters: wie auch mindestens die Obergeschosse
der Wohnräume und die Nebengebäude noch aus Holz be⸗
standen und durch nationale Ofen erwärmt wurden an Stelle
der römischen Hypokausten des Saales.
Viel weniger gelang es, auf dem Gebiete der kirchlichen
Bauten nationale Tradition und kirchliche Anforderungen zu
verschmelzen. Die Missionskirchen des inneren Deutschlands
werden freilich wohl ausnahmslos Holzbauten mehr oder
minder germanischen Stiles gewesen sein; doch wo man Höheres
schuf, da verschmähte man es, die einheimische Kunst zu ver⸗
edeln. Karl selbst griff in diesem Gebiete auf die Bauten
Theoderichs des Großen, in dem er so gern seinen Vorgänger
sah, zurück. So entstand die Musterkirche der Zeit, die
Pfalzkapelle zu Achen. Noch heute sieht man dem Ganzen an,
daß ein für seine Zeit allmächtiger Wille es hier unternommen
hat, Unerhörtes zu schaffen; auch uns Modernen bleibt der
Eindruck des Erhabenen. Aber die Formen sind schwerfällig,
die Einzelheiten roh, mag man die einfachen Muster der Bronze⸗
gitter an den Emporen ins Auge fassen oder die dünnen Platten
unkünstlerischer Grauwacke, daraus der größte Teil des Baues
geschichtet ist.
        <pb n="90" />
        Die Karlingische Renaissance.

73

Unter den germanischen Stämmen aber fand das Central—⸗
system der Achener Kapelle mit wenigen Ausnahmen! keine Be—
wunderung. Die Deutschen entfalteten ihren ersten Stil römischer
Rezeption, die romanische Bauweise, von ganz anderen Voraus—
setzungen aus; die Renaissance des Hofes blieb ohne Wirkung.
Anders auf dem Gebiete der Malerei und auch der Plastik.
Hier ging zunächst vom Luxusbedurfnis des Hofes her eine
besonders kräftige Einwirkung auf die Kleinkunst aus. Es
begann das Zeitalter jener zahlreichen Schnitzereien aus Elfen⸗
bein, die an altchristliche und klassische Vorbilder so innig
anknüpfen, daß gute Exemplare bisweilen nur schwer von ver⸗
wandten Arbeiten der italienischen Frührenaissance zu unter—
scheiden sind?. Vor allem aber erhob sich die malerische Aus⸗
stattung von Prachthandschriften zur ungewohnten Höhe einer
wirklichen, großen Kunst?.
Schon zu merowingischer Zeit hatte man die liturgischen
Bücher auch im Frankenreiche künstlerisch auszustatten getrachtet;
wie unendlich verschieden aber ist der Eindruck dessen, was
dieses Zeitalter erreichte, von dem der glänzenden Erzeugnisse
schon der frühesten Karlingischen Renaissance.
Aller Wahrscheinlichkeit nach ging auch hier der Hof in
der Begünstigung wenn nicht gar Ausübung künstlerischer
Thätigkeit voran. Zwar hatte sich der Kaiser in den Libri
Carolini gegen den Bilderdienst ausgesprochen. Aber als
Wandschmuck der Kirche wurden die Bilder doch ausdrücklich
zugelassen. Und im Gegensatz zu Byzanz suchten die Karo—
linischen Bücher, ein erstes Denkmal germanischer Kunsttheorie,

Die bekanntesten sind die Essener Bauten. Im übrigen geht, was
sich von Centralanlagen vom 9. bis zum 18. Jahrhundert in Deutschland
findet, fast stets mittelbar oder unmittelbar auf das Achener Münster
zurück; doch sind Centralanlagen nur den Rhein entlang vom Elsaß bis
nach Holland nachzuweisen. Über die Tform der Fuldaer und Hersfelder
Bauten und die Anfänge der kreuzförmigen Basilika s. Graf im Repert.
für Kunstwissensch. Bd. 158, Kraus II, 1S. 8f.; auch Hauck II, 259 Anm. 5.
»Vgl. Tikkanen, Psalterillustration im Mittelalter III 1900 S. 305.
8 Eine Liste der Schulen bei Leitschuh, Geschichte der Karol. Malerei,
Berlin 1894 S. 91293.
        <pb n="91" />
        74 J Fünftes Buch. Zweites Kapitel.

das Volk zu einer mehr ästhetischen Würdigung der Bilder zu
erziehen: die Gebiete der Malerei und, der Frömmigkeit sollten
ganz auseinandergehalten werden!. Auf den rein künstlerischen
Wert der Bilder wurde deshalb Nachdruck gelegt; und der erste
Schritt auf der Bahn zur Befreiung der Kunst war gethan.
Eine gewisse Gefahr schien jedoch der Zeit noch immer in
dem Dasein großer Wandgemälde zu liegen. Die Buchmalerei
dagegen bot keinerlei Anlaß zum Bilderdienst. War das einer
der Gründe, warum sie sich schon früh besonders prächtig ent—
wickelte? Jedenfalls wurde für die Ausstattung der Evangelien,
der Bibel, der Ritualbücher an die besten Überlieferungen der
frühchristlichen und selbst spätheidnischen Zeit in Italien an—
geknüpft?. Byzantinische Vorbilder dagegen haben nur spärlich
eingewirkt. Daß Karl ein erklärter Gegner der Byzantiner
war, blieb eine Thatsache, die östliche Einflüsse hemmen mußtes.
Und so entstanden dann aus einer Reihe sich kreuzender
Motive heraus zunächst jene herrlichen Miniaturen des Wiener,

Leitschuh S. 13.
2 Diese beiden Einflußquellen werden von Leitschuh, Geschichte der
Karoling. Malerei, 1894, an zahlreichen Beispielen überzeugend nachgewiesen.
Dasselbe folgt für den Utrechtpsalter, so selbständig er auch sonst verfahren
mag, aus Tikkanen, Die Psalterillustration im Mittelalter III 1900, für
das Porträt aus A. Lehmann, Das Vorträt bei den altdeutschen Meistern
1900 S. 23.
3Bisweilen werden sich byzantinische Parallelen durch Annahme
gemeinsamer altchristlicher Vorlagen erklären lassen; so Tikkanen an ver—
schiedenen Stellen. Früh vermittelten oströmischen Einfluß suchte Dobbert
(Gött. gel. Anz. 18900 Nr. 22 S. 878 ff.) nachzuweisen sogar für die Gruppe
des Wiener Evangeliars Karls des Großen, das Achener und Brüsseler
Evangeliar, sowie für das Evangeliar im Stifte Strahow (zusätzlich zur
Publikation der Ada-Handschrift, vgl. Neuwirth in Mitt. der öst. Central⸗
romm. N. F. 14, 88 ff.). Byzantinische und auch syrische Einflüsse sind
in der That nicht völlig ausgeschlossen. Allein sie helfen das Wesen der
Karlingischen Kunst nicht mitgestalten, da sie fast stets verloren gehen,
ohne verarbeitet zu werden. Man vgl. auch Springers Einleitung zu
Kondakoffs Hist. de Part byzantin, Paris 1886 (russisch schon 1878), und
Zucker im Repert. für Kunstwissensch. Bd. 15, 26ff.; ferner Leitschuh
S. 50 f. u. ö.; Tikkanen S. 297 ff. u. ß.; Kraus II 1S. 30f., 77 ff.
        <pb n="92" />
        Die Karlingische Renaissance. 75

des Achener, Brüsseler und Strahower Evangeliars, deren Ur—
sprung mit guten Gründen in die Pfalzschule selbst verlegt
worden ist.
Und schon in den späteren Tagen Karls des Großen, noch
mehr seit Ludwig dem Frommen erweiterte sich das Feld der
neuen Kunst; die figuralen Schöpfungen nahmen immer größeren
Raum in Anspruch, bis große Cyklen von Wandmalereien ent⸗
standen. Das wirkte wiederum auf die Buchmalerei zurück;
man ward freier, weniger abhängig von der klassischen Über—
lieferung; schließlich schuf man völlig selbständig neue Scenen,
wenn auch unter dem Eindruck antiker Auffassung: kein Denk—
mal zeigt diesen Aufschwung eindringlicher, als das berühmte
Sakramentar des Bischofs Drogo von Metz vom Jahre etwa 8551.
Es ist wahrscheinlich in Metz selbst entstanden. Denn
längst schon war die neue Vewegung nicht mehr ausschließlich
an die nächste Umgebung des Hofes gebunden; überall, wo man
Sinn besaß für die Pracht des christlichen Kultus, wo eine
höhere Landeskultur materielle Mittel zur Verfügung stellte, da
hatten sich junge Schulen der Miniaturmalerei gebildet: so in
Tours und St. Denis, in Reims, Metz und Lüttich und in
anderen Orten an den Grenzen romanischen und germanischen
Wesens. Ja darüber hinaus war die Strömung geflutet bis
in die peripherischen Glieder des Reiches, namentlich auch nach
den Gegenden jenseits des Rheins; in Sankt Gallen und
Reichenau, in Fulda und wohl auch in Köln wurde eifrig ge⸗
malt, und bis zum fernen Kloster Kremsmünster im bairischen
Osten drang die Bewegung.
Freilich verlor sie auf dem langen Wege an Tiefe. Wer
die rohen Zeichnungen des Codex millenarius von Kremsmünster
 oder der Nürnberger und Münchener Evangelienfragmente
mit den herrlichen Miniaturen Westfrankens vergleicht, wird
sich ohne Kenntnis der Zwischenglieder schwerlich des engen
Zusammenhanges und des gleichen Nährbodens der beiderseitigen
Erzeugnisse bewußt werden.

Jetzt Paris Nationalbibl. Cod. lat. 9428.
        <pb n="93" />
        76 Fünftes Buch. Zweites Rapitel.

Sicherer wird man hierüber urteilen, hält man sich gegen—
wärtig, daß die germanische Anschauung sich mit nichts als
der Fähigkeit bloß ornamentaler Wiedergabe der reich ge—
stalteten Bilderwelt der klassischen Überlieferung näherte. Es
war natürlich, daß unter diesen Umständen Rezeption und
Nachahmung nur beschränkt sein konnten. Im Kontur der dar—
gestellten Personen wurde nur die allgemeine Bewegungslinie,
die ideelle Wahrheit des äußeren Umrisses festgehalten; im
besten Falle erreichte man ein geschmackvolles Mittelding zwischen
typischer Ornamentation und umwverstandenem Naturalismus.
Das Gleiche gilt für die Darstellung der sonstigen Außenwelt,
namentlich der Landschaft. Die Landschaft löst sich in
ornamentierte Berge, Bäume, Pflanzen auf, die unvermittelt
und ohne Rücksicht auf ihr gegenseitiges natürliches Größen—
verhältnis nebeneinander gestellt werden: von einer organischen
Auffassung des Ganzen, einer auch nur halbwegs naturalistischen
der Einzelheiten ist um so weniger die Rede, als schon die
antike Landschaftsmalerei, von der Bühnenmalerei ausgehend,
eine voll organische Behandlung des Vorwurfs wenigstens in
perspektivischer Hinsicht nicht erreicht hatte.
Wurden aber schon die Linien des Umrisses unter dem deutlichen
Einfluß bloß ornamentaler Schaffenskraft ornamental behandelt,
wie sollte man da Verständnis besessen haben für Farbe, Per—
spektive, Licht! Die deutschen Miniaturen dieser Zeit wimmeln
von grünen Pferden, ziegelroten Felsen, blauem Haupthaar
u. dergl., das alles in den schreiendsten, nur gelegentlich durch
Goldstrichelung gemilderten Farben: die Farbe hat nur einen
ornamentalen, typischen, nicht einen individuellen, dem dar—
gestellten Gegenstande eigentümlichen Wert. Eine Luft—
perspektive aber besteht überhaupt nicht, höchstens kann sie in
einer wpisch-ornamentalen Abtönung des Hintergrundes durch eine
Reihe aufeinanderfolgender, konventioneller Farbentöne hindurch
gefunden werden?; und die Linearperspektive ergeht sich in den
Bgl. Janitschek, Gesch. der Malerei S. 48 —49, über die Miniaturen
des Goldenen Buches von Sankt Gallen.
2 Und auch diese beruht noch auf antiken Einflüssen; s. Leitschuh
S. 487; auch Braun, Trierer Buchmalerei (Westd. Zeitschrift, Er—
gänzungsheft 9 [1896) S. 76 für die Ottonenzeit.
        <pb n="94" />
        Die Karlingische Renaissance.

77

unglücklichsten Verkürzungen, die vor keinem Wagnis scenischer
Anordnung zurückschrecken; mit Recht konnte ein Ästhetiker
des 13. Jahrhunderts, vielleicht eben im Gedenken an Karlingische
Kunst, behaupten:
pictoribus atque poetis
quaelibet audendi semper fuit aequa potestas!
Weisen diese Eigenschaften der germanischen Kunst des
H. Jahrhunderts, soweit sie unter dem Einfluß der Karlingischen
Renaissance steht, darauf hin, wie unendlich weit die ästhetische
Auffassung der germanischen Stämme noch von einem waähren
Verständnis der klassischen Kunst entfernt war, so ergiebt sich
doch andrerseits schon überall, auch in den besten Leistungen
des westfränkischen, romanischen Bodens dieser Zeit, eine
tiefe germanische Einwirkung: auch gegenüber dem über—
wältigenden Aufleben des antiken Vorbildes verzweifelt
die germanische Kunstanschauung nicht, ja weiß sich teilweis
zurchzusetzen. Das Schönheitsideal des menschlichen Hauptes
wird germanisch; schon in den Evangelisten wie im segnenden
Christus des Gottschalkevangeliars aus den ersten Jahren Karls
des Großen ist an Stelle des runden Römerkopfs ein zartes
Gesichtsoval getreten mit langer Nase, mit kleinem, von starker
Unterlippe getragenen Mund, mit großen, von schweren Brauen
überschatteten Kinderaugen: ein germanischer Typus?. Gleich—
zeitig beginnen alle Figuren das Streben nach energischer Be—
tonung des inneren Lebens zu zeigen?: nicht das Formschöne,
sondern das Bedeutende erscheint als Wesentliches der Dar—
stellung; man gestikuliert mit viel zu großen Händen gewaltsam
in äußerst geschickt nuancierten Bewegungen, und stets sind alle
Dargestellten in die klarste und straffste Beziehung zum ent—
scheidenden Moment der Scene gesetzt.
Das alles sind germanische Beiträge zu dem reichbewegten
Bild der Karlingischen Malerei, und unter ihrem Einfluß be⸗
Durandus Rationale ed. Antverp. 1614 fol. 14b.
3 Daß es sich dabei um den germanischen Typus handelt, zeigen
Bastard Taf. 116—117, vgl. auch Taf. 196.
s Darüber handeln eingehend Leitschuh S. 885-394, besonders aber
Tikkanen 244-268, 808 f. und Leitschuh bei den Abendmahlsaposteln 164 ff.
Weitere Beispiele eb. 183. 188. 192 ff. 202.
        <pb n="95" />
        78

Fünftes Buch. Zweites Kapitel

ginnt diese selbst sich auch in der Technik teilweis zu ändern.
Schon fällt hier und da die schwierige Farbengebung der Guache—
malerei hinweg; bloße Konturen mit leichter Farbenlavierung
geben sich als fertiges Ganzes, ja schon in bloßer Federzeichnung
glaubt man gelegentlich ein abgeschlossenes Kunstwerk geschaffen
zu haben. Es sind die Anfänge einer Richtung, der im
Ringen von mehr als sechs Generationen die Federzeichnung
der Stauferzeit entwachsen ist, der erste national-deutsche
Stil, der sich über das bloß Ornamentale hinaushebt.
Unterhalb der Bewegungen aber, welche die Karlingische
Renaissance auf dem Gebiete der bildenden Künste veranlaßte,
lebte noch ungebrochen in alter Frische die nationale Kunst der
Ornamentik. Zwar hatte sie unter dem Einfluß der schottischen
Missionare ihren Formenkanon erweitert: zu den alten Ver—
schlingungen der Tierornamentik waren Einflüsse der ornamentalen
—
nach dem germanischen Ornament verwandt, rasch verarbeitet.
Auch die Fortschritte der metallurgischen Kuünste hatten eine
Wandlung hervorgebracht, die den alten Formenschatz nur
mehrte, ohne ihn zu sprengen; die Spirale war als beliebtes
Slement neben Band, Tierkopf und stilisierten Punkt getreten.
In dieser Bereicherung ward die germanische Ornamentik
vom Hauche der Karlingischen Renaissance getroffen. Das erste
Ergebnis war ein fast erschreckender Reichtum der Motive;
zu dem germanischen und irischen Zierschatz trat auch noch der
klassische mit seinen Eierstäben und Akanthusblättern, mit seinen
Mäandern und Flachmustern, mit jenen zierlichen Lampen,
Vögeln, Leuchtern, die in tausend Abwandlungen zur Füllung
größerer ornamentaler Flächen dienten.
Aber die frühkarlingische Zeit nahm es mit Erfolg auf
sich, all diese Motive gleichzeitig zu bewältigen; nie hat eine
Kunst in größerem ornamentalen Überfluß geschwelgt, ohne
sich selbst zu verlieren. Später traten dann, bezeichnend genug,
die klassischen Elemente wieder zurück: die nationale Ornamentik
beherrschte von neuem das Feld.
Aber nicht mehr in der alten Formlosigkeit ihrer Ver—
        <pb n="96" />
        Die Karlingische Renaissance.

79

schlingungen, im bloß virtuellen Ausgleich der einzelnen orna⸗
mentalen Felder. Nicht umsonst war die nationale Kunst der
sA —
sie abgeklärt in ihrem Formenkanon; zum erstenmal hatte sich
ihr namentlich das Geheimnis der symmetrischen Anordnung
herwandter Motive erschlossen.
Und schon stand sie vor einer neuen Stufe ihrer Entwicklung.
Bereits in den letzten Zeiten der Merowinge waren gelegentlich
neben den alten Tiermotiven ornamentierte Pflanzen beliebt
worden, sei es auch nur in einzelnen Teilen des pflanzlichen
Organismus, in Keimen, Blättern, Blüten. Die Neigung in
dieser Richtung nahm seit Mitte des 9. Jahrhunderts sichtlich
zu, die alte Tierornamentik begann zurückzutreten; um die Wende
des 9. und 10. Jahrhunderts befinden wir uns in den unzweifel—
haften Anfängen eines neuen Stiles der Pflanzenornamentik.
Es ist sicher, daß dieser Fortschritt auf einer immanenten
Entwicklung der deutschen, nationalen Kunst beruhte; die neue
pflanzenornamentik war völlig unabhängig vom unmittelbaren
Vorbild der Antike. Andrerseits aber läßt sich schwerlich ver—
kennen, daß hier doch auch die Kunstströmung der Karlingischen
Renaissance mittelbar fördernd gewirkt hat; vermöge einer leise
hewirkten Anderung des Geschmackes überhaupt wußte der
Kanon der antiken Kunst auch die so gänzlich anders geartete
germanische Kunstanschauung zu befruchten.

VI.

Wir sind damit zu dem für uns springenden Punkte in
der Geschichte der Karlingischen Renaissance gelangt, zu der
Frage, was diese Bewegung denn speziell für die deutsche Ent—
wicklung ausgetragen habe.
Für das Gebiet der künstlerischen Anschauung, wo die
Denkmäler laut und untrüglich reden, kann die Antwort mit
ziemlicher Sicherheit gegeben werden. Die einheimische, noch
rein ornamentale Auffassung wurde abgeklärt und auf ein neues,
        <pb n="97" />
        30 Fünftes Buch. Zweites Kapitel.

höheres Gebiet ihrer Anwendung, die Pflanzenornamentik, ver⸗
wiesen; darüber hinaus wurde die Fähigkeit zu einer völlig neuen,
freilich noch sehr rohen und durchaus typisch gehaltenen Re⸗
produktion der Außenwelt überhaupt in der Federzeichnung
entwickelt. Diese Fortschritte vollzogen sich dann nicht, ohne
neben der Aufnahme fremder Fähigkeiten zugleich die eigene,
die nationale ästhetische Anlage zu fördern: in der Entfaltung
der scenischen Auffassung machte sich sofort der germanische
Zug zum Bedeutenden selbst auf Kosten der Harmonie und
Symmetrie geltend, und die Darstellung des Menschen führte
zur Durchbildung eines rein germanischen Schönheitsideals des
menschlichen Körpers.
Schwieriger zu erkennen sind die Früchte, welche die
dichterische Bewegung der Renaissance dem deutschen Wesen ein—
getragen hat. Denn hier konnte nicht, wie in der bildenden
Kunst, eine unmittelbare Rezeption zur Wirkung gelangen:
die Dichtung wurde durch eine fremde, erst anzueignende Sprache
vermittelt, während die bildende Kunst fast so sehr, wie die
Musik, den Vorteil einer allgemein menschlichen, internationalen
Formensprache besitzt.
Hierin liegt wohl der hauptsächlichste Grund dafür, daß die
Dichtungen der Renaissance auf die poetische Anschauung der
germanischen Stämme anscheinend so gut wie nicht gewirkt haben:
freilich waren Epigramm und Epistel, Idyll und Lehrgedicht,
die den Germanen noch völlig unbekannten Hauptgruppen der
Karlingischen Litteratur, auch an sich möglichst wenig geeignet,
irgendwelche dichterische Einflüsse zu vermitteln. Umnmittelbar
am Ausgang der frühkarlingischen Dichtung steht der sächsische
Heljand! (etwa ums Jahr 830), eine geschickte Ubertragung des
Lebens Christi in die Formen der einheimischen Dichtung; wohl
ist in ihm der Einfluß des stammverwaudten angelsächsischen
Epos, nirgends dagegen derjenige der Renaissance zu spüren.
Soweit die fremde, lateinische Welt Anschauungskreis und
Vorstellungsart der deutschen Dichtung berührte, geschah das
1S. unten: 6. Buch, 2. Kapitel, V.
        <pb n="98" />
        Die Karlingische Renaissance.

81

nur mittelbar und nur im Verlaufe von Nebenströmungen.
So hat die angelsächsische Litteratur, wie sie im Gefolge Boni⸗
fazens und seiner Gehilfen in Deutschland bekannt wurde und
später durch Vermittlung Alcuins und seiner Schüler einzu—
wirken vermochte, wohl dazu beigetragen, die althochdeutsche
Übersetzungslitteratur aus lateinischen Originalen fast durchweg
kirchlichen Charakters zu fördern. Formell vermittelnd hat
weiterhin auch die lateinische Hymnik gewirkt; freilich wurde
sie von der Karlingischen Renaissance eher vernachlässigt als be—
günstigt. Ihr scheint die deutsche Dichtung der Karlingenzeit
den Reim entnommen zu haben, doch wäre dieser Vorgang dann
eher eine Folge der hymnischen Melodik gewesen, also eine Er⸗
rungenschaft der musikalischen, nicht der poetischen Rezeption.
Allein auch dieses neue Element fand einstweilen nur ge—
ringen Anklang; umfassend verwendet ward es fast nur in dem
Werke Otfrids von Weißenburg (ums Jahr 870), jenem trockenen,
einer Evangelienharmonie entnommenen Lehrgedicht über das
Leben Christi, das in seiner Überbürdung mit Symbolik und
Exegese nie volkstümlich geworden ist und das als Sprach⸗
denkmal für uns von weit größerer Bedeutung ist, denn als
poetische Leistung für die Zeitgenossen, wenn es auch die Merk⸗
male der Nationalisierung des Christentums fast in gleichem
Maße an sich trägt wie der Heljand.
So blieb der germanische Kreis dichterischer Anschauung, der
tiefe, in eignen Abwandlungen weiter strömende Zug einheimis cher
Epik so gut wie unberührt von der Dichtung der Renaissance.
Wichtig wurde diese nur durch Verbreitung von Wissen.
Aber auch hier reichte die Befruchtung der germanischen
Stämme nicht entfernt an die der romanischen Länder. Die
UÜberführung Arnos z. B., eines der akademischen Pfalzgenossen
Karls des Großen, auf den erzbischöflichen Stuhl von Salz⸗
burg bewirkte allerdings, daß in Salzburg eine Bibliothek von
etwa 150 Handschriften entstand, daß ein Verzeichnis der
Schenkungen bayrischer Herzöge an das Erzstift, daß ein
Formelbuch für Briefe und Urkunden angelegt ward; auch kurze
zgeschichtliche Aufzeichnungen wurden gefertigt — darüber hinaus
Lamprecht, Deutsche Geschichte II. 8
        <pb n="99" />
        32

Fünftes Buch. Zweites Kapitel.

aber hört man wenig von größeren Erfolgen. Ähnlich stand
es in anderen Diöcesen!.
In die Tiefen der Nation drang von dem höheren Wissen
der Renaissance so gut wie nichts. Die althochdeutschen Lehn—
wörter aus dem Lateinischen erschöpfen sich im wesentlichen in
den Bezeichnungen für kirchliche Begriffe, für äußere Lebenspflege
und den Luxus namentlich der Küche, für die Hantierungen
der fremden Berufe des Arztes und des Architekten; auf ein
freieres geistiges Leben beziehen sich nur wenige, wie etwa das
althochdeutsche Wort natüra, das aber erst in mittelhochdeutscher
Zeit allgemeiner bekannt wird.
Auch in den speziell kirchlichen Kreisen war das Wissen
noch erschreckend gering; für den Priester begnügte man sich
mit der wörtlichen Kenntnis der drei großen Glaubensbekenntnisse,
mit einem oberflächlichen Verständnis der Meßliturgie und dem
fehlerfreien Lesen der biblischen Perikopen. Bei den höher ge—
bildeten Geistlichen aber war das Wissen zumeist unverarbeitet
und rein archäologischer Natur; während Frankreich schon
im 9. Jahrhundert eine Fülle dogmatischer Streitigkeiten sah
und in Johannes Eriugena einen selbständigen Fortsetzer neu—
platonischer Ideen beherbergte, war in Deutschland von einer
dogmatischen Beherrschung der christlichen Lehre fast gar nicht
die Rede, und die angeblich dogmatischen Streitigkeiten be—
wegten sich bloß auf dem Gebiete kirchlicher Praxis. Und
auch gegenüber dem sonstigen Inhalt der klassischen Tradition
schwieg unter den germanischen Stämmen fast jedes kritische
Interesse. Wo hätte man in Deutschland während des 9. Jahr—
hunderts ein kritisches Genie wie Hinemar von Reims, einen
philologischen Bibelausleger wie Christian von Stablo finden
mögen?
Der Vorsprung, den die Westhälfte des Reiches auf
Grund ihrer römischen Vergangenheit besaß, machte sich über—
mächtig geltend. Wie die deutschen Stämme nur auf alt—

Zur geistigen Existenz eines gebildeten Landbischofs der Zeit ogl.
das Verzeichnis der Bibliothek des Madalwin vom Jahre 9038. Mon. Boica
286, 201.
        <pb n="100" />
        Die Karlingische Renaissance. 83

römischem Gebiete die Urkunde, das geschriebene Wort, als
Beweismittel vor Gericht kannten; wie die römische Handwerks—
tradition am Rhein der dortigen Baukunst einen Vorsprung
gab, der noch die sächsischen Kirchen der romanischen Zeit trotz
ihrer herrlichen architektonischen Entfaltung als Schöpfungen
auf künstlerischem Neuland erkennen läßt: so besaßen erst recht
die eigentlichen Romanen Westfrankens geschichtliche Vorzüge,
deren Umfang selbst vom regsten Aneignungstrieb der Deutschen
nicht erreicht werden konnte. Nicht das Karlingische, erst das
Ottonische Zeitalter sah eine selbständigere, eigentlich deutsche
Renaissance emporblühen.
        <pb n="101" />
        Drittes Kapitel.

Politische und sosale Wandlungen vom
achten zum sehnken Jahrhundert; üBchicklale
des ostfränkischen Reiches.

Bei Begründung des merowingisch-karlingischen Reichs—
verbandes hatte das Staatsgebiet von Rechtswegen dem König
gehört: in der Konstruktion eines Bodenregals waren alt—⸗
germanische Vorstellungen von Eigentum der Völkerschaft und
des Völkerschaftskönigs am Lande zusammengeschossen mit einer
römischen Auffassung, welche die Provinzen als Eigentum des
Imperiums zu betrachten liebte. So ward das ganze Staats-—
gebiet als im Grunde noch königlich angesehen, und an die
Thätigkeit des Herrschers erhob sich noch immer der ideale An—
spruch, dies Gebiet zu möglichst gleichem Betriebe allen gleich—
berechtigten Staatsbürgern, allen Freien zugute kommen zu lassen.
Eigentum oder wenigstens Obereigentum des Königs an Grund und
Boden, kollektivistische ja kommunistische Ausnutzung seiner Kräfte
durch die Unterthanen: das war, wenn auch keineswegs die Wirk⸗
lichkeit, so doch das Ideal noch des frühesten fränkischen Staatslebens.
Wie anders sah die Welt aus gegen Ende des 9. Jahr⸗
hunderts, im Zeitalter des vollen Verfalls der fränkischen
Monarchie! Längst war vor dem Zeichen des beginnenden Lehns—
staates der Gedanke königlichen Bodenregals zu wesenlosem
Anspruch verblaßt: die Staatsgewalt hatte nicht bloß das
Obereigentum am Grund und Boden, sie hatte auch wesentliche
        <pb n="102" />
        Politische n. soziale Wandlungen; Schicksale des ostfränkischen Reiches 85

Teile des ihr unmittelbar unterstehenden domanialen Grund⸗
eigens verloren. Statt dessen erschien Eigentum und Nutzung
des Grundes und Bodens höchst ungleich verteilt unter die
Angehbörigen des Staates, und schon seit Generationen war die
Überfülle von Land in den Händen der Großen erfolgreich zur
Zerstörung der Staatsgewalt mißbraucht worden.
Kaum lassen sich größere Gegensätze denken. Geschichtlich
werden sie vermittelt durch eine ungeheuere Verschiebung der
Eigentumsrechte am Grund und Boden, sowie durch die Ent—
wicklung einer leistungsfähigen Organisation des Großgrund⸗
desitzes. Dem kollektivistisch-kommunistischen Zeitalter der
Naturalwirtschaft, wie es die Markgenossenschaft der geschicht—
lich noch zugänglichen Urzeit gesehen, folgt ein organisatorisches,
mehr individualistisches Zeitalter der Naturalwirtschaft, als
dessen eigenartigste Einrichtung die Großgrundherrschaft auftritt.
In frühmerowingischer, ja in Karlingischer Zeit noch sind
nicht alle Erinnerungen an frühere Wirtschaftsstufen der Nation
verschwunden; noch keineswegs beherrscht die agrarische Kultur
schon das ganze Rechtsleben der Nation; erst im 7. Jahr⸗
hundert scheint der Immobiliarprozeß bei den verschiedenen
deutschen Stämmen gleichmäßig herangebildet zu sein, und
noch langsamer entwickelt das Königsrecht der Merowinge und
Karlinge die Möglichkeit der Zwangsvollstreckung in Grund und
Boden. Gleichwohl läßt sich behaupten, daß unser Volk seit
etwa dem 6. Jahrhundert anfängt, vornehmlich im Ackerbau zu
leben: mit diesem Zeitpunkte setzen deutlich merkbar die größten
Veränderungen im Eigentum an Grund und Boden ein; auf
ihn als das neue, bald das einzige soziale und politische Macht—
mittel innerhalb der Nation richten sich seit dieser Zeit alle
politischen und gesellschaftlichen Strebungen.
Die eigenartigsten und in ihren schließlichen Folgen weit—
aus wichtigsten Veränderungen vollziehen sich im Besitz der
großen Masse der Freien. Hier hatte sich bis etwa zur Mitte
des 6. Jahrhunderts in den vorgeschrittenen Landesteilen ein
Eigentum des selbständig wirtschaftenden Freien, des Hüfners,
an der Hufe! gebildet, war es in seinem Inhalt auch noch sehr
1 6. Band 13, 144.
        <pb n="103" />
        36 Fünftes Buch. Drittes Kapitel.

durch Eingriffsrechte der Markgemeinde, des Geschlechtes und
der Familie des Eigentümers gebunden. Dies Eigentum wird
nun im Laufe der nächsten Jahrhunderte immer mehr ver—
selbständigt, von seiner Gebundenheit befreit. War es ursprüng⸗
lich vererblich nur an die Söhne, nicht einmal an die Enkel,
fiel es bei Mangel an Söhnen vielmehr anfänglich an die
Markgenossenschaft zurück, so setzte sich nunmehr das Erbrecht
der Enkel, bald auch der Brüder des Erblassers durch, und der
Anspruch der Markgenossen trat allmählich zurück und ward
vergessen. Ähnliches galt für die starken Einspruchsrechte des
Geschlechtes und vor allem der näheren Familie, die ge—
legentlich jedes Rechtsgeschäftes am Grundeigen erhoben werden
konnten: sie begannen in gewissen Fällen, namentlich zu Gunsten
größerer Erwerbsfreiheit der Kirche, zu schwinden. Tiefster Grund
für alle diese Vorgänge war, daß keine kommunistische Kon—
struktion des Genusses an Grund und Boden den Selbständig—
keitsgelüsten des Einzelnen auf die Dauer widerstehen kann;
Folge, daß der einzelne Freie, wenn auch noch immer in der
Bewirtschaftung und rechtlichen Verfügung über das Grund—⸗
eigen streng gebunden, dennoch gegenüber früher etwas selb—
ständiger ward. Und schon führte diese Freiheit merkliche Ver—
schiebungen in der bisherigen Gleichheit des Grundeigens herbei:
Hufen wurden verkleinert, zersplittert, abgerundet, vergrößert:
bald gab es in allen Dörfern mehr und minder reiche Hüfner.
Diesem langsamen Wandel der Rechtsordnung in der
Richtung von rein kommunistischen zu individualistischen Prin⸗
zipien des Landgenusses lief ein wirtschaftlicher Vorgang zur
Seite, der die Ungleichheit des Grundeigens noch weiter förderte.
In den ersten Zeiten nach Gründung seines Dorfes war
es dem freien Markgenossen unbenommen, in den noch unbebauten
Teilen der Mark, die gemeinsamer Nutzung in Wald und
Weide unterlagen, für eigene Rechnung zu roden, zu pflanzen,
zu ernten. Der Grund und Boden der Allmende galt als
virtuelles Eigentum aller in der Weise, daß jedermann
        <pb n="104" />
        Politische u. soziale Wandlungen; Schicksale des ostfränkischen Reiches. 87

durch Verwendung persönlicher Arbeit auf einen Teil desselben
das Recht begründete, diesen Teil völlig sicher allein zu nutzen, ja
schließlich nach längerer Mühe als persönliches Eigentum anzu—
sprechen. Das war eine Anschauung, die sich besonders
thatkräftige Wirte unter den Markgenossen früh zu Nutze machten:
sie rodeten in ihren heimatlichen Marken bald gewaltige Stücke
Landes außer dem engbegrenzten System der ursprünglichen
Hufenäcker: neben dem alten Hufenland wuchs immer umfang⸗
reicher das Rottland empor, und immer mehr verschoben sich
damit die Besitz⸗ und Eigentumsunterschiede der freien Bauern.
Diese Vorgänge führten schon in der Frühzeit der Karlinge
zur völligen Differenzierung des Standes der altkfreien, urzeitlich—
kommunistischen Bauernschaften.
Während diese Entwicklung aber in der Stille reifte, un—
heilschwanger für das Karlingische Königtum, das seinen Unter—
thanen noch immer gleichmäßig dieselben urgermanischen Pflichten
und Rechte abzufordern und zuzuerkennen entschlossen war, hatten
darüber hinaus Ereignisse wirtschaftlicher und politischer Art
eingesetzt, welche die Aufmerksamkeit der spätmerowingischen
und frühkarlingischen Zeitgenossen noch ganz anders in Anspruch
nahmen.
Ueber den wirtschaftlich differenzierten Freien erhob sich
immer drohender ein wahrhafter, weitausgedehnter Großgrund⸗
besitz.
Es war eine der urgermanischen Zeit so gut wie unbe—
kannte Erscheinung. Sie setzte schon früh auf romanischem
Boden ein. Mit Recht und Unrecht erwarben hier Franken
und Burgunder ausgedehnte Latifundien römischer Anlage;
auch brachte die Kirche dem fränkischen Staate ein reiches Erb⸗
gut an Grund und Boden, an Kolonaten und anderem Zins—
gut aus ihrer römischen Vergangenheit ein.
Aber die neue Erscheinung verbreitete sich bald auch in
rein germanische Landesteile. Der Kirche fielen auch hier reiche
Schenkungen zu; Fulda, das Kloster des heiligen Bonifatius,
besaß nicht lange nach der Gründung schon 15000 Hufen.
Vor allem aber behauptete hier der König kraft seines Boden—
        <pb n="105" />
        38

Fünftes Buch. Drittes Kapitel.

regals das Eigentum vornehmlich über alles von andern noch
nicht genützte Land und verfügte darüber thatsächlich, sobald
es ihm beliebte. Und auch abgesehen von der ungeheueren Masse
von Land, die ihm in Wald und Bruch, in Heide und
Moor auf diese Art zu Gebote stand, besaß er einen weit aus—
gedehnten Grundbesitz als Rechtsnachfolger des römischen Kaisers,
aus Konfiskationen, wie auf Grund anderer Rechtstitel. Ein
unerschöpflicher Schatz von Land und Landeseinkünften schien
so den Frankenkönigen zur Verfügung zu stehen, zumal sie noch
von allem, ihnen nicht unmittelbar unterstellten Baulande ein
Siebentel des Ertrags kraft Bodenregals beanspruchten. Und
jedenfalls pflegten sie aus dem Gefühl der Unerschöpflichkeit
dieser Mittel heraus zu handeln. Ganze Geviertmeilen Landes
verschenkten sie an Große, deren Anhänglichkeit ihnen wertvoll
erschien, und sie glaubten sich zu solchen Handlungen augen⸗
blicklicher Zweckmäßigkeit um so eher berechtigt, als der Rechts⸗
charakter der frühgermanischen Schenkung die Widerruflichkeit
des Geschenkes im Fall der Undankbarkeit des Beschenkten wie
in einigen andern Fällen zuließ. Allein in Wahrheit erwarben
die Großen doch nach demselben frühgermanischen Recht zumeist
unverbrüchliches Eigentum am geschenkten Lande. Sie brachen
die wilde Kraft des Urwalds, sie entwässerten Sumpf und Brühl,
sie erschlossen die Bergöden einer sorgenden Bevölkerung; sie
machten das Land erst zu wirklich wirtschaftlichem, frucht⸗
bringendem Grunde. So ward es ihr wohlgewonnenes Gut,
ihre Errungenschaft nach germanischem Rechte; nimmermehr
konnte der König es ihnen entreißen. Schon in der ersten
Hälfte des 7. Jahrhunderts stand das Ergebnis der immer noch an⸗
dauernden Bewegung fest: nicht bloß in Gallien, auf dem alten
Boden des Imperiums, auch im germanischen Osten war ein
neuer, gesicherter Großgrundbesitz entstanden.
Und dies Großgrundeigen befand sich wesentlich in den
Händen der an sich durch Amt und Geburt hochstehenden, füh—
renden Klasse, des Adels. Wohl haben die Könige auch Gemein—
freien Rodeprivilegien erteilt für Wald und Gebirg; gegen
geringe Abgabe stand den überschüssigen Söhnen der Markbauern
        <pb n="106" />
        Politische u. soziale Wandlungen; Schicksale des ostfränkischen Reiches. 89

der Eintritt in fiskalisches Rottland offen: allein trotzdem über⸗
wogen im ganzen die Besitzüberweisungen und Schenkungen an
Große; wohl erst in der Karlingenzeit ist die Königshufe, die
besondere Rottform des kleinen Freien auf Königsland, und
noch dazu spärlich genug entwickelt worden. Der große Grund⸗
besitz aber schritt nun, vornehmlich seit den Zeiten der Kar—
linge, zu einer die früheren Maßnahmen weit überholenden
Ausbeutung des neuen Besitzes. Er rodete planmäßig weite
Landstrecken im Urwald und schützte sie durch feste Zäune gegen
die Unbill äsenden Wildes; er gründete Kolonialkirchen mitten
im Dunkel des Tannes und besetzte sie mit gottseligen Ein—
siedeln, deren Ruf manch frommen Freien zu Niederlassung und
Anbau verlockte; er baute ganze Dörfer aus: bis endlich, seit
dem 9. und 10. Jahrhundert, das Land weithin besiedelt war
und die Könige dem ferneren Vordringen in die ungelichteten
Teile der Bergwälder durch deren Einforstung ein Ziel
setzten.
Aber schon war der Großgrundbesitz überall gefestigt, und
schon hatte er eine eigenartige Organisation seines Betriebes
entwickelt.
Die alte Ackerwirtschaft des Markgenossen hatte, abgesehen
von ihrer Regelung innerhalb der Mark, einer Organisation
nicht bedurft. Wie sie sich selbst genügte, wie sie keinerlei Ver⸗
bindung mit Handel und Industrie erforderte, um ihren Ange—
hörigen des Lebens Notdurft zu sichern, so war sie auch in sich
nicht abgestuft. Die natürliche Entwicklung von Tier und
Pflanze, der Wechsel von Regen und Sonnenschein, Sommer
und Winter gewährleistete alle regulären Wünsche dieses zu—
friedenen Daseins; die ökonomische Sicherheit im Unglücksfall
ward durch die Markgenossenschaft verbürgt und deren Allmende.
So gab es in der gewöhnlichen Wirtschaft des Freien keine
eigentliche Arbeitsteilung, keine absolut dienenden und herr⸗
schenden Existenzen; was alle schufen, dessen Vollendung schrieb
wohl frommer Sinn den treuen Geistern des Hauses, den
Heinzelmännchen zu: soweit eine Organisation der Wirtschaft
angenommen ward, griff sie ins Gebiet des Glaubens über.
        <pb n="107" />
        z0

Fünftes Buch. Drittes Kapitel.

Denn noch war die seelische Spannung zwischen der Em—
pfindung eines wirtschaftlichen Bedürfnisses und dessen Be—
friedigung so gering, daß es dazu nicht langer und stark
wechselnder Wirtschaftsüberlegungen und damit einer entschei—
denden Rationalisierung des wirtschaftlichen Denkens bedurfte:
innerhalb der geschlossenen Hauswirtschaft des Einzelnen be—
wegte sich Bedürfnis und Genuß, Verbrauch und Erzeugung.
Wie änderte sich das alles mit dem Emporkommen des
Großgrundbesitzes! Zwar versuchten die Germanen wohl nur
ganz vereinzelt, den alten, plantagenartigen oder nach Kolonaten
geordneten Großbetrieb jener römischen Latifundien fortzusetzen,
in deren Eigentum sie gelangt waren. Doch hatten sie selbst
schon in der Urzeit ausnahmsweise einen Anbau größeren
Landbesitzes, vornehmlich wohl der Häuptlinge, gekannt, dessen
System sich jetzt vervollkommnet anwenden ließ. Das Land
war in Hufen geteilt gewesen, auf Hufen meist wohl von der
halben Größe des freien Hofgutes hatten Unfreie gesessen in
selbständiger Wirtschaft, doch hatten sie dem Herrn gewisse
Dienste und Abgaben entrichtet. Dieses System ward jetzt um
eine Stufe erweitert. Auch in dem Großgrundbesitz der Kar—
lingischen Zeit, dessen einzelne Hufen und Anbauflächen oft
über viele Quadratmeilen und Hunderte von Dörfern im Streu—
besitz verzettelt lagen, ließ sich eine verständige Nutzung nur im
Einzelbau denken: die Güter wurden an kleine Leute in den
Formen rechtlich mannigfach verschiedener Leihe ausgethan.
Nur war es nun nicht mehr möglich, wie einstmals im ur—
zeitlichen Betrieb, daß der Grundherr unmittelbar und persönlich
alle Leistungen und Abgaben der Beliehenen entgegennahm:
das verboten Zahl und Entfernung der nutzbar gemachten
Hufen. So stellte er für jede Gruppe benachbarter Leihbauern
eine Empfangsstelle her: eine Hufe ward zu diesem Zwecke einem
seiner Diener, der nun meist den Namen Meier führte, über—
geben: der nahm die Naturallieferungen ein und verrechnete
sie dem Herrn, der beaufsichtigte die Leitung der Pflug- und
Erntefronden auf dem herrschaftlichen Rottfeld seines Bezirkes.
Fin Netz von Meiereien breitete sich unter der Zentralstelle gqus:
        <pb n="108" />
        Politische u. soziale Wandlungen; Schicksale des ostfränkischen Reiches. 91

es ist der Anfang der mittelalterlichen Organisation der Groß⸗
grundherrschaft. Und bald gesellten sich zu den Meiern andere
Unterstellte verwandter Gattung: Zeidler und Jäger, Roßhirten
und Schäfer, Gärtner und Weinbauer: die Organisation des
Großgrundbesitzes führte nicht bloß zur Staffelung, sondern
auch zur Differenzierung der Arbeit in koordinierten Betrieben.
Mehr noch. Innerhalb des losen Getriebes der Mark—
genossenschaften, die im Verhältnis der einzelnen Genossenschaft
zur andern völlig selbständig und isoliert blieben, war der groß—
grundherrschaftliche Betrieb die einzige wahrhaft große, über—
haupt die erstmalige energische Organisation weiterer wirt—
schaftlicher Interessen. Und in dieser Hinsicht waren die
Großgrundherrschaften nicht bloß die vollendeteren Gebilde
innerhalb der wirtschaftlichen Interessen der Nation, sie über—
trafen trotz aller Mängel auch den Staat an Intensität der
Verwaltung und Straffheit der Gliederung. Das mußte sich
um so mehr zu Gunsten der Grundherrschaften geltend machen,
je mehr der Staat verfiel. In der zweiten Hälfte des 7. Jahr⸗
hunderts, in der Zeit der Agonie des Merowingischen König—
tums, war man schon so weit gelangt, daß die Grundherr⸗
schaften in der allgemeinen Fäulnis staatlichen Lebens wie
keimhafte Grundlagen künftiger Kleinstaaten erscheinen konnten.
Und nochmals mehr. Über den Kreis der bloßen mate—
riellen, sozialen und politischen Interessen hinaus erstreckten sich
schließlich die Folgen dieser grundherrschaftlichen Bildungen, die
sich eben jetzt, in den Spätzeiten der Merowinger und den
Anfangsgenerationen der Karlinger, zu regen begannen. Später,
als sie vollständig durchorganisiert und zu mächtigen und ganz
regelmäßigen Gewalten des nationalen Wirtschafts- und Ge—
sellschaftslebens entwickelt waren, zeigte sich, daß innerhalb ihres
Bereiches eine letzte und höchste Entfaltung der alten geschlossenen
Hauswirtschaft emporgekommen war, die an den Wirtschaftssinn
ihres Leiters, des Grundherrn, und seiner Gehilfen, an ihre
Energie und ihren Verstand ganz andere Anforderungen stellte
als irgend eine der früheren Lebensformen der Wirtschaft. Ge—
wiß: auch innerhalb der Grundherrschaft vollzog sich noch die
        <pb n="109" />
        Fünftes Buch. Drittes Kapitel.

Ausgleichung von Wirtschaftsbedürfnis und Wirtschaftsgenuß
fast ganz selbständig und ohne Dazwischentreten einer fremden
Vermittlung von Händler und Kaufmann: wessen der Herr in
seinem schon starke Lebensbedürfnisse aufweisenden Verbrauche
bedurfte, vor allem das Quantum der Lebensmittel, die in
seinem zum kleinen Hofe anwachsenden Hause von zahlreichem
Gefolge verzehrt wurden, das erzeugte er selbst. Aber ging diese
Erzeugung noch im engen Bereiche des Hauses vor sich? Eine
einzige große wirtschaftliche Organisation umspannte die An—⸗
zehörigen der Grundherrschaft, wo sie auch hausen und was sie
auch treiben mochten: ob im Ackerbau thätig sein oder im Weid⸗
werk, oder im gewerblichen Hausfleiß. Und diese Organisation
konnte unter Umständen schon gewaltige Ausmessungen erreichen:
welch eingehendes Bild einer das ganze Reich durchziehenden
grundherrschaftlichen Verwaltung des königliches Besitzes, der
reichsten und größesten freilich aller Grundherrschaften, vermittelt
nicht das Capitulare de villis aus der späteren Zeit Karls des
Großen! Indem nun aber so, wenn auch noch innerhalb des
Rahmens der alten Hauswirtschaft mit dem geschlossenen, sich
selbst genügenden Charakter ihres Wirtschaftslebens, Organi—
sationen von solcher Ausdehnung und Intensität auftraten, be—
durfte es zur Bewältigung der Spannungen, die sich hier schon
zwischen die wirtschaftlichen Bedürfnisse und Anforderungen
und deren Erfüllung stellten, der Entwicklung von bisher völlig
ungewohnten Summen wirtschaftlicher Überlegung und Energie:
oon Summen, wie sie schließlich nur durch eine dem Grund—
herrn unterstellte, wenn auch noch so primitive Wirtschafts⸗
verwaltung völlig aufgebracht werden konnten.
Eine ganz neue Erscheinung trat damit im Wirtschafts⸗
leben auf. Und nicht bloß im Wirtschaftsleben. Es versteht
sich, daß aus den Personen der neuen Verwaltung auch neue
soziale Bildungen hervorgehen mußten: es ist der Ursprung
der Ministerialität, aus deren Reihen sich dann später wiederum
vornehmlich der niedere Adel gebildet hat. Und nicht bloß im
sozialen Leben. Noch viel wichtiger ist, daß durch diesen Ent—
wicklungsvorgang zunächst die voluntaristische und die in—
        <pb n="110" />
        Politische u. soziale Wandlungen; Schicksale des ostfränkischen Reiches. 93

tellektuelle Seite des nationalen Seelenlebens aufs stärkste vor—
wärtsgetrieben und befruchtet wurden. Wie unendlich viele
Willensakte und Überlegungen wurden jetzt nötig, die freier
waren und mehr Gedächtnis voraussetzten und Voraussicht be—
kunden mußten als wirtschaftliche Akte derselben Art je zuvor!
Wirtschaftliche Akte dieser Art aber machten in jenen Zeiten
vielleicht noch mehr als heute die große Mehrheit überhaupt
alles Wollens und Denkens aus. So konnte es nicht aus—
bleiben, daß aus diesen Zusammenhängen her das Geistesleben
der Nation überhaupt einen starken, wenn nicht den stärksten
Anstoß zur Weiterbildung erhielt: kein Zweifel, daß mit diesem
Wechsel der Übergang von einer Kultur des älteren Seelen—
lebens zu einer Kultur neuer seelischer Haltung, wie sie mit
den Karlingen aufzutreten beginnt, aufs innigste verquickt war.

II.

Die zweite Hälfte des 7. Jahrhunderts war zugleich die
Zeit, in der die letzten tieferen Spuren der römischen Geld—
wirtschaft im Frankenreiche verwischt wurden, in der die Ten—
denz zur absoluten Naturalwirtschaft zu siegen begann.
Um diese Zeit fängt die alte, klassische Goldwährung an
zu verfallen, das Zeichen einst hochstehender Volkswirtschaft.
Im Westen des Reiches wird der Goldsolidus immer seltener;
Alamannen und Baiern, die bis zur Mitte des 8. Jahrhunderts
den Goldsolidus, freilich mehr als Schmuck denn als Münze,
behielten, behelfen sich nun mit byzantinischen Exemplaren,
welche die Donau heraufdringen. Im Westen dagegen wird
seit Ende des 7. Jahrhunderts die Silberprägung stärker auf—⸗
genommen: anscheinend ohne jede gesetzliche Maßregel, unter
vielfachem Mißbrauch des staatlichen Münzregals durch Große
und unbotmäßige Münzmeister entwickelt sich eine thatsächliche
Doppelwährung. König Pippin und Karl der Große haben
dann die Münzverhältnisse allgemein geordnet. Um 780 kann
        <pb n="111" />
        34

Fünftes Buch. Drittes Kapitel.

der Übergang zur reinen Silberwährung als für das ganze
Reich vollzogen gelten: ein Beweis, daß die gallischen und
rechtsrheinischen Lande nun gleichmäßig unter dem Zeichen
ungebrochener Naturalwirtschaft stehen, eine glückliche Wendung
zugleich für die Wirtschaftspolitik Karls des Großen, die jetzt
im ganzen Reiche eine gleichartigere Grundlage für ihre Absichten
vorfand.
Zunächst aber zog keine Institution aus dem vollendeten
übergang der materiellen Kultur zu voller Naturalwirtschaft
größere Vorteile, als die Großgrundherrschaft: ist sie doch die
hervorragendste Wirtschaftsorganisation aller naturalwirtschaft⸗
lichen Zeitalter. Auf dieser Thatsache beruht es, daß die
Grundherrschaft von den schlimmen Zeiten der letzten Mero—
winge bis zum Verfall des Karlingenreiches trotz aller Gesetz—
gebung Karls des Großen recht eigentlich zur sozial maß—
gebenden Macht ward.
Ihr gehörte zunächst die zahlreiche Klasse der unfreien Be—
oölkerung fast ausschließlich an. Das war um so wichtiger,
als die Zahl der Unfreien vom 7. bis zum 9. Jahrhundert
noch beträchtlich zunahm, teils durch natürliche Vermehrung,
teils durch die noch immer übliche Verknechtung im Kriege, nicht
wenig auch durch Erwerb auswärtiger Sklaven im Kauf,
schließlich durch Ergebung mittelloser Freier in Unfreiheit.
Für all diese Angehörigen des untersten Standes, denen
das alte Recht noch jede menschliche Eigenschaft absprach, be—
deutete das Emporkommen der Grundherrschaft eine erste
Erlösung. Indem die Grundherren ihren Besitz organisierten,
organisierten sie auch die Unfreien, die unentbehrlichsten Werk—
zeuge zur Ausbeutung dieses Besitzes: nicht bloß als Ackerleute
erscheinen sie mehr, die ganze oder geteilte Hufen oder
Rottländereien des Herren bebauen; der reichere Hofhalt des
Grundherren bedarf auch der Handwerker, der persönlichen
Dienstmannen, des niederen Beamtenpersonals. Zu all diesen
Stellen wurden auch Unfreie mit verwendet: ihr Stand begann
sich in und mittelst der grundherrlichen Organisation zu gliedern,
ex begann zu qualifizierter Arbeit zugelassen zu werden, er bot
        <pb n="112" />
        Politische u. soziale Wandlungen; Schicksale des ostfränkischen Reiches. 95
die Aussichten sozialen Aufsteigens zunächst innerhalb der ein⸗
zelnen Grundherrschaft.

Damit nicht genug. Der Abstufung innerhalb der einzelnen
Grundherrschaft trat die Abstufung der Grundherrschaften unter
einander zur Seite. Der Unfreie der fiskalischen Grundherrschaft
stand in höherer Achtung, als sonstige Unfreie: konnte ihn doch
königliche Huld über den Rahmen des grundherrlichen Dienstes
hinaus bis zum Sakebaron oder Grafen aufsteigen lassen:
die den fränkischen Fiskusunfreien entsprechenden Unfreien des
—V —
schalke. Und waren die Unfreien großer Laiengrundherren stolz
auf die Macht und das königliche Ansehen des Gebieters, so
rühmten sich die Unfreien der kirchlichen Grundherrschaft ge—
ringerer Lasten und reicheren Besitzes.
Nach Herrschaft, Dienst und wirtschaftlicher Stellung
gliederte sich unter dem Einfluß des Großgrundbesitzes die bisher
gleichförmige Masse der unfreien Bevölkerung: das Recht folgte
dem sozialen Scheidungsvorgang, indem es die verschiedene Lage
auch privatrechtlich anzuerkennen begann: eine höhere Stufe der
Entwicklung ward gewonnen. Auf ihr stießen die Unfreien
ohne weiteres mit den Hörigen zusammen.

In der That lassen sich die Hörigen in Karlingischer Zeit
don den Unfreien häufig nur schwer noch scheiden, und wo die
Scheidung gelingt, da geben der Regel nach nicht mehr wirt⸗
schaftliche und soziale Momente der Gegenwart, sondern alt⸗
fränkisches Recht und verjährter Anspruch den Ausschlag. Hatten
doch Unfreie und Hörige, beide der Grundherrschaft gleichmäßig
zugethan, um diese Zeit schon wesentlich dieselbe Beschäftigung;
höchstens geringere Lasten und hier und da größere Rechts—
fähigkeit zeichneten die Hörigen noch aus. Und schon nahte
die Zeit, wo sie mit den Unfreien in die eine Klasse der Grund—
holden verschmelzen sollten. Die Bildung dieser Klasse, einer
einheitlichen, in sich vielgegliederten dienenden Gesellschaft der
Grundherrschaft, wurde aber in der Form, wie sie gegen Ende
des 9. Jahrhunderts ins Leben tritt, ermöglicht erst durch den
        <pb n="113" />
        Fünftes Buch. Drittes Kapitel.
massenhaften Eintritt Freier in das Machtgebot der Grund—
herren.
Die Freien erlagen zu nicht geringem Teil allmählich den
beängstigenden Folgen jener Umwälzung des Grundeigentums,
von der oben die Rede gewesen: sie verarmten. Eine Fülle
von Nebenanlässen beschleunigte zudem dies Ergebnis. Die
pflichten der alten Rechtsprechung nahmen die Zeit der Freien
jetzt übermäßig in Anspruch; die hohen Bußsätze der alten
Volksrechte, die bei den Franken bis zu Wergeldern in der
Höhe von 2400-21 600 Mark unseres Geldwertes stiegen,
mochten gelegentlich diesen und jenen Freien in wirtschaftlichen
Ruin stürzen. Schwerer lasteten die Anforderungen an den
Heeresdienst auf den Freien, vornehmlich seit Karl dem Großen:
Heeresaufgebote ergingen z. B.778 nach Spanien, 788 gegen Tassilo
von Bayern, 791 gegen die Awaren, 806 gegen die Slawen,
310 gegen die Dänen: wie sollte ein einfacher Freier auch nur
einem oder zweien dieser Gebote auf eigene Kosten nachkommen
ohne schwere Schädigung seiner wirtschaftlichen Lage? Dazu
kam, daß der Staat die Freien nicht vor Unbill in friedlichen
Zeiten zu schützen vermochte: trotz aller Gegenmaßregeln der
Gesetzgebung warfen sich die Großgrundherren, von den
Karlingen politisch zur Ruhe gewiesen, seit Ende des 8. Jahr—
hunderts mit Erfolg auf die soziale Vernichtung des freien
Standes der Bauern.
So wurden die alten Freien seit den Tagen spät—
merowingischer Herrschaft je länger je mehr einer sozialen
und staatlichen Stellung überdrüssig, deren wirtschaftliche Vor—
aussetzungen sich beständig mehr verflüchtigten: sie suchten irgendwo
einen Unterschlupf gegen die Unbilden des Staates und den
unbarmherzigen Drang der wirtschaftlichen Verhältnisse.
Sie fanden ihn, soweit sie es nicht in eigenen Kampf⸗
genossenschaften zu Gegenwirkungen brachten, bei ihren Peinigern
selbst, bei den Grundherren.
Es ward gewöhnlich, daß Freie ihr Gütchen einem Grund⸗
herrn gegen Zinspflicht und Empfang grundherrlichen Landes
zu Leihe auftrugen, um seines Eintretens gegenüber den An—
sprüchen der Heeres- und Dingpflicht und der gerichtlichen

36
        <pb n="114" />
        Politische u. soziale Wandlungen; Schicksale des ostfränkischen Keiches. 97

Vollstreckungsgewalt gewiß zu sein; noch häufiger kam es vor,
daß landlose Freie Hufengut oder Rottland vom Grundherrn
leihweise unter Zinspflicht erhielten gegen den Entgelt grund—
herrlichen Schutzes. So wuchsen die Laiengrundherrschaften
und noch mehr die der Kirche: denn unter dem Krummstab er—
wartete den Freien gütigerer Schutz und gelindere Herrschaft.
Um den eben im Entstehen begriffenen, unfrei-hörigen Kern
—DD0 —
noch freie Schicht grundherrlicher Hintersassen an.
Sofort erhob sich die Frage, in welches Verhältnis sie
zum Kerne treten werde. War es denkbar, daß aus der Ver—
einigung schließlich eine im ganzen gleichartige soziale Masse
hervorgehen werde: so etwa, wie auf den Friedhöfen der Ger—
manen der Völkerwanderung Freie und Unfreie wahllos durch—
einander bestattet sind, die Freien höchstens ausgezeichnet durch
die Beigabe eines Kammes oder Schermessers zur Pflege des
wallenden Haares?
Die Grundherrschaft ist zur Grabstätte der ursprünglichen
Freiheit jener Hintersassen geworden.
Es war selbstverständlich, daß die Hintersassen in die in
Bildung begriffene grundherrliche Wirtschaftsorganisation ein—
traten: sie wurden einer Meierei untergeordnet, sie zinsten dort⸗
hin und leisteten vielfach auch Pflugdienst auf dem Fronland
gleich der unfrei-hörigen Bevölkerung. Das war von schlimmer
Bedeutung für die entscheidende rechtliche Einordnung der
Freien. Hatte der Freie den Schutz des Grundherrn gesucht,
um sich zu lösen vom staatlichen Heeresdienst und von der Ge⸗
richtspflicht: wie konnte er erwarten, seine germanische, eben
auf diese Rechte und Pflichten gestellte Freiheit zu wahren?
In der Immunität! besaßen viele Grundherren schon früh ein
Mittel, die freien Hintersassen ihrer Gerichtsbarkeit zu unter—
stellen; im Seniorat, über dessen Geschichte bald zu sprechen
—VDVV00
fernzuhalten. Brachte es aber der Grundherr wirklich zur
Vol. Bd. Be, 310 f.
2 Unten S. 101 ff.
Lamprecht, Deutsche Geschichte II.
        <pb n="115" />
        d8

Fünftes Buch. Drittes Kapitel.

Gerichtsgewalt und zum militärischen Befehl auch über die
Menge seiner Unfreien und Hörigen: was sollte ihn dann noch
abhalten, die Herrschaft über sie und die freien Hintersassen
völlig zu verschmelzen?
Bald ist es hierzu gekommen.
Je höher Organisation und Arbeitsteilung unter den
grundherrlichen Unfreien und Hörigen stieg, je mehr sie
durch deren Einwirkung zu einer Klasse zusammenwuchsen,
um so menschlicher wurden sie behandelt. Das alte Disci—
plinarrecht der Herren vornehmlich über die Unfreien setzte
sich um in eine unvollkommene Gerichtsbarkeit über Hörige
und Unfreie zugleich: es erwuchs eine grundherrliche Gerichts—
verfassung. Nach Art der freien germanischen Gerichtsverfassung
begann die hörig- unfreie Bevölkerung jedes Meierhofes einen
Umstand, eine Gerichtsgemeinde unter dem Meier als vorsitzendem
Richter zu bilden, und als solche sprach und schuf sie sich selbst
ein neues Recht, ihr Recht, das materielle Recht ihres Hofes.
Ein Vorgang von den wichtigsten Folgen. Nun standen
die Hofgenossen dem Grundherrn nicht mehr rechtlos gegenüber:
sie waren es, die die Grenzsteine der beiderseitigen Rechts—
sphären kraft ihres Gerichtsstandes zu setzen wagten. Da war
keine Unfreiheit mehr oder Hörigkeit im alten Sinne: zu
Grundholden in der Bedeutung dieses Wortes während der
späteren deutschen Kaiserzeit begannen beide Klassen zu ver—
schmelzen.
Die freien Hintersassen wurden voll und ohne Rest
in diese Entwickelung hineingezogen. Auch sie traten in die
Gerichtsverfassung des Meierhofes ein, sie vor allem wiesen
das neue Recht des Standes: sie waren die Lehrer und Weg—
weiser zur Entwickelung des Grundholdenrechtes im Sinne einer
thunlichst vollkommenen Analogiebildung zum alten Recht der
Gemeinfreien.
So standen die Dinge im Ausgang der Karlingenzeit:
schon war eine einzige Klasse der Grundholden im Werden,
nur halb archaisch unterschied man in ihr noch nach Herkunft
Freie, Hörige und Unfreie. Die neue Klasse war wohl das
wichtigste Ergebnis der sozialen Verschiebungen, die durch
        <pb n="116" />
        Politische u. soziale Wandlungen; Schicksale des ostfränkischen Keiches. 99

die Entstehung der Grundherrschaft veranlaßt wurden. In der
Verschmelzung ihrer Bestandteile ging die Sklaverei der Urzeit
zu Grunde; aus ihrer Mitte erfloß die so reich gesegnete wirt—
schaftliche Arbeit der deutschen Kaiserzeit; sie zeitigte im 12.
und 13. Jahrhundert die beneidenswerten Anfänge einer neuen
—0
weiteren geistigen Entwicklung.
Diese Errungenschaften erst scheiden unsere Geschichte end—
gültig und zu ihrem Vorteil von derjenigen der alten Völker
mit ihrem Sklaventum: für den Erwerb derselben hat der freie
Hintersasse die formalistische Freiheit der deutschen Urzeit dahin—
gegeben. Es war ein, wenn auch schweres, so doch heilsames
Opfer: und schon die Zeitgenossen ahnten diesen Zusammenhang,
wenn sie von einem grundhold gewordenen Freien gelegentlich
aussagten: libertatem suam in liberiorem servitutem commutavit.


III.
Jede große soziale Macht wird in naturalwirtschaftlicher
Zeit das besonders starke Bestreben haben, sich allerseits selbst
zu genügen, die auf dieser Wirtschaftsstufe notwendige wirt—
schaftliche Autonomie politisch zu erweitern: Staat zu sein im
Staate. Wie hätte da die Grundherrschaft des Merowingischen
und noch mehr des Karlingischen Zeitalters nicht nach politischen
Rechten streben sollen?
Die früheste, in diesem Bestreben erreichte Errungenschaft
ist die Immunität.
Die Immunität war im 6. Jahrhundert und später zu—
nächst ein finanzielles Privileg gewesen; vornehmlich kirchlichen
Grundherrschaften verliehen, hatte sie Freiheit von staatlichen
Steuern sowie von Forderungen aus der staatlichen Recht—
sprechung, aus der Finanz- und Kriegshoheit zur Folge gehabt;
ihr Wortlaut hatte deshalb den amtlichen Eintritt öffentlicher
Beamter in die Grundherrschaft zur Erhebung von Steuern
und Forderungen untersagt.
Diese äußerst wichtige Vergünstigung benutzten die Groß—
S. Bd. I2, 306.
        <pb n="117" />
        100 Fünftes Buch. Drittes Kapitel.

grundherren sofort, um jeden amtlichen Verwaltungsakt über—
haupt von Bereich und von Bevölkerung ihres Besitzes aus—
zuschließen. War aber das Beamtentum des Staates für den
grundherrlichen Immunitätsbesitzer nur ein leerer Schall, so
mußte sein Verhältnis zur obersten Staatsgewalt ein unmittel⸗
bares werden: die Immunität hatte für den Grundherrn ohne
weiteres direkte Stellung unter die Krone zur Folge.
Und wie vermochte der Immunitätsherr längere Zeit zu
bestehen, ohne der Wirtschaftsorganisation seiner Grundherrschaft
ein Beamtentum einzuordnen, das jene Rechte und Pflichten
auf sich nahm, die bisher den königlichen Beamten zugefallen
waren? Hatten Heeresverwaltung, Rechtspflege, Finanzthätigkeit
des Staates mit Eintritt der vollen Immunität gestockt: jetzt
wollte sie der Grundherr selbst in die Hand nehmen; er strebte
nach der Würde des obersten Richters, Besteurers und bisweilen
auch Heerführers seiner Herrschaft.
Wurden diese Ziele voll erreicht, so war der alte Staat
gesprengt. Alle thatkräftigen Herrscher des Frankenreiches haben
sich dem widersetzt; nur unvollständig näherten die Immunitäts—
herren sich ihrem Ideale. Gleichwohl waren schon gegen Ende
des 9. Jahrhunderts die Immunitäten aus der niederen staat—
lichen Gerichtsbarkeit der Zente völlig ausgeschieden und hatten
ihre eigene Untergerichtsbarkeit entwickelt; und unter den
ottonischen Kaisern spätestens erfreuten sie sich fast durchweg
einer völlig selbständigen Gerichtsbarkeit bis zum Umfange der
Zuständigkeit eines Hundertschaftsgerichtes.
Und ehe man noch auf dem Gebiete des Heerwesens gleich
weit fortgeschritten war, hatten nicht bloß die immunitäts—
herrlichen Großgrundbesitzer, sondern schlechthin alle größeren
Grundherrschaften längst einen Weg eingeschlagen, der ihnen
die thatsächliche Stellung kleiner kriegführender Mächte ein—
brachte, und dessen weiterer Verlauf zu den bedenklichsten
Anderungen der Staatsverfassung geführt hat.
Die germanische Urzeit hatte kriegerische Gefolge gekannt,
welche die einzelnen Häuptlinge der Völkerschaften im Frieden
        <pb n="118" />
        —R00

als Ehrengeleit, im Kriege als kampftreues Gesinde umgaben!.
Es war zur Blütezeit der Völkerschaften eine nicht völlig staats⸗
rechtliche, aber immerhin eine in Beschränkung auf die
Häuptlinge vom Volke geduldete, ja in der Heeresverfassung
taktisch ausgenutzte Bildung gewesen. Sie ging mit der Urzeit
nicht zu Grunde; in Anwendung allein auf den König rettete sie
sich hinüber ins Reich der Merowinge; seit alters umgaben den
fränkischen König die Antrustionen, wie das Gefolge hier
genannt ward?; eng um die königliche Person geschart, hatten
sie neben den häuslichen und kriegerischen Aufgaben der Vor—
zeit auch Teile der neueren staatlichen Verwaltung übernommen.
Da begannen, anscheinend schon sehr früh, in Frankreich
auch die größten Grundherren reisige Leute um sich zu sehen in
Frieden und Krieg; Privatgefolge, kleine Privatheere bildeten
sich. Ein höchst befremdlicher Vorgang, dem die Schwäche der
merowingischen Könige nicht steuerte. Und wie wuchsen diese
Gefolge während der Wirren des 7. Jahrhunderts. Immer
stärker strömten Massen schutzloser, „elender“ Freier in die
Privatheere der Großgrundherren: Vassen wurden sie genannt?;
ein eigenartiges Vertragsverhältnis bildete sich für sie aus.
Der neueintretende Reisige kommendierte, ergab sich dem Ge—
tolgsherrn, er legte seine Hände in des Herrn Hände, er
empfahl sich seiner Pflege und seinem Schutz, und er versprach,
wenigstens seit Mitte des 8. Jahrhunderts regelmäßig in be⸗
sonderem Eide, dem Herrn als Entgelt für Schutz und Unter⸗
halt treu dienen zu wollen allerwegen, soweit sein freier Stand
ihm zu dienen gestatte, vornehmlich in der Not des Kampfes.
Kein Zweifel: durch Ausbildung eines solchen reisigen
Gesindes schuf sich der Großgrundherr eine mehr oder minder
selbständige, vom Staate nicht genehmigte Gewalt: ward er
zum kleinen Tyrannen“. Und schon hatte er begonnen, dieser
Bol. Bd. Bs, Iss ff.
3 Vgl. Bd. B8, 307, 826.
s Keltischer Ursprung des Namens? Vgl. Waitz ? IV, S. 284 Anm 2;
Schröder 8S. 156; W. Sickel in Westd. Ztschr. Bd. 16 (1897) S. 51 Anm. 5.
In diesem Sinne spricht Einhard, V. Carol. c. 2, in seiner Schil⸗
derung der letzten merowingischen Zeiten, von tyranni per totam Galliam
Jominatum sibi vindicantes.
        <pb n="119" />
        102 Fünftes Buch. Drittes Kapitel.

vollen Ausnahmestellung gleichwohl eine gewisse staatliche An—
erkennung zu verschaffen; und gleichzeitig hatte er die auserlesene
Mannschaft seiner berittenen Vassen durch das Aufgebot seiner
Freien, ja oft sogar seiner unfreien und hörigen Hintersassen
im Sinne einer Fußtruppe verstärkt.
Es waren freilich die freien Hintersassen dadurch, daß sie
seit Mitte des 7. Jahrhunderts massenhaft den Grundherrschaften
zuströmten, zunächst nur in wirtschaftliche und administrative
Abhängigkeit vom Grundherren geraten; im übrigen hatten sie
ihre staatlichen Pflichten, die Heerespflicht und die Gerichts—
oflicht, vielfach beizubehalten versucht, und jedenfalls verehrten
sie ihren Grundherrn wohl als Aldermann, als Senior (Seigneur),
nicht aber als alleinigen Befehlshaber und Richter.
Indes hinsichtlich der Heerespflicht war es doch sehr natür—
lich, daß der Graf, der namens des Königs zum Heereszug
aufbot, den Befehl an die Hintersassen durch den Grundherrn
vermitteln ließ, und noch natürlicher, daß der Grundherr, der
Schutzherr seiner Leute, die Hintersassen unter seinem Kommando
dem Grafen zuführte. Erst recht galt das von den Vassen. Und
so stießen denn die Grundherren mit kleinen, ihnen gleichsam
eigentümlichen Scharen zu dem allgemeinen Kontingent der Freien
des Gaues, die sich unter dem Grafen sammelten. Sollten
diese besonderen Körper des grundherrlichen Aufgebots sich nun
bei der taktischen Formation des gesamten Gaukontingentes
unter dem Grafen auflösen? Sie hielten auch ferner zusammen,
auch im Kriege blieben sie besondere Heeresabteilungen: schon
in der ersten Hälfte des 8. Jahrhunderts stand das fränkische
Heer in Gefahr, in einzelne grundherrliche Körper neben den
alten Kontingenten der Freien zu zerfallen.
Mit allen Kräften haben dem die großen Karlinge, vor
allem Karl der Große, entgegengewirkt. Aber es gab nur ein
durchschlagendes Gegenmittel: die Wiederherstellung der Gau—
kontingente der Freien in ihrer alten Ausdehnung, ja womöglich
deren numerische Erhöhung bis zu dem Grade, daß die grund—
herrlichen Körper darin verschwanden. Auch von diesem Gesichts—
punkte her erklärt sich die immer wiederholte Sorge Karls des
        <pb n="120" />
        Politische u. soziale Wandlungen; Schicksale des ostfränkischen Reiches. 103

Großen, die Freien thunlichst zum Heeresdienst heranzuziehen.
Dem dienten keine Wehrordnungen, aber ausführliche Mobil—
machungsbefehle. Vergebens. Die Zahl der Freien, deren
Mittel die Teilnahme an den Heereszügen noch ermöglichten,
schmolz immer mehr zusammen; sie ward schon in den letzten
Jahren Karls des Großen so gering, daß die grundherrlichen
Kontingente zu überwiegen begannen. Unter Ludwig dem
Frommen scheint dann der wesentlichste Teil des Heeres schon
nicht mehr aus Freien, sondern aus grundherrlichen Leuten,
vornehmlich Vassen, bestanden zu haben; völlig in diesem Sinne
umgestaltet erscheint das Heerwesen wenigstens der westlichen
Landesteile um die Mitte des 9. Jahrhunderts.
Einschneidend und klar sind die Folgen dieser Verschiebungen
für den Aufbau und die Macht der Großgrundherrschaften.
Die Grundherren besitzen nun für den Bereich ihrer Herrschaft
den Heerbann, und das heißt bei den uralt engen Beziehungen
zwischen Gerichts- und Heeresverfassung: auch den Gerichts⸗
bann. Das gilt für sie alle, gleichgültig, ob ihnen ein Im—
munitätsprivilegium schon früher Teile der Gerichtsbarkeit in
die Hände gespielt hat oder nicht. Neben dem grundherrlichen
Gerichtsbann über die Grundholden beginnen sie gleichzeitig
eine förmliche Gerichtsbarkeit über die Vassen zu entwickeln:
die Vassen jedes Seniors schließen sich diesem gegenüber
zu einer besonderen Gerichtsgemeinde zusammen. Und diese
Gerichtsgemeinden bilden allmählich jede für sich und alle zu—
sammen einen besonderen sozialen Lebenskreis der Nation.
Muß es noch ausgesprochen werden, daß all diese Bildungen
die alte Verfassung des fränkischen Reiches völlig und buch—
cttäblich zerrissen? Durcheinander verfilzt, vermöge der eigen—
artigen Entwickelung des Großgrundbesitzes selten räumlich,
im Sinne eines geschlossenen Bezirks abgegrenzt, bunt über—
und nebeneinander wuchernd, bildeten sich auf dieser Basis der
Grundherrschaft durch Usurpation der vornehmsten öffentlichen
Rechte Staatenkeime im Staate: das Ende des Reichs war
gekommen.
        <pb n="121" />
        104 Fünftes Buch. Drittes Kapitel.

Und um so gefährlicher waren diese Kleinstaaten, als ihr
Dasein sich in fast alle noch lebenskräftigen Wurzeln des
germanischen Staates der Urzeit einsenkte. Während die
königliche Gefolgschaft der Antrustionen im Laufe des 8. Jahr—
hunderts zu Grunde ging, indem ihre mit Landgut ausgestatteten
Mitglieder sich vom Königshofe zurückzogen!, erblühte an den
grundherrlichen Höfen die neue Form der uralten Einrichtung,
das Vassentum. Während die freien Unterthanen der Monarchie
erbarmungslos decimiert wurden durch Mächte, denen die
Centralgewalt vergebens zu widerstehen suchte, gingen die
freien Hintersassen der Grundherren einer großen wirtschaft—
lichen Blüte, einer schließlich doch befriedigenden Weite persön—
licher und sozialer Bewegung entgegen und erlebten eine den
Zeitumständen angemessene Rekonstruktion ihrer Heeres- und
Gerichtspflicht. Stellt man sich vor, daß im Völkerschaftsstaat
der Urzeit statt des kommunistischen Prinzips der Wirtschaft
die Tendenzen der organisatorischen Naturalwirtschaft des 6. bis
9. Jahrhunderts wirksam gewesen wären, so würde sich ein
Wechsel der Dinge im Sinne der Grundherrschaft des 9. Jahr⸗
hunderts als natürlich ergeben.
Eben in diesem spezifisch germanischen Charakter, in der
Verwendung geschichtlicher Werksteine der nationalen Kultur für
ihren Aufbau, lag die Stärke der Grundherrschaft, und so war
es kein Zweifel, daß sie ihre Institutionen, vornehmlich den
Seniorat und das Vassentum, dem großstaatlichen Leben auf—
zwingen werde. Der Weg aber, auf dem dies geschah, war
immerhin eigentümlicher Art. Er hing zusammen mit den
ersten Nöten einer Neubegründung des Reiches unter den
frühen Karlingen, vornehmlich mit dem Versuche Karl Martells,
die reichen finanziellen Mittel der Kirche für den Wiederaufbau
des Staates in Anspruch zu nehmen. Um ihn zu verstehen,
bedarf es einer genaueren Betrachtung der Maßregeln Karl
Martells.

Vgl. Brunner in der Savigny⸗-Zeitschr. für Rechtsgeschichte, Germ.
Abt. 9, 217. Schröder? 140f.
        <pb n="122" />
        Politische u. soziale Wandlungen; Schicksale des ostfränkischen Reiches. 105

IV.

Karl Martell empfand zeit seiner ganzen Herrschaft das
Bedürfnis, die Großen des Reiches durch Schenkungen von Land
und Leuten an sich zu fesseln: nur auf diese Weise ließen sich
die alten Parteiungen zersiören und die Grundlagen einer neuen
Staatsgewalt legen und verteidigen!.
Konnte eine solche Politik allein aus Mitteln des Fiskus,
durch Vergebung königlichen Gutes durchgeführt werden? Das
hieß offenbar mit der einen Hand zerstören, was mit der andern
erbaut wurde.
Nun hatten sich schon die merowingischen Könige in ver—
wandten Fällen damit geholfen, daß sie Kirchengut verliehen:
denn die einzelne Kirche unterlag sowohl vermögensrechtlich
wie nach der Seite des öffentlichen Rechtes der Verfügung des
Grundherrn und namentlich des größten Grundherrn und Eigen—
kirchenbesitzers: des Königs?. Karl Martell handelte von diesen
Rechtsanschauungen aus, die gerade in seiner Zeit allgemein
herrschten; indem er aber in sehr hohem Maße Kirchengut ver⸗
lieh, sah er sich veranlaßt, das Recht der Kirche an dem ver⸗
liehenen Besitze bis zu einem gewissen Grade zu wahren und
anzuerkennen.
Hierzu diente ihm der Precarienvertrag. Die Precaria war
eine namentlich in kirchlichen Kreisen weitverbreitete Leiheform
für Landnutzung. Zunächst nur im Sinne eines Pachtvertrags
auf fünf Jahre abgeschlossen, pflegte sie doch stets bis zum Tode
des Precaristen erneuert zu werden, falls dieser seinen Pacht—
zins regelmäßig zahlte, war also in Wirklichkeit fast stets eine
Lebens⸗, häufig sogar eine Erbpacht. Karl benutzte nun diese
Form, indem er die Kirchen zwang, an ihm genehme Große Gut
zu solch längerer Pacht auszuthun. Aber freilich unterlag die
Precaria unter diesen Umständen bald wesentlichen Anderungen.
Zunächst fiel der Pachtzins nahezu oder völlig hinweg: wer wollte
die Großen zur Zahlung zwingen? Ferner war für die Dauer der
Verleihung bald nicht mehr der Wille der verleihenden kirchlichen
S. oben S. 18.
2 Stutz, die Eigenkirche (1895) S. 15 ff. Gesch. des kirchl. Benefizial⸗
wesens 11 (1895).
        <pb n="123" />
        106 Fünftes Buch. Drittes Kapitel.

Behörde, sondern das Wohlwollen Karl Martells maßgebend:
die Großen behielten das precarische Gut, so lange sie zur
Herrschaft Karls hielten, verloren es bei jeder Abtrünnigkeit.
Man sieht: die Precarien werden zu fast reinen, aber jeden
Augenblick widerruflichen! Schenkungen des Hausmeiers aus
Kirchengut: sie erscheinen für die Beschenkten als reine Wohl—
thaten und werden demgemäß teilweis auch als solche, als
Benefizien bezeichnet.
Nachdem die neue Form einmal gefunden war, hat Karl
Martell auch fiskalisches Land auf diese Weise verliehen. Doch
weit umfassender waren die Vergabungen aus Kirchengut; selbst
die geistig und sittlich so tief gesunkene Kirche der Zeit Karls
begann deshalb zu seufzen. Als dann durch die Bemühungen
Karlmanns und Pippins, seit den vierziger Jahren des 8. Jahr⸗
hunderts, die Kirche einen gewaltigen Aufschwung zur Re—
organisation ihrer Verfassung und zur Reform des geistigen
Lebens nahm, da war es selbstverständlich, daß zur Regelung der
bisherigen Verleihungen aus ihrem Gut etwas geschehen mußte.
Nun ließen sich freilich die Vergabungen Karls nicht ohne
weiteres rückgängig machen: es wäre der Ruin des Karlingischen
Hauses gewesen. Ja noch mehr; auch Pippin mußte noch spät
neue Benefizien aus Kirchengut verleihen. Wohl aber ließ sich
wenigstens das Recht der Kirche allgemein und formell anerkennen.
Das geschah insofern, als den Besitzern kirchlicher Benefizien
die Zahlung eines geringfügigen Rekognitionszinses auferlegt,
ein Teil der Güter aber ganz an die Kirche zurückgegeben
wurde. Daher sprechen die Quellen von einer Divisio bonorum.
Freilich ward mit dieser Regelung das ganze Institut der
Benefizien ein dauerndes. Ja eben aus den Vorgängen unter
Karl Martell her scheint es noch eine neue Seite seines
juristischen Charakters entwickelt zu haben. Indem sich nämlich
das Benefizium mit der Vassallität verkettete, wovon sogleich zu
sprechen ist, wurde das ursprünglich nur vassallitische Recht
des Thronfalls auch auf das Benefizium angewandt. Das

1 Vgl. oben S. 88.
        <pb n="124" />
        Lolitische u. soziale Wandlungen; Schicksale des ostfränkischen Reiches. 107

Land fällt jetzt nicht nur beim Tode des Beliehenen, sondern
auch beim Tode des Leiheherrn zurück, wie sonst auf dem Ge—
hiete der Vassallität der Tod des Seniors zur Auflösung des
Dienstverhältnisses geführt hatte.
Das Benefizium ging somit aus den Kämpfen der ersten
Hälfte des 8. Jahrhunderts hervor als eine zunächst von dem
Herrscherhause entwickelte und ihm zur Verfügung stehende Be—
leihungsform, die, jederzeit widerruflich, den Beliehenen veran—
lassen mußte, jede dem Herrscher mißfällige Handlung zu meiden,
und die den Rückfall des Benefiziums beim Tode sowohl des
Beliehenen wie des Verleihers bedingte.
In dieser Form wie in den früheren Entwicklungsstufen
wurde nun das Benefizium von den Karlingen des 8. Jahr—⸗
hunderts vornehmlich dazu verwendet, die kriegerische Hilfe der
Broßen gegen innere Feinde wie gegen Bedrohung von außen
her, namentlich auch von seiten der Sarazenen, zu gewinnen.
Grafen und sonst hervorragende Beamte oder Heerführer erhielten
weite Strecken kirchlichen oder auch königlichen Landes; sie
organisierten diese grundherrschaftlich, sie sammelten ein reisiges
Gefolge um sich, sie beriefen freie Hintersassen in ihren Schutz
und Heeresdienst und wurden so wesentliche Stützen der neuen
Herrschaft. Indem dieser Vorgang sich immer häufiger zu
Gunsten einer Reorganisation der kriegerischen Kräfte abspielte,
lag es aber nahe, auf die kriegerische Stellung der Benefiziierten
zum Herrscher dieselben Lebensgrundsätze anzuwenden, welche
diese ihrerseits gegenüber ihrem Gefolge durchgeführt hatten:
sie zu Vassen des Königs zu machen. Es geschah. Vassentum
und Benefiziat verbanden sich allmählich zu einer neuen Form
—
dem sie ein Benefizium erhielten, schworen sie dem Könige die
hesondere Treue der Gefolgschaft; und diese Treue wiederum
erschien gewährleistet durch die Widerruflichkeit des Benefiziums.
Und diese Verbindung von Benefizium und Vassentum, für
welche der Name Vassallität gewöhnlich geworden ist, wurde so
beliebt, daß sie sich auch nach unten weiter zu verbreiten be—
        <pb n="125" />
        108 — Fünftes Buch. Drittes KNapitel.

gann!. Schon längst hatten reiche Grundherren nicht mehr
alle Vassen ihres Gefolges am Hofe selbst ernährt, entsprechend
altgermanischem Vorbild, sondern ihnen auf mannigfach andere
Art, namentlich durch Verleihung von Gütern, ihren Unterhalt
gesichert; jetzt entwickelten sie vielfach deren benefiziarische Be—
leihung und Haftung nach königlichem Vorbild.
Außerordentlich waren die Folgen dieser Vorgänge. Da
gleichzeitig die alte Heeresverfassung der Freien trotz aller
Gegenmaßregeln Karls des Großen zerfiel und die großgrund—
herrlichen Kontingente die Masse des Heeres darzustellen begannen,
so ward nun für dessen innere Organisation die vassallitische
Verbindung und Abstufung maßgebend: der König gebot nicht
mehr den Freien insgemein kraft königlichen Heerbannes, son⸗
dern er gebot den Großen, diese ihren untergeordneten Vassallen
kraft lehensherrlichen Anspruches. Die gleichmäßig gefügte
Masse kriegspflichtiger Freien war verschwunden, ein hochge—
türmter Aufbau vassallitisch Verpflichteter an die Stelle getreten:
die Heeresverfassung stand unter dem Zeichen des Lehnstaats.
Bald aber durchwucherte die Vassallität auch die Verwaltung
und änderte deren Struktur von Grund aus.
Es gehört zu den wichtigsten Verdiensten der frühen Kar—
linge und vor allem auch Karls des Großen, daß sie die Erb—
lichkeit der Amter noch einmal beseitigt haben, wie sie sich
unter den späteren Merowingen weithin eingeschlichen hatte?.
Gleichwohl blieb auch im 8. Jahrhundert ein Keim bestehen,
woraus die Erblichkeit der Amter leicht wieder erwachsen konnte.
Schon in merowingischer Zeit hatte man nicht umhin gekonnt,
vor allem die Grafen neben anderen Einnahmen mit dem Er—

1 Die Ansicht, daß diese Verbindung absolut selbstverständlich ge⸗
wesen und alsbald durchweg eingetreten sei, ist keineswegs so sicher, wie
allgemein angenommen wird. Seeliger (Waitz? VI 48 Anm. )) hat darauf
aufmerksam gemacht, daß nie alle Benefizien bloß vassallitisch verliehen
wurden. Die Verbindung zwischen beneficium und homagium ist als
notwendig erst im 12. Jahrhundert eingetreten. In der älteren Zeit da—
gegen befindet sich noch alles im Flufsse.
2 S. Bd. 1.3, 329.
        <pb n="126" />
        Politische u. soziale Wandlungen; Schicksale des oftfränkischen Reiches. 109

trägnis von Amtsgütern auszustatten!, die sie selbst verwal—
teten; in der Karlingischen Zeit nahm dann mit der weiteren
Entwickelung eines rein naturalwirtschaftlichen Zeitalters die
UÜberweisung von Gütern an die einzelnen Ämter noch zu.
Nun hatte aber die Erfahrung gezeigt, daß jede Besoldung
mit agrarischen Erträgnissen leicht zur Verselbständigung der
Beamten, ja zur Erblichkeit des Amtes führe: denn bei jeder
derartigen Besoldung war der Beamte, nicht die Centralgewalt
im unmittelbaren Besitze der Mittel, aus denen die Amts⸗
einnahmen erflossen.
Da schien die Vassallität ein ausgezeichnetes Gegenmittel
zu bieten. Wurde der Beamte Vassall, so erschien der Zubehör
seines Amtes an Grund und Boden als Benefizium, somit bei
Untreue des Inhabers widerruflich und dem Heimfalle bei dessen
Tode wie beim Tode des Herrschers unterworfen. Das waren
Vorteile, die den späteren Karlingen anscheinend schwer genug
wogen, um die allmähliche Anwendung des vassallitischen
Bandes auf die Staatsämter zuzulassen; in der zweiten Hälfte
des 9. Jahrhunderts hatte die Vassallität im Westen des Reiches
die ganze Verwaltung, im Osten wenigstens große Teile der—
selben durchdrungen.
Aber bald ergab sich, daß damit der Anfang vom Ende
aller staatlichen Verwaltung herbeigekommen war. Die Beamten
waren jetzt der Regel nach lebenslänglich angestellt und ab—
setzbar nur beim Bruche der vassallitischen Treue; sie waren
ferner dem großen Kreis der sonstigen Vassallen der Krone ein—
geordnet; sie erschienen nicht mehr als besondere Werkzeuge
der vollstreckenden Gewalt, sondern neben ihrer vassallitischen
Stellung nur noch mit den Befugnissen der öffentlichen Ver—
waltung beauftragt. Dies um so mehr, als sie zumeist, und
vor allem die Grafen, eingesessene Großgrundherren ihres Amts—
bezirkes zu sein pflegten, mithin auch ohne Amt in den meisten
Fällen im Verhältnis eines Vassallen zum König gestanden
hätten. So gänzlich dem mächtigsten, dem führenden Stand
1 Vgl. Waitz II, 1, 815; V, 2, 85, 125; 2 IV, 168 ff.; dazu
Schröder 2 S. 192.
        <pb n="127" />
        119

Fünftes Buch. Drittes Kapitel.

der Nation, den großen Vassallen angehörig, vereinten die Be—
amten naturgemäß ihre ganzen sozialen und politischen Be—
strebungen mit denen der Vassallität überhaupt. Hier machte
sich aber sofort eine durchgehende Richtung aller Absichten
geltend: man ging auf Erblichkeit der Benefizien aus.
Damit entsprach man nur zu gut dem Drang der wirt⸗—
schaftlichen Zustände des 9. Jahrhunderts. Grund und Boden
war dieser Zeit wichtig, vorzüglich als Nutzungswert; die Rente
spielte die Hauptrolle; Nutzbesitz (Gewere) hat nach dem deut—
schen Recht dieser und noch späterer Zeiten auch rechtlich volle
Herrschaft gegeben!. Die Folge war, daß sich die Vassallen
schon des 9. Jahrhunderts für unumschränkte Herren auch ihrer
Benefizien hielten: eine Vorstellung, die ohne weiteres zum
Streben nach erblichem Besitze führte.
Erblichkeit der Lehen ward zum sozialen Schlagwort der
edlen Grundherren und Beamten im 9. Jahrhundert; und noch
vor Schluß der Karlingenzeit erreichten sie zum großen Teil
ihr Ziel. Erblichkeit des Amtslehens aber hieß für die großen
Beamten des Reiches bei dem engen Zusammenhang zwischen
Besoldung und Amtsgewalt Erblichkeit des Amtes, hieß für
die Centralgewalt steigender, von Generation zu Generation
vollständigerer Verlust jeder Verwaltung, jedes lokalen Ein—
flusses außerhalb der Centralstelle selbst, hieß Ruin des Staates
in der bisherigen Verfassung. Er vollzog sich seit Schluß des
9. Jahrhunderts?; die sächsischen Kaiser haben dann die Erb—
lichkeit der Grafenämter auch formell anerkannt. Seitdem
befiehlt der König den Grafen nicht mehr kraft seiner Ver—
waltungshoheit, sondern im Hinweis auf ihre vassallitische
Treue: der staatliche Gehorsam beruht fürder nicht mehr auf
zffentlich-rechtlicher Forderung, sondern auf einem nach unsern
Begriffen privatrechtlichen, mehr rein sittlichen Verhältnisse,
dem Treuverhältnisse des Königs zum Vassallen: der Lehnstaat
ist erwachsen.

Vgl. Heusler, Institutionen 2, 20 ff., 180 ff.
Brunner RG. J, 253. Schröder 2128.
        <pb n="128" />
        Politische u. soziale Wandlungen; Schicksale des ostfränkischen Reiches. 111

Und noch im 9. Jahrhundert wirkte sich sein spezifisch
aristokratischer Charakter für Monarchie und Volk in den ersten
Konsequenzen aus. Die Reichstage, bisher Beratungstage unter
starkem Druck der Krone, beginnen sich zu Versammlungstagen
der großen Vassallen umzugestalten, auf denen man sich für
berechtigt hält, dem König ungefragt Rat zu erteilen bis zur
Warnung, ja bis zur Drohung des Abfalls. Die Nation,
bisher wenigstens noch scheinbar an den großen Beschlüssen
der Reichstage beteiligt, verliert nach dieser Seite ihre letzten
Rechte; die Rechtsbildung, namentlich soweit sie das Privat—
recht betrifft, vollzieht sich von nun ab noch weniger als bisher
unter dem Einfluß einer obersten gesetzgebenden Stelle. Die
Folge ist, daß der Staat fast jede Einwirkung auf die soziale
Ldeitung der Massen, wie sie vor allem durch eine energische
Gesetzgebung über privatrechtliche Materien ausgeübt werden
fann, verliert: die Führung der inneren Geschicke der Nation
geht an den hohen Adel über.
Aus welch anscheinend kleinen Veranlassungen, aus einigen
bloßen Finanzmaßregeln Karl Martells scheint doch diese eigen—
artige Revolution der Karlingischen Verfassung hervorgegangen
zu sein! Die Frage drängt sich auf, ob diese Veranlassungen
auch die letzten Gründe waren.
Sicher ist, daß das Besondere der Lehnsverfassung zuerst
und teilweis allein in Frankreich entwickelt worden ist; von
hier ist die neue Verfassung zunächst in die Staaten der West—
goten, Burgunder, Langobarden übertragen worden: nicht zum
geringsten auf dem Durchdringen des Lehnswesens beruht der
große Bestandteil des Rechtes fränkischer Herkunft, der sich noch
heute im öffentlichen Rechte Europas fast allenthalben findet.
Doch ebenso sicher ist, daß in den genannten Staaten schon
überall Ansätze zur selbständigen Ausbildung einer Lehns—
berfassung zu bemerken waren, als das neue fränkische Staats—
recht auf sie übertragen ward: das Reich der Franken hat die
Grundlagen dieses Rechtes nicht allein, es hat sie nur früher
entwickelt als die anderen germanischen Reiche auf römischem
Voden.
        <pb n="129" />
        112

Fünftes Buch. Drittes Kapitel.

So ist der Lehnstaat eine allgemein germano-romanische
Erscheinung. Mehr noch. Die vergleichende Verfassungsgeschichte
ergiebt, daß das Lehnswesen die regelmäßige Begleiterscheinung
jeder Naturalwirtschaft organisatorischen Charakters ist; ganz
unabhängig von geographischen und sonst anderen als wirt—
schaftsgeschichtlichen Bedingungen finden sich seine Grundzüge
in dem Makedonien Philipps und Alexanders, im sassanidischen
Persien, in zahlreichen afrikanischen Staaten, in China, im
japanischen Reiche.
Erst die Periode organisatorischer Naturalwirtschaft bedarf
eines wahren Beamtentums, einer weitgreifenden Verwaltung;
denn erst in ihrer Blütezeit können staatliche Bildungen lebens⸗
kräftig beginnen, die über den Umfang und den Charakter des
Völkerschaftsstaates etwa der deutschen Urzeit hinausreichen.
Bedarf sie aber eines Beamtentums, so kann sie es nicht anders
besolden als mit dem Nutzbesitz von Grundeigen; sie besitzt kein
anderes wirtschaftliches Machtmittel. Dieser Nutzbesitz drängt,
da er die Verfügung über den Fonds des Amtseinkommens in
die Hand der Beamten legt, notwendig zu deren absoluter Ver—
selbständigung, d. h. zur Erblichkeit des Amtes. Und weiter:
da diese Periode der Naturalwirtschaft noch keinen Genuß einer
freien Grundrente, mithin kein unbehindertes Genußrecht des
abstrakten Eigentümers kennt, so drängt der erblich gewordene
Nutzbesitz zum Erbeigen: aus den ursprünglichen Amtern ent—
wickelt sich allmählich eine Anzahl kleiner öffentlicher Gewalten
eignen Rechtes. In diesen Wandlungen sind aus den großen
Vassallen der Karlingenzeit die Fürsten der staufischen Periode,
aus den Gauverwaltungsbezirken des 8. und 9. Jahrhunderts
die staatlich charakterisierten Territorien des 12. und 18. Jahr⸗
hunderts hervorgegangen.
Die aristokratische Umgestaltung der Karlingischen Ver—
fassung im Sinne des späteren Lehnswesens war somit nach
dem ganzen Stand der materiellen Kultur unvermeidlich: und in
diesem Zusammenhange vor allem liegt der tiefste Grund für
den Verfall des fränkischen Universalreiches im 9. Jahrhundert.
        <pb n="130" />
        Oolitische u. soziale Wandlungen; Schicksale des ostfränkischen Reiches. 113

Dem unabwendbaren sozialen und politischen Ruin ging
der immer stärkere innere Zerfall des Universalreiches in Einzel—
reiche bis zur völligen Auflösung des alten Zusammenhanges
unter Kaiser Arnulf gegen Ende des 9. Jahrhunderts zur
Seiten: und damit nicht genug: auch von außen her ward das
morschende Staatsgebäude von zunehmenden Angriffen bedroht
und durchlöchert.
Gegen den christlichen Orbis terrarum des Frankenreiches
richtete sich seit Beginn des 9. Jahrhunderts, wie einst gegen
den heidnischen der Römer, eine förmliche Völkerwanderung.
Schon zur Spätzeit Karls des Großen dringen Sarazenen von
Afrika gegen Italien, von Spanien gegen Gallien vor, plündern
Nordgermanen die Küsten- und Flußlandschaften der Nordsee,
regen sich die Slawen jenseits des Böhmerwaldes und der Elbe,
ziehen die mongolischen Awaren das Donauthal herauf und
südlich der Alpen nach Oberitalien.
Die Angriffe im Osten und Westen liefen in Landkriege
aus; ihnen zeigte sich die Macht Karls des Großen vollauf
gewachsen. Anders im Süden und Norden. Normannen und
afrikanische Sarazenen kamen zur See; schon Karl konnte sie
nicht völlig bändigen, und weitaus beschwerlicher fiel die Ab—
wehr seit Ludwig dem Frommen.
Die Sarazenen drangen in Unteritalien vor; bereits im
Jahre 845 plünderten sie Rom. Nicht das Reich, sondern eben
Rom vertrieb sie auch wieder aus Italien; nach etwa zwei
Generationen fortwährender Beunruhigung schlug sie Papst
Johann X. entscheidend am Garigliano.
Die Normannen befinden sich seit Beginn des 8. Jahr⸗
hunderts in der Periode eines aufstrebenden Großkönigtums
zegenüber den kleinen Gaukönigen der Vorzeit. Die Klein—
könige, von ihrer Herrschaft verstört, greifen zur Seefahrt: auf
mehr als ein Jahrhundert werden die Wikinge die gefürchtetsten
Piraten Europas. Die Männer vom Norden, die den Ostweg

1 Vgl. oben S. 45.
Lamprecht, Deutsche Geschichte LI.
        <pb n="131" />
        114 Fünftes Buch. Drittes Kapitel.

fahren, setzen Runensteine bis in die Gegend von Nowgorod;
im Westen tragen Hunderte hochbordiger Segler die kühnen
Schiffer an den Gestaden des atlantischen Ozeans hin bis in
entlegene Teile des Mittelmeeres; bis Rumaburg (Byzanz) sind
sie gelangt; der Marathonlöwe des Piräus, jetzt vor St. Markus
in Venedig, trägt die Runenzeichen eines nordischen Manns,
und über 20000 arabische Silbermünzen haben sich bisher in
schwedischen Gräbern gefunden.
Hauptzielpunkte normannischen Angriffes aber wurden seit
den dreißiger Jahren des 9. Jahrhunderts namentlich die Küsten—
länder des verwaisten Karlingischen Reiches; weit ins Land
hinein wurden die französischen Gestade und die Flußlandschaften
der Loire und Seine geplündert; in Lothringen drangen die
Nordleute bis Mastricht und Köln, ja über die Ardennen und
die Eifel hinaus bis ins traubenreiche Hügelland der Mosel.
Am wenigsten verwüsteten sie dabei das eigentliche Ost⸗
franken; hier waren die Küstenlandschaften ärmlicher, die Staats—
gewalt fester gefügt. Um so bedeutsamer, daß sich eben Ost⸗
franken, das künftige deutsche Reich, zur ersten kräftigen Abwehr
der nordischen Gefahr emporraffte; wiederholt, zuletzt in der
blutigen Schlacht an der Dyle (bei Löwen), wurden die Nor—
mannen von deutschen Waffen besiegt (891).
Im übrigen fiel dem ostfränkischen Reiche vor allem der
Widerstand gegen die Bedrängung von Osten her zu. Er war
um so schwieriger, als es sich hier wenigstens bei den Slawen
nicht um zeitweilige Überschwemmung des Landes durch einen
auswärtigen Feind, sondern um das langsame Vordringen eines
kolonisierenden Volkes handelte. Unvermerkt machten deshalb
die Slawen an Elbe, Saale und Main Fortschritte trotz aller
Gegenwehr; vor allem aber erhob sich in Mähren in der zweiten
Hälfte des 9. Jahrhunderts ein mächtiges Reich unter dem
gewaltigen Swatopluk, das etwa um das Jahr 880 den Höhe—
punkt seiner Blüte erreichte. Zum erstenmal trat damit dem
deutschen Reiche der europäischen Mitte ein slawisches Reich
gleichen Anspruchs zur Seite; es war eine Kombination, wie
ie sich später, nur mit stets stärkerer germanischer Färbung
        <pb n="132" />
        Holitische u. soziale Wandlungen; Schicksale des ostfränkischen Reiches. 118

des Ostens, unter König Ottokar von Böhmen und Kaiser
Karl IV. wiederholte, wie sie bis zu einem gewissen Grade
noch heute im cisleithanischen Österreich fortdauert.
Das Reich Swatopluks hätte der deutschen Entwicklung
ernste Gefahren bringen können, wären nicht an seinen Ost—
grenzen um 892 die Ungarn aufgetreten, während beinahe
gleichzeitig, 894, Swatopluk starb und das Land unter seine
zwei Söhne geteilt zurückließ. Nun kam es zu wechselvollen
Existenzkämpfen der Mähren gegen die Ungarn; in den Jahren
904 - 906 ging ihre Herrschaft daran zu Grunde.
Das deutsche, ostfränkische Reich hat diesen Untergang
durch seine Haltung beschleunigen helfen. Mit Recht. Die
Slawen waren eben damals im Übergang zu seßhafterem
Ackerbau begriffen; sie nutzten Land im Anbau, ohne doch die
alte nomadische Beweglichkeit ganz verloren zu haben; es war
der Zustand, der den Germanen einst den Weg in die römischen
Provinzen gewiesen hatte. So vermochten die Slawen damals
wohl in deutsche Gebiete dauernd vorzudringen und sie völlig zu
slawisieren. Anders die Ungarn. Sie waren noch völlig Nomaden.
Mochten sie unser Land in furchtbaren Zügen flüchtig durcheilen,
verheeren, aussaugen: einnehmen konnten sie es nicht; seine Korn—
felder und Wiesen boten keine Grundlage nomadischen Lebens.
Freilich schlug die Ungarnzeit dem deutschen Lande ent—
setzliche Wunden. Seit etwa 900, während des tiefsten Ver—
falles des Reiches, tauchten die Ungarn in Deutschland auf,
weithin vernichten ihre Züge alle Kultur, 906 erscheinen sie in
Sachsen, 909 in Schwaben, 911 in Rheinfranken. Erst spät
sind sie besiegt, noch später endgültig vertrieben worden. Nicht
vor der Mitte des 10. Jahrhunderts konnten sich die Deutschen
rühmen, durch Hemmung des slawischen Vormarsches und durch
Zurückweisung der ungarischen Einfälle die europäische Kultur
vor der Invasion östlicher Barbarei gerettet zu haben.
Einstweilen aber warfen die äußeren Nöte, wie sie zu—
sammentrafen mit dem inneren Verfall, das Ostfrankenreich in
ein gesellschaftliches und politisches Chaos, woraus sich erst
langsam, im Laufe der zwei ersten Jahrzehnte des 10. Jahr—
Q*
        <pb n="133" />
        116 Fünftes Buch. Drittes Kapitel.

hunderts, die Anfänge einer neuen politischen Gliederung
emporrangen. Diese neue Gliederung aber zeigte einen hervor⸗
ragend germanischen Charakter: sie warf die vornehmen Fetzen
des Universalreiches ab, die während der Karlingenzeit das
deutsche Leben verdeckt hatten, und suchte wiederum anzuknüpfen
an die alte verfassungsmäßige Gliederung der Nation, indem sie
die von der Karlingischen Reichsgewalt unterdrückten Stammes—
herzogtümer von neuem entwickelte, ja in Sachsen zum ersten⸗
mal eine wirkliche Stammesgewalt zu schaffen begann.
Der sächsische Stamm war seit der inneren Zersetzung des
Universalreiches vielfach wieder seine eigenen Wege gegangen.
Namentlich gilt das vom sächsischen Osten: der Nordsee und
Elbe, den Normannen und Slawen zugekehrt, hatte er in
blutigen Kämpfen sich seines germanischen Daseins zu wehren.
In diesen Verhältnissen wuchs das Haus der sächsischen Kaiser
empor. Wurzelhaft in der Gegend von Quedlinburg, an der
Grenze der damals weit über die Elbe hinaus vorgeschobenen
Slawen, nicht weit entfernt auch von dem Schauplatz dänischer
Einfälle im linkselbischen Unterland, dabei jenseits aller ge—
schichtlichen Kunde auch schon um Korvey herum, an den OQuellen
der Lippe begütert, beginnt es unter Liudolf (f 864) zum
führenden Geschlechte des Stammes zu werden. Von den Kin—
dern Liudolfs ward Liutgard Gemahlin des Karlingen Ludwig,
eines Sohnes Ludwigs des Deutschen, widmeten sich Hathumod
und Agius dem geistlichen Leben, während Bruno und Otto der
Heimat und den politischen Aufgaben des Hauses treu blieben.
Bruno, der sagenhafte Begründer Braunschweigs, fiel im
Jahre 880 im Kampfe gegen die Normannen als Führer des
sächsischen Heeres; seitdem trat der jüngere Bruder Otto in
den Vordergrund. Er entwickelte ein herzogliches Machtgebot
nicht bloß über Sachsen, sondern seit der furchtbaren Besiegung
der Thüringer durch die Ungarn im Jahre 908 auch über
Thüringen; er ist der Vater des späteren Königs Heinrich J.
Heinrich folgte ihm nach seinem Tode im Jahre 912 in seine
Stellung: durch eine erste Heirat an den sächsisch-thüringischen
Grenzen, durch eine zweite Vermählung mit der Grafentochter
        <pb n="134" />
        Politische u. soziale Wandlungen; Schicksale des ostfränkischen Reiches. 117

Mahthild, die sich der Abkunft von Widukind rühmte, auch
in Engern reich begütert, war er der erste wirkliche Herrscher
im Lande.
In der That war Heinrich um die Mitte des zweiten
Jahrzehnts des 10. Jahrhunderts weitaus der mächtigste
Stammesfürst des Reiches. Ganz Norddeutschland mit Aus—
nahme der Friesen gehorchte ihm, in Mitteldeutschland besaß
er wenigstens durch ganz Thüringen Einfluß; er war der Hüter
der östlichen Grenze vom Nordmeer bis zum Main; seine Macht
war im Laufe eines Jahrhunderts, festgegründet auf frühe
Verdienste der Ahnen, erwachsen; in seinem Hause hatte der
sächsische Stamm zum erstenmal, gleichsam in jugendlichster
Kraft und Frische, aus germanischen Zuständen heraus ein
Herzogtum gezeitigt, wie es die Baiern seit dem 6. Jahrhundert,
die andern Stämme seit noch viel früherer Zeit besessen hatten.
Eine fast ebenso mächtige Entfaltung des Herzogtums finden
wir um die Wende des 9. und 10. Jahrhunderts in Baiern.
Hier war das Gedenken an die Agilulfinger und den furchtbaren
Sturz Tassilos noch nicht verhallt; als das Königtum die Ver⸗
teidigung des Stammes gegen Slawen und Ungarn nicht mehr
mit Kraft zu führen vermochte, kam eine jener ursprünglichen
Veranlassungen, die zur Zeit der Völkerwanderung zur erst⸗
maligen Bildung des Herzogtums geführt hatten, das Bedürfnis
des Stammes nach Schutz gegen äußere Feinde, den Grafen
der Donauostmacht zu gute. Markgraf Liutpold fiel im
Jahre 907 im Verteidigungskampfe gegen die Ungarn; nach
seinem Tode trat sein Sohn Arnulf mit herzoglicher Gewalt
an die Spitze des bairischen Stammes.
Weniger klar und sicher entwickelten sich neue herzogliche
Gewalten im Innern des Reiches, bei den fortgeschritteneren
Stämmen der Franken und Schwaben.
In Franken kämpften zwei vornehme Geschlechter um die
Führung, die Konradiner, deren Heimatsburg auf den steilen
Felsen des Lahnthals bei Limburg lag, und die Babenberger,
mit reichem Eigengut ausgestattet in der Gegend des Zusammen⸗
flusses von Regnitz und Main, um das heutige Bamberg. Beide
        <pb n="135" />
        118 Fünftes Buch. Drittes Kapitel.

Geschlechter suchten ihre Gewalt nach dem mittleren Main vor⸗
zuschieben und trafen in diesem Bestreben aufeinander. Dieser
Kampf mußte zugleich die Entscheidung bringen, welchem der
Geschlechter die führende Stellung in Franken, die Herzogswürde
zufallen werde. Die Fehde, langandauernd, blutig und grausam,
ward noch ganz in altgermanischem Sinne geführt: als wich—
tigstes aller menschlichen Motive waltet in ihr die Blutrache;
ihre Einzelheiten verschvimmen für uns im Nebel der Sage.
Es siegten schließlich die Konradiner von der Lahn; Adalbert,
der letzte Babenberger, fand schimpflichen Tod durch die Hand
des Henkers.
In Schwaben scheinen die Kämpfe um das Herzogtum,
soweit die lückenhafte und dunkle Überlieferung ein Urteil
zuläßt, wesentlich mit durch den Gegensatz zwischen Laien und
Klerus bestimmt gewesen zu sein. Zu herzoglicher Stellung
hob sich allmählich aus wirren Kämpfen der Markgraf Burchard
von Rätien, doch konnte er sich nicht halten; von den Grafen
— DD—
Doch dauerten die Bestrebungen, eine herzogliche Gewalt zu
begründen, auch nach seinem Tode fort; und schließlich teilten
sich zwei Brüder in den Besitz der höchsten Gewalten, die
Kammerboten Berhtold und Erchanger aus dem mächtigen Ge—
schlecht der Alaholfinger, dessen Erben teilweis die Zähringer
gewesen sind.
Durchaus eigenartig und abweichend endlich verlief die
Begründung der herzoglichen Gewalt in Lothringen. Hier war
der Stammeszusammenhang der Franken, sieht man von den
Friesen ab, die in urzeitlicher Verfassung verharrten, längst sehr
locker: kein Stamm war tiefer in die alte römische Kultur ein—
getaucht, keiner durch die Beschaffenheit des Landes mehr in
seinen Interessen zerstückelt: Nord- und Südlothringen waren
getrennt durch das Massiv der Eifel und Ardennen; im Norden
herrschte die niederdeutsche Tiefebene vor, der Süden gehörte
dem mitteldeutschen Gebirgsland. So trat dem Stammesgefühl
bald überall lokaler Partikularismus entgegen, und ihm ent—⸗
sprach die feindliche Sonderstellung der vornehmsten Geschlechter.
        <pb n="136" />
        Politische u. soziale Wandlungen; Schicksale des ostfränkischen KReiches. 119

Andrerseits war das gering entwickelte Stammesgefühl noch
dadurch entartet, daß der Stamm seit Lothar II. (855) auf
zwei Jahrzehnte ein zwischen Ost- und Westfranken inne
stehendes selbständiges Reich gebildet hatte: eine unbegründet
selbständige Stellung, welche auch noch nach der Einverleibung
———
auf drei Jahrzehnte bis zu einem gewissen Grade gewahrt
hlieb. Die Folge war, daß sich eine wahre herzogliche Gewalt
aur schwer bildete; aus wüstem Kampfe der einheimischen
Geschlechter ging endlich Reginar als Sieger hervor, der Graf
des Haspengaues: doch erst sein Sohn Gisilbert gebärdete sich
seit dem Jahre 915 völlig als Herzog.
Aber schon vorher hatte der lothringische Adel unter
Reginars Führung den staatsrechtlichen Zusammenhang des
Stammes mit dem Ostreiche zerrissen und sich Westfranken zu—
gewandt. In Lothringen besonders leicht erklärlich, enthielt der
Vorgang gleichwohl eine allgemeine Warnung für den Verlauf
der deutschen Geschicke: war die Entwicklung der neuen Herzog⸗
tkümer nicht zugleich eine ernste Gefahr für die Einheit des
Reiches? Ja, wie hatte sie überhaupt stattfinden können ohne
gleichzeitigen, nahezu völligen Untergang der Centralgewalt?
Auf Kaiser Arnulf war im Jahre 900 dessen Sohn Ludwig
als Herrscher Ostfrankens gefolgt, erst sechs Jahre alt, aber
schon in so frühem Alter mit den deutlichen Spuren des erb⸗
lichen Siechtums der deutschen Karlinge gezeichnet. Es begreift
ich, daß unter diesen Umständen die selbständigen Entwicklungs—
triebe der Stämme in so freien Bahnen sich vorwärts bewegten,
wie sie eben geschildert wurden. Traten ihnen noch bemerkens—
werte Kräfte entgegen, so bestanden sie nur im Nachwirken der
altererbten Gewohnheit des größeren Reichsumfangs und in
den unitarischen Neigungen des Klerus. Fast nur dem Klerus
derdankte es daher das Reich, nachdem Ludwig im Jahre 911
vorzeitig gestorben, daß ein neuer König in Konrad J. gewählt
ward, dem Frankenherzog aus dem Stamme der Konradiner.
Konrad, eine achtunggebietende, staatsmännisch angelegte
Natur, sachte dem Zerfall des Reiches in Stammesherzog⸗
        <pb n="137" />
        120 Fünftes Buch. Drittes Kapitel.

tümer ungleich kräftiger entgegenzuwirken als das Kind, das
vor ihm herrschte. Und es ehrt ihn, daß er diesen, bei den
geschwundenen Mitteln des Königtums beinahe aussichtslosen
Versuch gleichwohl, weil er den Kampf als eine Pflicht der
Krone ansah, gewagt hat. In Franken selbst Herr, beabsichtigte
er vor allem die süddeutschen Herzöge von Schwaben und Baiern
auf gütliche Weise zu gewinnen, um sich dann gegen die
schlimmsten Feinde der Einheit, gegen das nach Westen ab—⸗
gefallene Lothringen und gegen das völlig eigenmächtige Sachsen
zu wenden. Allein was immer er auch in diesen Richtungen
ernst und geschickt versuchte: es scheiterte an der Übermacht der
partikularistischen Entwicklung.
In dieser Not hat sich Konrad schließlich dem Klerus zu⸗
gewendet, der einzigen noch im centralen Sinne wirkenden Macht.
Mit vollster Gunst wurden seine Bestrebungen hier aufgenommen;
die von Bonifatius begründete Einheit der deutschen Kirche
ward wiederum politisch wichtig. Ja selbst der Zusammenhang
der Kirche mit Rom erhielt jetzt Bedeutung: Papst Johann X.
sandte einen Legaten zu der Synode der deutschen Bischöfe,
die — mit Ausnahme der sächsischen — im Herbst 916 in
Altheim bei Nördlingen zur Besserung der Schäden im Reiche
zusammentrat. Und kräftig genug fiel die Aktion der Kirche
zu Gunsten des Königtums aus: Eidbruch gegenüber dem
König sollte mit den schwersten Strafen geahndet werden; offen
erklärte man sich gegen das Herzogtum, indem man persönlich
gegen die Grafen Erchanger und Berhtold einschritt, die nach
der Vollgewalt in Schwaben strebten.
Allein all diese Maßregeln der Kirche, obwohl aufs
energischste vom König unterstützt, hatten keinen Erfolg. Auch
die Macht des Klerus schwand dahin vor dem siegreichen Fort⸗
schritt der Stammesgewalten, und König Konrad, um seine
letzte Hoffnung betrogen, zog sich von nun ab von jeder größeren
Einwirkung zurück; machtlos ist er im Jahre 918 gestorben.
Vor seinem Tode aber gab er noch einen entsagungsvollen
Beweis der Hochherzigkeit und des Scharfblicks. Sollte der
Gedanke der Monarchie dennoch siegen über die wuchernde Kraft
        <pb n="138" />
        Politische u. soziale Wandlungen; Schicksale des ostfränkischen Reiches. 121

der Stammesentwicklung, so konnte das nur geschehen durch
Vereinigung der Königsgewalt mit der ersten Herzogswürde des
Landes: dem sächsischen Herzog, dem sächsischen Stamm mußte
die Verantwortlichkeit für die Einheit des Reiches übertragen
werden. Neidlos band König Konrad, der Franke, seinem
Bruder Eberhard, dem Frankenherzog, seinen dahin gehenden
letzten Willen auf die Seele. So sah er scheidend das Ende
einer unfruchtbaren Herrschaft: im Tode hat er das Reich
geschaffen.
        <pb n="139" />
        Sechstes Buch.
        <pb n="140" />
        Erstes Rapitel.

Gründung des deutschen Reiches;
Erneuerung des Raisertums.

Herzog Eberhard von Franken überbrachte, getreu der letzten
Bitte seines Bruders Konrad, die Zeichen der Königswürde,
Lanze, Mantel, Krone und Schwert an Heinrich, den Sachsen⸗
herzog. Es war die uralte Form der Designation zur Nachfolge,
wie sie einst Theoderich, wie sie Ludwig der Fromme gegenüber ihren
königlichen Erben geübt hatten. Diesmal machte der Akt auf die
Nation unauslöschlichen Eindruck; im Gewande der Sage über
Heinrich am Vogelherd hat sie ihn später festgehalten. Die Herr—
schaft der Franken sollte damit auf die Sachsen übergehen; die
deutsche Kultur sollte statt in Mainz und Achen zeitweis in dem
Dörfer- und Domänenkranz des Nordharzes ihren Höhepunkt finden.
Eine Entwickelung wurde angebahnt, welche die Höhen des
deutschen Lebens auf längere Zeit losriß von der alten Römer—
grundlage des Westens; Nordhausen und Quedlinburg, Halber⸗
stadt und Hildesheim blühten seitdem empor; und noch die
—
kloster zwar in Limburg an der Hardt, residierten aber gern
in Harzburg und Goslar. Den Alpen und den italienischen
Beziehungen fern, mußte die deutsche Königsmacht ihr Augen⸗
merk zunächst den Slawen und Dänen zuwenden: die Ziele
der nordöstlichen Politik Karls des Großen traten ihr sachlich
wie räumlich am nächsten.
        <pb n="141" />
        26

Sechstes Buch. Erstes Kapitel.

Auf dem Wahltag Heinrichs zu Fritzlar, im Mai 919,
hatten die deutschen Stämme zwischen Vergangenheit und Zukunft
zu entscheiden. Nur Sachsen und Franken beteiligten sich, seit
der Bekehrung der Sachsen zum Christentum gern als besonders
nahverbunden betrachtet!; die Wahl des Ortes zeigt, daß man
auf die andern Stämme wenig gerechnet hatte. Heinrich, von
Sachsen und Franken gewählt, lehnte die kirchliche Weihe, die
der Metropolit von Mainz ihm anbot, stolzbescheiden ab; ohne
Verpflichtungen gegen die Kirche, deren Beihilfe seinem könig—
lichen Vorgänger Konrad wenig genützt hatte, begann er die neuen
Rechte zu üben.
Er ist dabei mit äußerster Vorsicht verfahren und hat das
Bestehende thunlichst geschont. Die neuen herzoglichen Ge—
walten, die sich allenthalben gebildet hatten, waren nur Ausdruck
des Strebens der Stämme nach Selbständigkeit?; sie konnten
nicht beseitigt werden; eher mochten sie als willkommene Bil—
dungen zu betrachten sein, welche, die Kraft der einzelnen
Stämme zusammenfassend, wenigstens eine oberflächliche, ver⸗
tragsförmige Bindung aller Stämme an eine Centralgewalt
gestatteten.
Heinrich gewann zunächst die oberdeutschen Herzöge. Mit
Burchard von Schwaben, dem tapferen Schirmer und Erweiterer
schwäbischen Einflusses gegenüber Burgund, schloß er einen
Vertrag ab, wonach der Herzog seine Unterwerfung aussprach:
„er ergab sich samt allen seinen Städten und seinem Volke,
und Heinrich führte alles glücklich hinaus,“ erzählt Widukind.
Wie es dabei mit den schwebenden kirchenpolitischen Fragen
gehalten wurde, erfahren wir nicht. Ebenso wie Burchard
füate sich auch der stolze Arnulf von Baiern, ohne daß es
* Widuk. 1, 15: quasi una gens ex christiana fideo.
2 Zum gegenseitigen Widerwillen der einzelnen Stämme, vornehmlich
auch der Niederdeutschen gegen die Oberdeutschen, vgl. G. epp. Leod. 2, 26,
SS. 7, 204: perfidia et fraus Alemannica; Thietm. 5, 12. éxecrata Alemannorum
 turba ad rapiendum promptissima; Thietm. 5, 19: insatiabilis
 avaritia Bawariorum. S. auch Bruno de B. sax. e. 28;
Ann. Aug. 1080. Zum Selbstbewußtsein der Sachsen s. Hrot. G. Odd. 4;
Ann. Quédlinb. 1021, 88. 3, 87 3. 53. — Waitz-Zeumer V 158 f.
        <pb n="142" />
        Gründung des deutschen Reiches; Erneuerung des Kaisertums. 127

zu viel mehr als demonstrativer Entfaltung königlicher Streit—
mächte gekommen wäre. Er erhielt günstige Bedingungen.
Sein Verfügungsrecht über das Kirchengut blieb bestehen; die
bairische Kirche wahrte neben der Reichskirche ihre besondere
Verfassung mit eignen Synoden.
Im übrigen bleiben beide Herzöge in ihren innern Ent—
schließungen wie in der auswärtigen Politik selbständig, soweit
es sich in dieser nicht um Glieder des Reiches handelt; sie breiten
den Einfluß ihrer Stämme nach Ungarn, nach Italien und nach
Burgund eigenmächtig aus, wie bisher; sie nennen ihre Länder
Reiche; sie zählen nach den Jahren ihrer Regierung; sie lassen
Münzen schlagen; unter ihnen bestehen nach wie vor die Land⸗
tage der Stämme als mitbestimmende Gewalten. So waren
sie die Glieder eines nur lockeren Staatenbundes; ihr Ver—
hältnis zu ihm war formell vielleicht lehnsrechtlich geordnet,
materiell beruhte es auf Militärkonventionen. Bei der Un—
zulänglichkeit der Überlieferung ist man jedoch nicht im stande,
über die genauere Abgrenzung der königlichen und der herzog—⸗
lichen Gewalt Näheres auszusagen. Widukind schweigt aus
dynastischem Interesse über die Zugeständnisse Heinrichs be—
harrlich. In Schwaben mag der Wille des Königs noch am
meisten gegolten haben. In Baiern dagegen, wo es außer⸗
ordentlicher Anstrengungen des Herzogs bedurfte, um die Einfälle
der Ungarn abzuwehren, hat Heinrich wohl kaum größere Er—
folge erreicht; der Friedensvertrag mit Arnulf gewährte diesem
außerhalb der lehnsrechtlichen Fälle die unbedingte Verfügung
über die Kriegsmacht des Stammes.
Drei Jahre etwa dauerte es, ehe Heinrich Baiern und
Schwaben auf so lockere Weise dem Reiche verbunden hatte.
In der nächstfolgenden Zeit fügte er noch Lothringen hinzu.
Für Karl den Einfältigen, den Karlingischen Herrscher des west⸗
fränkischen Reiches, hatte die Wahl Heinrichs sofort das Zeichen
zum Einfall ins Frankenland, in die Gegend von Worms, ge—
geben; nach dem Tode des noch halbkarlingischen Königs Konrad
betrachtete er das ostfränkische Reich als für sein Geschlecht er—
ledigt. So mußte es Heinrich darauf ankommen, außer der
Wiedervereinigung Lothringens auch die Anerkennung des West—
        <pb n="143" />
        128

Sechstes Buch. Erstes Kapitel.

frankenkönigs für sein Königtum zu erhalten. Es gelang ihm
in meisterhaften Verhandlungen und wiederholten Feldzügen
der Jahre 920 bis 925, wobei er die furchtbaren Wirren im
Westfrankenreiche — Karl wurde gefangen; neben ihm tauchte
ein einheimischer Prätendent, schließlich Rudolf von Burgund
als König auf — fast bei jeder Wendung trefflich für die
deutschen Interessen benutzte.
Um 928 waren somit die ersten Umrisse des künftigen deut⸗
schen Reiches von Heinrichs Hand gezogen; nun galt es, sie
kräftiger zu betonen. Der König wirkte in dieser Richtung im
folgenden Lustrum seiner Regierung auf naheliegendem Wege:
er stützte überall die herzoglichen Gewalten; er bewies sich als
treuer Bundesgenosse aller Stämme. In den Vordergrund trat
dabei die fränkische Herzogsfamilie; ihr verdankte Heinrich die
Krone; die Franken hatten sich von jeher als Kitt des Ostreiches
erwiesen. Als Herzog Burchard von Schwaben im Jahre 925
söhnelos starb, setzte ihm der König in Hermann, dem Neffen
Eberhards von Franken, einen Nachfolger; Eberhard wurde, wohl
um diese Zeit, zum Pfalzgraf in Lothringen ernannt, wo sein
Geschlecht längst in einzelnen Landesteilen begütert war. Durch—
drang so das fränkische Herzoggeschlecht Süd-, Mittel- und
Westdeutschland mit den öffentlichen Befugnissen seiner Mitglieder,
so gewann Heinrich selbst Fühlung mit Lothringen, indem er
dem Herzog Gisilbert seine Tochter Gerberga vermählte.
Das alles waren Anfänge geringer, zunächst nur persön—
licher Natur. Dem gegenüber galt es, vor allem Sachsen, die
stützende Heimat des neuen Herrscherhauses, den Zuständen der
übrigen Stämme im Reiche näher zu bringen. Denn noch
immer war der Abstand der sächsischen Kultur von der Gesamt—
kultur des Reiches beträchtlich; trotz rascher Einbürgerung
mancher Karlingischen Einrichtungen, des Gerichtswesens, der
Grafschaftsverwaltung, galt in Sachsen ganz anders als im
Süden und Westen noch altgermanisches Denken: offen opferte
man noch Thor und Woden; streng schaltete noch ein alter Bluts—
adel über einem Urvolk freier Bauern; und noch war in diesem
Wald⸗ und Sumpfland die ausschließliche Herrschaft der Natural—
        <pb n="144" />
        Gründung des dentschen Reiches; Erneuerung des Kaisertums. 129

wirtschaft kaum von den Anfängen eines primitiven Handels
und grundherrschaftlicher Gewerbe durchbrochen.
Diese Zustände denen der westdeutschen und süddeutschen
Kultur anzunähern, war nicht leicht, und König Heinrich hat
systematische Maßregeln in dieser Richtung schwerlich bewußt
ins Auge gefaßt. Aber die äußere Lage des sächsischen Stammes
selbst drängte sie ihm auf.
Die Einfälle der Ungarn, auch in Süddeutschland furchtbar
empfunden, drohten in Sachsen während der zwanziger Jahre
des 10. Jahrhunderts unmittelbar zum Ruin des Landes zu
führen, da sie nirgends an stärkeren Befestigungen brandeten,
nirgends ihnen geschulte Massen berittener Krieger entgegen—
traten, wie dies in Süddeutschland seit langem geschah. Indem
König Heinrich als Herzog von Sachsen Abhilfe suchte, ward
er zum systematischen Begründer von ummauerten Zufluchts—
stätten des Volkes, von Burgen. Indem er die taktische Über—
legenheit des sächsischen Volksaufgebotes gegen die Nomadenreiterei
 des Feindes herzustellen suchte, brachte er, wie einst
Karl Martell die Franken, seine Sachsen zur Entwicklung einer
einheimischen Reiterei. In beiden Fällen mag er von der Ver⸗
fügung über die besseren Unfreien seiner Grundherrschaft, viel—
leicht auch von Einrichtungen des öffentlichen Rechts der Kar—
lingenzeit ausgegangen sein; sie wurden zu Erbauern, Bewohnern
und Schützern der Burgflecken gemacht, sie wurden zum Reiter⸗
dienste gehalten. Aber da die Großen des Landes diesen An—
regungen folgten, da von seiten Heinrichs alles geschah, um den
Verkehr der Burgen zum üblichen Marktverkehr des deutschen
Westens umzubilden, so wuchs ein neuer Stand reisiger Dienst—
mannen empor, bildeten sich die Keime städtischen Lebens im Lande.
Verheißungsvolle Anfänge! Indem das Land die Grund—
lagen künftigen Rittertums wie späterer Bürgerschaft zunächst auf
teilweis künstlichem Wege entwickelte, gedrängt von der Ungarn—
not, nahm es noch zu rechter Zeit jene Fermente der späteren
gesellschaftlichen Bildungen der Stauferzeit in sich auf, die in
den andern Stämmen schon bestanden, und gewann damit die
*
d. Jodenberg. Mitt. d. Inst. f. öst. Geschichtsforschung XVII (1896)
Lamprecht, Deutsche Geschichte II.
        <pb n="145" />
        130 Sechstes Buch. Erstes Kapitel.
Verheißung eines den andern Stämmen dereinst homogenen
Charakters.
Gegenüber diesen Aussichten war es ein mehr augenblick—
licher Gewinn, wenn es Heinrich nun auch gelang, die Ungarn mit
Hilfe der neuen Einrichtungen zu vertreiben. Nachdem ein Teil
ihres Heeres im Jahre 933 von Sachsen und Thüringern im
mittelthüringischen Berglande an unbekannter Stelle geschlagen
worden war, hielt der Rest dem Andrängen des Königs selbst nicht
Stand; er floh vor der neuen Angriffsart der sächsischen Reiter;
und ein vielbewundertes Wandgemälde der Merseburger Pfalz
konnte das Gedächtnis an die entscheidende Wendung der Ungarn—
kriege und der sächsischen Taktik zugleich bewahren.
Gleichsam als Vorübung zu den Ungarnkämpfen, doch nicht
minder im Verfolg uralten Grenzhaders, endlich mit dem Ziel
neuer Grenzerweiterungen hatte Heinrich schon etwa fünf Jahre
vor dem Ungarnkriege slawische Kämpfe begonnen. Es war der
Anfang der gewaltigen Ottonischen Ausdehnung des Deutschtums
bis zur Oder, die erst durch die italienischen Mißerfolge
Ottos II. und Ottos III. gehemmt ward.
Weit über die Elbe, ja über die Saale hinaus waren die
Slawen den Germanen, vor allem den Thüringern nachgedrängt.
Sie zerfielen in kleine Völkerschaften, die weit voneinander
zetrennt saßen, geschieden durch Sumpf, Ädland und Haide;
jedes Volk besaß dabei mehrere burgartige, wallgeschützte
Zufluchtsorte für Menschen und Vieh; hierher eilte in schlimmer
Zeit die gesamte Bevölkerung. Die Völkerschaften waren schwach
und wenig zahlreich; sieht man heute vom Czorneboh bei
Hochkirch hinab auf Hunderte von blühenden Slawendörfern der
Lausitz, lebt hier noch jetzt eine wendische Bevölkerung von etwa
180 000 Seelen, so wird in den Zeiten des sächsischen Hauses
die Gesamtzahl aller Cechen kaum mehr als eine viertel
Million betragen haben!.
Zwischen den Slawen und den Deutschen tobten von alters her
—DV

Peisker, Knechtschaft in Böhmen S. 31.
        <pb n="146" />
        Gründung des deutschen Reiches; Erneuerung des Kaisertums. 131

haltene Adel der Sachsen und Thüringer. Ihren gewöhnlichen Ver⸗
lauf wird man sich noch völlig urzeitlich vorzustellen haben. Noch
frohlockte beim Auszuge nach der Anschauung der deutschen
Krieger der dürre Wolf im Walde und der schwarze Rabe, der
leichengierige Vogel, denn kein Leben ward geschont; noch
flog der kleinen Mannschaft des kampfbereiten Etheling der
federbetaute Aaxr vor und sang ihr das Kampflied. Noch
brachte jede Niederlage der Slawen, jede Eroberung ihrer
Burgen den Deutschen Verteilung des Heerraubes an Länd
Leuten und erkämpftem Schatze. So wurden diese Grenzfehden
seit Jahrhunderten in grausamer Verbissenheit geführt; nur
mäßig war ihr Erfolg im einzelnen, nur selten kam es zu
ruhmreicher Feldschlacht.
Da griff das deutsche Königtum seit etwa 918 ein?. Seit⸗
dem erhielt der Kampf eine andere Ausdehnung und führte
schließlich zu dauernden Ergebnissen. Heinrich besiegte die
develler, indem er ihre Stadt Brandenburg eroberte; er unter⸗
warf die nördlich der Heveller bis zum Ostseestrande sitzenden
Wilzen, Redarier und Abodriten. Er zog siegreich gegen die
Daleminzier zwischen Mulde und Elbe; er bekriegte gemeinsam
mit Herzog Arnulf von Baiern die Cechen; Herzog Wenzel,
———
Unterwerfung zuvor. Nachdem ein allgemeiner Aufstand der
Nordslawen in der furchtbaren Schlacht von Lenzen (5. Sep⸗
tember 929) unterdrückt worden war, folgten noch Züge gegen
die Liutizen und Milziener in der Lausitz (932) sowie gegen die
Slawen der Ukermark (938): damit konnte die allgemeine Unter⸗
werfung der Elbslawen einstweilen als erreicht gelten.
Freilich brachte sie keineswegs den Abschluß der Kämpfe.
Es war schon genug, daß an Stelle des früheren fruchtlosen
— 0—
allgemeiner Organisation getreten war. In die Burgorte der
einzelnen Stämme wurden jetzt sächsische Ethelinge mit reisigem
Gefolge gelegt in königlichem Auftrag; sie hielten die Ruhe

Die Chronologie ist sehr verwirrt. Val. Richter⸗Horst Kohl S. 14 b.
9 *
        <pb n="147" />
        132 Sechstes Buch. Erstes Kapitel.

aufrecht und forderten den Tribut des Stammes. Freilich galt
auch diese Organisation noch keineswegs als völlig gesichert.
Noch immer sah man die Elbe als östlichste Grenze des Reiches
an; sie bildete teilweis noch mehr ein Ziel als eine unter
allen Umständen zu haltende strategische Linie. Zu ihrem
Schutz ward ums Jahr 928 im Dacleminziergebiete,
mitten hinein in den Urwald auf dem letzten ragenden
Fels des linken Elbufers Meißen begründet; sie ward ferner
an ihrem schwächsten Punkte durch Magdeburg geschützt, eine
verkehrsreiche Veste, welche die junge Eadgyd, die Gemahlin
Ottos J., im Jahre 929 als Heiratsgut empfing. Im äußersten
Norden endlich sicherte König Heinrich die Grenze des Stromes
dadurch, daß er im Jahre 933 erfolgreich gegen Dänemark zog,
die seit Ludwig dem Deutschen verfallene dänische Nordmark
wieder herstellte, nach Schleswig sächsische Mannschaft unter einem
sächsischen Markgrafen warf und auf diese Weise die Beziehungen
der Slawen zu den Dänen unterband.
Es waren außerordentliche Erfolge. Sie konnten nicht
ohne Rückwirkung auf Sachsen selbst bleiben. An der Grenze,
wo früher der sächsische Etheling frei gewaltet hatte, galt jetzt
königliches Machtgebot; der Erwerb des kleinen Krieges jenseits
der Saale und Elbe war verwehrt; wer von ihm Vorteil und
Ruhm suchte, der fand ihn nur noch unter dem Feldzeichen des
Königs. Murrend und widerwillig weit über die Zeit Heinrichs
hinaus ertrug der alte Blutsadel diese Veränderung: erst spät
fand er sich in die neue Lage, bis er schließlich zum Amts—
und Lehensadel ward, gleich dem Adel der übrigen Stämme.
So bewirkten die Slawenkriege schließlich nicht minder als die
Ungarnkämpfe eine Annäherung der Sachsen an das gemein—
deutsche Wesen.
Die königliche Gewalt aber mußte sich, je mehr sie in
Sachsen Hindernisse schuf und fand, um so mehr auf die
Gesamtheit der Reichskräfte stützen. Heinrich hat seit etwa 938
—DDD—
thun, indem er die Kirche, vor allem den Episkopat, heranzog.

Einzelne Ereignisse liegen schon früher, so die Bestrafung Bosos
928 (Flod. Ann. S. 878), die Teilnahme an der Erfurter Synode vom
Jahre 932. S. auch Richter-Horst Kohl III 1 S. 14, 17.
        <pb n="148" />
        Gründung des deutschen Reiches, Erneuerung des Kaisertums. 1338

Hatte er früher in der Kirchenpolitik den süddeutschen Herzögen
wohl ganz oder teilweise freie Hand lassen müssen, so war
es wenigstens ein günstiger Erfolg dieser Zwangslage, daß die
Spannung zwischen den Herzögen und ihren Sonderkirchen
bestehen blieb. Heinrich trat mit Bewußtsein auf die Seite
der letzteren: in einzelnen Fällen hat er bei den Bistums—
besetzungen in diesem Sinne eingegriffen.
Das auffallendste Ergebnis dieser Politik liegt in der über⸗
raschend ruhigen Vererbung der Königsgewalt von Heinrich auf
seinen Sohn Otto vor. Es gelang dem alten Herrscher, noch
kurz vor seinem Tode die Designation Ottos auf einem Reichs—
tag zu Erfurt von den Großen des Reiches gutheißen zu lassen;
daran schloß sich vielleicht die Wahl und die genaue Fest—
stellung der künftigen Huldigungs- und Krönungsfeierlichkeiten.
Erhält Otto nach dem Tode des Vaters die Krone zu Achen
auf dem so oft bedrohten Boden Lothringens in Formen, die
für die Zeit die denkbar bindendsten waren, steht eine große
religiöse Feier im Mittelpunkte der Thronbesteigung, an der
alle hohen kirchlichen Würdenträger des Reiches beteiligt sind:
so erkennen wir in diesen Vorgängen den nachwirkenden Ein—
fluß der zuletzt eingeschlagenen Richtung des ersten Sachsen⸗
königs, der noch siebenzehn Jahre früher gelegentlich seiner
Wahl auf jede Hilfe der Kirche verzichtet hatte.
König Heinrich ist am 2. Juli 936 zu Memleben, auf
khüringischem Boden, verschieden; die hochragende Schloßkirche
zu Quedlinburg im Sachsenland birgt seine Gebeine. Es kenn—
zeichnet seine Wirksamkeit, daß seine gesamte Regierungszeit nie—
mals einen eigentlichen Rückschlag der Entwicklung aufgewiesen
hat. Vorsichtig, aber stetig fortschreitend, ist Heinrich den ersten
Forderungen einer königlichen Gewalt in Deutschland gerecht
geworden; leise nur, aber doch erkenntlich hat er die großen
Linien der späteren Ottonischen Politik gezogen; durch die
Slawenkriege, durch die schließliche Stellung zur Kirche vor—
nehmlich werden sie angedeutet; hat doch Heinrich gegen Schluß
seines Lebens sogar die Absicht gehegt, nach Rom zu ziehen.
Aber eine Krankheit trat dazwischen, und der König verschied,
        <pb n="149" />
        134

Sechstes Buch. Erstes Kapitel.

ohne die Reise gethan zu haben. Heinrich war phlegmatischen
Temperamentes, groß und schwer von Körper, im äußeren Auf—
treten bescheiden, von gelassener Hoheit, niemals sich gehen
—
keit gegen die Großen, den Armen mild, unverbrüchlich treu
den Freunden, gegen Unbekannte eher zurückhaltend, gehörte er
zu einem Schlage von Menschen, den man noch heute für die
Nordabhänge des Harzes wie ganz Niedersachsen als typisch
betrachten kann; zähe Energie und diplomatisches Geschick ver—
einigten sich bei ihm mit sicherem Blick für das Recht der
Thatsachen und freundlichem Entgegenkommen gegenüber den
Gegnern: allzeit korrekt, war er recht eigentlich dazu geschaffen,
den Frieden des Reiches von neuem zu begründen!.

II.

Über die Persönlichkeit des neuen Königs Otto besitzen wir
erst aus späterer Zeit eine Reihe von eingehenden Berichten.
Auch er wird da als schwerer Mann bezeichnet, wie sein Vater,
doch von rotem Antlitz und blitzartig leuchtendem Auge, von
wallendem Bart und spärlich grauem Haupthaar; im Verhält—
nis zum Unterkörper von breiter, haarbewachsener Brust, von
wechfelndem, bald raschem, bald langsamem Schritt: als das
Urbild eines Cholerikers; die Schilderung gemahnt an die Auf—⸗
fassung des Apostelfürsten Petrus in der Miniaturmalerei des
10. Jahrhunderts; von den Zeitgenossen, selbst von seinem
Sohne wurde der König in späteren Jahren kurzweg „der
Löwe“ genannt. In diesem Körper wohnte ein schroffer, ewig
beschäftigter Geist: selbst im spärlich genossenen Schlafe pflegte
der König zu sprechen. Gemildert erschien die Feuernatur nur
durch feste Erziehung zu allen königlichen Tugenden körperlicher
wie geistiger Bethätigung: aber gleichwohl brauste der Herrscher
auch im Alter leicht noch auf; es ist der Zug, den die deutsche
Sage bewahrt hat.

Als besonders bezeichnend für Heinrich gilt den Quellen das
modeste regere, s8. V. Maht. apt. c. 4; Sigeh. mir. s. Max. c. Il,
88. 4, 232. Doch gehört auch dieser Zug, wie manch anderer der oben
aus den Quellen verwerteten, zur Typik des mittelalterlichen Herrscher—
ideals überhaupt; s. Kühne S. 15f.
        <pb n="150" />
        Gründung des deutschen Reiches, Erneuerung des Kaisertums. 135

Zu der fanatischen Energie und herben Leidenschaftlichkeit
standen die intellektuellen Eigenschaften König Ottos in keinem
Verhältnis: als besonders guter Diplomat oder Feldherr wird
er uns nicht geschildert. Vielleicht besaß er zu wenig die Gabe
ruhiger Beobachtung und den Sinn für das Nächstliegende.
Wo er wirkte, da hatte er seinen Erfolg ganz dem festen, oft
begeisterten Zuge seines Wollens zu danken; kein Wunder, daß
er bei der religiösen Veranlagung seines Zeitalters in späteren
Jahren ein inbrünstiger Beter geworden ist.
Nachdem König Otto, von den Jubelrufen des Volkes ge—
tragen, in der Achener Pfalzkapelle auf dem Marmorstuhl
Karls des Großen Platz genommen, nachdem er sich beim
Krönungsmahl von den Herzögen des Reiches hatte bedienen
lassen, brach bald die Zeit herein, da die von Heinrich gelegten
Grundvesten des Reiches starke Prüfungen bestehen mußten.
Kaum ein Jahr nach der Krönung kam es zu Zwistigkeiten
zwischen Franken und Sachsen. Franken und Sachsen zusammen
hatten König Heinrich gewählt; die Begünstigung des fränkischen
Herzogshauses war die stets festgehaltene Vorbedingung aller
Erfolge Heinrichs gewesen. Jetzt begann sich der Stamm der
Sachsen als dauernder Träger des Königtums zu fühlen; es
war eine den Franken widerwärtige Stimmung; so kam es zu
Häkeleien beider Stämme an der Grenze, in die auch Herzog
Eberhard verwickelt ward. König Otto griff ein; er verurteilte
den Herzog zu einer Buße von 100 Pfund Silber und dessen
Lehnsleute zur schimpflichen Strafe des Hundetragens; er ver—
ließ die von seinem Vater innegehaltene politische Linie.
Nun schürte Eberhard zum Widerstand und fand Anklang
auch in Sachsen. Hier hatte schon Heinrichs Slawenpolitik
Gärung unter dem alten Adel hervorgerufen; viele seiner An—
gehörigen ließen sich von Eberhard gewinnen. Ein Haupt er—
hielt die sächsische Unzufriedenheit in Thankmar, einem Halb—
bruder Ottos; der König war darauf ausgegangen, das mon—
archische Prinzip in seinem Geschlechte fest zu begründen; er wollte
herrschen auch in seinem Hause, und er hatte in diesem Be—
streben Thankmar wiederholt verletzt.
        <pb n="151" />
        136 Sechstes Buch. Erstes Rapitel.

Zu den sächsisch-fränkischen Schwierigkeiten gesellten sich,
abgesehen von Slawenaufständen, Wirren in Baiern. Herzog
Arnulf war am 14. Juli 937 gestorben; seine Söhne wollten
selbständig regieren und verweigerten dem Könige die Huldigung.
In diesem Zusammenhang begann Thankmar offene Feind—
seligkeiten. Er brachte den jugendlichen Bruder Ottos, Heinrich,
in seine Gewalt; er übergab ihn an Eberhard zu festem Ge—
wahrsam und setzte sich in der Eresburg im Hessischen fest.
Rasch dämpfte Otto diese erste Bewegung. Er eroberte die
Eresburg; Thankmar, der schutzsuchend in die Burgkapelle ent—
wichen und Schwert und goldne Kette des Königssohns dem
Altare anvertraut hatte, starb, von der Lanze eines sächsischen
Kriegers durchbohrt, am 28. Juli 938.
Aber nun strebte der junge Heinrich, als der erste im
Purpur Geborne, selbst nach der Krone: mit Eberhard verband
er sich gegen den Bruder: der Zwist zwischen Franken und
Sachsen erweiterte sich zum offenen Thronstreit innerhalb der
herrschenden Familie. Zugleich trat wohl schon jetzt Herzog
Giselbert von Lothringen auf Seite des Prätendenten. Ein
neuer Kampf drohte; es war ein besonders glücklicher Zufall,
daß es Otto noch vor seinem Ausbruch gelang, in Baiern Ruhe
zu schaffen. Die herrschenden Arnulfinger wurden abgesetzt; das
Herzogtum kam an Berhtold von Kärnten, den Oheim der
Söhne Arnulfs, doch zog der König die Verfügung über das
Recht der Bistumsbesetzung wie die königlichen Pfalzen nun—
mehr an sich. Es war ein erster Erfolg Ottos hinaus über
die Politik seines Vaters.
Im Jahre 989 brach dann die drohende Empörung Hein—
richs, Eberhards und Giselberts los. Heinrich rief die Sachsen
zum Widerstand auf und warf sich nach Lothringen, jetzt dem
Mittelpunkt des Aufruhrs. Indes das Heer des Königs be—
—EDDVDDD
xXanten; kurz darauf schloß er mit Heinrich einen dreißig—
tägigen Waffenstillstand. Doch bald finden wir diesen wieder
in Lothringen, wohin ihm der von den Feinden der sächsischen
Ostgrenze bedrängte König nicht zu folgen vermochte; eine zweite
        <pb n="152" />
        Gründung des deutschen Reiches, Erneuerung des Kaisertums. 1837

Phase des Aufstandes beginnt. Während Schwaben und Baiern
dem Ringen in Mittel- und Norddeutschland unthätig zuschauen,
stehen die Slawen gegen das Reich auf, nimmt König Lud⸗
wig IV. von Westfranken ausgesprochen für den Prätendenten
Partei, schlägt sich der Episkopat an der Westgrenze Lothringens
und mit ihm bald der Primas des Reiches, Erzbischof Friedrich
von Mainz, offen oder geheim auf die Seite des Aufstands.
In dieser gefahrvollen Lage siegte Otto vornehmlich durch
seine Entschlossenheit. In rascher Diversion warf er sich nach
Süddeutschland. Das gewann ihm die Hilfe des Herzogs Her⸗
mann von Schwaben, der sich als Mitglied des fränkischen
Herzogshauses bislang neutral gehalten; es verschaffte ihm zu—
gleich dauernden Anhang unter den fränkischen Grafen, soweit
sie dem Herzoge Eberhard widerstreben mochten!. Hermann im
Verein mit fränkischen Grafen schlug ein Heer der Aufrührerischen
bei Andernach; Herzog Eberhard fiel bei dieser Gelegenheit im
Gefecht, Herzog Giselbert ertrank flüchtend im Rheine. Fast
gleichzeitig ergab sich am Oberrhein Breisach dem Könige, und
schon fühlte sich Otto stark genug, die ungetreuen Bischöfe von
Mainz und Straßburg in Gewahrsam zu nehmen.
Heinrich stand nun einsam da; vollends verlassen war er,
als Otto seine Verbindungen mit Frankreich zerstört hatte und
ein freundliches Verhältnis beider Reiche anzubahnen begann,
das im Jahre 942 sogar zum Bündnis führte. Gegenüber dieser
Wendung blieb Heinrich nach wiederholten, immer unsittlicher
verlaufenden Verschwörungen gegen seinen königlichen Bruder
nichts übrig, als sich in die Lage des nachgebornen Königskindes
zu finden. Als Otto das Weihnachtsfest des Jahres 941 im
Dome zu Frankfurt beging, nahte sich ihm Heinrich im härenen
Gewande des Büßers, und nun spielte sich eine jener rührenden
Scenen ab, daran die mittelalterliche Geschichte unseres
Volkes so reich ist. Unter den Friedenstönen der Weihnachts—

1 Von da ab erfreuten sich die fränkischen Großen der besonderen
Bevorzugung Ottos; vgl. z. B. für Graf Udo von der Wetterau, Bruder
Hermanns von Schwaben, Cont. Reg. 939. So Richter III, 1. S. 41.
        <pb n="153" />
        138 Sechstes Buch. Erstes Kapitel.

messe warf sich Heinrich dem Bruder thränenreich zu Füßen,
und Otto hob ihn mitleidig empor zum königlichen Kusse.
König Otto hatte in dem Kampfe um die absolute Herr—
schaft innerhalb seiner Familie gesiegt: ohne Ausnahme galt
jetzt seine einzigartige Stellung innerhalb des königlichen Ge—
schlechtes; das gemeine Familienrecht war durchbrochen, die An—
fänge eines besondern Hausrechtes, ja einer zu erhoffenden
königlichen Erbfolgeordnung ins Werk gesetzt.
Nicht minder hatte Otto über das Sondertum der Stämme
gesiegt. Baiern und Lothringer waren unterworfen, die Schwaben
hatten sich schließlich auf die königliche Seite geschlagen. Die
Frage nach Gleichstellung und Wettbewerb der Franken und
Sachsen untereinander ward beseitigt, indem der König, wie er
Herzog von Sachsen war, so gleichzeitig unter Beseitigung des
alten Herzogshauses als fränkischer Herzog auftrat. Indem
damit die alte Verzweigung des fränkischen Hauses durch alle
Stämme hinwegfiel, die König Heinrich begünstigt hatte oder
wenigstens hatte dulden müssen, gewann König Otto Raum,
an ihre Stelle den sächsischen Einfluß des eigenen Hauses zu
entwickeln.
In Lothringen setzte der König längere Zeit nach Herzog
Giselberts Tode den fränkischen Grafen Konrad, den Ahnherrn
des salischen Kaiserhauses, als Herzog ein und gab ihm im
Jahre 947 seine Tochter Liutgard zur Gemahlin. In Baiern
starb im Jahre 947 Herzog Berhtold. Nachfolger und bald
rechte Hand des Königs in allen Reichsgeschäften ward Ottos
Bruder Heinrich; er war verheiratet mit Judith, einer Tochter
des früheren Herzogs Arnulf. In Schwaben endlich herrschte
noch länger der königstreue Herzog Hermann, doch alt und ge—
brechlich; mit seiner einzigen Tochter Ida vermählte Otto im
Jahre 947 oder 948 seinen erstgeborenen Sohn Liudolf, den er
schon vorher, kurz nach dem Tode seiner Gemahlin Eadgyd,
unter Zustimmung der Großen als seinen Nachfolger bezeichnet
hatte; es war klar, daß Liudolf dereinst als König neben Sachsen
und Franken auch Schwaben unmittelbar beherrschen würde.
So nutzte der König seinen Sieg sofort zur umfassendsten
        <pb n="154" />
        Gründung des deutschen Reiches, Erneuerung des Kaisertums. 139

Neuordnung des Reiches aus; einheitlich und widerspruchslos,
wie er in seiner Familie herrschte, wollte er durch die Glieder
dieser Familie das Reich regieren.
Es war eine erste Folge dieser Politik, daß die Herzogs—
würde fast wieder den Charakter eines Amtes erhielt; die alten,
scheinbar in dieser Macht erblichen Familien waren beseitigt; von
den neuen Würdenträgern wußte man, wie ganz sie vom König
abhingen. Eine zweite Folge war die thunlichst weitgehende
Aufhebung der Hindernisse, die sich in naturalwirtschaftlichen
Zeiten dem Bestande eines großen Reiches entgegenstellen. Was
fristete dem zähen Partikularismus der Stämme, den ewigen
Aufruhrgedanken der Großen im früheren Mittelalter das Leben,
wenn nicht die Unmöglichkeit einer straffen, allgegenwärtigen, von
Tag zu Tag zentral geleiteten und befruchteten Verwaltung? Sie
war ausgeschlossen durch den gänzlichen Mangel an materiellen
Verkehrsmitteln und an Verkehrswegen, vom rohen Straßenbau
angefangen bis zu den subtilen Werkzeugen der Post, des Geldes
und des Kredits. Den Ersatz dafür suchte König Otto jetzt im
Familienzusammenhang der großen Würdenträger des Reiches.
Hatte der Lehnseid die Herzöge nicht der Zentralstelle verbinden
können, so war anzunehmen, daß das Hausinteresse und der
Zwang gemeinsamer Familieninteressen dies eher vermöchten.
Doch sorgte Otto gleichzeitig außerhalb des Bereiches
der herzoglichen Pflichten auch für die Entwickelung einer
königlichen Verwaltung in allen Stammesgebieten, die nur vom
Könige persönlich in Amtesweise abhängen follte. Neben die
Herzöge traten vielleicht damals als unmittelbare königliche
Beamte die Pfalzgrafen zur Verwaltung und finanziellen Aus—
beutung des Fiskalbesitzes, wie wohl auch als politische Instanzen
zur Beobachtung der herzoglichen Amtsführung. Und mittelbar
wenigstens gewann der König noch eine weitere Kontrollinstanz,
indem er von jetzt ab alle Bischöfe in seinem Sinne ernannte,
womit er allerdings auch die Grundlagen für ihre spätere fürst—
liche Macht gelegt hat.
Es waren gewaltige Schritte zur Einheit des Reiches; sie
sicherten dem König eine bisher ungekannte Handhabung der
Königsgewalt und eine erhöhte Verfügung über die nationalen
        <pb n="155" />
        140 Sechstes Buch. Erstes Kapitel.

Kräfte, und alsbald hatten sie eine thatkräftige äußere Politik
zur Folge.

III.

Die äußere Politik des sächsischen Hauses hatte unter
Heinrich J., abgesehen von der Auseinandersetzung mit dem
Reiche der Westfranken, fast ausschließlich den Slawen gegolten;
nach Osten richtete auch Otto der Große unverwandt den
Blick. Hatte Heinrich J. zunächst die slawischen Angriffe lahm
gelegt, hatte er tributäre Verhältnisse für die Elbssawen wie die
Cechen durchgeführt, so begründete Otto eine festere Botmäßig—
keit und erzwang der westeuropäischen Kultur durch das Mittel
der Christianisierung, dem germanischen Leben durch das Mittel
der Kolonisation Eingang.
Diese Ziele waren nur durch Abdrängung der heidnischen
Dänen vom slawischen Ostseegebiet und durch Erzwingung vollen
Friedens mit den Cechen zu erreichen. Darum hatte Heinrich
erfolgreich in Böhmen gekämpft und die schleswigsche Mark be—
gründet.
An beiden Punkten war gegen Schluß der Regierung Hein—
richs eine Wendung zum Schlimmern eingetreten. In Böhmen
wurde der heilige Wenzel von seinem Bruder Boleslaw am
28. September 935 ermordet; noch zeigt man im Dom des
Prager Hradschin den Helm des Heiligen mit dem emaillierten
Bilde des Gekreuzigten in der deutsch-ornamentalen Auffassung
des 10. Jahrhunderts: ein Sinnbild gleichsam germanischer Be—
kehrung und Befruchtung. Nach Wenzels Tode fiel das Volk vom
Christentum wie vom Reiche ab; vergebens versuchte Otto eine
Anderung herbeizuführen: die deutschen Heere wurden geschlagen.
Erst um die Mitte des Jahrhunderts wurde das Verhältnis der
Cechen zum Reiche wieder günstiger geordnet.
Eine ähnliche Wendung, wie in Böhmen, erfolgte in Däne—
mark. Hier wie in den andern nordischen Reichen begann um
diese Zeit eine gleichmäßig fortschreitende staatliche Entwickelung.
Die kleinen Seekönigreiche schieben sich zu Großstaaten zusammen;
der alte Geburtsadel wird ausgestoßen und zieht gen Süden,
        <pb n="156" />
        Gründung des deutschen Reiches, Erneuerung des Kaisertums. 141

nach den Küsten Frankreichs, großer Zukunft entgegen; daheim
gilt die Demokratie der freien Bauern unter einem kraftvollen
Königtum. Es sind in Dänemark die Zeiten König Gorms
(t 936) und seines Nachfolgers Harald Blätand. Diese inneren
Wandlungen erschwerten es König Otto, die Errungenschaften
Heinrichs aufrecht zu erhalten. Nun berichtet zwar spätere
Kunde, Otto habe Jütland siegreich durchzogen und im äußersten
Norden der Halbinsel zum symbolischen Zeichen der Besitzergrei—
fung seinen Speer hinaus in die Brandung des Kattegat ge—
schleudert; aber nur schwer lassen sich in ihr Wahrheit und
Dichtung voneinander scheiden 1.
Jedenfalls trafen zunächst ungünstige Veränderungen auf
den beiden Flügeln der deutschen Angriffsstellung gegen die
Slawen mit den inneren Unruhen der ersten Jahre Ottos zu—
sammen und wurden begleitet von neuen slawischen Aufständen.
Vor allem empörten sich die Slawen nordöstlich der Elbe.
Gegen sie entsandte Otto den Grafen Hermann Billung,
den Ahnherrn der späteren sächsischen Herzöge. Die Wahl,
vom sächsischen Geburtsadel viel beneidet und umstritten, ergab
sich als richtig. Hermann schlug die Redarier, das Kernvolk
des Widerstands; er beruhigte im wesentlichen dauernd die ihm
unterstellten Gebiete. Inzwischen brachen Unruhen auch im
Centrum der sächsischen Grenze aus, im rechtselbischen Gebiete
der heutigen Provinz Sachsen und in Brandenburg. Hier traf
Otto mit der Ernennung des nordthüringischen Grafen Gero zum
deutschen Grenzwart eine glänzende Wahl. Skrupellos freilich, mit
allen Mitteln gewaltthätiger Politik, ging Gero vor; einen An—
schlag auf sein Leben gleich in der ersten Zeit seiner Amts—
führung beantwortete er mit dem Überfall und der Tötung von
dreißig Slawenhäuptlingen nach festlichem Gelage. Dazu trat ihm
der königliche Hof mit Anwendung böser Bestechung zur Seite;
Tugumir, ein edler Heveller, der am Hofe lebte, spielte durch
Verrat Brandenburg in deutsche Hände. So ward der Wider—

1 Völlig widerlegt hat Grund (Forschungen z. D. Gesch. 11, 5361 ff,
die Angaben Adams von Bremen (2, 8) nicht, wenn auch Hauck 3 S. 100
Anm. 1 und Waitz? 5 S. 103 Anm. 1 Grund zustimmen.
        <pb n="157" />
        — Sechstes Buch. Erstes Kapitel.

stand der Slawen zwischen Elbe und Oder gebrochen; seit etwa
dem Jahre 940 zahlten alle Stämme königlichen Tribut. Völlig
unterworfen aber schienen die Slawen doch erst gegen die Mitte
des Jahrhunderts; nun näherten sich auch die Cechen von neuem
dem Reiche, und der furchtbare Gero konnte ruhig im Jahre 949
eine fromme Wallfahrt zu den Schwellen der Apostelgräber
unternehmen: sicherer als jemals glaubte man die Errungen—
schaften König Heinrichs gefestigt.
Schon längst hatte inzwischen die spezifisch ottonische
Politik friedlicher Kulturarbeit im Slawengebiete begonnen.
Im Jahre 937 war das Kloster zum heiligen Moritz in
der Pfalz zu Magdeburg gestiftet worden. Mönche von Sankt
Maximim bei Trier, eifrige Vertreter der beginnenden Kloster—⸗
reform, wurden hineingesetzt. Bald darauf begann König Otto
den Bau eines Magdeburger Domes; langsam tauchte der Ge—
danke empor, Magdeburg zum Mittelpunkt der elbslawischen
Kirche zu erheben; schon im Jahre 955 ist darüber in Rom
verhandelt worden. Anfänglich allerdings begnügte sich Otto
damit, zwei neue Slawenbistümer, Havelberg und Branden⸗
burg, dem Erzstifte Mainz zu unterstellen!.
Gleichzeitig verbreitete sich die christliche Mission unter den
Dänen. Sie ging vom Erzbistum Hamburg-Bremen aus; sie
erfreute sich nicht so reicher materieller Unterstützung wie die un—
mittelbar vom Reiche begünstigte Slawenmission; sie litt darum
auch unter größeren Wechselfällen; aber sie zeichnete sich aus
durch den Mut der ersten Zeugen und die Größe der bekennenden
Gemeinden. Nachdem mannigfache frühere Versuche gescheitert
waren, brachte es Erzbischof Adaldag zu den ersten Erfolgen.
Es gelang ihm, im Jahre 947 drei Bischofssitze zu Schleswig,
Ripen und Aarhuus für Jütland und die Kirchen jenseits des
Meeres in Fünen, Seeland und Schweden zu begründen; zu—
gleich erhielt er päpstlichen Auftrag für die gesamte Mission

Es geschah 948. Zu den Daten s. Dümmler, Otto der Große
S. 168, und Hauck 3 S. 103 Anm. 6. Für Havelberg nennt noch Sickel
Dipl. S. 188, das Jahr 946.
        <pb n="158" />
        Gründung des dentschen Reiches, Erneuerung des Kaisertums. 148

unter den Germanen des Nordens. Den drei Bistümern folgte,
wohl im Jahre 968, ein viertes zu Oldenburg im Osten Hol—⸗
steins, im wagrischen Lande.
Mit der Verbreitung des Christentums ging, wenigstens
im Slawenlande, die Verbreitung und Befestigung deutschen
Wesens Hand in Hand. Die Gebiete deutschen Einflusses
zwischen Elbe, Saale und Oder wurden in Grafschaften zerlegt;
968 werden die Marken Zeitz, Merseburg und Meißen genannt;
als Hauptorte erscheinen die Burgstädte der einzelnen Stämme;
die Marken zerfielen in Gaue, diese wiederum in Burgwart⸗
schaften, Bezirke vornehmlich militärischen Charakters, in deren
Mittelpunkt ein Burggraf auf festem Hause waltete. Es war
ein System zunächst kriegerischer Besetzung; unter seinem Schutz
ergoß sich die deutsche Einwanderung in freien Zügen in das
slawische Land.
Die slawischen Häuptlinge waren im Besitz alles Landes
gewesen, das nicht der slawische Volksgenosse nach dem alten
System der Haus- und Familiengemeinschaft bebaute. Dies
Land, weitaus der größte Teil aller Bodenfläche, ward nunmehr
zu Handen des deutschen Königs konfisziert, verfront; aus
seinen Erträgen wurde die Verwaltung und die militärische
Besetzung des Landes bestritten, und vielfach ging es in den
Besitz deutscher Ansiedler, Adliger wie Bauern, über. So be—
gann, zunächst außerhalb der alten slawischen Orte, die Ger—
manisierung des Landes.
Aber die deutsche Hand griff auch hinein in die slawischen
Familiendörfer. Wer von den Slawen im Felde gefangen
ward, der wurde niedergemacht oder als Kolonist in sächsisches
Rottland jenseits der Elbe verpflanzt; nie fast sah er die
Heimat der Väter wieder. An seiner Statt zog ein Sachse in
die verlassene Stelle des Dorfes, und bald richteten sich solche
Deutsche in Haus und Flur nach ihrer Weise ein.
Es sind Vorgänge, die sich bald vereinzelt, bald massen—
hafter seit Mitte des 10. Jahrhunderts durch einige Genera—
tionen hinziehen; in ihnen werden zunächst die Gegenden un—
mittelbar östlich der Saale und Elbe dem deutschen Wesen er—
öffnet.
        <pb n="159" />
        144 Sechstes Buch. Erstes Kapitel.

Die Folgezeit brachte unter der Regierung Ottos des
Großen im wesentlichen nur noch die weitere Durchführung der
geschilderten Bestrebungen. Maßgebend für den bald rascheren,
—E——
Slawen, die noch mehrmals bis zu tobendem Aufstande ent—
artete, und fernerhin die Weise der oberen Organisation des
gesamten Gebietes. Als Gero, der „große Markgraf“, wie ihn
die Zeitgenossen nannten, in einer erneuten Wallfahrt nach Rom
seine siegreichen Waffen auf den Altar des h. Petrus nieder—
gelegt hatte und bald darauf (65) in seiner herrlichen, noch
heute teilweis erhaltenen Stiftung Gernrode reich an Wunden
und Erfolg gestorben war!, da wurden die Grenzämter anders
geordnet. An Stelle der zwei großen Gebiete Hermanns des
Billungs und Geros traten sechs kleinere, von einander nahezu
unabhängige Markgrafschaften: eine Organisation, die wohl
weniger aus der gesteigerten Zuversicht Ottos des Großen auf
die flawische Ruhe hervorging, wie aus dem Mißtrauen, so ge—
waltige Gebiete, wie diejenigen Geros oder Hermanns, Mit—
gliedern des sächsischen Adels ständig zu überlassen. Denn es
konnte keine Frage sein: der sächsische Blutadel sah noch immer
erbittert auf die Erfolge des Königtums gegenüber den Slawen;
abgeschnitten von dem Gebiete seiner bisherigen, seit Jahr⸗
hunderten willkürlichen und grausamen Ausbeutung, angewiesen
auf königliches Gebot, von der Kirche vielfach beschränkt, wo
er unbegrenzt zu herrschen gewohnt war, hatte er einen furcht⸗
baren Haß gegen die königlichen Kolonisatoren gefaßt, der noch
lange andauerte, dessen Nachwirkungen noch Heinrich der Löwe
in seinem Sturze gefühlt hat. Diesen Stimmungen gegenüber
schritt Otto der Große nach Geros Tode zu einer Verringerung
der persönlichen Verantwortlichkeiten auf slawischem Boden.
Freilich wird er erkannt haben, daß damit zugleich die kriege—
rische Macht an der Slawengrenze bedenklich zersplittert ward.
Weit klarer und freier von Bedenken entwickelten sich die

1 In der deutschen Sage lebt er fort; er ist der maregräve Gôre
des Nibelungenliedes.
        <pb n="160" />
        Gründung des deutschen Reiches, Erneuerung des Kaisertums. 145

kräftigen Keime der christlichen Mission. Mit großem Blicke
ausgestattet zogen die Glaubensboten noch unter Otto weit
hinaus über die ursprünglichen Grenzen kriegerischer Einwirkung.
In Polen nahm Herzog Misaca das Christentum an; im
Jahre 961 baten die Russen um deutsche Missionare. In Böhmen
war Herzog Boleslaw II. (seit 967) dem Christentum geneigt;
schon eröffneten sich Aussichten auf ein Bistum Prag, die sich
dann unter Otto II. verwirklichten. In Dänemark endlich
beugte sich König Harald unter die Taufe, und die Predigt der
deutschen Bischöfe zeitigte reiche Ernte.
Das alles ermunterte zur endgiltigen Regelung der kirch—
lichen Verhältnisse im Norden Deutschlands. Schon früh faßte
sie Otto ins Auge; aber erst spät gelang sie ihm nach lang—
wierigen Verhandlungen. Magdeburg ward Erzbistum; am
Weihnachtstage des Jahres 968 weihte der erste Erzhirt, der
sittenstrenge und kluge Abt Adalbert von Weißenburg, früher
Missionsbischof unter den Russen, die ersten Bischöfe der drei
neu errichteten Untersprengel Merseburg, Zeitz und Meißen;
zugleich unterstellte er sich die älteren Bistümer Havelberg und
Brandenburg, zu denen bald noch ein polnisches Bistum Posen
hinzutrat.
Es war eine gewaltige kirchliche Organisation neben jener
der bremisch-hamburgischen Kirche: beide Erzbistümer zusammen
zeigten weit über die Dänen- und Slawenpolitik Ottos des
Großen hinaus dem deutschen Einfluß die Wege in die unend⸗
lichen Gebiete des Nordens und Ostens.

IV.

Die Slawenpolitik war die überlieferte, die in besonderem
Sinne nationale Politik der Ottonen. Indem das Reich sich
aber immer mehr festigte, wurde König Otto um so mehr auch
in eine äußere Politik über diejenigen Grenzen hinaus verstrickt,
die der Heimat seines Geschlechtes ferner lagen.
Lange Zeit schon hatten das westfränkische und das ost⸗
fränkische Reich um die führende Stellung in Mitteleuropa
Lamprecht, Deutsche Geschichte M. 10
        <pb n="161" />
        46 Sechstes Buch. Erstes Kapitel.

miteinander gerungen. Das jeweilige Übergewicht des einen
oder des anderen Teiles zeigte sich, wie noch heute, im Besitz
der streitigen Gebiete an der beiderseitigen Grenze, damals des
lothringischen Herzogtums. Heinrich J. hatte es an Deutschland
gebracht, aber jeder einigermaßen mächtige westfränkische König
des 10. Jahrhunderts strebte darnach, es zurückzuerobern. So auch
Ludwig IV., der Sohn Karls des Einfältigen. Am englischen
Hofe flüchtig lebend, war er nach dem Tode Rudolfs II. von
Burgund und Westfranken im Jahre 936 auf den Thron seiner
Ahnen zurückgerufen worden von einer Partei, der der
Übergang der Krone an den mächtigen Herzog Hugo von Francien
widerstrebte. Sofort suchte er allgemeinere Anerkennung zu
finden, indem er sich gegen Lothringen wandte. Der Augen—
blick war günstig; Otto war in die inneren Stammes- und
Familienkriege seiner ersten Regierungsjahre verwickelt. Otto
half sich gegenüber den westfränkischen Machenschaften und Feld—
zügen durch Unterstützung der inneren Feinde Ludwigs und trat
so den unaufhörlichen Wirren des westlichen Reiches näher.
Die Folge war, daß sich die Gegenwirkungen der Könige
allmählich ausglichen; man erkannte das Unfruchtbare der
beiderseitigen Eingriffe und brachte es im Jahre 942 zu
Voyse an der Maas zu einer freundschaftlichen persönlichen
Begegnung, wobei Ludwig vermutlich auf Lothringen verzichtete,
während Otto zwischen den westfränkischen Großen und Ludwig
zu vermitteln versprach.
Allein die nächsten Jahre verliefen trotzdem für Ludwig
von Frankreich ungünstig; um 945 war er völlig machtlos.
Nun trat Otto unmittelbar für ihn ein. Im Jahre 946 unter—
nahm er einen großen Zug nach Westfranken, der sich natur—
gemäß gegen Herzog Hugo von Francien, den Hauptfeind Lud—
wigs, richtete, belagerte Laon, Reims, Senlis und Rouen, wenn
auch teilweis vergebens, verwüstete die Normandie und kehrte
bei nahendem Winter in die Heimat zurück.
Die Fahrt, militärisch glänzend, nützte Ludwig nichts.
König Otto gebrach es an Organen, die Großen Frankreichs
dauernd an ihren rechtmäßigen Herrscher zu fesseln. Über diese
        <pb n="162" />
        Gründung des deutschen Reiches, Erneuerung des Kaisertums. 147

verfügte im 10. Jahrhundert nur eine, allen westeuropäischen
Nationen gleich allgegenwärtige Institution, die Kirche. Nur
sie konnte durch unablässige Anwendung ihrer Gnaden und ihrer
Schreckmittel die Großen der Treue gegen Ludwig unterwinden.
Diese Macht rief Otto jetzt an; immer mehr nahm er
die Kirche für seine Politik grundsätzlich in Anspruch. Auf
sein Drängen schrieb Papst Agapit II. eine allgemeine Synode
der deutschen und westfränkischen Bischöfe nach Ingelheim aus;
sie tagte im Juni 948 mit dem offenen Programm, Ludwig zu
stützen. Hugo von Francien ward mit dem Banne bedroht;
als er sich nicht fügte, dieser auf einer neuen Synode zu Trier
über ihn verkündet. Zur Vollstreckung der Sentenz sandte König
Otto den Herzog Konrad von Lothringen gegen Hugo; nach
wiederholten Feldzügen stiftete Konrad Ruhe, die bis zum Tode
König Ludwigs im Jahre 954 erhalten blieb.
Darnach ging die Pflege der westlichen Beziehungen fast
ganz an Erzbischof Bruno von Köln, Ottos Bruder, über; er
hat es verstanden, die einzelnen Parteien Frankreichs durch
feinfühlige Vermittlung in gegenseitiger Spannung zu halten
und dadurch Lothringen dauernd an das Reich zu fesseln.
Im ganzen blieb das Übergewicht Deutschlands über das
westfränkische Reich unbestritten, fand es auch nicht immer den
starken Ausdruck der vierziger Jahre, während derer König
Otto als Schiedsrichter, ja als Herr der Schicksale des Westens
bezeichnet werden konnte. Erst als Frankreich die furchtbare
Erbschaft der karlingischen Zerrüttung überwunden hatte, die
ungleich schwerer auf ihm denn auf Deutschland lastete: erst,
als es jene nationale Gleichartigkeit des Volkstums gewonnen,
die, in Deutschland viel früher möglich, unserm Volke im
10. Jahrhundert einen nicht auszugleichenden politischen Vor—
sprung vor den werdenden Nationen der Romanen gab, trat es
ebenbürtig in den Reigen der Völker, um Deutschland bald
in der Kultur und schließlich auf langehin auch politisch zu
überflügeln.
Unter den Ottonen aber und Saliern wandte sich das
deutsche Interesse vielnehr Burgund und Italien zu: Bur—
gund und Italien sollten zusammen mit Feutschland
        <pb n="163" />
        148

Sechstes Buch. Erstes Kapitel.

seit Kaiser Konrad II. das römische Reich deutscher Nation
bilden.
Mit Burgund kam König Otto zum erstenmale gelegentlich
eines Feldzuges zu Gunsten König Ludwigs von Frankreich in
Berührung. König Rudolf II. hatte hier im Jahre 937
sterbend einen minderjährigen Sohn Konrad und eine Tochter
Adelheid hinterlassen; Adelheid, die spätere Gemahlin Ottos,
war seit jungen Jahren mit Lothar, dem Sohne König Hugos
von Italien, verlobt. Otto bemächtigte sich im Sommer 940
Konrads; bis zum Jahre 943 blieb der junge König am deut—
schen Hofe, um dann in Vormundschaft und loser Obergewalt
Dttos nach Burgund zurückzukehren.
In Italien hatten zu Zeiten König Heinrichs J. die Herzöge
der Schwaben und Baiern wiederholt in die ewigen Wirren
eingegriffen. Die karlingische Universalherrschaft des 8. und
9. Jahrhunderts hatte hier der kräftigen, von ausgeprägtem
Nationalgefühl getragenen Entwickelung der Langobarden den
Garaus gemacht. Mit dem Verfall des Karlingenreiches traten
die Folgen hervor. Im Verlaufe von nicht ganz drei Ge—
schlechtern wurden zwölf Usurpatoren Könige von Italien; vier
von ihren waren einheimische Große, vier burgundische, drei
deutsch-karlingische, einer ein französischer Fürst. Sie alle fast
wurden durch Parteiungen gestürzt. Die politische Entsittlichung
war allgemein; nicht bloß in Rom hing das Schicksal des
Volkes von den Launen hochstehender Buhlerinnen ab.
Seit 926 entwickelte dann König Hugo, ein Burgunder,
in Oberitalien eine etwas stärkere Herrschaft; sofort strebte er,
sie auf Mittelitalien und Rom zu erweitern. Schon sah er
sich seinem Ziele durch Verheiratung mit der wollüstigen, in
Mittelitalien mächtigen Marozia nahe, da standen die Römer
auf und vertrieben ihn unter der Führung Alberichs, eines
Sohnes der Marozia, und Alberich begründete in Rom eine
eigene Herrschaft.
Diese Mißerfolge im Süden waren auch für die längst
        <pb n="164" />
        Gründung des deutschen Reiches, Erneuerung des Kaisertums. 149

verhaßte Herrschaft Hugos in Oberitalien verhängnisvoll.
Markgraf Berengar von Jorea, ein Enkel des einstigen Schatten—
kaisers Berengar, der vor der Rache Hugos nach Deutschland
geflohen war und schließlich am Hofe König Ottos gelebt hatte,
kehrte im Jahre 945 mit einem kleinen Heere nach Italien
zurück, trieb Hugo in die Verbannung und regierte nun ge—
meinsam mit Hugos Sohne Lothar, dem freilich nur Titel und
Würden blieben, und der sich nunmehr mit Adelheid von
Burgund, seiner Braut seit dem Jahre 937, vermählte.
Allein die neuen Verhältnisse versprachen keine Dauer
Berengar strebte, wie Hugo, nach Rom, obgleich Alberich willens
war, die byzantinische Macht gegen ihn aufzubieten, die alte
Peinigerin Italiens, obgleich das Land von Ungarnzügen zer⸗
—DDDD
die Felsen der Riviera umspülte.
Die Folge all dieser inneren Unruhe war, daß die süd—
deutschen Herzöge, jetzt Liudolf von Schwaben und Heinrich von
Baiern, Sohn und Bruder König Ottos, wiederum ihre Blicke
aufmerksamer über die Alpen wandten. Im Jahre 950 erschien
Heinrich von Baiern und eroberte das Herzogtum Friaul, das
ganze Ostgebiet Oberitaliens. Anfang 951 zog Liudolf von
Schwaben nach Mailand zu, gegen das Herz des Landes, und
nur der eifersüchtigen Gegenwirkung seines Oheims Heinrich war
es wohl zuzuschreiben, daß ihm der Sturz Berengars nicht
gelang.

Während dieser Ereignisse hatten sich andere, schwerer
wiegende Entscheidungen nördlich wie südlich der Alpen vor—
bereitet. Noch im Jahre 950 war König Lothar von Italien
gestorben und Berengar hatte die Alleinherrschaft an sich zu bringen
gesucht, war aber auf den Widerstand einer Gegenpartei ge—
stoßen, von der die burgundische Adelheid, die Witwe Lothars,
in den Vordergrund gestellt ward. Demgegenüber setzte Berengar
die schöne Witwe gefangen, ja soll versucht haben, sie durch
empörende Mißhandlung zur Ehe mit seinem Sohne Adalbert
        <pb n="165" />
        150 Sechstes Buch. Erstes Kapitel.

zu zwingen!, um ihre vermeintlichen Ansprüche auf das Reich
mit denen seines Hauses zu vereinigen.
In diesem Augenblick griff König Otto ein. Er konnte
die Initiative jenseits der Alpen nicht mehr, wie sein Vater,
den süddeutschen Herzögen überlassen, mochten sie seine Ver—
wandten sein oder nicht. Die Zeitgenossen sagen, er habe nach
der italienischen Krone gestrebt. Jedenfalls schuf er sich ein
staatsrechtlich zweifelhaftes, menschlich überaus starkes und
darum volkstümliches Argument für seine Einmischung, indem
er als Freier Adelheids, der schönen, grausam gequälten Witwe,
auftrat.
Im Herbst 951 ging er über die Alpen; es war ein fast
unblutiger Siegeszug. In Pavia empfing er am 28. September
die Huldigung der Großen des Landes; noch vor Weihnacht
feierte er das Beilager mit Adelheid, die sich inzwischen in
kühnem Wagen selbst befreit hatte. Wie im Traum folgten
sich die Ereignisse; beinahe mühelos war Otto Langobarden⸗
könig geworden.
Für Liudolf von Schwaben waren es bittre Wirklichkeiten.
Mochte Friaul bei Baiern bleiben, so war das Centrum Ober⸗
italiens dem Reiche zugefallen, für Schwaben und somit zu—
nächst auch für ihn verloren. Sein Oheim Heinrich, der ihm
die ersten kriegerischen Lorbeeren in Italien zerpflückt, der, von
verletzendem Witze, nur zu leicht fremdes Unglück verhöhnte,
hatte gesiegt. Sein Vater, der König, war eine neue Ehe ein—
gegangen: sollten etwa gar deren Sprossen ihn dereinst an
Ehre und Würden, ja in der Nachfolge am Reich überholen,
wie Otto den Erstgeborenen König Heinrichs, Thankmar, über—
flügelt hatte?
Ohne Urlaub des Königs ging Liudolf aus Italien nach
Schwaben zurück, mit ihm Erzbischof Friedrich von Mainz,
ein grundsätzlicher Gegner der königlichen Kirchenpolitik auf
jenem ersten Bischofssitze des Reichs, dessen allzu große Be—
deutung Otto schon seit längerer Zeit durch Übertragung der
Bgl. Dümmler, Otto der Große, S. 191 Anm. 1; Fietz, Geschichte
Berengars, S. 22.
        <pb n="166" />
        Gründung des deutschen Reiches, Erneuerung des KNaisertums 151

wichtigsten Geschäfte der Reichsverwaltung an seinen Bruder
Brun zu brechen versucht hatte.
König Otto hatte nach den raschen Erfolgen in Oberitalien
alsbald das Kühnste erhofft: die Kaiserkrone schien ihm zu
winken. Jetzt wurde sein Heer durch den Abmarsch Liudolfs
geschwächt; Alberich von Rom, der dem Ereignis der Kaiser—
krönung mit Schrecken entgegengesehen hatte, wagte zu trotzen,
Papst Agapit II. weigerte dem königlichen Bittsteller die Krone.
Otto vermochte demgegenüber nichts; er ging nach Deutsch-—
land zurück, schweren Ereignissen entgegen.
Liudolf hatte sich nach Saalfeld im Thüringischen begeben;
er kannte die weitgärende Unzufriedenheit unter dem sächsischen
Adel, hier suchte er Bundesgenossen der Empörung. Unerwartet
erhielt er noch außerhalb Sachsens einen wichtigen Helfer, den
Herzog Konrad von Lothringen. Konrad war von König Otto
in Italien zurückgelassen worden, um Berengars Herrschaft
vollends zu stürzen. Es war ihm gelungen, Berengar gefangen
zu nehmen, und er hatte mit ihm bestimmte Bedingungen
künftiger Unterherrschaft unter der Oberherrlichkeit des deutschen
Königs vereinbart. Diese Bedingungen verwarf Otto als zu
günstig für Berengar; strengere traten an die Stelle; gleich—
zeitig mußte Berengar die schönen Marken Istrien, Aquileia,
Verona und Trient, das ganze alte Herzogtum Friaul, an Baiern
abtreten; Konrad ging unbedankt von dannen. Wie so oft im
früheren Mittelalter aus Vorkommnissen persönlichster Natur
politische Entschlüsse geflossen sind, so scheint sich Konrad aus
persönlicher Erbitterung auf Seite Liudolfs gestellt zu haben.
Vor Ostern 953 geriet der König, obwohl gewarnt, völlig
in die Fallstricke der Verschwörer. In Mainz legten ihm,
waffenlos, wie er war, Liudolf und Konrad unter der Ver—
mittlung des Erzbischofs Friedrich Bedingungen der Unter—
werfung auf, die er sogleich, nachdem er in Sachsen freier Herr
seines königlichen Willens geworden, als erzwungen widerrief.
Und nun begannen allenthalben die offenen Bewegungen.
Liudolf und Konrad wurden ihrer Herzogtümer entsetzt;
        <pb n="167" />
        152

Sechstes Buch. Erstes Kapitel.

sie griffen zu den Waffen. Während die Entscheidung in einem
um Mainz konzentrierten Festungskriege ungleich schwankte,
drohte ein längst gärender Aufstand in Sachsen, kam es in
Baiern zur Empörung, blieben in Schwaben nur wenige Grafen,
und allen voran der heilige Ulrich, Bischof von Augsburg, getreu:
der König schien verloren.
In diesem Augenblick kam ihm in eigenartiger Weise
Rettung, indem ihm Gelegenheit ward, den Gedanken des
nationalen Ganzen, die Notwendigkeit einer zentralen Gewalt
gegenüber dem Haß der Stämme, der Abneigung des altsässigen
Adels, der Unbotmäßigkeit in der eigenen Familie machtvoll
und glanzreich zu vertreten.
Schon längst hatten die Ungarn seit den Tagen König
Heinrichs ihre Züge wiederholt; erst seit etwa 948 begannen
ihnen die Herzöge von Baiern mit ihrer partikularen Kriegsmacht
entgegenzutreten. Jetzt, unter den Wirren des Reiches, drangen
sie furchtbar vor; Baiern, Schwaben, Lothringen, Westfrauken
wurden gleich entsetzlich verwüstet. In dieser grauenvollen Zeit,
während Liudolf dem Landesfeinde Führer schickte, sie zu ge⸗
leiten, und Konrad mit ihnen ein Bündnis schloß, vertrat Otto
allein Ehre und Selbständigkeit des Reiches. Sofort zog er
mit einem Heere nach Baiern, und traf er die Ungarn nicht
mehr an, so vermochte er wenigstens sein Heer zur Beruhigung
des Herzogtums zu gebrauchen. Es war die entscheidende
Wendung; von da ab schrumpfte der Aufstand zusammen.
Bald machten Konrad von Lothringen und Erzbischof Friedrich
von Mainz ihren Frieden mit den König; auch Liudolf wußte
die Verzeihung des Vaters zu erlangen. Ein Reichstag zu
Arnstadt, am 17. Dezember 954, brachte endlich die endgültige
Auseinandersetzung über das Schicksal der Empörer. Der
Erzbischof war inzwischen gestorben. Konrad und Liudolf
wurden ihrer Herzogsämter noch einmal entsetzt, doch behielten
sie ihr Eigengut. Konrad starb nachmals den ehrenvollsten
Tod in der Ungarnschlacht auf dem Lechfeld; Liudolf hat seine
Fehler durch kraftvolles Eintreten für die Macht des Vaters
        <pb n="168" />
        Gründung des deutschen Reiches, Erneuerung des Kaisertums. 153

in Oberitalien gebüßt; doch vorzeitig erlag er dem italienischen
Klima, am 6. September 957.
Zu unterwerfen blieb jetzt nur noch Baiern: schon im
Jahre 955 vermochte Otto nach der Einnahme Regensburgs
das Land seinem Bruder Heinrich von neuem zu überweisen.
Zugleich aber zeigte er noch im gleichen Jahre eben den Baiern,
dem selbständigsten Stamme des Reiches, daß nur im Reichs—
verbande das Schicksal der Stämme gesichert sei.
Von neuem fielen die Ungarn ein; die Baiern vor allem
hatten die Kosten des Raubzuges zu tragen, bis sich die Haupt⸗
macht des Feindes in der Gegend von Augsburg lagerte. Hier,
auf dem Lechfelde, trat ihnen Otto mit der gesamten Macht
des Reiches, ausgenommen die in slawischer Grenzhut beschäftigten
Sachsen, entgegen. Am Tage des hl. Laurentius, am 10. August
55, kam es zu einer der größesten Schlachten des Jahrhunderts.
Die Ungarn wurden völlig besiegt; was die Schlacht überlebte,
ward von der erbitterten Bevölkerung Ostbaierns fliehend zu—
sammengehauen.
Es war das Ende der Ungarnkriege für Deutschland, für
Europa; schon die Zeitgenossen haben das Ereignis in seiner
universalen Bedeutung mit der Schlacht von Tours und Poitiers
verglichen; von nun ab war die europäische Kultur geschützt
vor der Bedrohung durch die Heiben des Ostens.
Für Deutschland aber bedeutete der große Erfolg noch
mehr. Das germanische Element begann sich jetzt jenseits der
Enns einzuführen; die bairische Ostmark, die Anfänge gsterreichs
wurden entwickelt als ein Gegenstück zu den rechtselbischen
Slawenmarken des Nordens: beide deutsche Großstaaten der
Gegenwart können ihre Anfänge bis auf Otto zurückleiten.
Zugleich werden die Ungarn nun seßhafter, obschon sich ihre
Scharen noch eine Zeitlang donauabwärts ergossen; durch
christliche Missionsthätigkeit von Passau her gewinnt das sprach⸗
fremde Volk allmählich Zusammenhang mit der europäischen
Völkerfamilie, bis ums Jahr 1000 von Stephan dem Heiligen
ein erstes ungarisches Reich nach Art westlicher Verfassungs—
bildungen begründet wird.
        <pb n="169" />
        154 Sechstes Buch. Erstes Kapitel.

In der inneren Geschichte unseres Volkes schließt der Sieg
auf dem Lechfelde die einheimischen Wirren der fünfziger Jahre
des 10. Jahrhunderts ab, eine versöhnende Beweisführung
gleichsam zu Gunsten der königlichen Gewalten. Und schon
hatte Otto aus der neuen Machtstellung, die ihm seine Siege
über die inneren wie über die äußeren Feinde verliehen hatten,
neue Folgerungen zu ziehen begonnen.
Während des Aufstandes waren die Erzbischöfe von Köln
und Mainz gestorben, die Herzöge von Schwaben und Lothringen
abgesetzt worden; Herzog Heinrich von Baiern starb im Herbste
9565, bald darauf auch der Erzbischof von Trier: alle Herzogs—
ämter, alle rheinischen Erzstühle waren binnen wenigen Jahren
neu zu besetzen.
Otto benutzte die Gelegenheit zu einer Schwenkung in der
inneren Politik. Schwaben und Baiern wurden jetzt wiederum
einheimischen oder halb einheimischen Geschlechtern überlassen,
aber ohne die Anerkennung irgend einer Art von Erbrecht.
Lothringen, schon etwas früher erledigt, wurde zunächst dem
gelehrten Bruder des Königs, Bruno, der zum Kölner Erz—-bischof
 ernannt ward, in Verwaltung gegeben; später ward
es in zwei Hälften nördlich und südlich des Gebirgsmassivs
der Ardennen aufgelöst, die unter der obern Aufsicht Bruns
verharrten. Der Mainzer Erzstuhl kam an Wilhelm, einen
außerehelichen Sohn, Trier an Heinrich, einen entfernten Ver—
wandten des Königs.
Die Herzogtümer wurden zu bloßen Amtern herabgedrückt
oder zerschlagen; sie wurden mit unbedeutenderen Kräften be—
setzt; die Mitglieder der königlichen Familie selbst und bald nach
ihnen fast alle vertrauten Freunde seiner Politik brachte Otto—
in die hervorragendsten kirchlichen Amter. Als Herzöge hatten
seine Verwandten und Anhänger ihm nochmals widerstanden;
als Erzbischöfe und Bischöfe sollten sie ihm, so durfte er hoffen,
mehr zu Willen sein.
Es war ein Schritt, der den politischen und sozialen Ein—
fluß im Reich völlig zu Gunsten der vom Herrscher geleiteten
Kirche verschob. Die Bischöfe wurden die Werkzeuge der Krone;
        <pb n="170" />
        Gründung des deutschen Reiches; Erneuerung des Kaisertums. 155

Otto stützte sich von nun ab auf die Kirche: trug die erste
Hälfte seiner Regierung den Stempel eines Zeitalters der
Herzöge, der dominierenden Laiengewalten, die zweite wird sich
als kirchlich, als Zeitalter der Bischöfe kennzeichnen.
Es war ein Schritt von fast unberechenbaren Folgen. Die
Kirche war in jener Zeit, wie im früheren Mittelalter über—
haupt, die Trägerin wichtigster Ideen. Trat sie zum Staat in
ein näheres Verhältnis als bisher, so mußte das staatliche
Leben sich mit diesen vielmehr als bisher erfüllen. Die Kirche
war in dieser Zeit ferner die einzige Macht, welche die Ein—
nahmen eines großen Vermögens vornehmlich zu sozialen, nicht
zu privaten Zwecken verwandte. Sie stand in dieser Hinsicht,
in ihrer Verfassung noch ein Erzeugnis der römischen Kaiser—
zeit, auf einem Standpunkte, den Staaten nur in Zeitaltern
hoher Kultur zu erreichen pflegen. Sie mußte dem Staate,
wurde sie eng mit ihm verquickt, einen Abglanz dieser höheren
Aufgaben vermitteln; sie mußte ihm weit über den alt—
germanischen Friedenszweck des Mittelalters hinaus als Ideal
nahelegen, für Menschlichkeit und Sittlichkeit zu wirken; sie
vermochte vor allem den umfassenden Verwaltungsapparat, den
sie zunächst für ideale, kirchliche Ziele entwickelt hatte, der
Zentralgewalt für königliche, politische, zentralistische Zwecke
zur Verfügung zu stellen. Darauf besonders kam es Otto dem
Großen an. Denn seinerseits etwa in das Getriebe der kirch—
lichen Verwaltung oder gar in die Entwicklung des Dogmas
einzugreifen, wie die Zeiten Karls des Großen gethan hatten,
ist ihm nie in den Sinn gekommen.
Langsam vollzog sich in den letzten Jahrzehnten Ottos des
Großen und unter seinem Nachfolger die völlige Durchdringung
der Kirche und des Staates. Der König verfügte über die
Bischöfe als über Verwaltungsbeamte, die niemals erblich
werden konnten; er ernannte und beaufsichtigte sie; er verwandte
alle kirchlichen Mittel, gelegentlich bis zu deren Erschöpfung,
für politische Zwecke. Die Kirche erfreute sich des absolutesten
staatlichen Schutzes; es war selbstverständlich, daß die Könige
fromme Herrscher waren; sie gewann eine Fülle nutzbarer
        <pb n="171" />
        156 Sechstes Buch. Erstes RKapitel.

Hoheitsrechte; sie gelangte in den Besitz auch ursprünglich
staatlicher hoher Verwaltungsstellen, vor allem der Grafschaften.
Den beiden großen Instituten des menschlichen Daseins, dem
diesseitig-weltlichen wie dem transscendenten, schien im edlen
Wetteifer um das allseitige Heil des Einzelnen und des Ganzen
alles gemein zu werden.
Aber sollte die Frage nach der Überordnung der einen
Macht über die andere niemals aufgeworfen werden? Otto
hatte die Kirche mit dem Staat eng verschlungen, um durch
sie zu herrschen; wollte er dauernd ihres Beistandes sicher sein,
so mußte er den Universalbischof der Kirche in seinen Händen
haben. Die kirchliche Politik der fünfziger Jahre trieb den
deutschen Kirchengewaltigen notwendigerweise nach Rom, den
nationalen König zur Kaiserkrone.

V.

Nach Ottos Heimkehr aus Italien im Jahre 951 war die
italienische Entwickelung viele Jahre hindurch sich selbst überlassen
geblieben. Berengar nutzte diese Zeit aus zur festeren Begrün—
dung seiner Herrschaft und ward hierbei nur selten und nie mit
dauerndem Erfolge von Deutschland her unterbrochen. Und
kaum war er wieder völlig Herr im Lande, so versuchte er, ge⸗
mäß dem alten Drange jedes oberitalischen Königtums, gegen
den Papst vorzugehen und der Einnahme Roms zunächst mittel⸗
bar, durch einen Angriff auf Spoleto näher zu kommen.
In Rom hatten die letzten Generationen ein schlimmes Zeit—
alter heraufziehen sehen. Nach endlosen Wirren der Adels—
parteien hatte Sergius III. (904 -911) den Stuhl des heiligen
Petrus bestiegen, ein Buhle der berüchtigten Marozia; einer
seiner nächsten Nachfolger, Johann X. (914-928), vorher Erz⸗
bischof von Ravenna, verdankte seine Erhöhung der Liebessehn⸗
sucht der jüngeren Theodora und fiel durch die Hand eines
Meuchlers, den Marozia, Theodorens Schwester, gedungen. Dar⸗
nach setzte Marozia zwei Päpste ein, als dritten ihren Sohn
Johann XIL., nach dessen Tode ein anderer Sohn von ihr,
        <pb n="172" />
        Gründung des deutschen Reiches, Erneuerung des Kaisertums. 157

Alberich, als senatorischer Beherrscher der Römer vier weitere
Päpste ernannte. Nach Alberichs Tode erbte dessen Sohn Octa—
vianus das Machtgebot des Vaters und beherrschte, ein wollüstiger
und verbrecherischer Jüngling, als Papst Johann XII. zugleich
Kirche und Staat.
Dieser Papst nun ward von Berengar bedroht; er bat König
Otto um Hilfe. Politisch ist es die Lage des Papsttums gegen—
üͤber König Pippin: gegen den einheimischen Bedränger erschallt
der Ruf nach fremder Vermittlung; moralisch ist die Situation
für Otto ungleich günstiger: diesem Papste, dieser Vergangenheit
und Gegenwart des Papsttums gegenüber gab es keinerlei kirch—
liche Bedenken.
König Otto brach im Jahre 961 von Deutschland auf,
nachdem er seinen siebenjährigen, gleichnamigen Sohn wider⸗
standslosn zum König hatte wählen und krönen lassen. Er
zog majestätisch durch Oberitalien; am 2. Februar 962 empfing
er mit seiner Gemahlin aus den Händen des Vapstes die Kaiser—
krone.

Es war das selbstverständliche Ergebnis des päpstlichen
Hilferufes und der innern Lage in Deutschland. Nicht als Im—
perator im Sinne der Alten ward daher Otto in Rom von seinem
sauchzenden Heere begrüßt. So sehr noch gelehrte Zeitgenossen
mit dem kaiserlichen Diadem den Anspruch auf Weltherrschaft
verknüpfen mochten, der Politiker des 10. Jahrhunderts, der die
furchtbaren Schicksale kannte, die sich mit dieser Krone seit
dem Verfall der Karlingen verknüpft hatten, konnte ihre symbo—
lische Bedeutung nur finden in einem moralischen Übergewicht
des deutschen Reiches über die schwächeren Nachbarstaaten, ihre
nächste Wirkung in der thatsächlichen Ausübung einer obersten
Schutzherrschaft über die Kirche.
So hat auch Otto der Große gedacht, so überzeugt er im
übrigen von der unendlichen Erhabenheit des gesalbten Herrschers
war. Darum entwickelte er aus der neuen Würde keineswegs

Die Wahl eines so jugendlichen Königs galt als durchaus un—
gewöhnlich (Liudpr. Hist. Ott. e. 2) und birgt in der That einen gewissen
Widerspruch zum Prinzip des Wahlrechts.
        <pb n="173" />
        158 Sechstes Buch. Erstes Kapitel.

den Anspruch einer absoluten Gewalt im Innern, wie es noch
Karl der Große nach dem Vorbild der römischen Cäsaren gethan;
er suchte sie vornehmlich auszunutzen nur zur Beherrschung der
Kirche und Italiens.
Schon wenige Tage nach der Kaiserkrönung ließ er sich
von einer Synode in der Peterskirche das Recht übertragen, die
kirchlichen Verhältnisse im Slawenlande unter Begründung eines
Erzbistums in Magdeburg und eines Bistums in Merseburg
von sich aus zu ordnen: es war der Anfang einer kaiserlichen
Kirchenhoheit in Deutschland. Darauf fetzte er von sich aus
und in kaiserlichem Sinne eine Reihe allgemein kirchlicher Be—
schlüsse durch: dem Papste sollte kein Zweifel bleiben, daß der
Kaifer seine Macht als über dem Stuhle Petri stehend betrachte.
Der Papst fügte sich scheinbar; als aber Otto Rom ver—
lassen hatte, da schritt er in Verbindung mit bedeutenden Resten
des deutschfeindlichen Widerstandes in Oberitalien zur Empörung.
Keine bessere Wendung hätte der Kaiser wünschen können. Er
kehrte im Herbst 963 nach Rom zurück; er ließ sich von den
Römern einen Eid schwören, niemals einen Papst zu wählen
und zu weihen ohne seine und seines Sohnes Otto Zustimmung;
er setzte darauf nach langen synodalen Beratungen die Em—
fernung des unwürdigen Papstes vom Stuhle Petri durch
wegen Meineid, Unzucht, Simonie. Tempelraub und zahlreicher
andrer Verbrechen.
Der Triumph des Kaisers war vollständig; die moralische
Autorität schien auf ihn übergegangen; er war das wirkliche
Haupt der Kirche. Auf sein Geheiß ward ein neuer Papst,
Leo VIII. gewählt, persönlich ehrenhaft, aber nicht frei von
kanonischen Mängeln. Die Partei des abgesetzten Papstes,
Johanns XII., eiferte gegen ihn; als Johann am 14. Mai 964
in wollüstigem Taumel verendet war, wählte sie den gelehrten
Kardinaldiakon Benedikt zum Gegenpapste. Aber der Kaiser ließ
sich nicht beirren. Von neuem zog er gegen Rom; „wenn ich mein
Schwert fahren lasse, dann will ich auch die Wiedereinsetzung
Leos aufgeben“, soll er geäußert haben!. Ein furchtbares Straf⸗

Lib. pont. II ed. Duchesne 8. 246, 24.
        <pb n="174" />
        Gründung des deutschen Reiches, Erneuerung des Kaisertums. 159

gericht entlud sich über den Anhängern des Gegenpapstes;
Benedikt selbst starb verbannt in Hamburg.
Dieser Schlag vernichtete auch die berechtigte Selbständig—
keit des Papsttums; ganz schien es jetzt dem Imperium unter—
worfen; Otto hatte die Stellung erreicht, welche die deutschen
Herrscher bis auf Heinrich IIII gegenüber den Päpsten mit ge—
ringen Unterbrechungen festgehalten haben.
Als Sieger kehrte der Kaiser zurück; Anfang 905 war er in
St. Gallen und Reichenau; von hier zog er langsam durch Schwaben
und den Rhein hinab bis Köln, bald diesen, bald jenen seiner
Angehörigen nach einer Abwesenheit manchen Jahres begrüßend:
es war der stolzeste Augenblick in der Geschichte der Liudolfingen.
Aber bald ergaben sich die Zustände in Italien als nicht
haltbar geordnet. Kaum hatte der Kaiser das Land verlassen,
so brach in Oberitalien ein Aufstand aus, ward der kaiserliche
Papst von den Römern gefangen gesetzt. Sofort wandte sich
Otto südwärts; seine Ankunft in Rom ward durch Hinrichtungen
und Verbannungen bezeichnet; der Stadtpräfekt Peter wurde mit
den Haaren an dem Reiterstandbild Mark Aurels aufgehängt,
dann nackend auf einen Esel rücklings gesetzt und durch die
Stadt geführt, endlich gegeißelt und vertrieben; selbst der Gräber
toter Feinde ward nicht geschont. Der Paroxysmus des Zorns
spricht aus diesen Maßregeln; ruhige Überlegung zeigte dem
Kaiser bald, daß sie nicht geeignet waren, den wetterwendischen
Sinn der Römer zu fesseln.
Rom und das Papsttum waren nur zu beherrschen, be—
herrschte man alle Grenzen des Patrimoniums Petri, war man
Herr auch im Süden der Stadt. So wiesen Kaiserkrönung und
Kirchenherrschaft unerbittlich nach Unteritalien, zunächst auf die
langobardischen Herrschaften des Landes. Und schon hatten sich
einige Große dieser Fürstentümer in Rom dem Kaiser genaht,
allen voran Pandulf der Eisenkopf, Fürst von Capua. Otto
ergriff sofort die Gelegenheit, sie an sich zu fesseln: hatten doch
ihre Herrschaften dem Karlingischen Reiche angehört. Pandulf
wurde außer Capua mit den Marken Spoleto und Camerino be—
        <pb n="175" />
        160

Sechstes Buch. Erstes Kapitel.

lehnt, sein Oheim Landulf trat mit dem Fürstentum Benevent
ebenfalls unter die Oberhoheit des Reiches.
Indem der Kaiser diese Maßregeln ergriff oder billigte, ent—
faltete er ein Programm von beinahe unabsehbaren Schwierigkeiten,
that er über die Absicht, den Papst zu beherrschen, hinaus, wenn
auch wohl nur von dieser Absicht getragen, den ersten Schritt
zum Universalreich, und damit zum Kampfe gegen die bestehenden
Weltreiche der Byzantiner und auch des Islams.
Otto selbst mag schon die späteren Konsequenzen seines
Handelns dunkel geahnt haben. Nach dem Beispiel Karls des
Großen beschloß er, sie durch eine Verschwägerung mit dem
byzantinischen Herrscherhause zu umgehen; winkte doch auf diesem
Wege auch die Möglichkeit einer mittelbaren Anerkennung des
neuen westlichen Kaisertums durch den Osten.
So eröffnete er Verhandlungen in Konstantinopel, die
zur Vermählung seines Sohnes Otto mit einer Prinzessin des
oströmischen Kaisers führen sollten, und in der Voraussetzung
eines Erfolges setzte er die Kaiserkrönung des jungen Otto am
Weihnachtstage des Jahres 967 durch. Allein er hatte die
Rechnung ohne die lächerliche Uberhebung der Byzantiner
gemacht. Als Preis der Vermählung forderte Byzanz
angeblich die Abtretung Italiens! Der alternde Kaiser erteilte
die richtige Antwort, indem er in die griechischen Gebiete Unter—
italiens einfiel und, nach anfänglich schlimmen Erfahrungen,
späteren Siegen, beinahe ganz Apulien besetzte.
Diesen Vorgängen in Italien lief eine der hergebrachten
Palastrevolutionen in Konstantinopel zur Seite. Im Dezember
969 ließ die Kaiserin Theophanu, ihres tapfern aber rohen Ge—
mahls überdrüssig, diesen ermorden und setzte an dessen Stelle
seinen Vetter Timiszes. Timiszes, von Syrern, Donauslawen
und Deutschen zugleich angegriffen, lenkte gegenüber Otto ein.
Schon früher hatte Otto gegen Abschluß des erwünschten Ehe—
bundes die Räumung des griechischen Besitzes in Unteritalien
angeboten; jetzt übersandte man auf diese Bedingung von Byzanz
her an Stelle einer früher gewählten Prinzessin aus dem Hause
des Kaisers Romanos II. die Theophanu, eine Nichte des
        <pb n="176" />
        Gründung des deutschen Reiches, Erneuerung des Kaisertums. 161

Timiszet. In feierlicher Gesandtschaft wurde sie von Konstan⸗
tinopel nach Italien geleitet; erst sechzehn Jahre alt, doch ge—
reift und klug über ihr Alter, ward sie am 14. April 972 dem
ebenfalls sechzehniährigen Otto in der Peterskirche vermählt.
Es ist das Schlußereignis der Politik Ottos des Großen.
Der Kaiser erachtete die italischen Schwierigkeiten für gelöst;
gern kehrte er nach Deutschland heim, um sich von der Dauer
seiner Errungenschaften im Reiche und an der Slawengrenze zu
überzeugen. Da empfing ihn der Tod in der Pfalz zu Mem—
leben, am 7. Mai 973.

VI.

Kaiser Otto II. war ein Jüngling von siebzehn Jahren,
als er zur Herrschaft berufen ward. Nur kurze Zeit von seiner
Mutter Adelheid beeinflußt, stellte er sich, wenngleich persönlichen
Eindrücken leicht zugänglich, gegen die Erwartungen und Pläne
vieler Zeitgenossen überraschend schnell auf eigene Fuße. Seinem
Vater in der Wirkung der äußeren Persönlichkeit unterlegen,
klein, schmächtig, war er nach Absichten und Charakter sehr wohl
geeignet, die Richtung Ottos des Großen fortzusetzen. Er hatte
das gleiche feurige Temperament wie dieser; er gebot über die—
selbe unbeugsame, bisweilen in Eigensinn übergehende Willens—
kraft; an Verstand durfte er als seinem Vater überlegen gelten,
und jedenfalls verfügte er, anders wie dieser, über eine bis zur
Fähigkeit gelehrter Erörterung entwickelte Bildung.
Dieser Herrscher, lebensfrisch, anfangs beweglich bis zur
Überstürzung, ganz auf sich gestellt, begnügte sich mit nichten
mit der von Otto J. bewirkten inneren Befestigung des Reiches,
Schon seine ersten Maßregeln zeugen von einer rücksichtslos
durchgreifenden Energie.
Von den deutschen Herzogtümern waren zwei in der Hand
des Kaisers, Sachsen und Franken. Schwaben hatte sich während
der langen Regierung Ottos des Großen als hervorragend
königstreu bewiesen; in der ersten Aufstandsperiode hatten der
schwäbische Herzog, in der zweiten ein schwäbischer Bischof, der
heilige Ulrich von Augsburg, in glücklichster Weise an dem
Lamprecht. Deutiche Geichichte II. 11
        <pb n="177" />
        l62 Sechstes Buch. Erstes Kapitel.

Umschwung zu Gunsten des Königtums mitgewirkt. Anders
Lothringen und Baiern; das eine konnte als besonders unzu—
verlässig, das andere als zu selbständig gelten.
Baiern umfaßte damals neben dem eigentlichen Herzogtum
den sogenannten Nordgau, etwa das heutige Oberfranken, ferner
die Ostmark, das spätere sterreich, endlich im Südosten das
ganze Kärntnergebiet und das gewaltige, bis Istrien reichende
Herzogtum Friaul. Es war fast doppelt so groß als Schwaben,
etwa doppelt so groß als das heutige Böhmen und Mähren
zusammen. Über diesem Reiche herrschte zur Zeit der Thron⸗
besteigung Ottos II. Judith, die Witwe Heinrichs von Baiern,
der ein Bruder war Ottos des Großen; sie regierte als Vor—
münderin ihres jungen Sohnes Heinrich, des späteren „Zänkers“.
Eine Tochter Judiths, Hadwig, war mit dem altersmüden Her—
zog Burchard von Schwaben vermählt; schön, entschlossen, ein
Mannweib, beherrschte sie ihn ganz; sie erhoffte mit ihrer
Mutter zusammen die Nachfolge in Schwaben nach dem Tode
Burchards: eine einzige große süddeutsche Herrschaft war der
Traum der Frauen.
Als Burchard im Jahre 978 starb, gab Otto das Herzog⸗
tum an seinen Vetter und Busenfreund Otto, den Sohn des
unglücklichen Schwabenherzogs Liudolf. Später verlieh er
die bairische Ostmark an Liutpold von Babenberg, den größten,
oft unbotmäßigen bairischen Vasallen des Nordgaus.
Es waren für die Frauen unerträgliche Schläge; zusammen
mit Heinrich plante Judith einen Aufstand. Aber Kaiser Otto
verfolgte die Empörung schon im Keime, und als sie gleich⸗
wohl ausbrach, zog er zu Felde, bezwang die Aufrührerischen
und benutzte seinen Sieg zu einer gründlichen Auflösung der
bairischen Ubermacht. Der Nordgau kam als besondere, von
Baiern unabhängige Markgrafschaft nun endgiltig an Berhtold
von Babenberg; Kärnten und Friaul wurden ebenfalls völlig von
Baiern getrennt und als neues, sechstes Herzogtum ausgethan;
die Beziehungen der Markgrafschaft in der Ostmark (dem spä⸗
teren Osterreich), der bairischen Pfalzgrafschaft und der Regens⸗
burger Burggrafschaft zum bairischen Herzogtum wurden stark
        <pb n="178" />
        Gründung des deutschen Reiches, Erneuerung des Kaisertums. 163

gelockert, die bairischen Bischöfe durch Verleihung umfassender
Immunitäten gegenüber der Herzogsgewalt freier gestellt. Das
so verstümmelte Herzogtum ward dann an Herzog Otto von
Schwaben verliehen. Es war ein furchtbarer Schlag nicht
minder gegen den Partikularismus des bairischen Stammes,
wie gegen die ungetreuen Verwandten, die der Herzogswürde
entsetzt wurden: und es gelang dem Kaiser, die neue Ordnung
auch gegenüber einem nochmaligen Aufstand aufrecht zu erhalten.
Für das Reich wie für die Nation überhaupt war die
Auflösung des Regnum Bawariae, obgleich sie später teilweis
wieder rückgängig gemacht wurde, ein dauernder Erfolg. Die
Markgrafschaft Liutpolds an der Donau entwickelte sich jetzt
nicht minder, wie die Nordmark Berhtolds; zogen von dieser
die Deutschen langsam zum Egerthal hin ins dechische Land, so
wanderten die Baiern noch um vieles rüstiger in das Land unter
der Enns und begannen ihm endgiltig deutschen Charakter zu
geben. UÜber die deutsche Besiedlung hinaus aber flutete der
Strom christlich-deutscher Mission von Regensburg und Passau
verstärkt zu den Cechen, Südslawen und Ungarn; es schien
zeitweise, als solle sich in Passau ein zweites Magdeburg als
Mittelpunkt südöstlichen Christentums entwickeln.
Während der bairischen Wirren spielte zugleich eine
lothringische Empörung, welche dem Kaiser eine nicht minder
kräftige Einwirkung auf dies westliche Herzogtum eröffnete.
Reginar und Lantbert, Söhne des alten Lothringerherzogs
Reginar, waren nach Ottos des Großen Tode aus böhmischer
Verbannung heimgekehrt und begannen Fehden, um ihr ver—⸗
frontes Eigengut wiederzugewinnen. Aus diesen kleinen
Kämpfen entwickelten sich mannigfache Reibungen im Lande;
sie reichten schließlich bis nach Frankreich hinüber. Otto griff
energisch zwischen; er beseitigte auch hier, den Spuren seines
Vaters folgend, für immer jede einheitliche Herzogsmacht; das
Land wurde endgiltig in zwei Herzogtümer, des Nordens und
Südens, zerlegt, und daraus schieden noch wiederum die be—
deutenden Territorien der Erzbischöfe von Köln und Trier zu selb—
ständiger Verwaltung aus. Und als König Lothar von Frank—
11*
        <pb n="179" />
        164

Sechstes Buch. Erstes Kapitel.

reich wieder einmal die Zugehörigkeit des ganzen Landes zum
Reiche durch einen überraschenden Zug nach Achen in Zweifel
stellte, da unternahm der Kaiser im Jahre 978 eine gewaltige
Kriegsreise bis tief ins Herz Frankreichs; er drang bis Paris
vor, und von den Höhen des Montmartre ertönte das Halleluja
der deutschen Klerisei über der erschreckten Stadt. Die nächsten
positiven Ergebnisse dieses Zuges waren freilich gering; doch
reifte schließlich jenseits der Grenze die Erkenntnis, daß an eine
Wiedergewinnung Lothringens vorläufig nicht gedacht werden
könne: im Jahre 980 verzichtete König Lothar in einer Begeg—
nung mit Kaiser Otto am Chiers wieder einmal auf das Land,
und dieser Abmachung folgte am 17. Mai 887 der endgiltige
Friede.
Gleichzeitig mit den Bewegungen in Baiern und Lothringen
wie über die Grenzen dieser Länder hinaus blieb die Politik
des Reiches auch im Norden und Osten im wesentlichen den
alten Bahnen getreu; gegenüber Dänemark gelang es, die
schleswigsche Grenze zu halten und dem Christentume weiteren
Eingang zu schaffen; die Elbslawen blieben in ruhiger Unterwerfung;
deutsche Kolonisten und Missionare durchzogen das Land; Böhmen,
das sich an den bairischen Aufständen beteiligt hatte, unterwarf
sich politisch im Jahre 978, während dem Erzbistume Mainz,
nicht, wie man in Baiern erhofft hatte, den Bistümern Passau
oder Regensburg, zwei neue Sprengel im Cechenlande, Prag und
Olmütz, zuwuchsen.
Allenthalben winkten ums Jahr 980 Fortschritte; den
Kaiser erfüllte es mit hoher Freude, als ihm seine Gemahlin
in dieser Zeit einen Sohn schenkte; es war der Höhepunkt der
neuen Regierung. Er ward, wie stets in der Zeit der deutschen
Kaiserpolitik, durch ein Ausgreifen über die Grenzen der Nation
hinaus gekennzeichnet; im November des Jahres 980 ging Otto II.
über die Alpen.
In Italien hatte schon Otto der Große in die Geleise
einer universalen Politik einzulenken begonnen. Hatte er bei
dem offenkundigen Verfall der Kurie den Papst noch als Primas
des deutsch-langobardischen Reiches ansehen können, so hatte
        <pb n="180" />
        Gründung des deutschen Reiches, Erneuerung des Kaisertums. 165

ihn die Notwendigkeit, das Papsttum zu beherrschen, doch
immerhin nach Unteritalien getrieben: und hier war er mit der
christlichen Universalmacht des östlichen Mittelmeerbeckens, mit
Byzanz, in Berührung getreten. Die Beziehungen waren nach
einigen Zwischenfällen freundlich georonet worden; Byzanz, ob⸗
wohl Deutschland an Kultur unendlich überlegen, befand sich
doch schon in absteigender Linie der Entwicklung, und eben
jetzt folgten auf Johann Tzimiszes, der sich tapfer mit Syrern,
Bulgaren und Russen herumgeschlagen, fast ohnmächtige Herr—
scher, Basilius II. und Konstantin VII.
Dagegen war seit Ottos Tode die Gefahr von seiten der
Sarazenen außerordentlich gewachsen. Zwar war das Kalifat
schon gespalten, einst die erste nichtchristliche Weltmacht des
Mittelmeers; der Kalif begnuͤgte sich jetzt mit geistlicher Würde,
und auch seinem Emir al Omra war die militärische Ober—
gewalt über alte Gebiete des Islam entfallen; überall hatte
das rege lokale Leben einer reichen Civilisation partikulare
Fürstentümer und Stadtrepubliken entwickelt. Aber von ihnen
war eben das Italien nächstliegende Fürstentum, das der Fati—
miden Nordafrikas, seit dem Beginn des 10. Jahrhunderts in
ständigem Aufsteigen zu neuer Großmacht begriffen. Seit
909 und 921 beherrschte die Dynastie außer dem heutigen
Tunis und Tripolis auch Algier und Marocco; 969 eroberte
sie Ägypten und gründete Kairo; längst schon war sie in Si⸗
zilien heimisch, bis sie im Herbst 964 die Griechen für immer
vertrieb; seitdem dehnte sie ihre Begehrlichkeit auch auf Unter—
italien aus; seit 9760 nahmen die Eroberungsversuche in dieser
Richtung unter dem kräftigen Emir Ab⸗-⸗ul-Kasem immer höheren
Aufschwung.
So wurden die Provinzen Apulien und Calabrien zum
Treffpunkt und Zankapfel aller Universalreiche der weltgeschicht—
lichen Bewegung des 10. Jahrhunderts; Germanen, Byzantiner
und Sarazenen begannen um sie zu streiten, denn in ihrem
Besitz lag der Schlüssel zu den Thoren Mitteleuropas, zu
den byzantinischen Meeren, ja zu den Ländern des Morgen—
landes. Vor den großen politischen Möglichkeiten, die
        <pb n="181" />
        166 Sechstes Buch. Erstes Kapitel

sich hier darboten, ist dann die religiöse Trennung zurück—
getreten: völlig klar sollte gar bald die Frage gestellt werden,
ob Germanen und Griechen oder Griechen und Sarazenen zu—
sammenstehen sollten. Schließlich haben sich die Mittelmeer—
mächte vereinigt; Islam und Ostrom erwehrten sich gemeinsam
der germanischen Barbaren Mitteleuropas, freilich nur, um
völlig erschöpft am Ende den Barbaren des Nordens, einem
anderen Zweig der großen germanischen Völkerfamilie, den Nor—
mannen, die vielgehütete Eingangspforte nach Konstantinopel
wie Palästina zu überlassen. Die Kämpfe Ottos II. in Süd⸗
italien, von denen bald die Rede sein wird, haben in diesem
Zusammenhang den Deutschen keinen Gewinn gebracht; aber,
nachdem die westgermanischen Deutschen schon in vorchristlicher
Zeit in die mitteleuropäischen Provinzen des alten römischen
Weltreiches eingedrungen waren, nachdem die Ostgermanen in den
Stürmen der Völkerwanderung die südeuropäischen Teile des Im—
periums überschwemmt hatten, haben sie doch jetzt, in letzter Stunde,
den Nordgermanen die centralen Mittelmeergebiete wie den Osten
des alten Orbis terrarum eröffnet. Und den Nordgermanen in
Sizilien wie in den Westteilen des byzantinischen Reiches
drängten später die romanisch-germanischen Nationen Mittel—⸗
europas überhaupt in den Kreuzzügen nach: es waren, ent—⸗
sprechend einem Zeitalter anderer Kultur, nicht mehr die noma—
dischen Ausfahrten der Völkerwanderung mit Weib und Kind;
es waren nur kriegerische Reisen; es kam nicht mehr zu einer
Mischung des Blutes mit den orientalischen Völkern, sondern
nur noch zu einem Austausch der Kultur: gleichwohl war es
ein Abschluß erst des großen Vorrückens germanischer Elemente
in den alten Garten der Mittelmeervölker, die Vollendung mehr
als eines Jahrtausends germanischer Wanderungen.
Kaiser Otto II. übersah diese Zusammenhänge insoweit, als
er den universellen Charakter der süditalischen Bewegung er—
kannte. Mit glühendem Herzen stürzte er sich in die Brandung.
Pandulf der Eisenkopf, schließlich der Herrscher aller lango—
bardischen Fürstentümer im Süden, ein kräftiger Gegner der
Sarazenen, war am 7. März 981 gestorben; nach seinem Tode
        <pb n="182" />
        Gründung des deutschen Reiches, Erneuerung des Kaisertums. 167

hinderten wüste Parteiungen jede Einheit der Abwehr; um so
mehr hatte der Kaiser einzutreten.
Im Jahre 982 zog er mit einem trefflichen Heere zunächst
gegen die Griechen, die mit den Sarazenen verbunden waren;
ohne Schwierigkeiten nahm er Tarent ein: um Ostern war ganz
Apulien in seinen Händen. Nun zog der Kaiser der südlichen
Meeresküste entlang, vorbei an mächtigen Resten der antiken
Kultur, nach Calabrien; bei Rossano schlug er die Araber aufs
Haupt, bei Colonne verwickelte er sie in eine furchtbare Nieder—
lage; 40 000 griechische und sarazenische Streiter sollen gefallen
seint, unter ihnen Ab-ul-Kasem, der Feldherr. Der Erfolg
schien gewonnen; eilfertig rückte Otto den geschlagenen Scharen
nach. Da fielen die Araber, wiederum gesammelt, aus den
Bergen auf die Deutschen herab; ein entsetzliches Morden be—
gann; das abendländische Heer ward aufgerieben, kaum der
Kaiser entkam; weder das genaue Datum noch der Ort der
Niederlage ward der Geschichtschreibung der Zeitgenossen ver—
mittelt?.

Des kaiserlichen Bleibens war im Süden nicht mehr:
Otto entwich nach Capua, nach Rom. Aber er gab seine Sache
nicht verloren. Und im deutschen Teile seines Reiches herrschte
treue und einmütige Begeisterung bei aller Trauer; die Stämme
standen Eines Sinnes zum Herrn; die Feuerprobe großen Un—
glücks bewährte sich; die Großen, vornehmlich die Bischöfe,
nicht der Kaiser, schlugen zuerst rasche Verständigung für einen
neuen Feldzug vor.
So trat ein Reichsstag zu Verona zusammen, Juni 983.
Er brachte eine neue unitarische Maßregel. Otto III. der drei⸗—
jährige Sohn des Kaisers, ward zum Nachfolger seines Vaters
gewählt nicht bloß von den deutschen, sondern auch von den
italischen Großen, und nicht auf fränkischer Erde; krönen sollten
den Erwählten von Verona zu Achen die Erzbischöfe von Mainz

So Lup. protosp. 981, 88. 5, 55.
Den Eindruck der Niederlage giebt am besten Brun. V. Adalb.
c. 10 (88. IV, 598) wieder: stratus ferro cecidit flos patriae purpureus,
deécor Havae Germaniae, plurimum dilectus augusto caesari.
        <pb n="183" />
        168

Sechstes Buch. Erstes Kapitel.

und Ravenna. So verschmolzen Italien und Deutschland zu
Einem Reiche wenigstens in der Wahl ihres künftigen Herrschers.
Dem Kaiser aber war es mit dem Krieg gegen Griechen
und Islam Ernst auf Leben und Tod. Er schickte seinen Sohn
nach Deutschland und ernannte die greise Kaiserin Adelheid
zur Statthalterin Italiens. Er bot die venetianische Flotte
auf, er führte ein gewaltiges Heer nach Süden. Da erfaßte
ihn ein vorzeitiges Schicksal; achtundzwanzigjährig starb er, an—
geblich gleichwohl schon lebenssatt, zu Rom am 7. Dezember 9883.
Es war ein furchtbarer Schlag, wie ihn die Nation nur
noch einmal in verwandter Weise, beim Tode Kaiser Hein⸗
richs VI., erlebt hat. Und wenn damals ein zeitgenössischer
Geschichtschreiber die Deutschen aufforderte, ewig zu weinen
um das Schicksal des großen Staufers, der die Nation zum
Höchsten geführt haben würde, so geht im Jahre 983 ein
dumpfer Ton fatalistischer Trauer durch die deutsche Welt:
movit multorum corda ineffabilis dolors.
Der Rückschlag der unteritalischen Niederlagen, die nun
ungerächt blieben, wie des Todes Ottos II. unter Hinterlassung
der Herrschaft an ein dreijähriges Kind schien alle Errungen⸗
schaften einer großen Zeit in Frage stellen zu sollen.
Während jenseits der westlichen Grenze, in Frankreich, die
Zeit heraufkam, da sich eine neue einheimische Dynastie erhob,
zwar anfangs schwach, aber zu großer Zukunft geboren, brach im
Osten der UÜbermut der Slawen in furchtbaren Aufständen los.
Die Cechen und südlichen Elbslawen drangen weit ins deutsch⸗
gewordene Land vor; sie plünderten Zeitz und verwüsteten das
Kloster Kalbe an der Saale. Die Liutizen empörten sich; durch
andre Slawen verstärkt, zogen sie gen Westen, zerstörten die
Bischofssitze Havelberg und Brandenburg, zerrissen die Kirchen
und warfen das Heilige vor die Hunde. Die Abodriten ver—
brannten Hamburg unter ihrem christlichen Fürsten Mistui, der
sogar von einem Kaplan begleitet war. Ja, die Slawen über—
schritten die Elbe; nur mit Mühe wehrten sich die Sachsen in

Thietm. 3, 26 S. 64 (Kurze) im Anschluß an Horaz.
        <pb n="184" />
        Gründung des deutschen Reiches, Erneuerung des Kaisertums. 169

einer gewaltigen Schlacht bei Stendal ihrer Heimat; das rechts⸗
elbische Land aber blieb für lange dem deutschen Einflusse ver⸗
loren. Hier ward ein Christentum abgeschüttelt, das niemals
Märtyrer oder Konfessoren gezeitigt hat; wiederum entstand der
Kult slawischer Gottheiten; die Kulturarbeit dreier Generationen
schien vernichtet.
Gleichzeitig hatte in Dänemark eine Zeit innerer Unruhen
begonnen, der die deutsche Oberherrschaft zum Opfer fiel. Der
christlich und deutsch gesinnte König Harald Blätand ward
ermordet, die Bistümer zerfielen, Erzbischof Adaldag von Ham—
burg-Bremen starb gebrochenen Herzens, den 20. April 988.
In der Auflösung alles Bestehenden drangen die Heiden des
Nordens ein; König Erich von Schweden eroberte Dänemark
und vertrieb den neuen König Sven, wie er Norwegen erobert
und König Olaf verjagt hatte.
Nun ragte das Heidentum im ganzen Nordosten in ge—
schlossener Masse wiederum bis an die Grenzen des Reiches, wie
früher im 9. Jahrhundert; von neuem erschien die Normannen⸗
plage wie in England und Flandern so an den friesischen und
sächsischen Küsten; keine königliche Gewalt trat ihr entgegen.
Sachsen und Friesen halfen sich selbst in blutigem Kampf und
emsigem Burgenbau, bis König Erich 994 starb, die vertriebenen
Könige Dänemarks und Norwegens in ihre Sitze heimkehrten
und mit dem erneuten Einzuge des Christentums ein friedlicheres
Zeitalter der nordischen Geschichte eröffnet ward. Sachsen und
Friesen aber waren in diesen Kämpfen wieder als besondere
Staats- und Heereskörper aufgetreten; es war der Anfang ihrer
Entfremdung vom Reiche. Den Sachsen freilich blieb durch
die Dynastie noch auf längere Zeit ein gewisser Zusammenhang
mit den großen Interessen der Nation gewahrt; nie haben sie
sich ihnen völlig entzogen, wenn auch oft genug ihnen seit Mitte
des 11. Jahrhunderts widersprochen. Die Entwicklung der
Friesen dagegen geht immer mehr ihre eigenen Wege; in hart⸗
näckiger Treue halten sie von nun an, abseits stehend, fest
an sonst veraltenden Kulturerscheinungen der deutschen Ent⸗
wicklung, an Blutrache z. B. und gesetzlicher Buße in Kühen,
        <pb n="185" />
        170 Sechstes Buch. Erstes Kapitel.

—D
Hollands zurück bis in die letzten Jahrzehnte des 10. Jahrhunderts.
Es war nicht der einzige Verlust des Reiches in dieser Zeit.
Die innere Politik der guten Jahre Ottos II. ließ sich nach den
unteritalischen Niederlagen nicht aufrecht erhalten; als Otto von
Schwaben und Baiern im Jahre 82 starb, mußte noch Otto II.
das neue Herzogtum Kärnten wieder mit Baiern vereinigen und
beide gemeinsam vergeben. Nach seinem Tode gar folgten Jahre
oölliger innerer Verwirrung.
Der gewählte König war ein Kind: wer sollte an seiner
Statt herrschen? Die Mutter, eine Griechin, welche die Liebe
der Deutschen nicht recht gewann, oder der Vormund — jener
Heinrich der Zänker, der von Otto II. des Herzogtums Baiern
entsetzt worden war und im Gewahrsam des Bischofs von
Utrecht lebte? Heinrich durchschnitt den Knoten der Frage,
indem er aus Utrecht nach dem Centrum des Reiches aufbrach
und in Sachsen offen mit persönlichen Ansprüchen an den
Thron hervortrat.
In diesem Augenblick rettete der Episkopat besonders West—
deutschlands in Verbindung mit dem getreuen Schwabenherzog
Konrad die Krone. Energisch trat Erzbischof Willigis von Mainz
zu Gunsten Ottos III., und das hieß unter den bestehenden
Verhältnissen zu Gunsten der Kaiserinnen Theophanu und Adelheid
ein; Heinrich mußte den Frauen zu Rohr in Franken am
29. Juni 984 das königliche Kind, das er in seine Gewalt
gebracht, und mit ihm die Reichsregierung überliefern.
Aber dieser Abschluß ward nicht erreicht ohne neue Schädi—
gung der Centralgewalt. Heinrich, der vielfache Empörer, erhielt
schon im Anfang des Jahres 985 das Herzogtum Baiern ohne
Kärnten, schließlich im Jahre 989 das Herzogtum in seinem
alten Umfange zurück; eine der wesentlichsten Errungenschaften
der Zeit Ottos II. war außer Kraft gesetzt. Und überall mehrten
sich um diese Zeit die Zeichen für die Lockerung der Reichs—
gewalt. Es kam so weit, daß selbst völlig verrottete, ja scheinbar
ausgerottete Triebe der partikularen Stammesverfassung wieder
ins Leben schossen; in Thüringen wählten die Edlen des Landes
oon sich aus einen Herzog, und in Baiern ward nach dem Tode
        <pb n="186" />
        Gründung des deutschen Reiches, Ernenerung des Kaisertums. 171

Heinrichs des Zänkers im Jahre 998 dessen Sohn Heinrich eben—
falls von den Großen gewählt, vom Könige nur bestätigt. All—
gemach gewöhnte man sich daran, auf die Jahre vornehmlich
Ottos des Großen wie auf ein verschwundenes goldenes Zeitalter
zurückzublicken; der Höhepunkt der sächsischen Kaiserherrschaft
schien überschritten.
Aber welche Fülle neuer Kräfte hatte diese große Zeit in—
zwischen entwickelt! Sie gelangten eben jetzt erst zur Entfaltung;
dem blendenden politischen Glanze folgte eine neue Blüte des
Geisteslebens der Nation von dauernder Wirkung.
        <pb n="187" />
        Zweites Kapitel!.

Nalivnales Geistesleben im 9. und 10. Jahrhundert.


Die weltgeschichtliche Aufgabe der fränkischen Monarchie
der Merowingen und der Karlingen war es gewesen, eine erste
Einwirkung des antiken und des christlichen Geistes auf die
germanische Entwickelung anzubahnen. Zu diesem Zwecke be—
durfte es keiner eigenartig entfalteten Verfassung dieser Reiche
im Sinne einer tieferen politischen Organisation des Volkslebens.
Eine solche Organisation ist in der That auch nur von Karl dem
Großen versucht worden; im allgemeinen hat man sich mit einer
Gewalt der Centralregierung im Sinne der Despotie begnügt.
Allein eine solche Gewalt war an sich ungermanisch und
konnte einen Teil ihres Rechtes nur aus römifcher Tradition
ableiten. So hat es schon unter den Merowingen nicht an
römischer Regierungsverfassung unter germanischer Form gefehlt;
wie weit sie der Dynastie ins Blut gedrungen war, zeigt die
entscheidende Rolle, die Frauen während des 6. und 7. Jahr⸗
hunderts wiederholt als Königinnen in ganz ungermanischer
Weise gespielt haben.
Mit der Stärkung des Königtums unter den Karlingen,
weiter mit der Annahme des Kaisertums durch Karl den

Dies Kapitel ist unter Anführung von Quellenbelegen zuerst in
der Deutschen Zeitschrift für Geschichtswissenschaft Bd.7 S. 1240 ab⸗
gedruckt worden.
        <pb n="188" />
        Nationales Geistesleben im 9. und 10. Jahrhundert. 173

Großen entfaltete sich der römisch-absolutistische Zug der Re—
zierung noch mehr, wenigstens insofern man das Staatsideal
der spätrömischen Zeit in dem Gedanken findet, daß innerhalb
des Staatsgebietes nur eine wirkende Kraft bestehe, die mon—
—XVXVD00—
vunkte, gleichmäßig und gleichartig, möglichst ohne Unter—
scheidung räumlich und geschichtlich charakterisierter Gliede—
rungen, auf das Ganze wirke. Schon Pippin entwickelte neben
den alten Volksrechten der Stämme das neue, einheitliche
Königsrecht zu einem Mittel der Centralisation; Karl der Große
hatte dann das bewußte Streben, die Ungleichheiten des Rechtes
zwischen den einzelnen Landesteilen überhaupt zu beseitigen.
Noch mehr: auch auf den übrigen Kulturgebieten sollten unter
ihm gleiche Befehle überall befolgt, gleiche Fortschritte allent⸗
halben gemacht werden. Dieselben Ritualbücher sollten dem
Dienst aller Kirchen zu Grunde liegen, als ausnahmsloser Segen
sollte die allgemeine Schulpflicht allen Teilen des Reiches zu
gute kommen.
Doch wie weit blieb die Wirklichkeit hinter dem Idealbilde
zurück, dessen ebenmäßige Linien dem großen Kaiser vorschwebten.
Die Volksrechte, die nach kaiserlichem Plane zu Gunsten eines
allgemeinen Reichsrechtes allmählich in den Hintergrund gedrängt
werden sollten, lebten noch Jahrhunderte fort; die kaiserlichen
Verordnungen zerflogen im Sturm des 9. Jahrhunderts wie
lose Blätter zur Herbstzeit, nicht einmal im Archive des Reiches
befand sich deren vollständige Sammlung. Die Verwaltung,
eine Zeit lang centralistisch organisiert, verfiel dem schleichenden
Gift des Lehenswesens, — und auch dieses wiederum verbreitete
sich nur sehr ungleich und in sehr verschiedener Schnelligkeit
in den einzelnen Reichsteilen, am spätesten im deutschen Osten.
In Ostfranken überhaupt kam es schon in der zweiten
Hälfte des 9. Jahrhunderts dazu, daß die Gesetzgebung erstarrte
und das verwaltungsmäßige Schreibwesen der Centralstelle ein—
schlief. Die ottonische Zeit hat beide dann nur in mäßigen
Grenzen wieder belebt und erweckt; im ganzen bestand auch im
10. Jahrhundert keine Staatsverwaltung in unserem Sinne:
        <pb n="189" />
        —

Sechstes Buch. Zweites UNapitel.

alles, was von oben herab geschah, beruhte auf persönlichen
Anregungen und Kräften. Denn eben darin besteht die Eigen—
heit des mittelalterlichen Staatswesens gegenüber dem spät—
klassischen wie dem modernen, daß es klare, in objektiven
Bestimmungen gegebene Grenzen staatlicher Wirksamkeit viel
weniger kennt — freilich ihrer auch nicht bedarf, um etwa
allzu starken subjektivistischen Neigungen der Individuen ent—
gegenzutreten, da diese noch nicht vorhanden sind.
Indem sich aber nun die spätkarlingische, noch mehr die
frühottonische Periode in Deutschland von den absolutistischen
Fesseln des Universalstaates befreite, tauchten aus der Ver—
schüttung langer Zeiten die germanischen Grundlagen staatlicher
Verfassung von neuem empor. Sie alle wiesen auf die Grund⸗
lage der Stämme: erst mühsam und nur in schweren Kämpfen
überwanden die ottonischen Herrscher diese Grundlage und be—
gannen sie durch die weitere des Reiches zu ersetzen.
Innerhalb der Stämme aber lebte sogar die uralte An—
schauung von dem Geschlechtszusammenhang aller Stammes—⸗
genossen und von der natürlichen Begründung alles Rechtes
wenigstens im Privatrecht noch fort: noch galt der Grundsatz
persönlichen Rechtes, wonach jedermann das besondere Recht des
Stammes genoß, in dem er geboren. Dagegen waren die Er—
innerungen an den alten Völkerschaftsstaat der germanischen
Urzeit verblaßt, ja völlig abgestorben; die Karlingische Ver—
waltungsthätigkeit und die Zunahme der Bevölkerung hatten
vielfach zu Teilungen der Gaue, der alten Völkerschaftsgebiete,
und damit zur Ertötung ihres Sonderlebens geführt.
Um so gewaltiger wuchs die Idee einer Gesamtverfassung
jedes Stammes; gegen Schluß der Karlingenzeit hatte sie in
allen Stämmen, mit Ausnahme der Thüringer und Friesen,
zur erneuten Begründung von Herzogtümern aus fast durchweg
einheimischen Verfassungsmotiven her geführt!: als politische
Gewalten begrüßten die Stämme die Wende des 9. und
10. Jahrhunderts.

S. oben S. 112ff.
        <pb n="190" />
        Nationales Geistesleben im 9. und 10. Jahrhundert. 175

Politische Gewalten blieben die Stämme auch noch im
ganzen Verlauf des 10. Jahrhunderts und weit darüber hinaus,
mochten auch bereits die Ottonen es mit Erfolg versuchen, die
anfangs noch selbständigen Herzöge zu sozusagen dynastischen
Beamten hinabzudrücken. Denn unter den Herzögen blühten
trotzdem die Landtage der Stämme noch lange in der vollen
Selbständigkeit altgermanischer Zeiten: wagte doch der sächsische
Landtag sogar seinem königlichen Herzog Otto noch zu wider—
sprechen. Auch die gesetzgeberische Freiheit ging den Stämmen
noch nicht verloren; wir besitzen ein fränkisches Sendrecht der
Wenden an Main und Rednitz wohl vom Jahre 939 und die
hairischen Gesetze von Ranshofen aus dem Ende des 10. Jahr—
hunderts. Erst im Laufe des 11. Jahrhunderts gerieten die
alten Volksrechte der Stämme in Vergessenheit — aber auch
dann blieben die Stämme noch Träger neuer Bildungen des
Gewohnheitsrechts so lange, daß sich sogar noch die Stadtrechte des
13. und 14. Jahrhunderts, obwohl sie gänzlich verändertem
Rechtsboden entwuchsen, dennoch nach der Zugehörigkeit zu be—
stimmten Stämmen unterschieden.
In der Verfassung freilich war um diese Zeit die unmittel—
——
reits in den späteren Jahren der Ottonen wurde Lothringen
in zwei Herzogtümer geteilt, in Sachsen das Herzogtum der
Billunger geschaffen, das dem Stammesumfang nicht mehr ent⸗
sprach, endlich Kärnten, ein Kolonialland, zum Herzogtum er—⸗
hoben. Dem folgte unter Saliern und Staufern eine Fülle
weiterer Teilungen und Erhebungen kleinerer Herrschaften zu
herzoglicher Wurde: Herzogtum und Stammesgebiet entsprachen
sich seit dem Ausgang des 12. Jahrhunderts der Regel nach
nicht mehr. Für die Ausgestaltung des Kurfürstenkollegiums
in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts, der wichtigsten
verfassungsmäßigen Neuschöpfung dieser Zeit, hat dann die
Rücksicht auf die Vertretung der Stämme nur noch mittelbar
Bedeutung gehabt.
So ist das 10. Jahrhundert die letzte und höchste Blütezeit
senes großen Abschnittes unserer nationalen Entwickelung, der
        <pb n="191" />
        176 Sechstes Buch. Zweites Kapitel.

sich an das politische Eigenleben der Stämme knüpft. Nur
langsam hatten diese Stämme sich in dem Wellengetriebe der
Völkerwanderung gebildet; erst im 7. Jahrhundert hatten sich
ihre Herzogtümer überall innerhalb deutscher Grenzen stärker
entwickelt; nicht vor dem 8. Jahrhundert waren sie des völker⸗
schaftlichen Sondergeistes innerhalb ihrer einzelnen Gaue Herr
geworden. Dann, als ihre große Zeit schon zu nahen schien,
waren sie untergetaucht in der Hochflut des Karlingischen Uni—
versalreichs.
Aber mit nichten waren sie von ihr zerschellt worden oder
versandet. Als das große Reich zerfällt und die Sondergewalten
rechts des Rheines wieder empordringen, da finden wir sie wohl
inzwischen verändert und entwickelt, aber weder uniformiert noch
geknickt. Noch haben wir es mit individuellen, greifbar ver⸗
schiedenen Staatsbildungen, wenn auch des gleichen Typus zu
thun. In Sachsen erscheint der Herzog noch mehr als Gleicher
unter Gleichen, es giebt keine herzoglichen Hoftage, sondern nur
Landtage der Großen zur Regelung der Stammesangelegenheiten;
in Baiern dagegen ist der Hoftag zu Regensburg, der Residenz
des Herzogs, auch Landtag, und späterhin erscheint der Herzog
als Lehnsherr fast aller Großen des Stammes.
Neben dieser Individualisierung der Stammesverfassungen
einem Zeichen ihrer noch vollsäftigen Kraft — herrscht überall
in gleicher Sicherheit das alte Stammesgefühl; und bei den
Sachsen, dem führenden Stamm des Reiches, erhebt es sich
noch zu so sonnigen Höhen stolzer Empfindung, wie nur je bei
den Franken in der Zeit des salischen Rechtes. Noch jetzt
rühmen sich die Sachsen als das auserwählte, das altedle Volk
voll Heldenkraft; als Schrecken aller Nachbarvölker überwinden
—D
samer Härte. Doch höchsten Ursprungs und vom tapfersten
Stamm haben sie gleichwohl an Ruhm noch gewonnen, seitdem
sie durch König Karls Hilfe den Weg des Heiles wandeln; mit
der Übertragung des heiligen Veit aus fränkischem Boden in
ihr Land ist über sie die Kraft der Franken und des Christen⸗
tums zugleich gekommen. Derjenige, der uns diese eigenartige
        <pb n="192" />
        Nationales Geistesleben im 9. und 10. Jahrhundert. 177

Geschichtsphilosophie aus sächsischem Gesichtspunkte vorträgt,
st der Sachse Widukind, der letzte unserer großen Stammes⸗
historiker, ein nicht unwürdiger Nachfolger eines Gregor von
Tours und eines Paulus Diaconus — ein Sohn seines
Stammes, dem es selbst in den fruchtbaren Tagen der Grün—
dung des Reiches nicht einfiel, etwas anderes für überlieferns—
wert zu halten, als die Geschichte des sächsischen Stamms und
der sächsischen Fürsten.

II.

Wenn es wahr ist, daß die Entwickelung der geistigen Kultur
abhängig ist von der jeweiligen Ausgestaltung von Staat und
Besellschaft und von deren Rückwirkung auf die Entfaltung der
Besamtpersönlichkeit eines Volkes, so versteht es sich, daß mit
dem Übergang vom Völkerschaftsstaate der Urzeit zum Stammes⸗
ttaat des 5. bis 10. Jahrhunderts die größten Wandlungen der
germanischen Volksseele und ihrer Kultur erfolgt sein müssen.
In der That braucht man sich nur die ganze Verschiedenheit des
taciteischen Staates vom Stammesstaat des 10. Jahrhunderts, des
agrarischen Kommunismus und der gebundenen Geschlechterver⸗
fassung der Urzeit von der genossenschaftlichen Ausgestaltung des
Agrarwesens und von dem Sippenleben der Ottonenzeit zu ver⸗
gegenwärtigen, um das zu verstehen. Freilich hat zu dem Fort⸗
schritt, der durch diese Grenzerscheinungen bezeichnet wird, nicht
bloß die einheimische Entwicklung, sondern nicht minder die
Rezeption christlicher und antiker Elemente namentlich seit der
karlingischen Renaissance beigetragen. Das gilt sogar für das
in besonders hohem Grade nationale Gebiet des Rechts.
Hier hat vielfach erst der Einfluß der klassisch-absolu—
tistischen Strömung unter den Karlingen die starre Gebunden⸗
heit des Rechtszwanges gebrochen. Die tote Macht uralter
Formeln und Formalbräuche, die früher das Prozeßrecht
oöllig beherrschtet, ist nun wenigstens zum Teil ge—
schwunden. Schon im 9. Jahrhundert ladet der königliche
Richter die Parteien vor Gericht, nicht mehr der Kläger den Be—

1 S. Band Le, 188 ff.
Lamprecht, Deutsche Geschichte II.
        <pb n="193" />
        178

Sechstes Buch. Zweites Kapitel.

klagten kraft bindender, unpersönlicher Formel; vom Richter wird
auch die Verhandlung geleitet, nicht mehr vom unverständlich
gewordenen Zwang symbolischer Handlung; unter den Beweis—
mitteln wird der Eid persönlicher gestaltet; bei den Zeugen wird
eine innere Bürgschaft für deren Glaubwürdigkeit gesucht; der
Beweis durch Urkunden wird angebahnt neben den alten formalis—
tischen Beweisen durch Gottesurteil und Eide.
Wurde das Individuum im Prozeßrecht freier gestellt vor—
nehmlich durch königliche Eingriffe ins Volksrecht, so verschaffte
ihm die Fortbildung der Volksrechte auf Stammesboden größere
Freiheit auch als Subjekt von Rechten. Namientlich wurde auf
diesem Gebiete der altgermanische Grundsatz der Barverträge zu
Gunsten der Selbstbürgschaft des Schuldners teilweise verlassen.
Es waren Fortschritte, die zugleich den rechtlichen Begriff
der Freiheit zu heben begannen. Der Verlust der Freiheit bei
Zahlungsunfähigkeit war wohl anfangs Recht auch noch der
Stammesperiode. Doch bald wird die Schuldknechtschaft nicht
mehr als Aufhebung, sondern nur noch als zeitweilige Ver—
pfändung der Freiheit, als Schuldhaft gefaßt: die Freiheit
erscheint als ein in diesem Falle unveräußerliches Eigen des
Freigeborenen. Spielten aber schon in der Durchbildung einer
volleren juristischen Persönlichkeit des Freien volkswirtschaftliche
Momente, so namentlich der Eintritt eines gewissen Verkehrs,
mit, so war die unmittelbare Wirkung der agrarischen Ent—
wicklung noch weit bedeutender. Die Markgenossenschaft selbst
der ausgehenden Völkerschaftszeit hatte der Regel nach wohl
noch in Feldgemeinschaft gelebt: gemeinsam hatte man gesät
und geerntet, jede besondere wirtschaftliche Initiative des Ein—
zelnen war erstickt worden im kommunistischen Getriebe des
Anbaus. Wie anders gedieh das Leben der Markgenossenschaft
des 10. Jahrhunderts! Schon längst war jeder Bauer im
privaten Besitze des Grundes und Bodens, den er bestellte;
gemeinsam war nur noch die extensive Nutzung von Weide und
Wald, von Wasser und Jagdgrund. Zwar galten dabei für
den Anbau der Felder immer noch die harten, aus der uͤr—
sprünglichen Anlage der Flur leicht erklärlichen Gesetze des
        <pb n="194" />
        Nationales Geistesleben im 9. und 10. Jahrhundert. 179

Flurzwangs: alle Bauern desselben Dorfes mußten auf ihren
Ackern desselben Flurabschnittes das gleiche Korn zu gleicher
Zeit säen, zu gleicher Zeit ernten, da sie zumeist keinen Weg,
der zu ihrem speziellen Acker führte, besaßen: allein dieser Flur—
zwang, an sich immerhin noch eine ungemein starke Fessel der
wirtschaftlichen Persönlichkeit, war gleichwohl ein unendlicher
Fortschritt in individualistischer Richtung gegenüber dem
agrarischen Kommunismus der Urzeit.
Und was noch mehr besagen wollte: auch auf dem Ge⸗
biete des Familien- und Ehelebens waren die Schranken der
Vorzeit während der Periode der Stammesstaaten in vieler
Hinsicht gefallen.
In der Urzeit war das Leben nicht bloß des Individuums,
nein, auch noch der Familie aufs engste in den Schoß des
großen Geschlechtes gebettet gewesen mit seinen Verwandt—
schaftsringen bis ins siebente und in fernere Glieder; und
noch nicht völlig hatte man das Zeitalter vergessen, in dem
dies Geschlecht einstmals zugleich die einzige kriegerische und
staatliche Institution des Volkes gewesen war!. Jetzt dagegen
hatten langsame, aber grundstürzende Wandlungen die Be—
deutung des Geschlechtes, wenn nicht beseitigt, so doch völlig
in den Hintergrund gedrängt. Nachdem noch für die Besiedlung
des Landes in einzelnen Dörfern vielfach der genealogische
Gesichtspunkt maßgebend gewesen war, so daß die Dorfgenossen
anfangs zugleich Genossen eines Geschlechtes waren, hatte sich
an diese Stelle immer mehr der lokale Gesichtspunkt geschoben.
Geschlechts- und Dorfgenossen wanderten aus, Fremde wan—
derten zu: schon im 7. und 8. Jahrhundert verdunkelten diese
Vorgänge die alten Formen des Zusammenlebens nach Ge—
schlechtern. Im 9. und 10. Jahrhundert weiß man fast nichts
mehr davon; die nachbarlichen Beziehungen allein bestimmen
nunmehr das gegenseitige Verhältnis der Dorfgenossen: der
alte Geschlechtszusammenhang ist nicht bloß seiner wirtschaft—
lichen Stützung verlustig gegangen, — die wirtschaftliche Ent—
wicklung hat ihn geradezu durchbrochen.
Bgl. Band Ls, 166 ff.
        <pb n="195" />
        —180

Sechstes Buch. Zweites Kapitel.

Noch stärker trug das Wirtschaftsleben mittelbar, durch
seine sozialen Folgen, zur Zerstörung der alten Geschlechts—
zusammenhänge bei. Indem seit dem 6. Jahrhundert immer
zewaltiger der Unterschied zwischen agrarischem Reichtum und
agrarischer Armut auftrat, mit dem schließlichen Ergebnis, daß
in karlingischer Zeit Massen freier Leute in die Abhängigkeit
der Grundherren, schließlich in halbe Unfreiheit gerieten, wurde
naturgemäß der verwandtschaftliche Zusammenhang dieser minder
Glücklichen gegenüber vollfrei bleibenden Mitgliedern ihres Ge—
schlechts gelockert: die alten engen Beziehungen verwandtschaft—
lichen Zusammenlebens schwächten sich ab, bis das Band des
Beschlechtes schließlich völlig gesprengt ward.
Das alles waren Vorgänge, die der fränkische Staat, der
alte Feind der urgermanischen Geschlechterverfassung, zu ferneren
Eingriffen benützte. Jetzt erst beginnt der Staat damit völlig
über das Geschlecht zu triumphieren als Schützer der öffentlichen
Interessen; jetzt erst naht er sich dem Individuum unvermittelt
mit seinen Ansprüchen und Segnungen. Er beschränkt die
Erbfähigkeit der Gesippten auf den fünften bis siebenten Grad:
sind Erben dieser Grade nicht vorhanden, so fällt der Nachlaß
als erbenlos an den Fiskus: jeder über den fünften bis siebenten
Grad hinausreichende Geschlechtszusammenhang wird unter—
bunden. Noch mehr: die Anteilsfähigkeit der Gesippten an
Fehde und Wergeld wird auf den dritten und vierten Grad
zurückgeschraubt; eine neue Verstümmelung der Geschlechts⸗
zusammenhänge ist die Folge. Ja, selbst darüber noch hinaus
geht schon die karlingische Gesetzgebung: sie sucht neben der Aus—
dehnung namentlich auch die Funktionen des Geschlechtsverbandes
zu beseitigen. Die Gesamtvormundschaft des Geschlechts über
seine Unmündigen ist ihr zuwider, die Eideshilfe der Geschlechts—
genossen weiß sie teilweise mit Erfolg zu unterdrücken; selbst
gegen die kernhafteste Einrichtung des alten Geschlechtsverbandes,
gegen die Blutrache, wagt Karl der Große den Angriff. Freilich
blieb das erfolglos nicht minder wie die umfangreiche Gesetz⸗
gebung der Kirche, die vergebens nicht bloß den germanischen
Geschlechtsverband, sondern auch die deutschen Vorstellungen
        <pb n="196" />
        Nationales Geistesleben im 9. und 10. Jahrhundert. 181

von Familie und Ehe überhaupt zu Gunsten geistlich⸗römischen
Rechts zu unterdrücken suchte.
Gleichwohl stand als Ergebnis aller feindlichen Einflüsse
im 10. Jahrhundert fest, daß die alte Geschlechtsverfassung bis
auf unzusammenhängende Überreste beseitigt war; im Sachsen⸗
spiegel des 13. Jahrhunderts zeigen sich nur noch geringe und
archaische Spuren eines Verständnisses für den einst so wichtigen
Unterschied zwischen Familie und Geschlecht, wenn auch anders⸗
wo solche Spuren — namentlich in bäuerlichen Kreisen —
gelegentlich noch bis ins 17. ja 18. und 19. Jahrhundert
herabreichen. Im ganzen hatte sich doch schon seit karlingischer
Zeit aus der Umhüllung des Geschlechtes die Familie als
eigentliche Zelle des neueren Volkslebens herausgeschält, und
ihre Verfassung beherrscht von nun ab die persönlichen Schick—
sale unserer Ahnen.
Doch war die Familie des Stammesstaates noch unendlich
verschieden von der unserer Zeiten. Schon die Vorgänge bei
ihrer Begründung wichen von der heutigen noch völlig ab.
Bei Thüringern, Sachsen und Friesen finden sich noch Rest⸗
erscheinungen des Brautkaufes, und überall tritt die Braut
noch nicht selbständig, als Vertragsschließerin, in die Ehe, wenn
es ihr auch gestattet wird, die Zustimmung formlos zu äußern:
der eigentlich vertragschließende Teil bleiben Vater oder Vor—
mund. In der Ehe selbst aber ist der Mann noch Herr in
alter Weise; seine Gewalt erstreckt sich gleichmäßig über Frau,
Kinder und Gesinde, und sie ist streng bis zum Recht der
Tötung und Verknechtung der Kinder, des Heiratszwangs gegen
die Töchter. Dabei hört sie keineswegs etwa für die Söhne
bei erreichter Volljährigkeit auf: erst der Sohn, der eigenes
Vermögen besitzt, kann aus dem Schutz- und Herrschaftsbereich
des Vaters wieder entlassen werden.
Es hängt das wieder mit der Konstruktion der wirtschaft—
lichen Grundlagen des Familienlebens zusammen. Eine breite
okonomische Basis, welche die Individualisierung des Familien—
vermögens, seine Zerteilung in Einzelvermögen der Frau und
der Kinder gestattet, wird immer erst hohen Kulturen ange⸗
        <pb n="197" />
        182 Sechstes Buch. Zweites Kapitel.

hören. Hierzu waren in den Zeiten des Stammeslebens kaum
—DDDD
Familienvermögen, zuerst aus Grundeigen bestehend, schon
seinerseits wiederum an die starren Wirtschaftsvorschriften der
markgenössischen Verfassung gebunden war.
So war das Familienvermögen durchaus einheitlich kon—
struiert und keiner Teilung unter Lebenden fähig; ja, es ward
nicht einmal als im Eigentum der jeweils lebenden Familie
oder des Vaters befindlich angesehen, sondern galt gleichsam
nur als ein Nutzungskapital, das die Familien der beiderseitigen
Gatten zu deren Gebrauch zusammengeschossen hatten: kehrte
es doch bei kinderlosem Tode der Ehegatten nach seinen ur—
sprünglichen Bestandteilen in die beiderseitigen Familien zurück.
In der Familie selbst aber ward es in so hohem Grade
als fester, unteilbarer Stock betrachtet, daß noch in später Zeit
wenigstens in bäuerlichen und adeligen Kreisen die Söhne als
gleichberechtigte Erben das elterliche Gut nicht zu teilen, sondern
in gemeinschaftlicher Wirtschaft, als Ganerben zu nutzen pflegten.
Nun war freilich schon seit der Zeit der Volksrechte, etwa
seit Ende des 6. Jahrhunderts, in diese engste Gebundenheit
Bresche gelegt. Man begann für den früheren Todesfall des
Mannes das Schicksal der überlebenden Frau durch Ausscheidung
eines Wittums sicherzustellen; und seit dem 9. Jahrhundert
war dies Wittum bei den Franken schon bis zu einem Drittel
des gegenwärtigen oder zukünftigen Vermögens des Mannes
angewachsen. Man begann ferner neben dem alten obligatori—
schen Erbrecht doch die Möglichkeit einer vertragsmäßigen Erb—
folge zu entwickeln, wenn sie auch einstweilen nur durch das
starke Mittel einer Adoption des gemeinten Erben erlangt
werden konnte. Aber es waren immerhin Anfänge; ihnen
folgend sollte etwpa um die Mitte des 12. Jahrhunderts das
gesetzliche Warterecht der obligatorischen Erben eine erste wesent⸗
liche Abschwächung erfahren, bis seit der Wende des 12. und
13. Jahrhunderts Testamente mit einem freieren Recht der
Testierung gewöhnlicher wurden.
Indes, auch noch die Ehe und Familie des 18. Jahrhunderts
        <pb n="198" />
        Nationales Geistesleben im 9. und 10. Jahrhundert. 188

ist keineswegs unseren heutigen Institutionen schon ähnlich, um
wie viel weniger Ehe und Familie der Ottonenzeit. Noch galt,
bei mancher formellen Ritterlichkeit, die Frauen gegenüber schon
von den Volksrechten geboten ward, eheliche Treue nur als Er—
fordernis der Gattin; gesetzliche Anerkennung unehelicher Kinder
als notwendige Ehrenpflicht des Vaters kennen erst Sitte und
Recht des 18. Jahrhunderts. Noch war der Ehemann absoluter
Herr über das Schicksal der Seinen; erst in zweiter Linie standen
die Pflichten des liebenden Vaters und Gatten. Dementsprechend
war das Schicksal der Frau eng begrenzt, und die Erziehung
der Kinder verlief in den starren Formen absoluten Gehorsams.
Nicht die freien Triebe der Liebe gaben dem Menschen des
10. Jahrhunderts das Gepräge, nicht persönlich-spontane Pietät
beherrschte zunächst das sittliche Leben; Autorität und Herrschaft
waren die wesentlichen Triebkräfte für die Ausgestaltung des
persönlich-sittlichen Daseins und der Gesellschaft. Nur von
diesem Gesichtspunkte aus wird man die eigenartige, typische
Gebundenheit der Persönlichkeit verstehen, wie sie uns im sitt⸗
lichen, intellektuellen und ästhetischen wie nicht minder im reli—
giösen Dasein der Ottonenzeit entgegentritt.
III.

Die Sittlichkeit ist nur da individuell, wo sie auf Sponta⸗
neität, auf gesunder Anwendung einer hochentwickelten Freiheit
des Willens beruht. In Zeiten niedrigerer Kultur wird sie
durch Sitte und Recht ersetzt, in noch früheren Perioden durch
das Recht allein, insofern noch jeder Grundsatz der Sitte, unter
gleichzeitiger Einkleidung in religiöse Formen, eine volle recht⸗
liche Fassung erhält und somit in der strikt gebundenen Form
eines absoluten Gebotes oder Verbotes auftritt.
Das Zeitalter des deutschen Stammeslebens war schon
hinaus über eine völlig rechtliche Fassung sittlicher Vorschriften,
aber noch immer bewahrten seine sittlichen Begriffe eine höchst
eigenartige, formale Gebundenheit.
Als König Heinrich J. und König Karl von Westfranken
im Jahre 921 einen Bund auf dem Rheine bei Bonn schlossen,
        <pb n="199" />
        184 Sechstes Buch. Zweites Kapitel.

da schworen sie sich gegenseitig durch den Mund ihrer Getreuen:
Ich werde von heut ab meinem Freunde Freund sein, wie nach
Recht der Freund seinem Freunde sein muß in bestem Wissen
und Können, doch nur unter der Bedingung, daß er mir eben—⸗
denselben Eid schwören und sein Versprechen halten wird: das
möge mir Gott helfen und diese heiligen Reliquien. Es liegt
hier eine reciproke Auffassung gegenseitiger freundschaftlicher
Beziehungen vor, die äußerlich noch völlig rechtlich gebunden
erscheint. Es ist nur ein Beispiel für die Auffassung sittlicher
Verpflichtungen während der Stammeszeit überhaupt.
So war die Schenkung des 6. bis 8. Jahrhunderts stets
eine Vergabung auf eventuelle Rückforderung im Fall der Un—
dankbarkeit des Beschenkten, sie hatte also thatsächlich ein rechtlich
 gebundenes Verhältnis zwischen Beschenktem und Schenk—
geber zur Folge; nie war sie ein Ausfluß sittlich völlig freier
Regung!. Dementsprechend hielt das deutsche Recht bis tief
ins Mittelalter hinein fest an dem Grundsatz der Entgeltlichkeit
aller Verträge: jede an sich noch so unentgeltliche Leistung ver—⸗
langte, um rechtsbeständig zu werden, eine — wenn auch noch so
unbedeutende — Gegenleistung im Sinne eines Handgeldes.
Nirgends ist diese Reciprocität der sittlichen Begriffe klarer
ausgeprägt und stärker betont als in der Konstruktion des
speziell germanischen Begriffes der Treue?. Treue im Sinne des
frühen Mittelalters ist als einseitige Leistung überhaupt un—
denkbar: stets setzt sie das formell in bestimmtester Weise ge⸗
regelte Entgegenkommen dessen voraus, dem Treue geleistet
wird. Wir können diese doppelte Wirkung des Begriffs noch
heute in dem Worte „hold“s übersehen. „Hold“ bedeutet zu⸗
nächst nach unserem Sprachgebrauch so viel als huldreich don

Bgl. z. B. Bücher, Entstehung der Volkswirtsch. (1898) S. 84:
Schröder 3 S. 62; Waitz 2 VI 127 f. über die Reciprocität des Prekarien⸗
vertrags; Kühne, Herrscherideal S. 33. 86f.; Lamprecht, WLo. J 6883:
Hauck II 767 f. Einfluß auf die Malerei: Voege, Eine deutsche Maler—
schule um 1000. Westd. Ztschr. Ergzgsh. VII (Trier 1801) G. 124. I87.
Treue ⸗ Vertrag (frz. troͤre): Kluge 6 (1899) s. v.
3 Vielleicht zu altgerm. * hal (vgl. Halde) — csich neigen': Klugee
1899) s. v.
        <pb n="200" />
        Nationales Geistesleben im 9. und 10. Jahrhundert. 185

seiten eines Höherstehenden. In der archaischen Formel „hold
und getreu“ dagegen wird das Wort auch noch von den sittlich—
rechtlichen Verpflichtungen des Niedrigerstehenden angewandt:
hier hat sich die doppelte Wendung des Begriffes hold, ent—
sprechend seiner reciproken Stellung im Mittelalter, erhalten.
Bei einer solchen Ausprägung der sittlichen Begriffe ließ
es sich kaum vermeiden, daß der Sprachgebrauch vielfach
lateinischen Wörtern, die während der Herrschaft höherer Kultur—
zeitalter der Antike rein subjektiv empfundene Anschauungen
wiedergegeben hatten, nunmehr eine neue, objektive Bedeutung
beilegte. Fast alle wichtigeren lateinischen Bezeichnungen sitt⸗
licher Begriffe haben diese Wandlung im frühen Mittelalter
durchgemacht: so begann religio nicht die religiöse Empfindung
oder den Glauben zu bedeuten, sondern den geistlichen Stand,
lidelitas nicht gern treue Gesinnung, sondern ein Gefolge von
Getreuen, honor nicht innere Ehre, sondern ein Lehen, an das
sich eine gewisse äußere Würdigung knüpfte, und dergleichen
mehr. Noch näher lag es, daß sittliches Verhalten überhaupt
nicht so sehr in gewissen inneren Stimmungen oder Dis—
positionen wie in gewissen äußeren typischen Handlungen ge—
funden und danach bemessen wurde!. Kein König galt jetzt,
wie schon in frühchristlicher Zeit, als barmherzig, dem nicht in
Ausübung barmherziger Werke Thränen kamen?, kein Kleriker
für bescheiden, der sich nicht gegen Beförderungen mit reich—
lichem Thränenerguß, ja durch Flucht und Verstecken wehrtes.

1Beispiele bei Kleinpaul, Das Typische in der Personschilderung
der deutschen Historiker des 10. Jahrhunderts. Leipz. Diss. 1897 S. 34.
1244.
2 Kühne, Herrscherideal S. 11. Eb. S. 18 f. über die Bedeutung
des Mitleids für die Typik des Herrscherideals.
8 Vgl. Kleinpaul S. 23: von Liutprand fälschlich auf Heinrich J.
angewandt! Noch Lothar weigert sich, die Krone anzunehmen: Hauck IV
(1902) 1118. Poppo v. Stablo stellt sich fälschlich als Sohn eines
Klerikers hin, um dem Amte zu entgehen: Ellinger, Das Verhältnis der
öff. Meinung zur Wahrheit und Lüge im 10., 11. und 12. Jahrh. Berl.
Diss. 1884 S. 8. Vgl. S. 92f. Über Adalbert von Prag s. Voigt,
A. v. Prag 1898 S. 35.
        <pb n="201" />
        186 Sechstes Buch. Zweites Kapitel.

Tausendmal berichten die Quellen von diesen und verwandten
Zügen; fie gehören durchaus zur geistigen Typik der Zeit;
wahre Sittlichkeit war dem Menschen des 10. Jahrhunderts
und vielfach auch noch des späteren Mittelalters ohne sie un—
denkbar.
Eben von diesem Gesichtspunkte juristischer Konstruktion
und formaler Typik der sittlichen Handlungen her erklärt sich
die Erscheinung, daß sittliche Empfindungen zu Grundlage rein
verfassungsmäßiger Konstruktionen gewählt werden konnten. So
beruht das Verhältnis Karls des Großen zu den Päpsten auf
der politischen Fassung des Begriffs der Liebe!, der Zusammen⸗
hang der spätkarlingischen Reiche auf der verfassungsmäßigen
Ausprägung von Begriffen wie Eintracht, Erbarmen, Ver—
zeihung, das ganze Lehenswesen endlich auf der iuristischen
Bindung des Treubegriffs.
Sind damit die Brücken zur rein juristischen Festlegung
sittlicher Begriffe noch nicht abgebrochen, so bleibt doch be—
stehen, daß die Sitte immerhin nicht mehr mit dem Recht
völlig zusammenfloß, daß sie schon vorhanden war als besonderes
Regelungsmittel der sozialen Beziehungen, wenn sie auch zur
Einzelperson als solcher, im Sinne eines Mittels individueller
iittlicher Vertiefung, noch fast kein Verhältnis gewonnen hatte.
Der formalen Ausprägung aber bedurfte sie, um die noch
jugendlich starken Regungen der Welt des früheren Mittelalters
wenigstens einigermaßen zu beherrschen. Denn ganz anders
noch als heutzutage malte sich die Welt gegenseitiger mensch—
licher Beziehungen in den Köpfen der ottonischen Gesellschaft.
Man vergegenwärtige sich nur, daß die rechtliche Handlungs⸗
fähigkeit bis ins 9. und 10. Jahrhundert hinein bei fast allen
deutschen Stämmen mit dem zwölften Jahre eintrat, daß Frauen
gelegentlich schon mit dem zwölften Jahre heirateten, daß nach
einigen Anfängen in der fränkischen Periode doch erst die spätere

Uber den Begriff der „Liebe zum König“ Waitz 2 VI 878 f., über
den rechtlich gebundenen Begriff der Gnade Kühne S. II. „Furcht und
Liebe sind überhaupt die typischen Beziehungen, in denen die Unterthanen
zum Herrscher stehen“ eb. S. 13.
        <pb n="202" />
        Nationales Geistesleben im 9. und 10. Jahrhundert. 187

Ottonenzeit ein stärkeres Bedürfnis fühlte, den Termin recht—
licher Selbständigkeit weiter hinauszuschieben. Wie mußten da
die nach unseren Begriffen Erwachsenen empfinden, gewähr—
leisteten sie Kindern die im Rahmen der Zeit möaliche volle
Freiheit sittlicher Bewegung!
In der That ist das sittliche Leben dieses Zeitalters noch
voll jugendlich-unreifen Hastens, voll sprunghaften Thuns, voll
impulsiven, ja fast nur reflexmäßigen Denkens. Politische Ge—
sinnungswechsel sind überaus häufig; bisweilen sind sie fast
unerklärbar, nicht selten abhängig von angeblich höherer Ein—
gebung, von Träumen und Wundern. Es fehlt eine gewisse
Gleichmäßigkeit der moralischen Stimmung; angeblich sittlicher
Zwecke halber übersehen auch die sittlichsten Naturen der Zeit
leicht die Unsittlichkeit der angewendeten Mittel; Reliquien⸗
diebstähle zur Ehre Gottes, Urkundenfälschungen zum Vorteil
irgend eines Heiligen, alle Arten der pia fraus sind alltäglich.
Dem entspricht es, wenn Tadel leicht zum Fluch, wenn Strafe
zur brutalen Peinigung führt, wenn ungezügelte Sinnlichkeit
im Weibe nur noch tierische Instinkte wahrnimmt und ausbeutet
oder verabscheut.
Aber freilich zeitigt die Unausgeglichenheit der moralischen
Haltung auch die großen Eigenschaften der Periode. Die Ge—
sellschaft dieser Zeit vertuscht nichts, sie redet noch in unge—
brochenen Naturlauten, die gröbsten Laster werden öffentlich be—
sprochen ohne Scheu; die zarte Hrotsuit schildert in ihren Dramen
Bordellscenen mit liebevollstem Eingehen auf Einzelheiten. Aber
die Gesellschaft ist andrerseits keineswegs lüstern, ihre Offen—
heit hat etwas Wahres, sie wirkt bedeutend durch den großen
Wurf ihrer Naivität. Es sind Züge, die dem öffentlichen Leben,
der Geschichte dieser Zeit noch heroische Färbung verleihen; die
Leidenschaften öffnen kühn ihr Visier in den Kämpfen um
Herrschaft und Reich; und der Sturmwind der Auffassungs⸗
weise unserer Epen jagt noch über die Felder auch der höchsten
politischen Konzeptionen.
Goethe hat einmal als die eigentliche Wurzel höherer Sitt⸗
lichkeit die Selbsterkenntnis, als ihr echtes Mittel die Selbst⸗—
        <pb n="203" />
        188 Sechstes Buch. Zweites Kapitel.

beherrschung bezeichnet. In der That ist praktische Willensfreiheit
in unserem Sinne wohl zumeist identisch mit der Bestimmung
unseres Willens durch den Verstand, d. h. durch geläuterte sitt—
liche und gesellschaftliche Vorstellungen. Insofern ist die Sitt—
lichkeit nicht zum geringsten mit bedingt durch die Voraus—
setzungen eines entwickelteren Verstandes, durch eine höhere
Erkenntnis, also durch Vorgänge und Errungenschaften der in⸗
tellektuellen Entwickelung. Je freier die Weltkenntnis, um so
höher die Selbsterkenntnis, um so individueller die Sittlichkeit.
Nun war der Stand der intellektuellen Durchbildung der
Gesamtnation auch im Zeitalter der Ottonen noch niedrig genug.
Sieht man von dem geringen positiven Wissen und Können der
Menge ab, das z. B. die Multiplikation nur erst in der Form
wiederholter Addition bewältigte, so hatte das Denken an sich
noch etwas durchaus Gegenständliches, es haftete am Einzelnen.
Der Gedankeninhalt war noch nicht so groß, daß er einer Re—
duktion durch Unterordnung der konkreten Einzelheiten unter
wissenschaftliche oder schließlich philosophische Begriffe bedurft
hätte. Es bestand auf dem Gebiete der Erfahrung noch keine
Enge des Bewußtseins; Anschauungen herrschten, nicht Begriffe.
Die Folge war, daß sich das Denken gern in konkreten,
halb dichterischen Formen äußerte. Das geschah sogar in der
Umgangssprache unter Anlehnung an die alten symbolischen
Formeln der urzeitlichen Poesie, die das ganze Mittelalter hin⸗
durch nicht völlig verloren gingen!. So wird z. B. der Ge⸗
danke, daß auch Jünglinge oft sterben, in der Bemerkung
wiedergegeben, oft werde schon eine Kalbshaut an die Wand
gehängt?. Ja, noch mehr: auch die Sprache selbst hatte noch
etwas Bildartiges, sie strotzte gleichsam in den schillernden
Farben des Olgemäldes, während das moderne Deutsch seinen

H. Heine (Ges. Werke 6, 27 ff.) findet sogar den Charakter aller
mittelalterlichen Poesie im Hinzukommen der esoterischen Bedeutung
Symbolih) zur äußeren Darstellung.
Thietm. 2, 32 S. 88. Eben hierher gehört die bekannte Frage
an Ekkehard von Thüringen: Num currvi tuo quartam deéeesse non
sentis rotam? Thietm. 4, 52 S. 93.
        <pb n="204" />
        Nationales Geistesleben im 9. und 10. Jahrhundert. 189

reineren Gedankeninhalt in sparsam knapper Federzeichnung
birgt: der Gedanke hatte die Vracht der Einzelvorstellung noch
nicht beseitigt.
Es war freilich nur eine andere Seite dieses Charakters
der Sprache, wenn sie fast noch keinerlei persönliche, individuelle
Handhabung gestattete. Ihre Laut- und Flexionsverhältnisse sind
rein und unbeugsam, die syntaktischen Gesetze gelten ausnahms—
los und lassen nicht mit sich paktieren: der sprachliche Fortschritt
vollzieht sich noch nicht durch litterarische Einwirkung, sondern
im Dunkel unmittelbar sprachlicher Bewußtseinsäußerung der
Menge. Dementsprechend schreibt man selten einen individuellen
Stil; auch in der lateinischen Litteratur der Zeit ist der Be—
griff des Stiles fast noch unbekannt, so daß es nur ausnahms—
weise gelingt, die litterarische Überlieferung nach stilistischen
Merkmalen mit Bestimmtheit zu sichten. Ja selbst die Satiren
und Streitschriften des 11. Jahrhunderts, Werke verhältnis—
mäßig besonders persönlicher Art, haben noch viel Typisches;
in jedem Traktate, gleichviel welchen Verfassers, wiederholt sich
dieselbe Diktion, fast die gleiche Reihe von Ausdrücken, Ge—
danken und Bildern.
Wie in der Sprache so hatte man sich auch im Leben und
—D—
Entfernungen irgendwie herrschend heimisch gemacht. Dieselbe
Unfähigkeit, das thatsächlich Gegebene geistig scharf zu fassen
und wiederzugeben, begegnet auch hier. Man sah gleichsam
nur ornamental, ließ sich von den äußeren, nur in den all—
zemeinsten Zügen erkannten Umrissen der Dinge einnehmen
und treiben. So fehlte jeder Sinn für Massenerscheinungen,
der immer ein Beherrschen von Einzelheiten voraussetzt; die
unglaublichsten Dinge fabelte man über die Größe von Heeren,
die Menge gefallener Krieger, die Ausdehnung von Seuchen,
die verheerende Kraft größerer Brände. Für die gewöhnlichsten
Vorstellungen auf diesem Gebiete, namentlich Zahlenvorstellungen,
entwickelten sich geradezu typische Lösungen, die immer und
immer wieder als fuür Einzelfälle zutreffend gebraucht werden.
Namentlich spielen hier einfache Teile und Mehrfache des
        <pb n="205" />
        190 Sechstes Buch. Zweites KRapitel.

Großen Hunderts eine Rolle; zumeist ist in den Quellen des
9. und 10. Jahrhunderts von Kriegsauszügen zu 30, 40, 60
120 Tausend die Rede.
Hilfsmittel, die für die Richtigstellung solcher typischer
Anschauungen zeitgenössischer Verhältnisse noch hätten benützt
werden können, fehlten vielfach für die Vergangenheit. Um so
mehr verfiel man auf diesem Gebiete reinem Autoritätsglauben.
Wie man im Rechtsgang noch die formellen Beweismittel der
Gottesurteile zuließ, so galt dem geschichtlichen Sinne jede
Überlieferung als unverrückbar heilig; und da die ungesichtete
Tradition eine Fülle von Unwahrscheinlichkeiten enthielt, so
mehrte sich zusehends die Lust am Fabulieren. Die apokryphen
Evangelien gewinnen an Einfluß; bald stehen sie in kaum min—
derem Ansehen als die kanonischen Schriften. Die Thaten des
Aneas, der ganze Inhalt des Vergilischen Epos erscheint den
zahlreichen Lesern der Ottonenzeit nicht als Sage, sondern als
Geschichte; das fromme Heldenpathos des römischen Stamm—
vaters entfernte sich ja nicht allzuweit von der Demut der
biblischen Heiligen, und Wunder geschahen in heidnischer wie
christlicher, in alter wie neuer Legende.
So fand sich, auf der Grundlage rein typischer nationaler
Verständniskraft, doch befruchtet von Christusglauben und
klassischer Tradition, allmählich eine Neigung fürs Wunderbare,
ein Heißhunger nach Abenteuern ein, denen die Nation noch
Jahrhunderte lang schlimme wie gute Stunden verdankt hat!.
Noch geringer als der Sinn für das AÄußere des Ge—
schehens war das Verständnis für das innere Gewebe fremder
Charaktere entwickelt?. Hatten sich früher alle Vorstellungen der

1 Die einfachsten Dinge sieht man als Wunder an: Hauck 21II
S. 751f. Eb. 753 ff. über die allgemeine Wundersucht. Ansätze zur
Kritik zeigen sich immerhin schon im 9. Jahrhundert: eb. S. 744, im 11.:
Ellinger S. 100. Unter den Quellen ist namentlich Thietmar als wunder⸗
süchtig bekannt.
2 Kühne S. 55 macht darauf aufmerksam, daß man in dieser Zeit
alle Handlungen als „Triebhandlungen“ (im Sinne Wundts) auffaßt, d. h.
sie auf ein Motiv zurückführt. — Der Text wird durch Thangmars
Vita Bernwardi besonders bestätigt: vgl. Hauck III 936f. S. auch
Kleinpaul S. 9f.
        <pb n="206" />
        Nationales Geistesleben im 9. und 10. Jahrhundert. 191

Nation auf diesem Gebiete in die Ausgestaltung der großen
typischen Personen der Heldensage ergossen, so reichte die christ—
liche Kirche späterhin in der massiven Ethik der Missionszeit,
im Gegensatz namentlich von böse und gut, dem nationalen
Verständnis ein nur zu einfaches Schema dar. Bald entwickelte
sich, vielleicht im Anschluß an Anschauungen der urchristlichen
Zeit, der Glaube, jeder Mensch sei von einem guten und schlechten
Engel umgeben, der eine vom Herrn gesandt, der das Gute
lehrt, der andere emporgestiegen aus dem schwarzen Abgrund
der Hölle, mahnend zum Bösen. Sie streiten um des Menschen
Herz, das passiv und an sich inhaltslos leidet als Schlachtfeld
innerer Kämpfe: nur Gottes Gnade, ein dritter, fremder Faktor,
hilft zu Sieg und Gelingen. Diese und verwandte Vor—⸗
stellungen ersticken jedes tiefere Verständnis zeitgenössischer
Charaktere; sie beherrschen mehr oder minder alle Lebens⸗
— D
zeugnisse der Pietät, gleichsam als Ersatz für die unterdrückten
feierlichen Totenlieder der Heidenzeit gelten können, nicht als
geschichtliche Kunstwerke geistig freier Empfängnis!. Ja noch
mehr: diese Vorstellungen beherrschen und typisieren die zeit—
genössische Geschichtschreibung überhaupt; selbst einer Hrotsuit
von Gandersheim, die allein in diesem Zeitalter sich auf die
Belebung von Personen im Drama verstand, erscheinen die
Schicksale des Ottonischen Hauses als Offenbarungen bald
himmlischer, bald höllischer Eingebung; Gott und Satan
kämpfen bei ihr um die Herrschaft über die einzelnen Träger
der geschichtlichen Handlung.
Die Anschauungen der Hrotsuit, einer hochstehenden, zudem
vom Hauche klassischer Tradition erfaßten und geläuterten Frau,
offenbaren mit einem Schlage die tiefsten Gründe im intellek—⸗
tuellen Leben der Ottonischen Zeit: noch nahm man nur typisch
Bewußtseinsinhalte auf, indem man entweder die Thatsachen
nur ihren äußerlichsten Eindrücken nach verarbeitete, oder indem

Als erste nennenswerte Ausnahme hiervon wird Adams Leben
des Erzbischofs Adalbert von Bremen angesehen. S. Hauck III ggso ff.
349 2; auch Nitzsch I 8.
        <pb n="207" />
        192

Sechstes Buch. Zweites Kapitel.

man mit einem möglichst einfachen, von autoritativer Über—
lieferung dargereichten Schema an sie heranging: es ist die
gleiche geistige Haltung, die auch die ästhetischen Anschauungen
des Zeitalters beherrschte.

IV.

Die bildende Kunst der germanischen Stämme hatte schon
in frühen Jahrhunderten den Übergang von der Bandornamentik
der Urzeit zu der wild bewegten Tierornamentik des 6. bis
8. Jahrhunderts bewältigt!. Die klassisch-irische Rezeption des
Karlingischen Zeitalters hatte dann diesem Fortschritte Halt
und Mäßigung gegeben: zwar erscheint auch in dieser Periode
die germanische Ornamentik nicht weiter als bis zur einfachsten
typischen Bewältigung des Tierleibes entwickelt, so daß nur
selten sich individueller dargestellte Tiere, Adler und Löwen,
Gänse und Hunde, als solche unterscheiden lassen, aber doch
ergeben sich die Formen als reicher ins einzelne durchgebildet
und symmetrischer geordnet.
Zugleich aber hatte eine völlig neue Periode nationaler
Kunstanschauung seit etwa Mitte des 9. Jahrhunderts einzu⸗
setzen begonnen: an Stelle der alten Tierornamentik trat all⸗
mählich, herrlich erblühend seit der Wende des 9. und 10. Jahr—
hunderts, die Pflanzenornamentik der Ottonischen Zeit.
Die tiefere Grundlage dieser Ornamentik ist allerdings
noch dieselbe wie die der Tierornamentik. Hier wie dort
handelt es sich um die typische Auffassung der Außenwelt;
hier wie dort werden die naturalistischen Formen nur in den
äußersten Umrissen wiedergegeben; wie noch in der Sprache
unserer Frühzeit Eiche, Esche, Föhre, Tanne neben der speziellen
Baumart „Baum“ überhaupt bedeuten?, wie in der Urzeit die
Sprache jede besondere Bezeichnung für einzelne Blumen ent—
behrt und nur das generelle Wort Blume kennt, so stellt auch
die Pflanzenornamentik der ausgehenden Stammeszeit keine be—

S. Band 1Ls, S. 388 ff. Lamprecht, Initialornamentik S. ' ff.
2 Wir verstehen noch heute unter Tann jeden Forst; ahbd. tanesil
ist der Waldesel.
        <pb n="208" />
        Nationales Geistesleben im 9. und 10. Jahrhundert. 193

sonderen Blumen dar, sondern begnügt sich mit der Wiedergabe
der typischen Einzelheiten jeder Pflanze, des Keims und des
Blattes, der Blüte und des Schaftes.
Der Fortschritt gegenüber der Tierornamentik vollzieht sich
also noch auf der gemeinsamen Grundlage der typischen Wieder—⸗
gabe der Außenwelt: diese ist dem ganzen Zeitalter der Stammes⸗
kultur gemeinsam. Neu ist nur die Anwendung auf die nicht
aktuelle, scheinbar nicht belebte Seite der Außenwelt, auf das
Pflanzliche. Hatte die ästhetische Anschauung im 6. bis 8. Jahr⸗
hundert nur das lebendig Bewegte ergriffen, in den folgenden
Jahrhunderten ging sie mehr zu sinniger Betrachtung auch des
Ruhenden über.
Die Wandlung ward wohl teilweise durch die Rezeption
des Christentums und die Karlingische Renaissance vermittelt.
Jetzt ward den Deutschen das Geheimnis der Schrift erschlossen;
ein neues Feld wichtigen Kunstbetriebes ergab sich in der wür—
digen Ausstattung der Bücher des christlichen Kultus. Zwar
zogen auch hier anfangs die ungeschlachten Gestalten der Tier⸗
ornamentik ein; die Anfangsbuchstaben, recht eigentlich der
Standort jeder ornamentalen Buchausstattung, wurden zu ver⸗
renkten Tierleibern gestaltet. Aber das Ungeschickte der An—
wendung mußte doch bald auffallen. Schrift und Inhalt der
heiligen Bücher mahnten zur Ruhe; so leicht sich germanische
Einbildungskraft sogar die Buchstaben belebt vorstellte!, so sehen
wir doch schon gegen Ende des 7. Jahrhunderts, wie sich den
Initialen hier und da Knospen und Blätter ansetzen: damit
bermittelte die Buchornamentik anscheinend zuerst den Übergang
zur neuen Kunst des 9. bis 11. Jahrhunderts.
Auch in ihrer herrlichsten Blütezeit, in der zweiten Hälfte
des 10. Jahrhunderts, wie später blieb die Pflanzenornamentik
im wesentlichen an die Buchausstattung gefesselt, wenngleich
sie auch zur ornamentalen Ausstattung von Innenräumen und
Bewändern, ja, in gewissen Übergängen zur plastischen Verzierung

1Vom P heißt es in einer ags. Quelle: Der Kampfheld hat eine
(ange Rute mit goldener Spitze, und stets schwingt er sie gegen den
grimmen Feind: Gbert, Littgesch. 8, 98.
Lamprecht, Deutsche Geschichte II.
        <pb n="209" />
        194 Sechstes Buch. Zweites Kapitel.

der Kapitelle und sonstigen Zierglieder des neuen romanischen
Stiles! Verwendung fand, — überhaupt überallhin drang, wo
deutscher Sinn künstlerische Wirkung verlangte. Denn noch
ist dieses Zeitalter ein voll ornamentales, soweit es nationaler
Kräfte allein sich rühmt; nie sind in Deutschland herrlichere
Erzeugnisse ornamentalen Schaffens zu Tage getreten als in
den großen Evangeliarien der Ottonischen Zeit, dem Evangeliar
von Echternach etwa und dem Codex Pgberti, wie in den
Ritualbüchern König Heinrichs II. für Bamberg, welche die
Münchener Bibliothek jetzt unter ihren hervorragendsten Kost⸗
barkeiten bewahrt?.
Im Laufe des 11. Jahrhunderts begann die Pflanzen⸗
ornamentik zu verfallen, aus der ersten Hälfte des 18. Jahr—
hunderts liegen die letzten Erzeugnisse ihres Geistes vor.
Inzwischen aber hatte die ornamentale Auffassung der
Nation eine Wendung genommen, die den Übergang zu der
ganz anderen Kunst der staufischen Zeit bezeichnet. In der
ornamentalen Plastik namentlich Süddeutschlands und West⸗
falens verließ sie mit dem 12. Jahrhundert die alte Typik der
Auffassung und ging zur konventionellen Darstellung über.
Merkwürdigerweise erfolgte damit den Objekten der Darstellung
nach zugleich ein Rückschlag auf das alte Kunstgebiet der Dar—
stellung der Tiere. Aber nicht mehr das Tier schlechtweg in
seinem Typus als Vogel, Vierfüßler oder Schlange ward jetzt
in den abenteuerlichen Skulpturen der Freisinger Unterkirche
oder des Wessobrunner Lettners, der Schottenkirche zu Regens—
burg oder des Basler Münsters, des Doms zu Bamberg oder
—DDD—
viduelle Formen von Fabeltieren, von Drachen und Greifen,
wie von heimischen Tieren erhielten konventionelle Gestaltung.
Es war eine Bewegung, die dann noch das ganze staufische
Zeitalter erfüllt hat, ja, die in den Prachtbauten der staufischen

Das Ornamentale der Architektur bis zum Jahre 1000 etwa ist
freilich im wesentlichen noch klassisch, — deutsche Ornamentik kommt nur
hier und da schüchtern zum Durchbruch, z. B. in Gernrode.
2 Val. unten S. 223 ff.
        <pb n="210" />
        Nationales Geistesleben im 9. und 10. Jahrhundert. 195

Herrscher selbst, zu Gelnhausen und zu Wimpfen am Berge,
einen hohen Grad heiterer Grazie empfing, bis sie mit dem
Eintritt der Gothik allmählich erstarb und durch eine mehr
naturalistische Behandlung der Tierwelt ersetzt ward. Doch
dauerte es auch dann noch viele Generationen, ehe das Tier—⸗
studium jenen fast völligen Naturalismus erreichte, der uns etwa
aus dem Kaninchen Dürers in der Albertina entgegenleuchtet.
Und längst vorher schon hatten sich die Romanen in der
gewaltigen Stimme Bernards von Clairvaux gegen das deutsche
Tiergefasel in den Kirchen, gegen die lächerliche Ungeheuerlich—
keit, gegen die deformis formositas und die formosa deformitas
 dieses letzten Aufflackerns urgermanischer Kunst ausge—
sprochen, — nicht minder, wie sie um gleiche Zeit die Kraft
unserer alten Heldenlieder mit den Süßigkeiten ihrer roman—
haften Epik zu durchsetzen begannen. Doch hatte auch der ger⸗
manische Heldensang der frühen Stammeszeit inzwischen eine
Entwickelung durchlebt, welche die Wandlungen der Ornamentik
in fast völlig ebenmäßigem und innerlich verwandtem, ja, im
Grunde identischem Fortgang begleitet.
Wie die Tierornamentik der Frühzeit des Stammeslebens
gegen das 9. Jahrhundert verfiel, so neigte sich um diese Zeit
das erste große Zeitalter unseres Heldensanges seinem Ende zu!.
Doch ähnlich, wie auf dem Gebiete der bildenden Kunst die
ornamentale Disposition im allgemeinen erhalten blieb, nur
in Ausstrahlung auf eine andere, weniger aktuelle Außenwelt,
auf das Pflanzliche, so erhielt sich auf demselben typischen
Untergrunde des Geisteslebens auch die epische Disposition:
doch wandte auch sie sich vom Aktuellen in des Wortes strengster
Bedeutung, vom Heldenhaften, von den großen Schicksalen der
Nation und deren Trägern ab und nahm einen Zug an aufs
zuständlich Ruhigere, auf die Episoden innerhalb des geschicht⸗
lich-nationalen Verlaufes. Diese Neigung ward durch das
Absterben des alten Götterglaubens noch besonders gefördert:
denn nun verbot sich von selbst ein Überschlagen des wild

S. Band 18, S. 342 ff.
        <pb n="211" />
        1909 Sechstes Buch. Zweites Kapitel.

Heroischen ins Mythische, wie es eines der wesentlichsten Mittel
großer Wirkung im alten Heldensange gewesen war.
Bereits unter Karl dem Großen beginnt die neue epische
Kunst zu blühen, und eins ihrer ältesten Zeugnisse schon, das
man freilich erst mit den Mitteln moderner Wissenschaft wieder—
herzustellen versucht hat, nimmt den charakteristischen Zug ins
Anekdotenhafte auf. Karl der Große hatte den Bruder seiner
Gemahlin Hildegard, Udalrich, reich mit Lehen begabt. Als
nun die Königin (7883) starb, sprach König Karl dem Udalrich
wegen eines Vergehens die Lehen ab. Da rief ihm ein Spiel—⸗
mann zu:
Nu habôt Uodalrib firloran êrôno gilib
dstar enti uuestar, sid irstarp sim suester.
Karl nahm sich das zu Herzen, soll in Thränen ausgebrochen
sein und gab Udalrich die Lehen zurück.
Im Zeitalter der Ottonen wuchs, ja wucherte dann die
neue Dichtung; voll hatte sie gesiegt, der alte Heldensang ward
hier und da geradezu verschmäht. Kaum eine bedeutendere
Persönlichkeit, kein wichtigeres Ereignis gab es, dem nicht ein
neues, Sageliet‘ epische Wertung verliehen hätte. Ekkehard IV.
von St. Gallen, der liebenswürdige Chronist, will nichts er—
zählen vom Verrat Erzbischof Hattos an Adalbert dem Baben⸗
berger, quoniam vulgo concinnatur et canitur; in der Ge—
schichte Graf Konrad Kurzbolts, aus dem gegnerischen Hause
der Babenberger, übergeht er absichtlich viele Einzelheiten, quae
de eo concinnantur et canuntur; an einer dritten Stelle end⸗
lich tadelt er den Biographen des heiligen Bischofs Udalrich
von Augsburg, weil er vergessen habe, zu erzählen, quae de
eo concinnantur vulgo et canuntur. Die ganze Überlieferung
unserer politischen Geschichte in den ersten Jahrzehnten des
10. Jahrhunderts, ja tief hinein noch in die Tage Ottos des
Großen, wie wir sie vornehmlich Widukind verdanken, beruht
auf Auszügen aus Sageliedern, welche sich der Person Hattos
von Mainz, der großen Helden aus den Geschlechtern der Kon—
radiner und Babenberger, König Heinrichs J., des lothringischen
Grafen Immo und anderer bemächtigt hatten. Und noch tönt
        <pb n="212" />
        Nationales Geistesleben im 9. und 10. Jahrhundert. 197

hier und da durch das sallustische Latein Widukinds der schwere
Schritt des deutschen Rhythmus; ja selbst da, wo Widukind
aus Eignem schöpft und ein Historiker sein will seiner im
klarsten Lichte des Tages vor ihm stehenden Zeitgenossen, ver—⸗
leugnet er nicht den Sohn seines Volkes, ergeht sich in episch⸗
deutschen Wendungen und malt die Helden seines Stammes
im Kraftstriche deutsch-epischer Technik.
Ergriff so die neue, zuständliche Typik des deutschen Epos
zunächst die geschichtlichen Ereignisse der Zeit, anfangs, um
hervorragende Einzelheiten zu schildern, späterhin, um diese
um willkürliche Centren zu neuen größeren Stoffen zusammen—
zuballen und zu verdichten, so wandte sie sich doch auch sofort
der Behandlung älterer Stoffe des Heldensanges zu. Diese
erhielten dabei, soweit wir zu sehen vermögen, eine völlig ver—
änderte Fassung. Der hastige Zug der Erzählung, der drama—
tische Schwung des Geschehens, das sturmesgleiche Wehen des
Vortrags, das alles fiel hinweg. Nun verweilte man ruhig
beim Einzelnen, die Schilderung trat in ihre Rechte, behaglich
wurde mitgeteilt aus dem langvererbten Schatze altersgrauer
Überlieferung: jener epische Stil, den wir aus den homerischen
Gedichten kennen, begann auch bei uns sich zu bilden.
Und neben dem alten Heldensang in breiter Umformung
nahm die neue Zeit sich des Schwankes an wie der Legende:
die zuständliche Epik wie die phantastische und willkürliche Er—
zählung fanden von Tag zu Tag sorglichere Pflege. Unter
diesen geistigen Voraussetzungen scheint auch die Tierfabel in
unserem Volke Eingang gefunden zu haben; vornehmlich die
Geistlichkeit hat sie zunächst verarbeitet. Doch ist die Ecbasis
daptivi des 10. Jahrhunderts noch kein eigentliches Tierepos;
erst das 12. Jahrhundert hat unter ganz anderen geistigen Be—
dingungen deren gezeitigt.
Im übrigen war nicht der Klerus und ebensowenig der
höhere, geistig der Ottonischen Renaissance angehörige Stand
der Laien im 10. Jahrhundert Pfleger der nationalen Dichtung.
Spielleute waren es, die unter den ungünstigen Einwirkungen
der antiken Rezeption allein noch die heimischen Schätze der
        <pb n="213" />
        198 J Sechstes Buch. Zweites Kapitel.

Poesie besaßen und an ihrem Teile mehrten. Dabei waren sie
aber nicht mehr hochgemute Sänger, wie ihre Vorgänger der⸗
einst an den Höfen der Stammesfürsten und Könige des 6. bis
8. Jahrhunderts: Possenreißer und Musikanten, Mimiker viel⸗
fach gewöhnlicher Art, lose schweifendes Volk waren sie; und
die neue Poesie ihrer Schöpfung ist mit ihnen vergangen im
Wind und Wetter der Landstraße.
So sind wir über die außerordentlichen Wandlungen, die
sich in der äußeren Formgebung der Dichtung vom 8. bis zum
10. Jahrhundert vollzogen, nur wenig unterrichtet. Während
sich auf der einen Seite noch lange die Praxis der Verschrän—
kung von Vorstellungen, ja ganzen Episoden erhält — ähnlich
wie in der Pflanzenornamentik die Vergitterung pflanzlicher
Schäfte noch spät an die Bandornamentik der Urzeit erinnert —,
während ferner die Allitteration noch vielfach gebraucht wird,
machen sich doch langsam auch neue Arten der Formgebung
geltend. Die Erzählung wie die Darlegung der Empfindungen
wird ohne Verflechtung breit und klar gehandhabt; und an die
Stelle der Allitteration tritt der Reim.
Nur schwer lassen sich die Gründe gerade dieser Umwälzung
aufklären. Gefördert wurde der Reim offenbar durch das Bei—
spiel der lateinischen Dichtung, vornehmlich der Sequenz und
des Hymnus, ja vielleicht auch schon durch das an der vokal—
reichen lateinischen Sprache fortgebildete Sinnlichkeitsgefühl für
den Sprachkörper; Platz geschaffen ward ihm zugleich durch den
Verfall der altgermanischen chorischen Dichtung. Doch sind das
nur nebensächliche Momente; in der nationalen Entwickelung
selbst muß die Aufforderung zu einer auf den Reim führenden
Wandlung der dichterischen Formgebung gelegen haben: sonst
würden Reim und Assonanz schwerlich so rasch und allseitig,
zugleich in der Anekdote und dem ernsten Epos, in Kunst—
schöpfungen wie in echt nationaler Poesie, besonders auch in
Otfrids Krist, zum Durchbruch gelangt sein.
Vielleicht ist der mehr lyrische, musikalische Charakter des
Reims für seine schnelle Aufnahme von Bedeutung gewesen.
Wenigstens läßt es sich nicht verkennen, daß mit der neuen
        <pb n="214" />
        Nationales Geistesleben im 9. und 10. Jahrhundert. 199

Epik des 8. bis 11. Jahrhunderts zugleich ein Zug fürs Sinnige,
Lyrische in unserer Nation entwickelt wird. Sehen wir davon
ab, daß sich bei Otfrid (um 870) die ersten lyrischen Em—
pfindungen in deutscher Sprache vorgetragen finden, — es sind
dielleicht nur resignierte Reflexionen der Klosterzelle: schon eine
gesetzgeberische Maßregel vom Jahre 789 hatte sich gegen die
Liebeslieder der Nonnen gewandt. Aber auch die Art, wie
Dichter des 10. Jahrhunderts die Pracht der aufgehenden
Sonne, die stillen Schauer der Morgenröte, die beseligende
Ruhe des Abends zu schildern wissen, wenn auch für uns er⸗
kenubar nur im fremden Gewand lateinischer Sprache, sie
deutet auf einen Umschlag, eine neue Wendung der nationalen
Stimmung. Doch hat sich der neue Sinn zunächst weniger
auf dichterischem Gebiete geoffenbart; mit aller Inbrunst, mit
schwärmerischer Innigkeit und schließlich weltflüchtiger Askese
umfaßte er vielmehr den bisher nur äußerlich begriffenen Geist
des Christentums und wirkte sich aus in einem ersten Zeitalter
deutscher Frömmigkeit.

7

Die Kirche des ausgehenden Imperiums war den deutschen
Stämmen mehr gewesen als eine bloße Anstalt zur Befriedigung
religiöser Bedürfnisse: beim Verfall des Reiches war in sie alle
höhere geistige Thätigkeit, alles noch zukunftsfrohe Gefühl alter
Kultur geflüchtet: sie war Ersatz des untergehenden Staates.
Aber neben dem römischen Element der staatlichen Auffassung
barg sie in sich nach der Art ihres Entstehens zugleich ein
drientalisches Grundelement und die dauernden Errungenschaften
der spekulativen Begabung der Hellenen: sie war das einzige
Gefäß der weltgeschichtlichen Überlieferung überhaupt.
So sollte das deutsche Volk mit der Kirche nicht bloß das
Christentum aufnehmen in aller Inbrunst des Glaubens und
Demut der Erkenntnis: es sollte sich auch erfüllen mit den ge—
läutertsten Reliquien alles großen nationalen Denkens und
Schaffens, das in den Jahrtausenden vor den Zeiten seiner
weltgeschichtlichen Mission geblüht und Früchte getragen hatte.
        <pb n="215" />
        200 Sechstes Buch. Zweites Kapitel.

Es war eine der stärksten Zumutungen an die jugendliche
Spannkraft des germanischen Geistes; Jahrhunderte hindurch
hat unser Volk von und in dieser Aufgabe gelebt; die Fieber—
schauer unserer mittelalterlichen politischen Geschichte, In—
vestiturstreit und teilweis sogar noch staufische Schicksale sind
vornehmlich durch die Schwierigkeiten veranlaßt, welche die
Aufnahme christlicher und weltgeschichtlicher Ideen der Volks—
seele verursachte.
Im 8. Jahrhundert war man freilich noch fern von einer
innerlichen Annahme des Christentums: schon der tolerante Sinn
der germanischen Bevölkerungen bis ins 10. Jahrhundert hinein
beweist das. Und noch viel später rauschten und raunten heilige
Bäume den Willen der alten Götter, umhallten prophetische
Stimmen und Opfergemurmel die Steinbauten väterlicher Opfer—
stätten, wurden germanische Zaubersprüche gesungen über Feld
und Vieh, über Webstuhl und Spinnrocken, über Tagesnahrung
und heilkräftige Wurzeln.
Doch beginnen schon seit Karls des Großen Zeit leise
Spuren einer innerlicheren Aufnahme des Christentums
wenigstens bei entgegenkommend gestimmten Seelen. Zugleich
erweitert sich stetig das Netz der Pfarreien: überall tritt christ—
liche Seelsorge dem Volke entgegen. Schon die Thatsache,
daß die christliche Übersetzungslitteratur für Laien sich seit dieser
Zeit rasch mehrt, ist ein Zeichen für ihre ernste Arbeit. So
wird schon um die Wende des 8. und 9. Jahrhunderts neben
Taufgelöbnis, Symbolum und Vaterunser vornehmlich das
Evangelium Matthäi und die Tatianische Evangelienharmonie
ins Deutsche übertragen, und wohl gleichzeitig beginnt auch die
Übersetzungslitteratur der Predigt. Darauf folgt, ebenfalls
ganz ein Erzeugnis missionierender Bestrebungen, der Höljand
etwa vom Jahr 830, ein Versuch, das Leben Christi in freier
Anlehnung an vorhandene Bearbeitungen und Erklärungen der
Evangelien in nationalem Ton zu erzählen: Christus wird zum
reichsten aller ringspendenden Könige, denn er begabt mit den
Freuden ewigen Lebens; die Jünger sind sein Gefolge, Petrus
sein besonders bevorzugter Schwertdegen; selbst die Schafhirten
        <pb n="216" />
        Nationales Geistesleben im 9. und 10. Jahrhundert. 201

bei der Geburt Christi werden zu den Pferdehütern Altsachsens.
Dabei erscheinen die Menschen, die im Holjand auftreten, noch
völlig an die Macht der Sippe gebunden; denn nur an die
Sippe zunächst richtet Christus seine Predigt. Und wie später
Widukind, so ist auch der Dichter des Héljand der Askese ab—
geneigt: Welt und Wonne werden von ihm noch gerne zu—
sammengestellt. Diesen Zeugnissen christlichen Lebens begannen
seit Mitte des 9. Jahrhunderts auch andere Stämme zu ant—
worten: die Alamannen durch den Mund eines Geistlichen, des
Mönches Otfrid von Weißenburg, die Bayern durch jenen Laien,
der das Muspilli genannte Lied gedichtet hat, die Sachsen in
den rührenden Familienbekenntnissen des Agius, des Liudol—⸗
fingischen Mönches von Lammspringe, und in gewissem Sinne
auch in den Genesisfragmenten des Vatikans, deren Dichter
in nahen Beziehungen zum Verfasser des Héliand gestanden
haben muß.
Otfrid dichtete sein Evangelienbuch auf Veranlassung einer
ehrwürdigen Matrone und einiger Klosterbrüder, er widmete es
außer seinem König dem Erzbischof von Mainz, dem Bischof
von Konstanz und zwei würdigen Brüdern im Kloster des
hl. Gallus. So ist das Gedicht ein kirchliches, ja ein gelehrt—
kirchliches Gedicht didaktischen Zweckes, wenn freilich selbst hier
der biblische Text unbewußt mit deutschen Gedanken durchsetzt
erscheint. Trocken, wenn auch innigen Tones, mehr aus
frommem Gemüt wie dichterischer Intuition geboren, stellt es
den Inhalt der Evangelien in treuem Anschlusse an die vor—
geschriebenen Perikopen dar, — bis es in der teilweise frei er—
fundenen Darstellung der Wiederkunft Christi und des jüngsten
Gerichtes endet.
Der handgreifliche, auf einstige Abrechnung im Jenseits
gerichtete Zug eines schon spezifisch germanischen Glaubens
spricht aus diesen Teilen. Das wird klar, wenn man sieht, wie
das Muspilli genau eben dies Problem behandelt, jenes merk—
würdige Gedicht, das sich auf den leeren Seiten einer einst im
Besitze Ludwigs des Deutschen befindlichen Handschrift gefunden
hat. Es spricht vom Schicksal der Seele nach dem Tode.
        <pb n="217" />
        202

Sechstes Buch. Zweites Kapitel.

Nachdem die Seele den Leib verlassen hat, streiten sich um sie
die Herrscharen des Sternenhimmels und die Gewaltigen des
höllischen Pfuhles: und bang harrt die Seele des Ausgangs.
Da naht das jüngste Gericht, eingeleitet durch einen Kampf
des Propheten Elias mit dem Entchrist. Das Blut des ver—⸗
wundeten Propheten trauft zur Erde: da entsteht der Welt—
brand: Feuer ergreift Erde und Himmel und Meer; der Mond
fällt herab: der Straftag fährt übers Land, die Menschen
heimzusuchen: — selbst die Bande der Sippe werden dann
zerrissen: — und die Seele harret des Urteils. Des Himmels
Drommete ertönt; der Weltrichter schreitet zur Walstatt; die
Engel ziehen über die Lande, die Toten zu wecken. Da muß
erscheinen jeder der Menschen: „da soll die Hand sprechen, das
Haupt sagen, aller Glieder jegliches bis zum kleinen Finger,
was es Böses that unter den Menschen“ .....
Zwei Jahrzehnte etwa nach der Niederschrift des Muspilli,
im Jahre 864, lag der Sachsenfürst Liudolf im Sterben. In
seinen letzten Phantasieen ringt auch er mit der Vorstellung
des jüngsten Gerichtes. Schon glaubt er hinabzustürzen in die
Tiefe des Abgrundes, da erfaßt er mit beiden Händen einen
Zweig und wird gerettet; einem Vernichtung kündendem Rufe
antwortet er, seine Hoffnung stehe auf Gott. Da sieht er einen
himmelstrebenden Baum mit breitem Gezweige: es ist sein
zukünftig Geschlecht: herrlich wird es blühen vor aller Welt,
Gott wohlgefällig, das Haus der kaiserlichen Ottonen.
Sehr massiv mischt sich in diesem Erguß einer hoch—
gemuten germanischen Seele um die Mitte des 9. Jahrhunderts
noch Geistliches und Weltliches; nur das konkreteste Erfassen
des neuen Glaubens erklärt den Zusammenhang dieser religiös—
dynastischen Vision.
Wie anders allgemein, wenn auch noch durchaus sinnlich,
stellen sich dürstende Seelen schon des 10. Jahrhunderts die
Seligkeiten vor, die Gott uns im Himmel verheißen hat! Da
gibt es nicht die Last schleichenden Greisenalters, nicht Krank—
heit noch Schmerz; schön wie der Herr Christ in seiner Jahre
        <pb n="218" />
        Nationales Geistesleben im 9. und 10. Jahrhundert. 2038

Vollendung! werden alle Leiber dauern ohne Zunahme noch
Abnahme: nie wird die Zahl der Gevechten gemindert sein,
nicht mehr werden sie in Furcht leben vor den Listen des
Teufels.
Schon aus den bisherigen Mitteilungen geht hervor, daß
den Deutschen dieses Zeitalters jede verstandesmäßige Auf—⸗
nahme der Heilsthatsachen in Bewußtsein und Gemüt völlig
ferne lag; erkämpfen im Sinne altgermanischen Heldentums
wollten fie die Seligkeit, unmittelbar, in rückhaltloser Hingabe
an den Christengott den Teufel überwinden aus Kraft der
Bnade und der göttlichen Erleuchtung: die Grundanlage ihres
Verhaltens zum Christentum ist mystisch.
Nirgends wohl lernt man die Seelenkämpfe, die diese
religiöse Haltung für den Deutschen des 9. bis 11. Jahrhunderts
mit sich bringen konnte, besser kennen als in der Selbst⸗
biographie Otlohs, jenes müden Heiligen, der nach manchen
Irrfahrten seine Tage zu St. Emmeram in Regensburg gott⸗
selig beschloß. Wie oft kommen ihm nicht furchtbare Zweifel,
wenn er kämpfend und wachend die Kluft nicht zu überbrücken
—E des Lebens und den
hohen Forderungen Christi gähnt?! Aber nie hilft sich Otloh
etwa darüber hinweg auf dem Wege rationeller Klärung. Nur
um so heftiger ringt er in Glauben, Kasteiung und knirschender
Buße: da findet er in innerer Erleuchtung die Ruhe des christ⸗
lichen Gewissens, — sie wird ihm gewährt durch ein höheres
Wort, durch eine innere, völlig konkret gedachte Stimme. In⸗
dem er so von oben her, durch supranaturalistische, aber durch—
qus als real empfundene Hilfe sich kämpfend täglich hindurch—
rettet zum Frieden der Kinder Gottes, entwickelt er aus sich
heraus immer neu die Möglichkeit festen Wunderglaubens und
nie rastender Askese.
Wunderglauben und Askese sind die bezeichnendsten
Außerungen des ersten deutschen Christentums; sie gehören der

Vgl. hierzu Band Ls, S. 860.
2 S. Hauck, K.G. IV (1902) S. 80 ff. Dümmler, Berliner Sitzungs⸗
herichte (1895 II) S. 1071 ff.
        <pb n="219" />
        200

Sechstes Buch. Zweites Kapitel.

typischen Erfassung der neuen Lehre an seit der Schlußzeit des
Stammeslebens. Erst im Laufe der Zeit treten dann noch neue
Züge in dem Bilde mittelalterlicher Frömmigkeit hervor: die
Kontemplation, die innere Vision, die Selbstzucht der Mystik!.
Noch Bruder Berhtold warnt in einer seiner Predigten:
wie man nicht in den Glanz der Sonne schauen könne, ohne
zu erblinden, so solle man nicht den Geheimnissen des Christen—
glaubens nachtrachten: wan ez ist den hohen meistern genuoe.
Was hier dem Laien des 13. Jahrhunderts geraten wird, das
war noch allgemeine, notwendige Lebensforderung im 10. Jahr⸗
hundert. Das Zeitalter der Ottonen philosophierte noch nicht,
am wenigsten religiöss; dem glänzend begabten Abt Johann
von Gorze machten schon die dialecticae rationes in Augustins
Trinitätslehre eitel Bedenken. Die vernunftgemäße Erfassung
der christlichen Wahrheiten, zu der man sich seit dem Ende des
11. Jahrhunderts in gewissen Kreisen berufen glaubte, liegt
dem 10. Jahrhundert auch in Frankreich noch, um wie viel
mehr in Deutschland, völlig fern; es herrscht ein greifbarer,
unvermittelter Supranaturalismus, der sich den christlichen
Wahrheiten allein durch gläubiges Schauen im Geiste nähert.
Die philosophische Betrachtungsweise an sich war nicht un—
bekannt: die Vergangenheit bot sie dar: aber sie wurde abgelehnt.
So in der Abendmahlslehre. Hier gilt Wein und Brot als
wahrhafter Leib Christi, wie der Lehm, woraus Adam gebildet,
im Menschen wahrhaftige Leibessubstanz geworden ist: im
eucharistischen Genusse wird eine völlig reale Vereinigung des
Menschen mit Gott erzielt.
Soweit sich aber das nationale Denken an die christlichen
Geheimnisse tastend wagte, durchdrang es sie mit dem altüber—
lieferten, sußen Schauer symbolischer Vorstellungen. Und diese
blieben sogar noch in den äußerlichsten Beziehungen der Lehre
stecken: so errichtet Otloh von St. Emmeram in seinem Liber
de tribus quaestionibus (c. 1055) ein ganzes Gebäude mystisch⸗
biblischer Zahlentheorie, indem er in Dreiheit und Einheit die

S. unten S. 359 ff.
        <pb n="220" />
        Nationales Geistesleben im 9. und 10. Jahrhundert. 205

heilige Urharmonie erblickt, darin alles Seiende sich gründet,
durchlebt und auflöst.
Verhängnisvoll mußte eine solche Geistesrichtung nament—
lich für die von der Kirche teilweise noch nicht näher definierten
Vorstellungen vom Himmel und seinen Freuden, von der Hölle
und vom Fegefeuer sein, um so mehr, als der germanische Geist
sich, wie wir gesehen haben, gerade diesen Dingen am meisten
zuwandte, und als die Kirche durch die Ausbildung der Inter⸗
zessionen und Suffragien für die Verstorbenen seit Gregor dem
Großen den Ort der Qual und der jenseitigen Freude un—
mittelbar mit der greifbaren Welt der Erscheinungen verknüpft
hatte. Nichts gab es hier zwischen Himmel und Erde, das
die Phantasie nicht zum erhebendsten wie quälendsten Schauer
erregen konnte. Und während die früheren Generationen sich
mehr mit den milderen Bildern von Himmel und Hölle be—
schäftigten, traten schließlich Fegfeuer und Weltende in den
Mittelpunkt aller Vorstellung.
Das Fegfeuer galt bald als Hölle der unter Milderung
des Urteils Verdammten, bald als Purgatorium; an beide Auf—⸗
fassungen knüpfte sich wildwuchernd eine Reihe phantastischer
Bilder, deren reife Ernte Dante anheimfiel. Die Vorstellungen
über das Weltende aber verdichteten sich allmählich, unter Ver—
werfung der etwas nebelhaften Phantasieen der Apokalypse, zu
einer wohlgeordneten Reihe plastisch gedachter Vorgänge, in
denen namentlich das Auftreten des Entchrists eine Rolle spielte.
Er wird erscheinen, wann der Frankenkönige letzter, der zugleich
römischer Kaiser sein wird, nach Bekehrung aller Juden frei—
willig seiner Herrschaft entsagen wird. Das wird der herrlichste
sein von allen Kaisern, er wird allen Götzendienst abthun, er
wird alles Volk unter Christi Namen sammeln, er wird gen
Jerusalem wallend und sterbend sein Reich Gotte und Gottes
Sohne auftragen. Dann fährt der Entchrist daher von Babylon,
Sohn des grausamsten Lüstlings und der gemeinsten Dirne,
Ausgeburt des Teufels durch Vermittlung der Sünde, ein
Nachäffer Christi und Verführer der Menschen. Aber sein
Reich ist kurz; der Erzengel Michagel wird ihn töten und
        <pb n="221" />
        206 Sechstes Buch. Zweites Rapitel.

Christus ihn in den Staub strecken. Und dann beginnt das
Gericht.
Neben diesen dogmatischen Phantasieen wuchert üppig der
Heiligenglaube. Schon ist eine volle Hierarchie von Heiligen
begründet, und schon beginnt sich über sie alle Maria zu er—
heben, die virgo ante partum, virgo in partu, virgo post
partum, der Stern des Meeres, die Königin der Engel. Von
Sedulius und Fortunat besungen, von Radbertus und Rad⸗—
tramnus bis nahe zur Vorstellung der unbefleckten Empfängnis
ihrer Mutter Anna dogmatisch verehrt, fand sie im heiligen
Ulrich von Augsburg, dem Patriarchen der Ottonischen Bischöfe,
einen glühenden Verehrer: überallhin drang ihr Kult; schon
die Miniaturhandschriften der zweiten Hälfte des 10. Jahr—
hunderts kennen den Bildercyklus des Marienlebens.
Indem aber die Heiligen mit ihrem Glanze die höheren
Personen der Bibel für die Blicke der Laien fast zu verdrängen
beginnen, wuchert üppig der Reliquiendienst empor mit all seinen
Wundern: die neutestamentlichen Zeiten scheinen wieder herbei—
gekommen: alle Welt ist übernatürlicher Kräfte voll; es giebt
nichts Unwahrscheinliches mehr; und der altgermanische Fata—
— DDD0
wärtige Hilfe des Herrn und seiner Heiligen.
Und wie der altgermanische Fatalismus den sengenden
Kriegeseifer unserer urzeitlichen Ahnen erzeugt hatte und nährte,
so gab der neue, christliche Fatalismus“ den Deutschen des
10. Jahrhunderts das Gepräge furchtbarer Gottesstreiter. In
stetem Kampfe lagen sie mit dem Unhold der Hölle; besiegen
aber ließ er sich in seiner Wirkung böser Lüste nur durch eine
immer grimmiger betriebene Askese?.

1 Judas sagt zu Christus beim Abendmahl: Thiu uurd is at
handun, thea tidi sind nu ginahid. Héôl. 4619 f. bei Hauck 2II (1900)
S. 778 A. 5.
⸗ Es mag ausdrücklich betont sein, daß diese Askese nicht ohne
weiteres eine „neue Erscheinungsform“ der alten orientalischen Askese ist.
Das war schon die spätrömische Askese nicht, da sie aus durchaus anderen
Motiven hervorging wie die orientalische.
        <pb n="222" />
        Nationales Geistesleben im 9. und 10. Jahrhundert. 207

Anfangs hatte man sich im Kampfe gegen den Vater der
Lüge wohl mit der genauen Befolgung der kirchlichen Sitten—
vorschriften begnügt, wie sie Bischof und Priester in ihren
äußeren Formen aufs strengste einschärften, ohne Verständnis
für das Wort Christi, daß er gekommen sei, das Gesetz zu
erfüllen. Aber bald ging man darüber hinaus. In der Fasten—
zeit waren besondere Bußübungen althergebracht, der Gottes—
dienst wurde durch Tag und Nacht nicht ausgesetzt, Beten,
Psalmgesang und Messehören in buntem Wechsel schufen eine
nervöse Spannung, die als besonders verdienstlich galt. Bald
machten fromme Laien zur Regel, was die Kirche als Aus—
nahme gebot; sie nahmen sich in körperliche Pein durch
Weigerung des Schlafes, durch Versagung aller geschlechtlichen
Anwandlungen, durch Vernachlässigung der Körperpflege, durch
schmerzende Kleidung in grobes Haartuch, durch Fasten, durch
ununterbrochene Ubung des Gebets und des Bußsangs, wohl
gar durch das Gelübde des Schweigens und der äußeren Demut
und Versuche, sich dem Gekreuzigten ähnlich zu machen.
Dabei zogen sich einzelne Fromme so völlig auf sich und
ihre Übungen zurück, daß sie sich nicht mehr sicher darüber
fühlten, ob nicht die Dinge dieser Welt überhaupt nur Vor—
spiegelungen, Eingebungen des Teufels seien. Das Ende war
dann Skepsis und Verzweiflung, falls Gott der dürstenden
Seele nicht drastisch einen Ausweg aus dem Wirrnis schuf!.
Andrerseits brachten einzelne hochbegabte Asketen es wohl
zu wahrhafter geistiger Versenkung, zur Meditation über die
Leiden Christi, über die Schönheit Mariens, über die Vorzüge
eines gottgeweihten Lebens. Doch spielte diese Meditation in
den meisten Fällen mit bloßen Antithesen: Christus, der Lenker
der Welt, in Windeln gewickelt; der Sternthronende in der
Krippe; sein Antlitz, das Cherubim nicht zu schauen wagen,
—V—
— und ferne war sie jedenfalls noch von der weltabgeschiedenen
Kontemplation der späteren Mystik.

1 So zeigte Gott der heiligen Liutbirg an jeder teuflischen Figur
in postérioribus einen schwarzen Flecken; Vita Liutb. ec. 29.
        <pb n="223" />
        208 Sechstes Buch. Zweites Kapitel.

Was aber die Askese zumeist und bei allen innigen, mittel—
begabten Naturen wirkte, das war der Sinn der Weltflucht. In
ihm trafen sich die Frommen des Landes; hier fanden sie den
gemeinsamen Schwerpunkt ihrer Kraft; von hier aus wirkten
sie auf das allgemeine Kirchentum lösend, befreiend, befruchtend.

VI.

Das 9. bis 11. Jahrhundert ist in Deutschland das Zeit—
alter der Klausner und Klausnerinnen; nie haben fromme Ein⸗
siedel der Kirche mehr Heilige geliefert, von der heiligen Liut—
birg von Halberstadt bis zur heiligen Wiborad von St. Gallen
und von St. Humbert von Verdun bis zu Gunther, dem
trotzigen Waldbruder des böhmischen Gebirges. Alle Gegenden,
alle Stämme haben damals Vertreter des einsam-asketischen
Lebens gehabt, nicht zum wenigsten der letztbekehrte Stamm
der Sachsen. Hier lebte schon in Karlingischer Zeit die heilige
Liutbirg, bereits vor ihrer Einschließung in die Zelle durch
Fasten und Nachtwachen aufgerieben; der Körper außerdem zer⸗
arbeitet durch der Hände mühsamen Fleiß und gleichsam schon
erstorben im Hungertod; die Leibeskraft erschlafft, der lebhafte
Gesichtsausdruck in starrende Blässe gewandelt, die Haut
schlotternd um Knochen und magere Muskelmassen: das war
der Erfolg ihres nächtlichen Gottesdienstes. Nachdem sie aber
vom Bischof in ihre Klause gebannt war, um sie nie, außer
in echter Not, zu verlassen, diente sie Gott in unablässiger
Meditation, in Gebet und frommer Arbeit und nährte sich
allein von Brot, das sie mit Salz und Kräutern des Feldes
würzte, von Waldbeeren und wilden Apfeln; nur an Sonn⸗
und Festtagen empfing sie Fische und Hülsenfrüchte von milder
Hand. Um ein Jahrhundert später aber lebte die heilige Sisu
von Drübeck in Sachsen bei vierundsechzig Jahren in ihrer
Klause, ohne sie zu verlassen, ohne Kühlung in der Hitze des
Sommers, fast ohne Feuer in des Winters Kälte; Würmer
zernagten ihren Körper, die sie sich, fielen sie ab, in frommer
Wollust wieder ansetzte.
Was die Frauen derart in der Nähe bewohnter Orte in
        <pb n="224" />
        Nationales Geistesleben im 9. und o. Jahrhundert. 209

stummem Dulden suchten, das fanden die Männer zumeist in
der melancholischen Einsamkeit des Urwalds: kein Waldgebirg,
das nicht seine wunderlichen Heiligen genährt hätte. Da saßen
sie, ein Blidulf im Wasgenwald, ein Lambert in den Ardennen,
fern jedem Verkehr in unwegsamer Wildnis, dürftig, ja kaum
—DD
Psalmengesang durch das nächtliche Dunkel, und im Wettstreit
mit den Vögeln des ersten Sonnenstrahls lobten sie den Herrn
in der Höhe.
Aber wie die Weltflucht der Iren und Angelsachsen einst
umgeschlagen war in ungezügelten Wanderdrang, wie der früh—
mittelalterliche Mensch unter Fremden noch nicht minder allein
war als in der starrenden Ode des Urwalds, so bemächtigte
sich dieser Geister teilweise ein neuer, ungeordneter Wandertrieb:
der heilige Wolfgang, in Reichenau erzogen, in Würzburg und
Trier gesegnet thätig, dann Mönch zu Einsiedeln, ging als
Missionar nach Pannonien, von wo er nur ungern dem Gebot
zur Einnahme des festen Bischofssitzes zu Regensburg Folge
leistete; noch größere Wanderer waren der heilige Adalbert
von Prag, der heilige Brun von Querfurt, — und über die
heimischen frommen Reisen hinaus winkte schon gegen Ende
des 10. Jahrhunderts immer verlockender die große Fahrt ins
heilige Land zu den Stätten, da Gott gelitten.
Das alles waren Erscheinungen des religiösen Lebens von
einer Glut und einem überwallenden Einsatz nationalen Tempe—
ramentes, die den verfassungsmäßigen Leitern der Kirche früh
zu denken gaben. Erzbischof Brun von Köln, der Bruder des
großen Kaisers Otto, hat schließlich die Reklusen besonders
verschärfter Aufsicht unterworfen.
Ehe indes solche Maßregeln nötig wurden, hatte die Be—
wegung geregeltere Bahnen gefunden: sie war in eine gewaltige
Strömung umgeschlagen zu Gunsten der Reform des mönchischen
Lebens.

Nirgends faßte diese Richtung früher, inniger, reicher Fuß
als in Lothringen. Mancherlei Gründe trugen hierzu bei: die
Nähe Frankreichs, wo schon früher als in Deutschland Be—
Lamprecht, Deutsche Geschichte II. 24
        <pb n="225" />
        210

Sechstes Buch. Zweites KRapitel.

strebungen einer Kirchenreform, vornehmlich von Cluny aus—
gehend, aufgetreten waren; die alte Kultur des Landes, das
die kirchliche Ordnung seit Jahrhunderten in sich aufgenommen
hatte; endlich der neuerliche Verfall gerade der lothringischen
Klöster, die vielfach in Laienhände geraten waren und darum der
Gegenwirkung frommer Strömungen doppelt leicht anheimfielen.
In Niederlothringen war es Gerhard, zuerst Mönch zu
St. Denys, dann Abt von Brogne, einem Kloster des Lütticher
Bistums, der unter dem Schutze des flandrischen Grafen
Arnulf namentlich die Reform der alten flandrischen Abteien
durchführte. Bedeutender ist die oberlothringische Klosterreform.
Ihr Begruünder ist Johann von Gorze, ein Romane aus Van⸗
diere an der Mosel. Asketisch und schwärmerisch angelegt,
lernte er in freigewähltem Mönchtum die strenge Richtung des
französischen Klosterlebens zu Verdun kennen, ging dann nach
Metz, zunächst in der Absicht, ein Klausner zu sein, ward aber
schließlich nach weiteren Fahrten in Italien die Seele und
bald auch das äußere Haupt des Klosters Gorze bei Metz, das
Bischof Adalbero ihm und einer Reihe verwandter Naturen im
Jahre 9338 zum Sitze angewiesen hatte. Als Abt von Gorze
ist er hochbetagt im Jahre 974 gestorben.
Von Gorze ergoß sich die Reform in die Klöster der Stadt
und des Bistums Metz, in die Sprengel von Toul und Verdun,
in die großen Abteien der Ardennen und teilweis Nieder⸗
lothringens. Auch Trier ward unmittelbar, soeben auf selb—
ständigem Wege zu verwandten Reformen begriffen, von ihr
berührt; ja, bis nach Köln reichten ihre Einflüsse unter der wohl—⸗
wollenden Förderung des großen Erzbischofs Brun. Zwischendurch
 aber reformierten an der Maas und nach Nordfrankreich
hinüber, gelegentlich auch in Köln, Schottenmönche, die den
heiteren Sinn irischen Mönchtums wenigstens zum Teil im
F kontinentaler, namentlich lothringischer Askese gestählt
atten.
Rechts des Rheins ward die klösterliche Reform nicht mit
gleichem Eifer gefördert. Ein Versuch des Mainzer Erzbischofs
Friedrich J. in den ersten Jahren König Ottos J. schlug zu—
        <pb n="226" />
        Nationales Geistesleben im 9. und 10. Jahrhundert. 211

nächst völlig fehl; die kleinen Klöster scheinen anfangs gehorcht
zu haben, aber an Fulda und wohl auch an Korvey brachen
sich alle Bestrebungen des Mainzer Oberhirten.
In Schwaben knüpfte sich ein Aufschwung des kirchlichen
Lebens an die prächtige Persönlichkeit des hl. Ulrich, der von
24 973 Bischof von Augsburg war. Schon in den Mannes—
jahren von tapferer Frömmigkeit — während die Männer vor
Augsburgs Thoren die Ungarnschlacht schlugen, führte er die
Frauen der Stadt zum Kampf im Gebet —, neigte er als
Greis immer mehr der asketischen Bewegung zu; in seinen
letzten Jahren hat er die Einsamkeit der Klosterzelle ersehnt.
Es war eine Richtung, die der Klosterreform in Schwaben zu
gute kommen mußte, auch da, wo nicht, wie z. B. in Einsiedeln
uͤber der Hütte des hl. Meinrad, die Reform von fremder Hand
ins Land getragen ward.
Abgeneigt war man der Reform anfangs in Bayern und
Sachsen. Und während Bayern schließlich zögernd den Im—
pulsen von Westen her folgte, beharrten in Sachsen führeude
Geister noch bis späthin im Versagen: wie Widukind sich schon
abschätzig über die Mainzer Bestrebungen Friedrichs J. geäußert
hatte, so hat Thietmar von Merseburg wiederholt seine Miß—
billigung des geistigen Lebens in den reformierten Klöstern
bezeugt.
Nicht völlig mit Unrecht. Denn die volkstümlichen Formen
der Askese, an sich grobsinnlich, massiv, darum schwer lastend
auf Gemüt und Körper, waren in den Klöstern vielfach zu
verfeinerter Peinigung und ungesund erregtem Seelenleben ge—
steigert worden.
Vor der Reform hatte unter den Mönchen vielfach ein
glückliches Gemeinschaftsleben von harmloser Fröhlichkeit ge—
herrscht. Die Regel wurde so genau nicht genommen. In
St. Gallen, dessen Zustand wir aus den fesselnden Schilderungen
seiner Klosterchronik am besten kennen, fand man z. B. — in
diesem Punkte übrigens in Übereinstimmung mit den An—
schauungen des hl. Benedikt —, daß man an Fasttagen neben
Fischen ebensogut Vögel genießen könne, denn in mancher Be—
        <pb n="227" />
        212

Sechstes Buch. Zweites Kapitel.

ziehung hätten Vögel, verglichen mit anderen Tieren, doch viel
Ähnlichkeit mit Fischen.
Diese heitere, lebensfreudige Sinnlichkeit verschwand nun.
An Stelle naiver Bewunderung und unbeirrten Genusses der
schönen Außenwelt trat der Zweifel über die Berechtigung solcher
Gefühle. Auch dem gesellschaftlichen Verkehr suchte man sich
zu entziehen. Es galt nicht mehr als genügend, sich im Fasten
der Speise, im Nachtwachen des Schlafes zu enthalten; auch
die höheren menschlichen Vorteile des Daseins versagte man
sich, im Gebote des Schweigens verzichtete man auf Meinungs⸗
austausch, im Gebote der Geduld auf die Außerungen des
Willens, im Gebote der Demut auf das Recht des Selbst—
bewußtseins.
Und all das in wollüstig schroffer, unbeugsamer Weise.
Bescheidenheit genügte nicht: man mußte sich selbst verwerfen.
Der Verfasser einer Lebensbeschreibung sagt von sich!: „Ich
armer, dummer Mensch lege weisen Männern hiermit meine
kleinlichen Pläne vor, wie sie mein dürrer und dürstender Geist
noch eben hat zusammenreimen können.“ Es ist selbstverständ⸗
lich, daß ein so fehlerhaftes Verständnis gewisser Tugenden
zur peinlichsten Selbstbeobachtung, bei schwachen Naturen zur
Heuchelei, bei starken zum Irrewerden am eignen Selbst und
zur Verzweiflung führen mußte.
Dazu das narkotisierende Hinbringen ganzer Tage und
Nächte im Gebet, die Erregung visionärer und traumhafter
Zustände durch asketisches Aderlassen, der Duft von Moder und
Leichen, den der Reliquiendienst je länger je mehr um sich ver—
breitete: es war nicht anders möglich, als daß das Seelenleben
der Mönche in nervöser Ekstase erbeben mußte.
Aber das eben war das Ergebnis, das man ersehnte mit
allen Fibern des geistigen Daseins: nervöser Thränenreiz und
phantastische Prophezeiungsgabe galten als höchste Gottes—
gnaden beseligter Diener Christi: so vermochte Bischof Wazo
von Lüttich, als er inthronisiert ward, unter großem Seufzen

1 Vita Burch. Prol., SS. 4, 481. Der Autor war Wormser
Kleriker, aber im geistigen Fahrwasser der Reform.
        <pb n="228" />
        Nationales Geistesleben im 9. und 10. Jahrhundert. 213

in Zähren auszubrechen, die ihm nicht geringer wie einem
siebenjährigen Knaben unter der Zuchtrute des Lehrers zu
fließen schienen.
Es war eine Geistesrichtung, die aus der sinnlich-sichtbaren
Welt hinausführte in eine übersinnliche, ungekannte, geistige:
und ihrer ward nur teilhaftig, wer der Gnade des Höchsten in
asketischem Leben gewürdigt war. Damit ist alles Gewicht auf
die Berufung von oben her gelegt; nur als Gnadengabe Gottes
erscheint die Geistesarbeit und der hohe Gedankenzug bedeutender
Männer. Der Boden der Welt schwindet unter den Füßen;
erst mit dem Tode öffnet sich das Thor des Lebens: nicht um—
sonst entwickelt sich in den Kreisen der Reform eine unendlich
fruchtbare Dichtung des Sterbens.
Diese Todespoesie spricht der Reform als geschichtlicher
Erscheinung an sich das Urteil. Die Reform war nicht von
dieser Welt; ihr Leben war hohl, ihr Geistesleben unpersönlich.
Doch hat sie auf die Entwickelung der deutschen Kirche noch
die stärkste Wirkung geübt.
Im Beginn des 10. Jahrhunderts war sogar das äußere
Leben der deutschen Kirche verfallen. Konzilien wurden nicht
mehr abgehalten, Provinzialsynoden waren selten. Die Achtung
der Laienwelt vor dem Klerus war fast völlig dahin; ungestraft
wurden Priester und Bischöfe beraubt, verstümmelt, ermordet.
Dem trat die religiöse Reform entgegen. Ausgehend von
den Tiefen des Volkslebens, aber organisiert doch zum erstenmal
in den Klöstern, schuf und erlebte sie zunächst ihre äußere
Selbstbefreiung, indem sie die wirtschaftliche Lage der von ihr
ergriffenen Institute wesentlich besserte und ihre verfassungs—
mäßige Emanzipation vom Einfluß der Bischöfe durch die
deutschen Könige, durch Konrad J. schon und Heinrich L. ge⸗
fördert sah. Kaum dem übermächtigen Einflusse der Hierarchie
entzogen, ergriff sie aber die Kirchenfürsten selbst mit dem inneren
Wehen ihres Geistes; die Bischöfe von Metz und Köln vor—
nehmlich waren ihre begeisterten Anhänger, und nicht lange
dauerte es, bis Mönche der Reform selost bischöfliche Stühle
bestiegen. Und nun drang, von oben herab, das neue Leben
        <pb n="229" />
        214 Sechstes Buch. Zweites LKapitel.

auch in den altkirchlichen Organismus; die Kathedralstifter
wurden Ebenbilder reformierter Klöster, der Priesterstand ward
von unlauteren Elementen gereinigt, in seinen frommen Bestand⸗
teilen geläutert und erzogen: die Gesamtkirche setzte sich in
Einklang mit der Thatsache des Erblühens einer erstmaligen
national⸗christlichen Frömmigkeit.
Und höher reckten die begeisterten Freunde der Reform ihre
Häupter. Sie sahen zum Koͤnig empor als dem Einiger des
Reiches, wie einst die fränkische Reichskirche auf die neuen
Imperatoren des Universalstaates geschaut hatte; von ihm er—
hofften sie Förderung. Nicht vergebens. Wie Ottos Bruder
Brun ein Anhänger der Reform aus vollem Herzen war, so
gehörte auch Otto der Große ihr an; nie ist er unter der Krone
gegangen, ohne vorher gefastet zu haben.
Der Reform schien das Reich auch in seinen inneren welt⸗
lichen, in seinen universalen äußeren Beziehungen offen; inner⸗
halb der Kirche schien es fast, als habe sie Kraft genug, die
alte hierarchische Ordnung zu sprengen: da trat eine neue
geistige Erscheinung neben sie, die Ottonische Renaissance.
        <pb n="230" />
        Drittes Kapitel.

Ottonische Renaissance; Rirchenreform
und Universalpolitik um die Wende des
10. und 11. Jahrhunderts.

4.

Die Karlingische Renaissance in ihren letzten Stadien hatte
auf deutschem Boden die Unterstützung der Laien, vor allem
des königlichen Hofes kaum mehr gefunden. Die Hofschule,
zu Karls des Großen Zeit und später noch in Westfranken der
eigentliche Brennpunkt der klassischen Bemühungen, ging östlich
der Vogesen bald völlig ein; damit ermattete die Bildung der
weltlich führenden Kreise der Nation; König Konrad J. konnte
wahrscheinlich nicht mehr lesen und schreiben, sicherlich nicht
Heinrich J.
Was von klassischen Bildungselementen noch vorhanden
war, das suchte vor dem gewaltigen Empordringen der alt⸗
nationalen Stammesbildung, wie sie im vorigen Kapitel ge—
schildert ist, Zuflucht in den Klöstern des Landes; St. Gallen
und Reichenau, Fulda und Korvey wurden zu inselgleichen
Pflegstätten antiker Uberlieferung in Deutschland: als der Vater
des heiligen Wolfgang seinem Sohne ums Jahr 940 eine bessere
Bildung geben wollte, suchte er sie nur in einem Kloster und
fand sie in der Reichenau.
Die Ottonen haben diese Bergestätten der klassisch-kar—
lingischen Rezeption dann geschützt und gefördert, indem sie die
Kirchenverfassung wiederherstellten, die sächsische Missionskirche
        <pb n="231" />
        216 Sechstes Buch. Drittes Kapitel.

auf gleichen Stand mit der sonstigen deutschen Kirche brachten,
endlich sich der Selbständigkeit der Klöster gegenüber zahlreichen
Angriffen der Bischöfe und des Weltklerus annahmen.
Allein nun loderte das Feuer der neuen nationalen Fröm—
migkeit in den Klöstern besonders brünstig empor; die mönchische
Askese verschlang seit Mitte des 10. Jahrhunderts immermehr
alle anderen geistigen Interessen. Wie konnte da in ihnen noch
der zarte Funke klassischer Bildung erglühen?
Schon früh hatten fromme Gemüter die grundsätzliche Un—⸗
oereinbarkeit antiken Geistes und christlichen Lebens erkannt:
—
den Alten gewarnt, ihn aus einem Ciceronianer zum Christen
gemacht haben. Papst Gregor der Große hatte dann den
Gegensatz mit vollem Bewußtsein formuliert: jeder Mund, der
da Christus den Herrn preisen sollte, sei entheiligt durch die
Nennung antiker Götzen. Nun war mit der Karlingischen Re—
naissance allerdings ein Umschwung erfolgt. Mit fast unge—
trübter Wonne hatten die Zeitgenossen Karls des Großen sich
in Terenz, Ovid und Vergil, in Persius, Juvenal und Martial,
in Cicero, Sallust und den jüngeren Plinius versenkt; sie
hatten sie nicht minder geschätzt, als die großen Geister der
frühchristlichen Dichtung, einen Ausonius, Sedulius, Prudentius;
nur dem Leseeifer des 8. bis 10. Jahrhunderts verdanken wir
die Erhaltung der klassischen Litteratur in dem uns vorliegenden
Umfang.
Allein man begann doch bald, schon mit der Entwickelung
des kirchlichen Übergewichtes im Karlingenreich des 9. Jahr—
hunderts, den allseitigen Wert solcher Lektüre wieder zu be—
zweifeln. Und die Askese des 10. Jahrhunderts war sich ziem—
lich klar über die mit dem Studium der Alten verbundenen
Gefahren. Ratherius von Verona, dieser asketische Sonderling
und unermüdliche Wandersmann, meint noch verhältnismäßig
mild: man dürfe mit den Schätzen der Alten die Kirche nicht
anders schmücken, als wie die Kinder Israel den Tempel Je—
hovahs mit jenen Gold- und Silbergefäßen ausstatteten, die sie
den Einwohnern Ägyptens vor ihrem Auszug betrügerisch ent—
        <pb n="232" />
        Ottonische Renaissance; Kirchenreform und Universalpolitik. 217

liehen hatten. Andere dachten viel strenger; ja, es ging die
dunkle Rede, daß alle Anhänger der Alten nach dem Tode Gott
bhesonders schwere Rechenschaft ob ihres Thuns zu geben hätten!.
So wich die asketische Richtung immer weiter ab von den
Wegen einer wahren Renaissance; nur äußerlich, nur formal
noch wollten ihre Anhänger den Bildungsstoff der Antike in sich
aufnehmen.
Im selben Augenblick aber, da die strengkirchliche Richtung
sie zu verlassen drohte, erhielt die Antike neuen Beistand und
kräftige Belebung durch das Ottonische Kaisertum.
Im Geschlechte der Liudolfingen hatte schon während des
9. Jahrhunderts wenigstens unter den Frauen rege Bildung
geherrscht. Ihre Trägerin war namentlich Oda gewesen, die
fränkische Gemahlin Herzog Liudolfs; infolge eines Traum—
gesichtes ihrer Mutter hatte sie das Kloster Gandersheim ge—
—D—
gesetzt, jene verständige niedersächsische Natur, der der gelehrte
Mönch Agius, ihr Bruder, in einer biographischen Toten—
klage das rührendste Denkmal geschwisterlicher Liebe gesetzt hat.
Gandersheim ist dann Träger gelehrter Bildung noch durch das
ganze 10. Jahrhundert geblieben.
In den Laienkreisen des Liudolfingischen Geschlechtes da⸗
gegen starb mit der Wende des 9. und 10. Jahrhunderts, wie
sonst in Deutschland, die gelehrte Bildung aus; dem König
Heinrich J. konnte ein schmeichelnder Geschichtsschreiber die Worte
in den Mund legen, er wolle sich lieber seiner bäurischen Ein—
falt freuen, als die Gefahren Ciceronianischer Feinheit laufen?;
und die Gemahlin Heinrichs, Mathilde, hat erst in höchstem
Alter mit zunehmender Frömmigkeit die Geheimnisse des Lesens
und Schreibens ergründet.
Viel weiter hat es auch Otto der Große nicht gebracht;
daneben sprach er ein wenig Slawisch und Romanisch. Aber,
ein echter Germane, würdigte er die fremden Sprachen nur

Das munkelte man sogar von Brun von Köln: Thietm. 2, 16 S. 28.
Liutpr. Antap. 4, 28.
        <pb n="233" />
        218 Sechstes Buch. Drittes Kapitel.

selten des Gebrauchs, wie er denn auch nur ausnahmsweise
in anderer als heimischer Tracht daherschritt. Zudem war er,
hierin durchaus verschieden von Karl dem Großen, ohne eigent⸗
liche Bildungsinteressen; die Antike als Lebensideal ist ihm
stets unverstanden geblieben; er begriff sein Kaisertum über—
haupt zunächst nicht universal, sondern nur als Ausdruck
deutscher Überlegenheit über die Nachbarnationen.
Indes lange schon, ehe Otto das kaiserliche Diadem trug,
hatten die Anfänge einer neuen Renaissance an seinem Hofe
Einlaß gefunden, nicht getragen durch den königlichen Herrn,
sondern durch dessen Familie, seine Gemahlin Adelheid, die
Burgunderin, seinen Bruder Brun, den gelehrten späteren Erz⸗
bischof von Köln, in den Jahren 940 bis 953 Kanzler des
Reiches, von den Königstöchtern und auch einem außerehelichen
Sohne Wilhelm, nachmals Erzbischof von Mainz.
Am meisten trug Brun zum Erblühen des neuen Lebens
bei. Waren noch bis zur Mitte des 10. Jahrhunderts latei⸗
nische Grammatiker aus Italien, ein Stephan und Gunzo von
Novara, an die deutschen Kloster- und Stiftsschulen gewandert,
hatten dort auch noch schottische Mönche als Lehrmeister Platz
gefunden: jetzt zog Brun hervorragende Geister aus Italien und
Britannien, den Herden schon der Karlingischen Renaissance, an
den königlichen Hof. Hier trafen sich der Schottenbischof Israel
und Liutprand von Cremona, der schmähsüchtige Geschichts—
schreiber oberitalischen, römischen und byzantinischen Schimpfes
und Ernstes; hier verkehrten Rather von Verona, der deutsch—
italienische Abenteurer, und der mozarabische Bischof Recemund
oon Elvira. Und auch als Brun nach Köln ging, verwaiste
das geistige Leben am Hofe nicht; sein Halbbruder Wilhelm
begünstigte durch höfische Vermittlung nach wie vor die Ge—
schichtsschreibung, und eine neue Pfalzschule verbreitete klassische
Bildung unter dem Nachwuchs der Großen des Landes. Auch
die Kinder der Königsfamilie selbst wurden hier, anscheinend
noch ganz in den Formen des Karlingischen Unterrichts!, zu

Hrotsuit, Paphnutius 2809 ff., und Sapientia 278ff.; vgl. Kö
Hrotsuit S. 208. ff.z vgl. Köpke,
        <pb n="234" />
        Ottonische Renaissance; Kirchenreform und Universalpolitik. 219

höherer Bildung erzogen, allen voran der künftige Herrscher
Otto II.
Otto V. war dann wirklich mit Leib und Seele der an⸗
tiken Bildung ergeben; ganz anders als sein Vater bewegte er
sich in gelehrten Kreisen; persönlich wußte er mit Beweis und
Einrede in die wissenschaftlichen Erörterungen der Zeitgenossen
einzufallen. Dazu begann unter ihm ein bis dahin fast unzu⸗
gängliches Bildungselement eine gewisse Blüte zu versprechen.
In der schönsten Zeit der Karlingen war die Kenntnis des
Griechischen ziemlich verbreitet gewesen; in der ersten Hälfte
des 10. Jahrhunderts ward sie nur noch durch die Iren in
traditioneller Härte vermittelt. Jetzt vermählte sich Otto II.
mit der griechischen Theophanu; neben die politischen Be—
ziehungen zu Byzanz traten gesellschaftliche, geistige. Die Früchte
dieser Verbindung sah die Zeit Ottos III. Otto III. selbst
beherrschte das Griechische nicht minder wie das Lateinische;
in seine Zeit fällt die Vollreife, wenn nicht schon Überreife der
Ottonischen Renaissance, er ist der Euphorion des 10. Jahr⸗
hunderts. Wie späterhin, im letzten Zeitalter der Erneuerung
antiker, imperialer Ansprüche unter den Staufern, die Gebeine
Kaiser Karls erhoben und heilig gesprochen wurden zum Zeug⸗
nis gleichsam der engen Gedankenverbindung zwischen der kaiser⸗
lichen Politik und den politischen Anschauungen der Karlingischen
Renaissance, so erstand der große Kaiser schon unter Otto III.,
im Besuche der Achener Gruft durch den jugendlichen Kaiser,
zu gleichsam traumhaftem Leben: auch hier wird die Ähnlich—
keit der geistigen Konstellation der Zeit mit der Kultur der
Karlingischen Renaissance gleichsam symbolisch geahnt und ver—
kündet!.

War damit der spezifisch kaiserliche Charakter der Otto⸗
nischen Renaissance ums Jahr 1000 noch einmal energisch be⸗
tont, so hatte doch auch die ablehnende Haltung der kirchlich fort—

2 Auch im einzelnen war die Verbindung zwischen Ottonischer und
Karlingischer Renaissance nicht abgebrochen. Theodulf von Orleans wird
. B. noch im 10. Jahrhundert als Autorität der dichterischen Technik
geschätzt: Dümmler im N. Archiv 4, 241 f.
        <pb n="235" />
        220

Sechstes Buch. Drittes Kapitel.

geschrittenen Kreise mittlerweile sehr an Schärfe verloren; wie
im 9. Jahrhundert, so hatte auch jetzt die Kirche sich die Früchte
der neuen Bildung schließlich nicht entgehen lassen.
Die sächsische Kaiserfamilie war von Haus aus fromm.
Otto der Große lenkte seit dem Aufhören der inneren Fehden
und dem Tode seiner ersten Gemahlin Eadgyd — also gleich—
zeitig mit den Anfangsjahren der Renaissance am Hofe — auch
in kirchliche Bahnen ein. Indem er die bischöflichen Verwaltungen
für die Reichsgeschäfte in Anspruch nahm, mußte sich, vornehm—
lich seit der Kaiserkrönung im Jahre 962, auch eine Fülle
geistiger, litterarischer und künstlerischer Beziehungen zwischen
dem Hof und den einzelnen Bischofssitzen ergeben. Nun hat
allerdings die Kirche die Lehre von der Überordnung der geist—
lichen Gewalt über die weltliche, wie sie im Zeitalter Ludwigs
des Frommen entwickelt worden war, auch im 10. Jahrhundert
grundsätzlich nicht mehr verlassen; Rather von Verona führt
in einer langen Stelle seiner Pracloquia ausdrücklich an, der
König sei verpflichtet, dem Worte der Bischöfe zu folgen, die
Bischöfe seien für ihre Amtsführung Gott allein verantwortlich.
Allein in der Praxis gestaltete sich doch während der zweiten
Hälfte des 10. Jahrhunderts das Verhältnis so, daß die
Bischöfe, politisch wie geistig, ganz auf den Pfaden des Hof—
lebens wandelten.
Damit verbreitete sich die Renaissance vor allem in den
bischöflichen Residenzen; waren bisher die Klosterschulen die
vornehmsten Träger der Bildung: jetzt ward es der stiftische
Unterricht. Bremen, Köln und Magdeburg, Lüttich und Hildes—
heim, Eichstädt und Regensburg blühen empor als neue Sitze der
Musen: hier werden die großen Schriftsteller und Heiligen der
Wende des 10. und 11. Jahrhunderts gebildet, bis in späterer
Zeit die Kathedralschulen mehr des mittleren Deutschlands,
Bamberg und Würzburg, Mainz und Speier hervortreten.
War es aber nicht selbstverständlich, daß diese neue Be—
wegung in die Klöster überflutete? Überall wuchs das mönchische
Leben dieser Zeit in neuen Bildungen empor; schon unter Otto J.
zählte man in Deutschland weit über hundert Klöster, und
        <pb n="236" />
        Ottonische Renaissance; Kirchenreform und Universalpolitik. 221

Sammlungen von zweihundert Mönchen in einem Kloster waren
nicht selten. Konnte diese Unsumme geistiger Kraft dauernd
sich einer großen, von Staat und weltlichem Klerus getragenen
Bewegung entziehen? Auch die alten Klöster der Karlingischen
Zeit erlebten noch eine reiche Nachblüte vornehmlich in Schwaben
und Franken, und Tegernsee und Altaich in Baiern traten ihnen
als reiche Sitze der Wissenschaft würdig zur Seite. In Sachsen
aber, unter den Augen sozusagen der Ottonischen Herrscher,
kam es zu einer weder vorher vorhandenen, noch je wieder er⸗
reichten Höhe klösterlichen Geisteslebens. Im 9. Jahrhundert
hatten sich die Sachsen fast ebenso rasch, wie einst ihre angelsäch—
sischen Vettern, christliche und klassische Bildung zugleich angeeignet:
wie neben Aldhelm Caedmon und Cynewulf stehen, so neben Agius
die Verfasser des Heljand und der Genesisfragmente des Vaticans.
Ein so rasches Ergreifen doppelter Bildungselemente setzt ein
großes eingeborenes Vermögen der Phantasie, des Herzens und des
Verstandes voraus. Es wirkte auch im raschen und dauernden Auf⸗
schwung des Klosterlebens. Während auf der Tenne des jungen
Klosters Gandersheim noch mühsam eine Bibliothek gesammelt
wurde, deren pergamentne Schätze kein Ungarnsturm verwehen
sollte, kam es im sächsischen Altkloster Korvey schon zu eignen ge⸗
schichtlichen Aufzeichnungen, setzte bereits sein Abt Bovo II.
die Zeitgenossen durch die Kenntnis des Griechischen in Er—
staunen. Und wie rasch folgten die jüngeren Klöster nach! In
Quedlinburg erblühte bald eine formvollendete Annalistik; in
Hildesheim wandte man sich vornehmlich den Künsten zu; in
Gandersheim wuchs und dichtete Hrotsuit, während Widukind in
den ruhmreichen Hallen Korveys seine Sachsengeschichte schrieb.
So hatte die Renaissance trotz aller Askese doch mit den
Klöstern Fühlung genommen; weithin im Weltklerus wie auch
unter den Mönchen wirkte die Rezeption klassischer Bildungs⸗
elemente, und der Hof wahrte nur eben seine leitende Stellung,
indem er Hauptvertreter der Bewegung, etwa einen Eckehard II.
von Sankt Gallen, gelegentlich in seine Kreise berief.
Die Renaissanceströmung verlief darum, anders als die
entsprechende Bewegung unter den Karlingen, in sehr ver—
        <pb n="237" />
        222 Sechstes Buch. Drittes Kapitel.

schiedenartigen Zirkeln. Den Mittelpunkt bildete der Hof: hier
—ED—
nur plumper her; neben den Gelehrten spielten die Frauen
eine Rolle, die durch weiblich fromme Askese besondere
Färbung erhielt. Einen weiteren, ausgedehnteren Kreis bildete
dann der hohe Adel, der zugleich die höheren Stellen der
kirchlichen Verwaltung inne hatte, und dessen Söhne nicht selten
unter den Mönchen der großen Klöster zu treffen waren. Auch
er bewegte sich noch in den Lebensformen klassischer Bildung;
eine Herzogin Hedwig von Schwaben vertrieb sich die Langweile
der Witwenzeit durch die Lektüre Vergils; andere hörten neben
den alten lateinischen Schwankdichtungen den Modus Liebinc
oder die Mendosa cantilena; nicht wenige endlich fanden un—
gemischte Freude an den Zweideutigkeiten des Terenz oder an
den schlüpfrigen Schilderungen der ovidischen Metamorphosen.
Unter diesem Kreise aber gab es noch einen tiefern Zirkel. Er
umfaßte alle diejenigen, die mit der Verwaltung des Reiches
oder der Kirche in irgend einer Weise in Berührung kamen, er
begriff alle besser geborenen Freien. Sie alle waren nicht völlig
von den Wirkungen der neuen Bildung abgeschieden — be—
wegten sich doch unter ihnen teilweis die jüngeren Söhne des
hohen Adels, die von der Pike auf höheren Stellungen nament⸗
lich in der Kirche zustrebten — sie alle verstanden etwas Latein
oder wenigstens den Mischjargon, der sich zwischen Deutsch und
Latein gebildet hatte. Sie alle gingen mithin der ausschließlichen
und ungeteilten Einwirkung deutsch-nationaler Bildung verloren:
—
es begreiflich macht, daß wir so wenig wissen über den Ausgang
unseres nationalen Heldensangs, über die Schicksale des Stab⸗—
reims und die Wandlungen des altgermanischen Rhythmus.
Die Karlingische Renaissance war wie eine Sturzsee über
die einsamen Höhen der Gesellschaft gebraust. Die ottonische
Renaissance, in sich viel weniger reich, gleicht der ebbenden Woge;
sie trifft viel weitere Kreise, aber ungleich schwächer. Die Kar—
lingische Renaissance war ursprünglich mehr laienhaft und kaiser—
lich gewesen; die ottonische war bald nach Anbeginn, wenngleich
        <pb n="238" />
        Ottonische Renaissance; Kirchenreform und Universalpolitik. 223

unter Vorrang der höfischen Strömung, doch kaiserlich und kirch—
lich zugleich. Die Karlingische Renaissance hatte ein volles Lebens⸗
deal der Antike aus sich geboren und zu verwirklichen gesucht; die
ottonische hat es zu ähnlich heißer Sehnsucht nach dem Geiste
der Alten nicht gebracht. Nur wenige Geister dürsteten so nach
den Segnungen der Vorzeit, wie Hrotsuit; sie aber schildert ihre
eigenen Erfahrungen gegenüber dem klassischen Altertum mit
geschichtlicher Treue, wenn sie einem ihrer Helden die Worte in
den Mund legt: „Ein dürftiger Tropfen, der zufällig nur aus
der Schale der Weisheit herabfiel, hat vorübergehend mir die
Lippen gefeuchtet.“

II.

Vor allem auf dem Gebiete der bildenden Künste kann man
die Erfahrung machen, daß selbst die rein rezipierten Kunstthätig—
keiten in ganz andrer Weise, wie unter den Karlingen, von
germanischem Geiste erfüllt sind. So die Technik der Schmelzarbeiten,
 die, obwohl auf antiker Überlieferung und neuerer
byzantinischer Lehre beruhend, trotzdem gerade in ihren schönsten
Erzeugnissen vorwiegend germanisch-ornamentalen Charakter be⸗
wahrt, so fast noch mehr die Elfenbeinplastik, deren beide
Schulen, die ältere rheinische wie die sächsische, trotz starker alt⸗
christlicher und auch byzantischer Einwirkungen sich in ihren inter—
essantesten Schöpfungen zum germanischen Formenideal bekennen.
Nirgends indes läßt sich, was germanisch und was rezipiert
sein kann in der Kunst der ottonischen Renaissance, besser be—
messen, als an den ungemein zahlreich erhaltenen Buchmalereien
des 10. und teilweis noch 11. Jahrhunderts. Denn eben auf
diesem Gebiete trat der einheitliche Einfluß des Hofes besonders
weit zurück zu Gunsten lokaler, selbständiger Entwickelung,
wenn auch die Karlingischen Nachwirkungen noch nicht völlig
verblaßten. Nur wenige unserer großen Miniaturhandschriften
des 10. und 11. Jahrhunderts sind wohl in königlichen Pfalzen
angeregt oder gar entstanden; jedenfalls früh schon blühten
Miniatorenschulen zu Sankt Gallen und in der Reichenau, in
Echternach und in Trier, zu Hildesheim und zu Regensburg, und
sie alle wurden seit Ausgang des 10. Jahrhunderts vermutlich
übertroffen durch eine große Schule, die wohl zu Köln ihren Sitz
        <pb n="239" />
        224

Sechstes Buch. Drittes Kapitel

hatte, und deren Einfluß sich weithin, bis auf Seitenschulen
im niedersächsischen Bremen und fränkischen Limburg erstreckte.
Was die Leistungen all dieser Schulen kennzeichnet, die an
sich ungleich sind an künstlerischer Bedeutung und Umfang ihrer
—D
die wechselvolle Vermischung der überkommenen Elemente, dann
aber auch die Durchdringung der Karlingischen sowie der früh—
christlichen, seltener auch der byzantischen Tradition mit immer
stärkeren Zusätzen germanischen Geistes. Hatte die Karlingische
Kunst die Vorlagen der klassischen Überlieferung anfangs fast
sklavisch nachgeahmt, später sich ihnen in freier Erfassung ihres
Geistes möglichst zu nähern getrachtet, so nimmt die ottonische
Kunst mit wenigen Ausnahmen (so namentlich der der Reichenauer
Schule) ihren Standpunkt weniger hoch und naiver. Ohne
weitere Reflexion will sie diese Kunst sich aneignen, soweit es
ihr leicht fällt; sie will sie brauchbar machen für die Auffassung
ihrer Zeit, um dann nach ihrem veränderten Bilde selbständig
weiter zu schaffen.
So verlieren die übernommenen Typen und Gestalten ihre
cömische Würde, ihre klassische Majestät; sie werden aufgerüttelt
aus der monumentalen Ruhe; sie beginnen mit der noch etwas
ungeschlachten Leidenschaft des deutschen Gemütes zu empfinden,
zu gestikulieren; ihre bisher mit feineren Kunstmitteln aus—
gedrückte innere Teilnahme wird bewegter; sie erscheint in äußer⸗
lichere Bewegung und energische Gebärde umgesetzt.
Gleichzeitig aber zeigt sich, ein sonderbares Widerspiel, der
Umriß dieser Gestalten gebundener als je. Die weichen
fließenden Linien des antiken Faltenwurfs verschwinden; die Ge—
wandung wird ornamental behandelt; an Stelle schöngeschwun—
gener Bausche treten kreisförmige, halb kalligraphisch gefaßte
Wulste namentlich in der Bauchgegend; die Füße sind gleichsam
in schnörkelhafte kalligraphische Ellipsen gekleidet. Über die Ge—
wandung hin aber ergießt sich ohne irgend eine Rücksicht auf deren
Bruch und Faltung ein buntes Spiel ornamentaler Punkte und
Tupfen: absichtlich fast scheint man den einfachsten Ergebnissen
erfahrungsmäßigen Sehens aus dem Wege zu gehn. Ornamental ist
auch die Behandlung des Gesichtes mit seinen Brauen und Mund—
        <pb n="240" />
        Ottonische Renaissance; Kirchenreform und Universalpolitik. 225

winkeln, ornamental sogar die Behandlung des Nackten: Rippen
und Brüste wie alle wichtigeren Muskelgruppen werden rein
systematisch angesetzt und mit typischen Tupfen von Weiß, Rosa
und Rot bezeichnet.
In der Verwendung der Farben siegt dabei ein Geschmack,
dessen Richtung sich schon in den deutschen Erzeugnissen der
Karlingischen Periode erkennen ließ. Die Farben haben zunächst
nur rein ornamentale Wertung. Erscheint dem Künstler die
Verwendung einer bestimmten Farbe an einer bestimmten Stelle
angemessen, so fliegen zinnoberrote Adler durch kirschrote Wolken,
weiden schwefelgelbe Esel auf blauem Vordergrund, heben sich
schwarzrote Bäume von grünem Himmel ab, ziehen kirschrote Stiere
goldene Pflüge, werfen die dargestellten Gegenstände rote und grüne,
gelbe und blaue Schatten. Werden nun solche Eigenheiten auch
oielfach vermieden, sobald man nach mittelbar oder unmittelbar
klassischen Vorbildern schafft, so läßt sich doch im Sinne der
Zeit nur von einer ornamentalen Farbenharmonie sprechen. Ihre
Palette war in Karlingischer Zeit frisch und heiter gewesen;
alle Arten festlichen Rots, namentlich ein fast grelles Gelbrot
hatten darin vorgewaltet; mit Gold hatte man aufgehöht und
manchmal auch modelliert; die Menschen waren mit stark ge—
bräuntem Antlitz erschienen, wie es ein ewig gesunder Aufenthalt
im Freien zu verleihen pflegt. Hier bahnte sich mit der Ent—⸗
wickelung der ottonischen Renaissance ein wundersamer Umschwung
an. Man modelliert erst ins Weiße, dann ins Graue; man höht
die Lichter mit Komplementärfarben, schließlich sogar Grün mit
Gelb, Rot mit Blau auf; man verstößt die alte heitere Palette
zu Gunsten einer traurigen, schmutzigen, darin alle frohen
Schimmer durch graubraune Übermalung verbannt erscheinen;
man untermalt endlich die Fleischteile grün und giebt ihnen da—
durch ein todesähnliches Aussehen. Sollte die mönchische Askese
diese Wandlungen im nationalen Farbengeschmack bewirkt haben?
Gewiß ist, daß für die Tracht der Laien noch lange die glück—
liche Farbenharmonie der Karlingen bestehen blieb!, und daß die

1 Man ersieht das aus den Portraitdarstellungen der Wende des
10. und 11. Jahrhunderts, vgl. z. B. noch Heinrich den Zänker in Cod.
Ed. II 11 der Bamberger Bibliothek.
Lamprecht, Deutsche Geschichte IJI
        <pb n="241" />
        226 Sechstes Buch. Drittes Kapitel.

Palette des 10. und 11. Jahrhunderts mit dem Untergang der
asketischen Richtung der glücklicheren Farbenstimmung staufischer
Zeiten Platz machte.
Aber noch über die äußere Darstellung in Kontur und
Farbengebung hinaus drang der germanische Geist schon im
IO. Jahrhundert zersetzend in die antike Überlieferung. Er ließ
sich in der Auffassung der Scenen selbst teilweise von den Ein—
drücken des altnationalen Schatzes an symbolischer Formengebung
leiten!. Welchen Reichtum z. B. an symbolischer Ausnutzung der
Handbewegungen hatte nicht das deutsche Recht entwickelt. Mit
einer bestimmten Haltung der Hände vor Gericht verband es die
Konsequenz ganz bestimmter Rechtshandlungen: Vormund war
oder ward, wer seine Hand wirklich über den Schutzbefohlenen
hielt; eines Gutes entsagte, wer in der That die Hand von ihm
abzog: noch halten wir in tausend verwaschenen Redeweisen (zu
Handen jemandes schicken, auf Händen tragen, in Händen
führen u. s. w.) die Erinnerung an die einstige symbolische Be—
deutung der Hand fest. Nicht minder aber waren auch die
Bewegungen der übrigen menschlichen Glieder, war die Gebärde
überhaupt mit symbolischer Bedeutung ausgestattet. Wie leicht
war es da, durch Übertragung dieser altverständlichen Symbolik
in das Bild Scenen zu beleben, ja erst verständlich zu machen!
Indem dies geschah, drang ein Element in die antike Über—
lieferung ein, daß ihre Kompositionen allmählich zersetzen mußte.
Und schon erprobte der germanische Geist sich unter ener—
gischer Beihilfe seiner symbolischen Ausdrucksmittel in neuen
scenischen Schöpfungen. Der Inhalt der Evangelien ward reicher
illustriert als bisher; und dabei war das Verhältnis der Bilder

1Ein viel zu wenig beachteter Punkt. Vgl. Lamprecht in den Bonner
Jahrbüchern 70, 95 f., 101. Völlig aufgeklärt könnte er nur werden durch
eingehende Erforschung der deutschen Rechtssymbolik überhaupt. Ein
Anfang hierzu ist gemacht durch die Veröffentlichung des illustrierten
Dresdner Sachsenspiegels seitens der Sächsischen Kommission für Geschichte
(Herausgeber von Amira). Daneben hat Voege, Eine deutsche Malerschule
um 1000 (Westd. Zeitschr. Ergänzungsh. VII 1891) den Nachweis geführt,
daß zahlreiche auf den Bildern vorkommende Gesten antiken bezw. altchrist—
lichen Ursprungs sind: S. 286f., 289 f., 294 ff., vgl. 330 f.
        <pb n="242" />
        Ottonische Renaissance; Kirchenreform und Universalpolitik. 227

zum Texte schon wesentlich künstlerisch: der Text sollte an—
schaulich ins Bild umgesetzt werden; darum begannen im all⸗
gemeinen die erklärenden Beischriften, bisher eine fast ständige
Zugabe der Miniaturen, zu fehlen. Vor allem das uner⸗
schöpfliche Buch der Apokalypse ward immer wieder mit jener
Innigkeit bildlich erläutert, die den germanischen Geist bis auf
die grüblerischen Darstellungen eines Dürer, die großartigen
eines Cornelius nicht verlassen hat!. Auch besaß die Kirche
an diesen Darstellungen die wirksamsten Schreckmittel gegen—
über dem wilden Geiste eines noch jugendlichen Volkes.
Wie die Mittel künstlerischen Ausdruckes, so unterlag auch
die Sprache der Renaissancelitteratur, das Latein, ganz anders
deutschem Einflusse, als im 8. und 9. Jahrhundert. Dies neue
Latein ist geradezu auf germanischer Grundlage erwachsen; einst⸗
weilen noch schwerfällig, voll grober Germanismen und unver⸗
dauter Erinnerungen an die Vulgata und klassische Schriftsteller,
vielfach noch ausartend in Phrasenschwall und thörichte Künste—
lei, wird es mit dem 11. Jahrhundert, in der Sprache etwa
eines Lampert von Hersfeld und der Reichenauer Historiker,
eine glänzende Zeit organischen Ausbaus, wahrhaft stilistischer
Verwendung erleben.
Doch schon in der zweiten Hälfte des 10. Jahrhunderts
ward es zum Werkzeuge einer ersten großen deutschen Geschichts—
schreibung. Über die Thaten Heinrichs J. konnte gleichzeitig nur
ein Franzose, Flodoard von Reims, berichten, Ottos des Großen
Zeiten schildert der erlesene Chor Widukinds, der Hrotsuit,
Ruotgers und des Continuator Reginonis. Es war eine Ge—
schichtsschreibung, die doch wesentlich aus germanischem Antrieb
hervorging: die Begründung des sächsischen Königtums, die
Erneuerung der Kaiserwürde lieferten historische, die italischen
und slawischen Züge, die nordöstliche Mission und die Fahrten
ins gelobte Land ergaben geographische Anregungen: im wesent—
lichen nur die Form der Geschichtsschreibung ist lateinisch.
Mit Recht konnte darum Hrotsuit rühmen:

Vgl. oben S. 201f.
        <pb n="243" />
        228 Sechstes Buch. Drittes Kapitel.

Sed non exemplum quisquam wihi praebuit horum,
Nec scribenda prius scripti docuere libelli.
Freilich dieselbe Hrotsuit hat die Thaten Ottos in Deutsch⸗—
land, ganz im Gegensatz zu Widukind, doch nur als Vorberei⸗
tung zur Kaiserkrönung angesehen, und Zweifünftel der gesamten
Ausdehnung ihrer lückenhaft überlieferten Gesta Oddonis be—
handeln zwei Jahre, deren Schauplatz Italien ist. Hrotsuit
war eben nicht bloß Geschichtsschreiberin im Sinne der Legende;
als Dichterin steht sie auf einem Höhepunkt der ottonischen
Renaissance, und immerhin noch anders, als die Geschichts—
schreibung, hielt die Dichtung fest an den Grundlagen der
klassischen Überlieferung.
Schon die Thatsache, daß Hrotsuit hauptsächlich als drama—
tische Dichterin bekannt ist, besagt das zur Genüge. Wer hätte
vom deutsch-nationalen Standpunkt des 10. Jahrhunderts schon
an Dramen denken können! Jahrhunderte sollten noch vergehen,
ehe ganz andere, viel höhere Kulturinteressen den Deutschen
dramatische Stimmung schufen. Hrotsuit aber schrieb ruhig,
ganz in den antikisierenden Strömungen der Renaissance be—
fangen, ihren Abraham und ihren Paphnutius, ihrer minder
bedeutenden Dramen nicht zu gedenken.
Freilich blieb sie auch hier doch ein Kind ihrer Zeit. Ihre
Dramen sind nur Erzählungen in dramatischer Form, wie sie
ähnlich später der Reichenauer Mönch Purchard in seinen Thaten
Abt Witigowos, Wipo im Tetralogus (1041), in gewissem
Sinne auch Hermann in seinem Lehrgedicht De octo vitiis
principalibus mit steigendem Erfolge verwendet haben. Die
Kunst der Hrotsuit hielt sich in der Mitte zwischen der Form
des altdeutschen Heldengesangs und der Art der terenzianischen
Komödien, deren Anregungen sie bei Abfassung ihrer Stücke
zunächst folgte. Ihr Ziel war auch keineswegs der dramatische
Effekt als solcher; sie hatte nur moralische Absichten und kam
zum Drama nur, um ein Gegengift gegen den obseönen Terenz
zu schaffen: „auf daß die preiswürdige Keuschheit heiliger Jung⸗
frauen in derselben Dichtungsart gefeiert werde, in der bisher
nur häßliche Ausschweifung wollüstiger Weiber vorgetragen
        <pb n="244" />
        Ottonische Renaissance; Kirchenreform und Universalpolitik. 229

ward“. So ist ihre Absicht auch schon erreicht, wenn sie leb⸗
haft und glaubwürdig erzählt — und das ist ihr trotz
mangelnder dramatischer Fähigkeiten auch in der Form des
Dramas zumeist gelungen. Denn obwohl ihr die Gesetze der
dramatischen Psychologie verschlossen sind, weiß sie, eine echte
Dichterin, doch Seelenbewegungen natürlich zu schildern, ver—
steht sie, leidenschaftliche Stimmungen mit all der psychischen
Naivetät ihrer Zeit volkstümlich zu malen, und übertrifft in der
Motivierung nicht selten die triviale Manier ihrer Vorlagen.
Aber das sind Vorzüge, die sich in ihren Legenden nicht
minder geltend machen: auch hier liebt sie spannende, teilweise
der Gegenwart entnommene Stoffe, wählt Vorwürfe, die
dem Frauenherzen — und für Frauen zunächst schreibt sie —
besonders nahegehen, wie das Problem der unter allen Um—
ständen zu bewahrenden Keuschheit oder — im Theophilus —
das Problem der Faustsage in ihrer ältesten Form, und fesselt
durch glänzend belebte Darstellung.
Nach vielen Richtungen bezeichnen die Werke der Nonne
von Gandersheim den Zenith der ottonischen Renaissance,
und zweifellos stellen sie die reinste Verkörperung des antiken
Geistes in der deutschen Entwicklung des 10. Jahrhunderts dar.
Denn späterhin begann die lateinische Dichtung dem germa—
nischen Wesen immer größere Zugeständnisse zu machen, bis sie
schließlich mit dem Beginn des großen Zeitalters der nationalen
Dichtung unter den Staufern in ihm ersterbend aufging.
Sieht man von der christlichen Hymnik ab, jener Passions⸗
blume, die, dem Blute Christi entsprossen, fast keinerlei rein
klassische Anregungen mehr in sich aufnahm, so spielen auch die
anderen Gattungen der lateinischen Dichtung inhaltlich gar
hald ins Volksmäßige über. Die Tiersage wird populär ver—
arbeitet; heimische Novellen und Legenden tauchen auf; wie im
Waltharilied schon früh eine gänzlich germanische Sage, so
wird später im Ruodlieb ein wohl wenigstens teilweise deutscher
Stoff in lateinische Fassung gebracht. Durchweg aber über—
wiegt, der nationalen Stimmung entsprechend, das Epische, und
die lateinische Form der Epik folgt immer mehr den deutschen
        <pb n="245" />
        230 Sechstes Buch. Drittes Kapitel.

Instinkten. Die rythmische und die Reimprosa wird aus—
gebildet; im epischen Vers, dem Hexameter, beginnt man zu
reimen und zu allitterieren. Vergleiche werden, wie im heimischen
Epos, vermieden; die Sprache ist fest und gedrungen und bewegt
sich gern in den Wogenschwingungen steigender und sinkender
Empfindung. Und diese Wandlungen vollziehen sich nicht bloß
gegenüber Stoffen heimischen Inhaltes; sie greifen nicht minder
rin auch bei Bearbeitungen antiker Fabeln; kein Gedicht dieser
litterarischen Strömung ist ihnen wohl mehr unterworfen als
Bernos gekünsteltes Oarmen de bello Trojano.
In diesem Verfall, in der immer stärkeren Aufnahme
deutscher Technik und deutschen Inhalts, deutschen Geschmackes
und deutscher Gesinnung, hat sich die Dichtung der ottonischen
Renaissance das Todesurteil geschrieben. Als ihre letzten Aus⸗
läufer mit dem Morgenrot der Staufischen Zeit dahinsanken,
da war es klar, daß die Bedeutung der ottonischen Renaissance
ebensowenig, wie die der karlingischen und der humanistischen,
in der dauernden Befruchtung der nationalen Dichtung gesucht
werden kann. Was diese Renaissance gleich der früheren und
gleich den späteren endgültig geleistet hat, das war im wesent⸗
lichen nur eine Befruchtung des Wissens, eine Stärkung der
wissenschaftlichen Triebe.
Wie aber neben der ottonischen Renaissance in ihrer Höhe
die deutsche Geschichtsschreibung erblüht war, so entwickelten
sich ebenfalls noch unter dem Hauche klassischer Rezeptionen in
Italien die Rechtsschule von Bologna, in Frankreich die aka⸗—
demischen Studien von Paris mit ihrer größten Errungenschaft,
der Scholastik. Romanische Völker haben damit in dieser Be—
wegung schließlich die Palme davongetragen. Und die geistige
wie die politische Entwicklung unseres Volkes schon gegen
Schluß des 10. Jahrhunderts ist nicht zu verstehen ohne eine
wenigstens oberflächliche Kenntnis der romanischen Geistesgeschichte
des 10. Jahrhunderts.
III.

In Frankreich wie Italien flutete die Bewegung, die von
der Karlingischen Renaissance ausging, unmittelbar und in ganz
        <pb n="246" />
        Ottonische Renaissance; Kirchenreform und Universalpolitik. 231

anderer Stärke weiter, als in Deutschland: verlief sie doch auf
einem ungleich älteren Kulturboden und war sie doch eben
deshalb von Anbeginn mit ungleich größerer Kraft entwickelt
worden. Für beide Länder war dabei die volle Übernahme der
geistigen Bildung durch die kirchliche Hierarchie das Bezeichnende:
denn an beiden Stellen war das Kaisertum hinweggefallen,
ohne daß sich an seiner Statt eine feststehende weltliche Gewalt
entwickelt hätte, die einen dauernden Stützpunkt fernerer
klassischer Rezeption geboten hätte. So wurden vor allem die
Bischöfe Träger der Bewegung: feingebildete, aber nichts
weniger als religiöse Priester, kirchliche Herrscher voll guten
Geschmackes, keine geistlichen Fürsten.
Von beiden Ländern ist für die gleichzeitige wie spätere
Entwicklung Frankreich weitaus das wichtigere. In Nord—
italien, dem Hauptsitz der italienischen Bewegung, kam es bei
dem durchaus verweltlichten Ton des Klerus schließlich nur zur
Schöpfung einer formalistischen Rechtswissenschaft und einer
zden Rhetorik; der beste Gewinn war die Pflege der erwachenden
Nationalsprache: denn schon die Novareser Grammatiker der
Mitte des 10. Jahrhunderts sprachen mit veredelnder Fürsorge
das Latein der Volkssprache, und bereits die Geschichtswerke
Diakonus Johannes, Geheimschreibers des Dogen Peter II.
Orseolo um die Wende des 10. und 11. Jahrhunderts, enthalten
die Wurzeln des venetianischen Dialekts.
In Frankreich dagegen bestand bereits im 9. Jahrhundert
in Reims, von nun ab dem Mittelpunkte der Bewegung, eine
große geschichtliche Tradition der Renaissance; eifrig ward sie
von dem gewaltigen Erzbischof Hinkmar gepflegt, und der
Historiker Richer vermochte es hier, die Schicksale der Kar—
lingischen Epigonen in Ton und Haltung eines antiken Geschichtsschreibers
 vorzutragen. Sogar eine politische Wendung nahm
diese feste Strömung noch in der zweiten Hälfte des 10. Jahr⸗
hunderts; damals ist von Reims aus noch einmal der Versuch
unternommen worden, die Bischöfe im Sinne der vorpseudo⸗
isidorischen Zeit gegenüber dem Papsttum freizustellen und eine
gewisse Selbständigkeit der Landeskirche zu wahren.
        <pb n="247" />
        232 Sechstes Buch. Drittes Kapitel.

Im 10. Jahrhundert bildeten sich neben Reims auch Paris
und Orleans, allenfalls auch Sens und Tours zu Horten der
klassischen Studien aus, bis Fulbert, von 1007- 1029 Bischof
von Chartres, ein Schüler des großen Gerbert von Reims,
die blühende Schule in Chartres begründete, der neben Musikern
und Ärzten, Grammatikern und Theologen vor allem Berengar
von Tours entwachsen ist, der Bekämpfer der Abendmahlslehre
des Paschasius Radbertus, die erste aroße Gestalt im Vorhofe
der Scholastik.
Neben der klassischen Richtung in Nordfrankreich und
Norditalien machte sich bei den romanischen Nationen aber auch
eine volkstümliche Bewegung auf kirchlich-religiösem Gebiete
geltend, die ganz ähnlich wie in Deutschland zu Wunderglauben
und Askese führte. Und da sie nicht, wie in Deutschland, durch
einen nochmals eintretenden Aufschwung des Kaisertums und
eine ihm folgende erneute Renaissance behindert oder in andre
Bahnen gelenkt ward, so wuchs sie machtvoll empor zur leiten⸗
den Geistesstimmung der Romanen überhaupt.
Vertreten war sie anfangs in Italien zerstreut durch den
Süden und die Mitte des Landes, in Frankreich namentlich im
Süden und Osten.
Mittelpunkt der französischen Bewegung war sehr bald
das Kloster Cluny bei Mäcon. Inmitten wüster Einöde, die
nur von Jagdgeschrei und vom Gebell der Rüden widerhallte,
war Cluny im Jahre 910 vom Herzog Wilhelm von Aqui—
tanien in kärglicher Ausstattung begründet worden; als besonderes
Angebinde hatte es die unmittelbare Unterstellung unter den
Schutz Roms erhalten. So schon von vornherein unabhängig
gestellt, erhielt das Kloster zudem in Berno das Haupt der
klösterlich-strengen Bewegung des Südens als Abt: eine große
Zukunft schien ihm alsbald zu winken. Doch begann der
eigentliche Aufschwung erst unter dem zweiten Abte Odo.
Sprößling einer Familie der Maine fränkischen Ursprunges,
trat Odo erst als Mann in den geistlichen Stand; von strengster
Frömmigkeit und härtester Selbstzucht, brachte er für seine
Aufgabe vor allem neben wahrhafter Herzensgüte ein außer—
        <pb n="248" />
        Ottonische Renaissance; Kirchenreform und Universalpolitik. 233

ordentliches Führertalent mit: das Haupterfordernis bei dem
besonderen Charakter der französischen Askese, die, entgegen der
genossenschaftlichen Gliederung der deutschen Bewegung in
Einzelklöstern, sehr bald zur Zentralisation, zur einheitlichen
Organisation unter einer Spitze neigte. Als Abt von Cluny
begann Odo sofort die mönchische Lebensweise in der besonderen,
auf die Regel des Benedikt von Aniane zurückgehenden Form
seines Klosters überallhin zu verbreiten; er reformierte und
unterstellte seiner Aufsicht schon eine große Anzahl von Klöstern
in Burgund, Aquitanien und im nördlichen Frankreich, darunter
Fleury im Sprengel von Orleans, den Mittelpunkt der späteren
spezifisch mittelfranzösischen Askese. Hier wurde gegen den Schluß
des Jahrhunderts Abbo von Fleury ein überzeugter Kämpfer
für kirchliches Recht und päpstliche Allgewalt. Zugleich ver⸗
trat er die Selbständigkeit der Abte und Mönche gegenüber
den Bischöfen energisch. Diese Zentralisation der französischen
Bewegung war doppelt wichtig dadurch, daß schon Odo sie in
Verbindung mit dem Papsttum zu setzen und ihre Wirkungen
nach Italien, vornehmlich nach Rom zu übertragen wußte, wenn
auch zunächst noch ohne besondere kirchenpolitische Tendenzen.
Nach Odos Tode (0942) stockte die Reform unter dem
nächsten, mehr wirtschaftlichen Interessen zugewandten Abte,
bis diesem im Jahre 949 Maiolus als Mitabt zur Seite trat.
Maiolus förderte den Wohlstand des Klosters aufs trefflichste;
er bildete während seiner langen Abtszeit — erst im Jahre 994
starb er — das Prinzip absolutesten Gehorsams aller unter—⸗
geordneten Klöster und Mönche gegenüber dem Cluniacenser
Hauptabt zum besonderen Kennzeichen der französischen Askese
durch; er unterstellte eine große Anzahl weiterer französischer
Klöster der Richtung Clunys; er trieb den Machtbereich der
Reform vor bis auf das Gebiet des deutschen Reiches. Und
doch war er selbst im Gegensatz zu dem schroffen Odo eine
milde und versöhnliche Natur — aber es kam nicht auf die
Persönlichkeit an: gewaltiger als sie wirkte die Macht der In⸗
stitution, welche er diente.
Zugleich wußte er das engste Verhältnis der französischen
        <pb n="249" />
        234

Sechstes Buch. Drittes Kapitel.

Reform zum Papsttum als Erbteil Clunys festzulegen bis zu
dem Grade, daß sogar schon eine fast völlige Lösung der refor—
mierten Klöster von der kirchlichen Hierarchie der Bischöfe er—
reicht ward. Gegen Schluß des 10. Jahrhunderts steht es fest,
daß alle Reformklöster von der bischöflichen Gewalt befreit sind:
kein Bischof darf in ihnen ohne Erlaubnis des Abtes von Cluny
kirchliche Weihen verrichten; für seine eigene Weihe wie für die
Priesterweihen seiner Mönche wählt der Abt einen ihm genehmen
Bischof nach freiem Ermessen. Eine asketische, schroff centrali⸗
sierte Mönchskirche ist innerhalb der allgemeinen französischen
Kirche entstanden; sie kennt nur ein näheres Verhältnis auf
kirchlich-religiössem Gebiete, das zu Rom.
Und schon diese Kirche begann, die Wirkungen ihres Geistes
über die Grenzen Frankreichs hinauszutragen. In Aragon,
Navarra und Kastilien faßte sie im Laufe des 11. Jahr—
hunderts Fuß; wichtiger war die Eroberung Englands. Hier
begann der Erzbischof Dunstan von Canterbury eine kirchliche
Reform teilweise im Anschluß an die cluniacensische Askese
und setzte sie unter vollster Zugrundelegung mönchischer An—
schauungen durch.
So schien der christliche Westen gewonnen; in Italien hatte
man hier und da in einzelnen Klöstern Boden gewonnen; mit
dem Papsttum war eine enge Fühlung erreicht; jetzt galt es
Deutschland zu erobern. Allein hier kam es trotz persönlicher
Beziehungen des Maiolus zur burgundischen Adelheid, der
zweiten Gemahlin Ottos des Großen, und trotz emsiger Pflege
persönlicher Zusammenhänge auch mit Otto II. und Otto III.
unter dem folgenden Abte doch zu keinen greifbaren Erfolgen.
Zwar wurden einige Abteien in Italien mit kaiserlicher Er—
laubnis oder Beihilfe reformiert; innerhalb der deutschen
Grenzen aber gelang es nur, St. Evre zu Toul zu gewinnen.
Kein Zweifel, daß sich die Sympathieen Ottos II. mehr
der deutschen, Ottos III. mehr der italienischen Askese zu—
wandten.
In Italien war das Leben der großen Masse im Verlaufe
des 9. und 10. Jahrhunderts im Grunde beinahe heidnisch
        <pb n="250" />
        Ottonische Renaissance; Kirchenreform und Universalpolitik. 235

geworden; es gab Gelehrte, wie Vilgard von Ravenna, die
völlig im antiken Leben, auch im antiken Götterglauben auf—⸗
gingen. Das Christentum schien nur noch ein rein äußerliches
Attribut der Zeit zu sein; die Priester waren völlig verwelt—
licht: sie schmausten in den Gotteshäusern und vermieteten sie
gelegentlich als Markthallen oder Scheuern.
Trotzdem war die inneren wie äußeren Voraussetzungen
einer religiösen Erneuerung vollständig vorhanden. Leicht ließen
sich in Trümmer gelegte Kirchen von neuem weihen und nutzen;
in Rom bestanden trotz aller Zerstörung noch etwa zwanzig
Frauen⸗ und vierzig Männerklöster, sowie sechzig Kirchen regu—
lierter Stiftsherren. Vor allem aber: in der Volksseele ruhte
der tiefe Wunsch nach einer Anderung des irdischen Loses mit
seiner ewig wechselnden Oberherrschaft schattenhafter Könige,
seiner ewig dauernden Gefährdung durch Raub und Plünderung
der Mächtigen, wuchs langsam empor die noch innigere Sehn—
sucht nach seelischem Halte.
Ungestüm, leidenschaftlich, in einer unglaublich harten
Askese, in dem wunderlichsten aller Wunderglauben brach diese
Stimmung im Laufe des 10. Jahrhunderts hervor. Während
man in Frankreich und Deutschland nur bis auf den heiligen
Benedikt zurückging, erwachte in Italien der Enthusiasmus für
die asketischen Heroden des Orients. Was wollten da die
deutschen Einsiedler mit ihrer beschaulichen Askese besagen gegen—
über den Gluten religiöser Kasteiung in Italien! Dominicus
Loricatus trug ununterbrochen einen eisernen Panzer, zwei
eiserne Gürtel um den Leib, zwei um die Arme, um sein Fleisch
zu knechten; nur um sich zu geißeln, befreite er sich von dieser
Last; in noch nicht vierzig Tagen soll er sich einmal drei Mil—
lionen Hiebe gegeben haben, wobei er zugleich fastete, Buß—
psalmen sang und ohne Unterlaß die Kniee beugte. Und er
stand nicht allein; überall lebten die Helden der Askese ähnlichen
Anstrengungen in schweigender Einsamkeit: keiner von ihnen,
der nicht abgehärmt und abgemagert ausgesehen hätte, die
Augen stier am Boden, totenbleich, das Ebenbild gleichsam
reines auferweckten Abgeschiedenen.
        <pb n="251" />
        236 Sechstes Buch. Drittes Kapitel.

Einer der hervorragendsten dieser sonderbaren Einsiedler
war der h. Nilus, ein Calabrese aus Rossano. Der griechischen
Kirchengemeinschaft zugethan, war er mit dem dreißigsten Jahre
(940) in ein Basilianerkloster seiner Heimat getreten. Als der
Ruf seines asketischen Lebens ihm die Wahl zum Bischof von
Rossano verschaffte, war er nach Monte Cassino entwichen, zum
Sitz der lateinischen, abendländischen Askese. Hier brachte er
nun, in der Umgegend des Klosters, mit seinen Gefährten
fünfzehn Jahre eremitischen Lebens zu, bis er entrüstet über
den Weltsinn der Jünger Benedikts nach Gaeta übersiedelte.
Dort ist er, ein fünfundneunzigjiähriger Greis, im Jahre 1005
gestorben.
Ihn übertraf an Jahren und Bedeutung noch der hundert—
undzwanzigjährige heil. Romuald. Abstammend aus dem vor⸗
nehmen Geschlecht der ravennatischen Herzöge, anfangs Eremit,
dann Abt des cluniacensischen Klosters Classe in Ravenna, ver—
suchte er die Eremiten gleicher Lebensrichtung in kleinen
Kolonieen zu sammeln, Zwischenstufen gleichsam zwischen Kloster
und Einsiedelei, bis er um 1018 Camaldoli begründete, die
Pflanzstätte einer besonderen Regel seiner Observanz.
—A
darüber hinaus das klausnerische Leben für die italienische
Askese bezeichnend. Ja auch später noch hat das italienische
Volk die höchste Stufe christlicher Frömmigkeit nicht im Mönchs—
tum, sondern im Eremitenleben erblickt. Noch Petrus Damiani,
Romualds Schüler, dachte später so, obwohl einer der feurigsten
Förderer Clunys; nur im Dasein des Einsiedlers sieht er den
einem Christen nötigen Grad von sittlicher Freiheit und Fähig⸗
keit der Selbstbezwingung errungen und gewährleistet.

IV.

Überblicken wir in wenigen Zügen die geistige Lage
Europas gegen Schluß des 10. Jahrhunderts.
In Nordfrankreich und Norditalien die letzten Ausläufer
klassischer Rezeptionen, an sich nicht unbedeutend, doch zu⸗
        <pb n="252" />
        Ottonische Renaissance; Kirchenreform und Universalpolitik. 237

sammenhangslos und im nationalen Instinkt bereits überholt
durch die gewaltigen Wehen einer neuen, asketischen Frömmig—
keit; diese Askese in Italien vereinzelt auftauchend, vereinzelt
durchlebt, von furchtbaren persönlichen, geringen allgemeinen
und dauernden Wirkungen; in Frankreich dagegen eine ver—
wandte Askese organisiert in massenhaften Klöstern, centralisiert
in der Hand des Abtes von Cluny.
In Deutschland eine Askese, die, ausgehend vom Ere—
mitenleben, schließlich zu genossenschaftlicher Organisation im
Mönchsleben gedeiht, aber jeder monarchischen Spitze, jeder
Centralisation ermangelt. Und ihr gegenüber der Aufschwung
einer neuen, kaiserlichen Renaissance, die auch den Weltklerus,
vornehmlich die Hierarchie ergreift und ihnen, teilweis sogar
auf die Klöster übergehend, die volle Beherrschung der asketischen
Strömung durch die Kirche gestattet.
Es war eine Lage, welche, obwohl an sich nicht unmittelbar
politisch, doch die vollste Aufmerksamkeit eines kaiserlichen Uni⸗
versalherrschers verdiente. Otto der Große hatte sie erst sich
entwickeln sehen; Otto II. hatte in ihr gelebt, ohne sie ins
Ganze zu betrachten. Beide hatten das nächste universale Ziel,
die Beherrschung des Papsttums, durch rein materielle Mittel
vornehmlich durch die Unterjochung Unteritaliens zu erreichen
zesucht. Es war ihnen mißlungen. Sollte nunmehr ein dritter
Herrscher, der dritte Otto, den gleichen Versuch wagen? War
es nicht denkbar, daß die Ausnützung der bestehenden geistigen
Strömungen in universalem Sinne dem Kaisertum eine viel
sichrere, weil geistige Herrschaft über das Vapsttum verschaffen
fkonnte?

Es war eine der vornehmsten Fragen, die sich neben dem
universalen Problem der Stellung des Reiches zu Ostrom und
dem Islam an die jugendliche Brust Ottos III. drängte. Und
die Geschichte der Art und Weise, wie er sie zu beantworten
gesucht, bildet den Inhalt seiner eigenartigen Regierung'.

1 Das Folgende ist im wesentlichen auch in der Deutschen Rund⸗
schau Band XVIII, JI, S. 94-99, abgedruckt.
        <pb n="253" />
        238 Sechstes Buch. Drittes Kapitel.

Im Laufe des Jahres 994 ward der junge Kaiser mündig;
gegen Abotriten und Wilzen unternahm er im Jahre 998 Ver—⸗
wüstungszüge, ohne jedoch einen nennenswerten Erfolg zu er—
ringen, dann zog's ihn mit magischen Kräften nach Rom. So—
bald er selbständig geworden, hatte er in der Wahl seiner
Ratgeber eine durchgreifende Anderung vorgenommen: eine mit
der leidenschaftlichen Energie seiner Ahnen geführte Politik
persönlichster Art stand in Aussicht.
Unter den Gebeten und Psalmsängen der Bischöfe zog der
sechzehnjährige Herrscher im Februar 996 von Regensburg aus
über die Alpen; während er in Pavia den Treueid der italischen
Großen suchte und empfing, starb in Rom Johann XV., ein
Papst römischer Parteiung; in Ravenna nahte eine römische
Gesandtschaft, die um die Ernennung eines neuen Papstes
bat. Die erste entscheidende Handlung des jungen Königs stand
bevor. Otto setzte den noch nicht dreißigjährigen Brun, seinen
Vetter, einen Sohn Herzog Ottos von Kärnten, auf den Stuhl
Petri. Ohne Rücksicht auf den römischen Grundsatz, daß der
Stadtbischof aus dem Stadtklerus zu nehmen sei, verfügte der
König über den römischen Stuhl, als wenn es sich um ein
deutsches Bistum handle. Brun war dabei trotz aller Bildung
in weltlichen Wissenschaften als eifriger Pfleger deutsch-asketischer
Frömmigkeit bekannt; auf Ottos Gebot betrat ein erster aske—
tischer Papst nach dem Zeitalter der Pornokratie, der erste
deutsche Papst zugleich, den gefährlichen Boden des Erbes Petri.
Anfang Mai 996 ward Brun als Gregororius V. in⸗
thronisiert; bald darauf setzte er, ein Urenkel Ottos des Großen,
dem königlichen Enkel des großen Sachsen die Kaiserkrone aufs
Haupt.

Zeigte die Wahl Bruns, daß der Kaiser nach einem ge—
fügigen Werkzeuge für seine Weltherrschaftspläne trachtete, so
ergaben die Ereignisse auf der Heimkehr nach Deutschland, daß
der Herrscher sich auch von den asketischen Gedanken hinreißen
und begeistern ließ. In Rom war Otto mit einem der eigen⸗
artigsten Vertreter der Askese in Verbindung getreten, mit dem
Fechen Adalbert. Aus vornehmem Hause, von herrlichem
        <pb n="254" />
        Ottonische Renaissance; Kirchenreform und Universalpolitik. 239

Wuchs und hohen Geistesgaben, lange Zeit ein lebensfroher
Kleriker, war Adalbert, eine nervöse, im höchsten Grade ein⸗
drucksfähige Natur, durch den Anblick der Todesstunden des
Prager Bischofs Thietmar plötzlich der Weltflucht gewonnen
worden. Zum Bischof von Prag gewählt, unzufrieden mit sich
und seiner Herde, war er ruhelos von Prag nach Italien, von
Italien nach Prag gewallt, voll des abgeschiedenen Wander—
dranges! der neuen Asketen. In Italien hatte er schließlich in
dem römischen Kloster auf dem Aventin Aufenthalt genommen.
Hier ward er feurigster Adept der italienischen Bußfrömmigkeit;
fanatisch hatte der Slawe schon bei seinem ersten Aufenthalt
den Geist des heiligen Nilus und seines Bruders Leo, des Abts
vom Aventine, in sich gesogen. Da scheuchte ihn der Aufent⸗
halt des Kaisers empor aus seiner Entsagung; sein Metropolit,
der Erzbischof Willigis von Mainz, forderte ihn für die Diöcese
Prag zurück. Adalbert gehorchte und folgte dem Zuge des
Kaisers über die Alpen: und nun fanden sich die Seelen des
slawischen Mönches und des deutschen Kaisers. Aufs engste
sebten beide miteinander in gemeinsamem Gebet und vereinter
Buße; selbst die Nacht trennte sie nicht; sie teilten das Lager
eines Zimmers. Es war eine von jenen schwärmerischen Freund⸗
schaften, die, länger gepflegt, an den Stößen des Lebens zer—
schellen, durch äußere Umstände früh abgebrochen, zu gegenseitig
verklärendem Gedenken führen.
In Mainz ward Adalbert durch ein Traumgesicht von der
Seite seines Freundes getrieben; er erblickte sich zum Märtyrer—
tode für Christi Blut bestimmt. So zog er zu den Polen und
von ihnen zu den heidnischen Pommern und Preußen. An der
Südküste des Samlandes ereilte ihn sein Geschick; von sieben
Lanzenstichen durchbohrt, fiel er 97, ein Opfer seiner Weltflucht,
kein Held praktischer Mission, für die ihm jede Begabung fehlte.
Bevor noch Adalbert dies Ende fand, das im höchsten
Grade geeignet war, die idealen Erinnerungen des Kaisers an
den verewigten Freund zu vergotten, hatte Otto III. eine ganz

Vgl. oben S. 209.
        <pb n="255" />
        240 Sechstes Buch. Drittes Kapitel.

anders geartete Person an sein Herz gezogen, die ihm, dem
Sohn der neuen deutschen Renaissance, den vollen Strom der
klassischen Bewegungen Frankreichs vermittelte: Gerbert von
Aurillaci. Gerbert stammte von niedrig gestellten Eltern her;
er hatte, im Kloster Aurillac durch feine Bildung zu Großem
vorbereitet, schon früh in seinen eminent französischen Eigen—
schaften Anerkennung gefunden: in der Klarheit und dem
Schwung seiner Rede, in der besonderen Anlage für mathe—
matisch- astronomische Studien, in der weltmännisch-glatten
Verarbeitung der antiken Bildungselemente. Nicht lange litt's
ihn im Kloster; fern war er aller Weltflucht; schon früh in
Spanien, in Rom und am Hofe der Ottonen, verweilte er seit
etwa dem Jahre 970 ein Jahrzehnt lang in Reims, jenem
Mittelpunkte der französischen Renaissance, an der dortigen
Domschule lehrend und lernend. Später bis zum Reimser
Erzbischof aufsteigend, ward er tief in die inneren Wirren des
westfränkischen Reiches verstrickt; sie führten allgemach zu einem
offenen Zwist der nordfränkischen Bischofsrenaissance mit der
asketischen Reformpartei der Cluniacenser und dem durch
Gregor V. vertretenen Papsttum. Aus ihnen heraus flüchtete
sich Gerbert Anfang des Jahres 997 zu Kaiser Otto nach
Deutschland.
Mit Gerberts Ankunft ward eine Fülle von Idealen in
der Brust des kaiserlichen Jünglings bestärkt; aus den
Schmeicheleien des zudringlichen Humanisten stieg vor seinem
herauschten Selbstbewußtsein die kaiserliche Herrlichkeit des
alten Roms übertrieben empor. Die asketische Reform der
Kirche im Sinne Adalberts durch das Kaisertum, das Kaiser—
tum nach den Worten Gerberts Weltmacht ob allen Staaten
Europas: eine universale Gewalt in seinen Händen, eine uni—
versale Kirchenreform unter ihr und durch sie: das erschien
Otto als einzig würdige Aufgabe seiner Regierung.
So verkannte er die nahen Gefahren der königlichen Re—

Gerbert ist allerdings schon 970, 980, 994 an den Hof Ottos ge⸗—
tommen (Uhlirz, Jahrb. unter O. II. [1902] S. 24. 189 f.), größeren Ein⸗
luß aber gewann er erst später.
        <pb n="256" />
        Ottonische Renaissance; Kirchenreform und Universalpolitik. 241

gierung in Deutschland, sah nichts von Cechen und Elbslawen,
von Dänen und Westfranken und zog seinem Ideale nach, nach
Italien.
Von hier aus hatte inzwischen Papst Gregor V. gezeigt,
daß er die universale Gewalt seines Amtes keineswegs im Sinne
einer Unterordnung unter den Kaiser verstand: in Frankreich,
wie Deutschland, wie Italien hatte er fest durchgegriffen, ein
nicht unwürdiger Vorgänger Gregors VII. Es war ihm in
Rom schlecht gelohnt worden. Er war unverstanden geblieben;
schließlich hatte man ihn 996 verjagt. Nun erschien Otto;
ein entsetzliches Strafgericht entlud sich über der ewigen Stadt:
Gregor ward zurückgeführt; doch starb er vorzeitig, im Anfang
des Jahres 999.
Otto hatte inzwischen von neuem Berührung mit der
italienischen Askese gesucht, während ihm die Richtung des
centralisierten Cluny, obwohl er sich für die italienischen Kloster—
reformen des cluniacensischen Abtes Odilo erwärmte, nach wie
vor fern blieb. Die wunderbaren Gestalten der italienischen
Büßer zogen ihn mächtig an; er wanderte zu Fuß, ein ein—
facher Pilger, über Monte Cassino und Benevent zum einsamen
Michaelskloster auf dem Monte Gargano; er besuchte den
heiligen Nilus zu Gaeta; in Rom unternahm er Bußübungen
in einer Höhle neben der Kirche des heiligen Clemens; später
lebte er in Subiaco, dem Ort des heiligen Benediktus. Aber
nicht dem Vater des Mönchtums galt sein erstes Gedenken;
vor ihm schwebte traumhaft die Gestalt des früh vollendeten
kechischen Freundes; hier wie in Rom, wie bei Ravenna und
später in Achen ließ er Adalbertskirchen errichten. So genoß
er das asketische Leben mit der plastischen Anempfindung des
Künstlers; erläßt er doch Urkunden unter dem Ortsdatum der
Klosterpfalz und redet von sich selbst, dem erhabenen Kaiser,
als dem Knechte Jesu oder dem Knecht der Apostel.
Aber mit dem asketischen Ideal verschmolz sich für ihn,
ein Erbteil der deutschen Renaissance, eine Errungenschaft des
Umganges mit Gerbert, das eäsarische. Noch bei Lebzeiten
Gregors V. hatte er die Beförderung Gerberts zum Erzbischof
Lamprecht, Deutsche Geschichte II. 16
        <pb n="257" />
        242 Sechstes Buch. Drittes Kapitel.

bon Ravenna durchgesetzt, obgleich diese Würde nicht frei war;
jetzt, Anfang April 999, bestimmte er ihn aus kaiserlicher
Machtvollkommenheit zum Papst. Gerbert nannte sich als
Papst Silvester II., wohl in Erinnerung an jenen ersten
Silvester, der nach der Meinung der Zeitgenossen das Patri—
monium Petri, wenn nicht viel größere Teile des westlichen
Imperiums aus den Händen Kaiser Konstantins schenkweise
empfangen hatte.
Der Kaiser aber lebte in durchaus universellen Träumen
und Plänen; seinem Reich sollte die Kirche sich einordnen; die
Grenzen des Imperiums sollten reichen, soweit zum Christen⸗
gotte gebetet ward. Weit hinter ihm lagen die Sorgen seines
Ahnen Heinrich, die Mühen seines ottonischen Vaters und
Großvaters; in reinen Zügen wollte er genießen, beleben, er—
weitern, was jene erbaut und befestigt hatten. Seinen Ge—
danken galt Deutschland nur noch als barbarische Provinz des
Weltreichs; das Imperium konnte seine Formen nur in An⸗
lehnung an Altrom und Byzanz entwickeln; die Heimat des
Kaisertums und seines Trägers mußte Rom werden, die Stadt
der universalkirchlichen Gegenwart, der universalweltlichen Ver—
zangenheit.
So nahm Otto mehr als je ein deutscher Herrscher vor
und nach ihm die absolute Gewalt über die ewige Stadt und
ihre Umgebung in Anspruch; eine neue kaiserliche Municipal—
verwaltung ward geschaffen und die alleinige Anwendung des
Justinianischen Codex in Aussicht genommen. Diese Maßregeln
wiederholten sich, ins Große gezogen, für das Gesamtreich.
Nach dem Tode des Bischofs Hildibald von Worms ward
Heribert, bald Erzbischof von Köln, der Archilogothet, Kanzler
zuerst für Italien, dann auch für Deutschland; unter ihm
arbeiteten meist Notare italienischer Geburt und kaiserlichen
Rechtes. In der Nähe der kaiserlichen Person verschmolzen die
Abstufungen der Beamtenwelt des byzantinischen, des römischen
und des germanischen Hoflebens in verschwenderischer Ver—
wirrung; neben den deutschen Herzog trat der kaiserliche
        <pb n="258" />
        Ottonische Renaissance; Kirchenreform und Universalpolitik. 243

magister militiae; es gab Logotheten und Vestiarii; es diente
ꝛein Protospathar und ein Primiscriniarius.
Über diese Wunderlichkeiten hinaus machte der Kaiser Ernst
mnit der Universalpolitik in seinem Sinne. Für sie fiel die Ver—
breitung des christlichen Gottesreiches mit der Erweiterung der
kaiserlichen Herrschaft zusammen. So ward Otto ein glühender
Freund der Mission. Während der Papst die Magyaren dem
hristlichen Imperium zu gewinnen suchte, in Wahrheit freilich
durch Verleihung der Königskrone an den Magyarenfürsten
Stephan den tiefsten Grund zur Trennung des Volkes von der
deutschen Oberherrschaft legte, zog der Kaiser dem Andenken
seines Freundes Adalbert nach; in friedlichem Zuge wallte er
mitten im Winter nach Gnesen, zu seinem Grabe, und setzte
hier, nicht minder gegen die Interessen der deutschen Nation,
Haudentius, Adalberts Halbbruder, zum ersten Erzbischof unter
den östlichen Slawen ein, mit Suffraganen in Kolberg, Breslau
und Krakau. Es sind Orte, die alle drei in Ländern lagen,
die jüngst von Polen erobert worden waren; und in allen dreien
hatte der heilige Adalbert gewirkt. Dann zog er mojestätisch
nach Achen; in gefühlvoller Sehnsucht stieg er zu den Gebeinen
des großen Kaisers Karl hinab, wohl nicht ohne den Wahn,
daß ihm Größeres als dem ruhmgekrönten Karlingen gelungen.
Und in der That: Außerordentliches schien um die Wende des
Jahrtausends erreicht. Die östlichen Völker waren dem uni⸗
versalen Gottesstaat einverleibt, bald sollte der Papst ein
Thüringer Kind, den heiligen Bruno, einen Seitenverwandten
des ottonischen Hauses und Schüler des heiligen Romuald, zum
erzbischöflichen Missionar der Heiden jenseits der Polen und
CTechen weihen; im Westen herrschte Ruhe unter den Franzosen,
und jenseits ihres Reiches hatte der Graf von Barcelona dem
Imperium gehuldigt; im Süden schienen die unteritalischen
Schwierigkeiten unbedeutend, und Silvester soll sich, als erster
aller Päpste, mit dem Gedanken einer christlichen Kreuzfahrt zu
den heiligen Stätten des Orients getragen haben.
Unter diesen Umständen litt es Otto nicht in der Heimat.
16*
        <pb n="259" />
        244

Sechstes Buch. Drittes Kapitel.

Er strebte nach Rom, das Reich zu vollenden. Ein furchtbares
Schicksal wartete seiner.
Im langobardischen Unteritalien waren längst Wirren aus—
zebrochen; ohne schwere Folgen waren sie nur geblieben, weil
auch Sarazenen und Griechen unter sich uneins waren. Jetzt,
seit 991, sammelte sich der Islam von neuem, bald darauf
auch Byzanz; die langobardische Empörung gegen das Reich
dehnte sich nach Norden zu aus, und der sanguinischen Gewalt⸗
thätigkeit des Kaisers gelang es nicht, sie in gütlichem Aus—
trag zu beschwichtigen. Ehe der Kaiser sich dessen versah, schlug
der Aufstand in die Campagna, nach Rom über. Otto ward
in seiner Pfalz auf dem Aventin drei Tage lang belagert:
am 16. Februar 1001 mußte er heimlich aus Rom, der gol—
denen Hauptstadt des Imperiums, flüchten.
Nun stürzte er sich mit fast übermenschlicher Hast auf die
Regelung der lang vernachläsfigten unteritalischen Dinge. Er
ging nach Ravenna, ein deutsches Heer zu erwarten; er sandte
den Mailänder Erzbischof zur Brautwerbung nach Byzanz, zur
Verbindung der christlichen Weltreiche gegen den Islam; er
uchte in abenteuerlicher Geheimfahrt nach Venedig die kriegerische
Meereshilfe der Stadt.
So ganz Feuer und Thätigkeit, erfährt er von Schwierig—
keiten in Deutschland: die nationale und deutschkirchliche Partei
unter Erzbischof Willigis von Mainz sinnt auf Verschwörung;
langsam, lückenhaft erscheint der deutsche Heerbann in Italien.
Auch Rom, die teure Stadt, dankt dem Kaiser nicht die un—
endlichen Wohlthaten; als er nach Süden eilt, begegnen ihm
die Bürger mit Trotz und Verachtung.
Diese Schläge brachen das Herz des leidenschaftlichen,
hochgesinnten Jünglings: Im Begriff, den Kampf mit Rom
aufzunehmen, ist er am 24. Januar 1002 zu Castel Paterno
auf dem Soracte verschieden.
Und nun stand Rom auf; in Vergessenheit starb Papst
Silvester sechzehn Monate nach seinem kaiserlichen Herrn und
Genossen; ganz Italien rüstete gegen die deutsche Herrschaft.
Deutsche Mannen aber trugen mitten durch die Drohungen des
Aufstandes den Leichnam des letzten Ottonen sichern Schrittes
        <pb n="260" />
        Ottonische Renaissance; Kirchenreform und Universalpolitik. 245

und in Treuen fest zur Heimat nach Achen, in die barbarische
Hauptstadt des Weltreichs. —
Dem deutschen Geschichtsschreiber mag es schwerer fallen, als
andern, Otto III. gerecht zu werden; er ist der einzige deutsche
Kaiser, der sich seiner Nationalität geschämt hat!. Nur von
kosmopolitischer Höhe aus wird man sein Wirken, seinen Charakter
begreifen.
Vater und Großvater hatten das deutsche Reich zum Uni—
versalstaat zu erweitern gewußt; ihr Weg war dabei der des
äußeren Kampfes gegen Langobarden, Griechen und Sarazenen
zgewesen. Weder Otto J. noch Otto I. hatten auf diesem Wege
das in der Natur der Dinge gegebene notwendige Ziel, den
vollen Besitz Unteritaliens, erreicht.
Otto II. versuchte diese Politik zu verlassen. Er ging
von den inzwischen mächtig geschwollenen geistigen Strömungen
Europas aus, die er ganz kannte, und deren wichtigste er voll
in sich aufnahm. Indem er das Kaisertum in deren Dienst
dellte, glaubte er, das Papsttum beherrschen zu können. So
angesehen, hatten die unteritalischen Dinge nur nebensächliche
Bedeutung.

Das Unglück Ottos war, daß die geistigen Strömungen,
deren Gewalt er an sich selbst erfuhr, so vor allem die der
neuen Renaissance, in ihrem Kerne keineswegs nationalen,
deutschen Charakters waren. Indem er sie erfaßte, entfremdete
er sich der Nation, der er angehörte, aus deren kriegerischer
Kraft das Imperium bisher alle Bedingungen seines Bestandes
hergeleitet hatte. So versagte diese Kraft im entscheidenden
Augenblick, und Otto III. ging zu Grunde.
Handelte die Nation mit richtigem Instinkt, als sie den
Universalherrscher fallen ließ? Man kann geneigt sein, die Frage
zu bejahen. Nicht vom deutschen, nur vom römischen, italienischen
Centrum her war ein wahrhaftes Universalreich des Mittel—

1 Gerberti ep. Nr. 207. Von Gerbert wird Otto III. ep. Nr. 209
genere Graecus, imperio Romanus genannt.
        <pb n="261" />
        246 Se“chstes Buch. Drittes Kapitel.

alters zu leiten; die Päpste seit Gregor VII., die Kaiser seit
Heinrich VI. haben es wohl begriffen. Ein von Deutschland
aus beherrschtes Reich konnte nur mitteleuropäisch sein, ein
römisches Reich deutscher Nation, bestehend aus Deutschland,
Burgund und Italien. Nur ein solches Reich, und ein solches
allerdings, lag auch im deutsch-nationalen Interesse: in der
größten Zeit unseres Kaisertums, von Heinrich II., Konrad II.
und Heinrich II. ward es gegründet.
        <pb n="262" />
        Viertes Kapitel.

Ausbau des römischen Reiches
deutscher Nation.

Es sind uns Formeln für die Königskrönung aus ottonischer
Zeit erhalten, die neben der Königswahl mindestens gleich stark
die Erblichkeit der Krone voraussetzen: dem König soll bei der
Weihe die Frage vorgelegt werden, ob er nach seiner Väter
Vorbild das Reich gerecht zu regieren gewillt sei; es wird
Gottes Segen auf ihn herabgefleht, auf daß neue Geschlechter
von Königen aus seinen Lenden hervorgehen mögen zur Herr⸗
schaft über das Reich.
Jetzt war mit dem Tode Ottos III. der Mannesstamm
Dttos des Großen erloschen. Übrig waren von Männern des
Liudolfingischen Hauses nur noch Herzog Heinrich von Baiern,
ein Urenkel König Heinrichs des Ersten in unmittelbarer Ab⸗
stammung, und Herzog Otto von Kärnten, ein Enkel Ottos des
Großen aus weiblicher Linie. Die Grundsätze des Erbrechts
wiesen damit auf Herzog Heinrich als den zum Throne nächst
Berechtigten. Doch entbehrte Heinrich der Designation durch den
verstorbenen Herrscher, der sich alle Könige seit Heinrich J.
erfreut hatten.
Heinrich trat alsbald als berechtigter Nachfolger auf. Er
folgte der Leiche des jungen Kaisers schützend vom Süden des
Reiches her; er setzte sich in die Gewalt der Reichsinsignien und
damit in den Besitz einer symbolischen Legitimation zur Herrschaft.
        <pb n="263" />
        248

Sechstes Buch. Viertes Kapitel.

Dies eigenmächtige Vorgehen erregte den Widerwillen der
Großen wie der Stämme. In Süddeutschland verkörperte sich
der Widerstand in Schwaben, dem einzigen Stammesgebiete
neben dem Heinrich getreuen Baiern; doch das naturgemäße
Haupt dieser Bewegung, der schwäbische Herzog Hermann, spielte
die ihm zufallende Rolle eines Prätendenten mit wenig Geschick
und Freude.
Anders in Norddeutschland, vornehmlich in Sachsen. Hier
betrachtete man den Liudolfingen Heinrich längst als Baiern;
mit dem Tode Ottos III., mit dem Auftreten des Baiernherzogs
als Nachfolger glaubte sich daher der Sachsenstamm die Krone
oom Haupt gerissen. Und noch hatte er dem Reiche bisher
kaum anders Sympathieen entgegengebracht denn als führende
Stammesmacht; noch war er in der allgemeinen Entwickelung
seines materiellen wie geistigen Lebens keineswegs voll in die
Linie der sonstigen deutschen Kultur eingerückt, trotz aller Be⸗
strebungen der Ottonen; noch galt in seinem Bereich ungebrochen
ein uraltes Volksrecht, dessen Bestimmungen anderen deutschen
Stämmen gestatteten, es als lex crudelissima zu bezeichnen!).
Die politische Lage des Augenblicks wie der Stand ihrer Kultur
konnten es den Sachsen daher gleich nahe legen, sich dem Reiche
durch Begründung einer selbständigen Entwickelung von neuem
zu entziehen.
Und schon fand sich im Markgrafen Eckart von Meißen
ein begabter und angesehener Prätendent des Nordostens. Er
hatte sich in den Kriegen gegen die Slawen die größten Ver—
dienste erworben; weit durch Thüringen zerstreut lag sein Allod;
nicht umsonst hatten ihn die Großen des Landes zum Thüringer—
herzog gewählt. Unter diesen Umständen war es ein Glück für
die Einheit des Reiches, daß Markgraf Eckart den Sachsen als
Thüringer minder genehm schien. Sie zauderten, und dieser
Augenblick des Schwankens genügte, um diejenigen Elemente
in Sachsen zur Gegenwirkung zu bringen, die aus egoistischen
oder allgemeinen Gründen den Gedanken der Reichseinheit
vertraten. Einzelne Bischöfe traten für Heinrich ein, nicht
Wipo. Gesta Ohuonradi imp. c. 6 S. 22.
        <pb n="264" />
        Ausbau des römischen Reiches deutscher Nation. 249

minder die ottonischen Frauen in Sachsen, Sophie und Adel—
— —
dieser Chor durch einen mächtigen weltlichen Großen, den
Grafen Lothar von der Nordmark. Es war eine Verbindung,
genügend, die Sache Eckarts, des Thüringers, in Sachsen zu
vereiteln.
Als Eckart die nächste Zukunft im Nordosten bedroht
sah, suchte er das Einverständnis des süddeutschen Prätendenten,
Hermanns von Schwaben, für dessen Person sich inzwischen die
stets unzuverlässigen Niederlothringer geregt hatten. Zu diesem
Zweck wollte er mit Hermann in Duisburg zusammentreffen.
Allein Hermann lehnte von Anbeginn jede Verbindung ab; die
Nachricht davon erhielt Eckart schon auf der Fahrt nach Westen,
in Paderborn. Nun kehrte er rasch nach Thüringen um. Da
fand, auf dem Heimweg, seine verlorene Sache in dem Kloster
Pöhlde, im Süden des Harzes, ein verlorenes Ende. Als er
hier übernachtete, drangen einige Edle, in privater Rache gegen
ihn verschworen, in sein Schlafgemach; er ward ermordet und
seine Leiche beraubt und verstümmelt: am 30. April 1002.
Jetzt war für Heinrich nur noch ein wenig furchtbarer
Begner vorhanden, Hermann von Schwaben. Gegen ihn zog
er zum Rhein, überschritt den Strom bei Worms und
setzte sich dadurch in Verbindung mit dem Erzbischof Willigis
von Mainz, dem Primas des Reiches, der von Anfang an für
die Einheit der Nation und für Heinrich gewirkt hatte. Willigis
setzte jetzt das ganze Schwergewicht seiner Anerkennung für
Heinrich ein; nachdem Heinrich zuvor von bairischen, fränkischen
und oberlothringischen Großen gewählt war, ward er darauf.
freilich in Mainz statt in Achen und vom Mainzer Erzbischof,
dem dies Recht seit dem Jahre 975 zustand, festlich gesalbt
und gekrönt.
Nach dem feierlichen Akte aber galt es vor allem, Hermann
von Schwaben zur Huldigung zu zwingen und die Sachsen und
Thüringer der neuen Herrschaft geneigt zu machen.
Die erste, leichtere Aufgabe überließ Heinrich seinen Ge—
treuen: er selbst wandte sich nach dem Nordosten des Reiches.
        <pb n="265" />
        250 Sechstes Buch. Viertes Kapitel.

Er gewann die Thüringer durch Erlassung eines alten, seit
Merowingischen Tagen von ihnen geforderten Schweinezinses;
dann hielt er einen auch von den sächsischen Großen besuchten
Tag zu Merseburg: am 24. Juli 1002. Es war die ent⸗
scheidende Stunde für die Begründung des neuen Königtums.
Beschlossen, ihren Herzog Bernhard an der Spitze, traten die
Sachsengroßen dem König gegenüber; diplomatisch verhandelten
sie mit ihm als Macht zu Macht. Das Endergebnis war, daß
Heinrich ihnen das Recht eines vielfach eigenartigen sächsischen
Sonderdaseins im Reiche zugestand!, wofür er ihre Huldigung
empfing und mit ihr zugleich das wichtige Reichskleinod der
heiligen Lanze. Es war ein Vertrag analog etwa denjenigen
Heinrichs J. mit den süddeutschen Herzögen, vor allem mit
Arnulf von Baiern?. Wie im Beginn des 10. Jahrhunderts
die Reichseinheit, in ihrer persönlichen Spitze bei den Sachsen
beruhend, nur hergestellt werden konnte durch weitgehendes
Entgegenkommen gegenüber Schwaben und vornehmlich Baiern,
so war nun, ein Jahrhundert später, umgekehrt die Über⸗
tragung der führenden Stellung an Baiern nur möglich unter
entfprechenden Konzessionen im Norden. Nach innen waren
auch jetzt noch, trotz hundertjähriger Einheit, die Stämme die
konstiluierenden Körper des Reiches. Wandelte jetzt aber Hein⸗
rich II. die alte Konstellation der Stammesgewalten in eine
neue ab, in der Süddeutschland je länger je mehr in den
Vordergrund trat, so läßt sich eine Schwierigkeit der veränderten
Lage nicht verkennen. Durch ihre Beziehungen zum Papsttum
und zu Italien waren die Ottonen immer wieder auf den
Süden des Reiches, das Durchgangsland der italischen Züge,
hingewiesen worden; nie hatten sie Baiern und Schwaben aus
den Augen verloren. Ward von jest ab die Herrschaft der

mMan hat das vielfach übertrieben. Von einer Anerkennung des
sächsischen Erbrechts durch Heinrich wird man z. B. nicht reden können:
Waitz ? VI S. 183 A. 1. Ranke, Weltgesch. VII 95 erinnert gar an die
Magna Charta. Vgl. Hauck III 390 A. 1, der vor Übertreibungen warnt.
2 S. oben S. 1236f.
        <pb n="266" />
        Ausbau des römischen Reiches deutscher Nation. 251

deutschen Könige im wesentlichen auf die süddeutschen Stämme
begründet, so lag eine analoge Nötigung, sich den Stämmen
des Nordens, den Sachsen wie den Niederlothringern, zu nähern,
für den künftigen Herrscher in nicht mehr so dringlicher Weise
vor. Die Gefahr begann zu drohen, daß die nördlichen Stämme
die Wege eigener Entwickelung gehen würden. Diese Gefahr
hatte sich sogar schon unter den Ottonen für die nördlichsten
Friesen zwischen Weser und Zuidersee gezeigt; jetzt nahm sie
nur zu rasch überhand und führte schon im 11. Jahrhundert
zur halben Entfremdung der Sachsen, zur fast völligen Los⸗
lösung der nördlichsten Lothringer vom Reiche.
Wie Heinrich nun die Sachsen zu fesseln gesucht hatte, so
hat er fast seine ganze Regierungszeit hindurch um die Auf—⸗
rechterhaltung des königlichen Einflusses in Lothringen und vor⸗
nehmlich im Norden des Landes gekämpft. Auch jetzt schon,
nach dem Tage zu Merseburg, lag ihm daran, neben der bald
erreichten Unterwerfung Hermanns von Schwaben vor allem
die Lothringer zu gewinnen. Er berief dazu mit Erfolg einen
Tag der Großen nach Achen; hier ließ er sich nochmals all—
seitig huldigen: in regem collaudatur, in sedem regiam
moreé antecessorum suorum exaltatur et magniscatur?.
Das neue Königtum Heinrichs war damit begründet. Aber
es war — von der Herrschaft über die Bistümer abgesehen —
weit davon entfernt, dem Königtum der guten ottonischen Zeit
noch völlig zu gleichen. Nur mit großen Opfern der Central⸗
zewalt war die Einheit des Reiches wieder gesichert worden:
diele Konsequenzen, welche die der monarchischen Gewalt un⸗
günstige Entwicklung unter den letzten Ottonen nahezulegen
—DV nehmen müssen. Die
Stämme waren freier gestellt als bisher; die Großen hatten
hren Treuschwur nicht geleistet ohne königliche Gegengaben
reichlichster Belehnung; in halbem Bittgang durch das Reich
hatte der König die neue Einheit erwirken müssen.
Es versteht sich, daß, entsprechend diesen Anfängen, die

Thietm. 5, 20 S. 119.
        <pb n="267" />
        252 Sechstes Buch. Viertes Kapitel.

Gewalt des Königs, obgleich bei weitem größer als diejenige
Heinrichs J., doch immerhin begrenzter blieb als die Ottos
des Großen. Die Erblichkeit der kleineren Lehen, schon in früh—
ottonischer Zeit bekannt, begann jetzt auch für die großen Lehen,
Grafschaften, Markgrafschaften und Herzogtümer einzudringen:
überall folgten die Söhne den Vätern unter Ausschluß jeder
mehr als formalen Einwirkung der Reichsgewalt.
Heinrich II., so zäh, klug, energisch er war!, vermochte die
königliche Gewalt diesen Einwirkungen nicht mehr ganz zu ent⸗
ziehen. Zu seiner Zeit spielte darum auch der Rat der Großen
bielleicht schon eine andere Rolle als bisher; die Fürsten- und
Reichstage mehrten sich. Nun verstand es zwar Heinrich fast
stets, seinem Worte Gehör, seinem Willen Lauf zu verschaffen:
aber gleichwohl wuchsen die Fürsten allmählich in eine selb—
ständige Stellung hinein.
Da begreift es sich, wenn Heinrich fast nie während seiner
Regierung völlige Ruhe im Reiche schaffen konnte. Immer
wieder zeigten sich Mittelpunkte der Unbotmäßigkeit Großer,
so in Baiern, am Rhein, in Lothringen; und vor allem waren
es die weitverzweigten Verwandten der Königin aus luxem—
burgischem Geschlecht, die, noch befangen in der volkstümlichen
Anschauung von der gemeinen familienrechtlichen Gliederung
des königlichen Hauses, für sich Vorteile besonderer Art von
der Krone erwarteten und, in dieser Erwartung getäuscht, auf⸗
rührerisch zu erringen suchten. Brachten diese Kämpfe im all⸗
gemeinen mehr Unruhe als dauernden Schaden, so haben sie
doch am Niederrhein immerhin zur fast völligen Losreißung der
südlichen Friesen, der heutigen Holländer, vom Reiche geführt.
Heinrich II. konnte gegenüber diesen centrifugalen Richtungen
bei dem Mangel jeder regelmäßigen Vollstreckungsgewalt die
Einheit des Reiches nur noch durch das Einsetzen der eigenen
Persönlichkeit und der altangesehenen moralischen Autorität
des Königtums wahren. Von diesem Standpunkt aus hat er
namentlich im Beginn seiner Regierung zu wirken gesucht, in—

S. unten S. 289 f.
        <pb n="268" />
        Ausbau des römischen Reiches deutscher Nation. 253

dem er vor allem in Süddeutschland als persönlicher Verkünder
staatlichen Friedens auftrat. So hielt er im Sommer des
Jahres 1004 einen Tag in Zürich ab zum Schutze des Friedens;
später hat er, wohl wiederholt, den schwäbischen und auch den
sächsischen Adel Frieden schwören lassen, soweit er in gegen—
seitige Befehdung zu geraten drohte. Es sind vereinzelte Maß—
regeln, durch die hie und da der König den Frieden herstellt
und mit feierlichem Eide von neuem bekräftigen läßt. Mit
den sich auf alle ausnahmslos erstreckenden Landfriedens⸗
bestrebungen einer späteren Zeit, besonders Heinrichs IV.,
lassen sie sich noch in keiner Weise vergleichen. Heinrich II.
hat ferner jene Fürsorge für die niedrigen und die in sozialem
Aufsteigen befindlichen Stände begründet, die seine salischen
Nachfolger mit weiterem Erfolge aufnahmen. Indem Ver—
ordnungen den Verkauf höriger Leute an Juden und Heiden
verboten, indem sie dem hoffnungsreichen Stande der Dienst—
mannen, der eben damals in Bildung begriffen war, eine festere
rechtliche Stellung anwiesen, eröffneten sie eine wahrhaft
königliche Politik des Schutzes und der Stärkung der sozial
Schwächeren.
Aber hier, wie auf anderen Gebieten, zeigen sich unter
Heinrich II. nur Anfänge. Es sind tastende, wenn auch von
richtigem politischem Urteil getragene Versuche zu einer erneuten
inneren Festigung des Reiches. Weit überholt werden sie unter
dem Nachfolger Heinrichs, Konrad II. Denn ähnlich wie der
cholerische Otto der Große dem vorsichtigen Heinrich J. so
folgte der herrisch zugreifende erste Salier dem frommen und
guten Könige Heinrich II., dem letzten des liudolfingischen
Geschlechtes.

II.

Nach Heinrichs Tode stand das Reich verwaist da; nur
noch Urenkel Ottos des Großen aus weiblichem Stamme waren
borhanden, der ältere und der jüngere Konrad, der erste aus
einer älteren, der zweite aus einer jüngeren Linie, die auf Kon⸗
rad den Roten, den fränkischen Konradiner und lothringischen
        <pb n="269" />
        254

Sechstes Buch. Viertes Kapitel.

Herzog, zurückleiteten. Gleichwohl zog die Nation auch diese
entfernte Verwandtschaft noch für die Nachfolge in Betracht;
dabei war von einer Designation durch den letzten Kaiser
keine Rede.
Näher zur Krone erschien unter diesem Gesichtspunkt der
ziltere Konrad. Indes, er hatte mit dem dahingegangenen
Kaiser zeitweis in offenem Zwist gelebt, nachdem dieser das
Herzogtum Kärnten der Konradinischen Familie entzogen und
dem edlen Adalbero verliehen hatte. Zudem erfreute er sich
aur mäßiger Bildung, und die Kirche trug ihm nach, daß er
Gisela, die Witwe Herzog Ernsts von Schwaben, geheiratet
hatte, obwohl sie in einem Grade mit ihm verwandt war, der
kanonische Bedenken erregte. Und so schien es denn Anlaß
genug zu geben, dem älteren Konrad den jüngeren vorzuziehen.
Indes, während des Schwankens der maßgebenden Wähler
im Centrum des Reiches bezeigten Lothringer und Sachsen, die
nordischen Stämme, nicht übel Lust, sich überhaupt zurück⸗
zuziehen oder doch für sich zu verfahren, und so konnte die rasche
Ansetzung eines allgemeinen Wahltages in Camba bei Oppenheim
auf Anfang September 1024, auch bei ungeklärter Kandidatur,
immerhin als ein Anfang glücklicher Lösung betrachtet werden.
In Camba aber wurde, teilweise unter Abwesenheit der
Lothringer und Sachsen, nach vorhergegangenem Verzicht des
jüngeren Konrad, Konrad der Altere gewählt. Am 8. September
wurde dieser dann vom Erzbischofe Aribo in Mainz gekrönt.
Die Wahl selbst ist schon der erste persönliche Triumph
des neuen Königs. Indem er sich vorher mit seinem Vetter
und Rivalen, dem jüngeren Konrad, verständigte, machte er
seine Kandidatur zur einzig denkbaren, bewies er zum erstenmal
jenes außerordentliche diplomatische Geschick, dessen Besitz für
einen deutschen König des 11. Jahrhunderts weitaus wichtiger
war als politische Einsicht im engeren Sinne.
Nach der Wahl galt es, Lothringer und Sachsen zu ge—
winnen. Es geschah überraschend schnell und gründlich. Den
Lothringern gegenüber half sich Konrad mit der einmaligen
und persönlichen Maßregel, seine Gemahlin, deren Krönung der
        <pb n="270" />
        Ausbau des römischen Reiches deutscher Nation. 255

Mainzer Erzbischof aus Rücksicht auf seine bischöfliche Dis—
riplinargewalt verweigert hatte, vom Kölner Oberhirten krönen
und weihen zu lassen; kein Recht des Reiches hat er dem
Stamme und seinen Großen geopfert. In Sachsen gewann er
die Gemüter durch loyale Anerkennung des unter Heinrich II.
geschaffenen Zustandes; darüber hinaus zog er von den Slawen
rechts der Elbe anscheinend längst vergessene Tribute ein.
Kaum mehr als ein Vierteljahr hatte Konrad bedurft,
um den durch Heinrich II. begründeten Zustand des Reiches als
die Grundlage auch seiner Regierung zu gewinnen; seit Beginn
des Jahres 1025 vermochte er weiter zu schreiten. Er ging
nach dem Süden; in Augsburg verweigerte er allem Anschein
nach Konrad dem Jüngeren die Erfüllung der Bedingungen,
darunter dieser auf die Wahl verzichtet hatte; in Regensburg
demütigte er zum ersten Male Adalbero, den ihm als angeblichen
Räuber des Herzogtums Kärnten verhaßten Herzog, indem er
seinen Machtbereich um eine neubegründete Mark zwischen Sau
und Drau verkürzte.
Es war klar, wessen man sich von diesem Herrscher zu ver⸗
sehen hatte. Scharf und streng, sparsam und zusammenhaltend,
bon unversöhnlichem Haß gegen seine Feinde, allen gegenüber
von furchtbarer Leidenschaftlichkeit, rücksichtslos seinen Zielen
zustrebend, aber nur selten über die Grenzen des Rechtes hinaus,
schien Konrad ganz der Mann, auf den mühsam gewonnenen
Grundlagen Heinrichs II. die Selbstherrschaft Ottos des
Großen von neuem zu errichten.
Und schon zog es den König von dem beruhigten Deutschland
 hinweg nach Italien. Auch hier dieselben Mittel, derselbe
Erfolg. Im Februar 1026 trat das Reichsheer in Augsburg
zusammen; vor dem Zuge über die Alpen hatten die Großen
die soeben vorgenommene Designation Heinrichs, des unmündigen
Sohnes Konrads, zum König und Reichverweser zu genehmigen.
Dann ging es über die schneeverwehten Pfade des Hochgebirgs
hinab nach der brandenden Lombardei. In strengen Heeres⸗
zügen beruhigte Konrad das Land; fast nie hat ein deutscher
König jenseits der Berge geherrscht, wie er. Dann empfing
        <pb n="271" />
        256

Sechstes Buch. Viertes Kapitel.

er, zum Osterfest des Jahres 1027, in Gegenwart des Groß—
königs Kanut von England und Dänemark und des Königs
Rudolf von Burgund zu Rom die kaiserliche Krone: alles schien
diesem furchtbaren Willen zu gelingen.
Aber alsbald zeigten sich ungeahnte Schwierigkeiten. Es
wird später zu berichten sein!, inwiefern es König Heinrich II.
verstanden hatte, persönlichen Anspruch auf die Nachfolge im
Königreich Burgund nach dem bald zu erwartenden Tode des
letzten burgundischen Herrschers Rudolf zu erwerben. Diesen
Anspruch aufzugeben, war nicht nach Konrads Art; er be—
hauptete seine Gültigkeit nicht nur für Heinrich II. privat⸗
rechtlich, sondern staatsrechtlich auch für das Reich und somit
auch für sich, als den Nachfolger Heinrichs. Schon im Jahre
1025 übte er von Basel her Hoheitsrechte aus. Dem traten
nun familienrechtlich begründete Ansprüche der nächsten Ver—
wandten des Königs entgegen: sein Stiefsohn Ernst, Herzog
von Schwaben, konnte ein Erbfolgerecht als Urenkel des letzten
hurgundischen Königs, wenn auch nur aus weiblicher Ablkunft,
herleiten; ähnliche Rechte standen Konrad dem Jüngeren und
dem Herzog Friedrich von Oberlothringen zur Seite. Und schon
—
Freunden und Unzufriedenen im Reich, Ernst von Schwaben
bei dem mächtigen Grafen Welf im Oberland, Friedrich von
Oberlothringen bei dem Herzog Gozelo von Niederlothringen. Es
waren die Vorbereitungen einer Koalition, die für den Kaiser
um so bedrohlicher werden konnte, als Herzog Odo von der
Champagne ebenfalls Ansprüche auf Burgund machte.
Da kam es vorfrüh zum Ausbruch offenen Zwistes noch
während der Abwesenheit Konrads in Italien. Graf Welf,
dielleicht unzufrieden mit der teilweis gelungenen Vertuschung
der Gegensätze durch König Konrad, brach auf eigene Faust
los, belagerte, eroberte und plünderte 1026 Augsburg und
schlug die Thätigkeit der Reichsverweserschaft beinah völlig
darnieder. Der König, in Italien noch nicht abkömmlich,

S. unten S. 276f.
        <pb n="272" />
        Ausbau des römischen Reiches deutscher Nation. 257

sandte darauf seinen Stiefsohn Ernst zur Dämpfung des Auf⸗
standes heim, in der Absicht, durch eine Exekution des Grafen
Welf die Verbindung der Unzufriedenen für immer zu sprengen.
Allein Ernst zerriß die Fäden dieser Berechnung; auf Rat
seiner Vasallen trat er offen auf Seiten Welfs.
Da nahte Konrad aus Italien. Auf einem Reichstag zu
Ulm 1027 forderte er Welf und Ernst vor; beide erschienen in
stolzer Haltung; noch glaubten sie sich der Treue ihrer Vasallen
und Dienstmannen gewiß. Aber vor dem Antlitz Konrads und
dem Glanze der Krone, vielleicht auch schon unter dem Ein—
druck der später zu berührenden Lehnspolitik Konrads, schwand
deren Zuversicht; sie verließen den Grafen und den Herzog.
Beide mußten sich ergeben. Ernst wurde zeitweilig des Herzog⸗
tums entsetzt, doch schon 1028 wieder zu Gnaden angenommen.
Der König aber zog unverweilt hinab nach Worms, den
jüngeren Konrad zu strafen. Doch wurde auch er rasch wieder
begnadigt. Es ist fast das einzige Mal, daß Kontab Milde
zeübt hat.
Es ward ihm schlecht gelohnt. Ernst, von neuem Herzog
von Schwaben, hatte einen treuen Freund, den Grafen Werner
von Kyburg, der auch nach der Niederlage der Verwandten noch
in Waffen gegen den König geblieben war und jetzt Ernst zur
Erneuerung seiner Ansprüche auf Burgund aufforderte. Dem—
gegenüber verlangte der König 1030 auf einem Reichstag zu
Ingelheim, auf den Herzog Ernst persönlich entboten war,
Ernst solle gegen Werner, seinen Vasallen, ziehen als einen
Störer des gemeinen Friedens. Doch Ernst konnte sich dazu
nicht entschließen; in dem Konflikt zwischen Reichssstreue und
Freundestreue siegte die Freundschaft. Da ward der König
außer sich vor Zorn; er ließ dem Herzog durch Fürstengericht
das Land absprechen, er ächtete ihn, er befahl den Bischöfen,
ihn zu bannen. Und Ernst ging, ein elender Mann, mit
seinem Freunde zunächst nach Frankreich, zu den Feinden seines
königlichen Stiefvaters und des Reiches, und als er hier von
dannen gewiesen ward, zog er heimwärts in die Urwälder der
schwäbischen Berge, in ihnen zu sterben. Alles Haltes entblößt,
Lamprecht, Deutsche Geschichte II. 17
        <pb n="273" />
        258 Sechstes Buch. Viertes Kapitel.

brach er mit einer Hand voll Getreuer von Falkenstein gegen
die Baar hinab, stieß auf ein Reichsfriedenskommando unter
dem Grafen Manegold und fiel nebst seinem Freunde Werner
in verzweifelter Gegenwehr, am 17. August 1030.
Es war ein Ausgang voll tragischer Härte. Dem strengen
Spruch der Reichsgewalt war Gerechtigkeit geworden; ein starkes
Königtum hatte die Wahrung der Treue und des Gehorsams
durchgesetzt dem gegenüber, der dem Throne fast am nächsten
stand. Aber die Kirche erbarmte sich des Herzogs; sie löste den
Toten vom Bann, sie schenkte ihm ein christlich Begräbnis,
während der Kaiser für das Andenken seines Stiefsohnes nur
das herbe Sprichwort bei der Hand hatte: daß das Geschlecht
bissiger Hunde nicht alt werde.
Noch anders fühlte die Nation. Gegenüber der unitarischen
Strenge des Kaisers verehrte sie in Herzog Ernst den Ver—
teidiger der Stammesgewalt: so verschmolz sie die Erinnerung
an ihn singend und sagend mit der an Liudolf, auch einen
Schwabenherzog, den aufständischen Sohn Ottos des Großen.
Noch tiefer aber ward sie von dem rein sittlichen Kampf in
der Brust des Herzogs ergriffen, und in der Wahl zwischen
Reichssstreue und Freundestreue stellte sie sich gleich Ernst
enthusiastisch auf die Seite der Freundschaft. Noch war die
Begeisterung für ein großes Ganze, für die sittliche Macht und
die civilisatorischen Aufgaben des gesamten Vaterlandes dem
deutschen Herzen fremd; aber geblieben war ihm aus Urzeiten
her das treue Verständnis für die blutsbrüderlichen, alles über—
dauernden Bande der Freundschaft.
Erhob sich im Streite Kaiser Konrads und Ernsts von
Schwaben der innere Zwist zur vollen Höhe sittlichen Kon—
fliktes, so zeugte die Absetzung des Herzogs Adalbero von
Kärnten nur von dem unbeugsamen, leidenschaftlichen, nichts
übersehenden, nichts vergessenden Wesen des Kaisers. Wir
wissen, daß Konrad dem Herzog, den er schon vor seiner Thron⸗
besteigung, 1019, bekämpft hatte, bereits im Jahre 1025 das
Land zwischen Drau und Sau genommen hatte; dann folgte
m Jahre 1027 die Verselbständigung des bisher Kärntnischen
        <pb n="274" />
        Ausbau des römischen Reiches deutscher Nation. 259

Bistums Trient und des Patriarchats Aquileja. Damit nicht
genug, fand der Kaiser die Mittel, den Herzog persönlich zu
demütigen, indem er den Verhaßten zu seinem Schwertträger
ernannte und damit zu peinlicher persönlicher Dienstleistung
zwang. Das volle Maß des Zorns aber traf Adalbero im
Jahre 1035 auf einem Reichstag zu Bamberg. Hier klagte
der Kaiser auf Grund einer nicht recht erwiesenen Schuld
Adalbero vor versammelten Fürsten des Hochverrats an und
setzte die Verurteilung in äußerst peinlichen Scenen, die ihn
in offenen Widerspruch mit seinem Sohne Heinrich brachten,
durch, obwohl Adalbero abwesend war, also ungehört blieb.
Nun ward dem Unglücklichen das Herzogtum genommen; auch
seines Eigengutes ward er teilweise beraubt. Unstät starb er im
Jahre 1089, während der jüngere Konrad inzwischen das Herzog⸗
tum erhalten hatte, von nun ab ein treuer Diener des Kaisers.
Der Aufstand Ernsts von Schwaben und die Absetzung
Adalberos von Kärnten sind die einzigen größeren Irrungen,
die unter König Konrad im Innern des Reiches begegnen.
Es sind Ereignisse, deren Verantwortung dem König mindestens
ebenso zufällt, wie den schließlich so hart betroffenen Herzögen;
in keiner Weise sind sie mit den früheren Bewegungen unter
den Ottonen und auch noch Heinrich II. zu vergleichen: es
liegen in ihnen nicht eigentlich selbstsüchtige Beweggründe vor;
es klingt der alte Stammespartikularismus nicht mehr in den
wirklichen Gründen, sondern nur noch in der späteren, von der
Sage geschaffenen Motivierung der Handlungen Ernsts an; es
ist fast kein sachlicher Gegensatz zum Reichsoberhaupt mehr vor—
handen. In der glücklichen Uberbrückung der Stammesgegen—
sätze, in der allgemeinen Unterordnung der Großen unter die
Centralgewalt, in der rasch erfolgenden Beugung aller Familien—
ansprüche der Mitglieder des herrschenden Hauses unter den
Willen des Königs entwickelte Konrad II. weiter und erntete,
was Heinrich II. gesäet hatte.
Dabei vermochte Konrad die dynastische Strömung durch
Betonung der Vererblichkeit der Königswürde zu stärken. Schon
im Jahre 1026 war sein damals neunjähriger Knabe Heinrich
17*
        <pb n="275" />
        260 Sechstes Buch. Viertes Kapitel.

unter Anerkennung der Fürsten zum König designiert worden.
Dem folgte nach der Rückkehr Konrads aus Italien die Wahl
zum bairischen Herzog, gleich darauf, Ostern 1028, die Wahl
zum König, die Salbung und Krönung: in den Würden des
Elfjährigen wiederholten sich alle guten Überlieferungen der
kraftvollen sächsischen Kaiserzeit. Auf den gekrönten Knaben
aber übertrug Konrad noch vor seinem Tode neben dem Herzog⸗
zum Baiern auch das Herzogtum Schwaben; Franken fiel ihm
ohne weiteres zu; Kärnten besaß der verwandte Konrad der
Jüngere; Lothringen regierte der später besonders reichstreue
Gozelo als Gesamtherzogtum in einem Umfang, daß die wider⸗
strebenden Kräfte des Landes sich in gegenseitiger Spannung,
unschädlich dem Reiche, beherrschten. So waren Herzöge und
Stämme der Centralgewalt gefügig gemacht!. Dazu vermied
König Konrad auch die Schwierigkeiten, die bisher bei dem
Mangel eines besonderen königlichen Hausrechtes fast jedem
derrscher von den Mitgliedern seines Geschlechtes bereitet
—
Konrads des Jüngeren, der kinderlos war, hat er alle Ver—
wandten politisch vernichtet, indem er sie der Tonsur unterzwang.
Es war das fast die wichtigste Richtung, in der er die
kärchlichen Institutionen für Reichszwecke in Bewegung setzte.
Er war zwar von der wohlanständigen Frömmigkeit seiner Zeit;
er erging sich gelegentlich in kirchlichen Schenkungen; wahr—
scheinlich hat er den Speierer Dom gestiftet. Ein tieferes
kirchliches Interesse aber besaß er nicht. Die Bischöfe waren
ihm nur kirchliche Beamte; darum ernannte er sie rein nach
—
wußte als sparsamer Finanzmann die Gelegenheiten der
Bischofswechsel wohl zu nutzen: der Kauf kirchlicher Amter
blühte mächtig empor. Eine kirchliche Politik trieb er daneben
wesentlich nur in dem Sinne, die größten kirchlichen Amter
zu schwächen. So beförderte er nach dem Tode Aribos (1031)
auf den Mainzer Erzstuhl einen gemütvollen Dunkelmann aus

mGegen zu weit gehende Folgerungen im unitarischen Sinne wendet
sich mit Recht Breßlau II 348 ff.
        <pb n="276" />
        Ausbau des römischen Reiches deutscher Nation. 261

dem Kloster Fulda, Bardo, einen für größere Geschäfte völlig
ungeeigneten Mönch, zugleich trennte er das Erzkanzleramt für
Italien von dem Mainzer Erzbistum ab nnd gab es an Köln:
das nahm Mainz einen Teil seiner Bedeutung: während Aribo
unter Konrad sechsunddreißigmal in Urkunden als erfolgreicher
Vermittler beim Könige erscheint, hören wir nur einmal von
einer Vermittlung Bardos.
Überall werden die Handlungen Konrads von derselben
Richtung beherrscht: Erhebung der Königsgewalt hinweg über
Kirche und Stamm, über Bischöfe und Herzöge, Begründung
der Monarchie nur auf die Gesetze eignen Vorteils und eigner
Bedeutung. Es war ein Standpunkt, der den Träger der Krone
zwang, sich über die Unterdrückung der Gegenmächte hinaus
positivem Schaffen zu widmen.
In diesem Sinne erscheint König Konrad als wichtiger
Neuerer. Zwar hatte schon Heinrich II. die ersten Anfänge
positiver innerer Politik auf sozialem Gebiete gewagt. Doch
Konrad muß, fassen wir die späteren Zustände ins Auge, weit
über ihn hinausgegangen sein. Wie er in Italien wirtschaft—
lich und gesellschaftlich ordnend eingriffi, so wußte er in
Deutschland, der harte Dränger der Großen, dem Königtum
die hoffende Zuneigung der breiten Schichten des Volkes zu ge—
winnen. Er erleichterte das Los der Unfreien. Er hob mächtig
die gesellschaftliche Grundlage der reisigen Krieger, des zukunftsreichsten
 Standes der ländlichen Gesellschaft: militum animos
in hoc multum attraxit, quod antiqua beneficia parentum
nemini posterorum auferri sustinuit?. Er ist allem Anschein
nach auch dem keimenden Bürgertum der Städte günstig ge—
sinnt gewesen. In seiner Jugend Schüler des Bischofs Burchard
von Worms, des treuen und wohlwollenden Reorganisators der
Standesverhältnisse des Wormser Bürger- und Grundholden⸗
tums, wird er als königlicher Mann der Begründer jener ritter—
und bürgerfreundlichen Politik, die ein Erbteil der salischen
Herrscher geblieben ist.
S. unten S. 282.
2 Wipo, Gesta Chuonradi imp. c. 6 S. 21.
        <pb n="277" />
        262 Sechstes Buch. Viertes Kapitel.

III.
Die Anfänge Heinrichs III. im Innern waren glücklich;
der Vater hatte ihm die deutschen Lande in wohlversorgtem
Zustand hinterlassen. So vermochte der junge König ohne
weiteres den Weg der konradischen Politik fortzusetzen. Hier—
hin gehört es, wenn er nach dem Tode des Herzogs Konrad
bon Kärnten im Jahre 1039 zu seinen anderen Herzogtümern
auch dies Land der Krone einbehielt: nur Lothringen und
Sachsen bestanden jetzt noch als selbständige Herzogtümer:
schroff unitarisch erschien die salische Politik auf die Auf—
hebung der Stammesgewalten gerichtet.
Allein bald zeigte sich, daß Heinrich, ebenso hart, leiden⸗
schaftlich und des Reiches und den eigenen Vorteil gegen andere
bis zur Ungerechtigkeit wahrend, wie sein Vater, doch in einem
Punkte sehr wesentlich von Konrads Art abwich. Er besaß
mit nichten dessen laienhaft nüchternen Sinn, der nur einer
versönlichen, nie einer politisch angehauchten Frömmigkeit zu—
zänglich gewesen war; er zeigte früh, wohl als Erbteil der
Mutter, ein ausgesprochenes kirchliches Interesse, das um so
mehr hervortrat, als er im Gegensatz zum Vater über eine vor⸗
rreffliche Bildung verfügte. So war er den Wünschen des
Alerus weithin zugänglich und verkannte nur zu sehr, daß die
neue kirchliche Richtung mit der Volitik seiner Vorgänger
schlechthin unvereinbar war.
Mit am frühesten zeigte sich diese Seite im Wesen des
Herrschers, als er einen besonderen religiösen Frieden im Reiche
rinzuführen begann.
In den romanischen Ländern hatte sich die königliche Ge—
walt seit langem zu schwach erwiesen, den Frieden aus eigener
Kraft zu wahren. Darum hatte sich die Kirche des Friedens—
bedürfnisses im Lande angenommen; an der Spitze der zunächst
französischen Bewegung stand auch hier das große Reformkloster
Cluny. Allgemeiner Friede sollte herrschen wenigstens den Teil
der Woche, da der Herr gelitten, von Mittwoch abend bis
Montag früh, außerdem an hohen Festen und von Ostern bis
Trinitatis: wer ihn in diesen Zeiten bräche, der sollte kirch—
lichem Banne verfallen sein. Es war eine Bewegqung, die.
        <pb n="278" />
        Ausbau des römischen Reiches deutscher Nation. 263

anfangs verspottet, bald die Gemüter mit magischer Gewalt
umstrickte. Der Friede galt bald als göttliche Satzung, als
Preuga Dei; unmittelbar vom Himmel sei er aekommen, der
Barmherzigkeit Gottes erfließend.
Offenbar ließ sich diese Institution nicht ohne weiteres nach
Deutschland verpflanzen; der Bischof Gerhard von Cambray
hatte recht, als er sich der Einsetzung des Gottesfriedens in
feinem zum Reiche gehörigen Sprengel mit der Bemerkung
widersetzte, im Reich sorge der König genugsam für Frieden.
Gleichwohl hat Heinrich, der die Wirksamkeit der Treuga Dei
auf romanischem Boden kennen lernte, dadurch angeregt, eine
Art kirchlich gefärbten, wenn auch staatlich veranlaßten Friedens
einzuführen gesucht. Er stellte sich und die Fürsten wiederholt,
namentlich nach großen kriegerischen Erfolgen, unter die Wir—
kungen eines religiös gewährleisteten Friedens, indem er im
Verlaufe einer kirchlichen Feier allen seinen Feinden und Wider⸗
sachern verzieh und dagegen von den Großen das gleiche
Versprechen der Versöhnlichkeit fuür Gegenwart und Zukunft
verlangte. In gewissem Sinne schlossen diese Schritte sich an
ähnliche Vorgänge unter Heinrich II. an“. Aber waren sie
im Beginn der neuen Befestigung des Reiches, unter Heinrich II.,
noch erlaubt und von guter Wirkung gewesen, so konnten sie
als bedenklich erscheinen in einer Zeit, da das Reich Macht
genug besaß, den Frieden im eigenen Bewußtsein geistiger wie
materieller Kraft zu wahren (sog. Constanzer Indulgenz 1048).
Schlimmere Wirkungen rief die religiöse Stellung Hein—
richs auf dem wichtigsten Gebiete der inneren Politik, dem des
gegenseitigen Verhältnisses zwischen weltlichen und geistlichen
Fürsten, hervor. Konrad hatte hier mit gleichem Maße gemessen,
was einer Zurückdrängung der Bischöfe gleichgekommen war. Das
Ergebnis war für die Krone das denkbar vorteilhafteste gewesen.
Nun begann Heinrich die Bischöfe wieder in den Vorder—
grund zu ziehen und freier zu stellen, indem er namentlich,
entsprechend den Forderungen der kirchlichen Reformkreise, jede
Ernennung von Bischöfen von sich aus vermied und auf den
1 VBgl. oben S. 258. Der technische Name war pacis foedus, conꝛordiae
 foedus. val. Bernos Brief an Heinrich III. 1045, bei Doeberl 3. 6.
        <pb n="279" />
        264

Sechstes Buch. Viertes Kapitel.

Verkauf von Bistümern gänzlich verzichtete. Abgesehen von
allem anderen galt es da nun, den Ausfall an bisherigen Ein—
künften zu ersetzen. Heinrich scheint das versucht zu haben,
indem er bei neuen weltlichen Verlehnungen wie beim Über—
gang weltlicher Lehen von einer Hand zur anderen bedeutendere
Summen erhob: mit anderen Worten, indem er sich für die Ent⸗
lastung der geistlichen Fürsten an den Laienfürsten schadlos hielt.
Es war nur einer der Schritte innerhalb einer allgemeinen
Verschiebung der königlichen Politik zu Gunsten der Kirche, die
den Laienfürsten je länger je mehr beschwerlich fiel. Eine all—
gemeine Unzufriedenheit begann sich in diesen Kreisen einzu—
stellen; schon ums Jahr 1046 war sie so weit gestiegen, daß sie
dem Könige die Fortsetzung der früheren Politik Kaiser Konrads
kaum noch gestattete. Er mußte die Herzogtümer Baiern und
Kärnten wieder verleihen, und kleine Anfänge von Aufruhr
der Fürsten erweiterten sich hier und dort zu energischem Wider⸗
stand. Dies um so leichter, als sich Heinrich, im Gegensatz zu
seinen Vorgängern und Nachfolgern, anscheinend niemals der
sozialen Hebung der tieferen Schichten angenommen hat!, ob—
wohl es schon in seiner Zeit zu Tage lag, daß diese Klassen
dereinst ein Bollwerk des Königtums gegenüber dem Andrängen
der territorialen Fürstengewalt zu bilden bestimmt waren.
Leichte Unruhen, vielfach auf einem Gegensatz zwischen den
Laienfürsten und den Bischofen beruhend, machten sich in
Sachsen und Baiern geltend; den Herd aller Unbotmäßigkeiten
aber bildeten jetzt, wie ähnlich schon unter Heinrich II. und
Konrad II., die lothringischen Herzogtümer. Hier war im
Jahre 1044 Gozelo gestorben, der gleichzeitige Beherrscher des
lothringischen Nordens und Südens; er hatte letztwillig seinem
älteren Sohne Gottfried Oberlothringen, dem jüngeren Gozelo
Niederlothringen hinterlassen. Aber Gottfried beanspruchte beide
Teile. Da ließ ihn der König, der eine Teilung des Landes
vorzog, durch ein Fürstengericht seiner Reichslehen entsetzen und
brachte ihn, nachdem er sich ergeben, in der Veste Giebichen—

Das sog. Gesetz Heinrichs III. über Lehensverlust (M. G. Constt.
l, 104) ist doch kaum hierher zu rechnen, selbst wenn es Heinrich III.
zuzuschreiben sein sollte.
        <pb n="280" />
        Ausbau des römischen Reiches deutscher Nation. 265

stein an der Saale in Haft. Dies Vorgehen trug anscheinend
zunächst gute Früchte. Gottfried verzichtete auf Niederlothringen
und erhielt, nachdem er von Heinrich in Gnaden angenommen,
das Oberland zurück; das Niederland kam an den Luxemburger
Friedrich (1046).
Aber inzwischen waren im Westen wieder neue Herde
künftiger Unruhen entstanden. In dem eben damals sich
bildenden Holland hatte Heinrich durch unmittelbare Eingriffe
und Begünstigung des Bistums Utrecht den mächtigen Grafen
Dirk IV. gegen sich erbittert. Dazu war der Graf Balduin V.
bon Flandern durch Belehnung seines Sohnes mit einer Mark—
grafschaft des Reiches in die verwickelten deutsch-lothringischen
Interessen gezogen worden; es dauerte nicht lange, so bildete
er im Verein mit Dirk von Holland und dem niemals völlig
versöhnten Gottfried von Oberlothringen eine Koalition, die
doppelt gefährlich ward, da König Heinrich J. von Frankreich
mit Ansprüchen auf Lothringen hervortrat.
Zuerst brach Graf Dirk gegen das Reich vor, mit vielem
Erfolge; ein Vorstoß Heinrichs III. nach Holland wenigstens
endete mit einer völligen Niederlage. Darauf ergriffen auch
Balduin und Gottfried die Waffen.
Der Kaiser sah bald ein, daß er des lodernden Brandes
im Westen des Reiches nur Herr werden konnte unter Ver—⸗
bindung mit den westlichen Reichen von Frankreich und Eng—
land, ja Dänemark; namentlich die Grafen von Flandern und
Holland waren unbesieglich, solange das Meer ihnen offen
blieb. So begann er zunächst Frankreich mit Erfolg an sich
zu fesseln; dem folgten Bündnisse mit Dänemark und England.
Dann brach der Kaiser gegen die Empörer auf (Juni 1049).
Indes ehe er im Westien erschien, hatten ihm die Bischöfe von
Lüttich, Utrecht und Metz, erbitterte Feinde der westlichen Laien—
fürsten, den Erfolg vorweggenommen; am 14. Januar 1049
war der holländische Graf bei Vlaardingen von ihrem Heere
besiegt und erschlagen worden. Darauf stellten sich, von der
Kirche gebannt, auch Gottfried und Balduin dem Kaiser.
Balduin huldigte dem Reiche; Gottfried kam in die Haft des
Trierer Erzbischofs. Es waren im wesentlichen Erfolge der
        <pb n="281" />
        266 Sechstes Buch. Viertes Kapitel.

Kirche: selbst die kriegerische Aktion schien in geistliche Hände
übergegangen.
Herzog Gottfried aber entwich aus seiner Haft nach Italien
und vermählte sich hier mit Beatrix, der Witwe des tuscischen
Markgrafen Bonifatius: mit einem Schlage ward er zum
mächtigsten Herrn Mittelitaliens. Was war natürlicher, als
daß er den Besitz Oberlothringens nun zurückerstrebte? Und
sofort trat ihm Balduin von Flandern für dies Vorhaben zur
Seite. Vergebens zog der Kaiser gegen den störrigen Mark—
grafen, vergebens vertrieb er Gottfried aus seinem italischen
Besitz: Gottfried floh zu Balduin: eine neue Reihe von Kämpfen
im Nordwesten stand bevor. Es war in den letzten Tagen
Heinrichs III. Da erfolgte ein plötzlicher Umschwung. Herzog
Gottfried stellte sich dem Kaiser; Heinrich versöhnte sich sterbend
mit ihm, übergab ihm die tuscische Herrschaft und beschwor ihn
zur Treue gegen Heinrich IV., seinen Sohn und Nachfolger.
Übersieht man die soeben erzählten Einzelheiten von Em—
dörung und Aufruhr gegen Heinrich III., so läßt sich nicht
verkennen: die großen Zeiten König Konrads waren dahin.
Die Politik Heinrichs hatte die schlummernden Gegensätze
zwischen Laienfürsten und kirchlichen Großen entfesselt, und
innerhalb dieser Gegensätze zogen die Laienfürsten die Fol—
gerungen der Thatsache, daß sie den König auf der gegnerischen
Seite sahen. Diese Lage, dazu der Verlust engerer Beziehungen
des Königtums zu den tieferen Schichten des Volkes deuteten
auf schwere Stürme der Zukunft.
Hierzu kam, daß schon unter Heinrich III. das Verhältnis
zu Sachsen und damit zu den Dingen im Norden und Nord⸗
osten in einer Weise gestört ward, die bei fernerer Sorglosig—
keit der Könige zur Loslösung Sachsens vom Reiche, bei späterer
Fürsorge aber leicht zu erbitterten Kämpfen mit diesem Stamme,
einst dem Träger der Reichsgewalt, führen mußte.

IV.
Der Verfall der Ottonischen Slawenpolitik seit Ende des
10. Jahrhunderts war schon unter Heinrich II. nicht wett ge—
        <pb n="282" />
        Ausbau des römischen Reiches deutscher Nation. 267

macht worden. Vielmehr hatten Angriffe von polnischer Seite
gegen das Reich, von denen bald! zu reden sein wird, zur
Lockerung auch der letzten Bande beigetragen, welche die Elb—
slawen noch mit dem Reiche verknüpften. Damit nicht genug,
herrschte in den späteren Jahren Heinrichs II. in Sachsen große
Unruhe infolge zerfleischender Fehden zwischen Laienfürsten und
Bischöfen, und die königliche Mahnung zum Frieden im eigenen
Lande fand nur allmählich Gehör.
Inzwischen aber war im Norden ein mächtiger Rival des
Reiches gegenüber den Slawen an Elbe und Ostsee erstanden.
Die nordgermanischen Reiche befanden sich um diese Zeit in
einer Periode großer sozialer Wandlung. Die alten Wikinger—
fahrten hatten aufgehört; das geteilte politische Leben in Hun—
derten kleiner Staatsgebilde, ähnlich den germanischen Völker—
schaftsstaaten der Urzeit, begann den Interessen der Nationen
nicht mehr zu genügen. Leicht erhob sich über sie hinweg,
schemenhaft zunächst und rasch hinfällig, doch großer augen—
blicklicher Kraftleistungen fähig, ein Oberkönigtum ähnlich dem—
jenigen Marbods oder Swatovluks auf südgermanischem und
slawischem Boden.
So begann König Kanut von Dänemark damals die
nordischen Kräfte zusammenzufassen. Er eroberte schließlich
Norwegen und Schweden, er hatte schon früher England unter—
worfen, er gebot den schottischen Königen; mit dem Polenkönig
Mesco II. verwandt, ward er auch den slawischen Dingen
Mitteleuropas näher gebracht. Und schon hatte er vorher, im
Jahre 1019, die heidnischen Slawen der Ostsee geschlagen und
mit der Aufrichtung dänischer Herrschaft an den Südküsten der
Ostsee begonnen.
Demgegenüber konnte es noch als Glück betrachtet werden,
daß sich, fast außerhalb des Schattens des Reiches, an der
Niederelbe ein erbliches Herzogtum der Billungen entwickelt
hatte, dessen damaliger Vertreter Bernhard, schließlich mit
König Heinrich II. versöhnt, sich der slawischen Dinge

S. 270.
        <pb n="283" />
        268 Sechstes Buch. Viertes Kapitel.

wenigstens einigermaßen annahm. Gleichwohl gelang es nicht,
das Bistum Oldenburg in Wagrien wiederherzustellen, und die
Mark Schleswig erschien schon als verlorener Außenposten des
Reiches. Und auch im Süden, an der Mittelelbe, verfielen die
bestehenden kirchlichen Einrichtungen, Pfarreien und Bistümer,
und deren Mutterinstitute, die Erzbistumer Magdeburg und
Hamburg-Bremen, entfremdeten sich jegalichem Gedanken der
Mission.
Konrad II., sonst so energisch, zog an dieser Stelle nur
die Konsequenzen des einmal Gewordenen. Einfälle der Ljutizen
im Sachsenlande beantwortete er mit der Abhaltung eines
Gottesgerichts zwischen beiden Parteien auf einem Reichstag zu
Werben im Jahre 1033: er durfte sich nicht verwundern, wenn
die Ljutizen dies Verfahren schon 1085 mit erweiterten Plün—
derungen beantworteten, zu deren Unterdrückung er nun einige
mit grausamer Härte ausgeführte Züge über die Elbe unter—
nahm. Mit Kanut aber schloß er ein Freundschaftsbündnis,
das zur Verheiratung einer Tochter Kanuts, Gunthild, mit
seinem Sohne Heinrich III., wie zur Abtretung der Mark
Schleswig an Dänemark führte: er mochte wohl hoffen,
durch das Mittel auswärtiger Beziehungen zu einer so festen
Macht wie der Königs Kanut die Autorität des Reiches im
Norden wenigstens einigermaßen aufrecht erhalten zu können.
Es war eine Täuschung. König Kanut starb schon im No—
vember 1035, und alsbald gerieten seine Söhne in Streit über
das väterliche Erbe. In diesen Irrungen ging das dänische
Großkönigtum zu Grunde. An seine Stelle trat ein Groß—
königtum der Norweger; im Jahre 1042 besiegte König Magnus
von Norwegen, Olafs Sohn, die Flotte der Dänen und machte
sich zum König auch des südlichsten der nordischen Reiche.
Das waren die nordischen Verhältnisse, mit denen Hein—
rich III. hätte rechnen müssen. Indes er war weit entfernt,
sich auch nur noch im enthaltsamen Sinne seines Vaters um
die nordgermanischen und nordslawischen Dinge zu kümmern.
So traten hier in weltlicher Beziehung die sächsischen Her—
zöge, von jeher Markgrafen auch des nördlichsten Gebietes der
        <pb n="284" />
        Ausbau des römischen Reiches deutscher Nation. 269

Elbslawen, in den Vordergrund. Herzog Bernhard verheiratete
seinen ältesten Sohn Ordulf mit einer Schwester des Königs
Magnus, worauf beide eine gemeinsame, den Slawen feindliche
Politik begannen: die Jomsburg, das heutige Wollin an der
Ostmündung der Oder, ward damals vermutlich erobert und
verbrannt, und die Abodriten wurden in einem furchtbaren
Kampfe in der Nähe von Schleswig geschlagen. Seitdem war
die slawische Kraft an den Ostseegestaden zwischen Schlei und
Oder auf lange gebrochen; das Volk ordnete sich sächsischem
Einfluß unter, und ein christlicher Wende, Gottschalk, des Uto
Sohn, begründete auf linkselbischem Boden mit kriegerischer
Strenge eine königliche Herrschaft.
Wie anders verliefen die Dinge an der Mittelelbe! Hier
machte sich die Macht des sächsischen Herzogtums minder fühl—
bar; in fortwährenden Kriegszügen ergoß sich die Barbarei der
Ljutizen über das deutsche Land; das Königtum war weit ent—
fernt, diesen Einbrüchen Einhalt zu thun; noch die letzten Tage
Heinrichs III. wurden durch die Kunde einer neuen slawischen
Brandschatzung und sächsischen Niederlage verbittert.
Im Norden aber war inzwischen neben die weltliche
Thätigkeit der Billungen die Mission der bremischen Kirche
getreten. Schon Erzbischof Alebrand hatte im Verein mit
König Magnus eine Anzahl von Missionaren gen Nord und
Nordosten entsendet, Ihm folgte im Jahre 1043 Adalbert,
bisher Dompropst von Halberstadt, aus dem Hause der Grafen
von Goseck, jener glänzendste Vertreter des kirchlichen Fürsten—
tums um die Mitte des 11. Jahrhunderts, der Erzieher, Be—
rater und Freund Heinrichs IV. Im Zwiespalt mit den
Billungen und dem sächsischen Adel faßte er den Plan, die
Metropolitangewalt der bremischen Kirche zu einem allumfassen⸗
den nordischen Patriarchat zu erweitern und Bremen selbst zu
einem strahlenden Mittelpunkt geistigen und geistlichen Lebens
im Norden zu entwickeln. Nach weitsichtigen Anfängen neuer
Mission erhielt er durch päpstliche Bulle vom 24. April 1047
die erzbischöfliche Gewalt über alle Länder des Nordens; fünf
Jahre darauf ward er, wie seine Nachfolger am bremischen
        <pb n="285" />
        270 Sechstes Buch. Viertes Kapitel.

ADDDD
den nordischen Völkern ernannt mit dem Recht unbedingter
kirchlicher Gewalt: es war eine Stellung, die ausdrücklich mit
der des heiligen Bonifatius in Deutschland verglichen wurde.
In ihrer Kraft wirkte nunmehr Adalbert kirchlich und
politisch zugleich tief in den Norden hinein, bis Island und
Grönland: die größte Zukunft schien seinen Absichten zu winken.
Indes zeigte sich bald, daß das Vorhaben Adalberts, trotz
aller Bemühungen, das Reich dafür zu gewinnen, nicht von der
thatkräftigen Anteilnahme Heinrichs IIII getragen ward. War
die ottonische Mission Magdeburgs wie Hamburg-Bremens
einst gehoben worden von dauernden Fortschritten politischer
Ausdehnnng des Reiches nach Norden und Osten: jetzt fehlte
diese notwendige Vorbedingung kirchlichen Gelingens. Da die
nordgermanischen Staaten sich eben jetzt konsolidierten, so ver—
fiel die bremische Mission reißend schnell; soweit sie sich gleich—
wohl erhielt, mußte sie ohne Unterstützung des Reiches zu
wirken lernen. Sie befand sich damit in gleicher Lage, wie
das sächsische Herzogtum. Die größten kirchlichen wie weltlichen
Institutionen des Nordostens sahen sich gleichsam abgeschnitten
von wirksamem monarchischem Einfluß; sie lernten sich für sich
— —
Es sind die Anfänge jener Entfremdung des Nordens, in deren
Vollendung das Reich nur noch als spezifisch mittel- und süd—
deutsch, schließlich als nur noch süddeutsch begriffen ward.
Anders gestalteten sich unter den drei Kaisern der ersten
Hälfte des 11. Jahrhunderts die Verhältnisse der Ostgrenze des
Reiches, soweit diese den süd- und mitteldeutschen Interessen
näher lag. Der Unterschied ist um so auffallender, als zu Be⸗
ginn der Regierung Heinrichs II. gerade diese Grenze besonders
bedroht schien.
In Polen hatte ein gewaltiger Herrscher, Boleslaw Chrobry,
allen Nutzen aus der Thatsache gezogen, daß seit Ottos des
Dritten wunderlichem Zuge nach Gnesen eine eigene polnische
Kirche bestand, ein unmittelbarer Verkehr mit Rom angebahnt
war und die Polen zu selbständigen Verteidigern der abend—
        <pb n="286" />
        Ausbau des römischen Reiches deutscher Nation. 271

ländischen Kirche nach Osten geworden waren. Sein Ideal war
ein mitteleuropäisch-slawisches Großreich, wie es Swatopluk
von Mähren vor ihm, Bretislaw und Ottokar von Böhmen
nach ihm von anderer Grundlage aus geplant haben. Er er—
oberte nach Westen und Süden hin Schlesien, Chrobatien und
Mähren; nach Nordosten zu mußte ihm daran liegen, die Elb—
slawen von sich abhängig zu machen. Die Handhabe hierzu
boten die verwirrten Zeiten nach dem Tode Ottos III. und
die Verwaisung der Mark Meißen nach der Ermordung des
Markgrafen Eckart: Boleslaw eroberte die Mark; die Stadt
Meißen fiel durch Verrat in seine Hand. Auch Böhmens be—
mächtigte er sich schnell: nach Westen hin schien das groß—
polnische Reich begründet. Es waren Forftschritte, so rasch,
daß Boleslaw sich aller Rücksichten auf den deutschen Herrscher,
seinen Lehnsherrn, entledigt glaubte: er wandte sich an den
Papst und bat um die königliche Krone.
Heinrich II. hatte sich schon einmal gütlich mit Boleslaw
auseinanderzusetzen gesucht: es war eine schüchterne Politik,
die ihm die anfängliche Schwäche seines Königtums vorschrieb.
Auch jetzt noch suchte er einzulenken; er bot Boleslaw die
deutsche Belehnung mit Böhmen. Boleslaw wies sie zurück;
er begann die aufständischen Bewegungen in Deutschland selbst
zu unterstützen. Heinrich antwortete mit dem Entschluß zum
Kriege. Er verband sich sogar mit den Ljutizen.
Wechselvoll, im wesentlichen Polen günstig, hat dieser Krieg
—
wüstungen der Lande an Elbe und Oder, durch Waffenruhe und
Friedensverhandlungen unterbrochen zumeist nur dann, wenn
Boleslaw seine siegreichen Waffen nach Osten, gegen die Russen,
zu tragen für dringlich fand. Das Ende war der Friede von
Bautzen vom 30. Januar 1018. Er brachte Boleslaw allem
Anschein nach die Freiheit seines Reiches von deutscher Be—
lehnung und den freien Besitz der Lausitzen, bisher eines Teils
des Reiches. Seitdem lebte Boleslaw mehr noch wie bisher
seinen Entwürfen gegen Rußland; er schlug den Großfürsten
Jaroslaw, der seinen Schwiegersohn Swatopluk vertrieben
        <pb n="287" />
        272 Sechstes Buch. Viertes Kapitel.

hatte, er eroberte Kiew und setzte Swatopluk von neuem zum
Herrscher der Russen ein.
Verflogen waren mit diesen Vorgängen die Ideen einer
deutschen Universalherrschaft über die Slawen des Ostens, wo⸗—
mit sich Otto J. getragen hatte, und das Wenige von wirk—
licher Macht, was das Reich noch jenseits der Elbe besaß,
schien völlig in Frage gestellt. Boleslaw aber that nun den
letzten Schritt zur Unabhängigkeit: er ließ sich salben und krönen.
Bald darauf starb er, am 17. Juni 1025. Es war der
Wendepunkt der polnischen Geschicke. Denn sofort zeigte sich,
daß der Gedanke des polnischen Großreiches nur im König
Leben und Wahrheit gewesen war. Seine Söhne haderten um
das Erbe; während Mesco sich das ganze Reich anzueignen
suchte, entfloh Otto Bezprim nach Rußland. Es war eine
Lage, recht geschaffen zur Ausnützung durch die Herrschernatur
Kaiser Konrads II. Nach anfänglichen Schlappen drang Kon—
rad im Herbst 1031 im Einverständnis mit Otto Bezprim in
Polen ein: Mesco fügte sich in rascher Nachgiebigkeit; die
Lausitzen fielen ans Reich zurück. Noch wichtiger war freilich,
daß die polnischen Brüder in ferneren Kämpfen die Kraft des
Landes so sehr schwächten, daß der endlich obsiegende Mesco
nicht umhin konnte, zur Sicherung seiner Gewalt sich Deutsch—
land zu nähern. Im Sommer 10383 erschien er auf einem
Tage zu Merseburg, verzichtete auf den Königstitel, leistete
dem Kaiser den Vasalleneid und trat große Teile des westlichen
Polens ab, die wahrscheinlich der Wettiner Dietrich, Graf der
Ostmark, in Verwaltung erhielt.
Der Aufschwung des polnischen Reiches war dahin; hatte
sich Heinrich II. hartnäckig in die Kämpfe mit Polen verbissen,
so war Konrad II. schon in der Lage, sie als Episoden zu be—
handeln, und bald konnte man das Land dem eigenen Verfall
überlassen.
Anders stand es mit dem dechischen Herzogtum in Böhmen.
Es griff tief ins Innere des Reiches ein; es mußte beim Reiche,
fest organisiert und wohl eingeordnet, erhalten bleiben. Nun
bersuchte aber gelegentlich des Thronwechsels von Konrad II.
        <pb n="288" />
        Ausbau des römischen Reiches deutscher Nation. 273

auf Heinrich III. der äußerst energische böhmische Herzog Bre—
tislaw den Plan Boleslaw Chrobrys noch einmal durchzuführen.
Schon vor der Besteigung des böhmischen Herzogstuhles hatte er
Mähren mit dem altökechischen Lande vereinigt; jetzt versuchte er
seine Herrschaft zu einem slawischen Großreich zu erweitern. Er
überzog Polen mit Heereskraft; furchtbar hausten die dechischen
Barbaren in der Gegend von Gnesen, von wo sie den Leichnam
des heiligen Adalbert als kostbarste Beute zur Heimat führten.
Darauf unternahm Bretislaw, gestützt auf die helfende Kraft
der neuen Reliquien, den Versuch, die böhmische Kirche aus ihrer
Abhängigkeit von der deutschen zu lösen. Der Prager Bischof
Severus verleugnete seine Abhängigkeit vom Mainzer Erzstuhl,
er erbat das römische Pallium als Zeichen eigenständiger Würde.
König Heinrich III. hatte allen Grund, diesen Versuchen
entgegenzutreten. Er fiel in Böhmen ein, ließ sich aber zu leicht
durch Versprechungen Bretislaws zum Abzug bewegen.
Bretislaw suchte später Hilfe in Ungarn. Die Magyaren
waren seit dem Jahre 1000 unter dem heiligen Stephan national
geeint; fast gleichzeitig begann ihre Abneigung gegen alles
Deutsche, genährt und veranlaßt zum Teil durch das immer
energischere Vordringen der Deutschen donauabwärts nach Osten.
So entsprach König Peter, ein venetianischer Edler, der im
Jahre 1038 Stephan dem Heiligen gefolgt war, dem Rufe
Bretislaws um so lieber, als er in Ungarn im Verdachte
deutscher Neigungen stand.
Heinrich III., nunmehr vor zwei Gegner gestellt, versuchte
vor allem sich Bretislaws zu entledigen. In zwei Heereszügen
von gewaltiger Kraftanstrengung, in denen das Prinzip des
Centralangriffes von mehreren Seiten her vollendet zur Wirkung
kam, versuchte er die Cechen zu knebeln. Im Jahre 1040 miß⸗
lang der Plan. Aber inzwischen war unter den Cechen selbst
Uneinigkeit entstanden; eine Partei unter Bischof Severus ent—
sagte den weitgespannten Idealen des Herzogs. Diese Wen—
dung zwang auch Bretislaw zur Nachgiebigkeit. Nach vorher—
gegangenen Verhandlungen demütigte er sich vor Heinrich zu
Regensburg in den sinnlich-symbolischen Formen der Zeit;
Lamprecht, Deutsche Geschichte II. 18
        <pb n="289" />
        274 Sechstes Buch. Viertes Kapitel.

barfuß warf er sich ihm zu Füßen. Der König aber zeigte sich
dem Büßenden mild nach fürstlicher Sitte. Von der früher
beanspruchten Geldzahlung von 8000 Mark erließ er ihm die
Hälfte; er setzte ihn wiederum in sein Herzogtum ein und ge—
stattete ihm sogar, von seinen Eroberungen Schlesien als
deutsches Lehen zu behalten.
Bretislaw aber und sein nächster Nachfolger blieben seitdem
dem Reiche getreu. und auch Polen blieb durch die Rückwirkung
der böhmischen Verhältnisse dem Reiche verbunden. Es waren
Zusammenhänge, die auch wiederum die Slawenmarken der
Mittelelbe beeinflußten. Seitdem der Gedanke eines groß—
flawischen Reiches auf dechischer oder polnischer Grundlage er⸗
tötet war, hob sich neues Leben in der Mark Meißen und den
meißnischen Grenzlanden; dem starken Geschlecht der Wettiner
ward es gegeben, hier alten Besitz der Nation nun endlich lang—
sam mit deutschem Geist und deutschem Blut zu erfüllen.
Heinrich III. aber hatte noch mit den ungarischen Eingriffen
abzurechnen. Sie hatten zunächst für König Peter eigne Folgen
gehabt. Da sie für die magyarische Sache zunächst ergebnislos
blieben, so hatte sich der allgemeine Haß auf den angeblich
deutschgesinnten König geworfen; er ward des Landes vertrieben.
Die Magyaren wählten darauf einen ihrer einheimischen Grafen
zum König, den Samuel, Ava genannt. Es lag in der Kon—
sequenz der Wahl Avas, daß er sofort zum Angriff gegen die
Deutschen schreiten mußte. Er that es mit besonderer List.
Nachdem er alle Deutschen im Lande, sogar eine anwesende Ge—
sandtschaft Heinrichs, hatte festnehmen lassen, drang er in drei
Heerhaufen über die Grenze. Doch entsprach der Erfolg nicht
den Vorbereitungen; nur der mittlere Beutezug — denn um
Plünderung handelte es sich an erster Stelle — gelang.
Bald darauf aber war Heinrich in Regensburg angelangt.
Er ordnete die Verhältnisse im Südosten des Reiches; er drang
über die ungarische Grenze; er nahm Preßburg und Heimburg;
er schlug die Ungarn und gab den Westen des Landes, dessen
Große sich ihm unterwarfen, an einen Neffen des heiligen
Stephan als Herzogtum.
        <pb n="290" />
        Ausbau des römischen Reiches deutscher Nation. 275

Rasche Erfolge, die ebenso rasch zerrannen. Darum führte
Heinrich im Jahre 1043 einen neuen Zug aus. Und wiederum
schlug er die Ungarn, an ihren Befestigungen am Repcze, einem
Nebenfluß der Raab. Und nun kam ein Friede zu Stande, der
dem Reiche dauernde Vorteile brachte. Das Gebiet zwischen
Leitha, Fischa und Donau, schon einmal unter König Stephan
abgetreten, ward jetzt endgiltig deutsch; massenhaft zogen
nationale Elemente in den nächsten Jahren hier ein; ursprüng—
lich als eine neue Mark organisiert, ward es später mit der
alten bairischen Ostmark, dem späteren Osterreich vereinigt. Es
sind Ereignisse, die, tiefer eingreifend in die Geschicke unseres
Volkes im Südosten, einen hehren Nachklang in den Donau—
Schilderungen des Nibelungenliedes hinterlassen haben.
Heinrich aber drang im folgenden Jahre von neuem gegen
die Ungarn vor und besiegte sie in einer furchtbaren Schlacht
an der Raab bei Menfö, am 5. Juli 1044. Das war auf
längerhin das entscheidende Ereignis. Heinrich führte jetzt
den früheren König Peter als deutschen Schützling auf den
ungarischen Thron zurück; er machte die Ungarn dem Reiche
tributpflichtig und begabte sie mit einer Reihe deutscher Rechts—
grundsätze in der besonderen Fassung des bairischen Rechtes.
Folgerichtiger noch wurde das neue Verhältnis Ungarns zum
Reiche im Jahre 1045 ausgebildet. Im Frühling dieses
Jahres zog Heinrich die Donau hinab. Peter empfing ihn aufs
ehrenvollste und übergab ihm durch symbolische Darreichung
der goldenen Königslanze das ungarische Reich, um es auf
Lebensfrist in Lehnsweise zurückzuempfangen.
Fast selbstverständlich ist es, daß solche Erfolge keine Gewähr
der Dauer in sich trugen. Als Heinrich im Jahre 1046 zur
Romfahrt rüstete, da brachen die Ungarn los, erschlugen und
verstümmelten viele Deutsche im Lande, blendeten König Peter
und setzten sich in dem Arpaden Andreas einen neuen Herrscher.
Doch bezeichnet es den immerhin tiefen Eindruck der deutschen
Obmacht, daß Andreas alsbald eine vermittelnde Stellung
zwischen Deutschen und Magyaren einzunehmen suchte. So ge—
lang es schließlich, gegen Ende der Regierung Heinrichs einen
12*
        <pb n="291" />
        276 Sechstes Buch. Viertes Kapitel.

Zustand an der deutschen Südostgrenze zu begründen, wonach
die Lehnsrührigkeit Ungarns vom Reiche bestehen blieb, wenn
auch dies Verhältnis wie die gegenseitige Absteckung und
Sicherung der Grenzen den mannigfachsten lokalen Einwirkungen
unterworfen blieb.

V.

Im Gegensatz zur Politik an der Ostgrenze unterließen die
deutschen Herrscher der ersten Hälfte des 11. Jahrhunderts an
der Westgrenze jeden Übergriff gegenüber dem französischen
Nachbarreich, das eben in dieser Zeit unter der Fürsorge der
Capetinger die ersten Stufen neuer Bildung überwand. Mit
Recht: denn jeder Eingriff der Könige in die französischen Vor—
gänge würde den ewigen Wirren in Lothringen gefährlichen
Charakter verliehen haben. Zudem gestattete diese Haltung,
im freundlichen Einvernehmen mit Frankreich dem Reiche einige
Vorteile im flandrischen Norden, einen gewaltigen Gewinn im
Süden der Grenzlinie, in Burgund, zu sichern.
Die flandrische Grafschaft, in deren Landen zum größten
Teile Franken vermischt mit friesischen und angelsächsischen
Elementen saßen, war in den Karlingischen Teilungen leider zu
Frankreich geschlagen worden: ein großer Teil der Vlamen hat
nie zum Reiche gehört. Andererseits konnte auch die französische
Königsmacht hier lange nicht Fuß fassen; es entwickelte sich eine
fast selbständige gräfliche Territorialgewalt. Sie war um die
Wende des Jahrtausends so weit gekräftigt, daß ihr Vertreter,
Graf Balduin, sogar aggressiv vorging und das zum Reich ge—
hörige Valenciennes besetzte. König Heinrich II. hat demgegen—
über mehr, wie spätere deutsche Herrscher, die Ehre des Reiches
zewahrt. In Verbindung mit König Robert von Frankreich
zwang er Balduin zur Ruhe und verband ihn durch die Be—
lehnung mit jenen vlamischen Gegenden, die in der Karlingischen
Teilung deutsch geblieben waren, dem Schicksal und den Inter—⸗
essen des Reiches.
Weitaus wichtiger war Heinrichs Politik gegen Burgund.
Rudolf III., damals König des burgundischen Reiches, das sich
        <pb n="292" />
        Ausbau des römischen Reiches deutscher Nation. 277

vom Breitengrade Basels nominell bis zu den Gestaden des
Mittelmeeres in der Gegend von Nizza und Arles erstreckte,
war der letzte seines Geschlechtes. Doch war er kaum noch im
thatsächlichen Besitze des Landes. Ein übermächtiger Adel be—
drängte den König doppelt, da er wankelmütig und schwach
war; namentlich der Graf Otto Wilhelm von Mäcon und
Nevers nahm das Land ein und verfolgte von seinen westlichen
Grenzen aus weitgehende Pläne gegen Frankreich.
Unter dem Druck dieser Verhältnisse lehnte sich Rudolf, wie
schon die meisten seiner Vorfahren, innig an Deutschland an,
den einzigen stark monarchischen Staat in Mitteleuropa. Es
kam so weit, daß Rudolf König Heinrich zu seinem Erben ein—
setzte und ihm im Jahre 1006 zur symbolischen Anerkennung
der Herrschaft die Stadt Basel übergab, von da ab einen Jahr—
hunderte überdauernden Besitz des Reiches. Dieser Schritt hatte
zur Folge, daß der burgundische Adel den König noch rücksichts—
loser bedrängte: nun huldigte Rudolf auf einer Straßburger
Zusammenkunft des Jahres 1016 dem deutschen Herrscher und
—D—
Heinrich II. hat dies neue Recht sehr ernst aufgefaßt, trotz
mancher Schwankungen Rudolfs; wiederholt hat er Feldzüge
nach Burgund zur Befriedung des Landes unternommen: und
so hinterließ er die von ihm vertragsmäßig erworbenen Rechte
im Sinne einer wohlverdienten Errungenschaft.
Konrad II. aber ließ von Anbeginn seiner Herrschaft keinen
Zweifel darüber, daß er diese Rechte als dem Reiche angehörend
und durch dessen jeweiligen Herrscher vollstreckbar erachtete: wir
wissen, wie er sie gegen die Ansprüche deutscher Großen, vor
allem seines Stiefsohnes zu wahren wußte!. Sofort nach seinem
ersten Umritt durchs Reich besetzte er Basel und ernannte für
das Bistum der Stadt einen Hirten, trotz des Widerspruches
König Rudolfs und der burgundischen Großen.
Die energische Handlung erwies sich alsbald als erfolgreich.
Der wetterwendische Rudolf erkannte nunmehr das Recht des

S. oben S. 256 ff.
        <pb n="293" />
        278 Sechstes Buch. Viertes Kapitel.

deutschen Reiches an; auf einer Zusammenkunft zu Muttenz
bei Basel übertrug er Kaiser Konrad und seinem Sohne
Heinrich (III.) Krone und Land im Fall seines Todes.
Rudolf starb am 6. September 10382; Konrad versuchte
das Land zu besetzen. Da trat ihm als auswärtiger Prätendent
der Graf Odo von der Champagne entgegen. Unter diesen
—DDD00
Politik dieser Zeiten. Gemeinsam mit dem französischen König
Heinrich J. griff der Kaiser Odo im eigenen Lande an; Odo
mußte schließlich verzichten; seit dem Jahre 1085 etwa konnte
Burgund als sicheres Zubehör des Reiches gelten.
Es bezeichnet die Macht Kaiser Konrads, daß er zur letzten
Heerfahrt gegen Odo nicht bloß Deutsche, sondern zugleich
Lombarden mit Erfolg aufgeboten hat; in Genf trafen sich die
deutschen und italienischen Kontingente. Diese bis dahin un—
erhörte Möglichkeit einer Verschmelzung deutscher und italienis cher
Institutionen aber erklärt sich aus der glücklichen italienischen
Politik des ersten Saliers.
Nach dem Tode Ottos III. erschien jeder deutsche Einfluß
in Italien vernichtet. Arduin von Jvorea, ein einheimischer
Großer, der sich schon in den letzten Jahren Ottos III. durch
Beunruhigung der Bischöfe, der alten Parteigänger des otto⸗
nischen Hauses, ausgezeichnet hatte, erstrebte damals mit Erfolg
die lombardische Krone; zum Hohn des Imperiums erhielt er am
15. Februar 1002 zu Pavia die königliche Weihe. Heinrich II.,
in Deutschland nicht abkömmlich, entbot zur Bestrafung so un—
erhörter Anmaßung ein Heer unter dem Herzog von Kärnten
und dem Markgrafen von sterreich: es wurde gänzlich ge—
schlagen. Die Niederlage blieb über ein Jahr ungerächt, bis
HZeinrich im Jahre 1004 in Italien erschien, Arduin vor sich
hertrieb und am 14. Mai zu Pavia zum lombardischen König
zewählt und gekrönt ward.
Indes der neuen deutschen Herrschaft fehlten alle volks⸗
tümlichen Sympathieen. Nur gestützt auf die Sonderstrebungen
einiger Großer ward sie schon unmittelbar nach der Krönung
durch einen furchtbaren Aufstand der Pavesen, wenn auch ver—
        <pb n="294" />
        Ausbau des römischen Reiches deutscher Nation. 279

gebens, bedroht; nach dem Abzuge des deutschen Heeres und
Königs aber entartete sie in leblosen Formen.
Noch weniger wollte das Volk Mittelitaliens in den ersten
Zeiten Heinrichs II. an deutsche Herrschaft erinnert sein. In
Tuscien hoben neben dem Markgrafen die rasch erblühenden
Städte Pisa, Genua und Lucca trotzig ihr Haupt; in Rom
herrschte Johannes, der Sohn des unter Otto III. enthaupteten
Crescentius, knüpfte Verbindungen mit Byzanz an und er—
nannte nacheinander drei Päpste aus eigener Willkür.
Da starb im Jahre 1012 Johannes, bald darauf auch sein
letzter Papst, Sergius IV. Die Macht über Rom gelangte an
die Grafen von Tusculum: sie setzten einen der Ihrigen auf
den Stuhl Petri, Theophylact, als Papst Benedikt VIII.
Benedikt war ein äußerst energischer Charakter hochfahrenden
Sinnes. Noch Laie, als man ihn wählte, nahm er den Kampf
— D aber das
päpstliche Ansehen dauernd wiederherstellen zu können, bedurfte
er der Hilfe des deutschen Königs. So wünschte Benedikt die
Anwesenheit Heinrichs in Italien, und dieser entschloß sich, im
elften Jahre seiner Herrschaft, zur Romfahrt. Sein Zug ent⸗
sprach ganz dem Gedanken Benedikts. Weihnacht 1013 war
der König in Pavia, am 14. Februar 1014 empfing er zu Rom
die Krone, das Pfiugstfest feierte er schon wieder zu Bamberg.
In Italien war er überall als Herr aufgetreten. Auf Synoden
in Rom und Ravenna hatte er die entscheidende Stimme gehabt.
Das Papsttum aber war durch Heinrichs Erscheinen in
wunderbarer Weise gestärkt worden; auf der Grundlage erneuten
Ansehens setzte Benedikt nunmehr seine italienischen Pläne ins
Werk. Er kämpfte siegreich gegen die Sarazenen, die damals,
ein kühnes Piratenvolk, die Kuüsten Italiens weithin plünderten
und Sardinien erobert hatten. Er suchte noch mehr die Leitung
der italienischen Angriffe gegen die Griechen Unteritaliens zu
erhalten.
In Unteritalien hatten die Griechen noch während der
Regierung Ottos III. ganz Apulien und Kalabrien von neuem
in ihre Obhut gebracht. Sie erlangten ferner wieder die Ober⸗
        <pb n="295" />
        280 Sechstes Buch. Viertes Kapitel.

hoheit über die Fürstentümer Gaeta, Amalfi und Neapel; und
die Fürstentümer Capua, Benevent und Salerno, dem Namen
nach noch den Deutschen untergeordnet, hielten die Ehre des
Reiches, unzuverlässig und kriegesschwach, in keiner Weise mehr
aufrecht. Da begann ein seit dem Jahre 1009 glimmender
Aufstand gegen die blutsaugerische und hoffärtige Herrschaft der
Griechen unerwartete Ausdehnung anzunehmen: es war das
Zeichen zur Einmischung des Papstes. Benedikt wies den Auf—
ständischen eine Befestigung am Garigliano an, indem er im
Sinne des Kaisers zu handeln glaubte. Völlig aus eigner
Vollmacht handelte er, wenn er das normannische Element in
den Kampf gegen die Griechen einführte.
Im Jahre 1016, neun Jahre, nachdem Tharsenns und
Snorres Normannenflotte im steinichten Labrador, in Neufund⸗
land und Neuschottland die Küsten Nordamerikas besucht hatte,
waren auf dem Rückwege von einer Pilgerfahrt zum heiligen
Lande vierzig normannische Ritter bei Salerno gelandet; der
Fürst von Salerno hatte sie willig gefunden zum heiligen Kriege
gegen die Sarazenen, die ihn damals bedrängten. Im Kampfe
aber bewährten sie sich so, daß der Fürst sie zu bleiben bat
und, als sie sich dessen weigerten, Nachschub aus der Heimat
berlangte. Er kam in kurzer Frist. Aber er schlug nicht den
unmittelbaren Weg nach Salerno ein. In Rom sprachen die
neuen Kriegesfahrer vor, einem blutschuldbeladenen Geschlechte
der Normandie entsprossen; sie forderten Entsühnung von den
heiligsten Händen. Der Papst gewährte ihnen den Wunsch,
wies sie aber zugleich seinerseits in den Kampf gegen die Un—
zläubigen und Falschgläubigen des Südens, gegen Sarazenen
und Griechen. Und hiermit verband er eine erneute Mahnung
an die langobardischen Fürsten Unteritaliens, sich der Griechen
zu erwehren.
Von da ab nahm der Aufstand gegen die Griechen höheren
Aufschwung. Die blonden Söhne Germaniens, Normannen und
Langobarden, griffen kräftig ein; bald sahen die Empörer sich
im Besitze Apuliens. Aber im Herbst des Jahres 1018 nahte
die Katastrophe. Bei Cannae, am Ort der römischen Niederlage,
        <pb n="296" />
        Ausbau des römischen Reiches deutscher Nation. 281

ward Melus, der Führer des Aufstandes, aufs Haupt geschlagen;
die Erhebung ward völlig unterdrückt; griechisches Machtgebot
rückte vor bis in die Nähe der ewigen Stadt.
Die Pläne Benedikts waren gescheitert; zusammen mit
dem Griechen Melus und Rudolf, dem normannischen Führer,
eilte der Papst im Jahre 1020 über die Alpen, beim Kaiser
Hilfe zu suchen, der seinerseits aus kirchlichen Erwägungen
Benedikts Anwesenheit wünschte.
Die Fremdlinge trafen Heinrich II. zu Bamberg in der
Feier des Osterfestes. Der Kaiser nahm sich Zeit, ihren Bitten
zu willfahren; Ende des Jahres 1021 erst brach er nach Italien
auf. Sein Heer war gewaltig, ohne Schwierigkeit durchzog er
Ober⸗ und Mittelitalien, nahm Benevent und lagerte sich mit
der Hauptmasse des Heeres vor Troja, während eine Abteilung
die Fürstentümer Capua, Salerno und Neapel der kaiserlichen
Sache von neuem gewann.
Die Belagerung von Troja zog sich in die Länge. Als die
Stadt sich schließlich auf ehrenvolle Bedingungen ergab, ließ sich
der Kaiser an diesem Erfolge genügen und zog sich alsbald,
noch vor der heißeren Sonne des Sommers 1022, nach Mittel⸗
italien zurück, umbekümmert darum, daß die Stadt zwei Jahre
später den Griechen wieder zufiel. Es schien ihm ausreichend,
die langobardischen Fürstentümer dem Reiche wiederum so weit
verbunden zu haben, daß sie dem Papste in Rom einige Sicher⸗
heit boten: er kehrte nach Deutschland zurück.
Die positiven Ergebnisse der Regierung Heinrichs II. in
Italien waren nach alledem gering; nur gelegentlich war die
deutsche Herrschaft betont worden. Keineswegs hatte sich jeden⸗
falls der Kaiser in süditalienische Unternehmungen im Stile
Ottos II. verwickeln lassen. Auf Konrad II. aber vererbte die
Aufgabe, das Verhältnis Ober- und Mittelitaliens zum Reiche
dauernd zu ordnen.
Hier waren nach dem Tode Heinrichs II. Verhältnisse ein—
getreten ganz ähnlich der allgemeinen Anarchie nach dem Tode
Ottos III. Die italienische Politik der Ottonen wie Heinrichs
—VVV
        <pb n="297" />
        282 Sechstes Buch. Viertes Kapitel.

hunderts, fast ausschließlich auf die Bischöfe, den hohen Klerus
überhaupt gestützt; es war eine Parteipolitik gewesen. Dem—
gegenüber erhoben sich nun in Ober- und Mittelitalien seit der
Wende des Jahrtausends neue Kräfte; das Bürgertum begann
sich zu regen, und der hohe Laienadel gewann eine ausgedehntere
Bedeutung. Er hatte schon Arduin von Ivrea als Gegenkönig
gehalten; jetzt suchte er von neuem ein Gegenkönigtum aus—
wärtiger, französischer Fürsten zu begründen.
Konrad II. entfaltete gegen die Empörung die ganze
Thatenlust seines Wesens. Vom hohen Klerus gerufen, drang
er machtvoll in Italien ein, ließ sich zu Mailand durch den
Erzbischof krönen und durchzog siegreich das ganze Land bis
in die entfernten Alpenwinkel des Westens, die längst keinen
deutschen Herrscher mehr gesehen. Nach mehr als einjähriger
Thätigkeit sah er das Land lautlos zu seinen Füßen. Und
sofort nutzte er die Lage zu einer grundsätzlichen Anderung der
deutschen Politik gegenüber Italien aus. Nicht mehr mit Hilfe
des Klerus allein wollte er herrschen; über alle Parteien und
zesellschaftlichen Schichten des Landes suchte er sich zu stellen,
ein erster vollmächtiger König. Es war eine Haltung, die not—
wendig dem bisher vernachlässigten Laienadel zu gute kam.
Zum Schluß seines italienischen Aufenthalts zog Konrad dann
nach Rom, empfing Ostern 1027 aus den Händen Johanns XIX.,
eines kenntnislosen, geldgierigen und wollüstigen Jünglings, die
Kaiserkrone! und berief von sich aus eine Synode zum Lateran.
Es war grundsätzlich die Politik Ottos des Großen gegenüber
dem Papsttum, nur daß Konrad zur vollen Beherrschung des
Papsttums keine tiefer begründete Ausdehnung seiner Macht
äber Unteritalien für nötig hielt.
Auch später, nach seiner Rückkehr in die Heimat, befolgte
Konrad gegenüber Unteritalien diese Politik der Enthaltsamkeit,
die schon Heinrich II. begründet hatte: er hielt die langobardischen
Fürstentümer in Lehnsabhängigkeit vom Reich, er dachte aber
nicht mehr an die Vertreibung der Griechen und Sarazenen.

1S. oben S. 256.
        <pb n="298" />
        Ausbau des römischen Reiches deutscher Nation. 288

Diese ruhige Auffassung machten sich zunächst die Griechen zu
nutze. Sie versuchten ihrerseits die Sarazenen aus Unteritalien
und Sizilien zu entfernen, und das erste Jahrzehnt dieser
Kämpfe, bis weit über die Ermordung des Kaisers Romanos
im Jahre 1084 hinaus, brachte ihnen in der That eine Reihe
von Vorteilen.
Gegenüber dieser Störung des bisherigen unteritalienischen
Gleichgewichts mußte es der deutschen Politik darauf ankommen,
jedenfalls die langobardischen Herzogtümer im Verbande des
Reiches zu erhalten und zu schützen. Und hier ergriff Kaiser
Kontad Maßregeln, deren verhängnisvolle Tragweite er freilich
nicht voraussehen konnte. Er erteilte den Normannen, die sich
als Kämpfer gegen Griechen und Sarazenen schon anfingen
unentbehrlich zu machen, legitime Vollmacht zu diesem Kampfe,
indem er gestattete, sie als Grenzer gegen das Vordringen der
Griechen anzusiedeln, und sie dem Lehnsverbande des Fürsten⸗
lums Salerno einfügte. Das erwies sich zunächst als überaus
nützlich; im Jahre 1089 eroberte der Fürst von Salerno mit
Hilfe der Normannen Amalfi und Sorrent. Allein bald zeigte
sich, daß die Normannen als Kern des Widerstandes nach
Süden auch eine ihrem Verdienste entsprechende Stellung in
Süditalien beanspruchen würden. Ließ sich dann die Reichs⸗
hoheit noch aufrecht erhalten, zumal bei dem fromm-papalen
Sinn der nordischen Krieger? In südlicher, dem Reiche nicht
leicht zugänglicher Nachbarschaft Roms war eine Macht im
Entstehen begriffen, die dem Papsttum dereinst nur zu leicht
als Rückhalt im Kampfe gegen Reich und Reichskirche dieuen
konute.
Und schon ward auch Oberitalien in seiner Unterwerfung
unter das Reich wieder wankend. Konrad hatte den seit dem
Jahre 1026 eingeschlagenen Weg einer gleichmäßigen Be⸗—
günstigung des geistlichen und des Laienadels mit Erfolg fort—
gesetzt; zugleich hatte er für eine Germanisierung dieser Klassen
Sorge getragen, indem er deutsche Kleriker zu lombardischen
Bischöfen ernannte und Verschwägerungen zwischen den edlen
Familien nördlich und südlich der Alpen veranlaßte. Aber
        <pb n="299" />
        2755
⸗

Sechstes Buch. Viertes Kapitel.

gegen Schluß seiner Regierung ward diese weise Politik nament—
lich in Oberitalien durchbrochen von dem gewaltsamen Ausbruch
tiefer sozialer Gährungen. Die unabwendbar emportauchende
Wandlung der naturalwirtschaftlichen Zustände in geldwirt—
schaftliche hatte zu einem nur durch Feuer und Schwert heil—
baren Zwiespalt zwischen der ländlichen Bevölkerung und dem
niederen Adel einerseits und den Städten und deren Herren,
den Bischöfen vornehmlich, andrerseits geführt: es kam zu
Gewaltthat und Empörung allenthalben; eine soziale Revolution
durchbrauste seit dem Jahre 1035 das Land.
Konrad zog Ende des Jahres 1036 über die Alpen, um
zum Rechten zu sehen. Es begreift sich, daß er der Probleme
nicht sogleich Herr ward, die ihm von den Zuständen seiner
Heimat her völlig fremd sein mußten. Es lag ihm anfangs
näher, die Bewegung oberflächlich in politischem Sinne zur
äußerlichen Befestigung des deutschen Ansehens auszunutzen.
Und so stellte er sich auf Seite der ländlichen Gegner des Erz⸗
bischofs Aribert von Mailand, des Hauptvertreters der städtischen
Interessen, der ihm wegen seines Strebens nach weltlicher und
geistlicher Vollgewalt in Oberitalien längst verhaßt war. Auf
einem Reichstag zu Pavia, im März 1037, ließ er den Erz—
bischof als Hochverräter verurteilen und verhaften; später hat
er ihn gegen den Widerspruch seines kirchlicher gerichteten
Sohnes gar abgesetzt und aus eigner Machtvollkommenheit
einen neuen Erzbischof von Mailand ernannt.
Indes je länger Konrad in Italien weilte, je energischer
ihm das Bürgertum widerstand, um so mehr erkannte er den
eigentlichen Charakter der Bewegung. Und nun stellte er sich,
ganz wie später unter verwandten Verhältnissen die Staufer,
durchaus und überzeugt auf seiten der ländlichen Interessen,
namentlich soweit sie den niedern Adel betrafen und der
deutschen, heimischen Entwickelung homogen zu sein schienen.
Dem entsprach sein gesetzgeberisches Eingreifen. Wie er in
Deutschland die Ritter in ihrem Besiztz geschützt hatte, so sprach
er in Italien durch die Konstitution vom 28. Mai 1037 die
Erblichkeit alles Lehnbesitzes des niedern Adels in gewissen
        <pb n="300" />
        Ausbau des römischen Reiches deutscher Nation. 285

Grenzen aus, setzte fest, daß eine Aberkennung von Lehen nur
durch Spruch eines adelsgenossenschaftlichen Gerichtes statt⸗
finden könne, und regelte die Berufung von diesen Gerichten
an die Fürsten oder die königlichen Gewaltboten.
Es ist der bedeutendste Schritt, den Konrad zur Beruhigung
der oberitalienischen Zustände gethan hat. Die übrig bleibenden
Gegensätze zu lösen, hinderte ihn der Tod. Sein Sohn und
Nachfolger aber nahm sich der italienischen Dinge von Gesichts—
punkten aus an, die vielfach mit seinen ganz anders gearteten
religiösen Überzeugungen zusammenhingen.

VI.

Überschauen wir nunmehr an der Hand der Einzelvorgänge,
wie sie bisher geschildert sind, den Gesamtcharakter der deutschen
Politik unter den Herrschern der ersten Hälfte des 11. Jahr—
hunderts, so unterliegt deren Verschiedenheit von der Politik
der Ottonen keinem Zweifel.
Am ehesten ließe sich eine gewisse Übereinstimmung noch
in den Zielen der inneren Politik behaupten. Freilich bleiben
Heinrich II. wie die ersten Salier auch auf diesem Gebiete bei
allem Machtgefühl ihrer Stellung dennoch entfernt von der dem
Ziele nach absolutistischen Auffassung der Herrscherwürde, wie
sie die späteren Ottonen unter der Einwirkung der erneuten
Renaissance und des kirchlichen Universalismus gehegt hatten.
Sie haben vor allem neu zu erwerben, was an positiver Macht
dem Königtum Ottos II. und Ottos III. verloren gegangen
war; gegenüber einer grundsätzlichen, schließlich idealistisch über—
triebenen Anschauung des Herrscherberufs unter den Ottonen
sind sie harte Realisten, denen nur die dauernde Ausübung
wirklicher Macht Befriedigung gewährt. Von dieser geistigen
Haltung aus haben sie das Reich von neuem befestigt, ja ge—
gründet: erst ihr Zeitalter entwickelt einzelne Züge der späteren
Reichsverfassung in den Anfängen regelrechter Reichstage und
den Keimen fürstlicher Ratspflicht.
Neben der Neubegründung der Königsgewalt besteht die
wichtigste Thatsache der inneren Entwickelung dieses Zeitalters
        <pb n="301" />
        286 Sechstes Buch. Viertes Kapitel.

darin, daß der politische Schwerpunkt der Verfassung in den
Süden des Reiches verlegt wird. Indem an die Stelle des
sächsischen Königshauses süddeutsche Herrscher traten, indem seit
diesem Augenblick der Niederrhein und Sachsen die Wege einer
besonderen Entwickelung einzuschlagen begannen, bildete sich
ganz allmählich auch jener Riß, der seit dem Ausgang der
Staufer das Vaterland in zwei thatsächlich beinah getrennte
Hälften, ein süddeutsches Kaiserreich und einen norddeutschen
Bereich autonomer Weiterbildung zerlegt hat, der durch die
Bestrebungen der föderativen Reichsreform seit Schluß des
15. Jahrhunderts und die Einwirkungen der Reformation wie
späterer geistiger Bewegungen nur notdürftig überbrückt wurde,
und der noch heute innerhalb eines neuen Reichsverbandes sicht⸗
bar nachwirkt.
Zugleich aber ward mit dieser Verlegung des Schwer—
punktes nach Süden auch die äußere Politik eine andere. Die
nordischen und nordöstlichen Interessen traten zurück; Hein—
rich III. hat sich kaum noch um sie gekümmert. Hervor trat
demgegenüber das Bestreben, sich von dem süddeutschen Hoch—
land aus östlich und westlich über die Grenzen des Reiches
auszudehnen; nach Osten zu wurde Ungarn an das Reich ge—
fesselt, nach Westen zu Burgund.
Dauerhaft war von diesen Erwerbungen nur diejenige
Burgunds. Zwar blieb auch hier der deutsche Einfluß gering.
Nur die deutschen Landesteile des Reiches erfuhren ihn stärker;
in der Provence hat man in vorstaufischer Zeit von den
Deutschen kaum gehört; im Jahre 1081 hat Bertrand von der
Provence sein Land sogar ungestört dem Papst Gregor VII.
übertragen können. Und auch später, mit Ausnahme etwa der
staufischen Zeit, blieb der Zusammenhang der einzelnen Länder
Burgunds mit dem Reiche locker; gegen Schluß des Mittel—
alters wurden nur noch das Herzogtum Savoyen, die Bistümer
Basel und Besangon und die Grafschaft Burgund zu seinem
Verbande gerechnet.
Aber gleichwohl hat sich das Land unter kaiserlichem
Szepter wohl gefühlt; nur ungern sind seine einzelnen Teile
        <pb n="302" />
        Ausbau des römischen Reiches deutscher Nation. 287

in das französische Reich aufgegangen, und noch heute sollen
die Rhoneschiffer die beiden Uferlandschaften ihres Stromes
als Royaume und Empire unterscheiden.
Nützlich war der Verband Burgunds mit dem Reiche auch
uns. Der noch so lose Besitz verbürgte das Deutschtum der
westlichen Schweiz und schnitt, was noch wichtiger war, die
Ausdehnungsgelüste der Franzosen von den Landwegen nach
Italien ab. So ward Burgund recht eigentlich zum Riegel
jenes europäischen Reiches der Mitte, dessen Kernland von
unserem Volke bewohnt ward.
Denn längst war der Gedanke eines Universalreiches, wie
ihn die Ottonen gefaßt hatten, verflogen. Nicht ohne Grund hat
Heinrich II. die Legende des Reichssiegels, die unter Otto III.
„Renovatio imperii Romani“ gelautet hatte, in die bescheidenere
Fassung „Erneuerung des Frankenreiches“ verändern lassen. Den
Kaisern der ersten Hälfte des 11. Jahrhunderts, so sehr sie an
der überragenden Bedeutung des kaiserlichen Namens fest—
hielten, lag doch der Ehrgeiz einer thatsächlichen europäischen
Universalherrschaft fern. Nichts zeigt das deutlicher, als der
übereinstimmende Zug ihrer italienischen Politik. Wie weit
waren sie davon entfernt, den alten, von den Ottonen unter—
nommenen Kampf universalen Charakters mit Griechen und
Sarazenen auszufechten, obwohl sie es vielleicht ebensogut wie
ijhre Vorgänger vermocht hätten! Ihr Ziel war allein der
sichere Besitz Ober- und Mittelitaliens, der Zugangslandschaften
zur ewigen Stadt und zum Stuhle des heiligen Petrus.
Indem so an Stelle der alten universalen Pläne die be—
stimmte Kombination Deutschlands, Burgunds und Ober- und
Mittelitaliens zu einer Herrschaft trat, ward eine Reichsbildung
geschaffen, die Jahrhunderte hindurch als Römisches Reich
deutscher Nation allen Wechsel der Zeiten überstanden hat und
die thatsächlich in sich die Gewähr eines festen Reiches der
europäischen Mitte trug. Zu lose gefügt, um Eroberungspolitik
zu treiben, zu übermächtig, um grundlosen Angriffen offen zu
stehen, ist sie bis zu ihrem Verfall und ihrer Wesensveränderung
durch die spanisch-habsburgische Monarchie im 16. Jahrhundert
ein Segen der europäischen Entwickelung gewesen.
        <pb n="303" />
        288

Sechstes Buch. Viertes Kapitel.

War sie ein Segen der deutschen Entwickelung in gleicher
Weise? Die Frage ist mit den gegebenen Ausführungen schon
teilweis beantwortet. Der äußere Friede der Nation ist ge—
sichert gewesen, solange das Römische Reich in voller Kraft
seiner Teile zusammenhielt. Für die innere Entwickelung da⸗
gegen sind neben vielen erfreulichen auch schädliche Folgen nicht
zu verkennen. Hier sei nur eines, schon früh wichtig werdenden
Zusammenhangs gedacht.
Das ostfränkisch-deutsche Reich war über die Stämme hin—
weg begründet worden durch Ausstattung der Centralgewalt mit
Karlingischen, halb universal gedachten Verfassungseinrichtungen.
Die Verfassung bot ein System dar, das sozusagen halb in der
Luft schwebte und sich nicht unmittelbar und sicher auf Wirklich—
keiten bezog, ähnlich etwa wie die heutigen konstitutionellen Ver—
fassungen der Balkanvölker oder Japans. Diese Konstruktion
wurde niemals durch die Einwirkungen großen nationalen Un—
glückes, äußerer reinigender Niederlagen stark verändert, geläutert
und verbessert. Die Folge, unter der wir noch heute leiden,
war, daß der Nation der Sinn für die richtige Abmessung der
Staatseinrichtungen auf das Thatsächliche, die staatsmännische
Begabung, verloren ging. Die Führung der öffentlichen An—
gelegenheiten wurde deshalb nicht realistisch, sondern romantisch
betrieben, vorzüglich in den Blütezeiten des Reiches.
Es ist der Charakter, den die Politik fast aller unserer
Kaiser, von Heinrich III. bis Friedrich II. und weiter, atmet.
Darum gab es viel äußeres staatliches Leben in Friede und
Krieg, aber wenig Gesetzgebung, viel reiche Zeiten poetischen
Glanzes, aber keine langsam reifenden Perioden monarchischen
Fortschritts, viel große Erfolge, aber wenig Errungenschaften.
Vor allem aber wurde unter diesen Umständen die monarchische
Gewalt nicht mit den Mitteln einer intensiven, allgegenwärtigen
Einwirkung auf die Nation ausgestattet, die allein sie in den
Stand gesetzt haben würden, in jenem furchtbaren Kampf mit
der Kirche und der steigenden Frömmigkeit der Völker obzusiegen,
der schon in der ersten Hälfte des 11. Jahrhunderts drohend
emporstieg.
        <pb n="304" />
        Siebentes Buch.

Lamprecht, Deutsche Geschichte II.
        <pb n="305" />
        Erstes Kapitel.

Kirche und Reich in der ersten Hälfte des
Aften Jahrhunderts.

14.

Kaiser Heinrich II. war von unseren frühen Herrschern
weitaus der gelehrteste. Ursprünglich, nach der Absetzung seines
Vaters vom bairischen Herzogtum, wie wohl auch infolge eines
körperlichen Fehlers zum Kleriker bestimmt, hatte er unter dem
Bischof Wolfgang von Regensburg, dem Apostel der Ungarn,
eine treffliche geistliche Erziehung genossen. Von da blieb ihm
geistiges und religiöses Interesse sein Leben lang. Zwar war
er kein Verächter auch weltlicher Vergnügungen. An seinem
Hofe war, nach dem Bericht wenigstens eines cluniacensischen
Frommen, beständiger Festtag; fahrendes Volk stellte seine Künste
zur Schau, und die Fürsten ergötzten sich gelegentlich an Impro—
visationen etwas urzeitlicher Art, ließen etwa einen mit Honig
bestrichenen Mann von einem Bären ablecken! u. dergl. mehr.
Indes, König Heinrich verharrte in ruhiger Laune, verwies
ein geistlicher Mahner solch unreines Beginnen; er blieb trotz
allem geistlich gesinnt und stellte sich zum religiösen Leben fast
in der Weise eines Klerikers. Streng hielt er die zahlreichen
Vorschriften der kirchlichen Sitte; in unterwürfigen Formen
nahte er sich den Vätern der Kirche; geneigt war er stets zu
gutem Werk in Schenkung und Almosen um so mehr, als die
Natur seiner Ehe Nachkommenschaft versagt hatte.
Vita Popponis Stabulensis c. 12 88. XIL801.
10 *
        <pb n="306" />
        292

Siebentes Buch. Erstes Kapitel.

Aber der König, den die Kirche mit seiner Gemahlin in
den Kreis der Heiligen zu treten gewürdigt hat, war gleichwohl
alles andere als ein Pfaffenkönig. In Kenntnis der kirchlichen
Verwaltung dazu erzogen, Erfolge in der Selbstzucht und Er—
gebung langen Wartens zu zeitigen, zäh und ausdauernd, diente
er der Kirche, um sie zu beherrschen. Gegenüber der deutschen
Hierarchie war er der Vollender der von Otto dem Großen ein⸗
geleiteten Politik, die in den Bischöfen die wichtigsten Ver—
waltungsbeamten sah. Und um diese Politik durchzuführen,
griff er um so rücksichtsloser ein, je untadliger seine Frömmig—
keit in Gottesdienst und guten Werken erfunden ward.
In Sachen der Bischöfe kehrte er sich nicht im geringsten
an verbriefte oder nicht verbriefte freie Wahl. Er besetzte die
Bistümer von sich aus und zumeist mit Klerikern feiner
Kanzlei!: erfolgreiche Kandidaten der Diözesen mußten wenigstens
vorher in der Kanzlei die Regierungsanschauungen des Königs
kennen gelernt haben.
Noch eigenartiger verfuhr Heinrich mit den Reichsabteien.
Die großen Abteien waren im 9. und 10. Jahrhundert recht
eigentlich die Träger der lateinischen Bildung und damit not⸗
wendige Hilfsmittel der christlichen Lehre und Mission gewesen.
Da nun Bildung im früheren Mittelalter nur mit außerordent—
lichen Kosten zu erwerben und zu erhalten war, so war es
gerechtfertigt gewesen, sie von Anbeginn mit starken materiellen
Zuwendungen zu bedenken. Aber jetzt fanden die Einnahmen
der Klöster, durch die wirtschaftlichen Fortschritte des 8. bis
11. Jahrhunderts noch vervielfacht, nicht mehr die alte Ver—
wendung. Die Mission verfiel; Träger der kirchlichen Bildung
wurden immer mehr die Domstifter?; viele Abteien ver—
kümmerten geistig bei steigendem Reichtum.
Demgegenüber hielt der fromme König Heinrich eine geist⸗
liche Reform und zugleich einen finanziellen Aderlaß der Klöster
zu Gunsten des Reiches für angebracht. Er verfuhr in dieser

mUnter den 10 von ihm eingesetzten Erzbischöfen haben 6 vorher
dem Hofklerus angehört: Hauck III 404.
2 S. oben S. 220.
        <pb n="307" />
        Kirche und Reich in der ersten Hälfte des elften Jahrhunderts. 298

Richtung mit einer Art jovialer Offenheit; äußert sich doch eine
seiner Urkunden für die Abtei Fulda dahin, es thäte Not, daß
die Kirchen viel Gut besäßen: denn wem viel gegeben ist, dem
kann viel genommen werden. Demgemäß hatte Heinrich schon in
Baiern als Herzog den Klöstern strengeres Leben vorgeschrieben
und ihre volle Abhängigkeit gegenüber der Landesgewalt be—
gründet. Ähnlich verfuhr er als König mit den großen Reichs—
abteien, mit Hersfeld, Reichenau, Fulda, Korvey; doch hielt
er es auch für keinen Raub, die kleinen Klöster zu schröpfen.
Bisweilen schlug er in einfachem Gewaltakt einen Teil des
Klostergutes zum Fiskus; wo er zuvorkommender war, wartete
er einen Abtswechsel ab, ernannte einen ihm als reformfreund—
lich bekannten Mann zum Nachfolger des verstorbenen Abtes,
freute sich, wenn dieser die üppigen Mönche knapp hielt, und
war noch zufriedener, wenn ein Teil der Insassen entwich, also
daß er den durch ihr Weglaufen überflüssig gewordenen Teil
der Einnahmen dem Reichssäckel zuweisen konnte. Im Jahre
1023 entzog er z. B. der Abtei St. Marimin bei Trier
6656 Hufen und befreite sie dafür von Heer- und Hoffahrt.
Wollte er Geistliches und Weltliches gänzlich von einander
trennen, zum Heile beider? Jedenfalls lief diesen Maßregeln
meistens eine geistliche Reform des Klosters zur Seite: denn
auf eine Stärkung christlicher Interessen kam alles heraus, was
Heinrich in kirchlichem Sinne unternahm.
Keine That Heinrichs spricht hierfür lauter, als die Be—
gründung des Bistums Bamberg. Zwar war es fast zur
Gewohnheit geworden, daß jeder deutsche König ein Bistum
stiftete; Otto der Große hatte die Elbdiözesen hergestellt, unter
die Regierung Ottos II. fällt die Ausstattung von Prag, unter
jene Ottos III. die von Gnesen, und die Salier haben später—
hin wenigstens das arme Bistum Speier bis zu voller Lebens—
fähigkeit bereichert. Doch Heinrich II. war seine Stiftung in
besonderem Grade Herzenssache, ohne daß er doch damit den
Weg nationaler Politik verlassen hätte. Da, wo die Slawen
sich ohne viel Aufsehens weit ins deutsche Land vorgeschoben
hatten, in den oberen Maingegenden, in Anlehnung an die
        <pb n="308" />
        294 Siebentes Buch. Erstes Kapitel.

Burg Bamberg, begründete er das Bistum seines Wunsches.
Schon früh begann er unterhalb der Burg einen Dom von
reichem, etwas barbarischem Schmuck zu erbauen; im Jahre
1007 schenkte er dann der Kirche sein Gut und zahlreiche
Abteien in den umliegenden Gauen. Vollendet ward die Stif—
tung unter langwierigen Kämpfen gegen die Nachbarbischöfe
erst im Jahre 1020.
Inzwischen hatte sich in Bamberg längst das regste geist—
liche, gelehrte und künstlerische Treiben entfaltet. Aufs frei—
gebigste hatte Heinrich die Kirche sofort mit einer Bibliothek
ausgestattet und die Altäre mit jenen kostbaren Prunkhand—
schriften bedacht, deren Miniaturen zu dem Besten gehören, was
uns vom Wesen deutscher Kunst aus diesem Zeitalter überliefert
ist. Auch späterhin pflegte der Kaiser seine Stiftung weiter
im Geiste der ersten Liebe. Ja selbst im Tode wollten er wie
seine Gemahlin dem Stifte und der bald an Stift und Burg
angelehnten Stadt zugehören. Noch heute wird ihr Grabmal
dort gezeigt, nie ist ihr Andenken erloschen, und anders als
sonst eine deutsche Stadt ist Bamberg die Stadt eines Kaisers,
die Stadt des heiligen Heinrich.

II.

Während Heinrich II. die Reform und Umgestaltung der
deutschen Kirche teilweis nach eigenem Plane und bisweilen
ohne Rücksicht auf das kirchliche Recht zu treiben begann, ward
er in den späteren Jahren seiner Regierung immer nachhaltiger
von den geistigen Strömungen berührt, die von Frankreich her,
unter Überholung der deutschen Askese in Lothringen und am
Rhein, die deutschen Köpfe umspülten.
In Frankreich herrschte etwa seit Ausgang des 10. Jahr—
hunderts das asketisch-hierarchische Ideal Clunys1. Während
die deutsche Askese des 10. Jahrhunderts an sich nicht auf Uni⸗
formierung der Geister drängte, sondern nur ein höchstes Lebens—
ideal aufstellte, dessen Forderungen nachzustreben jedem nach

S. oben S. 232.
        <pb n="309" />
        Kirche und Reich in der ersten Hälfte des elften Jahrhunderts. 295

dem Maße der eigenen Kräfte überlassen blieb, war in Cluny
die Richtung der Erziehung schon früh unter Abstoßung mancher
asketischen Momente auf geistige Uniformierung, religiöse Dressur
gegangen. Nicht als ob eine Individualisierung auch der wissen—
schaftlichen Arbeit völlig verboten gewesen wäre; wenigstens an—
fangs war Cluny den gelehrten Studien nicht abhold'. Eine
reiche Cluniacenserlitteratur entwickelte sich allmählich, an der
alle großen Abte beteiligt waren. Wohl aber ging das prak—⸗
tische Lebensideal nur auf die Ausbildung derjenigen Charakter—
eigenschaften, die vollste Unterwerfung unter die Befehle der
Obern und deren peinlich genaue Ausführung verbürgten.
Darum herrschte in den Klöstern cluniacensischer Richtung das
strengste Gebot des Schweigens vornehmlich da, wo harmloses
Gespräch am Platze schien, beim gemeinsamen Mittagstisch, in
der Küche, im Schlafsaal: es trennte die Gemüter und weckte
den Hang zu Mißtrauen und Fanatismus. Darum bestand
das Gebot gegenseitiger Liebe in dem Sinne, daß jedem Mönch
das Recht der eignen Persönlichkeit im Verkehr mit den Mit—
mönchen genommen ward: jede spontane UÜbernahme der
Empfindungen von einem Genossen auf den andern sollte ver⸗
mieden werden; jede heitere Stimmung war verpönt, jede
Gegenwirkung auf Spott und Schimpf verboten. Darum
endlich galt das Gebot unbedingten Gehorsams gegenüber allen
Maßnahmen der Obern schließlich bis zu dem Grade, daß die
Mönche auf Befehl auch von einem guten Werke ablassen
mußten, um des Gutes des Gehorsams willen?.
Da versteht es sich, daß die Äbte von Cluny in ihrem
Kreise Despoten waren, während der heilige Benedikt der Vater
seiner Mönche hatte sein wollen. Sie befahlen allen, besetzten
jede Würde des klösterlichen Lebens aus freien Stücken und
straften aus eigener Gewalt. Die Strafen aber waren entehrend:

m Vgl. noch über Odilo 88. 4, 683, 3. 87. — Sackur, Cluniacenser
J (1892) S. 254 f. II (1894) S. 8328 ff.
2 Ladewig, Poppo von Stablo S. 9 Anm. 2. Vgl. den Satz: Nulla
scientia est magis necessaria, quam scire oboedire; Martène, Thes.
anecd. 5. 159 b.
        <pb n="310" />
        296 Siebentes Buch. Erstes Kapitel.

Vorwürfe vor versammeltem Kapitel, Geißelung, Kerker mit
Fasten. Und nie ward ein Versehen vergeben, ehe der Schuldige
nicht außer seiner Strafe noch in demütigender Form um Ver—
zeihung gebeten hatte.
Abgeschlossen waren diese Gedanken etwa gegen Ende des
10. Jahrhunderts. Seit dieser Zeit liegt auch die Bestimmung
des Nachfolgers ganz in der Hand des regierenden Abtes; von
einer Einwirkung der mönchischen Genossenschaft ist keine Rede
mehr. Es war damit die Tradition um so mehr gesichert, als
in den Jahren 994 bis 1109 nur zwei Äbte regiert haben,
Odilo und Hugo. Seit Odilo aber begannen die einzelnen
Klöster der cluniacensischen Richtung zu einem großen Ver⸗
bande zusammenzuschießen, an dessen Spitze bald allherrschend
der Abt von Cluny stand: die alte absolutistische Idee für
die Verfassung des Einzelklosters wurde gekrönt durch den
hierarchischen Gedanken des Gesamtverbandes. Auch die kirch⸗
lichen Mißbräuche fanden bei den Cluniacensern Beachtung.
Doch bedurfte es nicht erst der französischen Mönche, um
die Bekämpfung der Priesterehe und der Simonie in Szene
zu setzen.
Das Reformprogramm knüpfte mit seinen Forderungen in
dieser Richtung an die Ideale des Mönchtums überhaupt an;
im Verbot der Priesterehe suchte man das mönchische Gelübde
der Keuschheit, im Verbot der Simonie die mönchische Auf⸗
fassung der Armut und Uneigennützigkeit auf den weltlichen
Klerus zu übertragen.
Die Ehelosigkeit der Priester war eine alte Forderung der
Asketen; schon im 4. Jahrhundert ist sie erhoben worden. Neu
war nur die Bezeichnung der verheirateten Priester als Niko—
laiten, d. h. als Häretiker, während dieser Name früher, im
2. Jahrhundert, nur eine gnostische Sekte bezeichnet hatte, die
infolge besonderer, abweichender Lehren u. a. auch die Teil—
nahme an den Bacchusfesten gestattet hatte. Für Deutschland
bedeutete das eine gänzliche Umwälzung: denn gerade hier war
die Priesterehe bis tief ins 11. Jahrhundert hinein weit ver⸗
breitet.
        <pb n="311" />
        Kirche und Reich in der ersten Hälfte des elften Jahrhunderts. 297

Viel tiefer noch schnitt in die Verhältnisse der Kirche und
zumal der deutschen Laienwelt die Forderung nach einem Ver—
bote der Simonie ein. Die Simonie, das Verbrechen des
Magiers Simon (Apostelgeschichte 8, 18 ff.), geht ursprünglich
nur auf den Verkauf des heiligen Geistes, d. h. geistlicher
Weihen und Wirkungen, und ist als solche ein uralter Schand—
fleck des Klerus; schon im 53. Jahrhundert stellte Kaiser
Glycerius fest, daß der größte Teil der bischöflichen Weihen
um Geld, nicht Verdienste halber erworben wurde. Aber seit
Entstehung der germanischen Kirchen wurde der Begriff ver—
schoben. Seitdem wurden vielfach Kirchen von Laien begründet
und ausgestattet. Damit erhielten die Stifter nach germanischem
Rechte das Eigentum ihrer Kirchen und als dessen Ausfluß das
Ein- und Absetzungsrecht des geistlichen Vorstehers und das
Veräußerungsrecht des geistlichen Gutes. Namentlich galt das
für die Könige als Begründer der Bischofssitze. Nun sahen
aber die Stifter dies ihr Kirchengut und die damit verbundenen
Besetzungsrechte an wie irgend ein anderes finanzielles Recht:
sie brachten die Kirchen in den gemeinen Wirtschaftsverkehr zu
Kauf und Tausch, sie veräußerten um Geld die kirchlichen Stellen.
Es war ein, vom kirchlichen Standpunkte aus betrachtet, un—
würdiger Vorgang; zudem ward der Kirche die Verfügung über
einen großen Teil ihres Personals und ihres Nutzbesitzes ent⸗
rissen. Die Kirche suchte sich darum dieser Folgen zu erwehren,
indem sie ihrerseits den Grundsatz aufstellte, Kirchengut sei un—
antastbar; auch eine Einweisung (Investitur) in dessen Nutzung
durch Laien sei nicht gestattet. Und um diesen Grundsätzen
zum praktischen Siege zu verhelfen, erweiterte die Kirche schließ—
lich den Begriff der Simonie dahin, daß er sich nunmehr auch
auf die Übertreter des Investiturverbotes beziehen sollte, auch
wenn keinerlei Simonie im alten Sinne, d. h. keinerlei Geld—
geschäft bei der Besetzung, vorgekommen war.
Es war die Richtung, in der sich die Forderungen der
Freunde der Reform seit der Wende des 10. und 11. Jahr—
hunderts bewegten, wenn sie auch vor der Schrift des Kardinals
Humbert noch nicht zu voller Klarheit gediehen waren. Und
        <pb n="312" />
        298 Siebentes Buch. Erstes Kapitel.

schon begannen die Anhänger Clunys darüber hinaus das
Ganze des Verhältnisses zwischen Kirche und Staat, zwischen
Sacerdotium und Regnum ins Auge zu fassen. Sie waren
damit keineswegs schon gemeint, das Regnum oder Imperium
ohne weiteres als ungöttlich zu verwerfen, wie das später wohl
geschah; sie bedurften seiner noch zu sehr und erkannten es
darum voll an unter der Voraussetzung, daß es die Kirche
schütze. Es waren eben wesentlich nur religiöse, noch keine
kirchenpolitischen Gründe, welche die Cluniacenser bewogen, für
die Durchsetzung des päpstlichen Primats und teilweise auch
schon für die Autorität des geistlichen Rechts einzutreten. Nicht
eigentlich der Staat, sondern der vielfach verweltlichte Episkopat
war der Feind, den sie bekämpften.
Nach Deutschland kamen diese Lehren auf doppeltem Wege,
durch Verquickung mit der lothringischen Reform und durch
unmittelbare Verbindung mit dem königlichen Hofe.
In Lothringen blühte zwar die alte Askese einheimischen
Ursprunges noch weiter und entfaltete auch ihrerseits vielen
Eifer in der Besserung verfallener Klosterzucht. Allein über sie
hinweg ergoß sich doch immer mächtiger, sie beherrschend und
zerstörend, die cluniacensische Strömung um so mehr, als sie
von den Sympathieen vieler Bischöfe des Westens, Gerards
von Cambray, der Lütticher Bischöfe, Adalbolds von Utrecht,
Piligrims von Köln u. a. getragen ward. Einer ihrer ersten
großen Vertreter ist Wilhelm von Dijon; er reformierte schon
die alten Klöster der lothringischen Askese, Gorze, St. Arnulf,
St. Clemens und St. Peter zu Metz. Ihm folgte dann vor
allem Richard, ein Freund des Grafen Friedrich von Verdun
und des hohen westfranzösischen Adels; ganz erfüllt von den
Idealen Clunys, führte er im Jahre 1004 die Reform der
Schottenabtei St. Vannes in Verdun durch und ward Abt
dieses Klosters, um vier Jahre darauf den cluniacensischen
Geist nach Flandern zu tragen, vom Grafen Balduin zur
Reformation des Klosters St. Vaast in Arras berufen.
Durch Richard von St. Vannes wurde auch König Hein⸗
rich II. in die Kreise cluniacensischen Denkens eingeführt, so
        <pb n="313" />
        Kirche und Reich in der ersten Hälfte des elften Jahrhunderts. 299

ungeistlich auch vielfach seine Klosterpolitik sein mochte; beide
waren einander befreundet. Bezeichnend ist eine spätere Legende,
wonach Heinrich die Aufnahme als Mönch in St. Vannes
begehrt haben soll. Richard habe ihn aufgenommen und zum
Gehorsam verpflichtet: aber nur um ihm zu befehlen, daß er
sofort in seine weltliche Würde zurücktrete. In der That hätte
Heinrich als Mönch der cluniacensischen Strömung niemals
soviel nützen können, wie er es bei seinen Gesinnungen als
Herrscher gethan hat. Die Cluniacenser wußten das wohl;
schon auf dem zweiten Römerzuge, noch vor der Kaiserkrönung,
erschienen Abt Odilo von Cluny und Hugo von Farfa, der
cluniacensische Reformator Italiens, in seiner Umgebung.
Und in den letzten Jahren Heinrichs begannen die Hoff—
nungen der Cluniacenser sich zu verwirklichen. Vor allem be—
gann der Kaiser in Deutschland für die Sache der Reform zu
wirken. Unter seinem Vorsitz wurde im Jahre 1019 zu Goslar
ein Provinzialkonzil abgehalten, auf dem, gegen den Wider—
spruch einiger Bischöfe, die Bestimmung durchgesetzt ward, daß
freie Ehefrauen von Priestern hörigen Standes und deren
Kinder hörig werden sollten. Es war eine Neuerung gegenüber
dem bisherigen, den Frauen günstigeren Brauche.
Im Jahre 1022 hielt Papst Benedikt VIII. in Pavia
eine Reformsynode ab, die sich namentlich mit der in Italien
damals ziemlich gewöhnlichen Priester- und Bischofsehe be—
faßte; sofort wurden ihre Bestimmungen von Heinrich als
kaiserliches Gesetz für Italien verkündet.
Gegen die cluniacensisch-romanische Fassung der Reform—
ideen verhielt man sich damals in Deutschland noch ganz ab—
lehnend, und das Ansehen des Papstes beruhte nach wie vor nur
auf seiner moralischen Autorität: er war Richter des Glaubens
und Hüter des Rechtes: hatte doch noch Widukind in seinem
Geschichtswerk nicht den Papst, sondern den Mainzer Erzbischof
als Pontifex maximus bezeichnet, war doch im ganzen 9. und
10. Jahrhundert selbst der bloße Ehrenvorsitz päpstlicher Legaten
in deuischen Synoden selten gewesen, und wurde doch der ver—
fassungsmäßige Zusammenhang zwischen der deutschen Kirche
        <pb n="314" />
        300 Siebentes Buch. Erstes Kapitel.

und dem Papsttum bisher durch kaum eine andere Einrichtung
gewährleistet, als durch die feierliche Ubersendung des Palliums
von Rom an die deutschen Erzbischöfe: doch galt dessen Dar—
reichung als ein rein formeller Akt und war Jahrhunderte
hindurch niemals verweigert worden.
Einen Anlaß zu Zwistigkeiten gab erst die Ehefrage des
Grafen vom Hammerstein, jener dunkelragenden, schicksalsreichen
Burg am Rheine bei Andernach. Otto hatte eine nahe Ver—
wandte, vermutlich aus dem Hause der Ardennergrafen, die
schöne Irmgard, geheiratet, trotz kirchlichen Eheverbots. Wieder⸗
holt hatte er dann geistlichen und synodalen Mahnungen ge—
trotzt, und als sich König Heinrich selbst im Jahre 1020 der
Sache annahm und den Hammerstein brach, da war er als
kirchlich Gebannter und Reichsächter zugleich mit seinem Weibe
ins Elend gezogen, ohne von ihr zu lassen.
Nun sollte eine neue Synode in Mainz, zu Pfingsten 1023,
über sie entscheiden. Das Paar stellte sich; Otto fügte sich
dem trennenden Spruche der Väter; Irmgard aber wanderte
von dannen nach Rom, den Papst um ein anderes Urteil
zu bitten.
Dieser Schritt veranlaßte Aribo, auf einer Provinzial—⸗
synode zu Seligenstadt durch die deutschen Bischöfe eine Anzahl
von Sätzen beschließen zu lassen, die für Mainz eine Stärkung
der Metropolitangewalt bringen sollten. Niemand soll ohne
Erlaubnis seines Priesters oder Bischofs nach Rom gehen;
mit kirchlichen Strafen Belastete sollen büßen, ehe sie mit Er—
laubnis ihrer geistlichen Vorgesetzten zum Papste wandern.
Aber das war altes kirchliches Recht, und von einer prinzi—
piellen Gegnerschaft gegen den Papst konnte damals noch keine
Rede sein.
Heinrich II. hielt gegenüber diesen immerhin eigenartigen
Versuchen fest am Zusammenhang mit dem Papst und an der
Pflicht allgemeinen, kaiserlichen Eingreifens; später bereitete er
im Einverständnisse mit dem Papst und dem König Robert von
Frankreich ein in Pavia abzuhaltendes Generalkonzil vor zur
allgemeinen Reformation der abendländischen Kirche. Dem
        <pb n="315" />
        Kirche und Reich in der ersten Hälfte des elften Jahrhunderts. 301

parallel ging der Papst gegen Aribo vor: er hob das Urteil
der Mainzer Synode in der Ehesache des Grafen von Hammer⸗
stein auf, und er sprach dem Erzbischof das Pallium ab, das
von Rom verliehene Abzeichen erzbischöflicher Wurde. Eine
— Aribo sich
ihr gegenüber zu verhalten habe, darüber sollte eine Provinzial⸗
synode in Höchst entscheiden. Ob sie aber jemals zusammen⸗
—
Zuffraganbischöfe in einem Schreiben an den Papst die Nach⸗
richt über die vom Papste verfügte Rücknahme des Mainzer
Palliums für unglaubwürdig erklärt und in unmißverständlichen
Worten die Anerkennung des über Irmgard verhängten Bannes
gefordert. Der Ton des Briefes war bestimmt, aber doch von
trotziger Auflehnung weit entfernt!. In Rom hat man das
Schreiben wohl gar nicht beachtet.
Da starb Papst Benedikt; ihm folgte, simonistisch erhoben,
der zehnjährige Johann XIX. Wenige Wochen darauf schied
auch Kaiser Heinrich aus dem Leben, und über seinem Grabe
erhob sich drohend die Frage nach der dynastischen Zukunft
des Reiches.

III.

Konrad II. war nicht geneigt, die kirchliche Reformpolitik
seines Vorgängers fortzusetzen; er war ziemlich indifferent gegen—
über den sich kreuzenden Ansprüchen der Reform und des alt—
ottonischen Kirchentuums. Daß er der allmächtige Herr der
deutschen Kirche war, zeigte seine selbständige Erledigung eines
alten Streites, der wegen des Nonnenklosters Gandersheim
zwischen Mainz und Hildesheim ausgebrochen war. Obwohl
Heinrich II. hier schon zu Gunsten Hildesheims entschieden
hatte und obwohl die Suffragane des Mainzer Erzbistums
ähnlich beschlossen, verfügte Konrad II. von sich aus anders,
und dem Bischof Godehard von Hildesheim blieb schließlich
nichts anderes übrig, als sich zu fügen.

1 Jafsé, Mon. Mog. S. 862 f. Dersch, Aribos Kirchenpolitik, Marb.
Diss. 1899. S. 27 ff.
        <pb n="316" />
        302 Siebentes Buch. Erstes Kapitel.

Im ganzen schienen mit dem Thronwechsel friedliche Zeiten
zu nahen. Indes eben diese Zeit der Ruhe diente den Clunia—
censern zu der umfassendsten Ausbreitung ihrer Ansichten. In
den Vordergrund tritt hier Poppo von Stablo, der geistliche
Günstling Giselas, der frommen und abergläubischen Gemahlin
König Konrads. Von Richard von St. Vannes dem Reform—
geist gewonnen, trat der gelehrige Niederlothringer als Mönch
in das Kloster St. Vannes, reformierte von dort aus nach dem
Vorbilde seines Abtes wiederholt St. Vaast, ward Propst im
Kloster Beaulieu, das er, ein gewandter Architekt, prächtig aus⸗
baute, und endlich Abt von Stablo. Und nun begann er von
diesem Kloster der deutsch-wallonischen Grenze entlang eine
umfassende Wirksamkeit im Reiche. Seit 1023 Abt von
St. Maximim bei Trier und als solcher Kapellan der Königin,
gründete er im Jahre 1025 das salische Familienkloster Lim—
burg a. d. Hardt, reformierte darauf die alten Reichsabteien
Echternach im Luxemburgischen, St. Ghislain im Sprengel von
Cambray, Hersfeld, Weißenburg und St. Gallen, und ver—
breitete das cluniacensische Leben in einer Fülle von anderen
Klöstern im Gebiete des Rheinstroms. Denn hier vor allem
war er zu Hause; hier zeugt noch heute eine Reihe prächtiger
Abteikirchen von seiner gleich rastlosen künstlerischen Thätigkeit.
Neben ihm aber durchwehte jetzt überall am Rheine, wenn auch
vornehmlich in den Landschaften des linken Ufers, cluniacen—
sischer Geist die Zustände der älteren heimischen Reform, und
die Grenzbistümer des Reiches, Metz, Toul, Verdun, Cambray,
sielen ihm besonders zum Opfer.
Und schon beschränkte sich das neue Leben nicht mehr bloß
auf die Kirche und kirchlich gesinnte Laien; es begann die
gesamte überhaupt von allgemeineren Interessen bewegte Be—
völkerung zu ergreifen.
Liest man die nationalsten unserer Geschichtsschreiber dieser
Zeit, einen Thietmar oder Wipo, so fällt auf, daß die von
ihnen geschilderte Laienwelt von keinem großen Ideal bestimmter
Lebensanschauung mehr getragen erscheint, außer vom kirch⸗
lichen: längst war das alte germanische Lebensideal zersetzt,
        <pb n="317" />
        Kirche und Reich in der ersten Hälfte des elften Jahrhunderts. 303

die Kirche war zum einzigen Herd allseitiger Ideenbildung auch
für die Laien geworden. Seitdem sich unser Volk in eine
Nation von Ackerbauern verwandelt hatte, war die Kirche ihm
als größte Grundbesitzerin nahe getreten in den Sorgen des
leiblichen Daseins; seinen genossenschaftlichen Trieben hatte sie
Raum geschaffen in einer Pfarrverfassung, die sich der Laien—
gemeinde weitherzig öffnete, und seine Standesbildung begann
sie für die unteren Klassen mit dem sozial lösenden, befreienden
Hauch ihres Geistes zu durchwirken. Daneben schob sie ihre
Gerichtsbarkeit immer tiefer in die bewegenden Fragen des welt—
lichen Daseins; Ehebruch und andere geschlechtliche Vergehen,
Raub und Diebstahl, Betrug und Wucher, Meineid und falsches
Zeugnis, welches Verbrechen nur immer in besonderem Sinn
als „Sünde“ gedeutet werden konnte, das unterzwang sie ihrem
Spruche. Eben in dieser Richtung waren seit Mitte des
9. Jahrhunderts gewaltige Fortschritte gemacht worden: die
pseudoisidorischen Fälschungen begannen zu wirken, und im
Sendgericht, dem seit Heinrich II. der Archidiakon zu präsi—
dieren begann, ward die Kirchendisziplin in stets geschlossenerer
Organisation verwirklicht. Und wie wußte die immer asketischer
gesinnte Geistlichkeit diese Mittel zu nützen! Der heilige Ulrich
von Augsburg durchreiste andauernd seinen Sprengel auf rinder—
gezogenem Wagen; oft sprach er Recht bis ins Dunkel der
Nacht, und noch bei dem Scheine spärlichen Fackellichts durch⸗
spürte er die kanonischen Satzungen.
Wie mußte da die Kirche mit der neuen Weltanschauung
asketischer Frömmigkeit auf die Laien wirken! Mit ihrer Lehre,
ihren mystischen Weihegnaden trat sie jetzt noch ganz anders in
den Mittelpunkt alles höheren Strebens; jeder Idealismus er—
goß sich auf kirchliches Gefild. So ward die Kirche der, Wunsch“
dieser Zeitlichkeit selbst; als erhabene Jungfrau mit siegendem
Antlitz und strahlender Krone stellte die Kunst sie dar, und
Pier Damiani, der große Fromme der gregorianischen Zeit,
spricht es einmal aus: nach dem heiligen Kreuze Christi, nach
der heiligen Jungfrau und nach den heiligen Engeln giebt es
auf Erden und im Himmel nichts Erhabeneres als die Kirche.
        <pb n="318" />
        304 Siebentes Buch. Erstes Kapitel.

Solche Anschauungen mußten natürlich zurückwirken auf
die Stellung des Klerus. Sie gaben den Geistlichen ein un—
gemein gesteigertes Standesbewußtsein; sie zerschnitten die Zu—
sammenhänge des Standes mit anderen Ständen, mit dem
Staat, mit der Familie.
Und doch erschienen selbst die höchsten Mitglieder dieses
Standes, die Bischöfe, wenigstens in Deutschland noch als Be—
amte des Königs! Von jeher hatte das Kirchenrecht, soweit
es mit germanischen Anschauungen durchsetzt war, an ihrer
Ernennung durch den König festgehalten trotz der kanonischen
Forderung der freien Wahl; dann war unter den Ottonen und
Heinrich II. ihre Beamtennatur noch weiter ausgeprägt und
—DDDD—
Kirchengut überhaupt noch stärker betont worden; unter Kon—
rad 11. endlich war das längst übliche Geschenk des neu er—
nannten Bischofs an den König mehr wie je zu einer Art
Kaufpreis für das Amt entwickelt worden. Es war ein un—
haltbarer Zustand gegenüber der sozialen Achtung, die sich der
Klerus immer mehr errang, und schon wurde er von der
Reformströmung als simonistisch verworfen.
Der volle Aufschwung dieser Anschauung fällt in die Zeit
Heinrichs II1. Und Heinrich, von seiner Mutter Gisela fromm
erzogen, kam ihr in wichtigen Punkten entgegen. Zwar er—
nannte auch er nach wie vor Bischöfe, doch vermied er den
gang und gäbe gewordenen Verkauf ihres Amtes. Und während
sich auch die kirchliche öffentliche Meinung noch nicht unmittel—
har gegen die Ernennung der Bischöfe durch den König aus—
sprach, hat er bereits in wichtigen, mit der Ernennung zu—
sammenhängenden Fragen gelegentlich nachgegeben. Als er im
Jahre 1046 zu Speier den eluniacensisch gesinnten Abt Halinard
von St. Benignus zu Dijon mit dem Erzbistum von Lyon
belehnen wollte, weigerte sich dieser, dem König den Treueid
zu leisten: das sei gegen das Gebot Christi und gegen das des
heiligen Benedikt. Der König war schwach genug, selbst gegen
den Rat des Speierer Bischofs den Grund gelten zu lassen.
Nicht minder bedenklich war ein anderer Fall, der sich fast
        <pb n="319" />
        Kirche und Reich in der ersten Hälfte des elften Jahrhunderts. 805

gleichzeiig abspielte. Im Jahre 1045 war der Kölner
Kanonikus Widger vom König mit dem Erzbistum Ravenna
belehnt worden, hatte sich aber noch nicht weihen lassen, gefiel
überhaupt den Reformfreunden nicht. Er wurde deshalb ge⸗
legentlich der Achener Pfingstsynode vom Jahre 1046 vor den
König geladen. Hier aber bestritt Bischof Wazo von Lüttich,
einer der energischsten Anhänger der in Lothringen heimischen
streng kanonischen Richtung, dem König das Recht, einen
Bischof zu laden und zu verhören: das gebühre allein dem
Papste. Heinrich gab nun in diesem Falle allerdings nicht
unmittelbar nach; aber er setzte sein Recht auch nicht in vollen
Augenschein, sondern veranlaßte vermutlich, daß Widger frei—
willig zurücktrat. Schlimmer war es, daß diesmal alle deutschen
Bischöfe, die gegenwärtig waren, sich auf die Seite Wazos
stellten. Und so viel ergab sich immerhin aus dem einen wie
dem andern Falle, daß König Heinrich nicht der Mann war,
dem Andrängen der Reform entgegenzutreten. Und hätte er
es wirklich versucht: würde es ihm gelungen sein? Er würde
gekämpft haben gegen in sich legitime Forderungen, die von
der ganzen Wucht einer erregten öffentlichen Meinung anfingen
getragen zu werden; er würde aufgestanden sein gegen eine
religiösse Bewegung, in deren Formen die höhere Kultur des
französischen Westens zum erstenmal analoge, nur in späterer
und langsamerer Bildung begriffene Strömungen des deutschen
Geisteslebens zu überfluten drohte. Die Mittel, welche die
deutsche Monarchie hiergegen zur Verfügung stellen konnte,
waren äußerlicher, rein politischer Art, incommensurabel der
Ideenmacht der Reform: die Zeit Heinrichs IV. hat gezeigt,
daß ihnen der Sieg niemals beschieden war.

IV.

Während in Deutschland die Macht der Reformideen den
höchsten weltlichen Vertreter der Christenheit voll ergriffen hatte,
schien in Rom ihr Sieg noch in weiter Ferne. Auf dem Stuhle
Petri saß in den ersten Jahren Heinrichs III. ein Mensch, der
Lamprecht, Deutsche Geschichte II. 90
        <pb n="320" />
        306 Siebentes Buch. Erstes Kapitel.

selbst den Römern allzu lasterhaft erschien, Benedikt IX. Gegen
Schluß des Jahres 1044 ward er verjagt; an seiner Stelle
wählte man nach mannigfachem Aufruhr im Februar 1045 den
Bischof Johann von S. Sabina unter dem Namen Silvesters III.
Johann war reich; seine Mittel erhielten ihn fast zwei Monate
auf dem päpstlichen Throne. Dann war man in Rom seiner
überdrüssig und berief Benedikt IX. zurück. Benedikt aber
verkaufte das Papsttum um 1000 Pfund Silbers an den Erz⸗
priester Johannes Gratianus, nun Gregor VI. genannt, doch
ohne nachträglich selbst zu verzichten. So gab es drei Päpste
auf einmal; zu gleicher Zeit sollen sie gelegentlich in Rom
residiert haben: ein greuliches Schisma zerriß die Kirche.
Doch der Ausweg schien gegeben. Von den drei Päpsten
erfreute sich Gregor VI. eines guten Rufes; die strenge Rich—
tung war erbaut, ihn als Papst zu sehen; Pier Damiani, das
Haupt der italienischen Askese, begrüßte den Anfang seines
Pontifikats als die Bürgschaft besserer Zeiten, und der furcht—
bare Mönch Hildebrand vom Kloster des Aventin, der nach⸗
malige Gregor VII., trat in seine Dienste. Die Reformpartei
wußte wohl, wie zu helfen sei; einmal an dem Schicksal des
Papsttums beteiligt, doch noch ohne äußere Macht, rief sie den
frommen Kaiser Heinrich, den neuen Konstantin, den wider—⸗
erstandenen Goliathbesieger David, zu Hilfe.
Heinrich zog im September 1046 nach Italien. Er er—
öffnete sich die Lombardei für den Augenblick leicht, nachdem
er sich in den dortigen sozialen Wirren, entgegen der Politik
seines Vaters, ganz auf seiten des Klerus gestellt hatte, wie
diesen Erzbischof Aribert von Mailand vertrat; auch sonst fand
er keine Schwierigkeit.
So konnte er sich um so mehr den geistlichen Dingen
widmen. Schon Ende Oktober 1046 ward zu Pavia eine
Synode für das Heil der Kirche abgehalten, die von Bischöfen
aus allen Teilen des Reiches besucht war; sie verbot die Si—
monie im Sinne des Handels mit geistlichen Amtern bei Bann
und Amtsentlassung. Dann folgte, am 20. Dezember 1046,
eine Synode zu Sutri, am 28. Dezember eine Synode zu Rom:
        <pb n="321" />
        Kirche und Reich in der ersten Hälfte des elften Jahrhunderts. 807

sie brachten zusammen die Absetzung der drei Päpste. Neu
gewählt ward unter dem bestimmenden Einfluß Heinrichs der
Bischof Swidger von Bamberg: als Clemens II. bestieg er
den päpstlichen Stuhl und setzte auf Weihnacht dem siegreichen
König und seiner Gemahlin die kaiserlichen Kronen aufs Haupt.
Es waren Erfolge, die bei der Zurückhaltung Heinrichs in allen
Dingen der kirchlichen Verwaltung auch die Reformpartei vollauf
befriedigten. Ja selbst die Römer waren beglückt, denn Hein—
rich hatte sie vermocht, ihm mit der Würde eines Patricius
nicht allein die erste, sondern auch die entscheidende Stimme bei
künftigen Papstwahlen (principatum in electione) zu übertragen.
Rach den römischen Dingen galt es, die unteritalienischen
zu ordnen. Hier hatte sich die Lage seit Heinrichs Thron—
besteigung ohne irgendwelches Eingreifen des Reiches allein aus
jenen Keimen der Normannenmacht heraus entwickelt, die
Konrad II. in den lockeren Boden der langobardischen Fürsten—
tümer gesenkt hatte. Gelegentlich kleiner Streitigkeiten zwischen
Griechen und Normannen war es zum Kampfe beider Mächte
gekommen; am 3. September 1041 waren angeblich 10000
Griechen von 700 Normannen bei Monte Peloso geschlagen
worden; ganz Apulien war in den Händen der Sieger.
Nun gelangte diese normannische Eroberung allerdings
nominell noch an den Fursten Waimar von Salerno, den Lehns—
herrn der normannischen Sendlinge; er hat den Titel eines
Herzogs von Apulien und Kalabrien angenommen. Allein schon
war vorauszusehen, daß die Normannen sich dieser Oberhoheit
entziehen würden. Eigenartig aber war, daß Kaiser Heinrich
ihnen hierin Vorschub leistete. Er hielt es für richtig, die
immerhin noch bedeutende Macht Waimars zu zertrümmern
und die Normannengrafen Rodulf von Aversa und Drogo von
Apulien unmittelbar von Reichswegen zu belehnen. Es war
bei dem geringen Einflusse des Reiches in diesen südlichen Ge—
bieten die Erklärung einer bis dahin unerhörten Selbständigkeit
der normannischen Entwicklung; bald sollte sie dem Papsttume
zu Gute kommen.
Heinrich erreichte im Vollfrühling des Jahres 1047 von
20*
        <pb n="322" />
        308 Siebentes Buch. Erstes Kapitel.

Unteritalien her kränkelnd den deutschen Boden. Bald darauf
starb in Rom der deutsche Papst Clemens II., am 9. Oktober
— D—
darauf wieder geltend zu machen; die Reformpartei sah ein, daß
sie den politischen Boden in Rom noch nicht beherrschte; bittend
wandte sie sich an den Kaiser um einen neuen Papst ihres
Sinnes. Heinrich sandte den Bischof Poppo von Brixen, als
Papst Damasus II.; er starb nach einem Pontifikat von kaum
drei Wochen. Und wieder sandten die Römer zum Kaiser.
Da gab ihnen Heinrich den Bischof Bruno von Toul zum
Papst, einen in Lothringen gebildeten, vollüberzeugten, unbeug—
samen Anhänger der Lehren -Clunys, der, obwohl kaiserlicher
Verwandter, sich das ärmste Bistum im Reiche zum Sitze er—
wählt hatte, einen gewitzigten Diplomaten, einen weitsichtigen
Kenner deutscher wie romanischer Zustände: als Leo IX. er⸗
öffnet er die glänzende Reihe der großen Päpste im Zeitalter
des Investiturstreits. Mit ihm hat im Gegensatz zu seinen
deutschen Vorgängern ein unermüdlicher Verteidiger des
fanonischen Rechts den Stuhl Petri bestiegen.
Schon die Art, wie Leo sich seine Stellung in Rom be—
reitete, ließ den klugen Begründer einer großen päpstlichen
Politik erkennen. Obwohl vom Kaiser zum Papst bestimmt,
erklärte er doch, die Würde nur annehmen zu wollen, falls
auch die Römer sich für seine Person aussprechen würden: so
mäßigte er das Übergewicht des kaiserlichen Namens, ohne daß
Heinrich widersprach, durch festeste Betonung der kanonischen
Bestimmungen über die freie Wahl des Klerus und Volkes.
Und einmal inthronisiert, ging er sofort in den beiden Rich—
tungen vorwärts, denen das Papsttum seine späteren Siege
über das Kaisertum guten Teiles verdankt hat: er lehnte sich
teilweise an die romanische Welt an, und er begründete An—
sprüche päpstlicher Herrschaft in Unteritalien. Eine gründliche
Reorganisation des Kardinalkollegs befreite zugleich das Papst⸗
tum von dem lokalen Einflusse des römischen Adels. Vor
allem aber förderte der unermüdlich umherreisende Papst die
Reform persönlich auf zahlreichen Synoden.
        <pb n="323" />
        KRirche und Reich in der ersten Hälfte des elften Jahrhunderts. 309

Schon im Herbst des Jahres 1049 hielt er eine Synode
in Reims ab zur Hebung des päpstlichen Ansehens auch in
Frankreich. Da sie von Bischöfen wenig, um so mehr aber
von reformfreundlichen AÄbten besucht war, so ermöglichte sie eine
sehr deutliche, ja schroffe Verkündung des Reformprogramms:
die Priesterehen wurden verdammt, wie jede Form des Nikolai—
tismus überhaupt, und besprochen wurde auch schon die un—
kanonische Form der üblichen Besetzung der geistlichen Amter.
Gleichwohl nahm Kaiser Heinrich den Papst mit größter Be—
geisterung auf, als er von Frankreich her nach Deutschland
gelangte, und ein großes Reformkonzil zu Mainz am 19. Ok—
tober 1049 verdammte auch auf deutschem Boden Simonie und
Nikolaitismus.
Von Deutschland ging Leo IX. nach Italien zurück. Und
sofort begann er in einer Weise in die unteritalienischen Dinge
einzugreifen, die nur den einen Zweck haben konnte, das
Papsttum dem Kaisertum gegenüber politisch unabhängig zu
stellen: eine Wendung von der allergrößesten Bedeutung stand
damit bevor.
In Unteritalien war durch die Anordnungen Kaiser Heinrichs
vom Jahre 1047 der ganze Ehrgeiz der Normannen entfesselt
worden. Weit entfernt, Ruhe zu halten, versuchten sie die
Griechen, nachdem sie Apulien erobert, nun auch aus Kalabrien
zu verdrängen. Sie betrieben aber diese neue Fehde so grau—
sam, daß die Bevölkerung unendlich litt und seufzend nach einem
Retter ausschaute. Hier griff der Papst ein. Als Kirchenfürst,
in Vertretung gleichsam des fernen Kaisers, bereiste er das
hedrückte Land und predigte Milde, nahm aber zugleich eine
Reihe von Orten, die sich seiner Meinung fügten, in seine
und des Kaisers Dienste, ja belagerte und bannte die Stadt
Benevent, bis sie sich ihm ergab und huldigte: ein päpstlicher
Besitz in Unteritalien schien über Nacht zu entstehen.
Freilich trat sofort die Frage auf, ob er durch bloß mora⸗
lische Mittel würde aufrecht zu erhalten sein: und normannische
Angriffe verneinten sie. Da entschloß sich der Papst zur Auf⸗
stellung eines eigenen Söldnerheeres; entsetzt mußte Damiani
        <pb n="324" />
        310

Siebentes Buch. Erstes Kapitel.

sehen, daß der oberste Hirt der Seelen mit Scharen Gewappneter
auszog, statt dem Feinde betend entgegenzutreten. Indes der
Erfolg des Kriegsmarsches war kein anderer, als der eines
Auszugs von Priestern; das pöpstliche Heer lief auseinander,
ehe es den Feinden zu Gesicht kam (Mai 1052).
Da wandte sich Leo, wie schon früher, aber noch dringender,
in persönlichem Hilfegesuch an den Kaiser. Und es ward ihm
Hilfe gewährt. Heinrich verbriefte dem Papst gegen Aufgabe
unwichtiger päpstlicher Rechte in Deutschland den Besitz von
Benevent und anderm Reichsgut in Unteritalien: ein unver⸗
jährbarer, gesetzmäßiger Anspruch auf pädpstliche Herrschaft
im Süden war errungen. Noch mehr: der Kaiser entbot auch
kriegerische Hilfe; von einem kleinen deutschen Heere begleitet,
zog Leo nach Süden.
Aber auch bei dieser Unterstützung zeigte sich's, daß Petri
Nachfolger das Schwert in der Scheide lassen sollen. Das
Heer ward in der Schlacht von Civitate, am 18. Juni 1053,
von den Normannen völlig geschlagen; der Papst selbst fiel in
die Hände der Sieger. Nun behandelten die Normannenführer
den Papst zwar mit größter Zuvorkommenheit: als getreue
Söhne der Kirche baten sie ihn um Lösung vom Banne und
ührten ihn, als er erkrankte, ehrenvoll nach Rom; aber gleich—
vohl starb Leo, wie später sein größerer Nachfolger Gregor VII.,
fern seinen Zielen und gebrochenen Herzens, am 19. April 1054:
sein letztes Gebet hat er Teutonica lingua gesprochen.
Und wiederum ging eine römische Gesandtschaft nach
Deutschland, um vom frommen Kaiser einen Reformpapst zu
erbitten, wie ihn die römisch-kanonische Wahl auch jetzt noch
schwerlich ergeben haben würde. Der Kaiser wählte den als
Diplomat und Verwalter bewährten Bischof Gebhard von
Fichstädt; als Viktor II. bestieg er 1055 den päpstlichen Stuhl.
Unter ihm ward die italienische Politik Leos IX. mit
Hilfe des Kaisers durchgeführt und ferner entwickelt, soweit es
die schwindenden Tage Heinrichs III. noch zuließen. Der
Kaiser folgte dem Papste fast unmittelbar nach Italien; eine
neue Reformsynode zu Florenz stellte Pfingsten 10085 wiederum
        <pb n="325" />
        Kirche und Reich in der ersten Hälfte des elften Jahrhunderts. 311

das Verbot der Simonie und Priesterehe auf und begann es
durch Einzelmaßregeln in die Praxis zu übersetzen. Darauf
verlieh der Kaiser dem Papste eine Menge bisher streitiger
Grundherrschaften, übertrug ihm — zunächst nur persönlich —
das Herzogtum Spoleto und die Markgrafschaft Fermo, er—⸗
nannte ihn zum Statthalter Italiens und traf Einleitungen
zu einer süditalienischen Politik, die wohl schließlich im Sinne
des Papsttums verlaufen sein würde, — als er nach Deutsch⸗
land abberufen ward, einem frühen Tode entgegen. Er starb,
neununddreißigjährig, am 5. Oktober 1056.
Heinrich III. hat keinen Biographen gefunden, der ihn der
Nachwelt charakterisiert hätte. Aber bei der typischen Ge⸗
bundenheit der litterarischen Porträts seiner Zeit ist der Ver—
lust zu verschmerzen: seine Werke selbst zeigen, was Heinrich
war. Bei allen glorreichen Waffenthaten früher und später
muß er doch dem Friedensideale der Zeit besonders entsprochen
haben: als ein großer Friedefürst hat er namentlich in der
Kirche geherrscht, und noch wagte keiner, seine Macht energischer
anzutasten. Trotz aller Reformfreundlichkeit ist Leo IX. dem
Kaiser überall zu Willen gewesen. Aber die Widersprüche gegen
die kaiserliche Politik sind schon jetzt vorhanden. Sie bedürfen
nur großer Personen, um entfesselt zu werden. In seinen
späteren Jahren hat Heinrich auch sonst mit vielen Feinden zu
ringen gehabt: er wurde trotz aller Gaben und Erfolge immer
weniger populär und immer einsamer.

Dem Kaiser Heinrich hatte seine Gemahlin Agnes am
II. November 1050 einen Sohn Heinrich geboren, der dreijährig
bon den Großen zum König gewählt und in Achen gekrönt
worden war. Er war nun Erbe des Reichs und der Schwierig—
keiten, darin es sich befand.
Nun hatte allerdings Kaiser Heinrich seinem jungen Sohne
vorzuarbeiten gesucht. Noch auf dem Totenbette hatte er sich
mit seinem größten Gegner unter den Laienfürsten, Gottfried
        <pb n="326" />
        312 Siebentes Buch. Erstes Kapitel.

von Tuscien, ausgesöhnt, und um dessen Macht in Italien die
Wagschale zu halten, hatte er den königlichen Knaben schon im
Jahre 1055 mit Bertha, der zukünftigen Erbin von Savoyen
und Turin, verlobt. Die Beratung des gesamten Reiches end—
lich, zu der zunächst die Kaiserin Agnes, eine schwache Natur
und nicht entfernt zu vergleichen mit den Regentinnen unter
Otto III., berufen war, hatte Heinrich, weil er seine Gemahlin
kannte, dem deutschen Papste Viktor II. anvertraut.
Viktor rechtfertigte zunächst das in ihn gesetzte Vertrauen.
Er scheute sich nicht, die unter den obwaltenden Verhältnissen
notwendige Nachgiebigkeit gegen die Feinde des Reiches zu
zeigen, gleichsam die Herrscherschulden Heinrichs III. zu liqui⸗
dieren. Er beruhigte die Normannen in Unteritalien; er ver⸗
söhnte Gottfried von Tuscien einstweilen durch erneute Aussicht
auf Lothringen und Gewährenlassen seiner Herrschaft in Tuscien.
Diesen negativen Maßregeln sollten positive zu Gunsten des
Reiches folgen — da starb der Papst, am 28. Juli 1057.
Es war ein schwerer Verlust für das Reich. In Italien
hob Gottfried sofort wieder kühner das Haupt; in Deutschland
fiel die Kaiserin nun völlig dem Einfluß der Großen, vor—
nehmlich der Bischöfe, anheim. Natürlich wußte sie da die
thatsächliche Macht nicht zu wahren, die Heinrich III. in könig⸗
lichen Händen vereint hatte. Da sie den Abfall von Burgund
fürchten mochte, so übergab sie die Verwaltung des Königreichs
zugleich mit dem Herzogtum Schwaben an ihren Günstling,
den Deutsch-Burgunder Rudolf von Rheinfelden, und glaubte
ihn auf ewig zu fesseln, wenn sie ihn mit ihrer ältesten Tochter
Mathilde verlobte. Entscheidend verschlimmerte sich aber ihre
Lage, als sie sich, wohl Anfang des Jahres 1061, mit den
Führern der geistlichen Großen, dem Erzbischof Anno von Köln
und dem Bischof Gunther von Bamberg, verfeindete: nun blieb
ihr zur Stützung ihres Einflusses auf die Laiengroßen nichts
übrig, als auch das Herzogtum Baiern zu vergeben. Es kam
an einen sächsischen Grafen, Otto von Nordheim.
Natürlich war bei solcher Nachgiebigkeit im Innern von
einer energischen äußeren Politik nicht die Rede. Nicht einmal
        <pb n="327" />
        Uirche und Reich in der ersten Hälfte des elften Jahrhunderts. 813

das gelang, den Ungarn gegenüber jenes gute Verhältnis gegen—
seitigen Voneinanderabsehens aufrecht zu erhalten, das die letzten
Zeiten Heinrichs III. bezeichnet hatte.
Man versteht, daß dieser allgemeine, nun schon ein Jahr—
fünft hindurch langsam andauernde Verfall im Reiche überall
Unbehagen hervorrief.
Da wurde, kurz nach Ostern 1062, die allgemeine Unzu—
friedenheit zu einem der kecksten Handstreiche benutzt, von denen
die deutsche Geschichte meldet. Als Heinrich, der königliche
Knabe, eines Tages zu Kaiserswerth das Rheinufer betrat,
erbot sich der im Gefolge befindliche Kölner Erzbischof Anno,
ihm ein besonders schönes Schiff zu zeigen, das vor Anker lag.
Arglos betrat der König das Schiff. Da ward es vom Ufer
abgestoßen; gleichzeitig wurde die königliche Kapelle des könig—
lichen Kreuzes und der heiligen Lanze beraubt: Person des
Herrschers und Insignien des Reiches befanden sich in der Ge—
walt von Verschwörern.
Über die Motive der Verschwörer, deren Häupter Anno
von Köln, Otto von Nordheim und Ekbert von Braunschweig
waren, wissen schon die zeitgenössischen Geschichtschreiber nur
Vermutungen zu äußern: nicht quellenmäßig aufgeklärt ins—
besondere werden immer die wichtigen Fragen bleiben, inwiefern
Gottfried von Tuscien, inwiefern das Papsttum an dem Raube
beteiligt war.
Klar dagegen liegt das Ergebnis der Unthat. Wer im
Besitz der königlichen Person und der Reichskleinodien war,
der war zum Herrschen berufen; darum hatten schon die kar—
lingischen Herrscher die merowingischen Schwächlinge und deren
Kronen in ihr Gewahrsam gebracht. Die Kaiserin Agnes trat
jetzt vom Reichsregiment zurück; alten Neigungen folgend ist
sie später nach Rom gegangen, hat ihren Leib kasteit und
Kleider für Arme genäht. An ihre Stelle sollte zunächst ein
Reichsregiment desjenigen Bischofs treten, in dessen Sprengel
der König gerade weilte. Das war jedoch nur Schein. That—
sächlich lag alle Gewalt bei Anno. Aber wie er nicht ganz
den treibenden Kräften der Verschwörung entsprach, so ver—
        <pb n="328" />
        314

Siebentes Buch. Erstes Kapitel.

mochte er sich auch nicht zu halten. Anscheinend von den
sächsischen Anhängern der Verschwörung ging eine Bewegung zu
seinem Sturze aus, und an der Spitze derselben kam Adalbert,
als Erzbischof von Bremen gleichsam der sächsische Primas,
empor. Das Endergebnis war, daß etwa seit dem Juni des
Jahres 1063 Anno von Köln und Adalbert von Bremen ge—
meinsam das Reichsregiment führten.
Damit setzte ein kräftigerer Zug im Betrieb der Reichs—
geschäfte ein. Die Verhandlungen mit der römischen Kurie,
von denen bald zu erzählen sein wird!, kamen in rascheren
Schwung, und in einem trefflich verlaufenen Zug gegen Ungarn
wurden die Fehler der Reichspolitik aus der Vormundschaftszeit
der Kaiserin Agnes wieder gutgemacht.
Allein die gute Wendung währte nur kurze Zeit. Bei
aller Arbeitsteilung, welche die beiden Erzbischöfe in der Führung
der Reichspolitik vorgenommen hatten, waren ihre beiderseitigen
Persönlichkeiten viel zu verschieden, um eine gemeinsame, feste
Thätigkeit auf die Dauer wahrscheinlich zu machen. Adalbert?
war ein Sproß des vornehmen Geschlechts der Grafen von
Goseck, adelsstolz bis zu den wegwerfendsten Urteilen über seine
Vorgänger, schön, hinreißend liebenswürdig, wenn er für sich
einnehmen wollte, heiter und prachtliebend, dem Bauluxus und
weltlichen Vergnügungen zugethan. Dabei liebte er das Ge—
heimnisvolle, suchte den Schleier der Zukunft zu lüften,
schwärmte in allerlei ruhelosen Projekten, ja, näherte sich im
Alter der Grenze des Wahnsinns. Anno stammte aus dem
kleinen Hause von Steußlingen; von nie rastendem Thätigkeits—
drang in den Geschäften, von einer Energie, die früh in Selbst⸗
sucht und Habgier ausartete, besaß er als tiefste Grundlage
seines Wesens ein überaus jähzorniges Temperament, das nur
mühsam durch die fromme Zucht geistlichen Wesens verdeckt
ward. So machte ihn seine ganze Natur schon in den mittleren
Mannesjahren asketischer Lebensauffassung geneigt; ganz gehörte
S. unten S. 322.
2 Vgl. Hauck III 649 ff. Meyer v. Knonau, Jahrb. des deutschen
Reichs unter H. IV. Bd. 2 (1894) S. 128 ff.
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        Kirche und Reich in der ersten Hälfte des elften Jahrhunderts. 315

er ihr als Greis an, und in den Jahren des Reichsregimentes
besaß er schon nichts mehr von dem gewinnenden Weltsinn und
der holden Verschwendungssucht des Bremers.
Der königliche Knabe Heinrich, der Einwirkung so grund—
verschiedener Charaktere ausgesetzt, einspännig, ja störrig gemacht
durch tausend wechselnde Erziehungsversuche der frühesten Kind—
heit, war nicht in der Lage, die guten Eigenschaften Annos
unter der strengen Außenseite zu erkennen. Seine ganze Seele
flog Adalbert zu; zu ihm zogen ihn alle eingeborenen Eigen—
schaften seines Wesens. So trat der finstere Anno in seinem
Finfluß zurück, und als Heinrich am Dienstag der Osterwoche
des Jahres 1005 in Worms mit dem Schwerte gegürtet ward
und selbständig herantreten sollte an die Regierung des Reiches,
da war es klar, daß diese Regierung zunächst eine Herrschaft
des Erzbischofs Adalbert in noch ganz anderem Sinne sein
werde als bisher.
Es war das erste schwere Verhängnis König Heinrichs, das
er seine persönliche Regierung nicht unter vollster Abschüttlung
seiner bisherigen Ratgeber antrat, wie einst Otto III. Die
Folge war, daß er, obgleich mündig, noch immer als unter
Vormundschaft stehend betrachtet ward, daß sich viele Schwierig—
keiten einer Regentschaftsregierung auf seine selbständigen Jahre
oererbten.
Es schien fast der Sitte zu entsprechen, daß Heinrich, nun
Herr im Lande, auszog gen Italien zum Erwerb der Kaiser—⸗
krone. In der That ward im April 1065 zu Mainz von den
bersammelten Fürsten eine Romfahrt beschlossen. Auch Adalbert
war dem Gedanken anfangs hold. Als er aber erfuhr, daß
auch Anno und Gottfried von Tuscien im Gefolge des Königs
nach Süden fahren wollten, da fürchtete er für seinen Einfluß:
die Reise ward aufgeschoben, schließlich unterblieb sie. Es war
ein nie wieder gutzumachender Fehler.
Noch viel schlimmer verlief, wenn auch in ihren schließ—
lichen Folgen heilsam, eine zweite Maßregel des jungen Königs.
Adalbert war bei seiner verschwenderischen Hofhaltung längst
tief verschuldet. Jetzt, wo er über den Willen des Königs
        <pb n="330" />
        316 Siebentes Buch. Erstes Kapitel.

gleichsam unumschränkt verfügte, versuchte er seine Finanzen
zu bessern, indem er beim König die Einverleibung der fetten
Reichsabteien Korvey und Lorsch in sein Bistum beantragte.
Um aber dem Schritte das Gehässige eines Versuchs persön—
licher Bereicherung zu nehmen, vermochte er den König zu einer
allgemeinen Maßregel, wonach auch andere Bischöfe, ja welt⸗
liche Große gegen ein Dutzend großer Reichsabteien er—
halten sollten. Es war die schamloseste Verschleuderung von
Reichsgut, die jemals geplant worden ist: zur Befriedigung
rein persönlicher Bedürfnisse eines königlichen Günstlings.
Heinrich vollzog die notwendigen Urkunden, nach seiner
späteren Finanzpolitik zu schließen, mit Widerwillen, am 6. Sep⸗
tember 10605: und nun ergossen sich von allen Seiten bischöf—
liche und herzogliche Streitkräfte gegen die alten Reichsabteien,
die Sitze einer für das Reichsheer äußerst wichtigen Dienst—
mannschaft, die fast unerschöpflichen Bronnen der königlichen
Finanzen. In der That gelang es den meisten Bewidmeten,
sich in den Besitz ihres Raubes zu bringen. Nur der Erz—
bischof Adalbert hatte keinen Erfolg. Unter dem Vorschub des
allgemeinen Hasses, den er auf sich geladen, wagten der die
Vogteirechte wahrnehmende Herzog Otto für Korvey und in
Lorsch die Dienstmannen und der Stiftsadel offenen Widerstand
gegen den Bremer Bischof und die königlichen Briefe.
Es war die Peripetie in der glänzenden Laufbahn Adal—
berts. Mächtig erhoben sich seine fürstlichen Feinde unter der
ihnen günstigen Wendung der öffentlichen Meinung, vor allem
die Erzbischͤsfe Anno von Köln und Siegfried von Mainz wie
die süddeutschen Herzöge; auf einem Reichstage zu Tribur,
Januar 1066, forderten sie den König auf, den Erzbischof zu
entlassen.
Dem König blieb nach einem vereitelten Fluchtversuch nichts
übrig, als sich dem Zwang zu fügen; Adalbert ging vom Hofe.
Seitdem war der König selbständiger als bisher. Als er
nun aber, wenn auch noch von bischöflichen Veratern und fürst—
lichen Versammlungen vielfach in seinem Thun beschränkt, klarer
zu sehen begann, fand er seine Herrschaft in einer weitaus
        <pb n="331" />
        Kirche und Reich in der ersten Hälfte des elften Jahrhunderts. 317

anderen Lage, als sein kaiserlicher Vater sie hinterlassen hatte.
Vor allem galt das vom Verhältnis des Reiches zum Papst⸗
tum und zu Italien.

VI.

Nach dem Tode Papst Viktors II., 28. Juli 1057, konnten
in Italien zum erstenmal die Folgerungen aus dem Abscheiden
Kaiser Heinrichs IIII gezogen werden. Es geschah in nicht
mißzuverstehender Weise. In den Vordergrund der weltlichen
Verhältnisse trat Markgraf Gottfried von Tuscien; Papst wurde
sein Bruder Friedrich als Stephan IX. Stephan wurde am
2. August 1057 gewählt und Tags darauf inthronisiert; man
dachte nicht daran, in Sachen des Papstwechsels die Kaiserin
Agnes, die Reichsregentin, auch nur zu fragen. Nachträglich
gingen dann freilich Anselm, Bischof von Lucca, und Hilde—
bhrand nach Deutschland, die Anerkennung für den neuen Papst
zu holen, und die Kaiserin war so schwach, sie ohne weiteres
zu erteilen.
Stephans Pontifikat war kurz; er starb in den Armen
Hugos von Cluny am 29. März 1058. Gleichwohl ist seine
Regierungszeit ausgezeichnet durch einen wesentlichen Fortschritt
in den Doktrinen der Reformpartei. Die Partei stand jetzt
am Vorabend des Zeitalters, das um die Verwirklichung ihrer
Forderungen kämpfen sollte. Da war es nötig, manche bisher
allgemein aufgestellte Lehre in ihren einzelnen Folgen für die
bestehenden Zustände klarer zu legen und sich die vorhandenen
oder erstrebenswerten Mittel zu ihrer Verwirklichung zu ver—
gegenwärtigen. Namentlich galt das vom Verbote der Simonie.
Hierher einschlagende Studien veröffentlichte wohl im Jahre
1058, jedenfalls vor Ostern 1059, der Kardinal Humbert von
Silva Candida, ein Lothringer, der mit Leo IX. nach Italien
gekommen war, in seinem Buche Contra Simoniacos; sie sind
praktisch bald von der größten Bedeutung geworden. Humbert
steht natürlich auf dem Standpunkte strengsten Verbotes der
Simonie, auch für die Könige; er sieht die Simonie als eine
Ketzerei an, schlimmer als die des Arianismus. Vom Verbot
        <pb n="332" />
        318 Siebentes Buch. Erstes Kapitel.

königlicher Simonie aber schließt er — und das war in dieser
klaren Formulierung neu — auf das Verbot auch der In⸗
vestitur der Bischöfe durch die Könige. Denn, wie die Dinge
einmal lagen, war der Verkauf der Bischofsämter vor allem ein
Verkauf der mit diesen Amtern verbundenen Lehen. Ein solcher
Verkauf war nun an sich nach Lehnsrecht ganz berechtigt, für
die Kirche aber unerträglich und nur dadurch zu beseitigen, daß
man den Königen jeden Anteil an der Bestallung der Bischöfe
überhaupt nahm. Nach Humbert ist die Investitur überhaupt
ein rein geistlicher Akt und schon als solcher den Laien un—
zugänglich: sie dürfen ebensowenig investieren, als sie ein kirch⸗
liches Gewand berühren dürfen. Zum kanonischen Grund⸗
satze der alleinigen Wahl durch Klerus und Volk müsse man
zurückkehren.
Man sieht: alledem liegt der Gedanke zu Grunde, daß das
Kirchengut, obwohl nach den germanischen Anschauungen der
nordischen Staatsrechte Eigentum der Könige, dennoch zur un—⸗
bedingten, vom König in keiner Weise abhängigen Verfügung
der Kirche stehen müsse. Das war ein Satz, der in seinen Kon⸗
sequenzen für die innere Politik und Verwaltung des Reiches
in Deutschland eine vollkommene Revolution der Verfassung
bedeutete. Fand man in ihm das Wesen der Kirchenreform,
so wurden dem deutschen König zu deren Durchführung Opfer
angesonnen, die er niemals auf sich nehmen konnte ohne das
Zugeständnis der Selbstvernichtung.
Zugleich schlug die Schrift Humberts eine zweite, nicht
minder gefährliche Saite an. Während nämlich der sonst für
die Kirchenreform glühende, aber unpolitisch gerichtete Pier
Damiani noch im Jahre 1052 in seinem Liber Gratissumus
den character indelebilis der Priester betont, d. h. die Weihen
und damit die Amtshandlungen der von Simonisten gratis
Ordinierten aufrecht erhalten hatte, und während Päpste
und Synoden für dieselbe Auffassung eingetreten waren: er—
klärte Humbert eine auf simonistischem Wege erlangte Bischofs⸗
weihe und den darauf begründeten Bischofscharakter unter allen
Umständen als null und nichtig. Wie waren aber derart
        <pb n="333" />
        Kirche und Reich in der ersten Bälfte des elften Jahrhunderts. 319

annullierte Bischöfe zu beseitigen? Nur, indem man die Laien⸗
welt gegen sie aufbot. Indem Humbert es aussprach, daß die
Laien simonistischen Bischöfen den Gehorsam versagen müßten,
schärfte er jene furchtbare Waffe der Laientumulte, deren sich
Gregor VII. nachmals rückfichtslos bedient hat, die den Kampf
zwischen Kirche und Reich vergiftete.
Indes, während der Flug der Theoretiker der Reform so
hoch ging, gelang es nach dem Tode Stephans IX. der gegne—
rischen Partei der tuskulanischen Grafen in Rom noch einmal,
—
machen. Es war eine der Reformpartei äaußerst peinliche Über—
raschung. Aber Hildebrand, von nun ab täglich mehr die Seele
der Reformbewegung, wußte Rat. War die Wahl Benedikts,
ohne deutschen Einfluß gethätigt, nicht ein Schlag ins Gesicht
der verbrieften kaiserlichen Rechte? Das deutsche Königtum
schien gut genug, die Reformpartei noch einmal in den Sattel
zu setzen. Eine Gesandtschaft ging, von den Römern abgeordnet,
uͤber die Alpen; sie forderte von der Kaiserin, daß sie für einen
der hervorragendsten Vertreter der Reform, den Bischof Gerhard
von Florenz, als Papstkandidaten eintrete. Harmlos geschah
es, und eine nochmalige Wahl beförderte am 24. Januar 1059
Ferhard als Nikolaus II. auf den Stuhl des heiligen Petrus.
Nicht umsonst hat Nikolaus den Namen des gewaltigen
Kampfpapstes aus dem 9. Jahrhundert angenommen: während
seines Pontifikates beginnt unter der geschickten Geschäfts⸗
führung Hildebrands die Rüstung zum Streite.
Vor allem kam es darauf an, in Unteritalien feste Stützen
zu suchen. Es geschah, klug und richtig, nicht nach dem Vor—⸗
bilde Leos IX. im Gegensatz zu den Normannen, die ihrer
Natur und Geschichte nach dem Kaisertum feindlich waren,
sondern im Einverständnis mit ihnen. Vor allem setzte sich
Hildebrand sofort mit dem Grafen Richard von Aversa in Ver⸗
bindung, der sich nach der Eroberung Capuas Fürst von Capua
nannte; er war der nächste normannische Nachbar Roms und
wurde nun von Hildebrand fürs Papsttum in Pflicht genommen.
Er beseitigte im Kampfe mit den Grafen von Tusculum den
        <pb n="334" />
        320 Siebentes Buch. Erstes Kapitel.

bis dahin nicht völlig aussichtslosen Widerstand Benedikts X.
Weiter wurde er zusammen mit einem zweiten Normannen-—
fürsten, mit Robert Guiscard, seit 10587 Grafen von Apulien,
1059 Lehnsmann des Papstes, wogegen Robert Guiscard
wohl unter Berufung auf die Konstantinische Fälschung, mit
Apulien, Kalabrien und Sizilien belehnt wurde.
Mit diesen Maßregeln war Unteritalien dem Ehrgeiz der
Normannen preisgegeben und zugleich gewissermaßen für päpst—
liches Eigentum erklärt; auf sehr einfache Art schien der Welt—
kampf des 10. Jahrhunderts zwischen Griechen, Sarazenen und
Deutschen zum Vorteil unberechtigter Eindringlinge beseitigt.
Auch in Mittel- und Oberitalien wußte Hildebrand für
das Reformpapsttum Stimmung zu machen. In Mittelitalien
war Gottfried von Tuscien der starke Herr; sein ganzes Leben
war ein Kampf mit dem deutschen Königtum gewesen; es war
leicht mit ihm Freundschaft halten. Ebenso günstig entwickelte
sich die Lage in Oberitalien. Hier war seit den großen sozialen
Bärungen gegen Ende der Regierungszeit Kaiser Konrads noch
nie volle Ruhe eingetreten; aber die popularen Bewegungen,
durch die Kaiser von der politischen und sozialen Seite mehr
abgedrängt, hatten sich, ihrem alten bischofsfeindlichen Zuge
folgend, mehr auf das kirchliche Gebiet hinübergezogen. Im
Volk redete man jetzt laut über Simonie und Nikolaitismus
der Bischöfe; man fand die Neigungen auch des niederen Klerus
keineswegs geistlich: man bog in die Anschauungskreise der
kirchlichen Reform ein. Neben die mehr aristokratische Reform—
partei der Cluniacenser trat damit in Oberitalien eine wüste
proletarische Reformbewegung; in ihren trüben Strömungen
organisierte sich das niedere Volk zu Mailand, zu Cremona und
Piacenza zu den förmlichen Eidgenossenschaften der Pataria
und ward von demagogischen Klerikern bis zu offener Empörung
gestachelt. Mit dieser Bewegung hatte nun schon Stephan IX.
Verbindungen gepflegt. Damals wandte sich einer ihrer Führer,
der Diakonus Ariald, nach Rom und wurde dort von einem
Banne gelöst, den ihm die Lombarden auferlegt hatten. Noch
1057 erschien Hildebrand in Mailand und schloß den Bund
        <pb n="335" />
        Kirche und Reich in der ersten Hälfte des elften Jahrhunderts. 321

zwischen Rom und der Pataria. Erzbischof Wido von Mai—
land mußte sich 1059 allen ihren Forderungen unterwerfen und
der Simonie und dem Nikolaitismus abschwören: es war ein
vollständiger Sieg der Reform auch in Oberitalien.
Dies alles nun, die Gewinnung der Normannen, das Ein⸗
verständnis mit Gottfried von Tuscien, der Bund mit der
Pataria, stärkte die Stellung des Papsttums beim Beginn des
großen Kampfes. Und schon holte die Kurie zu einem un—
mittelbaren Schlage gegen das deutsche Königtum aus. Auf
der österlichen Lateransynode des Jahres 1059 wurden Be—
stimmungen zur Regelung künftiger Papstwahlen getroffen.
Darnach behielten römischer Klerus und römisches Volk nur
das Recht einer im wesentlichen formellen Zustimmung. Eigent—
liche Wähler des Papstes wurden vor allem die sieben Kardinal—⸗
bischöfe; eine Mitwirkung des deutschen Königs war nur in
einer Klausel vorgesehen, deren unbestimmt gehaltener Inhalt
im Grunde zu nichts verpflichtete. Der Papst ließ sie oben—
drein einfach weg, als er das Dekret in einem Rundschreiben
bekannt gab.
Wie wurden nunn diese unglaublichen Vorgänge in Deutsch—
land aufgenommen? Trotz des traurigen Regiments der kaiser—⸗
lichen Frömmlerin wurde schließlich der Gesandte, der das
Wahldekret über die Alpen brachte, vom Hofe abgewiesen. Es
kam Anfang 1061 zu einer Synode, auf der deutsche Bischöfe
und höfische Ratgeber unter dem Vorsitz des jungen Königs
eine Haltung annahmen, die an frühere, stolzere Zeiten er—
innerte. Die Neuerungen des Papstes wurden für ungültig
erklärt; auch seine Person wurde verdammt, und sein Name
sollte aus den kirchlichen Listen gestrichen werden.
Ehe man sich indes fragen konnte, wie sich etwa eine Art
deutscher Sonderkirche mit einem deutschen Kaisertum würde
bereinen lassen, ja, ehe es zu weiteren Erklärungen zwischen
Rom und der deutschen Kirche kam, starb Papst Nikolaus II.,
am 27. Juli 1061.
Rasch wählte man in Rom einen neuen Reformpapst nach
der neuen Wahlordnung; unter dem Schutze der Normannen
Lamprecht, Deutsche Geschichte II. 21
        <pb n="336" />
        — *

Siebentes Buch. Erstes Kapitel.

bestieg Alexander II. nächtlicherweile den Stuhl Petri. Da—
gegen erhoben sich die italischen Feinde des Reformwesens, der
römische Adel tuskulanischer Färbung und die Bischöfe der
Lombardei: sie suchten Hilfe in Deutschland. Der Adel wollte
seinen Einfluß auf die Papstwahl wieder gewinnen. Die
Bischöfe widerstrebten dem und anerkannten den primatus in
blectione des deutschen Königs. In Deutschland entschloß man
sich zu einem entscheidenden Schritte. Ende Oktober 1061 trat
eine Synode deutscher und italienischer Bischöfe in Basel zu—
sammen; sie wählte einen reichen Reformfeind, den Bischof
Cadalus von Parma, zum Gegenpapst. Darauf zog Cadalus
gen Rom; sein Geld öffnete ihm alsbald alle Wege. Am
14. April ritt er in die Leostadt ein; seine Weihe und In—
thronisation schien nur noch die Frage weniger Stunden. Da
wußte Hildebrand während der folgenden Nacht die Römer
zur Bevorzugung seines Papstes zu bestechen; Cadalus mußte
ungeweiht Rom verlassen und nach Tusculum zurückweichen.
Und nun erschien, Mitte Mai 1062, Gottfried von Tuscien
vor Tusculum und erklärte als Statthalter des Reiches in
Italien, beide Päpste hätten sich auf ihre Sitze zurückzuziehen;
dem deutschen König und den deutschen Fürsten sei die Ent—
scheidung über das Schisma anheimzugeben.
Es war ein Eingriff durchaus zu Ungunsten des deutschen
Papstes Cadalus, wohl veranlaßt durch die Nachricht vom
Kaiserswerther Raube, die Gottfried eben damals erhalten
haben muß. Anno aber, das Haupt des neuen Reichsregiments,
machte sofort eine Schwenkung zu Gunsten Alexanders!. Wer
wird widersprechen, wenn man behauptet: Anno habe zur
Durchführung seiner deutschen Pläne, die mit dem Königs—
raube begannen, die Hilfe Gottfrieds von Tuscien erlangt,
indem er die Rechte des deutschen Königtums gegenüber der
Kurie opferte? Hatte Erzbischof Adalbert das königliche An—
sehen in Deutschland zerstört: Erzbischof Anno vernichtete es
in Rom und Italien.

Val. unten S. 325.
        <pb n="337" />
        Kirche und Reich in der ersten Hälfte des elften Jahrhunderts. 323

Die Dinge gingen nun ihren Gang. Dem Gebote Gott⸗
frieds gemäß schickten beide Päpste Gesandte nach Deutschland
zu einer Synode in Augsburg, Oktober 1062; noch schien den
Uneingeweihten das Recht des Königtums gewahrt. Beschlossen
aber ward unter Annos Einfluß, der Bischof Burchard von
Halberstadt, ein Neffe des Kölners, solle als deutscher Kommissar
in Italien zwischen den beiden Päpsten bis zum Urteil einer
neuen Synode entscheiden. Burchard ging und entschied natürlich
für Alexander; bald saß der Reformpapst wieder sicher in Rom.
Das hieß: die Wahl eines Papstes, der nach der neuen Wahl—
ordnung geschaffen war, und damit die Wahlordnung selbst
wurden vom deutschen Kommissar anerkannt: der frühere Protest
der deutschen Bischöfe und des deutschen Königs gegen Wahl—
ordnung und Wahl war Lügen gestraft; endgültig schien die
deutsche Politik der Kurie unterlegen.
Aber noch gab es ein Mittel, die Niederlage wettzu—
machen; noch sollte eine Synode sprechen, und sie ward von
treu königlicher Seite ebenso sehr verlangt wie von naiven
und ehrlichen Reformfreunden: ja, die thatsächliche Fortdauer
des Schismas — Codalus beruhigte sich nicht und bannte
Alexander — machte es zur Notwendigkeit. Es trat am
31. Mai 1064 zu Mantua zusammen: man durfte eine noch—
malige genaue Prüfung der neuen Wahlordnung wie aller
Momente der gegensätzlichen Wahlen Alexanders und des
Parmesen erwarten. Weit gefehlt. Anno, der Reichskommissar,
begnügte sich mit dem Eide Alexanders, daß er ohne Simonie
und nach altem römischem Herkommen gewählt sei; darauf
schloß er die Erörterung.
Also gerechtfertigt zog der Reformpapst von dannen; das
Schisma war beseitigt; die Reform hatte gesiegt.
        <pb n="338" />
        Zweites Kapitel.
Heinrich IV.; Rönigkum und Papsttum
im Rampfe.

Überblicken wir noch einmal kurz die wechselnden Phasen
des Verhältnisses zwischen Reich und Reformkirchentum von
der Thronbesteigung Heinrichs II. bis zu den selbständigen
Tagen Heinrichs IV.
Heinrich II. war, ausgehend von kirchlichen Reformplänen
eigner Erfindung, mit den wachsenden Jahren seiner Regierung
immer mehr auf die Seite Clunys und des Papsttums geraten.
Unter Konrad II. hatte die cluniagcensische Geistesströmung
während einer gewissen kirchenpolitischen Stille immer mehr an
Boden gewonnen. Heinrich III. stand in Deutschland auch
praktisch schon halb auf dem Boden der Reform: er vermied
den Verkauf geistlicher Amter und begann schwankend zu werden
in den wichtigsten Fragen, die sich an die Beherrschung der
bischöflichen Gewalten durch den König knüpften; in Italien
erwarb er durch fortgesetzte Konzessionen den Schein all—
beherrschender Macht: in Wahrheit half er dem Reformpapst⸗
tum in den Sattel: die Erfoige der Pontifikate Leos IX. und
Viktors II. waren teilweise sein Werk. Die deutsche Kirche
aber verhielt sich zu dieser Politik zustimmend; sie lieferte der
Reformpartei durch Vermittlung des Kaisers die ersten Päpste.
        <pb n="339" />
        Heinrich IV.; Königtum und Papsttum im Kampfe. 32858

Nun folgte fast ein Jahrzehnt hindurch die schwankende
Politik deutscher Reichsregenten während der Unmündigkeit
Heinrichs IV.: vor allem aber führte der deutsche Episkopat in
seinen Hauptvertretern das Steuer des Staates. War er ge—
eignet, die Rechte des Reiches gegenüber dem Reformpapsttum
zu wahren? Grade in seinen energischsten und begabtesten
Mitgliedern neigte er längst der Reformströmung zu oder war
pöllig für sie gewonnen; das galt vor allem von Anno von
Köln, der die deutsche Politik gegenüber dem Papsttum vor—
nehmlich leitetei!. So bedurfte es nur noch der Verbindung
Annos mit Gottfried von Tuscien und dem Reformpapsttum
aus egoistischen Motiven, um die deutsche Kirche und ihre Ver—
treter als Mittelpunkt des Widerstandes gegen Rom völlig un—
geeignet erscheinen zu lassen. Das Papsttum aber benutzte die
deutsche Schwäche meisterhaft, um sich in Rom selbständig, in
Oberitalien zum Herren, in Unteritalien wenigstens unentbehr⸗
lich zu machen.
Da begann die selbständige Regierung Heinrichs IV. Welcher
titanischen Anstrengungen hätte es bedurft, diesen bisher so ver—
fahrenen deutsch-römischen Beziehungen eine andere Wendung
zu geben! Vergewissern wir uns an dieser Stelle vor allem der
eigentlichen Kernpunkte des nunmehr zum ersten Male auf
deutschem Boden unabwendbar hereinbrechenden Zwistes zwischen
Staat und Kirche!
Die Kirche war auf deutschem Boden naturgemäß in der
ersten Periode der Aufnahme des Christentums durch die
Deutschen begründet worden: in jener Periode, da dieses
Christentum von ihnen noch keineswegs innerlich angeeignet
wurde, da sich noch keine erste Form wirklicher christlich-ger—
manischer Frömmigkeit ausgebildet hatte, da Christ sein nichts
als die äußeren Gebote der neuen Religion und Kirche erfüllen
hieß. Demgemäß wurden natürlich auch die kirchlichen Ein—
richtungen mehr oder minder als etwas Außerliches betrachtet

1 Über Adalbert von Bremen vgl. Lampert z. J. 1072, ed. Holder⸗
Egger S. 134 3. 18 ff. Adam III, 2 S. 110 (ed. 1846).
        <pb n="340" />
        326 Siebentes Buch. Zweites Kapitel.

und ihre Behandlung keineswegs mit frommem Sinne durch—
drungen.
Was war die Folge? Die einfachen Pfarrkirchen, von
einzelnen landreichen Männern oder auch von Gemeinden be—
zründet und mit einigen Hufen als deren Mitgift, der Dos,
sowie mit der Berechtigung der Zehnteinnahme ausgestattet, er—
schienen den Begründern und Eigentümern der Dos im Grunde
fast wie irgend welcher andere Grundbesitz: sie verfügten über
ihn auch dahin, daß sie ihn verstückelt veräußerten, und sie be—
haupteten, zumeist gegen Entgelt, das Recht zur Einsetzung des
Pfarrers. Und nach Analogie dieser einfachen und unteren
Verhältnisse wurden im Grunde auch die Verhältnisse der Bis—
tümer angesehen: hier war der König und das Reich der
Sigentümer. Nur daß dieser Eigentümer im Verlaufe des
10. Jahrhunderts noch ganz bestimmte weitere Funktionen
von den Inhabern seiner bischöflichen Dotes zu verlangen
gelernt hatte. Die alte Reichsverwaltung, auf dem Treu—
begriff des Lehnswesens aufgebaut, war dem Verfall nahe;
eine neue Reichsverwaltung auf Grund der Einstellung von
Laienkräften ließ sich in den noch immer andauernden natural—
wirtschaftlichen Zeiten nicht errichten, da diese eben nur die
Durchbildung einer Lehnsverwaltung gestatteten, die Ent—
wicklung einer Lehnsverwaltung ja aber eben schon gescheitert
war. Unter diesen Umständen konnte der Staat kaum anders,
als sich mit dem geistlichen Surrogate einer Laienverwaltung
behelfen; er entwickelte seit Otto dem Großen durch Inanspruch⸗
nahme der Bischöfe etwas wie eine weltliche Kirchenverwaltung
des Reiches.
Was war nun damit geschehen? Nicht nur, daß die
Kirche in ihren beiden Hauptinstanzen, der parochialen wie der
episkopalen, mit dem weltlichen Substrat ihrer Funktionen, dem
Grundbesitz und den dinglichen Nechten an diefem, mehr oder
minder unter die Verfügungsgewalt der Laien geraten war:
dieselben Laien nutzten in ihrer obersten Organisation, dem
Staate, ihre episkopale Instanz auch noch als Träger der Ver⸗
waltung dieses Staates aus. Und sehr verständlich, daß sie
        <pb n="341" />
        Heinrich IV.; Königtum und Papsttum im Kampfe. 327

dementsprechend das Ernennungsrecht der Bischöfe an sich ge—
rissen hatten, im Gegensatz zu dem altchristlichen Ideal der
ectio per clerum et populum.
Diese ganze Entwicklung war — dies liegt offen zu Tage
— nur möglich geworden, weil die Laienwelt das Christentum
seinen innerlichen Funktionen, Gaben und Kräften nach eigent—
lich noch nicht hatte kennen lernen: indem sie zu einer vollen
Veräußerlichung der Kirche führte, war sie ein Ergebnis der
ersten Periode einer nur äußerlichen Annahme des Christen—
tums durch die deutschen Stämme.
Aber nun war dieser ersten Periode seit dem 10. Jahr⸗
hundert eine zweite gefolgt! Eine Periode erster innerlicher
Aufnahme des neuen Glaubens, einer frühesten christlich-ger⸗
manischen Frömmigkeit! War es da nicht natürlich, daß diese
Periode alsbald neuen Geist in die erstarrten Formen der ver—⸗
äußerlichten Kirche zu gießen versuchte? Daß es ihr un—
erträglich war, zu sehen, wie die Kirche, ihres eigenen Charakters
entkleidet, unter laienhafter Behandlung litt? Nicht zufällig
gelangte die lothringische Frömmigkeitsbewegung alsbald zu
kirchenrechtlichen und kirchenpolitischen Forderungen, und sehr
begreiflich gipfelten diese Forderungen in dem Rufe nach
Freiheit der Kirche vom Staate
Indes die Frömmigkeitsbewegung an sich war nicht stark
genug, um unter diesem Feldgeschrei zu siegen. Frömmigkeit
heißt im Grunde doch immer wieder Selbstbesinnung, Einsam—
keit, Weltabgestorbenheit: erst wenn sich die ordentlichen Ge—
walten der Kirche des Programms der neuen Frommen be—
mächtigten, hatte es Aussicht auf Erfolg. Und auch hier war
es wiederum schwer, wenn auch nicht unmöglich, daß es die
Bischöfe des Landes selber durchführten. Wie anders, wenn
an ihrer Statt der pontifex maximus der abendländischen
Kirche, der Papst eingriff! Und dies eben war die Wendung,
welche die Dinge nunmehr, seit dem 11. Jahrhundert, ge—
nommen haͤtten.

Sehen wir aber von diesem noch immer verhältnismäßig
äußerlichen Verlaufe ab, so ist es bei noch tieferer Betrachtung
        <pb n="342" />
        328 Siebentes Buch. Zweites Kapitel.

klar, wie schon hier innere Mächte der deutschen Entwickelung
selbst miteinander stritten. Gegen eine erste Periode deutschen
Christentums mit einer rein äußeren Aufnahme des neuen
Glaubens wandte sich feindlich eine zweite Periode, ein Zeit—
alter erstmaliger innerer Annahme dieses Glaubens: ein jüngeres
Zeitalter, ein Zeitalter, dessen neuer Odem im Laufe des
LI. Jahrhunderts fast alle religiös angeregten Laien ergriff.
Konnte unter diesen Umständen die alte Auffassung von
der Kirche siegen mit all den Einrichtungen, die an ihr
lebten? Es war unmöglich. Nichts ist charakteristischer, als
daß die Päpste schon früh gerade die deutschen Laien gegen den
Staat als den Vertreter der alten Auffassung mobil machen
konnten, daß der neuen Auffassung schon Herrscher wie Hein—
rich II. und Heinrich III. geneigt gewesen waren: eben die
Entwicklung des nationalen Geisteslebens selbst, soweit es
religiösen Dingen zugewendet war, beseitigte den alten Zustand.
Die Tragik dieses Vorganges aber war es, daß durch ihn
wesentliche Stützen der deutschen Monarchie des 10. und
11. Jahrhunderts und damit wesentliche Momente der natio—
nalen Staatsbildung überhaupt fielen — nach der Natur der
Dinge fallen mußten.
Aber dies allein war noch nicht die ganze Fülle des nun—
mehr hereinbrechenden nationalen Unglücks. In dem Augen—
blick, da sich der Kampf zwischen Reich und Papsttum, Staat
und Kirche erregter gestaltete, tauchten zugleich in Deutschland
auch andere innere Schwierigkeiten auf, deren Wurzeln weit
bis in die Regierung wenigstens Heinrichs III. zurückreichten,
und für die es von vornherein als wahrscheinlich gelten konnte,
daß sie mit dem unvermeidlichen Kampfe gegen Rom in eins
zusammenrinnen würden.
Sachsen hatte schon seit dem Übergang der deutschen Krone
an außersächsische Geschlechter angefangen eine besondere
Stellung im Reiche einzunehmen. Unter Heinrich III. zog sich
dann die Reichspolitik von den nordöstlichen Grenzen zurück;
dem sächsischen Erzbischof von Bremen und Hamburg und dem
sächsischen Herzog, den großen Mächten des äußersten Nordens
        <pb n="343" />
        Heinrich IV.; Königtum und Papsttum im Kampfe. 329

und Ostens, fiel die hauptsächliche Sorge um die dänischen und
slawischen Grenzen zu.
In diese Verhältnisse griff das Reich unter Heinrich IV.
erst dann wieder kräftiger ein, als der bremische Erzbischof und
der sächsische Herzog in Gegensatz zu einander gerieten. Und
nun wirkte es zu Gunsten des Erzbischofs Adalbert, des Freundes
des Königs, selbst dann noch, als dieser unter der Wucht fürst—
lichen Hasses vom Hofe hatte weichen müssen. Doch ließen sich
Herzog Rudolf von Sachsen und sein Sohn Magnus dadurch
nicht abhalten, den Erzbischof kriegerisch zu bedrängen und
finanziell zu ruinieren: und indem ihnen dies gelang, offen⸗
barte sich die ganze Ohnmacht des Reiches in den nordsächsischen
Gegenden.
Nun hatte schon Heinrich III. versucht, den Anfängen dieser
unglücklichen Entwickelung ein Gegengewicht zu geben, indem er
im Süden des Landes, in Goslar, häufig residierte: der un—
mittelbare Einfluß des königlichen Hofes sollte die Sachsen dem
Hofe gewinnen. Darin fuhr Heinrich IV. fort; unter ihm
ward Goslar noch mehr wie unter seinem Vater zu einer der
schönsten Städte des Harzgebietes; neben der königlichen Pfalz
erhob sich bald manch stolzes Stift, und nicht fern von der
Stadt sahen die Zinnen der festen Harzburg ins Land. Allein,
die Sachsen bemerkten all diesen Glanz weniger als die für
sie damit wie mit jedem Aufenthalt des königlichen Hofes ver—
knüpften Lasten; der König blieb ihnen fremd. Und als Hein—
rich gar auf den Vorbergen des Harzes und des Thüringer—
lands noch weitere Burgen zu bauen begann, entsprechend dem
regen Eifer seiner Zeit für Burgenbau überhaupt, da ward
der mit diesen Bauten verbundene Frondienst, die Einquartierung
königlicher Dienstmannen, die Einordnung der neuen, fremden
Elemente überhaupt Anlaß zu unmittelbarer Beunruhigung.
Mißtrauisch, wie man war, raunte man sich dunkle Geheimnisse
zu über Pläne des Königs zur Benachteiligung der Freien, zur
Unterdrückung der Großen, zur Knechtung, ja Vertilgung des
ganzen berühmten Sachsenstammes.
Und eine Reihe weiterer Maßregeln umgab diese Gerüchte
        <pb n="344" />
        330 Siebentes Buch. Zweites Kapitel.

mit einem dünnen Nimbus des Wahrscheinlichen. König Heinrich
ließ, wie manche Könige vor ihm in Baiern und sonstwo, eine
Revifion des Reichsgutes vornehmen und befahl, solches Gut,
das zu Unrecht abhanden gekommen war, dem Reiche wieder
beizubringen: die Beteiligten sahen in der Durchführung des
Befehls gewaltsame Konfiskation. Er ersetzte im Königsgericht
auch auf sächsischem Boden das herkömmliche Beweisverfahren
durch die sonst gebräuchliche Inquisition seitens Kundiger: man
sprach von Beugung des alten Rechtes. Und indem man diese
und verwandte Maßregeln des Königs auf eine bestimmte Ab—
sicht zurückführte und als Ausfluß einer in sich geschlossenen
Gesinnung ansah, fand man die besondere Stellung, die das
Sachsenland seit den Tagen Heinrichs II. vertragsmäßig! ein—
nahm, mißachtet, mit Füßen getreten, beseitigt. Eine dumpfe
Unzufriedenheit bemächtigte sich des sächsischen Volkes.
Und schon fand diese Unzufriedenheit Ausdruck und Fühlung
in den besonderen Antipathieen und Sorgen des hohen sächsischen
Adels. Unter Konrad II. hatte der Laienadel sich an der
Regierung des Reiches in mindestens gleicher Bedeutung neben
den Bischöfen beteiligt: das war auch den sächsischen Fürsten
zu gute gekommen. Demgegenüber hatte schon die Zeit Hein—
richs III. eine Verschlechterung gebracht; die Bischöfe waren
wieder in den Vordergrund getreten, und unter Heinrich IV.
hatte sich das zunächst nicht geändert: eben gegen das Pfaffen—
—A
verkörperte, waren die Beschlüsse von Tribur gemünzt gewesen.
Indes, die Vertreibung Adalberts von der Seite des Königs
kam keineswegs den Fürsten zu gute. Vielmehr hatte Heinrich
sich gewöhnt, schon neben den Bischöfen eine Reihe freier Herren
und hervorragender Dienstmannen des Reiches als nächste Be—
amte und Freunde um sich zu sehen. Die traten nunmehr zum
größten Teile die Führung auch der verantwortlichsten Reichs—
geschäfte an; eine gesellschaftliche Schicht, die bisher als unter—
geordnet betrachtet worden war, erschien vor allem im Besitze

S. oben S. 250.
        <pb n="345" />
        Heinrich IV.; Königtum und Papsttum im Kampfe. 331

des königlichen Vertrauens; der Einfluß der Fürsten schien
beseitigt.
Es waren Vorgänge, welche die deutschen Fürsten bald ganz
allgemein gegen den König einnahmen. Deutlicher gefühlt aber
wurde die neue Lage zuerst von den sächsischen Fürsten: denn
hier residierte der König zumeist; hier erschienen die jugendlichen
Berater des Königs, nicht bloß sozial untergeordneten Standes,
sondern zugleich fremden Namens: meist waren es Schwaben.
Während aber die sächsischen Fürsten über die unfreien
Königsschwaben höhnten und das Volk über neue wirtschaftliche
Belastung und Rechtsbruch murrte, erhoben sich auch äußere
Schwierigkeiten. Im Norden, jenseits der sächsischen Grenzen,
brach im Jahre 1066 ein furchtbarer Aufstand der Abodriten
aus. Er galt zunächst den christlichen Einrichtungen des Landes;
der Bischof von Mecklenburg wurde dem Gotte Radegast ge—
opfert; die Mönche von Ratzeburg wurden gesteinigt. Damit
ging zugleich die deutschfreundliche Herrschaft Gottschalks jen—
seits der Elbe verloren; Gottschalk selbst ward ermordet, seine
Gemahlin nackend des Landes vertrieben. Dann aber ergoß sich
der slawische Strom gegen Hamburg; die Stadt wurde zerstört;
schon handelte es sich um den Schutz des deutschen Landes. Und
hier versagte das deutsche Verteidigungssystem. Die sächsischen
Kräfte, geteilt durch den Zwist zwischen Erzbischof und Herzog,
vermochten nichts, und auch dem König, der sich seit dem Jahre
1069 an den Rachezügen beteiligte, mißlang die Bestrafung
der Slawen; die deutsche Herrschaft jenseits der Elbe war
verloren, die sächsische Grenze blieb offen und ungedeckt.
Inzwischen hatten sich auch im Südosten, im Thüringer—
land, Schwierigkeiten ergeben. In dem alten Streit um die
Thüringer Zehnten, die der Mainzer Erzbischof ebenso hart—
näckig forderte, wie die Thüringer sie weigerten, war es zu
neuen Zwisten gekommen, innerhalb deren schließlich die meisten
thüringischen Großen in Verbindung mit einigen sächsischen
Fürsten, auch mit Otto von Nordheim, dem bairischen Herzog,
gegen den Erzbischof Siegfried von Mainz im Felde standen.
Da mischte sich der König zu Gunsten Siegfrieds ein, zog für
        <pb n="346" />
        332 Siebentes Buch. Zweites Kapitel

ihn zum Kampf, eroberte Scheidungen und brachte die fürst—
liche Verbindung zu Falle. Doch war sein Sieg nicht so voll⸗
kommen, daß er völlige Ruhe im Lande geschaffen hätte; als
sicherstes Ergebnis blieb, daß der König sich die Zuneigung der
Thüringer verscherzt hatte.
Unter diesen Umständen konnten an sich nicht entscheidende
Vorgänge zum revolutionären Ausbruch allgemeiner Unzufrieden⸗
heit in Sachsen und auch in Thüringen führen.
Herzog Otto von Nordheim hatte das Mißtrauen Heinrichs
schon durch seine Beteiligung am Kaiserswerther Königsraub
wachgerufen; neuerdings war er als Teilnehmer der Thüringer
Fürstenverbindung genannt worden. Da trat im Jahre 1070
ein verworfener Mensch edlen Standes, Egino, auf und denun—
zierte sich alb von Otto zur Ermordung des Königs gedungen.
König Heinrich, der dem Ankläger halben Glauben beimaß,
ordnete demgemäß das Beweisverfahren durch Gottesurteil vor
seinem Gerichte in Goslar an. Otto stellte sich auch dem Ge—
richte, doch entzog er sich unter dem Vorwande des versagten
freien Geleites dem Zweikampfe. Nun verlief das Verfahren
zu seinen Ungunsten: als Hochverräter ward er geächtet. Da
entwich er in die Urwälder des thüringischen Gebirgs, sammelte
dort eine Gruppe verwegener Männer um sich, brach mit diesen
gegen das Thüringer Reichsgut vor und schlug sich von da
nach Nordosten hin durch, zu Magnus, dem Sohne des sächsischen
Herzogs. Es war der Beginn der trostlosen Sachsenkriege
während der zweiten Hälfte des 11. Jahrhunderts, und ihre
Seele ward Otto von Nordheim.
König Heinrich belehnte inzwischen in Goslar Welf, den
Sohn des Markgrafen Azzo von Este, mit dem bairischen
Herzogtum und brach nach Süden auf, ihn einzuführen.
Otto hatte inzwischen die Burg Hasungen am Habichtswalde
 besetzt, und Heinrich zog nun von allen Seiten Truppen
dagegen zusammen. Aber noch einmal verständigte man sich
gütlich dahin, daß Otto sich zu Ostern in Köln dem Könige
unterwerfen sollte. Darauf kam es Pfingsten 1071 zu Halber—
stadt in der That zur Unterwerfung Ottos wie aller sonst auf⸗
        <pb n="347" />
        Heinrich 1“.3 Königtum und Papsttum im Kampfe. 333

ständischen Fürsten, namentlich auch des Herzogsohnes Magnus
von Sachsen. Die Bedingungen waren glimpflich; nach kurzer
Zeit sahen sich die Schuldigen wieder im Genuß der königlichen
Gnade, und 1072 wurden sie ihrer Haft entlassen. Nur Magnus
wurde zurückbehalten. Ende März 1072 war sein Vater ge—
storben; Magnus sollte ihm folgen; aber der König wollte ihn
nicht entlassen, ehe er nicht besondere Bürgschaften seiner Treue
gegeben hätte.
Da fragten in Sachsen bange Stimmen, was denn der
König eigentlich bezwecke? Wolle er etwa das Herzogtum ab⸗
schaffen, das einzige erbliche im Reiche, den Stolz des Stammes?
Um diese Zeit beabsichtigte König Heinrich einen Feldzug
nach Polen und ließ dazu auf einem Augsburger Reichstage
Pfingsten 1073 einen Heereszug ausschreiben. Auch die Sachsen
sollten daran teilnehmen. Aber in Sachsen trug man ganz
andere Kunde über den Zug von Mund zu Munde. Der
polnische Krieg sei Vorwand; das Heer werde in Sachsen ein—
brechen; die Sachsen sollten vertrieben werden; das schöne Land
eigne sich besser für die Schwaben, die Lieblinge des Königs.
Zum Kampf müsse man eilen; es handle sich um Haus und
Hof, um Weib und Kind, um die teuersten Güter des Lebens.
Inzwischen erschienen, Ende Juni 1073, die sächsischen
Großen zu Goslar am Hofe Heinrichs, sie wollten um Erlaß
der Heerfahrt nach Polen bitten. Heinrich wies sie ab, nach⸗
dem sie mehrere Tage gewartet; fie wurden des königlichen
Anblicks nicht gewürdigt. Das faßten sie als unverdiente
Demütigung auf; eine Verschwörung aller Großen mit Aus—
nahme von drei Bischöfen bestand, fast ehe sie geplant war.
Und nun trafen sich Fürsten und Volk in Wormsleben bei
Mansfeld; in feurigen Reden und maßlosen Übertreibungen
suchte und fand man, nach nochmaligen Verhandlungen mit dem
Könige, den Mut, gegen die Harzburg, den Aufenthaltsort des
Königs, zu ziehen. Der König war gegen den plötzlichen An—
sturm nicht gewappnet; in der Nacht des 10. August 1073
verließ er die Burg und flüchtete südwärts durch die Urwälder
des Harzes zum Kloster Hersfeld.
        <pb n="348" />
        334 Siebentes Buch. Zweites Kapitel.

Von hier suchte er die süddeutschen Fürsten, namentlich den
Herzog Rudolf von Schwaben, der schon mit einem Teile des
Polenheeres bei Mainz stand, gegen die Sachsen mobil zu machen;
in gleichem Sinne wandte er sich an die Thüringer. Beide Teile
versagten. Die Thüringer machten gemeinsame Sache mit den
Sachsen, sie brachen die königlichen Burgen ihres Landes; die
Laienfürsten nahmen in ihrer Unthätigkeit Rache für die Mini—
sterialenregierung des Königs.
Da endlich legten sich die großen geistlichen Fürsten des
Reiches ins Mittel. Die Erzbischöfe von Mainz und Köln be⸗
gannen zwischen den feindlichen Parteien zu verhandeln; sie
brachten es auf einem Tage in Gerstungen dahin, daß sie die
Sachsen dazu verpflichteten, gegen Zusicherung freien Geleites
und voller Straflosigkeit auf Weihnacht 1073 Genugthuung
zu leisten.
Vergebliches Mühen! Die Sachsen, bisher Sieger im Auf⸗
stand, bereuten bald ihre Nachgiebigkeit, und nunmehr wandten
sie, vermutlich zur Erlangung freier Hand, ein höchst verwerf⸗
liches Mittel an, um den König endgültig zunächst von den
süddeutschen Fürsten zu trennen. Ende des Jahres 1073 er—
frechte sich Regenger, ein Mitglied des königlichen Gefolges,
der Behauptung, der König habe ihn zur Ermordung Rudolfs
von Schwaben, Bertholds von Kärnten und anderer Fürsten
gedungen. Es war eine plumpe Erfindung, von deren Elendig—
keit die Zeitgenossen bald durch das traurige Ende des Ver—
räters in plötzlichem Wahnsinn überzeugt wurden. Allein, schon
hatte sie auf politischem Gebiete gewirkt. Die Versöhnung um
Weihnacht des Jahres 1073 war durch sie vereitelt worden; und
neuere Verhandlungen auf einem zweiten Tage zu Gerstungen,
am 2. Februar 1074, täuschten nur über die Schwierigkeiten
hinweg. Zwar wurden einige Abmachungen getroffen, und man
konnte hoffen, ihnen auf einem neuen Tag zu Goslar, den
10. März 1074, befriedigenden Abschluß zu geben.
Aber das war nicht die Meinung des sächsischen Stammes.
Mit der Hellsicht des Hasses hatte die Menge der Freien im
Volke die Schwierigkeiten der Lage erkannt; mit Mißtrauen
        <pb n="349" />
        Heinrich IV.; Königtum und Papsttum im Kampfe. 335

verfolgte sie die Beredungen der Fürsten mit dem fränkischen
König. Und während der Goslarer Verhandlungen siegten ihre
leidenschaftlichen Instinkte. Noch während der Beratungen ver—
langte die zusammengeströmte Menge drohend die augenblickliche
Zerstörung aller königlichen Burgen im Lande. Der König
mußte nachgeben; die Verhandlungen wurden abgebrochen; Hein—
rich begab sich von Sachsen nach Worms an den Rhein.
Und nun brach das Sachsenvolk los; in furchtbarem Grimm
vernichtete es die vermeintlichen Zwingstätten: da sollte kein
Stein auf dem andern bleiben: überall sah man Greuel der
Verwüstung. Aber Schlimmeres geschah auf der Harzburg, dem
Lieblingssitze des Königs. Die Burg ward zerrissen: das war
Rechtens. Dann aber stürzte Bauernpöbel auf die Kirche der
Burg, erbrach unter ihren fallenden Trümmern die königliche
Gruft, die sie barg, und zerstreute die Asche eines Bruders und
eines frühgeborenen Sohnes König Heinrichs in alle Winde.
Der erste Abschnitt des sächsischen Aufstandes schloß mit
einem Sakrileg gegen die Kirche und gegen das Herz des Königs:
sollte diesem Beginnen Gutes entsprießen?

II.

Inzwischen hatte das Schifflein Petri in Italien unter
der geschickte Führung Hildebrands immer höhere See und
günstigere Fahrt gewonnen.
Wir verließen die römischen Dinge im Jahre 1064, mit
jenem Konzil von Mantua, auf dem das Reformpapsttum den
ersten großen Sieg über das deutsche Königtum und die deutsche
Kirche gewann!. In den darauf folgenden Jahren wußte das
Papsttum in Italien vor allem die Normannen an sich zu fesseln.
Den Plänen der Kurie kam hier der natürliche Zug der Dinge
entgegen. Nachdem die griechische Herrschaft in Unteritalien fast
verdrängt war, handelte es sich für die Normannen im wesent—
lichen um Kriege mit den Sarazenen. Die konnten nicht besser

J

S. oben S. 323.
        <pb n="350" />
        336 Siebentes Buch. Zweites Lapitel.

geführt werden denn als Glaubenskampf; es war ein Vorspiel
gleichsam der späteren Kreuzzüge; die Päpste erprobten hier
zum erstenmal die furchtbare Gewalt, die bei der Stimmung
der abendländischen Gläubigen mit der geistigen Leitung solcher
Kriege in ihre Hand gelegt war. Derselbe Robert Guiscard,
der mit eigner Faust Apulien und Calabrien erobert hatte,
nannte sich doch von Papstes Gnaden Herzog dieser Lande und
Siziliens!, und sein Bruder Roger nahm im Verein mit ihm
im Jahre 1072 Palermo ein und machte sich zum Herrn der
ganzen Insel. Auf diese Art ward der Traum Karls des
Großen und der mächtigen Ottonen, die Christianisierung ganz
Italiens, erfüllt: unter dem Segen und zu Gunsten des Papstes.
Nicht minder breitete sich die Macht der Kurie in Mittel—
und Oberitalien aus. Hielt sie es im Süden mit den aristo—
kratischen Normannen: am Fuße der Alpen bediente sie sich
gleich geschickt der demokratischen Bewegung der Pataria, und
in Tuscien, dem Hauptlande Mittelitaliens, gewann sie die
Macht des Fürstentums für sich. Hier war Ende 1069 Herzog
Gottfried, der hart geprüfte und vielgewandte Lothringer, ein
geschworener Feind König Heinrichs, doch immerhin ein Deutscher,
gestorben. Er hinterließ außer seiner Witwe Beatrix und einet
Tochter dieser aus früherer Ehe, Mathilde, noch einen Sohn,
der nach dem Vater Gottfried genannt war. Von ihnen folgte
Gottfried zunächst nur in den deutschen Besitzungen, doch ver—
mählte er sich bald mit seiner Stiefschwester Mathilde und
vereinigte damit wieder alle Machtbefugnisse des Vaters. Indes,
von den deutschen Geschäften in Anspruch genommen, weilte
er zumeist jenseits der Alpen; die italienische Politik überließ
er den tuscischen Frauen. Und bei ihnen fand nun das Papst⸗
tum nicht bloß politischen Schutz, sondern mehr, die warme
Hilfe religiöser Begeisterung, und zu den allgemeineren Motiven
des tuscischen Anschlusses an Rom gesellten sich bald persön—
liche: Hildebrand und Mathilde, der spätere Papst Gregor VII.
und die spätere Großgräfin, waren früh durch die Bande enger
Freundschaft verbunden.
Sooben S. 300.
        <pb n="351" />
        Heinrich IV.; Königtum und Papsttum im Kampfe. 337

So war Italien an das Schicksal des Reformpapsttums
gefesselt; die Kurie war des eignen Hauses sicher. Aber schon
begann Hildebrand über die Grenzen des Landes hinaus den
gewaltigen Eroberungszug gegen die Nationen des Occidents.
Waren die slawisch-katholischen Völker seit den Tagen Ottos III.
dem Papsttum aufs engste verbunden, so galt es jetzt nament—
lich, die romanischen Nationen zu gewinnen. Hier hatte Leo IX.
schon Frankreich teilweise geneigt gemacht; zudem war das Land
der Sitz der cluniacensischen Bewegung, ja Lothringen der
Mutterboden des Reformpapsttums selbst. Darüber griff Hilde⸗
brand hinaus. Wohl im Anschluß an seine unteritalisch⸗nor⸗
mannischen Beziehungen knüpfte er Verbindungen an mit den
Fürsten und Helden der Normandie; unter päpstlicher Fahne
eroberten diese im Jahre 1066 das germanische England, und
vier Jahre darauf empfing Wilhelm der Eroberer aus den
Händen päpstlicher Legaten die Krone des neuen Reiches.
In dem Bewußtsein wachsender Macht, wie es die Vor—
gänge auf romanischem Boden erzeugten, würdigte die Kurie
nun auch die deutschen Dinge erneuter Beachtung.
Hier lebte die Hierarchie einstweilen noch unter dem Ein—
druck, daß sie bei den Vorgängen des Konzils von Mantua
immerhin die Macht formaler Entscheidung über das Papsttum
noch in den Händen behalten habe; ihre Bischöfe und Erz—
bischöfe, unter Heinrich III. hochgeehrt, noch kürzlich, in den
Zeiten der Unmündigkeit Heinrichs IV., Regenten des Reiches,
traten selbstsicher und stolz einher; nur wenige ahnten wohl die
bedrohliche Entwickelung des Papsttums der letzten Reformjahre.
Der König aber, nun selbständig, nahm auf Rat seiner mini—
sterialischen Umgebung gegenüber der Kirche die Politik Kon—
rads II. wieder auf; es blühte die Simonie, und die Bischöfe
wurden als Beamte des Reiches betrachtet.
Dagegen begann die Kurie nun seit Schluß der sechziger
Jahre vorzugehen. Und sofort zeigte sich, daß die deutsche
Kirche ihren Anforderungen fast widerstandslos unterlag, soweit
die Bischöfe in Frage kamen; die Erzbischöfe von Mainz und
Köln wie der Bischof von Bamberg sind mit Erfolg wegen
Lamprecht, Deutsche Geschichte II. 22
        <pb n="352" />
        338 J Siebentes Buch. Zweites Kapitel.

Simonie vor die römische Ostersynode schon des Jahres 1070
zur Verantwortung geladen worden.
Aber auch der König widerstand weder zäh noch folge—
richtig dem römischen Andrang.
Besonders unglücklich war es, daß ihm die Kurie zunächst
in einer persönlichen Sache ihre Vermittlung gewähren konnte.
Heinrich hatte am 18. Juli 1066 zu Tribur Bertha von Savoyen,
die ihm von Kindesbeinen an verlobte Braut, geheiratet, ob—
wohl sie ihm zuwider war. Noch drei Jahre nach der Hoch—
zeit hatte er sie nicht berührt und verlangte nun offen nach
Scheidung. Nun hätte er seine Absicht bei dem deutschen
Klerus wohl erreicht; allein im dringlichsten Augenblick, auf
einer Frankfurter Synode im Herbst des Jahres 1069, traf als
Gesandter der Kurie Pier Damiani ein, vereitelte dahingehende
Schritte und wußte sogar anscheinend ein besseres Verhältnis
zwischen dem König und seiner Gemahlin anzubahnen: in den
persönlichsten Beziehungen war die Kurie dem König machtvoll
an die Seite getreten.
Wenige Jahre darauf, am 21. April 1073, starb Papst
Alexander II.; ihm folgte in rascher, ja stürmischer Wahl
Hildebrand: der bisher versteckte Leiter der päpstlichen Politik
betrat unverhüllt, als Papst Gregor VII., die geschichtliche
Bühne. Im Verlaufe seiner Wahl waren das Papstwahldekret
vom Jahre 1059 und natürlich auch die bisherigen Rechte des
deutschen Königs als eines Patricius von Rom völlig mißachtet
worden; als der König um seine Zustimmung zur Wahl er—
sucht wurde, hätte Protest erhoben werden müssen. Allein seit
der Wahl Alexanders II. war man in Deutschland nachgiebig
geworden; nichts dergleichen geschah.
So begreift es sich, wenn Gregor VII. sich dem Glauben
zuneigte, Heinrich sei im Herzen der Reform wohlgesinnt, wie
einst sein Vater. Noch mehr mußte er zu dieser Anschauung
gelangen, ja ein Gefühl persönlicher Anhänglichkeit Heinrichs
an die Kurie annehmen, übersah er den Inhalt eines Schreibens
Heinrichs, das dieser in den Nöten des sächsischen Aufstandes
nach Rom gerichtet hatte. Heinrich bat nach der Flucht aus
        <pb n="353" />
        Heinrich IV.; Königtum und Papsttum im Kampfe. 339

der Harzburg, im Beginn des Aufstandes, Anfang September
1073, demütig um die Unterstützung des römischen Stuhles;
unter Selbstanklagen gelobte er Gehorsam und eine kirchliche
Praxis im Sinne der Reform.
Gregor beschloß, diese Lage zu nutzen. Er sandte im Früh⸗
jahr 1074 eine Gesandtschaft nach Deutschland, die auch hier
ein Nationalkonzil unter ihrem Vorsitz berufen sollte, um die
in Italien schon so oft beschlossenen Maßregeln gegen die
Simonie des Klerus und die Priesterehe durchzusetzen. Heinrich
nahm sich dieses Planes anfangs mit Eifer an, aber schließlich
wich er dem Widerspruch der Bischöfe, vornehmlich derjenigen,
die ihm in Sachsen während des Aufstandes treu geblieben
waren. Das Konzil kam nicht zu stande.
Gregor begriff nunmehr die Schwierigkeiten der Lage in
Deutschland. Er beschloß, die Bischöfe noch mehr wie bisher
von sich aus, aber mit Zuhilfenahme der weltlichen Gewalt
unter die Macht des Papsttums zu beugen. So forderte er
die der Simonie verdächtigen Bischöfe vor die römische Fasten—
synode des Jahres 1075 und verhängte über die nicht Er—
schienenen den Bann und die Amtsentbindung fuͤr die Dauer
des Widerstands. Zugleich aber ließ er durch die Synode das
Verbot der Laieninvestitur im Sinne der Schrift Humberts von
Silva Candida! beschließen. Es war ein Schritt, der die könig⸗
liche Macht in Deutschland im tiefsten Marke traf. Allein
Gregor veröffentlichte das Verbot einstweilen nicht von Amts
wegen. Er wollte den Angriff gegen den König noch nach
Möglichkeit mildern. Er schickte deshalb alsbald Gesandte an
den König nach Deutschland mit dem Vorschlag, dieser möge
sich mit der Kurie wegen des Investiturrechts verständigen.
Aber mancherlei Feinde störten eben jetzt die Kreise der
päpstlichen Politik. Die Pataria hatte eine Niederlage erlitten.
Auf der andern Seite zerfiel der Bund zwischen der Kurie und
den Normannen. Überall schien Gregor wieder aus seiner
Siegerstellung herausgeworfen zu werden. Vielleicht erklärt es

S. oben S. 317 ff.

4
        <pb n="354" />
        340 Siebentes Buch. Zweites Kapitel.

sich so, daß er noch am 20. Juli in Sachen der Bamberger
Bistumsbesetzung ein entgegenkommendes Schreiben an den
„ruhmvollsten“ König richtete!. Heinrich versprach seinerseits,
mit Gregor in vertrauliche Verhandlungen einzutreten?. Und
der Papst antwortete huldvoll, verwarf sogar die „ungerechte“
Empörung der Sachsen?. Aber die versprochene Vertraulichkeit
ließ sich nicht innehalten; denn Heinrich bedurfte jetzt, nach
den sächsischen Freveln auf der Harzburg, zur Unterwerfung
Sachsens der Fürsten: nur mit Hilfe ihrer Kontingente war
die Wiederherstellung des königlichen Ansehens im Nordosten
denkbar. Niemand aber war von jeher eifriger, Reichskontingente
zu stellen, als die geistlichen Fürsten, die Bischfsfe. In dem
Augenblick also, da Heinrich sich durch den Papst persönlich
verletzt fühlte, bedurfte er eben der Fürsten, die derselbe Papst
teilweis gebannt und gemaßregelt hatte: die Verbindung
zwischen dem König und den geistlichen Fürsten vollzog sich
von selbst. Und da mit dieser Schwenkung an Heinrichs Hofe
zugleich der Einfluß der freien Herren und Dienstmannen in
den deutschen Reichsgeschäften fiel, so näherten sich auch die
Laienfürsten wieder dem König: mächtig, wie seit langer Zeit
nicht, stand der König im Reiche.
Noch vorher aber hatte der König, unterstützt durch den
neuerlichen Bund mit den Fürsten, die Sachsen bei Homburg
und Nägelstädt am 9. Juni 1075 besiegt; und einem weiteren
Schlage entgingen sie nur durch bedingungslose Unterwerfung,
Ende Oktober 1075: es war der erste große Erfolg des Königs.
Aber dieser Sieg bedeutete in dem Zusammenhang, darin
er erfochten war, zugleich eine Vertagung der kirchlichen Reform
in Deutschland. Ja, noch mehr: indem der Sieg dem König
die Möglichkeit gewährte, seiner italienischen Aufgaben zu ge—
denken, bedeutete er den Bruch mit dem Papsttum.
Weihnacht 1075 vermochte Heinrich die Fürsten auf einem

Resg. III 3 eéd. Jaffé S. 208 ff.
Reg. III 5 S. 210.
s Reg. III 7 S. 213.
        <pb n="355" />
        Heinrich IV.; Königtum und Papfttum im Kampfe. 341

glänzenden Tage in Goslar zu dem Versprechen, im Fall seines
Todes seinen jungen Sohn Konrad zum König zu wählen.
Man weiß, daß solche Eide unseren Königen zumeist dann ge—
schworen wurden, wenn sie im Begriffe waren, sich dem für die
Deutschen des Mittelalters mörderischen Klima Italiens aus—
zusetzen. Heinrich hatte schon früher in die italienischen
Wirren eingegriffen. Jetzt ging einer seiner Berater, Graf
Eberhard, als königlicher Gewaltbote nach der Lombardei,
erklärte die Anhänger der Pataria als Hochverräter an König
und Reich und verlieh das Erzbistum Mailand dem königs—
treuen Kaplan Tedald. Gleichzeitig fast besetzte der König
einige Bischofssitze in Mittelitalien mit Deutschen, und was
schlimmer war, er begann mit Robert Guiscard von Apulien
und Calabrien Verhandlungen, die zunächst zu einer Ver—
söhnung Roberts mit Richard von Capua führten, wie sie die
Kurie in ihrem Interesse bisher stets verhindert hatte.
Waren das die Anfänge der deutschen Politik in
Italien: was würde geschehen, erschiene erst Heinrich selbst
im Süden der Alpen? Für den Papst blieb nichts übrig
als ein Bruch mit dem König vor diesem verhängnisvollen
Augenblick, ein Bruch, der den Herrscher in Deutschland
zurückhielt.
Schon Alexander II. hatte gelegentlich über das frivole
Leben am Hofe des jungen Heinrich geklagt, wohl nicht mit
Unrecht; er hatte auch einige leichtsinnige Räte aus der Um—
gebung des Königs gebannt. Doch hatte die Nichtbeachtung
dieses Bannes durch Heinrich weder Alexander noch Gregor ab—
gehalten, mit dem Könige weiter über die allgemeinen Fragen
des Reichs und der Kirche zu verhandeln. Jetzt benutzte Gregor
die Rückkehr einer königlichen Gesandtschaft nach Deutschland
im Dezember 1075, um dem König in strengem und über—
legenem Tone zu schreiben: er solle diese Räte alsbald ent—
lassen; und als mündlichen Auftrag fügte er hinzu: er selbst
lebe unsittlich; bekehre er sich nicht ernstlich, so müsse er ihn
aus der Gemeinschaft der Gläubigen stoßen. Auch von der
möglichen Absetzung des Königs wurde gesprochen. Und das
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        342 Siebentes Buch. Zweites LKapitel.

waren Aufträge, die königliche Gesandte ihrem Herrn
überbringen sollten!
Es war ein leidenschaftlicher, form- und taktloser Schritt,
ein in der bisherigen Art der Verhandlungen zwischen Papst
und König unbegründetes Vorgehen. Heinrich ward dadurch
zum Schlimmsten hingerissen. Er berief zum 24. Januar 1076
eine allgemeine deutsche Synode nach Worms. Zahlreich war
sie vom Klerus besucht; auch die Laienfürsten waren vertreten;
man wußte wohl, es würde sich um einen Hauptschlag handeln.
Sofort trat man mitten in die Beratung. Man erhitzte sich
über die Kunde von neuen päpstlichen Anschlägen; man hörte
mit Abscheu, was ein abtrünniger Kardinal Hugo über Person
und Wesen des Papstes vortrug. Dann verfaßte man ein
Schreiben an den Papst, das ihn der Tyrannei und Gewalt—
thätigkeit, des Meineides und des Bruches kanonischer Be—
stimmungen bezichtigte: er sei kein Papst mehr; man werde ihm
nicht gehorchen. Dem Schreiben aber fügte Heinrich später
ein königliches Manifest bei, das die leidenschaftliche Sprache
des Zeitalters und des Tages redet und nach den heftigsten
Anklagen dem Papst den Stuhl Petri verbietet: tu ergo..
omnium episcoporum nostrorum iudicio et nostro dampnatus
 descende, vendicatam sedem apostolicam relinque;
alius in solium beati Petri ascendat, qui nulla violentia
religionem palliet, sed beati Petri sanam doceat doctrinam!
Mit Jubel hörten die Bischöfe der Lombardei von den
Wormser Beschlüssen; sie schworen ihnen zu und übernahmen
es, sie nach Rom zu übermitteln.
In Rom traten die königlichen und lombardischen Ge—
sandten zur Zeit der Fastensynode unter die versammelten Väter
und verlasen unter deren sprachlosem Entsetzen die deutschen
Briefe, darin die Aufforderung an die Kardinäle, einen neuen
Papst aus Deutschland zu erbitten. Eine furchtbare Entrüstung
brach schließlich aus und wandte sich sogar gegen die Boten;
nur Gregor selbst blieb ruhig und rettete die Mutigen vor
Schmach und Verletzung.
Dann aber verkündete er den Bann über König Heinrich
        <pb n="357" />
        Heinrich IV.; Königtum und Papsttum im Kampfe. 343

und alle, die der Wormser Synode zugethan gewesen. Und
hieran schloß er ein Gebet zum Fürsten der Apostel, in dem er
König Heinrich auch seiner weltlichen Würde entband, ihm die
Regierung verschloß und seine Unterthanen der Treue gegen ihn
ledig sprach: ut sciant gentes et comprobent, quia tu es
Petrus et supra tuam petram filius Dei vivi aedificavit
occlesiam suam, ét porte Inferi non praevalebunt adversus
 eam.

III.

Noch auf dem Tage von Worms hatte Herzog Gottfried
von Niederlothringen, zugleich Markgraf von Tuscien, dem
König versprochen, den neu zu wählenden Papst nach Rom zu
führen. Da wurde er am 26. Februar 1076 ermordet. Es
war ein für das deutsche Königtum kaum zu verwindender
Schlag.
Um so eifriger ging Gregor in Italien und Deutschland
vor. Während er Robert Guiscard zunächst noch nicht wieder
an sich zu fesseln vermochte, beherrschte er nach Gottfrieds Tode
Tuscien durch die Großgräfin Mathilde. In der Lombardei
nahm er die Pataria jetzt ganz in päpstliche Dienste gegen die
königsfreundlichen Prälaten; in Deutschland wußte er seinen
Bannflüchen bei einer großen Anzahl frommer Bischöfe Nach—
druck zu verleihen. Nicht lange, und die deutschen Pfaffen—
fürsten duckten sich oder schwenkten zum Papste ab, während
in den unteren Reihen des Klerus volle Verwirrung der Ge—
wissen und sittlicher Verfall bald offen hervortrat. Und auch
die Laienfürsten erwiesen sich verführerischen Mahnungen
Gregors zugänglich, allen vorweg fast die süddeutschen Herzöge.
Sie hatten dem König zwar geholfen den Sachsenaufstand
dämpfen, mit nichten aber waren sie einverstanden mit den
darauf folgenden Versuchen des Königs, eine in sich gefestete
Monarchie im Sinne Konrads II. oder auch nur Heinrichs III.
in Italien und Deutschland zu begründen.
Selbstverständlich begannen bei solcher Wendung auch die
Sachsen wieder zu hoffen.
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        344 Siebentes Buch. Zweites Rapitel.

Für den König standen bald nur noch die werdenden
Schichten des Volkes ein, die Dienstmannschaft und vor allem
das zukunftsreiche Bürgertum der Städte; aber ihre Kraft war
noch weit davon entfernt, als einzige Stütze des Königtums
zu genügen. Heinrich war verloren. Vergebens sagte er einen
Reichstag zur endgültigen Absetzung Gregors nach Worms an
auf Pfingsten 1076, vergebens einen Tag auf den 29. Juni
nach Mainz; nur wenige von den Bischöfen erschienen, die
Herzöge fehlten ganz. Inzwischen erhob sich von neuem der
sächsische Aufstand. Heinrich versuchte ihn mit Hilfe des treuen
Böhmenherzogs zu dämpfen; vergebens.
In diesem Augenblicke glaubte Gregor seine Zeit gekommen.
Für eine Charakteristik des gebannten Königs verwandte er in
seinen Schreiben jetzt die schwärzesten Farben. Persönlich ver⸗
worfen, erschien er ihm als der erklärte Feind der heiligen
Kirche. In Worten höchster papaler Anmaßung legte er das
hierarchische Programm dar, und von den deutschen Fürsten
verlangte er, daß sie vor der Neuwahl eines Königs erst das
päpstliche Gutachten hören sollten: den Traum universaler
Weltherrschaft Roms nicht bloß über die Geister, nein, über
die Staaten und die Dinge dieser Welt unternahm er so zu
verwirklichen.
Die Fürsten stellten sich scheinbar auf die Seite des Papstes,
um ihn schlau zur Absetzung des verhaßten Königs zu benutzen.
Die oberdeutschen Bischöfe und Herzöge schrieben einen Tag
nach Tribur aus, dem Ort unglücklicher Erinnerungen für
Heinrich, auf den 16. Oktober 1076: da wollte man über das
Schicksal des Königs zu Rate sitzen. Allein auch Heinrich er—
schien; er lagerte auf der andern Seite des Rheins zu Oppen⸗
heim, nicht weit von seiner getreuen Stadt Worms, deren
Bürger ihren Papstbischof verjagt, ihren König jauchzend em—
pfangen hatten. So spitzten sich die Beratungen aufs äußerste
zu; fast schien nur die Berufung auf die Waffen noch möglich.
Da gelang im Augenblick ärgster Spannung doch noch eine
Vermittlung, deren Träger schließlich die päpstlichen Legaten
selbst noch gewesen zu sein scheinen. Jedenfalls war es durch—
        <pb n="359" />
        Heinrich IV.; Königtum und Papsttum im Kampfe. 345

aus im Sinne Gregors, wenn König und Fürsten sich schließlich
dahin einigten, daß der papale Bischof nach Worms zurück—⸗
geführt werden sollte, daß die gebannten Bischöfe und Räte
aus Dienst und Umgebung des Königs entfernt werden sollten,
daß endlich der König dem Papste Worte der Ergebenheit
schreiben sollte. Daneben scheinen dann die Fürsten den Drang
des eigenen Interesses und die an sie herantretenden For⸗
derungen des Papstes noch in der Verabredung vereint zu haben,
daß das Reich als verwaist zu betrachten sei, sobald der Bann
Heinrichs Jahr und Tag andauere, daß aber bis zu diesem
Termin dem Papste die schiedsrichterliche Vermittelung zwischen
König und Fürsten zustehen solle.
Es war immerhin ein halber Triumph der Ideen Gregors:
während Heinrich entmutigt, ein Büßender, nach Speier entwich,
begab sich der Papst nach dem Norden Italiens, um unter
deutschem Geleit so rasch als möglich die Alpen zu überschreiten
und in glanzvoller persönlicher Anwesenheit auf deutschem Boden
zwischen König und Königsgetreuen zu richten.
Allein es kam anders.
Wahrend Gregor in der Lombardei ungeduldig des deutschen
Geleites harrte, traf ihn die Kunde, König Heinrich sei nicht
mehr in Speier, er habe die nebeldüstre und winterskalte Fahrt
über die Alpen gethan, er nahe. Wer kannte die Meinung
des Königs? Gregor flüchtete vor ihm nach Canossa, in die
feste Burg der Großgräfin Mathilde. Aber nicht zu strafen
war des Königs Absicht. Von der Wirkung eines unerhörten
Bannes getroffen, sehnte er sich nach der Lösung kirchlichen
Fluches; stolz auf die Würde des Königtums, wünschte er einen
Schiedsspruch des Papstes zwischen sich und seinen Vasallen
vermieden: und er ließ sich vermeiden, wenn der König des
Bannes ledig zur Heimat zurückkehrte.
Durch den unerwarteten Schritt Heinrichs wurden Gregors
Pläne völlig verschoben. Der König begab sich auf das Gebiet
kirchlicher Bußdiciplin, auf dem der Papst in seinen Handlungen
gebunden war. Der Bannstrahl des Papstes prallte auf den
zurück, der ihn entsendet hatte; Gregor war ohnmächtig gegen—
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        346 Siebentes Buch. Zweites Kapitel.

über königlicher Zerknirschung. So geschah Schlimmeres, denn
Gregor je vermutet, als König Heinrich nach vergeblichen Ver—
handlungen mit dem Papste am 25. Januar 1077 den Thoren
Canossas nahte, Absolution und nur Absolution begehrend. Am
28. Januar mußte sie ihm nach dreitägigem Harren gewährt
werden; freilich nicht, ohne daß er vorher Bedingungen im
Sinne der alten Pläne Gregors eingegangen wäre. Gregor hatte
festgehalten an seinem schiedsrichterlichen Beruf in Deutschland;
der König hatte ihm versprechen müssen, ihn dorthin frei ziehen
zu lassen und mit den deutschen Fürsten nach päpstlichem Rate
Versöhnung zu suchen, wenn irgend möglich!. Eine „Schmach“
von Canossa hat wohl für das 11. Jahrhundert nicht existiert:
Heinrichs Schritt bewies der Zeit seine Demut; für sie lag
keine Selbsterniedrigung darin. Und doch, wer wollte einer
umfassenderen Geschichtsbetrachtung es wehren: in dem Tage
von Canossa, so gut wie in denen von Venedig und Lyon, ein
Symbol für den glänzenden Sieg des hierarchischen Gedankens
zu erblicken?
Gregor selbst freilich wollte seine Niederlage nicht zugeben.
Denn in einem Rundschreiben an die deutschen Fürsten erklärte
er, die politischen Fragen seien durch die Königsbuße nicht
gelöst. Sein Kommen nach Deutschland, sein einmütiges Zu—
sammenwirken mit den Fürsten sei nötiger denn je. Ähnlich
dachten auch die Fürsten selbst. Sie wollten von Heinrich nichts
wissen, ob er gleich vom Banne gelöst war: auf Canossa antworteten
sie mit der Wahl des Gegenkönigs Rudolf von Schwaben.
Auf einem Tage zu Forchheim, am 15. März 1077, ward

Zum Thatsächlichen der Vorgänge auf Canossa und besonders zur
Kritik Lamperts von Hersfeld s. neben Ranke u. Martens: Meyer v. Knonau,
Jahrb. II (1899 S. 759 ff., 894 ff. Holder-Egger, Lampertstudien,
Neues Archiv 19 (1894) S. 537 ff. Mirbt, Publizistik (1894) S 188 ff.
Meyer v. Knonau, Deutsche Ztschr. für Geschichtswiss. 11 (1894) S. 359 ff.
Hauck III (1896) 805 f. Otto, Mitt d. Inst. f. österr. Geschichtsforschung
18 (1897) S. 615 ff. Richter, Annalen III, 2 (1898) S. 286 ff. Neben
den eigenen Berichten Gregors Geg. IV, 12 S. 257 ep. coll. S. 545)
verdienen Donizos Angaben in der Vita Mahbtildis (&amp;amp;ë. XII 381) die
höchste Beachtung.
        <pb n="361" />
        Heinrich IV.; Königtum und Papsttum im Kampfe. 347

Rudolf gewählt. Es war ein Ereignis, das der Papst im
Grunde zu verhindern versucht hatte; ein Doppelkönigtum
konnte ihn leicht zum Parteigänger machen, statt zum Richter.
Und schon suchten die Anhänger Rudolfs die Kurie zu sich
hinüberzuziehen; wie auf wesentliche weltliche Rechte des König⸗
tums so hat Rudolf auch auf die Mitwirkung bei der kanoni—
schen Wahl der Bischöfe verzichtet, ehe oder sobald er ge⸗
wählt war.
Andrerseits hätte der Papst, sprach er sich voll für Rudolfs
Königtum aus, weder sein diplomatisches Ziel erreicht noch für
die Kirche viel gewonnen. Das wäre nur der Fall gewesen,
wenn. Rudolf der vollen Zustimmung der Nation ——
wäre. Aber hiervon war nicht die Rede. Der niedere Klerus,
reformfeindlich, haßte ihn; die Dienstmannen des Reiches, groß
geworden durch die Salier, nahmen ihn nicht auf; die Bürger
der großen Städte höhnten ihn offen; die Mainzer haben ihn
noch an seinem Krönungstage aus der Stadt getrieben. Und
nun erschien König Heinrich von jenseit der Alpen im deutschen
Süden. Alles Volk fiel ihm zu; auf einem Reichstag zu Ulm,
Pfingsten 1077, ächtete er die süddeutschen Herzöge als Verräter
am Reiche. Rudolf sah sich bald auf Sachsen und Thüringen
beschränkt; die Quellen nennen ihn Sachsenkönig, so sehr sich
die Sachsen gegen diesen Ausdruck wehrten; seine Sache ver—
schmolz mit dem nordischen Aufstand.
Es war eine für Gregor höchst unerfreuliche Wendung.
Niemand fragte mehr nach Reform der Kirche und päpftlicher
Vermittlung, so oft und hartnäckig diese auch angeboten ward;
die Waffen beherrschten das Feld. Ihrem Entscheid, einem
germanischen Gottesurteil, mußte schließlich auch Gregor sich
fügen. Es fiel zu Ungunsten Heinrichs. Nach mannigfachen
Feldzügen und Plünderungen beider Parteien kämpfte Heinrich
am 7. August 1078 bei Mellrichstadt in Ostfranken ohne Ent—
scheidung, aber am gleichen Tage unterlag ein starkes, Heinrich
getreues Bauernheer den Parteigängern Rudolfs am Neckar.
Diesem Schlage folgte dann nach wiederholt erfolglosen Ver—
handlungen eine Niederlage zu Flarchheim, am 27. Januar 1080.
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        348 Siebentes Buch. Zweites Kapitel.

Darauf endlich, auf der Fastensynode des Jahres 1080,
nach jahrelangen verworrenen Verhandlungen, ging der Papst
gegen Heinrich vor; jetzt glaubte er an Rudolfs Stern. Von
neuem bannte er den König mit seinen bischöflichen Anhängern.
Und auch diesmal gab er dem feierlichen Akt die ungewöhnliche
Form eines Gebetes an die Apostelfürsten. Zugleich aber ent—
setzte er jetzt Heinrich vollends seiner königlichen Gewalt über
Deutschland und Italien — während er Rudolf nur für
Deutschland anerkannte — und entband die Eingesessenen des
Reiches nochmals der Treue und des Gehorsams. Und daran
fügte er die stolze Bitte zu den Apostelfürsten, sie sollten im
Sturze Heinrichs alle Welt erkennen lassen, daß sie in ihren
Händen das Schicksal der Könige hielten und Kronen zu
nehmen wie zu verleihen vermöchten nach kirchlicher Schuld
und kurialem Verdienste.
Aber es gab zu denken, daß gerade jetzt die Souveränität
der Staatsgewalt in dem gelehrten Ravennater Juristen Peter
Crassus einen geschickten Verteidiger fand, dessen Thätigkeit
um so beachtenswerter erscheint, als sie neben der biblischen,
klassischen und patristischen Litteratur auch die justinianischen
Rechtsquellen heranzieht.

IV.

Während der Papst in Rom sich im öffentlichen Gottes—
dienste des Ostermontags bis zu der Prophezeiung hinreißen
ließ, sein deutscher Widersacher werde bis zu bestimmter Frist
widerrufen oder untergehen, erklärten sich die konigstreuen
Bischöfe in Bamberg zu Ossern entschieden gegen Gregor.
Noch allgemeiner und heftiger fiel ihr Protest zu Pfingsten in
Mainz aus: das Haupt der Pest verbreitenden Schlange sollte
gänzlich abgeschnitten werden. Und so konnte denn Heinrich IV.
guten Mutes in den erneuten Kampf wider Gegenkönig und
Papst gehen.
In Deutschland zog er mit einem Heere ins Sachsenland;
an der Grune, nicht fern der weißen Elster, im Bistum
Naumburg, ward er am 15. Oktober 1080 geschlagen. Aber
        <pb n="363" />
        Heinrich IV.; Uönigtum und Papsttum im Kampfe. 349

die sächsischen Bauern, die den Kampf entschieden, verloren ihr
Oberhaupt; König Rudolf büßte in der Schlacht die meineidige
Rechte ein und erlag seiner Wunde noch am Tage des Sieges:
Roudolfus rex, sancti Petri miles, migravit ad Dominum,
meint eine süddeutsche Quellei. Es war ein Ereignis von
großen Folgen. Denn wählten die Fürsten, die allein in der
Zweiung des Reiches ihr Ziel landesherrlicher „Freiheit“ er—
reichbar sahen, auch im August 1081 in dem Grafen Hermann
von Salm einen neuen König, so gelang es diesem doch trotz
mancher Erfolge nicht, auch nur das Ansehen Rudolfs zu
erwerben.
Heinrich konnte schon 1080 daran denken, den Kampf in
Deutschland seinen Parteigängern zu überlassen, und sich nach
Italien wenden, wider den großen Störer des deutschen Friedens,
wider Gregor selbst.
In Italien hatte mittlerweile die erneute Bannung des
Königs den schlechtesten Eindruck gemacht. In Rom wäre es
beinahe zum Aufruhr gekommen. In Tuscien fiel ein großer
Teil der Vasallen der Großgräfin von dieser ab: sie wollten
nicht gegen den König dienen. Und lauter Jubel erhob sich
unter den Bischöfen der Lombardei ob der Nachricht, daß Hein—
rich nahe, und mit ihnen fühlte der jetzt zu erneutem Ansehen
emporsteigende Laienadel des Landes. So hatte Heinrich die
italienischen Maßregeln gegen Gregor alsbald mit einem durch—
greifenden Gegenschlag einleiten können. Er hatte auf einer
Synode zu Brixen, am 25. Juni 1080, Gregor von neuem ab—
setzen lassen und darüber hinaus der Wahl seines Kanzlers
Wibert, Erzbischofs von Ravenna, zum Gegenpapste zugestimmt.
Das war allerdings der entscheidende Schritt. Mochte
Wibert, der den Namen Clemens III. annahm, der Reform der
Kirche mehr oder minder günstig gesinnt sein: wie die Gegen—
sätze sich entwickelt hatten, galt er als Vertreter des der Reform
entgegengesetzten Prinzipes: indem der König ihn aufstellen
ließ, gab er dem Königtum eine Wendung immer mehr gegen

1

Bern. Necrol., 88. 5, 362 3. 44; vgl. Bern. Chron. 1080.
        <pb n="364" />
        350 Siebentes Buch. Zweites Kapitel.

die Reform überhaupt, gegen die geistigen Strömungen, die in
wachsender Verstärkung seit fünf Generationen die Welt zu
beherrschen begonnen hatten, erklärte er sich gegen den Genius
des Zeitalters. Ein aussichtsloser Kampf war eröffnet. Gregor
aber bannte ihn auf der Fastensynode 1081 zum dritten Male
und verteidigte sein Exkommunikationsrecht bald darauf in
einem berühmt gewordenen Schreiben an seinen Freund, den
Bischof Hermann von Metz.
Freilich, die nächste Zukunft war Heinrich noch günstig.
Von Trier aus sammelte sich eine starke publizistische Opposition
gegen den Papst. Hier verfaßte der Scholastikus Wenrich in
Form eines Briefes an Gregor eine wirkungsvolle Schutzschrift
für den König. Gregor selbst aber wußte den Maßregeln, die
Heinrich von Deutschland aus geplant hatte, nicht schleunig
genug Gewalt entgegenzusetzen; die Normannen zauderten mit
dem kriegerischen Marsch gegen Clemens III., und die papst⸗
treuen Vasallen der tuscischen Gräfin wurden von Heinrichs
Parteigängern am 15. Oktober 1080 bei Volta am Mincio
zersprengt.
Und nun erschien Heinrich nach erfolglosen Verhandlungen
mit den Sachsen selbst in Italien. Ende März 1081 über—
schritt er die Alpen, zu Pfingsten nahte sein Heer der ewigen
Stadt. Aber die geplante UÜberrumpelung mißlang. Wie so
oft, wenn sich ihnen ein deutscher Kriegszug nahte, schlossen
auch diesmal die Römer trotz früherer Zwiste mit dem Papst
den Deutschen die Thore, und Heinrich sah sich außer stande,
sie gewaltsam zu öffnen. Günstiger begann ein zweiter Zug
gegen Rom, Januar 1082, zu verlaufen. Der König hatte sich
mit Belagerungsmaterial versehen; sein Papst Clemens III.
übernahm den dauernden Befehl über die einschließenden
Truppen; allen Ernstes war eine Erstürmung oder Aus—
hungerung der Stadt beabsichtigt. Und gleichzeitig ward die
äußere Lage für den eingeschlossenen Gregor immer ungünstiger.
Die Lombardei hing am König, die tuscische Großgräfin war
matt gesetzt. Die Normannen wandten sich, nachdem sie die
Sarazenen aus Sizilien vertrieben hatten, gegen die Griechen
        <pb n="365" />
        Heinrich IV.; Königtum und Papsitum im Kampfe. 351

in der Balkanhalbinsel, über die Grenzen Italiens hinaus: das
legte ihre Heeresmacht zu andern als päpstlichen Zwecken fest
und veranlaßte die Griechen, den deutschen König als Nor—
mannenfeind mit Hilfsgeldern zu unterstützen.
Unter dem sich verstärkenden Eindruck dieser Wandlungen
kam es in Rom zu sonderbaren Dingen. Die Römer, halb
eingeschüchtert, halb bestochen, schlossen mit König Heinrich
einen geheimen Vertrag, wonach er die Belagerung der Stadt
auf vier Monate unterbrechen sollte: während dieser Frist
sollten die Römer entweder Gregor dazu bewegen, Heinrich
vom Bann zu lösen und kaiserlich zu krönen, oder aber einen
andern Papst wählen, der die Krönung vollzöge.
Für Gregor blieben nur noch Mittel geistlichen Kampfes
übrig. Er bannte Heinrich zum viertenmal. Er suchte die
Häupter der Reformpartei mobil zu machen, indem er auf den
November 1083 eine Synode nach Rom berief zur Beilegung
des Streites mit Heinrich IV. Aber Heinrich achtete des
Bannes nicht, und unbeirrt durch das scheinbar seinen Zielen
so günstig gefaßte Programm der Synode verhinderte er deren
Zusammentritt. Das Schicksal Gregors begann sich zu
erfüllen.
Während Heinrich im Anfang des Jahres 1084 einen Zug
gegen die Normannen unternahm, entsprechend seinen den
Griechen gegenüber eingegangenen Verpflichtungen, wurde der
Sinn der Römer mürb; sie sandten Boten zum König, er möge
in die Stadt zurückkehren und ihnen den Frieden bringen. Am
21. März 1084 hielt Heinrich seinen feierlichen Einzug; er be—
stellte eine Synode, Gregor nochmals abzusetzen und zu bannen;
er ließ Clemens III. von den Römern wählen und feierlich
inthronisieren und empfing mit seiner Gemahlin am 81. März
1084 aus den Händen seines Papstes die kaiserliche Krone.
Gregor hielt sich unterdes hartnäckig auf der von den
Deutschen nicht eroberten Engelsburg. Da endlich nahte von
Süden her Hilfe. Robert Guiscard rückte mit einem gewaltigen
Normannenheer heran; es war nicht daran zu denken, daß sich
der Kaiser gegen ihn hielte. Am 21. Mai verließ Heinrich
        <pb n="366" />
        352 Siebentes Buch. Zweites Kapitel.

Rom, und die normannischen Retter Gregors erschienen; am
28. Mai stürmten sie die ewige Stadt.
Aber sie hausten furchtbar in Mord und Plünderung und
brachten den unglücklichen Papst auf diese Art um die letzten
Sympathieen der römischen Bevölkerung. Befreit, fühlte er sich
gleichwohl nicht sicher in Rom; darum entwich er mit dem
Heere Roberts nach Süden, während Clemens III. nach Rom
zurückkehrte und eine friedliche Herrschaft errichtete. Gregor
aber zog durch die Campagna nach Monte Cassino, von Monte
Cassino nach Benevent, von Benevent nach Salerno. In Salerno
endlich fand er eine bleibende Statt. Und alsbald nahm er
den Kampf gegen Heinrich wieder auf. Eine Synode ward be—
rufen, sie bannte Heinrich zum fünften Male: vergebene Mühe.
Bittschreiben und Ermahnungen ergingen an alle Welt zu einem
Befreiungs- und Kreuzzug für die Person des Papstes: um—
sonst; nicht einmal Robert Guiscard wollte sie hören.
So zur Ruhe gezwungen, starb der Ruhelose am 25. Mai
1085. Er ist nicht dahingegangen in dem Gefühl oder gar
der Anerkennung der Thatsache, daß seine Art sich überlebt
habe. Seine Mittel waren längst verbraucht, weil zu jäh in
zu scharfer Form verwendet; sein Programm war längst ver⸗
abscheut, weil zu abstoßend verkündet. Ihm fehlte das kalte
Blut, das die großen Politiker aller Zeiten auszeichnet. Gregor
hatte in seinem Sinne und im hierarchischen Sinne überhaupt
recht, wenn er sterbend in die biblischen Worte ausbrach, er
fahre in Elend dahin, weil er Gerechtigkeit geliebt und Unrecht
gehaßt habe. Sein Fanatismus aber kannte zuletzt nur noch
die Gefühle verstoßenden Hasses und unbändiger Liebe; das
Maß edler Menschlichkeit, diu maze, der höchste Wunsch ger⸗
manischer Persönlichkeit kommender Zeiten, war ihm versagt.
Kein eigentlich schöpferischer Geist, als Christ vielfach von alt—
testamentlichen Vorstellungen geleitet, war er ein schroffer
Systematiker der Gedanken, die andere gedacht hatten, ein
realistischer Herold der ersten selbständigen religiöäsen Regungen
der abendländischen Völker, die in seinen Jahren zur Reife ge—
langten, ein Verdichter der Ideen seines Zeitalters zu politischen
        <pb n="367" />
        Heinrich IV.; Königtum und Papsttum im Kampfe. 3538

Maßregeln und insofern wenigstens ein großer Staatsmann:
der klare Gedanke päpstlicher Universalherrschaft als einer
politischen Möglichkeit ist sein Werk: das Werk eines der Welt
zugewandten Asketen. Allein den Gedanken zu verwirklichen,
war ihm nicht vergönnt. Dazu bedurfte es elastischerer, in der
Form nachgiebigerer Naturen: bald sollten sie dem römischen
Stuhle in einem Urban II., einem Calixt II. erwachsen.

Als Hejnrich IV. im Juni 1084, unmittelbar nach seiner
Kaiserkrönung, voll hoher Siegeshoffnung nach Deutschland
heimkehrte, fand er die Nation nach außen hin nahezu schutzlos,
im Innern in furchtbarer Verwirrung. Der Kampf zwischen
Kaiser und Papst war zum Kampfe zwischen Reich und Kirche
geworden; fast überall standen den kaiserlichen Bischöfen päpst—
liche gegenüber; in jedem Sprengel wiederholte sich das römische
Schisma. Damit waren die bisherigen Grundlagen der mon—
archischen Regierung in Frage gestellt; dem durch kaiserliche
Bischöfe vermittelten Einfluß der Centralgewalt trat überall
der Widerspruch papaler Seelenhirten entgegen. Und längst
schon hatte Gregor VII., wie in Italien, so auch in Deutsch—
land das Laientum gegen das Reich und den reichstreuen
Klerus mobil gemacht; Reformfreunde und Radikale, übereifrig
Kirchliche wie Kirchenfeinde wandten sich in gleicher Weise gegen
bisher als unantastbar und heilig betrachtete Einrichtungen.
Die Folge war der Verfall der öffentlichen Sittlichkeit und
des Glaubens überhaupt. Eine furchtbare Verwirrung der Ge—
wissen trat ein um so mehr, je gebundener der mittelalterliche
Geist an sich war; wüste Selbstsucht und rücksichtsloses Streben
nach äußeren Vorteilen drangen empor; die Moral des Erfolges
beherrschte die Welt. In den führenden Schichten der Nation
verlor sich damit das mühsam erst anerzogene und in lang—
samem Werden begriffene Gefühl der politischen Verantwort⸗
lichkeit flr das Ganze; Graf stand auf gegen Graf, Herzog
gegen Herzog; niemand dachte an die Krone, niemand sehnte
Lamprecht, Deutsche Geschichte JII. 23
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        354 Siebentes Buch. Zweites Rapitel.

ihre Gewalt zurück. Trotzdem haben sich für Heinrich IV. auch
jetzt noch, wohl 1084, eifrige und geschickte publizistische Freunde
erhoben: Wido von Osnabrück z. B. verfaßte eine historisch
argumentierende antipäpstliche Streitschrift. Und als Antwort
auf ein früher erwähntes Schreiben Gregors an Hermann von
Metz erschien in Hersfeld ein königsfreundlicher Traktat, der
später als ein erstes Buch unter dem Titel „de unitate ecelesiae“
 herauskam und 1519 von Hutten wieder aufgefunden
wurde. Dagegen ist auch einer der hitzigsten Gregorianer,
Manegold von Lautenbach, ein Deutscher, wichtig auch deshalb,
weil sich bei ihm schon Ansätze zu einer Staatslehre im Sinne
späterer Theorien vom Staatsvertrage und von der Volks—
souveränetät finden.
Heinrich aber mußte vor allem die thatsächlichen Grund—
lagen aller königlichen Gewalt wiederherstellen, das Recht,
Frieden zu gebieten und Unfrieden zu strafen. In diesem Be—
streben fand er die volle Zustimmung und Hilfsbereitschaft
einer damals eben erst zu politischer Geltung gelangenden
Volksschicht, des Bürgertums; ja das Bürgertum hatte ihm,
geführt von kaisertreuen Bischöfen, in den Gegenden seiner
glänzendsten Entfaltung, im Nordwesten des Reiches, schon vor—
gearbeitet.
Mit dem Untergange des alten, heidnisch-sakral charakteri—
sierten germanischen Strafrechtes im 7. und 8. Jahrhundert
war bei allen deutschen Stämmen mit Ausnahme etwa der
Sachsen die öffentliche Strafgewalt stark erschüttert und be—
schränkt worden. Zwar hatte das Königtum versucht, auf
Grund seines Bannes eine Art königlichen Strafrechtes neben
dem volksrechtlichen zu entwickeln, indes war das nur zum ge—
ringsten Teile gelungen. Im wesentlichen konnte das König—
tum von da ab den öffentlichen Frieden nur auf dem Umwege
polizeilichen Eingreifens oder mittelst jener eigenartigen Ver—
anstaltungen schützen, von denen gelegentlich der Regierung
Heinrichs II. und Heinrichs III. erzählt worden istꝛ. Und

S. oben S. 252 f., 268
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        Heinrich IV.; Königtum und Papsttum im Kampfe. 355

schon war die Kirche neben der weltlichen Gewalt als Friedens⸗
schützerin wirksam geworden. In allen Staaten nördlich der
Alpen hatte sie ihr Asylrecht für Verfolgte immer umfang—
reicher entwickelt; und in Frankreich hatte sie darüber hinaus
seit Ende des 10. Jahrhunderts die besondere Institution des
Gottesfriedens geschaffen und mit Erfolg verbreitet.
Daran hatten nun die Bürgerschaften des deutschen Nord⸗
westens, geführt von ihren Bischöfen, angeknüpft. In Lüttich
hatte Bischof Heinrich, einer der getreuesten Anhänger Kaiser
Heinrichs, im Jahre 1082 den Gottesfrieden für seinen Sprengel
verkündet; ein Jahr darauf war ihm Erzbischof Sigewin von
Köln gefolgt. Heinrich hatte die Lütticher Maßregel noch von
Italien aus bestätigt: es war klar, in welcher Weise er nach
seiner Heimkehr nach Deutschland vorgehen würde.
Im deutschen Bürgertum und darüber hinaus fanden die
königlichen Absichten lauten Anklang. Nach vergeblichen Ver—
handlungen mit den Sachsen brachte Heinrich auf einer Synode
zu Mainz die Verkündung des Gottesfriedens für das ganze
Reich zu Wege. Das gab dem Könige auch rein politisch neue
Kraft; er konnte Gregor und dessen Bischöfe nochmals absetzen
lassen und ächtete mit Erfolg den Gegenkönig Hermann. Er
hegann weiterhin erfolgreich mit den Sachsen zu verhandeln.
Diese Verhandlungen schritten unter dem Eindruck der Nach—
richt vom Tode Gregors VII. doppelt rasch vorwärts; fast alle
sächsischen Fürsten unterwarfen sich; ungestört durchzog Heinrich
das ehemals feindliche Land bis Magdeburg: der sächsische
Aufstand schien beendet. Heinrich aber gab seinen Erfolgen
gleichsam einen auch äußerlichen Abschluß, indem er seinen
treuen Anhänger, den Böhmenherzog Wratislaw, zum König
aber Böhmen und Polen erhob, zum Zeichen, daß es der kaiser—
lichen Hoheit wohl zustehe, Kronen zu verleihen; am 15. Juni
1086 unterzog sich Wratislaw zu Prag der feierlichen Weihe.
Es war der erste Höhepunkt neuer Macht, den Heinrich in
Deutschland erreichte. Aber sofort folgte ihm tiefes Sinken.
Wie Heinrich die ersten Jahre seiner Regierung mit Rat und
Hilfe der emporkommenden sozialen Schichten des platten
93 *
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        356 Siebentes Buch. Zweites Kapitel.

Landes, der Ministerialen und freien Herren geherrscht hatte,
zum Verdruß des alten Adels der Fürsten, so hatte er jetzt
jenen zukunftsreichen Stand der Bürger an sich herangezogen,
der ihn bisher schon, in den schlimmen Tagen von Tribur und
später, geschützt hatte. Es war eine Politik der Treue um
Treue, aber sie fand mit nichten den Beifall der Fürsten. Eine
fürstliche Koalition der Herzöge von Schwaben und Baiern und
des Meißener Markgrafen Ekbert, eines wüsten Haudegens, bil⸗
dete sich, der bald auch andere sächsische Fürsten und der Gegen⸗
könig Hermann zufielen; diese Koalition schlug den Kaiser bei
Pleichfeld, nordwestlich von Würzburg, am 11. August 10861.
Erreicht ward hier aber nur eine Schwächung des König⸗
tums, und auch diese nur auf kurze Zeit. Denn immer
übermächtiger begann sich über dem kampfesmüden Reiche und
seinen politischen, sozialen und religiösen Gegensätzen eine
Friedensstimmung zu lagern, die notwendig dem Königtum zu
gute kommen mußte. Sie gestattete Heinrich, im Oktober 1087
wieder in Sachsen zu erscheinen; sie half ihm den Gegenkönig
Hermann vertreiben, bis er in Lothringen sein verlorenes Leben
endete; sie erlaubte nach der Ermordung Ekberts, am 3. Juli
1090, die Beseitigung auch der letzten Reste des sächsischen Auf—
stands. Sie schuf überhaupt für das Reich einen ähnlichen
Zustand, wie etwa im Jahre 1085: man ward friedfertig, weil
man ohnmächtig war; man ordnete sich dem König unter,
soweit er sich aller größeren Maßregeln zur Stärkung seiner
Gewalt enthielt; man durchlebte Zustände des Genesenden, nicht
des Gesunden.
Heinrich handelte klug, wenn er in diesem Augenblick
Deutschland sich selbst überließ und der italienischen Politik
nachging.

Es ist bezeichnend, daß hier die deutschen Feinde des Kaisers, die
sich teilweise „Getreue des h. Petrus“ nannten, unter einem italienischen
Symbol gegen ihn fochten: sie sammelten sich um einen Carroccio, auf
dem ein hohes Kreuz mit roter Fahne stand. S. Meyer v. Knonau—
Jahrb. IV (1908) S. 126 ff.
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        Heinrich IV.; Königtum und Papsttum im Kampfe. 357

Hier waren seit dem Tode Gregors Veränderungen ein—
getreten, die das unbestrittene kaiserliche Ansehen zu bedrohen
bhegannen. Zwar der erste Nachfolger Gregors, Viktor III.,
—VV
aus Rom zu verdrängen; er starb fern der ewigen Stadt am
16. September 1087. Auch der nächste Papst, der Cluniazenser
Urban II. (seit dem 12. März 1088), sah zuerst nur Jahre
des Kummers und der Verbannung;; nichts fast blieb ihm,
als die Freundschaft der Großgräfin Mathilde. Aber eben
die wußte er zu nutzen. Er hauptsächlich veranlaßte es, daß
im Jahre 1089 die vierzigjährige Mathilde sich mit dem
siebzehnjährigen Welf, einem Sohne des Herzogs Welf von
Baiern, vermählte. Die Ehe hat den Spott der Zeitgenossen
genugsam erfahren; für Heinrich bedeutete sie eine höchst ge⸗—
fährliche politische Wendung. Nun bildete die Gewalt der
tuscischen Markgrafschaft mit dem lombardischen Besitz des
Hauses Este und der Bedeutung des bairischen Herzogtums eine
geschlossene Macht, und diese lag in päpstlichen Händen. Damit
nicht genug, belebte Urban II. gleichzeitig den Kampfeseifer
der deutschen Gregorianer namentlich in Süddeutschland: vom
Schwarzwald, vornehmlich von Hirsau, ging damals eine neue
fanatische Propaganda der Reform hinaus in die süd- und
mitteldeutschen Lande?.
Heinrich hatte recht, den Stier bei den Hörnern zu packen;
im Frühjahr 1090 zog er über die Alpen zum Kampfe gegen
Welf und Mathilde. Der Krieg zog sich in die Länge, doch
oerliefen seine Zwischenfälle immer mehr zu Gunsten Heinrichs;
ein ihm günstiges Ende war fast vorauszusehen. Zugleich fiel
damals, Ende 1091, das große savoyische Erbe, die Nachlassen—
schaft seiner ersten Gemahlin Bertha, in seine Hand: ein dem
welfisch-mathildischen Besitz einigermaßen ebenbürtiger kaiser—
licher Hausbesitz an den Grenzen Italiens und Deutschlands

1Das verhinderte nicht, daß Urbans erste Kundgebungen ganz im
Tone Gregors VII. gehalten waren: Meyer v. Knonau IV ISosö ff., vgl. 273.
2 S. unten S. 368 ff.
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        358 Siebentes Buch. Zweites Kapitel.

schien gewonnen. Wer wollte dem Kaiser die ersten Anfänge
einer friedlichen Beherrschung Deutschlands und Italiens noch
schmälern?
Aber gerade jetzt begann der Stern des Kaisers, der niemals
dauernd strahlte, von neuem zu erblassen. In der Lombardei
scheinen die Städte die langen Jahre kriegbewegten Lebens
störend empfunden zu haben: sie wurden gegenkaiserlich, im
Jahre 10983 verbanden sich Mailand, Cremona, Lodi und
Piacenza auf zwanzig Jahre und hielten es mit Welf und
Mathilde. Indes was besagte das gegenüber einem Ereignis,
das mehr als andere die furchtbare Verwirrung der sittlichen
Begriffe in diesen Zeiten bekundete und dessen persönliche Bitter—
keit dem Kaiser auf lange den Mut nahm. Im Jahre 1093
fiel sein Sohn Konrad, ein weicher Jüngling von religiösen
Neigungen, von ihm ab und ging zum Papste über; Heinrich
mußte es erleben, daß er von der päpstlichen Partei zu Mai—
land!, mit der Krone des Vaters geschmückt ward, daß er An—
klang fand als Werkzeug in der Hand seiner Feinde. Gramvoll
zog sich der Kaiser in ein stilles Thal Oberitaliens zurück und
fiel schwermütigen Stimmungen anheim, vielleicht bis zum Ge—
danken des Selbstmords.
Das Papsttum aber ward um diese Zeit auf eine un—
erreichte Höhe des Erfolges getragen. Nachdem sich Urban II.
im November 1093 in Rom festgesetzt hatte, hatte er zum
1. März 1095 eine große Synode nach Piacenza ausgeschrieben
— mitten hinein in die Gegenden, die von Kaiser Heinrich
noch vor kurzem beherrscht worden waren. In Piacenza wurde
zunächst der geschäftsmäßige Teil jeder Synode dieser Jahre
abgethan: Bannung Heinrichs IV. und Clemens' III. Verbot
der Simonie und der Priesterehe. Der Übertritt der kaiser—
lichen Bischöfe wurde dabei durch die Unterscheidung zwischen
wirklichen Simonisten und vom Kaiser investierten Klerikern
erleichtert. Nur bei jenen sollten die Weihen ungültig sein.
Das ist auch der Standpunkt, den im Gegensatze zu Humbert
der Kardinal Deusdedit in seiner Streitschrift: „contra in-S.
 Meyer v. Knonau IV (1908) S. 395 A. 6.
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        Heinrich Iy.; Königtum und Papsttum im Kampfe. 359

vasores“ vertrat. Was aber der Synode von Piacenza ihre
weltgeschichtliche Bedeutung gab, war die Verlesung eines
Schreibens des byzantinischen Kaisers, das die Unterstützung
des christlichen Abendlandes anrief gegen die Angriffe der
heidnischen Seldschucken. Der Papst forderte zur Hilfe auf;
viele Teilnehmer eines byzantinischen Zuges meldeten sich.
Aber der Papst sann Größeres. Nicht bloß die christliche
Weltmacht des Orients war jetzt im Verfall gleich der des
Occidents, auch der Islam erlebte Zeiten des Rückgangs. In
Spanien, in den italienischen Regionen des Mittelmeeres
drangen die Christen siegreich vor gegen die Sarazenen, und
schon waren, der doppelten Mahnung Clunys und Gregors VII.
folgend, französische Ritter von Burgund aus den Spaniern
zu Hilfe geeilt. Sollte es dem Papsttum nicht möglich sein,
die Christenheit gegen die Herzlande des Islams kämpfend zu
führen, zur Befreiung der orientalischen Kirche, zur Eroberung
der heiligen Stätten des Morgenlands? Papst Silvester II.
hatte den Traum wohl zuerst geträumt, doch unter der kaiser—
lichen Anregung Ottos III.i; jetzt nahm Urban ihn von sich
aus, als Stellvertreter Christi, im Gegensatz zum Kaiser,
wiederum auf: ihm als Franzosen mußte es gelingen, die aben—
teuerlustige romanische Welt für das große Ziel zu gewinnen.
Am 18. November 1098 trat auf Urbans Geheiß die Synode
von Clermont zusammen. Es wiederholten sich die Beschlüsse
von Piacenza; der Kaiser ward gebannt, nicht minder, wegen
Ehebruchs, König Philipp von Frankreich. Dann schritt Urban
über die Könige des Abendlandes hinweg zur Verkündung der
weltgeschichtlichen Aufgabe des ersten Kreuzzugs.
Man weiß, wie sein Ruf bei den Franzosen und den fran—
zöfischen Lothringern des deutschen Reiches gezündet hat. Ver—⸗
gessen, verborgen in einem Winkel Oberitaliens, saß der Herr
der Christenheit, der Kaiser, während sich durch sein deutsches
Reich unermeßliche Scharen dem Orient zuwälzten, meist sicherem
Untergang, doch auch glänzender Siegespalme entgegen. Am
15. Juli 1099 ward Jerusalem von den Resten der Gottes—
1S. oben S. 243.
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        360 Siebentes Buch. Zweites Kapitel.

streiter erobert: die romanische Welt erfaßte Geist und Leben
des Orients unter päpstlicher Führung; Gottfried von Bouillon,
ein wallonischer Vasall des deutschen Königs, ward Schützer
des heiligen Grabes im Dienste papaler Gedanken.
Und dem romanischen Kreuzzuge folgten deutsche Nach—
wehen. Unter dem alten Welf von Baiern zogen nun auch
germanische Männer über Byzanz die gefährliche Reise zum
Grabe des Erlösers. Aber mißtrauisch gegen die Ratschläge
der Griechen fehlten sie des rechten Weges; zerlumpt, zerrissen,
ein Hohn den Fremden, Personen eines Satyrspiels nach dem
furchtbaren Drama der dahre 1096 bis 1099, erschienen fie vor
der heiligen Stadt, und einsam endete Herzog Welf auf Cypern.

VI.

In den Jahren des Kreuzzuges und seiner Vorbereitungen
hatte Heinrich das Furchtbarste erleben müssen.
In Italien hatte sein Sohn Konrad dem Papste nach der
Synode von Piacenza Stallmeisterdienste geleistet und gelobt,
ihn an Leib und Leben, Würde und Vesitz zu schützen gegen
jedermann — also auch gegen Heinrich, seinen Vater; und der
Papst hatte dagegen versprochen, ihm die Kaiserkrone des Vaters
aufs Haupt zu setzen, sobald er die Schwellen der Apostelgräber
beträte. Noch ärger fast hatten die Feinde des Kaisers in
Deutschland triumphiert. Die Bischöfe der deutschen Kirche
waren jetzt dem romanischen Reformgedanken unterjocht mit
wenigen Ausnahmen; als Vikar des Papstes herrschte in Deutsch—
land seit 10809 mit zeitweis fast unumschränkter Gewalt Geb—
hard, der fanatische Bischof von Koustanz. Eine weltliche
Centralgewalt gab es nicht mehr; unbeirrt übte man wieder
das längst vergessene Recht der Herzogswahl, die Auflösung
des Reiches schien nahe herbeigekommen.
Da glückte es Heinrich, nach Jahren fruchtlosen Harrens
in Italien, gelegentlich eines Familienzwistes in der tuscisch—
welfischen Verwandtschaft über die ihm bisher verschlossenen
Alpen nach Deutschland zu gelangen. Er fand eine Lage vor.
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        Heinrich IV.; Königtum und Papsttum im Kampfe. 361

ähnlich der des Jahres 1084, nur längst nicht mehr so günstig;
seine Politik konnte keine andere sein, als die erfolgreiche der
zweiten Hälfte der achtziger Jahre: bürgerfreundlich, auf Her—
stellung allgemeinen Friedens bedacht.
In diesen Bestrebungen genoß er mehrere Jahre, von 1097
bis etwa 1102, fast ungetrübten Glückes; es waren die frohen
Tage des früh gealterten Mannes. Er söhnte sich mit Welf
von Baiern aus; er schuf in Schwaben Ruhe; das schwäbische
Herzogtum gelangte an seinen Schwiegersohn Friedrich den
Staufer. Er wußte ferner den Fürsten die Wahl seines zweiten
Sohnes Heinrich zum Nachfolger abzugewinnen; am 6. Januar
1099 ward Heinrich zu Achen gekrönt, nachdem er vorher ge—
schworen hatte, seinem Vater nie nach Leben und Herrschaft zu
trachten: das schien das Beispiel des ungeratenen Erstgeborenen
zu fordern. Konrad starb übrigens machtlos am 27. Juli
1101. Nach der Sicherung der Erbfolge und der Beruhigung
der süddeutschen Lande aber beschäftigten den König tiefer noch
als bisher Gedanken des Friedens. Er errichtete einen Land—
frieden für Franken und ging gegen den flandrischen Grafen
Robert, der den Reichsfrieden gebrochen hatte, mit ungewöhn—
licher Thatkraft vor. Den Schluß seiner Bestrebungen aber
bildete ein großer Friede, der auf einem Mainzer Tage zur
Weihnacht 1102 zu stande kam; er sollte wahrscheinlich auf
vier, von Pfingsten 1102 ab zu rechnende Jahre gelten; unter
seinen Segnungen durfte der Kaiser einen ruhigen Lebensabend
erhoffen. Denn wurde er durchgeführt, so bedurfte es der
kirchlichen Gottesfrieden nicht mehr. Gerade in seinem rein
weltlichen Charakter lag die staatsrechtliche Bedeutung des
Mainzer Akts. Nicht mehr nur die Zeit der geweihten Tage,
das ganze Jahr vielmehr wurde unter Frieden gestellt.
Aber Heinrich täuschte sich. Dieselben Gegenwirkungen, die
gegen Ende der achtziger Jahre die 1084 eingeleitete Friedens⸗
periode zerstört hatten, begannen auch jetzt zu spielen. Die
Fürsten fürchteten ein neues Zeitalter königlicher Macht; die
kleinen Grundherren des platten Landes neideten den Städten
die Begünstigungen, die ihnen die unverbrüchliche Aufrecht—
        <pb n="376" />
        362 Siebentes Buch. Zweites Kapitel.

erhaltung des Friedensgebotes sicherte. Vor allem aber trat
einem deutschen Frieden unter Heinrichs Schutz der Haß der
Kurie entgegen.
Urban II. war nach der Synode von Clermont 1096 im
Triumphe nach Rom zurückgekehrt; Italien lag ihm zu Füßen.
Doch erlebte er nicht mehr die süße Nachricht vom Fall Jeru—
salems: am 29. Juli 1099 ist er gestorben. Seinem Nach—
folger, Paschalis II., hinterließ er die besten Aussichten auf
ungestörten Einfluß in Rom und Italien; unter dem neuen
Papste erschien die Kurie als die am meisten gefestigte Macht
der Halbinsel. Und mit derselben strengen Energie, wie Gregor,
kämpfte Paschalis wenn nicht für das hohe Ziel der Welt—
herrschaft, so doch für das näher liegende der Investitur 1.
Vergebens suchte Kaiser Heinrich nach dem im Jahre 1100
erfolgten Tode seines Papstes Clemens III. Versöhnung. Die
Antwort von Rom her war ein neuer Bannfluch, Winter 1102.
Nun suchte Heinrich trotz des Papstes zum Frieden zu ge—
langen. Auf der Mainzer Friedensversammlung des Jahres
1102 gelobte er den Kreuzzug ins heilige Land: damit mußte
auch er der allgemeinen Begünstigung teilhaftig werden, wonach
der Papst jeden Teilnehmer der frommen Fahrt als vom Banne
gelöst erklärt hatte. Es war ein ähnlicher, nur ungleich
würdigerer Schachzug, wie der von Canossa.
In Rom wurde der Entschluß nicht eben mit Freude auf—
genommen; um Zeit zu gewinnen, ihn zu vereiteln, begann
man Verhandlungen mit dem Kaiser über die Investiturfrage
und suchte die leise glimmende Unzufriedenheit der Fürsten zur
Flamme der Empörung zu entfachen. Es gelang mit über—
raschender Wendung. Indem die Fürsten davon murmelten,
es gälte die „alte Freiheit“ der siebziger und achtziger Jahre
des 11. Jahrhunderts wieder zu erringen, und dunkle An—
deutungen über die Wahl eines Gegenkönigs von Mund zu
Mund trugen, begann der junge Heinrich, des Kaisers Sohn,
sich in seinen Erwartungen auf die Nachfolge im Reich zu be—⸗

S. Hauck III 876f.
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        Heinrich IV.; Königtum und Papsttum im Kampfe. 363

unruhigen. Wie, wenn er als Gegenkönig gegen seinen Vater
aufträte, wenn auch gegen seinen ausdrücklichen Eid? Dann
wären die Pläne der Fürsten vereitelt. Wir wissen nicht, ob
jemand dem verschlagenen Manne solche Gedanken nahe gelegt
hat oder was sonst ihn bewog: genug, er empörte sich.
Am 12. Dezember 1104 entfloh er heimlich von Fritzlar,
aus der Umgebung des Vaters. Er war völlig klar über die
Lage, denn er erbat sich den Segen des Papstes. Und der
Papft versicherte ihn durch den Mund seines Vikars Gebhard
der Sündenvergebung am jüngsten Tage, wenn er, der Empörer
gegen väterliche und kaiserliche Gewalt, ein gerechter König
und Verwalter der Kirche sein wolle.
Auch der Kaiser wußte sofort, trotz eines Versuchs der
Versöhnung, daß es sich um einen Kampf auf Leben und Tod
handeln würde. Nicht lange, und es kam zu wirren Kriegs—
zügen zwischen Sohn und Vater. Heinrich V. gewann vor
allem die Sachsen und Thüringer; die Erinnerungen an das
alte Gegenkönigtum Rudolfs und Hermanns wurden hier wieder
wach. Mit sächsischer Hilfe suchte er den Kaiser aus Mainz,
aus den Gegenden regen Bürgertums, zu vertreiben, doch ohne
Erfolg; später waren die Maingegenden und Oberfranken hinab
bis Regensburg vornehmlich Schauplatz des widerwärtigen
Kampfes, in dessen Verlauf der Kaiser sogar zur Flucht nach
Böhmen genötigt ward.
Doch gelang es dem jungen Heinrich nicht, seines Vaters
habhaft zu werden; im Herbst 1105 war der Kaiser wieder zu
Mainz; von neuem mußte Heinrich versuchen, ihn aus der
centralen Stellung zu verdrängen. Es gelang diesmal nach
Norden zu; der Kaiser ging rheinabwärts nach Köln. Nun
konnte Heinrich zugleich diplomatische Mittel anwenden. Er
hatte auf Weihnacht 1105 einen Reichstag nach Mainz aus—
geschrieben; hier wollte er seine Empörung durch die Fürsten
legitimieren lassen; die Absetzung seines Vaters, seine eigne
Erhebung zum König sollten verkündet werden.
Es waren Nachrichten, die den alten Kaiser mit Schrecken
erfüllten; sofort zog er von Köln wieder rheinaufwärts; er wollte
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        364 Siebentes Buch. Zweites Kapitel.

in Mainz gegenwärtig sein, womöglich den Reichstag sprengen.
Eben diese Absicht, kaum laut geworden, flößte aber auch Hein—
rich V. die ärgsten Bedenken ein, und so zog er mit Heereskraft
rheinabwärts, dem Vater entgegen. Das Gottesgericht einer
furchtbaren Schlacht an den gesegneten Ufern des Rheins, an—
gesichts der herrlichsten Landschaften deutschen Bodens schien
unvermeidlich; im Kessel von Koblenz mußten beide Heere sich
treffen. Da eilte Heinrich V. seinem Heere voraus persönlich
zum Vater. Der kaiserliche Herr, erweicht durch das Wieder—
sehen, erinnerte seinen Sohn fußfällig an die Kindespflicht des
Gehorsams. Und Heinrich zeigte sich gerührt, er fiel auch seiner—
seits dem Vater zu Füßen und bat ihn, sich vom Banne zu
lösen. Er war ein Vorgang, der das Herz des Vaters von
neuem mit Hoffnung in Treuen erfüllte; er entließ seine Dienst—
mannen; wehrlos folgte er dem Sohne nach Mainz: noch werde
sich alles wenden.
Heinrich V. hatte schmähliches Spiel mit dem Haupte des
Kaisers, Vaters und Herrn getrieben. In Bingen eröffnete er
dem Kaiser, seine Gegenwart in Mainz sei nicht erwünscht; er
setzte ihn gefangen auf der Burg Böckelheim; selbst die Be—
dürfnisse des Alltags wurden dem alten Manne verweigert!.
Doch Schlimmeres stand ihm bevor.
In Mainz übernahm Heinrich am 5. Januar 1106 unter
Zustimmung der Fürsten die Reichsregierung; der Kaiser hatte
dem Sohne die Krone und andere Insignien des Reiches aus—
zuliefern. Dann aber verlangte die Kirche vom Kaiser nicht
bloß die öffentliche Erklärung, daß er der Krone freiwillig ent—
sage, sondern auch das öffentliche Bekenntnis seiner Sünden.
Der Kaiser widerstand der Forderung tagelang; als er ihr
endlich wich, da erhoffte er von der Kirche als Gegenleistung
wenigstens die Vergebung der Sünden, die Lösung vom
Banne.

Non balneatus et intonsus et ab omni Dei servitio privatus ..
per omnes sacros dies permansit: Ann. Hildesh. 1105, 88. 3. 109,
Z. 47.
        <pb n="379" />
        Heinrich IV.; Königtum und Papsttum im Kampfe. 365

Eitler Wahn! Das Sündenbekenntnis wurde ihm am
letzten Tage des Jahres 1105 in der Ingelheimer Kirche ent⸗
rissen — die Mainzer Kirchen mied man wegen der Bürger⸗
schaft —: aber die Absolution erhielt der erklärte und reuige
Sünder nicht.
Da regte sich in dem gepeinigten Herrscher noch einmal
das alte Salierblut. Er verließ Ingelheim, wo man ihn fest⸗—
gehalten; er erklärte für nichtig, was man ihm abgedrungen;
er ging nach Achen; er nahm die enthufsiastische Huldigung seines
getreuen Otbert entgegen, des Bischofs von Lüttich; er sammelte
Parteigänger um sich; er, der tote Mann, zwang seinen Sohn
noch einmal zum Kampfe.
Heinrich V. mußte den Rhein hinabziehen; in der Nähe
von Achen ward er am 22. März 1106 von den Kaiserlichen
geschlagen. Der Kaiser rückte zuerst nach Köln vor, wo er den
ihm zugedachten feierlichen Empfang ablehnte, und wallfahrtete
dann barfuß nach Achen. Vergebens belagerte Heinrich V. im
Sommer 1106 Köln; schon beschloß er mit Umgehung der
Stadt einen unmittelbaren Angriff auf den wieder im west—
lichen Lothringen weilenden Kaiser — da starb Heinrich IV.,
am 7. August 1106.
Viel hatte er geduldet, viel erfahren; aber geläutert ging
er hervor aus der furchtbaren Schule seines Lebens. Sterbend
übersandte er seinem Sohne Ring und Schwert und bat ihn,
Verzeihung zu gewähren allen, die bis zuletzt treu zum Alten
gestanden, seine sterbliche Hülle aber nach Speier zu geleiten,
zur Gruft seines Geschlechtes.
Die Nation stand erschüttert vor dem Abschluß des un—
geheuren Schicksals, das der entseelte Kaiser fast von Kindes—
beinen an durch mehr als ein halbes Jahrhundert getragen
hatte; und sie trauerte aufrichtig um ihn in ihren tiefen und
breiten Schichten. Der Papst aber weigerte dem Leichnam
ein christlich Begräbnis; Bischof Otbert ward gezwungen, den
Körper, den er im Lütticher Dome beigesetzt hatte, wieder aus—
zuscharren; König Heinrich, der die Leiche darauf nach des
Vaters Willen im Speierer Dome beigesetzt hatte, konnte es
        <pb n="380" />
        366 Siebentes Buch. Zweites Kapitel.

mit ansehen, wie der Sarg nochmals entfernt und an un—⸗
geweihte Stätte geschoben ward. Das deutsche Volk begann
zu den kaiserlichen Reliquien zu wallfahrten, aber der Papst
vergab und vergaß nicht; erst nachdem ihn Heinrich V. listig
unterzwungen, nach fünf Jahren hartnäckigen Sträubens, fand
er es vorteilhaft, den Bann von den irdischen Resten des
Kaisers zu nehmen.
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        Drittes Kapitel.
Hieg der kirchlichen Ideen über Papfttum
und Raisertum zugleich.

Die geschichtliche Entwickelung vollzieht sich unter der fort—
währenden Einwirkung des menschlichen Triebes, alle Ereignisse
und Vorgänge nach Gesichtspunkten höherer Einheit zu ordnen:
so erwachsen aus den Dingen die Ideen, und sie beherrschen als
Forderungen und Ziele des Handelns einen Teil der Zukunft.
Sie sind Gegenstände im höheren Sinne des Glaubens, im ge—
ringeren der Sitte, der Mode; sie wechseln ihren Inhalt nach
den thatsächlich gegebenen Voraussetzungen der einzelnen Zeit—
alter: in ihrem Kampfe ergiebt sich der klarste Ausdruck geschicht—
licher Wandlung. In diesem Zusammenhang hat Goethe recht
mit dem Ausspruch, daß das eigentliche, tiefe und tiefste Thema
der Weltgeschichte der Konflikt des Glaubens und des Unglaubens,
der werdenden und der schwindenden Ideen sei.
Wenige Zeitalter giebt es, die diese Wahrheit auch in den
äußerlichen, politischen Vorgängen einleuchtender veranschau—
lichen, als die erste Hälfte des 12. Jahrhunderts. Diese Zeit
wird ganz von den Kämpfen eines verschiedenartig fortschreiten—
den religiösen Lebens beherrscht, und sie schließt ab mit dem
Siege einer höheren Stufe christlicher Frömmigkeit nicht bloß
in den Köpfen und Herzen der Zeitgenossen, sondern auch auf
politischem Gebiete: der zweite Kreuzzug in der Art, wie er
durchgeführt ward, ist ein Ergebnis dieser Frömmigkeit und
        <pb n="382" />
        368 Siebentes Buch. Drittes Kapitel.

ein Werk ihres Hauptvertreters, des heiligen Bernhard, und seine
Ereignisse vollziehen sich im Gegensatz, ja im Triumph gegen
die widerstrebenden großen politischen Gewalten der Zeit, gegen
das deutsche Königtum und die Kurie.
In der Fortbildung des religiösen Lebens während dieser
Zeit bildet Frankreich ebenso, wie im 10. und 11. Jahrhundert,
den Herd der folgenreichsten Entwickelung. In Deutschland
war man zu einer Zeit, wo die alte Reformströmung schon
längst einen papalen, gregorianischen Charakter angenommen
hatte, in denjenigen Klöstern, die dem cluniacensischen Einfluß
in der ersten Hälfte des 11. Jahrhunderts eine Reform ihres
religiösen Lebens verdankten, dieser alten cluniacensischen
Frömmigkeit noch länger treu geblieben. Und so trat denn zur
bittersten Zeit des Investiturstreites die eigenartige Thatsache
hervor, daß die deutschen Reformklöster, vor allem in dem
Kernlande der deutsch-religiösen Bewegung, in Lothringen,
keineswegs sofort päpstlich gesinnt waren; sie sahen die
hierarchische Wendung der Weltflucht als einen Abfall von den
ursprünglichen Grundsätzen der Reform, ja gradezu als deren
Verneinung an; hartnäckig widerstanden grade die lothringischen
Bischöfe den Einwirkungen Gregors VII., und antigregorianisch
waren alle Klöster im Bistum Lüttich mit Ausnahme der
Ardennenabtei St. Hubert.
Der Kurie mußte es demgegenüber auf eine Verbreitung
des jüngeren, specifisch gregorianisch-cluniacensischen Geistes in
Deutschland ankommen. Ihr Werkzeug zu diesem Ziele ward,
nach geringeren Anfängen von anderer Seite her, der Abt
Wilhelm von Hirsau, der Sproß eines edlen bairischen Ge—
schlechtes, eine durchaus fromme Natur, bei aller Anlage zur
Selbstkritik doch streitbar, ja hitzig, dabei mit allen äußeren
Fähigkeiten kirchlicher Agitation und Repräsentation begabt:
von mächtigem Körper, eindrucksvollem Antlitz und beherrschen—
der Stimme. Früh in Furcht und Kasteiung dem asketischen
Ideale zugereift, ward er im Jahre 1071 Abt der etwas zurück—
gegangenen Abtei des heiligen Aurelius zwischen den Wiesen—
gründen und Forellenbächen des Nagoldthales im Schwarzwald.
        <pb n="383" />
        Sieg der kirchlichen Ideen über Papsttum u. Kaisertum zugleich. 369

an einsamer Stelle, mitten unter jenen alten alamannisch-—
schwäbischen Klöstern, die um diese Zeit noch ein reiches,
namentlich der Geschichtsschreibung gewidmetes Leben pflegten,
ohne den päpstlichen Ideen kritiklos verfallen zu sein.
Wilhelm verstand es bald, seinem Kloster, seiner Gegend,
ja dem Südwesten des Reiches ein anderes Leben einzuhauchen.
In engster Verbindung mit Cluny, dessen Askese und Unter—
würfigkeitslehre er für das Leben der ihm untergebenen Mönche
noch verstärkte, mit Gregor VII. seit dem Jahre 1075 in per—
sönlicher Fühlung, machte er sein Kloster zur geistigen Rüststätte
der Gregorianer in Deutschland. Hier weilten päpstliche Legaten,
hier feierte der Gegenkönig Rudolf kirchliche Feste, hier war die
Centralstelle des päpstlichen Nachrichtendienstes für Deutschland.
Und wie weit breiteten sich bald die Herrschaftsbeziehungen
des Klosters aus! In ganz Schwaben erwuchsen mönchische
Kolonieen der neuen Observanz, zu St. Gregorius im Murgthal,
zu St. Georgen an der Donauquelle, zu Zwiefalten, Weinheim,
vor allem aber zu Schaffhausen, von wo aus Abt Siegfried,
ein Hauptschüler Wilhelms, eine weite Wirksamkeit entfaltete.
Und bald reichte der Einfluß Hirsaus über Schwaben hinaus;
es gingen Brüder nach Franken und Hessen; in Thüringen
wurden das hochragende Peterskloster zu Erfurt und das
baumbeschattete Reinhardsbrunn bevölkert; in Baiern gehorchte
Scheiern der Regel; in Kärnten faßten Hirsauer zu St. Paul
im heißen Lavantthale Fuß.
Nun gelang es allerdings nicht, die neue Kongregation in
so einheitlicher Führung zu gleichsam einem neuen Orden zu—
sammenzufassen, wie das in Cluny geschehen war; dem wider—
—D
dem Tode Wilhelms (am 5. Juli 1091) begann die Kongregation
als Ganzes zu zerfallen. Allein die Wirkungen ihrer Thätigkeit
setzten sich doch noch langhin fort, da sie es früh verstanden
hatte, die Laienkreise in den Kreis ihrer Anschauungen hinein—
zuziehen. Schon Cluny hatte neben den eigentlichen Mönchen
sogenannten Konversen Aufenthalt im Kloster gewährt, Laien—
brüdern vielfach edler Abkunft, die nicht selten von hochgehenden
Lamprecht. Deutsche Geschichte II. 24
        <pb n="384" />
        370 Siebentes Buch. Drittes Kapitel.

Wogen persönlicher Schicksale an den Strand beschaulichen
Lebens geschleudert worden waren: nun dienten sie dem Kloster
in schlechtem Rock und struppigen Bartes als Holzhauer und
Stallknechte, als Bäcker und Hirten. Diese Einrichtung nahmen
die Hirsauer nicht bloß auf, sondern erweiterten sie noch um
eine zweite Klasse solcher Laienbrüder, die frei von jeder Ordens—
tracht außerhalb des Klosters wohnten. Mit diesen Brüder⸗
schaften erfüllten sie die Umgegend ihrer Klöster, und namentlich
in Schwaben führte der dem Stamm angeborene Hang zur
geistlichen Absonderung von der Gemeine eine große Blüte dieser
Konventikel herauf; in ihnen verbreitete sich der Gregorianismus
in die weitesten Kreise: kein Stamm war päpstlicher, als der
schwäbische. Und auch der Adel in vielen Zweigen ward er—
griffen: fast jedes große schwäbische Geschlecht hat ein gregori⸗
anisches Kloster gegründet. Über Schwaben hinaus aber fand
Wilhelm geistige Stützen an den Passauer, Salzburger, Würz⸗
burger Bischöfen; mit ihm verbanden sich die Schicksale einer
Anzahl neuer Heiligen, z. B. Ulrichs von Zell, wie die Erleb—
nisse Dietgers von Metz und Erminolds Kämpfe um Lorsch
und Prüfening.
Ganz andre Wendungen hatte inzwischen das religiöse Leben
der romanischen Nationen genommen. Während Deutschland
unter den furchtbaren politischen Fieberschauern litt, in denen
sich der Kampf zwischen Regnum und Sacerdotium abspielte,
hatten die hierarchischen Übertreibungen Gregors VII. in Frank—
reich bei einer Minderzahl kluger Köpfe eine gewisse Er⸗
nüchterung bewirkt. Unter diesem Eindrucke verlor das wissen⸗
schaftliche Denken zum erstenmal wenigstens teilweis seine bis⸗
herigen religiösen Voraussetzungen. Eine dialektische Exegese
und eine Philosophie bisher unbekannter Art unternahm es,
Dogma und Kirche vernunftgemäß begreifen zu wollen; die
Schulen von Tours, Bec und Laon, von Orleans und teil—⸗
weise Paris neigten dem zu; begeisternde Lehrer wirkten hier,
ein Anselm, Rudolf, Roscellin, vor allem Roscellins Schüler
Abälard.
Abälard begann im Jahre 1115 auf dem Berge der heiligen
        <pb n="385" />
        Sieg der kirchlichen Ideen über Papsttum u. Kaisertum zugleich. 371

Genovefa in Paris zu lehren; hier entspann sich der bittersüße
Roman zwischen ihm und Heloisen, der aus Liebe entsagenden
Geliebten. Später hat er, von schwerem Geschick und dem
Fluche der Kirche getroffen, eine Freistatt unter dem Schutze
des menschlich edeln Abtes Peter von Cluny gefunden; zu ˖ewiger
—
Pflege am 21. April 1142. Abälards Bedeutung beruht
weniger auf dem positiven Inhalt seiner Lehre als auf der
Wirkung seiner Persönlichkeit. Zwar wies seine Dialektik in
ihrem Ausgang von wissenschaftlicher Kritik und in ihrer mehr
verstandesmäßigen Analyse der Dogmen auf den Punkt, von
wo aus das theologische Lehrsystem des Mittelalters aus den
Angeln zu heben war. Jedoch dieser Wurzel des Denkens ent—
wuchsen noch keine reifen Früchte. Dagegen wirkte die Sub—
jektivität seines Wesens, obwohl er später ein harter Asket
wurde, gegenüber dem starren Typus herkömmlicher Perfönlich—
keit wie ein Wunder, begeisternd, lösend, befreiend.
Indes gegenüber der allgemeinen Strömung und dem
Charakter der Zeit traten Wirkung und Person Abälards doch
zurück. Das überwiegende Bedürfnis der Zeitgenossen verfolgte
ganz andere Wege: es strebte über die abgelebten Formen der
Frömmigkeit des 10. Jahrhunderts hinaus nach religiöser Ver—
tiefung des hergebrachten Christentums, nach einer neuen,
innigeren Frömmigkeit, nach einem mehr persönlichen Ver—
hältnis zu Gott und seinen Heiligen, zu Dogma und Kirche.
Dies Bestreben mußte zur Kritik der bestehenden kirch—
lichen Ordnung führen, und je nach dem Maße dieser Kritik
konnten seine schließlichen Ergebnisse sehr verschieden sein. Kon—
sequente Geister konnten so weit gehen, daß sie die vorhandene
Kirche oder gar das bestehende dogmatische System als Gefäß
der neuen Frömmigkeit verwarfen: dann kam es zur Sekten—
bildung. Weniger radikalen Denkern war es möglich, in mehr
oder minder weitgehender Form Frieden mit der Kirche zu
machen: dann ergaben sich neue Strömungen auf kirchlichem
Boden, die im Falle ihrer Organisation einen autonom⸗kirch—
lichen, mönchischen Charakter annehmen konnten.
24*
        <pb n="386" />
        372 Siebentes Buch. Drittes Kapitel.

Es waren ähnliche Bewegungen, wie sie beim Emporkommen
der Frömmigkeit des 10. Jahrhunderts auftraten; aber es ist
charakteristisch, daß sie diesmal, thatsächlich schon gegenüber
einer erstarrenden Hierarchie zu persönlicherer Auffassung des
Christentums vordringend, wenigstens teilweis zur Sektenbildung
geführt haben.
In der Dauphinsé stand ums Jahr 1115 Pierre de Bruis
auf; er predigte gegen die verweltlichte Kirche, er ging unter
Verwerfung aller Tradition auf die reine Lehre Christi zurück,
so wie er sie verstand; von zahlreichen Anhängern umgeben, hat
er fast ein Menschenalter ungestört von weltlicher Gewalt zu
wirken gewußt. In Italien wie zeitweis im nördlichen Frank—
reich und der Schweiz verkündigte Abälards Schüler, Arnold
von Brescia, ohne dogmatisch vom Hergebrachten abzuweichen,
im Sinne der Pataria das kirchliche Ideal evangelischer Armut:
mittellos, wie die Jünger des Herrn, sollte die Kirche nur vom
Zehnt und von der freien Gabe der Frommen leben. Die
hierarchische Kirche stieß den kühnen Neuerer von sich, um so
mehr, als er später in Rom eine politische Stellung einzunehmen
versuchte; als Ketzer ist er gestorben.
Anders verhielt sich die Hierarchie zu denjenigen Strömungen
neuer Frömmigkeit, die den Boden der bestehenden kirchlichen
Verhältnisse und des herkömmlichen Dogmas nicht grundsätzlich
verließen; sie hat sich ihnen noch elastisch und weitherzig genug
anbequemt und sie in ihrem Bannkreise festgehalten, wenn auch
bisweilen unter stillem Seufzen, bis sie zeitweilig von ihnen
überwunden ward.
Die frühesten Regungen sind hier wohl auf italienischem
Boden zu suchen. Schon Pier Damiani darf als Vollender
der alten Askese zur höchsten ihr möglichen Verinnerlichung
und als Vermittler neuer Formen der Frömmigkeit bezeichnet
werden. Bezeichnend für ihn ist, daß er die Höhe des christlichen
Lebens im Erwerb eines gewissen christlich-kontemplativen Stoi—
zismus suchte; weit scheidet es ihn von den gewöhnlichen
gregorianischen Reformideen, daß er den christlich nötigen Grad
sittlicher Freiheit und Selbstbezwingung vollkommen nur in der
        <pb n="387" />
        Sieg der kirchlichen Ideen über Papsttum u. Kaisertum zugleich. 373

Armut des Eremiten gewährleistet sah. Und noch zu seinen
Lebzeiten ward das Ideal der christlichen Armut in Einsamkeit
und der evangelischen Demut von italienischen Köpfen durch
Begründung eines neuen Mönchsordens organisatorisch zu ver—
wirklichen gesucht; im Jahre 1073 entstand der Grandimontenser—
orden des Stephan von Tigerno. Doch verfiel der Orden rasch
innerem Zwiste. Noch deutlicher trat dann das neue Ideal der
christlichen Frömmigkeit nach der negativen Seite der Armut,
Enthaltsamkeit und Einsamkeit hin im Karthäuserorden hervor,
den Bruno, ein Patriziersohn aus Köln, der Rektor der Reimser
Domschule, im Jahre 1084 in den einsamen Klüften der
Chartrense bei Grenoble begründete. Indes den positiven In—
halt gab dem neuen Leben doch erst Bernhard von Clairvaux,
der große Heilige des Zeitalters.
Robert, ein edler Mann aus der Champagne, hatte in einer
Einöde des Bistums Chalons-sur-Saone im Jahre 1898 das
Kloster Citeaux begründet, als einen Sitz der strengsten Lehre
des heiligen Benedikt, deren wahrhafte Durchführung Robert
in keinem der vielen von ihm besuchten Klöster hatte finden
können. Aber das Kloster gedieh nicht, bis im Jahre 1112
Bernhard, damals zweiundzwanzigjährig, eintrat, zugleich mit
dreißig Genossen, die seine feurige Predigt und sein entsagungs—
volles Beispiel mönchischem Gelübde gewonnen hatte. Mit ihm
zog ein neues Leben überhaupt ein, nicht bloß in Citeaux,
sondern in Frankreich, ja allenthalben in der abendländischen
Christenheit. Eifer für strenge Zucht paarte sich bei ihm mit
dem Streben nach grausamer, aber auch vergeistigter Askese!;

Bernhards Stellung zur Askese ist zwiespältig. Einmal häuft er
in äußerlichster Weise Marter auf Marter. Und dann wieder erklärt er
die Demut des Herzens für wichtiger. Die vergeistigte Askese wird be—
sonders durch Vacandard 1109 f. bestätigt (ogl. 144), die grausame durch
Vacandard J 45. 227 ff. Vgl. auch Vacandard S. 141. 151: Aux yeux
des gens du sièele nous avons l'air de faire des tours de force.
Tout ce qu'ils désirent, nous le fuyons, et ce qu'ils fuient, nous le
désirons, semblables à ces jongleurs et à ces danseurs qui, la tête
en bas, les pieds en haut ... se tiennent debout... Auch der
h. Franz spricht später in diesem Sinne von den ioculatores Dei.
        <pb n="388" />
        374 Siebentes Buch. Drities Kapitel.

an Stelle der massiven Bußübungen eines früheren Zeitalters
erwachte in ihm bisweilen eine Gefühls- und Herzenstheologie,
der nur die Gemütlosigkeit abälardscher Spekulation ein Greuel
war. Unter Bäumen und Büschen, in der Freiheit der Wiese
und des Feldes ließ Bernhard den Inhalt der heiligen Schriften,
frei und eindringlich sich ihm hingebend, auf sich wirken. So
glaubte er, zur Kontemplation Gottes in seinem geoffenbarten
Worte fortschreitend, die Wahrheit zu erlangen: nicht umsonst
hat ihn Filippino Lippi in der Badia zu Florenz gemalt, wie
ihm während des Schreibens im Freien die heilige Jungfrau
in Begleitung von Engeln entgegentritt, und aus tiefstem Herzen
rät er dem Engländer Heinrich von Murdach: „Glaube meiner
Erfahrung, im Walde wirst du Höheres finden, denn in den
Büchern. Bäume und Felsen werden dich lehren, was du bei
Meistern der Schule nicht zu hören vermagst““. Indem er
aber die Wunder der Schöpfung als Symbol der himmlischen
Geheimnisse nahm, meinte er Gott zu erkennen, den sinnlichen
Menschen in sich zu ertöten, sich selbst zu vergotten: opus habet
humana anima velut quodam véhiculo creaturae, ut ad
cognitionem Oreéatoris assurgat?: eine höhere Stufe christlicher
Frömmigkeit war herbeigeführt.
Und schon reiften die Nationen des Abendlands der neuen
Auffassung zu. Es mehrte sich die Zahl der Mönche in Citeaux.
Freier, als bei den Cluniacensern, standen hier die Töchter⸗
klöster dem Mutterkloster gegenüber; und das Institut der
Laienbrüder wurde zu hoher Blüte entwickelt. Doch sorgte das
Grundgesetz des Ordens, die Charta Caritatis von 1118, da—
für, daß regelmäßige Visitationen die guten Überlieferungen
aufrecht erhielten. Aus frommen Schenkungen wurden bald
viele Klöster der neuen Richtung begründet, darunter Clairvaux,
seit dem Jahre 1115 die Abtei Bernhards. Bei ihrer Be—
gründung inmitten der Wildnis nie gelichteten Waldgestrüpps
stählte Bernhard noch einmal im kleineren seine und seiner

Ep. 106: Vacandard J, 57 Anm. J.
2 Predigt über Römer 1, 20, Bern. Op. Bd. 2 C. 365, vgl. Hof⸗
meister, Bernhard von Clairvaux pl, Berliner Programm 1889 S.18.
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        Sieg der kirchlichen Ideen über Papsttum u. Kaisertum zugleich. 375

Gefährten Kraft; dann widmete er sich, ein gewaltiger Prophet,
der umfassendsten Propaganda für sein Ideal christlichen Lebens.
Von etwa 1127 ab hat er durch alle Nationen hin gewirkt und
gepredigt!; bei seinem Tode (20. August 1153) hinterließ er
mehr als viertehalbhundert Klöster seines neuen Ordens in
allen Ländern der abendländischen Christenheit. Aber dem an—
fänglichen reißenden Fortschritt folgte bald Stillstand: der
Orden verlor seine Wirkungskraft, weil er, in nunmehr ver—⸗
altenden mönchischen Gedanken lebend, Predigt und Seelsorge
verwarf. An die Stelle der geistlichen traten immer mehr die
wirtschaftlichen Interessen: zweifellos zum Heile der Länder,
in denen der Orden wirkte, aber doch in offenem Widerspruch
mit den Absichten seiner Gründer?.
Dagegen vollendete sich im Verlaufe des zweiten Viertels
des 12. Jahrhunderts, zwar mehr im Anschlusse an die Tra—
dition, insbesondere Augustins, vielfach aber grade doch an der
Person Bernhards selbst, der Typus der neuen Frömmigkeit.
Der alte Wunderglaube des 10. und 11. Jahrhunderts, an
Reliquien klebend, unlebendig, wunderlich, massiv, lebte zwar
weiter. Aber mächtig erhob sich über ihm der Glaube an die
persönliche Wirkungskraft (virtus) zeitgenössischer Männer
Gottes. Vor allem Bernhards selbst: wieviel Wunder haben
ihm nicht gläubige Seelen in Frankreich und Aquitanien, in
Italien und Deutschland zugeschrieben. Aber auch sonst wähnte
man übernatürliche Kräfte oft nur an die lebendige Persönlich—
keit geheftet; überall standen neue Heilige auf; die kirchliche
Fürsorge nicht minder wie die Vernunft hatten sich ihrer zu
erwehren?. Diese individuellere Form trat neben den alten
unpersönlichen Wunderglauben in ähnlicher Weise, wie die
Askese in der Kontemplation ihre Ergänzung fand.

Davon giebt sein von Vacandard II (1895) S. 558 ff. zusammen—
gestelltes Itinerar ein lebendiges Bild.
2 S. Hauck IV (1902) S. 820 ff.
* VBgl. Gerhoh von Reichersberg De investigat. Antichristi (ed.
Scheibelberger) 1, c. 79, S. 156; Abälard, De Joh. Bapt. Op. ed.
Cousin S. 590. Hofmeister J 18f.
        <pb n="390" />
        376 Siebentes Buch. Drittes Kapitel.

Und wie die frühere Frömmigkeit ein kirchenpolitisches
Programm aufgestellt hatte, so erhob sich auch die neue Lehre
zu einer energischen Kritik der bestehenden kirchlichen Zustände.
Vergebens riet der päpstliche Kanzler Haimerich Bernhard, sich
nicht in die weltlichen Angelegenheiten der Kirche zu mischen:
das zieme dem Mönche nicht: die Verbreitung der neuen
Frömmigkeit redete, auch wenn sie schwieg, und Bernhards
geistlicher Mut war weit davon entfernt, dem hierarchischen
Papfsttum derbe Wahrheiten zu verhehlen. Ein eigenartiges
Verhältnis zwischen dem Abte von Clairvaur und der Kurie
war die Folge. Obwohl ihr unterworfen, schrieb ihr Bernhard
schließlich doch, gestützt auf die von ihm ausgehende Strömung
und die Feuerwirkungen seines Wesens, Gesetze vor; er be—
herrschte in den vierziger Jahren des 12. Jahrhunderts that—
sächlich die Kirche.
Dabei war er in seiner etwa 1150 verfaßten Schrift de
consideratione weit entfernt von dem gregorianischen Ideal
eines päpstlichen Absolutismus. Er haßte die Kurie in ihrem
weltlichen Gebaren; er hat einmal von den occupationes male—
dictas Roms gesprochen!. Nur ungern sah er den Papst in
dreifacher Krone; unerträglich erschienen ihm Kammerherren und
Schildknappen, Mundschenken und Oberköche des Stellvertreters
Christi. Was er mit heißer Seele ersehnte, das war ein Kirchen—
tum in apostolischer Einfachheit, aber gleichwohl von höchster
Gewalt über die Seelen und darum mittelbar Herr der Welt;
ein Papst, der auf evangelischer Eselin daherritt, aber dessen
Spuren alles Volk verehrend segnete.
Zum Glück für das Papsttum war es ein unerreichbares
Ideal. Es war das Zukunftsbild einer Kirche von Menschen,
wie Bernhard sie durch seine Predigt zu gestalten gedachte, nicht
von Menschen, wie sie waren und blieben. So haben die kirch—
lichen Ideale der neuen Frömmigkeit nie volles Leben gewonnen.
Wohl aber haben die Bestrebungen zu ihrer Verwirklichung das
hierarchische Papsttum zeitweilig überholt und in die zweite Linie

Ep. 240.
        <pb n="391" />
        Sieg der kirchlichen Ideen über Papsttum u. Kaisertum zugleich. 377

gerückt; erst in der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts gelang
es der Kurie, nachdem sie im Kampfe gegen die neuen kaiser⸗
lichen Ansprüche Friedrichs J. wiederum weltlich gestärkt war,
die bernhardinischen Forderungen in Vergessenheit zu bringen.
In Deutschland fanden die soeben geschilderten romanischen
Geistesströmungen nur teilweis Aufnahme, am wenigsten die
dialektischen Befreiungsversuche Abälards und seiner Schüler
und Vorgänger: die Nation nahm, müde der kirchlichen und
religiösen Fragen, deren Durchkämpfung ihr so viel Herzeleid
gebracht hatte, je länger je mehr die Wendung auf Entwickelung
eines laienhaften Geisteslebens im Rittertum, auf den Kultus
der Frou Werlt: dieser Kultus bezeichnet dann das folgende,
staufische Zeitalter unserer Geschichte!.
Allein in den ersten friedensbedürftigen Jahrzehnten des
12. Jahrhunderts schlug doch noch manches Herz den neuen
Formen der Frömmigkeit freudig und in selbstthätiger An—
eignung entgegen, und vor allem die Forderung eines kirchlichen
Armutsideals fand auch in Deutschland Verbreitung. Die
Hirsauer Laienbrüderschaften, nach dem Verfall der Kongregation
geistlicher Fuhrung vielfach entbrechend, begannen sich hier und
da zu engsten Genossenschaften auf kommunistisch-asketischer
Grundlage umzuformen; sie wollten das Armutsleben der
Apostel alsbald praktisch ins Werk setzen, und schon entwuchsen
ihren Konventikeln die Anfänge einer visionären Mystik, kraft
deren der Geist vornehmlich in Jungfrauen, wie der seligen
Herluca, mit besonderem Zeugnisse wirkte. Und andererseits
entsproß dem religiös so fruchtbaren Boden Lothringens die
weitverbreitete Sekte der Apostolischen, die wie die Petrobrusianer
das Wesentliche der Tradition verwarfen: in der Entsagung
Freilich hielt die Härese nun auch in Deutschland ihren Einzug.
Während sie im 11. Jahrhundert nur als fremdes Gewächs erschienen
war, schoß sie jetzt selbständig empor und fand in Tanchelm am Nieder—
rhein einen ersten Vertreter, dessen mira subtilitas et versutia sogar ein
Gegner rühmte. Tanchelm hetzte zum Kampfe gegen die Bischöfe und
gegen den Papst. Schließlich setzte sich der Klerus gegen ihn, den
Inspirierten, zur Wehr: 1115 ist er von einem Priester erschlagen worden.
Vgl. Hauck III, 4831; IV, 87 ff. und Vacandard II, 202 ff.
        <pb n="392" />
        378

Siebentes Buch. Drittes Kapitel.

der ersten apostolischen Gemeinden wollten sie verharren zu
gegenseitiger Hilfe: wie in Schwaben, so war es auch am
Rhein zugleich eine soziale Bewegung, die in diesen Lehren zu
Tage trat.
Den Apostolischen stand eine Zeit lang auch Norbert nicht
fern, der Sohn eines Grafen von Gennep am Niederrhein,
der Begründer des Ordens der Prämonstratenser. Später nach
Frankreich verschlagen, ward er ein selbständig denkender An—
hänger der Lehre des heiligen Bernhard und eigenartiger
Reformator der Regel der Augustiner Chorherrn; er eben hat,
ein erleuchteter Prediger, die neue Frömmigkeit mit am frühesten
und eindringlichsten in Deutschland verbreitet. Nachdem er
frühe Ansiedelungen seines Ordens nach Westfalen vorgetrieben
hatte, ward er im Jahre 1125 Erzbischof von Magdeburg:
das reichste Feld geistigen und politischen Wirkens öffnete sich
seiner Thatkraft.
Wie Norbert im Norden, so wurde der Erzbischof Konrad
von Salzburg im Süden Deutschlands der kräftige Hort bernhar⸗
dinischen Denkens. Und ihm trat für dessen Verbreitung in
Gerhoh ein ebenso begeisterter als origineller Schriftsteller zur
Seite. Gerhoh, geboren im Jahre 1098, seit dem Jahre 11382
Propst von Reichersberg am Inn, sechsundsiebenzigjährig das
Zeitalter seiner eigenen Ideen überlebend, war ein furchtloser
Charakter von feuriger Sprache, oft schroff, bisweilen polternd,
von jener Tiefe des Temperaments, die die logischen Wider—
sprüche der Lehre von der kirchlichen Allgewalt und Demut des
Papstes zugleich naiv, hierin dem heiligen Bernhard gleichend,
zu vereinen wußte, während sie andrerseits die Versenkung reli⸗—
giöser Kontemplation und die Beschäftigung mit dogmatischen
Fragen als Lebensbedürfnis erheischte. Fast mehr noch als
Bernhard, wenn auch nicht mit der bernhardinischen Kraft der
Propaganda ausgestattet, ist Gerhoh ein Held der neuen
Frömmigkeit gewesen; von ihm stammt deren schönster Wahl⸗
spruch: „Gott zu schauen, blicke nicht über dich, sondern schau
in dich: da, in dir selbst, ist ein reines Herz dir verheißen.“
De investig. Antichristi 2, c. 60.
        <pb n="393" />
        Sieg der kirchlichen Ideen über Papsttum u. Kaisertum zugleich. 379

Und wie Bernhard, wandte auch er sich anfangs gegen das
hierarchische Ideal der Kurie, ja gegen die materielle Auffassung
kirchlicher Bedürfnisse überhaupt; Fürstentümer, Herrschaften,
Hoheitsrechte gehören nach ihm der Welt an; wäre Matthäus
am Zoll sitzen geblieben, er wäre nicht Apostel geworden. Doch
soll die weltliche Macht der geistlichen zur Hand sein: beide
sollen das Reich Gottes auf Erden begründen in der Weise,
daß dereinst der Papst geistlich regieren möge über eine Fülle
weltlicher Herrschaften.
Es sind Ideale, deren Verwirklichung mit den steigenden
Jahren Gerhohs immer unwahrscheinlicher wurde. Es sind aber
zugleich Ideale, deren weitverbreitete Wirkung in Deutschland,
wenn richtig benutzt, den Herrschern der ersten Hälfte des
12. Jahrhunderts den Abschluß des wirren Kampfes zwischen
Regnum und Sacerdotium immerhin wesentlich erleichtern
konnte. In der Publizistik fand der schroffe Gregorianismus
nur noch spärlich Vertreter. Die Mittelpartei dagegen, wieder
auf Augustin zurückgehend, zählte alle besonnenen und fried—
liebenden Naturen zu ihren Anhängern.

JII,

Der neue Herrscher, Heinrich V., war groß geworden im
Schatten der Kirche. Aber seit langem vertraut mit den
Mitteln und Wegen der päpstlichen Politik, glaubte er der
Kurie politisch mit Erfolg widerstehen zu können und war zu—
nächst keineswegs geneigt, auch nur eines der Rechte aufzugeben,
die Kaiser Heinrich III., sein Großvater, gegenüber der Kirche
ausgeübt hatte. So hatte er es zwar zugelassen, daß auf einer
Synode zu Nordhausen im Jahre 1108 Beschlüsse gegen Simonie
und Priesterehe gefaßt wurden. Aber die Investiturfrage wurde
nicht. berührt, und Heinrich war seit den Jahren seiner Selbst⸗
ständigkeit weit davon entfernt, das gregorianische System in
die Praxis umzusetzen.
Es war ein System, das den Frieden der deutschen Kirche
auf ein volles Jahrfünft verbürgt und die Wunden der letzten
        <pb n="394" />
        380 Siebentes Buch. Drittes Kapitel.

Zeit langsam geheilt hat. Aber freilich besaß es einige Lücken,
die es doch nur als Provisorium erscheinen ließen. Der Papft
andrerseits mußte des ewigen Hinhaltens müde werden, und
noch stand ihm in der geistlichen Strafgewalt ein leicht bereites
Mittel des Angriffs gegen den König zu Gebote.
In der That begannen die Beschwerden Paschalis II. schon
in einem Schreiben an den Erzbischof Ruthard von Mainz,
Ende 1105, und sie setzten sich auf einem Konzil zu Guastalla,
Oktober 1106, und auf einer Synode zu Troyes, Mai 1107,
immer dringlicher fort. Heinrich war ihnen schon früh in
gelegentlichen Gesandtschaften an den Papst entgegengetreten“;
jetzt versuchte er die Kurie in dau ernden Verhandlungen zu
beruhigen, umsomehr, als er in den Jahren 1107 bis 1110 in
schwierige Händel mit Polen, Cechen und Ungarn verstrickt
ward. Endlich aber forderte er im Jahre 1109 die ihm schon
versprochene Kaiserkrönung. Von neuem mußte nun die
Investiturfrage erörtert werden. In einem Schriftstück, das
vermutlich den Gesandten als Instruktion diente?, welche
den Papst von der bevorstehenden Romfahrt benachrichtigen
sollten, erklärte Heinrich die Investitur der Regalien wegen
für unerläßlich. Eine arme Kirche würde ihrer überhaupt
nicht bedürfen. Allein der Papst verharrte bei seinen
kanonischen Forderungen, während der König nun auf einem
Reichstage zu Regensburg das Aufgebot für den italienischen
Zug erließ.
Es war für den Papst eine Schreckensnachricht; ohne daß
bindende Abmachungen mit dem Könige getroffen waren, nahte
dieser mit Kriegesmacht — und die Normannen zeigten sich
trotz aller Versprechen bald wenig geneigt, den Deutschen zur
Rettung des heiligen Petrus entgegenzutreten.
Heinrich zog im August 1110 nach Italien; sein gewaltiges
Heer schuf ihm überall ruhige Aufnahme; auch Mathilde von

S. Rich ter (Horst Kohl
2 S. Hauck III 889 A. 3.

— Opitz), Annalen (1897) III 2 S. 309f.
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        Sieg der kirchlichen Ideen über Papsttum u. Kaisertum zugleich. 381

Tuscien beugte sich; in vollster Macht feierte er Weihnacht 1110
zu Florenz. Von Arezzo und Aquapendente aus schickte er
Gesandtschaften an den bedrängten Papst. Paschalis konnte
nicht anders, als ihren Aufträgen die Forderung vollster Auf—
gabe der Investitur seitens des Königs gegenüberstellen.
Natürlich fand er nicht das geringste Entgegenkommen. So
kam Paschalis, eine reine Seele, die, fern den hierarchischen
Zielen eines Gregor, dem kirchlichen Armutsideale zuneigte, zu
dem Gedanken, die Thatsache der königlichen Investitur in das
Reichskirchengut überhaupt gegenstandslos machen zu wollen
dadurch, daß er der deutschen Kirche den Verzicht auf die
grundherrliche und reichsfürstliche Stellung der Bischöfe zu—
mutete. Mit der vom Papste gebilligten Formulierung: Ver—
zicht der Kirche auf Reichsgut uud Regalien, Verzicht des
Königs auf die Investitur der Bischöfe und Reichsäbte: kehrte
die Gesandtschaft zum König zurück; und auf dieser Grund—
lage kam es am 4. Februar 1111 zu einer Reihe bindender
Abmachungen. Hiernach sollte Heinrich am 12. Februar zum
Kaiser gekrönt werden, nachdem er vorher den hergebrachten
Eid geleistet, den Papst an seiner Person nicht kränken und
schädigen zu wollen; vor der Kaiserkrönung aber sollte er auf
die Investitur verzichten unter der Bedingung, daß der Papst
darauf alsbald die Bischöfe und Reichsäbte zum Verzicht auf
Reichsgut und Regalien veranlasse.
Heinrich zog nunmehr gen Rom; am 12. Februar traf er
im Petersdom ein, der Papst erwartete ihn dort; sofort begann
die vertragsmäßig festgesetzte feierliche Verhandlung. Heinrich
verzichtete zunächst auf das Recht der Investitur; doch ließ er
zugleich eine Urkunde verlesen, wonach er seinerseits die Bischöfe
und Äbte nochmals in ihrem Besitze bestätigte und erklärte, er
als Sünder trage im Hinblick auf das schreckliche jüngste Ge—
richt Bedenken, sie dieses Besitzes zu berauben.
Nach dieser eigenartigen Einleitung von seiten des Königs
verlas der Papst seine Proklamation. Im schroffsten Wider—
spruch zu den gregorianischen Herrschaftsansprüchen erklärte er
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        382 Siebentes Buch. Drittes Kapitel.

die Beschäftigung der Geistlichen mit den weltlichen Sorgen
für einen Bruch des göttlichen Rechts: daß die Diener des
Altars zu Dienern des Hofes geworden seien, darin liege der
Grund für den unerträglichen Brauch der königlichen Investitur.
Allein kaum hatten die geistlichen Fürsten den Sinn seiner
Worte recht verstanden und sich der Formel „Verzicht auf
Reichsgut“ versichert, so erhob sich ein Tumult im Dome, daß
der Papst nicht zu Ende zu lesen vermochte. Um der wider—
wärtigen Scene ein Ende zu bereiten, zog sich Heinrich mit den
deutschen Großen und Bischöfen in einen Nebenraum der Kirche
zurück. Lange Zeit verging hier in Beratung; endlich erschienen
die Deutschen und erklärten, bei aller Ehrfurcht vor dem Papst
müßten sie diese Lösung verwerfen.
Es war der von Heinrich anscheinend erwartete Augenblick.
Während die Kardinäle zur raschen Krönung rieten, betonte er,
der Papst habe den Vertrag nicht erfüllt, und verlangte Be—
stätigung seines Investiturrechts. Als der Papst sich dessen
weigerte, sprach der König von Verrat und verhaftete Papst,
Kardinäle und päpstliche Unterhändler. Ein mittlerweile in der
Stadt entstandener Aufruhr änderte seine Meinung nicht; er
hielt fest, was er errungen hatte; als er sich in Rom nicht halten
konnte, führte er den Papst mit sich fort auf die festen Burgen
der Umgegend. Vergebens versuchte Mathilde von Tuscien,
für den Papst einzutreten; Heinrich hielt ihn in sicherem Ge—
wahrsam, bis am 11. April 1111 ein Vertrag zu Stande kam,
wonach der Papst dem König das Investiturrecht einräumte,
der König den Papst in Person, Würde und Besitz zu schützen
versprach. Am 13. April krönte Paschalis Heinrich V. zum
Kaiser, und der Papst gab dem Kaiser darauf das heilige Gut
zum Zeichen glücklich erreichten Friedens zwischen Kirche und
Reich.
Die idealste Richtung der neueren kirchlichen Bewegung
erschien in Paschalis durch den pfiffigen Sohn Heinrichs IV.
überlistet; wie zum Hohne ließ Heinrich V. nach seiner Rück—
kehr nach Deutschland am 7. August 1111 die sterblichen Reste
seines Vaters pomphaft in den geweihten Räumen des Speierer
        <pb n="397" />
        Sieg der kirchlichen Ideen über Papsttum u. Kaisertum zugleich. 383

Domes beisetzen: nach mehr als fünf Jahren unstäter Grabes—
ruhe ein eigenartiger Triumph des großen Kämpfers und zehn—
fach Gebannten.
Durch die Reihen der Gregorianer aber ging ein Schrei
des Entsetzens. Hatten darum die großen Päpste des 11. Jahr⸗—
hunderts die gesetzliche Rückforderung aller Kirchen und Zehnten
aus Laienhänden, das Verbot, Kirchengut zu verkaufen, die Un—
gültigkeit aller Verträge, wonach Kaiser Kirchengut zu Eigen
besitzen konnten, aufs feierlichste beschließen lassen, damit ein
Papst Spott triebe mit den weltlichen Machtmitteln der Kirche?
Es kam zum offnen Zwiespalt zwischen Papst und Gregorianern.
Während Paschalis sich weigerte, Kaiser Heinrich zu bannen,
getreu einem geleisteten Eide, nahm es sich der Erzbischof Guido
von Vienne, der Führer der französischen Gregorianer, heraus,
im September 1112 auf einer Synode von Vienne den Kaiser
von sich aus zu exkommunizieren, und die Extremen in Italien
vermochten den willensschwachen Papst schließlich dazu, die Be—
schlüsse dieser Synode anzuerkennen.
Vor allem aber mußte dem Kaiser jetzt die Herrschaft in
Deutschland schwer gemacht werden. Man konnte die Kirche
mobil machen, deren Bischöfe teilweise gregorianisch gesinnt
waren; man konnte den Laienfürsten zeigen, daß ihre Interessen
auf der päpstlichen Seite lägen; man konnte endlich das alte
Rezept der Aufstachelung des sächsischen Sondersinns wieder
hervorholen. Und schon fand sich in dem Erzbischof Adalbert
von Mainz, einst dem Vertrauten Heinrichs, jetzt seinem
grimmigsten Feinde, der kluge Führer der Bewegung, und
im Gegensatze zu den Zeiten Heinrichs IV. gelang es, den
Episkopat vom Könige zu trennen.
Heinrich V., listig, mißtrauisch, von Jugend auf in den krummen
Wegen der Diplomatie zu Hause, übersah frühzeitig die Lage.
Er ließ den Erzbischof verurteilen und führte ihn in Gefangen—
schaft. Er ging 1112 erfolgreich gegen die Sachsen vor, die
unter ihrem Herzog Lothar von Supplinburg, dem Nachfolger
des ausgestorbenen billungischen Geschlechtes, Selbständigkeits—
gelüste zeigten; schon im Januar 1114 unterwarf sich Lothar
        <pb n="398" />
        384 Siebentes Buch. Drittes Kapitel.

auf einem Reichsstage zu Mainz und gelangte wiederum in den
Besitz der kaiserlichen Gnade.
So schien aller Widerstand im Reiche beseitigt; es war
der Höhepunkt der Herrschaft Heinrichs V.; am 7. Januar 1114
feierte er seinen Triumph durch Vermählung mit der englischen
Königstochter Adelheid-Mathilde.
Allein die Erfolge hielten nicht vor. Die Thatsache, daß
sich Heinrich durch die brüske Lösung der Investiturfrage hoff—
nungslos nun auch mit den geistlichen Fürsten verfeindet hatte,
blieb bestehen; sie führte bald zu einem engen Bunde zwischen
Pfaffen- und Laienfürsten gegen die Handlungen des Kaisers.
Schlimmer noch war es vielleicht, daß die Nation den frohen
Glauben an die Persönlichkeit Heinrichs verloren hatte; man
wußte wohl, daß er kein Mittel scheute, um seine lediglich
politischen Ziele zu erreichen.
Unter diesen Umständen löste ein an sich unbedeutender Vor—⸗
gang die allgemeine Mißstimmung aus. Heinrich war 1114
gegen die Friesen gezogen, von der Notwendigkeit überzeugt, sie
dem Reiche wieder fester angliedern zu müssen. Auf dieser Fahrt
fiel das Kölner Kontingent schon im Beginn der Kämpfe in
einen friesischen Hinterhalt: sofort witterte es Verrat des Kaisers
und zog heimwärts. Heinrich war nicht in der Lage, so offenen
Verdacht und Ungehorsam ungestraft zu lassen; er gab den
friesischen Krieg auf und eilte nach Köln. Und nun entspann
sich am Niederrhein eine wüste Fehde, in deren Verlauf die
Kaiserlichen schließlich bei Andernach geschlagen wurden.
Gerade in diesem gefährlichen Augenblicke, am 6. Dezember
1114, verhängte der päpstliche Legat Kuno auf einer Synode
zu Beauvais von neuem den Bann über den Kaiser. Nun
brachen die Sachsen los, niemals ganz unterworfen; sie be—
siegten Heinrich am 11. Februar 1115 am Welfesholze bei
Mansfeld. Das war das Zeichen näherer Verbindung zwischen
Sachsen und Gregorianern; wiederum ward der Bann über
den Kaiser, erst zu Reims, dann zu Köln, verkündet. Heinrich
gab dem bisher noch gefangen gehaltenen Erzbischof Adalbert
von Mainz seine Freiheit. Adalbert ging aber sofort zu
        <pb n="399" />
        Sieg der kirchlichen Ideen über Papsttum u. Kaisertum zugleich. 385

Gregorianern und Sachsen über und fügte in deren Bund die
noch immer aufständischen Lothringer ein.
Da ergriff Heinrich den kühnsten Ausweg. Er unternahm
eine Diversion nach Italien; er wollte sich mit dem Papst von
neuem versöhnen und dadurch siegen über Gregorianer und
heimische Feinde zugleich. Ermutigend war für ihn in dieser
Hinsicht der Tod der Großgräfin Mathilde von Tuscien; er
durfte hoffen, das reiche Erbe der Verstorbenen zu erwerben,
das sie trotz früherer Schenkung an die Kurie Heinrich im
Jahre 1111 doch in Aussicht gestellt zu haben scheint. In der
That waren die Anfänge des Kaisers in Italien glücklich; er
gewann Oberitalien, er nahm das Mathildische Erbe für das
Reich in Besitz: die Machtgrundlagen für eine ihm günstige
Verhandlung mit der Kurie waren erreicht. Gleichwohl ver—
hielt sich Paschalis ablehnend, und dessen Nachfolger Gelasius II.
(1118 — 1119) floh vor der ihm drohenden persönlichen Ver—
handlung mit Heinrich nach Frankreich. Der Kaiser zog
Ostern 1118 erzürnt in Rom ein und ließ einen seiner ge—
treuesten Anhänger, den Erzbischof Moritz von Braga, als
Gregor VIII. zum Gegenpapst weihen.
Der unüberlegte Schritt hatte alsbald den Bann des Papstes
Gelasius über den Kaiser und seinen Gegenpapst zufolge. Ein—
getroffen war, was Gregorianer und Kaiserfeinde in Deutschland
so oft gewünscht hatten: das Papsttum, bisher schwankend, er—
schien ganz auf ihre Seite gedrängt; stärkere Aufstandsbewegungen
auf deutschem Boden, von Lothringen und Sachsen her, sowie die
offen verkündete Absicht, einen Gegenkönig zu wählen, waren die
Antwort auf die italienischen Vorgänge.
Heinrich mußte Italien verlassen; im Herbste 1118 war er
wieder in Deutschland. Sofort gab er den Dingen eine andere
Wendung, indem er sich der Einsicht nicht länger verschloß, daß
nach den Kämpfen der letzten Generationen, sowie infolge einer
Reihe jetzt eben einsetzender sozialer Umwälzungen! die alte

Vgl. Band III Buch VIII. Über die allgemeine Rechtsunsicherheit
unter H. V. s. Hauck IV. (1902) S. 104 f.
Lamprecht, Deutsche Geschichte II.

—
        <pb n="400" />
        386 Siebentes Buch. Drittes Kapitel.

monarchische Macht seiner Ahnen nicht mehr aufrecht zu erhalten
sei, und demgemäß ein Einverständnis mit den Fürsten her—
stellte ähnlich demjenigen, das in den ersten fünf Jahren seiner
Regierung bestanden hatte. Indem er auf einem Tage in
Tribur, 24. Juni 1119, nach Möglichkeit die Lage vor dem Auf⸗
stande wiederherzustellen suchte, beseitigte er das bisher bestehende
Mißtrauen und den offenen Widerwillen der Nordstämme und
brachte es zu einer wiederum imposant wirkenden Gesamt—
vertretung des Reiches.
Fast zur selben Zeit starb Gelasius II., am 29. Januar
1119, und Papst ward am 2. Februar Erzbischof Guido von
Vienne als Calixt II. Calirt ist eine der eigenartigsten Figuren
in dem gestaltenreichen Chore der Stellvertreter Christi. Als
Erzbischof war er Gregorianer strengster Art gewesen; er zu—
erst hatte Heinrich zu bannen gewagt; fern lag ihm die idea—
listische Schwärmerei eines Paschalis wie anderer Mönchpäpste.
Aber andrerseits fehlte ihm der starre Doktrinarismus seiner
Parteigenossen. In die verantwortlichste Stellung gehoben,
zeigte er bald die guten Seiten seiner Abstammung aus könig—
lichem Geblüt; gemessenen Blickes übersah er die Lage des
Papsttums und kam zu dem Schlusse, daß gegenüber dem An—
drang der extremen Gregorianer wie der utopischen Idealisten
im Stile eines Paschalis die Versöhnung mit dem Kaisertum
das Gebotene sei.
So fanden sich Kaiser und Papst in gegenseitigen Verhand⸗
lungen, denen die innere Befriedung Deutschlands auf wieder—
holten Reichstagen zur Seite ging. Zum Abschluß kam es in—
des nach mannigfachen Zwischenfällen, welche die vermittelnde
Thätigkeit der deutschen Fürsten immer mehr in den Vorder—
grund schoben, sowie nach langer publizistischer Vorarbeit erst
im Wormser (Lobwieser) Konkordat vom 283. September 1122.
Darin wurde hinsichtlich der Hauptpunkte des Streites zwischen
Reich und Kirche festgesetzt: Der Kaiser giebt die Bischofswahl
nach kanonischem Rechte frei, doch sollen die Wahlen in seiner
Gegenwart stattfinden. Bei zwiespältigen Wahlen soll der König
nach dem Urteil des Metropoliten und der Komprovinziglen die
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        Sieg der kirchlichen Ideen über Papsttum u. Kaisertum zugleich. 387

„gesündere“ Partei unterstützen. Der König verzichtet ferner
darauf, den Bischöfen die geistliche Würde, wie bisher, durch
Ring und Stab zu verleihen, erhält aber dagegen das Recht,
die Bischöfe fürderhin mit dem Reichsgut und den Regalien
ihrer Kirchen durch das besondere Symbol des Scepters zu
begaben, und zwar die deutschen Bischöfe vor der Weihe, die
italienischen und burgundischen Bischöfe binnen sechs Monaten
darnach.
Es waren immerhin bedeutende Zugeständnisse gegenüber
den alten Gewohnheiten der deutschen Herrscher; Calixt II. hatte
recht, sie auf dem von weither besuchten römischen Konzil des
Jahres 1123 als einen Triumph der Kirche zu verkünden, und
er starb im Vollgenuß dieses Sieges am 13. Dezember 1124.
Allein der Kaiser hatte doch auch wichtige Teile seiner Rechte
gerettet; der alte Zusammenhang zwischen Kirche und Reich auf
den wesentlichsten Gebieten der Verfassung war äußerlich ge—
wahrt, und keineswegs erschien das Reichskirchengut der Kirche
einverleibt, wie die Gregorianer es forderten. Die Mittel—
parteien waren befriedigt; die Zeiten Heinrichs V. sind ohne
große religiöse Kämpfe zu Ende gegangen.
Mittelbar dagegen waren freilich die Bestimmungen des
Konkordats und die Nachwirkungen der vorangehenden Kämpfe
vom allergrößesten Einfluß auf die Schicksale des Reiches. Das
Verhältnis des Königs zu den Bischöfen, das, vielleicht unter dem
Nachwirken der Eigenkirchenidee, auf dem wesentlich persönlich
gewandten Schutzrecht des Königs über die königlichen Kirchen
beruht und einen gewissen Amtscharakter gehabt hatte, ward
nun zwar nach dem ursprünglichen Sinne des Konkordats noch
nicht lehnsrechtlich; die geistlichen Fürsten traten damals noch
nicht in den Lehnsverband ein. Aber schon um 1200 ist das
doch geschehen; und jedenfalls war nicht daran zu denken, daß
die alte Bischofsverwaltung des Reiches wieder auflebte; die
Bischöfe wurden später als geistliche Fürsten volle Genossen der
weltlichen Großen. Die weltlichen Großen aber waren eben
während des Investiturstreits zu vollem Erbrecht und zu un—
955 *
        <pb n="402" />
        388 Siebentes Buch. Drittes Kapitel.

geahnter politischer Bedeutung in ihren Territorien emporgediehen;
sie beherrschten zum guten Teil die Geschäfte des Reiches.
Empfand Heinrich dies Hemmnis schon im allgemeinen
schwer, so doppelt schwer gegenüber der Entwickelung in Sachsen.
In Sachsen war das Herzogtum im Verlaufe des In—
vestiturstreites des geistlichen Gegengewichts entledigt worden,
das die Erzbischöfe von Bremen bisher ausgeübt hatten; mit
der Begründung des dänischen Erzbistums Lund im Jahre
1104 brachen die stolzen Patriarchatshoffnungen der bremischen
Kirche zusammen. Damit begann das sächsische Herzogtum sich
viel freier zu bewegen, zumal in den Händen des energischen
Lothar von Supplinburg; bisher auf den Nordosten des Landes
beschränkt, nahm Lothar die Slawenpolitik der Ottonen wiederum
auf! und suchte seine nächste Aufgabe vor allem in der Über—
wältigung der zahlreichen Fürsten der westlichen und südlichen
Landesteile. Diese Politik konnte Kaiser Heinrich nimmermehr
dulden: glücklich durchgeführt und erweitert, hätte sie zur
Sprengung des Reiches führen müssen. Und der alte Haß
zwischen Saliern und Sachsen kam hinzu, um den Gegensatz
zwischen Heinrich und Lothar zu hellem Streite anzufachen;
auf einem Reichstag zu Bamberg, am 285. Juli 1124, forderte
Heinrich von den Fürsten mit Erfolg die Aufstellung eines
Heeres wider die Sachsen.
Zum Feldzug ist es denn freilich nicht gekommen; am
23. Mai 1125 starb Heinrich V., dreiundvierzigjährig, zu Utrecht.
Man würde dem letzten Salier unrecht thun, wollte man an
seine Thaten allgemein moralische Maßstäbe anlegen. Denn
diese versagen in einer von Parteikämpfen zerrissenen Zeit, wo
hüben und drüben das sittliche Urteil erstaunlich getrübt war.
Daß er den Frieden zwischen Reich und Kirche wiederherstellte,
ließ manchen über die Verwerflichkeit der angewandten Mittel
hinwegsehen. Rücksichtslos brachte er darüber hinaus das An—
sehen des Reiches zur Geltung, „in den Spuren Karls des
Großen wandelnd“, wie eine englische Quelle bemerkte.

VBgl. Band III2, S. 341 ff.
        <pb n="403" />
        Sieg der kirchlichen Ideen über Papsttum u. Kaisertum zugleich. 389

III.
Nach Heinrichs Tode schien es keinem Zweifel zu unter⸗
liegen, daß der Staufer Herzog Friedrich von Schwaben sein
Nachfolger sein werde. Damals vierunddreißig Jahre alt,
geschäftsgewandt und manuͤesfest, war er persönlich durchaus
geeignet. Dem salischen Geschlechte aufs engste verwandt durch
feine Mutter Agnes, eine Tochter Heinrichs IV., schien er, wie
einst Heinrich II. die ottonische, so jetzt die salische Tradition
fortsetzen zu können. Durch Heinrich V. in gewissem Sinne
zur Krone designiert, entsprach er der gewöhnlichen verfassungs⸗
mäßigen Vorbedingung einer erfolgreichen Kandidatur. Seit
kurzem mit Judith, einer Tochter des welfischen Baiernherzogs
Heinrich, vermählt, glich er in seiner Person jene Rivalität
der beiden großen oberdeutschen Fürstengeschlechter, der Welfen
und Staufer, aus, die seit der Erhebung der Staufer zum
schwäbischen Herzogtum sich immer stärker zu entwickeln be—
gonnen hatte, und s chien dadurch Zeiten einer ruhigen Regierung
zu verbürgen.
Allein eben deshalb, wie als Führer der gegenpäpstlichen
Partei in Deutschland unter Heinrich V., behagte er der kirch—
lichen Opposition nicht. Und auch die Sachsen konnten seine
Wahl nicht wünschen; er war Süddeutscher und hatte im
Gegensatz zu den Bestrebungen des sächsischen Herzogtums die
Geschlechter des südwestdeutschen Adels in Königstreue um sich
gesammelt. Nun fanden aber die kirchlichen und sächsischen
Antipathieen alsbald ihre Vereinigung in der Person des
Mainzer Erzbischofs Adalbert: und Adalbert hat die Wahl
Friedrichs vereitelt.
Durch einen bisher unbekannten Wahlmodus brachte Adal⸗
bert die erstarkende Macht des Fürstentums gegenüber den
sonstigen Teilnehmern an der Wahl energisch zum Ausdruck
und wußte zugleich ein seinen Absichten günstiges Wahlkollegium
zu schaffen. Aus ihm ging schließlich in völlig formloser Wahl,
vom Volke nicht minder formlos begrüßt, Lothar von Sachsen
als König hervor: erst sechs Tage nach seiner Erhebung gelang
es dem Bemühen vornehmlich der päpstlichen Legaten, die
        <pb n="404" />
        390 Siebentes Buch. Drittes RKapitel.

Stimmen der Fürsten mit Ausnahme derjenigen Friedrichs von
Schwaben vollständig auf ihn zu vereinigen. Lothar aber
schränkte wahrscheinlich schon damals die Ausführungsbestim—
mungen des Wormser Konkordates zu Gunsten der Kurie ein
und erbat außerdem vom Papste die Bestätigung der Wahl.
Den Ausschlag für Lothars Sieg gab aber schließlich nicht
sowohl die sächsisch-gregorianische Partei als der welfische Herzog
Heinrich von Baiern. Seine Gründe wurden bald offensichtig.
Lothar besaß von seiner Gemahlin Richinza nur eine Tochter
Gertrud; mehr als sechzigjährig, hatte er sich der Hoffnung auf
weitere Nachkommenschaft begeben. Diese Tochter verlobte der
König bald nach der Wahl mit Heinrich dem Stolzen, dem
Sohne Herzog Heinrichs, der seinerseits durch seine Mutter ein
Enkel des letzten Billunger Sachsenherzogs war und als solcher
Anwartschaft besaß auf die lüneburgischen Güter des billungi⸗
schen Hauses. So schon in Sachsen halb heimisch, mußte der
Sohn Herzog Heinrichs durch die Verlobung mit Gertrud Hoff—
nung gewinnen auf die Verbindung der Herzogtümer Sachsen
und Baiern in seiner Hand; es war die fast sichere Aussicht
zugleich auf den Thron nach dem Tode des betagten Lothar.
Was wog für Herzog Heinrich gegenüber einer so glänzenden
Zukunft seines Geschlechtes die Thatsache, daß er im Fall der
Wahl Friedrichs von Staufen Schwiegervater eines Königs
geworden wäre?
Mit dem Übertritt der süddeutschen Welfen zu Lothar
klärten sich auch sonst die Gegensätze. Herzog Friedrich von
Schwaben war der Feind der kirchlich Extremen. Lothar da⸗—
gegen hatte zwar wenig Verständnis für ihre idealen Ziele;
er war Simonist; er hatte in Sachsen fest dreingeschlagen, ein
Kriegesheld; er war auch bei aller Unselbständigkeit keineswegs,
wie die Zukunft zeigen sollte, ein kritikloser Anhänger der
Gregorianer. Allein durch seine sächsische Vergangenheit wie
durch die Art seiner Wahl war er zunächst auf die Seite der
extrem Kirchlichen getrieben, und diese nahmen ihn jedenfalls
ganz für sich in Anspruch und beeinflußten ihn überall. In—
dem nun Heinrich von Baiern zu Lothar übertrat, vereinigten
        <pb n="405" />
        Sieg der kirchlichen Ideen über Papsttum u. Kaisertum zugleich. 391

sich die kirchlichen Gegensätze mit dem füddeutschen Gegensatz
zwischen Staufern und Welfen: auf der einen Seite stand jetzt
die altkaiserlich-antikirchliche Partei unter Friedrich von
Schwaben wie dessen Bruder Konrad von Ostfranken, auf der
andern die gregorianisch-sächsische Partei unter Lothar, dem
bairischen Herzog und den rheinischen Bischöfen, vor allem dem
Mainzer.
Es war klar, daß durch diese feste Konstellation ein gut
Teil der Regierung Lothars bestimmt sein würde. In der
That ließ Lothar bei den Bischofswahlen die Rechte ruhen,
welche der Krone 1122 bestätigt worden waren. So wurde in
Magdeburg einer der kirchlichen Ertremen, der Abt Norbert
von Prémontré, gegen Lothars Kandidaten (der noch dazu sein
Verwandter war) 1126 zum Erzbischof erhoben. Und in den
Kreisen der Gregorianer wurde schon ein Programm formuliert,
zu dessen Durchführung sie den König bewegen wollten. Von
der kirchlichen Frage aber suchte Lothar die dynastische zu
trennen: aus eigner Kraft ist er zunächst der Staufer Herr
geworden.
Freilich sind mehr als vier Jahre von dahinzielenden
Kriegszügen und Verhandlungen erfüllt, und die ersten Kämpfe
verliefen keineswegs zu Gunsten Lothars: 1126 blieb der Feld⸗
zug gegen den Staufer erfolglos, und Ende des Jahres 1127
fühlten sich die Staufer stark genug, in Konrad von Ostfranken
einen Gegenkönig aufzustellen. Indes, gerade dieser Schritt
brachte die Wendung. Indem Konrad 1128 nach Italien ging,
um Rom zu gewinnen, zersplitterte er die staufischen Kräfte;
Lothar gelang es, am Oberrhein wie in Ostfranken Fuß zu
gewinnen, während Konrad völlig ohne Erfolge aus Italien
heimkehrte. Im Herbst des Jahres 1130 sahen sich die
staufischen Bruder auf die Einsamkeit ihrer schwäbischen Be—
sitzungen und Burgen zurückgedrängt; Lothar war es möglich,
fie einstweilen nicht weiter zu beachten und sich den drängenden
kirchlichen und italienischen Angelegenheiten zuzuwenden.
Dem Papst Calixt II. (gestorben 18. Dezember 1124) war
in Honorius II. ein Papst gefolgt, dem die normannische
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        392 Siebentes Buch. Drittes Kapitel.

Politik in Unteritalien große Schwierigkeiten bereitete. Nach
dem Tode Wilhelms von Apulien hatte nämlich Roger von
Sizilien alsbald Anstalten getroffen, ganz Apulien zu erobern:
an Stelle der beiden normannischen Reiche, die die Kurie bis—
her gegeneinander ausgespielt hatte, drohte sich ein nor—
mannisches Großreich zu bilden, das dem Stuhle Petri ebenso
gefährlich werden konnte wie einst die deutsche und früher die
langobardische Ubermacht. Der Papst schritt dagegen durch
Bannung Rogers ein: vergebens: — am 22. August 1128
mußte er Roger mit dem eroberten Lande belehnen, und nur
so viel erreichte er, daß Capua als felbständiges Fürstentum
bestehen bleiben und Benevent Eigentum des heiligen Petrus
sein sollte. Von dem Augenblick aber schaute er sehnsüchtig
über die Alpen auf Lothar, auf deutsche Hilfe.
Lothar war noch mit dem Kampfe gegen die Staufer be—
schäftigt: hierzu ließ er sich die Bundesgenossenschaft der Kirche,
die mit Hinsicht auf die italienischen Verhältnisse eifrig gewährt
ward, gern gefallen, ohne im übrigen den königlichen Rechten
etwas zu vergeben: er verhielt sich abwartend. Als er dann
die Staufer als unterzwungen betrachten konnte, starb Papst
Honorius, am 14. Februar 1130.
Jetzt beherrschten die Adelsfamilien wieder einmal die
Papstwahl. Von den Anhängern der Frangipani wurde gänz⸗
lich unregelmäßig Innocenz II. erhoben. Drei Stunden später
trat ihm Pier Leone, das Haupt der Gegenpartei. als Anaklet IJ.
gegenüber.
Innocenz wurde aus Rom vertrieben und ging nach Frank⸗
reich; Bernhard von Clairvaux brachte ihm seine Huldigung
dar; aber bald gelangte er völlia in die geistige Gewalt
Bernhards.
In Deutschland war die neue Strömung schon durch zwei
außerordentliche Geister vertreten, die Erzbischöfe Norbert von
Magdeburg und Konrad von Salzburg: sie haben König Lothar
über die Bedeutung Innocenzens unterrichtet. Der König sprach
sich darauf für dessen Anerkennung aus gegenüber Anaklet II.
        <pb n="407" />
        Sieg der kirchlichen Ideen über Papsttum u. Kaisertum zugleich. 893

Es war der entscheidende Schritt Lothars in seinem Verhältnis
zur Kirche und zum Papsttum.
Gleichzeitig mit der Anerkennung Innocenzens ward eine
Zusammenkunft von König und Papst zu Lüttich für den März
1131 verabredet; auf ihr sollte über den Frieden der Kirche
und das Heil des Reiches beraten werden. Die Begegnung
fand am 22. März unter großem Pompe statt; Lothar erwies
dem Stellvertreter Christi alle äußeren Ehren: er führte den
päpstlichen Zelter am Zaume, er hielt den Steigbügel. Das
hinderte ihn aber nicht, als Gegenleistung für die geplante
Romfahrt die Erweiterung des Investiturprivilegs anzuregen —
ein Thema, von dem er erst dann abging, als er auf den
energischen Widerspruch des heiligen Bernhard und vor allem
wohl der deutschen Bischöfe stieß.
Von Lüttich ging der Papst dann nach Frankreich zurück
und langsam dem Süden zu, um mit Lothar, der inzwischen
die Romfahrt vorbereitete, auf italienischem Boden zusammen—
zutreffen. Allein der König fand bei der Sammlung der
deutschen Kontingente ungewöhnliche Schwierigkeiten; dazu
unternahm er noch 1131 einen erfolgreichen Zug gegen den
König Magnus von Dänemark und gegen die Slawen in
Wagrien. Bei der allgemein herrschenden Zwietracht fanden
sich nur wenige zur Romfahrt ein; von den weltlichen Fürsten
war nur der Böhmerherzog williger. So erschien Lothar
schließlich in Begleitung Norberts mit 1500 Rittern jenseit
der Alpen: ein tollkühnes Unternehmen begann, das nur gelang,
weil der Papst inzwischen von sich aus in Italien Fuß zu
fassen begonnen, ja sich schon teilweise in den Besitz des bisher
als kaiserlich betrachteten Mathildischen Erbes in Tuscien zu
setzen gewußt hatte. Unter päpstlichem Vortritt, fast jede
größere Stadt vermeidend, rückte nun das deutsche Heer nach
Süden; gegen Ende April fand man sich vor Rom; am
30. April 1133 zogen König und Vapst gemeinsam in die
ewige Stadt ein.
Dem Einzug folgte am 4. Juni die Kaiserkrönung Lothars
und seiner Gemahlin im Lateran — Sankt Peter wurde noch
        <pb n="408" />
        394

Siebentes Buch. Drittes Kapitel.

von den Anhängern des Gegenpapstes gehalten. Nach der
Krönung aber trat Lothar alsbald mit dem Anspruch hervor,
ihm das alte Investiturrecht der deutschen Könige wiederum zu
verleihen; wie in Lüttich so benutzte er jetzt seine stützende
Stellung gegenüber dem Papste zu kirchenpolitischen Forderungen.
Aber Norbert erklärte sich dagegen; der Papst jedoch konnte
nicht umhin, Lothar wenigstens die dem Wormser Konkordat
entsprechende Praxis, vielleicht unter einem kleinen weiter—
gehenden Zugeständnis, im ganzen zu bestätigen. Und über
diese Bestätigung hinaus wußte Lothar trotz seiner geringen
Macht auch die weltliche Stellung der deutschen Könige in
Italien wenigstens einigermaßen festzuhalten, indem er sich das
Mathildische Land vom Papste gegen einen Jahreszins von
100 Pfund Silber übertragen ließ mittelst einer Ringinvestitur.
Rechtlich wurde er damit nicht der Lehnsmann des Papstes.
Aber der Papst nahm gleichwohl ein Lehnsverhältnis an, wie
die Unterschrift unter einem Bilde im Lateran zeigte, das die
Belehnungsscene darstellte und auf seinen Befehl gemalt ward.
Und was hatte der Kaiser doch andrerseits aufgegeben!
Die Erbansprüche, die Heinrich V. auf die Mathildische Herr—
schaft geltend gemacht hatte, waren durch dessen Leihnahme von
seiten Lothars einfach beseitigt, und in der Beleihung war ein
Verhältnis geschaffen, das später zu den größten Irrungen ge—
führt hat. Vor allem aber hatte Lothar für seine Kaiserkrönung
die in feierlicher Urkunde niedergelegte Anschauung zugelassen,
daß Innocenz II. ihm die kaiserliche Vollgewalt aus der Fülle
seiner päpstlichen Macht verliehen habe. Es war der Vor—
stellungskreis, in dem Gregor VII. sich bewegt hatte; kein Kaiser
hatte ihn bisher anerkannt. Jetzt ward er durchgesetzt gegen—
über einem frommen Herrscher, der gerade in diesem Punkte
an den Unklarheiten der kirchenpolitischen Auffassung seiner
religiösen Freunde, eines Norbert, eines Konrad und Bernhard
krankte. Und diese Vertreter der neuen Frömmigkeit trafen bei
aller Weltflucht doch schließlich in dem wie immer auch zu ver—
wirklichenden Gedanken der Überordnung aller geistlichen Gewalt
über die weltliche mit den gregorianisch Gesinnten zusammen.
        <pb n="409" />
        Sieg der kirchlichen Ideen über Papsttum u. Kaisertum zugleich. 395

Und war denn überhaupt ein Papst denkbar, der nicht
durch die Machtfülle der römischen Kurie langsam in extrem
hierarchische Anschauungen hinübergezogen werden mußte? Als
später in Eugen III. ein Schüler des heiligen Bernhard den
Stuhl des heiligen Petrus bestieg, da verfehlte Bernhard nicht,
ihn alsbald in seinem Begrüßungsschreiben vor dieser Gefahr
zu warnen: er möge seine Vernunft nicht vom Ehrgeiz besiegen
—D apostolischer Weise, um
Seelen, nicht Gold und Silber zu fangen!. Gleichwohl hat
Eugen schließlich hierarchische Ziele verfolgt, nicht anders, als
Innocenz II. es that, sobald er zur Macht gelangt war. Eben
in dieser psychologisch leicht verständlichen Haltung der Päpste
war für die kirchliche Reformströmung Bernhards die Not—
wendigkeit gegeben, über das Papsttum hinauszugehen, es der
religiösen Bewegung unterzuordnen, wie das im zweiten Kreuz—
zug geschehen ist.
Einstweilen indes stand der Kaiser in seinem Gegensatz zu
den nun auftauchenden hierarchischen Zielen Innocenz II. allein.
Aber er zögerte nicht, ihnen entgegenzutreten. Innocenz konnte
hoffen, daß der Kaiserkrönung ein Zug Lothars gegen Roger,
den normannischen Bedränger des Papsttums, folgen werde:
aber der Kaiser zog alsbald, vermutlich schon Anfang Juni, nord—
wärts; am 28. August bereits war er wieder in Freising. Es
gelüstete ihn nicht nach italienischem Lorbeer; er beugte viel—
mehr in Deutschland die hierarchische Partei und unterwarf
endgültig, 1185, die staufischen Brüder, wenn er ihnen auch unter
dem Einfluß der kirchlichen Parteien und besonders des Papstes
milde Bedingungen gewährte.
Während Lothar so die nächsten Jahre zur Stärkung seiner
Herrschaft in Deutschland ausnutzte?, waren in Italien Wand—
lungen erfolgt, die zu einer völlig veränderten Stellung der
einzelnen italienischen Mächte führten und für Lothar ein sehr

Ep. Bern. Nr. 288.
ꝰ Ins Jahr 1134 fällt Lothars Privileg für die Kaufleute von
Gothland: Bernhardi, Jahrbücher (1879) S. 542 A. 39.
        <pb n="410" />
        396 Siebentes Buch. Drittes Kapitel.

pereinfachtes Programm für die erneute Begruündung deutschen
Ansehens in Italien zur Folge hatten.
Wie wir wissen, hatte Roger von Sizilien seit dem Jahre
1127 seine Macht über Apulien ausgedehnt. Zu ihm war der
Gegenpapst Anaklet II. geflohen, hatte ihm kraft päpstlicher
Gewalt alle königlichen Rechte gewährt, hatte Capua und Neapel
mit seinem Reiche vereint, hatte die Hilfskräfte Benevents ihm
zur Verfügung gestellt: hatte alles gethan, um das von Rom
aus längst gefürchtete Großreich des Südens in seiner Ent⸗
stehung zu begünstigen: unter der einzigen Bedingung, daß
dessen König sich als Vasall des Papstes bekenne. Darauf
hatte Roger das Reich mit furchtbarer Strenge zusammen⸗
zuschweißen begonnen. Alle Teilfürsten, alle gelegentlich em⸗
pörten Mitglieder des Adels unterwarfen sich ihm schließlich;
im Jahre 1138 reichte seine Macht unmittelbar bis in die
Nähe Roms, Innocenz mußte vor ihm fliehen, und der Gegen⸗
bapst Anaklet saß wieder auf dem apostolischen Stuhle.
In diesem Augenblick trat Bernhard, die fleischgewordene
kirchliche Idee des Zeitalters, für Innocenz in die Schranken.
Er ging 1135 nach Deutschland, den Kaiser zur Hilfe zu ver⸗
anlassen. Und er hatte Erfolg. Lothar, damals Herr der
Dinge nördlich der Alpen, hatte auch seinerseits die Fort⸗
schritte Rogers zornig verfolgt; es erschien ihm an der Zeit,
bon Reichs wegen einzuschreiten: fast gleichzeitig mit Bernhard
empfing er eine griechische Gesandtschaft; mit der beriet er die
ersten Maßregeln zu einem kombinierten deutsch-griechischen An—
griff gegen die Normannen. Dann begann er, im Jahre 1136,
mit den größten Anstrengungen zu rüsten.
Bernhard war inzwischen nach Italien vorausgeeilt. Schon
früher hatte er Pisa und Genua, die Handelsfeinde der Nor⸗
mannen, gewonnen; jetzt bemächtigte er sich mit dem wunder⸗
barsten Erfolge seiner Reden der Stimmung in Mailand: überall
hob er das Ansehen Innocenz II.: mit Zuversicht sah er der
Ankunft des Kaisers entgegen.
Lothar stieg im September 1136 mit einem stattlichen
Heere nach Italien hinab; bald war er Herr der Lombardei
        <pb n="411" />
        Sieg der kirchlichen Ideen über Papsttum u. Kaisertum zugleich. 397

und Romagna. In der Romagna teilte er das Heer. Er selbst
zog mit einem Teile den Ostabhang der Halbinsel entlang;
Pfingsten 1137 sah er sich sicher und siegreich vor Bari, der
apulischen Hauptstadt. Den andern Teil des Heeres führte sein
Schwiegersohn, Heinrich von Baiern, durch Tuscien über Capua
nach Benevent; vom Papste begleitet, traf er mit Lothar vor
Bari zusammen, und bald gelang es den Mühen des vereinten
Heeres, Rogers Hauptfeste bei Bari zu nehmen.
Dieser Schlag veranlaßte Roger, beim Kaiser die Belehnung
seines Sohnes mit Apulien zu erbitten. Die Annahme dieses
Gesuches wäre vielleicht eine des Reiches würdige Lösung ge—
wesen. Aber sie lag nicht im Sinne des Papstes. Es ist kaum
zweifelhaft, daß Innocenz den Kaiser veranlaßt hat, sie ab⸗
zulehnen. Nun blieb für die Herrschaft über Apulien nur ein
geeigneter Kandidat übrig, Raimund von Alife. Aber ihn be—
gehrte alsbald der Papst von sich aus zu belehnen: offen traten
die hierarchischen Neigungen der Kurie zu Tage. Es kam
darüber zu einem Zwiste zwischen Kaiser und Papst; endlich
einigte man sich auf die merkwürdige Maßregel einer gemein—
samen Belehnung. Lothar aber gelüstete es nach solchen Proben
oäpstlicher Enthaltsamkeit nicht weiter darnach, dem Papste zu
helfen. Er verzichtete darauf, ihn nach Rom zurückzuführen,
wo noch immer feindliche Adelsparteien herrschten. Nachdem
er noch für die Dauer des deutschen Einflusses in Mittelitalien
gesorgt, indem er seinen Schwiegersohn Heinrich zum Mark—⸗
grafen von Toskana ernannte und in die Bedingungen seiner
Herrschaft über die Mathildischen Lande eintreten ließ, eilte er
der deutschen Heimat zu. Er ging über Bologna, feierte das
Martinsfest noch mit kaiserlicher Pracht in Trient, begann dann
aber zu ermatten, setzte nur langsam die Alpenfahrt fort und
starb über siebzigiährig am 4. Dezember 11837 in einem ein—
samen Bauernhof des Tiroler Dorfes Breitenwang. Von hier
hrachten seine Mannen die Leiche trauernd durch das Reich zu
den ragenden Tannen der Heimat; in Königslutter am Harz
ward sie am letzten Tage des Jahres zur ewigen Ruhe gebettet.
Der Verlauͤf des zweiten italienischen Zuges hatte Lothar
        <pb n="412" />
        398 Siebentes Buch. Drittes Kapitel.

immer eindringlicher darüber belehrt, daß ein Papst nicht lassen
könne von dem Gedanken weltlicher Allgewalt der Kirche; nun
hinderte den Kaiser weder seine Frömmigkeit noch sein greises
Haar, den Standpunkt kaiserlichen Rechtes zu betonen. Der
Konflikt war ausgesprochen, als er ins Grab sank.
Der Papst aber wurde seiner weltlichen Ansprüche in
Italien nicht froh. Roger brach jetzt von neuem los; bald
war die frühere Herrschaft wieder in seinen Händen. Dann
drängte er gegen Rom selbst vor; Innocenz mußte die Waffen
gegen ihn ergreifen. Entsetzt sah die fromme Welt des Nordens
das Schauspiel päpstlicher Kriegsführung; es schloß damit, daß
der Papst mit seinen bedeutendsten Anhängern kriegsgefangen
in die Hand des Sizilianers fiel, am 22. Juli 1189. Darauf
kam es zum Friedensschluß; Innocenz mußte das von dem
Gegenpapst Anaklet gemachte Zugeständnis eines großnor—
mannischen Reiches bestätigen. Das weltlich-hierarchische
Papsttum endete mit einer vollkommenen Demütigung, während
das deutsche Königtum es verstanden hatte, seine Rechte, wenn
auch nicht immer theoretisch, so doch in ihrer praktischen Hand—
habung, zu wahren.

IV.

Lothar hatte sterbend seinen Schwiegersohn zum König
designiert; Inhaber der Gewalt in Tuscien, Herzog von Baiern
und Sachsen, Erbe der Allodien Lothars, erschien dieser auch
im Reich als natürlicher Nachfolger.
Aber wie die extrem Kirchlichen nach dem Tode Heinrichs V.
die Wahl des staufischen Friedrich vereitelt hatten, so waren
sie diesmal nicht gewillt, den Welfen Heinrich zu wählen. An—
maßend war er in Italien dem Papste und der Kirche entgegen⸗
getreten; zudem war er der Schwiegersohn Lothars, der in
beginnendem Zwist mit der Kirche gestorben war.
So kam es der Partei darauf an, einen andern Kandidaten
zu finden. Dieses Geschäftes nahm sich nach dem Tode Adalberts
von Mainz der schlaue Wallone Albero, Erzbischof von Trier,
an. In noch unregelmäßigerer Weise als einst Adalbert betrieb
        <pb n="413" />
        Sieg der kirchlichen Ideen über Papsttum u. Kaisfertum zugleich. 399

er die Wahl; ohne Beisein der Sachsen und Baiern, nur von
oerhältnismäßig wenigen Großen ward sie am 7. März 1138,
vor dem eigentlichen Wahltermin und am unrechten Orte, zu
Koblenz, gethätigt: König ward Konrad von Schwaben; ein
—EDV
Es war ein in jedem Betracht unerhörter Vorgang. Und
König war nun ein Staufer, den die Kirche noch kurz vorher
gebannt hatte, ein Sproß aus dem so oft verfluchten Drachen—
blute der Salier. Albero wußte gleichwohl, was er gethan
hatte. Denn Lothars überaus rücksichtsvolle Kirchenpolitik
wurde von Konrad fortgesetzt. Konrad war mit allen persön—
lichen Tugenden des germanischen Mannesideals geschmückt: er
war schön, heiter, mild, tapfer; die Nation hat trotz aller
späteren Verkehrtheiten immer wieder an ihn geglaubt. Aber
als Privatmann zu allem Guten geboren, ermangelte er der
königlichen Gaben: energisch in der Einzelhandlung, war er
gleichwohl kein Herrscher; kriegsmutig, besaß er trotzdem keinerlei
Eigenschaften des Feldherrn, von weitsichtiger Phantasie, ent⸗
behrte er dennoch des konsequenten Scharfblicks des Staats—
manns. So war er der richtige Mann für die Bestrebungen
der Hierarchen.
Gratian stellte eben jetzt sein Dekret zusammen und ver—
wirklichte darin das Ideal Pseudoisidors. Aus der Theorie
wurde es jetzt immer mehr zur Praxis: jede Sache, die an sie
kam, erledigte die Kurie, ohne freilich im mindesten die er—
staunlich gehäuften Geschäfte bewältigen zu können. Recht und
Gerechtigkeit wurden dadurch ins Wanken gebracht: derselbe
Papst konnte ganz entgegengesetzte Urteilssprüche fällen. Kein
Wunder, daß, während das Papsttum zu herrschen wähnte, die
Mißstimmung allenthalben bedrohlich wuchs!. So gelang es
überraschend schnell, den neuen König in den Sattel zu setzen.
Nicht lange, und Herzog Heinrich von Baiern und Sachsen,
—
unterwarf auch er sich: er sandte die Reichsinsignien an Konrad.

Hauck IV (1902) S. 156 ff.
        <pb n="414" />
        —*

Siebentes Buch. Drittes Kapitel.

Allein Konrad, durch die raschen Erfolge über das Maß
seiner Kräfte getäuscht, ging gleichwohl gegen ihn vor; ver—
mutlich forderte er von ihm die Herausgabe eines Herzogtums,
Baierns oder Sachsens. Es war ein verhängnisvoller Schritt,
der den alten Zwist zwischen Staufern und Welfen von neuem
entfesselte. Und Konrad hielt sich für stark genug, sich gleich—
zeitig auch den zähen Stamm der Sachsen zu verfeinden, indem
er das Heinrich nunmehr abgesprochene sächsische Herzogtum ohne
Vorfrage bei den Großen des Landes an den Askanier Albrecht
den Bären vergab.
Jetzt hieß es Krieg führen gegen Baiern und Sachsen zu—
gleich. Es geschah mit wechselndem Erfolge; und noch mitten
im Kampfe starb Herzog Heinrich, kaum fünfunddreißig Jahre
alt, am 20. Oktober 1139, und hinterließ seine Ansprüche einem
zehnjährigen Knaben, Heinrich dem Löwen. Auf dem Reichs—
tage in Frankfurt, am 10. Mai 1142, kam es darauf zu einem
für die Sachsen und Welfen verhältnismäßig günstigen Ab—
schluß. Den sächsischen Fürsten wurde einfach verziehen; ja,
Konrad bemühte sich noch, Albrecht, den er erfolglos zum
Sachsenherzog ernannt hatte, ihnen gegenüber wieder in die
alten Beziehungen zu bringen. Die welfische Frage aber ward
auf sehr einfache Weise anscheinend gelöst. Gertrud, Tochter
Kaiser Lothars, Witwe Heinrichs des Stolzen, Mutter Hein—
richs des Löwen, damals 27 Jahre alt, heiratete Heinrich von
Osterreich, den jüngsten Halbbruder König Konrads: wieder
einmal sollte eine Verschwägerung die alten Gegensätze der Ge—
schlechter der Staufer und Welfen ausgleichen. Noch in Frank—
furt wurde vierzehn Tage lang die Hochzeit gefeiert. Heinrich
der Löwe aber ward Herzog von Sachsen, während Baiern, auf
das er verzichtete, später (1148) an Heinrich von Ästerreich fiel—
Die Lösung hätte vielleicht genügt, wäre Konrad im stande
gewesen, jeden unmittelbaren Widerspruch dagegen niederzu—
schlagen. Davon war aber nicht die Rede. Der süddeutsche
Graf Welf, Oheim Heinrichs des Löwen, erhob alsbald An—
sprüche auf Baiern, trotz des Verzichtes seines Neffen; der
staufische Vollbruder des Königs, Friedrich von Schwaben, und
        <pb n="415" />
        Sieg der kirchlichen Ideen über Papsttum u. Kaisertum zugleich. 401

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der
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1

aoch mehr dessen Sohn Friedrich, der spätere Kaiser, waren
empört über die Bevorzugung des österreichischen Halbbruders
Heinrich. Untereinander verschwägert, erhoben beide Parteien
Einspruch gegen die Vergabung Baierns an Heinrich, und König
Konrad gelang es nicht, sie auf die Dauer zu beschwichtigen.
Dazu kamen Unruhen in andern Teilen des Reiches. In
Sachsen zeigte der junge Heinrich der Löwe überraschend früh
Spuren bedenklicher Selbständigkeit; nach dem Tode seiner
Mutter Gertrud (18. April 1148) fühlte er sich dem König
kaum noch verpflichtet. Niederlothringen, schon unter Hein—
rich V., noch mehr seit Lothar dem Reiche entfremdet, kümmerte
sich selten um den König, obwohl gerade die weltlichen Großen
Lothringens Konrad zuerst anerkannt hatten. Am Oberrhein
wie in Burgund griff Konrad ohne besondere Erfolge ein; bald
war er machtlos; das bedeutende Geschlecht der Zähringer
lehnte sich an die Welfen an; im Jahre 1148 heiratete schließ⸗
lich Heinrich der Löwe Clementia, die Tochter des Zähringers
Konrad. Und neben alledem riß den König seine enge Ver—
bindung mit den österreichischen Fürsten auch noch hinein in
die böhmischen, polnischen und ungarischen Wirren, wobei es
selbstverständlich war, daß er mit seinen geringen Kräften die
Ehre des Reiches nicht zu wahren verstand.
Das alles rief in Deutschland ein allgemeines Gefühl des
Unbehagens hervor. Zufrieden war nur, wer die königliche
Gewalt haßte oder mißbrauchte. Unbehelligt kamen und gingen
die päpstlichen Legaten“; die Fürsten folgten ihren territorialen
Gelüsten; die Ministerialen, die alten Schützlinge der salischen
Dynastie, erhoben jetzt kühner ihr Haupt, und die niedern
Volksklassen verhöhnten den König. In seinen Fundamenten
schien das Reich zu wanken.
Da nahte befreiend, wenn auch unter einen höheren Ge—
danken beugend, Königtum und Papsttum gemeinsam erfassend
und dem gleichen Zwecke unterordnend: der zweite Kreuzzug.
Die Eroberung Jerusalems, die Begründung lateinischer

1 S. Hauck IV 160 ff. Vgl. schon Meyer v. Knonau IV (1908) S. 67.
Kamprecht, Deutiche Geschichte II. 26
        <pb n="416" />
        102 Siebentes Buch. Drittes Kapitel.

Herrschaften im Orient während des ersten Kreuzzuges waren die
größten Siege der romanischen Kirchenidee und des Papsttums
gewesen: in diesen Unternehmungen war die lang gepflegte Askese
aktiv geworden; in den Entbehrungen gewappneter Pilgerfahrt
hatten Hunderttausende die Vereinigung mönchischer Weltflucht
und laienhaften Heldendranges entdeckt. Und noch mehr als eine
Generation hindurch blühten die neubegründeten Staaten des
Orients. Hierher flutete ein unablässiger Auswandererstrom;
nicht um abendländische Herrschaft, um abendländische Kolonieen
fing es an sich zu handeln.
Indes, der Verfall alter Sitte und Treue, eine unerhörte
Verschwendungssucht, eine immer größere Uneinigkeit zwischen
den führenden Mächten zerstörten die rasch entfaltete Blüte der
lateinischen Herrschaften; schon unter Fulco von Anjou, dem
dritten Könige von Jerusalem, noch mehr unter der Regierung
seiner Witwe Melisende begann der Rückgang. Er fiel um so
mehr auf, als gleichzeitig der Islam wie Byzanz aus einer Zeit
tiefen Verfalles erwachten. Die griechische Macht begann seit
den dreißiger Jahren des 12. Jahrhunderts Ansprüche gegen
die lateinische Christenheit Syriens zu erheben; im Jahre 1137
machte sie Antiochia lehnsrührig. Im Osten der Kreuzzugs—
staaten aber begründete Imad-ed-Din Zenki, seit 1127 Statt—
halter Mosuls, die Macht dieses Sultanates von neuem; schon
1128 eroberte er Aleppo; um 1130 besaß er bereits starken
Einfluß bis nach Damaskus; 1136 schwärmten seine Scharen
durch das antiochenische Gebiet; 1137 schlug er den König von
Jerusalem; im Dezember 1144 eroberte er Edessa. Es war
die That, die seine Fortschritte krönte: nun erschien die volle
Vertreibung der Christen aus dem Orient möglich.
Während die islamitische Welt aufjauchzte, richteten die
Christen flehentliche Briefe ins Abendland, an den Papst. Der
Papst, des französischen Charakters des ersten Kreuzzuges ein—
gedenk, zudem eben damals die Hilfe des deutschen Königs
Konrad gegen Roger von Sizilien erhoffend, ersuchte darauf am
1. Dezember 1145 König Ludwig von Frankreich, seine Großen
und sein Volk um Hilfe. Seine Bitte fiel auf günstigen
        <pb n="417" />
        Sieg der kirchlichen Ideen über Papsttum u. Kaisertum zugleich. 403
Boden; schon Weihnacht 1145 erklärte König Ludwig die Ab—
sicht der Kreuzfahrt.
Doch in die Massen drang der Gedanke erst, als sich der
heilige Bernhard, vom Papste beauftragt, seiner annahm. Mit
dem ganzen Feuer seines Wesens trat er auf; auf der Oster—
synode des Jahres 1146 zu Veézelay bei Nevers wußte er aller
Sinn zur heiligen Fahrt hinzureißen; seinem Volke vorweg
heftete sich König Ludwig jetzt sichtbar das Kreuz an.
Inzwischen hatte die französische Bewegung seltsame
Strömungen nach Deutschland getrieben. Rudolf, ein weg—
gelaufener Mönch aus dem Kloster des heiligen Bernhard, predigte
zunächst in Lothringen die Kreuzfahrt, zugleich aber forderte er
zum Judenmord auf; und wie im Jahre 1096 so sprang auch
diesmal die reine Flamme religiöser Begeisterung verheerend
über auf die unglücklichen Häupter des Volkes Israel. Diese
Wendung empörte den heiligen Bernhard. Sofort richtete er
ein Manifest an den Erzbischof von Mainz; dann folgte er
selbst seinen Worten über die Grenze. In Mainz beseitigte er
Rudolf, und über ihn weg erhob er nunmehr seine begeisterte
Stimme zur Rettung der Stätten des Heilands. Sie hatte
unglaublichen Erfolg. Niemand verstand das Einzelwort des
Fremdsprachigen, aber jedermann ging die schmeichelnde und
zürnende, die leis bewegte und die zu Donnern schwellende
Sprache des zerfasteten Propheten durchs Herz. Man drängte
sich zur Kreuznahme, man drängte sich noch mehr zum Abte
selbst: schon galt er als Heiliger, als Wunderthäter. Da
glaubte man Blinde sehend, Stumme redeten, Lahme warfen
die Stützen ihrer Schwäche von sich und wandelten lobsingend;
ein Zeitalter der Lösung alles Gebrestes schien erstanden.
Während aber das Volk ihm zujauchzte, vollbrachte der
Abt das Wunder aller Wunder, wie er selbst es nannte, die
Bekehrung König Konrads zum Kreuzzug.
Vergebens hatte Bernard den König zu Speier am Weih—
nachtstage des Jahres 1146 zur frommen Fahrt gemahnt: der
Sinn des Königs stand nach Italien; dem Kampfe gegen Roger,
der Befreiung des Papstes sollte seine nächste Zukunft gehören.
26*
        <pb n="418" />
        *94

Siebentes Buch. Drittes Kapitel.

Da, am 27. Dezember, in der Messe zu Johannes des Evan—
gelisten Minne, während der König ahnungslos der stillen Feier
beiwohnte, erhob sich Bernhard des Geistes voll und von Gottes
Stimme getrieben!. Er redete zum König von der Fahrt, die
seine Seele thun werde nach seinem Tode durch die Schrecken
der Finsternis, vom Richtstuhl Christi und von der Stimme,
die da spricht: „Mensch, habe ich nicht alles für dich gethan,
dessen du bedurftest?“ Und dann redete er von dem Guten,
das dem König allzeit geschehen, und er sprach von seines
Leibes Gesundheit und von seines Geistes Kraft und von
seinem Reiche und seiner Macht. Da stürzten dem König
Thränen aus den Augen; „nicht undankbar will ich erfunden
werden,“ rief er aus, „dem Herrn will ich dienen, da er mich
ruft.“ Und alsbald weihte er sich der heiligen Reise übers
Meer und empfing unter dem tausendstimmigen Rufe der
Gläubigen die Fahne des Altars aus der geweihten Hand des
Abtes von Clairvaux.
Es war der größte Tag in dem an Wundern überreichen
Leben Bernhards; er drückte das Siegel auf die Predigt des
zweiten Kreuzzugs. Der Papst freilich war mit nichten erbaut
davon, daß Bernhard den deutschen König so hart mit seiner
süßen Lehre gemahnt hatte; er warf ihm vor, daß er das Kreuz
ohne päpstliche Erlaubnis genommen habe, und mußte von dessen
Einfalt die Gegenrede hören, der heilige Geist selbst habe ihn
berufen und ihm zum Einholen päpstlichen Rates keine Zeit
gelassen. Die Kreuzfahrer aber fragten nichts nach den Kümmer—
nissen des Papstes; gleichgültig gegen Papismus und Nicht—
papismus brauste ihre Begeisterung über die Kurie dahin, wie
sie ähnlich einstmals über Kaiser Heinrich erbraust war.
In Deutschland kam auf einem Reichstag zu Frankfurt
ein allgemeiner Reichsfriede zu stande; Heinrich der Löwe
wurde mit seinen bairischen Ansprüchen auf die Zeit nach der
Fahrt vertröstet. Heinrich, Konrads zehnjähriger Sohn, ward
zum König gewählt; Konrads Freund, Wibald von Stablo,

8S. Bernardi Vita Prima VI 4, 15 bei Migne, Patrologia
Latina 185 S. 382 A.
        <pb n="419" />
        Sieg der kirchlichen Ideen über Papsttum u. Kaisertum zugleich. 405

sollte ihn beschützen; schon rüstete man zum Auszug. Nach den
Ostertagen des Jahres 1147 brachen die Deutschen von Regens—
burg donauabwärts auf; ihnen folgten zu Pfingsten von Metz
aus die Franzosen und die in Krieges- und Friedenskultur
vielfach französisch gewöhnten Lothringer. Schar um Schar
wälzte sich so dem byzantinischen Osten zu, Ritter und
Fußknechte, ein endloser Troß von Dienern und Weibern,
Weiber selbst als Kriegerinnen rittlings zu Roß, und neben
den Megären des Kampfes die lebenslustigen Gemahlinnen
der französischen Großen, allen vorweg die schöne, sittenlose
Königin Eleonore von Frankreich.
Sie alle, an Kriegern wohl mindestens anderthalbhundert—
tausend, begrüßten nach mäßigen Mühen im Herbst 1147 die
Fluten des Bosporus. Kaiser Emanuel von Byzanz, ein kluger,
gesetzter Mann, hatte dem Nahen der Völkerwelle nicht ohne
Besorgnis entgegengesehen; er wußte wohl, daß den Franzosen
der Gedanke eines Zuges gegen Byzanz statt gegen Edessa nicht
völlig fern lag. So suchte er die Kreuzfahrer möglichst rasch
über den Bosporus zu setzen, auch die Deutschen, obwohl er
mit König Konrad verschwägert war.
Bereits Oktober 1147 befanden sich die Deutschen, noch
getrennt von den Franzosen, in Nicäa. Von hier aus führten
verschiedene Wege nach Syrien, der längste und für die Ver—
pflegung sicherste die Küste entlang, der kürzeste, aber beschwer—
lichste durch die felsstarrenden Hochebenen des Landes, durch
Unfruchtbarkeit und Entbehrung über Doryläum nach Iconium.
König Konrad sandte das niedere Fußvolk unter Otto von
Freising und dem Grafen Bernhard von Lavantthal längs der
Küste; er selbst mit dem Kern des Heeres brach am 15. Oktober
nach Iconium auf.
Furchtbar war das Geschick des Hauptheeres. Unter end⸗
losen Beschwerden zog man vorwärts, bis man am 26. Oktober
die Unmöglichkeit einsah, das Ziel zu erreichen. Die Gespenster
des Hungers umdrohten das Heer, die Pferde fielen, die Ritter
waren zum unbehilflichen Fußkampf verurteilt. Und schon
schwärmten leicht berittene Pfeilschützen des Sultans von
        <pb n="420" />
        106 Siebentes Buch. Drittes Kapitel.

Iconium lästigen Stechfliegen gleich um die matte Truppe.
Da löste sich im Rückmarsch die Ordnung; flüchtig, ohne be—
siegt zu sein, kehrte ein Zehntel der Deutschen nach Nicäa zurück;
der Mut der meisten war vernichtet, sie strebten der Heimat
zu. Es war ein schrecklicher, mit keinem erhebenden Moment
großen Unglückes ausgestatteter Untergang: und seine Zeugen
waren die Franzosen, deren frische Kraft soeben in Nicäa
anlangte.
König Konrad, selbst schwer verwundet, schloß sich ihnen
an; mitleidig übergab ihm König Ludwig den Befehl über
die deutschen Lothringer, die dem französischen Heereszuge ge—
folgt waren.
Nun hieß es von neuem vordringen. Man wählte den
Küstenweg; Weihnacht 1147 befand man sich in Ephesus. Hier
blieb König Konrad erkrankt zurück, um bald am griechischen
Hofe Genesung zu suchen; das Heer unter Ludwig zog weiter.
In den Pässen des Kadmosgebirges, die überschritten werden
mußten, wartete seiner der traurigste Anblick: hier war das
deutsche Fußvolk unter Otto von Freising und dem Grafen von
Lavantthal zersprengt worden; weite Strecken zeigten die
blutigen Spuren des Untergangs. Es waren Zeichen nahen
Kampfes auch für die Franzosen. Kaum waren sie in die
Pässe gedrungen, so wurden sie von türkischen Heerscharen
überfallen; es kam zu einem furchtbaren Kampfe, aus dem
König Ludwig nur mit Mühe sich selbst und einige Reste des
Heeres rettete (Januar 1148). Er floh zur Küste, und schiffte
sich mit dem besten Teile der noch Überlebenden nach Antiochia
ein: nicht mit rettendem Heere, mit pflegebedürftigem Gefolge
erschien er in den Staaten des heiligen Landes.
Sollten die Könige Deutschlands und Frankreichs nun
heimwärts ziehen, ein Spott der Gasse? König Ludwig sprach
es aus, daß Frankreich ihn niemals wiedersehen werde, er habe
zuvor seine Waffen siegreich zur Ehre Gottes geführt; und
König Konrad landete, wiederum gesundet, zur Osterzeit des
Jahres 1148 in Akkon und zog zu neuen Thaten in Jerusalem
ein. Hier verband er sich mit den Christen im Königreich
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        Sieg der kirchlichen Ideen über Papsttum u. Kaisertum zugleich. 407

Jerusalem, ging auf ihre Sonderinteressen ein und beschloß,
Damaskus zu erobern: Edessa, das ursprüngliche Ziel des
Zuges, war längst dem berechnenden Blicke entschwunden, und
von den Kreuzfahrern hat nicht einer seine Trümmer auch nur
von ferne erschaut.
Dem deutschen Kriegsplane schloß sich auch König Ludwig
an; er kam nach Palma bei Akkon, nachdem ihm der antioche—
nische Graf sein Weib verführt hatte.
Allein auch der Zug nach Damaskus scheiterte, obwohl
König Konrad in einem Kampfe vor der Stadt Wunder der
Tapferkeit that: er scheiterte nicht an der Ungunst des Landes,
nicht an verkehrter Führung des Heeres oder mißtrauischer Ab—
gunst des griechischen Kaisers: er scheiterte am Verrat der mit
den Moslemin verbundenen lateinischen Christen. Das un—
würdige Schauspiel wiederholte sich bei einem weiteren Unter—
nehmen, bei der Belagerung von Askalon: es war klar, daß
den Orient die Anwesenheit beider Könige verdroß. Die
Könige aber überkam Verachtung und Ekel; Ludwig verließ
Ostern 1149 die syrische Küste; schon im Herbst 1148 hatte
sich Konrad heimwärts gewandt.

9

Der zweite Kreuzzug in seiner Einleitung war zweifelsohne
das äußere Zeichen einer Niederlage des Papsttums und der
hierarchischen Partei gewesen. Er bezeichnete aber nicht minder,
auch ohne Rücksicht auf seinen Ausgang, eine Niederlage des
deutschen Königtums. Konrad hatte sich völlig gebeugt vor dem
begeisternden Zuruf der romanischen Partei Bernhards; als
Knecht jenes kirchlichen Gedankens, der das Papsttum über—
wunden, hatte er sich dem Kreuzzug verschrieben.
Diese Haltung des Königs ist schon von politisch denkenden
Zeitgenossen, z. B. vom Bruder des Königs, Friedrich von
Schwaben, getadelt worden. In dem Augenblicke, wo der Zwie—
spalt zwischen Eugen III. und Bernhard, zwischen hierarchischem
Papsttum und neuen Reformgedanken zu Tage trat, war der
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        108 Siebentes Buch. Drittes Kapitel.

Platz des deutschen Königs in Deutschland: hier hatte er seine
Stellung offen zu halten, um je nach Umständen den hierar—
chischen Selbständigkeitsgelüsten der deutschen Bischöfe entgegen—
zutreten.
Jetzt, nach völligem Scheitern des Kreuzzugs, trugen die
Dinge wieder ein andres Antlitz. Wie hatte doch der heilige
Bernhard die Völker des Abendlandes zur heiligen Fahrt gemahnt,
mit welchen Weissagungen unerhörter Erfolge hatte er ihre
Einbildungskraft gekitzelt: und nun dies Ende! Niemals haben
er und seine Partei sich von den Schlägen dieses Umschwungs
erholt; die Zeit der politischen Bedeutung des Reformgedankens
war vorüber.
Diese Lage mußte ohne weiteres dem Papsttum zu gute
kommen. Damit traten denn die italienischen Fragen wieder
in den Vordergrund, und namentlich König Konrad hatte nach
seiner Heimkehr wiederum da anzuknüpfen, wo er bei seinem
Ausscheiden aus der europäischen Welt die politische Kon—
—0
griffes in Italien. Aus dem Kreuzzuge kam er thatenlustig
zurück. Von seinen kirchlichen Ratgebern suchte er sich mehr
und mehr zu befreien.
Aber wie sehr hatten sich die Umstände zu seinen Ungunsten
verändert!
Seit dem Friedensschlusse des Jahres 11391 zwischen Roger
und Innocenz II. beherrschte Roger als ein erster moderner
König der Monarchia Sicula? ganz Unteritalien, beherrschte
er auch den Papst. Es waren für das Reich unerträgliche
Zustände: schon 1140 hatte darum Konrad Roger zu demütigen
getrachtet: er hatte zu diesem Zwecke bereits 1142 Anknüpfungen
gesucht bei Byzanz und dem durch sizilianische Piraterie schwer
geschädigten Venedig: und die Päpste hatten ihn zu diesem
Thun um so mehr ermutigt, als sich während der Regierungs—
zeit des Papstes Lucius II. (gestorben 15. Februar 1145) zu

S. oben S. 398.
2 Jastrow-Winter, Deutsche Gesch. unter d. Hohenstaufen J (1897)
S. 800 ff.
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        Sieg der kirchlichen Ideen über Papsttum u. Kaisertum zugleich. 409

Rom eine Art von Republik entwickelt hatte, die die Päpste zu
politischen Fremdlingen in der ewigen Stadt herabdrückte.
Das waren die Verbindungen und Motive gewesen, denen König
Konrad vor dem Hereinbrechen des Kreuzzuges die Absicht eines
Zuges gegen Roger entnommen hatte.
Vermochte er nun, als er nach dem Kreuzzuge Anfang 1149
in Aquileja landete, an diese Verhältnisse noch anzuknüpfen?
Roger hatte die Lage des verwaisten Abendlandes inzwischen
trefflich genützt. Von vornherein hatte er die Franzosen auf
seine Seite zu ziehen gesucht; er hatte ihnen für den Kreuzzug
den Weg über Sizilien vorgeschlagen; im Falle französischer
Zustimmung würden die Kreuzfahrer schwerlich in Palästina,
wahrscheinlich vor Byzanz zum Kampfe gelandet sein. Als
dann die Franzosen den Weg durch Deutschland und die Balkan—
länder gewählt hatten, war Roger allein gegen das Griechen—
reich aufgebrochen: er nahm nun Korfu, eroberte Theben und
Korinth, drang bis Malvasia und Negroponte vor: der alt—⸗
griechische Teil des Reiches schien ihm dauernd anheimgefallen.
War diese Politik geeignet gewesen, das deutsche Reich und
Byzanz in gemeinsamer Gegnerschaft gegen Roger immer mehr
zu einen, so wußte Roger in der Zeit der Überfahrt Konrads
nach Italien die entscheidenden italischen und westlichen Mächte
für sich zu gewinnen.
Papst Eugen III., der Nachfolger Lucius II., hatte während
des Kreuzzuges der römischen Republik weichen müssen und war
nach Frankreich und später nach Deutschland gezogen. Darauf
hatten sich die Römer ein geistiges Haupt gegeben, das zehn
Päpste vom Schlage Eugens aufwog: Arnold von Brescia.
Er ergänzte die politische Revolution in Rom durch eine kirch—
liche, die bei dem Armutsideal Arnolds sich vor allem gegen
das Papsttum als die monarchische Spitze der Kirche, seinen
Pomp und seine Einnahmen richtete. Unter diesen Umständen
lag es dem Papst ob, seine Rückkehr nach Rom zu bewerk—
stelligen. Vom deutschen König, dem Vogt der Kirche, in den
Kreuzzugsjahren verlassen, rüstete er ein eignes Heer: es richtete
wenig aus. Da stießen sizilische Kriegsscharen zu den päpst—
26 **
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        410 Siebentes Buch. Drittes Kapitel.

lichen Truppen in dem Augenblick, da man die Rückkehr König
Konrads erwartete: Roger versuchte, den Papst nach Rom zu
führen.
Konnte sich da Konrad päpstlicher Hilfe gegen den Sizi—
lianer getrösten? — Und schon ward er auch von andrer Seite
her aufs eigenartigste bedroht.
Roger hatte die Franzosen gegen ihn gewonnen. Das leb—
hafte französische Temperament gestattete dem König Ludwig und
seiner Umgebung, für das Unglück des Kreuzzuges vor allem
den griechischen Kaiser verantwortlich zu machen — den Ver—
bündeten Konrads. Es war eine Stimmung, die Roger eifrig
schürte; durch die sizilianischen Staaten kehrte König Ludwig
nach Frankreich zurück; bald erging er sich in offener Miß—
stimmung gegen die deutschen Genossen der unglücklichen Fahrt
und ihren König.
So stand bei einem Angriffe auf Roger die Feindschaft
des Papstes und Frankreichs und nur die stets als schwächlich
erprobte Hilfe von Byzanz zu erwarten: Konrad zog über die
Alpen heimwärts; die Hoffnungen seiner italienischen Politik
waren gescheitert; nicht bloß Unteritalien, auch Mittel- und
Oberitalien waren für ihn verloren.
In Deutschland aber stand es nicht besser. Die Kreuzfahrt
hatte hier den weitverbreiteten Geist des Mißmutes und der
Empörung in ihren Anfängen wohl darniedergeschlagen. Aber
bald erhoben sich die alten Stimmungen von neuem; das Reichs—
regiment konnte sich kaum noch halten; und die Kurie rechnete
es sich später, freilich anscheinend mit Unrecht, zum Verdienste
an, daß sie die Drohungen eines allgemeinen Aufstandes während
der Abwesenheit Konrads vereitelt habe.
Verzweifelt aber erschien die Lage von neuem in dem
Augenblick, da Welf, der Führer der oberdeutschen Linie der
Welfen, vorzeitig vom Kreuzzuge heimkehrte und Geldmittel,
die er Roger verdankte, zur Erregung eines Aufstandes benutzte.
Nun gelang es allerdings Konrad, nachdem er die Alpen über—
schritten hatte, diese oberdeutsche Empörung zu dämpfen und
mit Welf ein gütliches Abkommen zu treffen. Indes alsbald
        <pb n="425" />
        Sieg der kirchlichen Ideen über Papsttum u. Kaisertum zugleich. 411

erhob Heinrich der Löwe, der norddeutsche Welf, alte Ansprüche
auf Baiern; von neuem begann der Kampf mit der welfischen
Hydra.
Da ist König Konrad am 15. Februar 1152 zu Bamberg
gestorben.
Das deutsche Königtum stand jetzt unzweifelhaft an einem
Scheideweg seiner Geschicke. Indem es sich dem religiösen Ge—
danken des zweiten Kreuzzuges unterworfen hatte, hatte es den
Rest seiner Kräfte in unglücklichen Unternehmungen der Ferne
vergeudet, Italien verloren und die Heimat zum Schauplatz
fürstlicher Umtriebe herabgewürdigt. Eine Anderung dieser
Lage schien nur denkbar bei starker Emanzipation des Staates
und des Volkes vom religiösen Gedanken. Und schon mehrten
sich die Anzeichen einer solchen Wendung. Der Kampf mit dem
Papsttum war einstweilen ausgekämpft, die Kurie besaß keine
führende Stellung mehr in der Entwickelung der religiösen
Strömungen des Abendlandes, und ihre politische Bedeutung
war erschüttert. So störte keine äußere Einmischung den Vor—
gang einer tiefen Wandlung des Volkes. Ausgehend von ge—
waltigen materiellen und sozialen Revolutionen entstand ein
neues Zeitalter nationalen Geisteslebens, dessen Charakter nicht
mehr in erster Linie abhängig war von neuen Entwickelungen
christlicher Frömmigkeit, sondern einen laienhaften Zug trug.
Dies Zeitalter kommt empor und steht in seinen Anfangs—
erscheinungen sichtlich gefestet da um die Mitte des 12. Jahr—
hunderts; und sein erster Held ist der zweite Staufer auf
deutschem Throne, Friedrich der Rotbart.
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        Pterersche Hofbuchdruckerei Stephan Geibel &amp;amp; Co. in Altenburg.
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—V —

inrich IV.; Königtum und Papsttum im Kampfe. 335

e die Beredungen der Fürsten mit dem fränkischen
d während der Goslarer Verhandlungen siegten ihre
Lachen Instinkte. Noch während der Beratungen ver—⸗
zusammengeströmte Menge drohend die augenblickliche
aller königlichen Burgen im Lande. Der König
zeben; die Verhandlungen wurden abgebrochen; Hein⸗
sich von Sachsen nach Worms an den Rhein.
un brach das Sachsenvolk los; in furchtbarem Grimm
es die vermeintlichen Zwingstätten: da sollte kein
dem andern bleiben: überall sah man Greuel der
Aber Schlimmeres geschah auf der Harzburg, dem
e des Königs. Die Burg ward zerrissen: das war
Dann aber stürzte Bauernpöbel auf die Kirche der
rach unter ihren fallenden Trümmern die königliche
sie barg, und zerstreute die Asche eines Bruders und
eborenen Sohnes König Heinrichs in alle Winde.
rste Abschnitt des sächsischen Aufstandes schloß mit
ileg gegen die Kirche und gegen das Herz des Königs:
1 Beginnen Gutes entsprießen?

5

172

II.

chen hatte das Schifflein Petri in Italien unter
ten Führung Hildebrands immer höhere See und
Fahrt gewonnen.
erließen die römischen Dinge im Jahre 1064, mit
il von Mantua, auf dem das Reformpapsttum den
mn Sieg über das deutsche Königtum und die deutsche
inn!. In den darauf folgenden Jahren wußte das
n Italien vor allem die Normannen an sich zu fesseln.
n der Kurie kam hier der natürliche Zug der Dinge
Nachdem die griechische Herrschaft in Unteritalien fast
var, handelte es sich für die Normannen im wesent—
driege mit den Sarazenen. Die konnten nicht besser

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en S. 323.

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