Zweites Kapitel. Enkwickelung und Wesen der ritterlichen Gelsellschaft. Wie weit waren doch unter den Kämpfen der ersten Staufer die Probleme und Stöße des politischen Lebens der salischen Zeit zurückgetreten! Wer fragte jetzt noch viel nach dem Ver⸗ hältnis von Regnum und Sacerdotium in jener Form, wie diese Frage sechs Generationen der Kaiserzeit beherrscht hatte! Die emporkeimende christlich-abendländische Weltanschau— ung und Frömmigkeit des 10. Jahrhunderts hatte die ersten Umwälzungen unter Gregor VII., die neue, frühmystische Frömmigkeit eines Bernard von Clairvaur die staatlich— kirchlichen Kämpfe der ersten Hälfte des 12. Jahrhunderts her— vorgerufen. Jetzt war man in Deutschland dieser Dinge müde; die Folge zweier kräftiger Herrscher hatte das Denken der Nation auf wesentlich weltliche Aufgaben abgelenkt; und vor— nehmlich nur noch in Italien sollte ein erneuter Aufschwung des religiösen Lebens zu der letzten und höchsten Stufe mittelalter⸗ licher Frömmigkeit führen, wie sie sich in den Bettelorden des 13. Jahrhunderts verkörpert, aber freilich in deren glänzendstem Führer, im heiligen Franz von Assisi, und seinen geistigen Nachfolgern schon über das mittelalterliche Fühlen hinaussührt auf den Entdeckungsweg des individualen Menschen, in das Anfangsgebiet der humanistischen Renaissance.